Der Prophet Haggai
Autor: Heck, Hanns | Kategorie(n): Das prophetische Wort, Glaubensleben & Wandel, Wort Gottes (Bibel) | 730 x gelesen(Nach einer Tonbandaufnahme)
Vorbemerkung: Unser Bruder Hanns Heck wurde, wie schon in GNADE UND HERRLICHKEIT mitgeteilt, am 10. Januar 1983 vom Herrn heimgerufen. Zwei Monate vor seinem Heimgang, vom 9. bis 11. November 1982, hat er auf einer Freizeit in Martinsmoos u. a. über den Propheten Haggai gesprochen. Die Stimme klang zuweilen etwas müde und offenbarte, daß sich hier ein fast achtzigjähriger Bruder bis zum letzten einsetzte. — Nun kann man einen solchen Dienst der mündlichen Rede nicht wörtlich abschreiben. Ich war aber bemüht, nicht nur den Sinn, sondern auch den Wortschatz von Hanns Heck so weit wie irgend möglich beizubehalten. — Dies ist keine übliche “Auslegung” des Propheten Haggai. Hanns Heck arbeitet viel mit Zahlen- und Namensymbolik und erschließt den Text auf ungewöhnliche Weise. Immer gibt er dabei auch Hilfen für die Praxis des Glaubenslebens. Persönlich darf ich sagen, daß mir Haggai nach dem Hören dieser Bänder viel lebendiger und vertrauter war als vorher, und dies ist es, was ich auch den Lesern wünsche!
Heinz Schumacher
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Vor vielen Jahren habe ich einmal den Vorwurf zu hören bekommen: Du sprichst viel zu viel über das Alte Testament. Ich fragte zurück: Hast du auch etwas dagegen, wenn ich über die Psalmen spreche? Ich bekam keine Antwort. Die Psalmen waren ihm recht.
Vielleicht hat auch jemand von uns schon einmal gedacht: Wozu brauchen wir eigentlich das Alte Testament, wenn wir doch das Neue haben? — Ich frage: Wozu braucht der Lehrer die Wandtafel, wenn er doch im Kopf hat, was er den Schülern sagen will? Das Gesagte ist, wenn es nicht verstanden wurde, im Bruchteil einer Sekunde aus dem Raum verschwunden; das an der Wandtafel Geschriebene bleibt stehen. Das Neue Testament macht kurze, präzise Aussagen; das Alte Testament ist die Wandtafel zum Neuen. Da hat man viel Zeit zu ausführlichen Beschreibungen; auch in den Evangelien des Neuen Testaments hat man noch viel Zeit. Ganz kurz gefaßt sind dagegen die Aussagen des Apostels Paulus. Warum sind sie wohl so kurz gefaßt? Weil die Zeit gedrängt ist (1. Kor. 7, 29). In einer gedrängten, zusammengezogenen Zeit kann ich die Rede nicht ausdehnen.
Ich möchte uns in diesen Tagen eine Aussage aus dem Alten Testament vor Augen führen, die 38 Verse umfaßt. Warum ist uns die Zahl der Verse interessant? In den Urschriften der Bibel gab es ja keine Kapitel- und Verseinteilung und nicht einmal eine Interpunktion. Die Kapiteleinteilung ist etwa im 11. Jahrhundert durch den Kanzler der Universität Paris eingeführt worden, die Verseinteilung durch einen Drucker im 16. oder 17. Jahrhundert, und ich behaupte: In beiden Fällen war Gott dabei. Er will uns sogar durch diese äußeren Dinge etwas mitteilen.
Nun will ich sagen, über wen ich heute und morgen und übermorgen sprechen will: über den Propheten Haggai. Das 1. Kapitel hat 15 und das 2. Kapitel 23 Verse. Das ergibt zusammen 38 Verse: die Zahl der Krankheit. Der Kranke in Johannes 5, den niemand in den Teich Bethesda hineingetragen hatte und den der Herr Jesus fragte: “Willst du gesund werden?”, war 38 Jahre lang krank. In Jesaja 38 lesen wir, daß der König Hiskia krank geworden ist. Ihm werden 15 Jahre zu seiner Lebenszeit hinzugefügt. Wenn uns Gott im Propheten Haggai in 38 Versen etwas sagen will, so hat diese Aussage vielleicht etwas mit dem Kranksein zu tun.
Wie aber will Gott zu uns reden? Wir lesen in Haggai 1, 1.3: “geschah das Wort”; Kap. 2, 1: “geschah das Wort”; Kap. 2, 10: “geschah das Wort”, und Kap. 2, 20: “geschah das Wort zum zweiten Male”. Viermal ist etwas geschehen. Das hebräische Wort für “geschehen” heißt hajah. Das drückt ein Geschehen aus, aber nicht nur ein einmaliges Geschehen. Der Hebräer hat ja nicht wie wir eine Gegenwarts- und Vergangenheitsform, sondern das geht ineinander über, so daß in hajah eine dreifache Aussage enthalten ist: Haben — Werden — Sein.
- Ich habe eine Aussage;
- Ich werde mir diese Aussage zu Herzen nehmen;
- Ich bin in dieser Aussage drin.
Nun schauen wir uns die beiden Kapitel des Haggai an: Das 1. Kapitel hat 15 Verse, und 15 ist die Zahl der Erfüllung. 15mal steht zum Beispiel das Wort “Hochzeit” (gamos) im Neuen Testament (siehe Pasedag, Bibelzahlenkunde), und das ist die Erfüllung für Braut und Bräutigam. Da muß also irgendeine Erfüllung schon im 1. Kapitel von Haggai zu finden sein. — Das 2. Kapitel hat 23 Verse, das ist die Zahl der Zeugung. Von Adam bis Josef, womit die Liste der Erzväter schließt, sind es 23 Zeugungen, und im 23. Vers des 1. Petrusbriefes lesen wir: “Die ihr nicht wiedergezeugt seid aus verweslichem Samen, sondern aus unverweslichem.” So hat es das 2. Kapitel des Haggai irgendwie mit einer göttlichen Zeugung zu tun.
Bis jetzt habe ich von Haggai nur ein paar Äußerlichkeiten angeführt. Nehmen wir noch seinen Namen hinzu: HAGGAI heißt “der Festliche”. Da muß irgend etwas Festliches dabei herauskommen. In unserem Vormittags-Bibelkurs haben wir gesehen, daß es die Feste Israels mit den Erntezeiten zu tun haben. Die Ernte ist der Abschluß einer mühevollen Tätigkeit. Wenn Haggai auf deutsch “der Festliche” heißt, dann muß am Schluß irgendein Ernteergebnis bei diesen 38 Versen herauskommen. Krankheit (38) kann ja vom Herrn in Gesundheit verwandelt werden.
Haggai hat den Zahlwert 21. Diese Zahl bedeutet Entscheidung. 21 Tage lang hat der Prophet Daniel kaum etwas gegessen, weil er merkte — er war dafür sensibel, heute würde man ihn wohl “medial veranlagt” nennen —, daß drei Wochen lang ein Luