Freude in den Leiden
Autor: Geyer, Karl | Kategorie(n): Gemeinde, Heiligung, Hingabe, Lehre | 416 x gelesen“Nun freue ich mich in den Leiden …” (Kol. 1, 24)
Der Glaubende kann zum Leiden eine dreifache Stellung einnehmen, je nach dem Grad seines Wachstums und seiner geistlichen Reife:
- die Stellung der Leidensscheu (fleischlich-widerstrebend),
- die Stellung des passiven Erduldens (seelisch-erleidend),
- die Stellung des positiven Leidensbegehrens (geistlich-bejahend).
Das Fleisch ist leidensscheu. Der noch fleischlich gesinnte Gläubige (und das sind wir am Anfang alle!) geht dem Leiden aus dem Wege, und wo er das nicht kann, sucht er es auf die schnellste Weise wieder loszuwerden. Die Gesundbeterbewegungen aller Erdteile, vom heidnischen Zauberer bis zur Christlichen Wissenschaft, sind Beweis genug dafür.
Die Leidensscheu des Fleisches hat einen doppelten Grund. Zunächst einmal einen äußeren. Das Fleisch ist ja schwach und kann daher wenig ertragen. Jeder Schmerz und jedes Leid hemmen das Fleisch in seiner Daseinsfreude. Denn das Fleisch wird von der Lust gehetzt und getrieben und sucht immerdar einen Lustgewinn auf irgendeinem Lebensgebiet und geht allem aus dem Wege, was ihm diesen Lustgewinn verkürzen könnte. Darum ist dem Fleisch das Leiden unangenehm, ja widernatürlich, denn es entspricht nicht seiner Gesinnung und Denkweise. Es geht ihm gegen die Natur, gegen seine ichsüchtigen Interessen. — Dann aber wohnt im Fleische die Sünde. Jede Hemmung des Fleisches durch das Leiden entzieht der Sünde ein Stück ihres Nährbodens. Denn das Fleisch ist der Nährboden der Sünde. Leiden aber tötet das Fleisch ab. Wenn man Milch kocht, tötet man die Gärungsbakterien; und wenn man Fleisch kocht oder brät, tötet man die Fäulnisbakterien. Und wer im Fleische leidet, steht ab von der Sünde (1. Petr. 4, 1). Die Sünde braucht das Fleisch als Nährboden. Ohne Fleisch hat sie keine Existenzgrundlage mehr im Menschen. Sie kämpft daher um ihre eigene Entfaltungsmöglichkeit, wenn sie das Fleisch anreizt, allem Leiden aus dem Wege zu gehen.
Das Fleisch aber, das von sich aus leidensscheu ist, hört es nur allzugern, daß ihm jemand in diesem Verhalten recht gibt. Dieser Jemand ist die Sünde. Ihre Interessengemeinschaft geht beiderseits eindeutig gegen die Verkürzung ihrer Lebensmöglichkeiten durch das Leid. Darum ist der Fleischesmensch immer ein Feind der Leiden, und auch der fleischlich gesinnte Gläubige ist es im Anfang seines Glaubenslebens immer noch. Er trägt ja das leidensscheue Fleisch noch an sich. Wohl hat er die Erneuerung im Geiste erfahren. Der Leib aber ist noch tot der Sünde wegen (Röm. 8, 10). Als Kindlein in Christo, denen die Sünden vergeben sind, können wir trotz aller Gnadengaben (1. Kor. 1, 4-7) noch sehr fleischlich sein (1. Kor. 3, 1-3). Da behauptet man sich und sein Recht und sucht jede Einengung und Verkürzung seiner Interessen abzuschütteln (vergl. 1. Kor. 1, 11; 3, 3.4; 6, 1-8 u. a.).
Bei fortschreitendem Wachstum aus der Stufe des Kindleins heraus in das Jünglingsalter des Glaubens hinein schämen wir uns allmählich der Wehleidigkeit und Empfindlichkeit und erkennen, daß das fleischliche Widerstreben gegen alle Leidensproben ein bedenklicher Mangel an Vertrauen gegen Gottes richtige Führung unseres Lebens ist. Deshalb beugen wir uns unter das Leid und nehmen es als göttliche Notwendigkeit hin. Aber wir empfinden es auf dieser Stufe meist nur als Zucht im Sinne von Strafe für unser falsches Verhalten und nehmen es hin, wie ein halbreifer, aber erziehungswilliger junger Mensch irgendeine erzieherische unangenehme Maßnahme hinnimmt.
Wohl ist es ein großer Fortschritt auf dem Weg zur geistlichen Reife, nicht mehr gegen das Leid zu opponieren, zu widerstreben, sondern es als eine göttlich-geistige Notwendigkeit hinzunehmen. Aber Einsicht in das innerste Wesen des Leidens ist das noch nicht. Seelisches Gebeugtsein ist nicht Endziel der Erziehung durch die Gnade und durch das Evangelium. Denn Evangelium ist Freudenbotschaft, ist Frohbotschaft, aber keine Drohbotschaft.
Das seelische Sichbeugen unter das Leid ist noch wesentlich ichgebunden. Hand in Hand damit geht meist ein Sichselbstbemitleiden, das oft geradezu krankhafte Formen annehmen kann. Wer in den Kreisen der Kinder Gottes Erfahrungen in Seelsorge machen durfte, weiß, daß es ungezählte wahre Gläubige gibt, die unter Depressionen und Schwermut leiden. Dies ist zunächst gar kein Vorwurf, denn wir alle gehen durch diese Stufe hindurch, und kein Geringerer als unser Bruder Paulus schrieb ja die Worte: “Die Drangsale waren so groß, daß wir am Leben verzweifelten.” — Aber Lösung und Endziel ist diese Stufe nicht. Sie kann es noch nicht sein, weil sie das Positive des Leidens noch nicht erfaßt. In Christus aber ist alles lauter “Ja”. Auch das Leid! Ehe wir dieses “Ja” zum Leiden gefunden haben, sind wir noch nicht durch Leiden vollkommen gemacht, wie Er es nach dem Willen des Vaters wurde.
Um jene heilige Leidensfreude zu erzeugen, bedarf es der Einsicht in den Heilsplan Gottes und der Erkenntnis Seines ganzen Liebesratschlusses. Wenn der Geist der Hüllenhinwegnahme, der Geist der Offenbarung die Decke wegnimmt, die uns die letzten Fernziele Gottes verhüllt, wird alles Leiden so klein gegenüber der Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll, daß es uns nicht mehr wert genug erscheint, überhaupt mit der zukünftigen Herrlichkeit verglichen zu werden (Röm. 8, 18). Diese große, vor uns liegende Hoffnung und Herrlichkeit gibt uns eine solche Kraft, daß wir nicht ermüden und ermatten, und gegenüber dem überschwenglichen ewigen Gewicht der Herrlichkeit alle Leiden und Drangsale als etwas schnell vorübergehendes Leichtes empfinden (vergl. 2. Kor. 3, 18 mit 4, 1 und 4, 16-18).
So hat auch der Sohn Gottes für die vor Ihm liegende Freude die Schande des Kreuzes für nichts geachtet (Hebr. 12, 2; Elberf. Übers. u. a.).
Der Vater aber, um deswillen das All ist, hielt diesen Weg für den Ihm selbst geziemenden (Hebr. 2, 10). Es kam Ihm zu, indem Er viele Söhne zur Herrlichkeit brachte, den Urheber ihres Heils durch Leiden vollkommen zu machen. Diesen Ihm selbst geziemenden Vorsatz hat Gott auch erfüllt (Apg. 3, 18).
Die Lösung vom Fleische gleicht einer schmerzvollen Geburt, der die Wehen des Todes vorausgehen; und diese Wehen müssen durchlebt und ausgehalten werden. Jede Versuchung führt uns in einen Sterbensprozeß hinein, der jedesmal aufs neue durchgestanden werden muß in einem täglichen Sterben (1. Kor. 15, 31).
“Weil nun die Kinder Fleisches und Blutes teilhaftig sind, hat auch Christus in gleicher Weise an denselben teilgenommen, auf daß Er durch den Tod den zunichte machte, der die Macht des Todes hat, das ist der Teufel, und alle die befreite, welche durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren” (Hebr. 2, 14.15).
Er mußte Mensch werden, um im Fleische leiden zu können; denn unter den drei Arten von Geschöpfen ist der Mensch die einzige, die beide Seiten der Schöpfung an sich trägt. Die Engel sind dienstbare Geister. Die Tiere sind triebhaftes Fleisch. Der Mensch allein hat beides: Geist wie die Geisterwelt und Fleisch wie die Tierwelt. Er trägt in sich die Spannung zwischen beiden Welten, der sichtbaren und der unsichtbaren Welt, der Welt des Geistes und der Welt des Stoffes. Diese Spannung kann von einem Engel oder einem Tier nicht empfunden werden, weil diese Wesen nur eine Seite des Kosmos in sich tragen. Christus nahm daher nicht die Natur der Engel an, sondern Er, der Herr, der der Geist ist, wurde Mensch mit Fleisch und Blut (vergl. 2. Kor. 3, 17 mit Hebr. 2, 14-16 und beachte besonders Vers 16! Lies in diesem Zusammenhang Hebr. 2, 5-10 und Röm. 8, 18-23).
Die Leiden der Gesamtschöpfung können nur von einem Wesen empfunden und gelöst werden, das beide Naturen an und in sich trägt. Und das ist der Mensch!
Mensch sein heißt: Kämpfer sein in den Leiden des Kosmos, heißt aber auch: der von Gott gesetzte und von der Schöpfung erwartete Löser und Herr werden.
Nur ein Wesen, das versucht, geprüft und erprobt ist in allem, kann alle verstehen und vermag denen zu helfen, die versucht werden. Das gilt zunächst für den Herrn selbst, den Erstgeborenen der Brüder (Hebr. 2, 17.18; 4, 14; 2, 10); dann aber auch für die Leibesgemeinde, die inmitten des Fleisches als Erstling den Geist trägt und daher auch der Hoffnungsträger der gesamten Schöpfung ist (Röm. 8, 18-23). Denn alles Fleisch soll das Heil Gottes sehen (Luk. 3, 6), und der Erstling, an dem dieses Heil offenbar wird, ist die Leibesgemeinde.
Wer in diese Dinge hineinschaut, fängt an zu begreifen, warum Paulus sich in den Leiden freut. Er weiß, daß das ganze All ins Leben gezeugt werden soll, und daß diese Zeugung und die damit verbundene Lösung aus allem Vergänglichen und aus allen Bindungen und Hemmungen des Fleisches, der Sünde und des Todes nur von solchen ausgeführt werden kann, die selbst alles im Fleische durchlitten und von allem gelöst wurden.
Daher beruft Gott zu diesem Dienst die Elendesten und Schwächsten und Gefährdetsten dem Fleische nach (1. Kor. 1, 26-29). Sie empfinden die Not des Fleisches am stärksten und können daher in ihrem priesterlichen Dienst am Evangelium bei der Lösung der gesamten Kreatur am innigsten und barmherzigsten mitfühlen. Die Zöllner und Huren gehen auf diesem Wege den Schriftgelehrten und Pharisäern voran in das Reich der Himmel.
Sie müssen aber auch, so wie der Erstgeborene in allem den Brüdern gleich wurde, in allem Ihm gleichgemacht werden. Daher will Paulus hineingestaltet werden in die Gleichheit Seiner Leiden und Seines Todes (Phil. 3, 10). Alles andere achtet er für Verlust, für Schaden und Kot. Und in dem allem ist er der Erstling auf der Linie der Leibesgemeinde und das Vorbild für alle anderen, die nach ihm auf dieser Linie laufen (1. Tim. 1, 11-17). Bei seiner Berufung wurde ihm, dem auserwählten Rüstzeug, als Wegweisung die Losung zuteil: “Ich will ihm zeigen, wie vieles er für meinen Namen leiden muß!” (Apg. 9, 16.) Und diese Verheißung hat ihm der Vater reichlich erfüllt, ja, völlig erfüllt! Paulus wurde am Ende aller seiner Leiden als Trankopfer gesprengt.
Von hier aus verstehen wir auch, warum Jakobus, der leibliche Bruder des Herrn, in Kap. 1, 2-4 seines Briefes schreibt: “Achtet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Versuchungen fallet, da ihr wisset, daß die Bewährung eures Glaubens Ausharren bewirkt. Das Ausharren aber habe ein vollkommenes Werk, auf daß ihr vollkommen und vollendet seid und in nichts Mangel habt.” Und in Vers 12 des gleichen Kapitels schreibt er: “Glückselig der Mann, der die Versuchung erduldet! Denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, welche Er denen verheißen hat, die Ihn lieben.”
Gekrönt wird nur das Leben, das sich in der Versuchung und in der Prüfung der Leiden bewährte und in ihnen bereit war, sich liebend zu vollenden im Opfer für die Brüder.
Freude im Leiden ist aber auch das einzige Zeugnis, durch das Gott vor der unsichtbaren Welt rein und makellos verherrlicht wird.
Solange wir im Leiden klagen, hat der Feind die Genugtuung, daß dem Geschöpf die Wege und Führungen Gottes unverständlich sind. Der Glaubende hat dann Röm. 8, 28 noch nicht begriffen und weiß noch nicht in wesenhafter Erkenntnis, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.
Selbst wenn wir danken für empfangene Wohltaten, ist dies noch kein Beweis für die Reinheit unserer Beweggründe und für unser Einverstandensein mit allen göttlichen Führungen, auch denen des Leidens. Vielmehr benutzt der Feind gerade die Darreichungen der Güte Gottes in unserem Leben, um uns vor Gott zu verdächtigen, daß unsere Frömmigkeit nur Berechnung sei, weil es den Frommen ja gut gehe, indem Gott die Frömmigkeit belohne.
So machte er es bei Hiob, der zu seiner Zeit der vollkommenste und rechtschaffenste und gottesfürchtigste Mensch auf Erden war (Hiob 1, 8). Als Gott in der Versammlung der Söhne Gottes (vergl. hierzu auch 1. Kön. 22, 19-22 und Sach. 3, 1-7) den Widerwirker, Satan, auf dieses erhabene Zeugnis aufmerksam macht, antwortet Satan: “Ist es umsonst, daß Hiob Gott fürchtet? — Hast Du nicht selbst ihn und sein Haus und alles, was er hat, ringsum eingezäunt? — Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitztum hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke einmal deine Hand aus und taste alles an, was er hat, ob er sich nicht offen von Dir lossagen wird!” (Hiob 1, 9-11.)
Satan stellt hier vor Gott und allen Engeln die Behauptung auf, der Mensch sei nur solange fromm, als Frömmigkeit belohnt werde. Er versachlicht die Frömmigkeit, d. h. er stellt sie als eine Sache hin, die in ihrem Vorhandensein davon abhängig sei, daß sie einen sachlichen bzw. materiellen Ertrag bringe. Wo dieser Ertrag fortfalle, verschwinde auch die Frömmigkeit. Der Mensch, dem man diesen Ertrag wegnehme, sage sich offen von Gott los.
In dieser Behauptung liegt für Gott und den Gläubigen die vom Satan gewollte lügnerische Beleidigung, daß Gott um Seiner selbst willen von niemand geliebt werde. Die Frommen seien nur Spekulanten auf göttliche Belohnung und Höchstgewinn und berechnende Nutznießer der Güte Gottes.
Wenn das wahr wäre, gäbe es im Menschen keinerlei persönliche Werte, sondern nur rein sachliche Beziehungen. Dies festzustellen, ist deshalb wichtig, weil diese satanische Behauptung die Grundlage der materialistischen Weltanschauung ist. Die Tendenz und das Endziel dieser satanischen Diplomatie aber ist das Antichristentum.
Weiter aber steckt dahinter die Verdächtigung Gottes, daß Er ohne Charakter sei. Denn Gott muß ja als der Allwissende diesen Zustand des Menschen kennen. Wenn Er trotzdem zuläßt, daß der Mensch nur aus Berechnung fromm ist und nur in Erwartung eines materiellen Erfolges sich Ihm naht, so wäre Gott ein armer Selbstbetrüger, der die fragwürdige Zuneigung Seiner Geschöpfe nur in Form von gekaufter Liebe genießen könnte. Damit fiele aber Gott unter das Urteil Seines eigenen Wortes in Hohelied 8, 7b: “Wenn ein Mann allen Reichtum seines Hauses um die Liebe geben wollte, so würde man ihn nur verachten.”
Liebe als Frucht des Geistes ist aber nur möglich zwischen Persönlichkeiten. Sie ist freiwillige Selbsthingabe, geboren aus dem Willen zur Gemeinschaft. Ihre Stärke ist nicht bedingt durch den Wert oder Unwert dessen, auf den sie hingeht. Gott liebte uns vielmehr schon zu der Zeit, als wir noch Feinde und Sünder waren.
Gott ist es Sich selbst schuldig, vor allen Wesen den Beweis zu erbringen, daß die Behauptung Satans, niemand liebe Ihn (Gott) um Seiner selbst willen, eine Lüge ist.
Dieser Beweis kann von beiden nur im Leiden erbracht werden. Gott erbrachte ihn, als Er um unseretwillen litt; denn Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit Sich selbst. Und wir dürfen den Beweis erbringen, indem wir um der Brüder willen leiden, wie Gott in Christo um unseretwillen litt. Dabei dürfen wir gerade dort, wo wir von unserer Frömmigkeit keinen Vorteil mehr haben, wo uns vielmehr alles genommen wird, Ihn verherrlichen, der uns alles nahm, und Ihn weiterlieben um Seiner selbst willen.
Gott erlaubte es daher dem Satan, Hiob zu erproben. Und Hiob bestand die Probe. Er bekannte, nachdem ihm alles genommen war: “Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen! Der Name des Herrn sei gepriesen!” (Hiob 1, 20-22).
Gott wurde rein erfunden, als Satan Ihn verdächtigen und richten wollte. Aber auch Hiobs Frömmigkeit war als rein erwiesen. Sein Lob Gottes aus der Tiefe des Leidens heraus hatte den Feind und Rachgierigen zum Schweigen gebracht (Psalm 8, 2; bei Luther: Vers 3).
Ähnliche Bekenntnisse in den Leiden erbrachten auch noch andere Glaubende: “Dennoch bleibe ich stets an Dir! Wenn mir auch Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.” — Auf derselben Linie liegt auch das Bekenntnis des Apostels Paulus: “Jetzt freue ich mich in den Leiden!”
Leiden ist der Hochadel wahren Glaubens und echter Frömmigkeit. Es ist ein besonderes Geschenk, das Gott nicht allen Glaubenden gibt, weil Er niemand über Vermögen versucht, prüft und erprobt. Bei vielen heißt es: “Ihr vermochtet es nicht und vermöget es auch jetzt noch nicht.” Etliche aber wurden und werden dieses Geschenkes gewürdigt. So ein Hiob, dann die Propheten (Jak. 5, 10.11; Hebr. 11, 32-38); weiterhin ein Paulus und alle Apostel, dann auch Timotheus und die Philipper (Phil. 1, 29.30), und auch die Märtyrer aller Zeiten.
Weil Leiden letzte Bewährung ermöglicht und in ihm allein sich die Reinheit des Glaubens und der Liebe zwischen Schöpfer und Geschöpf erweist, ist es der Hochadel der Sohnschaft. Durch den Glauben rechtfertigt das Geschöpf den Schöpfer und erkennt alle Seine Wege und Führungen als recht und gut und vollkommen und zweckmäßig und zielführend an. Und dies gerade dann und dort, wo äußerlich für das Fleisch das Gegenteil der Fall sein müßte: im Leiden. Deshalb ist Leiden die Bewährungsprobe des Glaubens. Und da Gott will, daß Seine Kinder als Söhne Gottes vollbewährt werden, um dadurch zum Vollmaß Seiner eigenen Herrlichkeit zu gelangen, will Er auch, daß sie diesen Weg letzter und höchster Bewährung durch die Tiefen des Leidens gehen. Und Er hat zu allen Zeiten solche gehabt, die diesen Weg bewußt und in völliger Bejahung gingen und Ihn dadurch vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt verherrlichten und rechtfertigten. Darum hat Er sie auch gerechtfertigt und ihnen ein weit über das Maß der allgemeinen Herrlichkeit hinausgehendes Übermaß an äonischer Herrlichkeit zugeteilt.
Christus, der Sohn der Liebe, war der Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut. Obwohl Er Sohn war, lernte Er an dem, was Er litt, den Gehorsam (Hebr. 5, 8). Er war als Lamm Gottes hierfür ausersehen vor Grundlegung der Welt, als der Vater in Ihm und mit Ihm den Vorsatz der Äonen faßte. Und was der Vater wollte, das tat Er. So litt Er nach dem Willen Gottes, weil Leiden der einzige Weg ist, der dem Vater zukommt und Ihm geziemt. Im Leiden wird der Beweis der Sohnschaft erbracht von seiten der Söhne. Gott erbringt dann seinerseits den Beweis, daß Christus und wir Seine Söhne sind, durch die Auferstehung (Röm. 1, 4; 2. Kor. 13, 4).
Wenn ein Glaubenskämpfer des Alten Bundes schon bekennt: “Zum Heile ward mir bitteres Leid” (Jes. 38, 17), wieviel mehr gilt dies als Weissagung für den Sohn der Liebe, dessen Geist ja in den Propheten war! Er brachte in Wahrheit und im Vollsinn durch Sein bitteres Leiden das Heil der Welt, und niemand kann in solchem Vollmaß sagen: “Zum Heile ward mir bitteres Leid” als nur Er. Und auch wir dürfen als Söhne Gottes in gleicher Weise für höchste Heilsziele leiden und dadurch selbst vollendet werden und andere zur Vollendung führen. Zwar leiden wir nicht als Sühnung und Lösegeld für die Sünde, sondern um der Gerechtigkeit willen. Den Heilsgrund legen konnte nur Er. Aber die Heilsvollendung vollführt Er mit den Leibesgliedern, und darum läßt Er sie an allem teilnehmen, was Er in Zukunft hinausführen will. Der Weg dazu geht durch das Mit-leiden.
Zu diesen Hochzielen der Liebe Gottes mit uns gehört es, daß der Christus alle Gottesverheißungen, die in Ihm “Ja” und “Amen” sind, ausführen läßt zum Lobe Gottes durch uns (2. Kor. 1, 20). Wir sollen ja Welt und Engel richten (1. Kor. 6, 2.3), das All ins Leben zeugen (1. Tim. 6, 13) und größere Werke tun, als der Sohn selbst sie tat (Joh. 14, 12).
Bevor wir hierzu fähig sind, müssen wir im Leiden den Beweis letzten und völligen Gehorsams erbringen. Gott läßt keinen Seiner Söhne die Hand an das Schaltwerk des Kosmos legen, der auch nur irgendwie eigenwillig ist. Eigenwille ist Abgötterei und Götzendienst, und Ungehorsam ist Zaubereisünde (1. Sam. 15, 23). Darum müssen wir als Söhne erweisen, daß wir nichts von uns selber tun können, sondern nur das tun, was wir den Vater tun sehen. Erst nach diesem Beweis vollkommenen Gehorsams werden wir vor dem Preisrichterstuhl, nachdem wir des Leibes Erlösung empfingen, jene letzten Vollmachten erhalten, durch die wir fortan in der vollen Freiheit der Herrlichkeit wirken können, ohne daß für Gott oder uns selbst die Gefahr bestünde, etwas anderes mehr tun zu wollen, als wir Ihn tun sehen.
Fassen wir zum Schluß noch einmal kurz die wesentlichen Seiten des Leidens zusammen:
- Leiden löst vom Fleische, d. h. von allen Bindungen, die mit unserer geschöpflichen Stellung zusammenhängen, insbesondere von der Bindung der Sünde.
- Leiden macht barmherzig und mitfühlend und befähigt uns so, einmal als Königspriester gottgemäß dienen zu können.
- Leiden macht bewährt und läßt uns den Nachweis erbringen, daß unser Glaube echt und zielstrebig ist.
- Leiden macht vollkommen, zu jedem guten Werke völlig geschickt.
- Leiden schafft ein gutes Gewissen, und nur ein solches vermag das Geheimnis des Evangeliums zu bewahren.
- Leiden bewirkt Ausharren, so daß wir nicht vor dem Ziel schwach werden und versagen, sondern den Glaubenslauf zum vollen Ende bringen.
- Leiden lehrt Gehorsam und ist echtester Erweis unserer Sohnschaftsstellung, weil im Leiden sich die Liebe im Opfer vollendet.
- Leiden bewirkt Herrlichkeit und ist somit das göttliche Krisen- und Erziehungsmittel zum Hochadel der Mitregentschaft.
- Leiden ist der einzige völlig reine Gottesdienst, in dem der Name Gottes verherrlicht und durch den der Feind zum Schweigen gebracht wird.
- Leiden dient zur Förderung des Evangeliums. Das Blut der Märtyrer ist die Saat der Gemeinde.
- Leiden ist der Schmelztiegel für den einzelnen und die Gesamtgemeinde. Im Leiden bewährt der einzelne seinen Glaubensgehorsam und seine Treue, und im Leiden scheiden sich die Unlauteren von der Gemeinde.
- Leiden dient zur Verherrlichung Christi, der durch die Bewährung unseres Glaubens hoch erhoben wird an unserem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod.
- Leiden dient zur Verherrlichung des einzelnen und der Gemeinde. Paulus bezeugt: “Meine Drangsale sind eure Ehre!”
- Leiden ist das erhabenste Zeugnis der Gemeinde, das sie dem Kosmos geben kann, damit den Fürstentümern und Gewalten im Lufthimmel an der Gemeinde dargestellt werde die mannigfaltige, buntfarbige Weisheit Gottes.
- Leiden ist für den Glaubenden selbst das beste Zeugnis, daß er auf dem rechten Wege ist und gottselig lebt; denn alle, die gottselig leben wollen, müssen Verfolgung leiden.
- Leiden ist das Angeld auf die Mitverherrlichung. Insoweit wir mitleiden, insoweit werden wir auch mitverherrlicht werden.
- Leiden ist die Voraussetzung zur Mitregentschaft. Dulden wir mit, so werden wir auch mitherrschen.
- Das Einsgemachtwerden mit Christo in der Gleichheit Seiner Leiden und Seines Todes ist die Vorbedingung für die Erreichung des Vollzieles, das Gott mit unserem jetzigen Leben hat: die Vollendung des Glaubenslaufes, die Darstellung des einzelnen als vollkommener Mann in Christo, das Vollmaß der geistlichen Reife.
Wer den Reichtum der Herrlichkeit, der aus den Leiden kommt, erkennt, kann auch mit dem Apostel der Leibesgemeinde bekennen: “Jetzt freue ich mich in den Leiden!”
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 3/1984; Paulus-Verlag, Heilbronn)


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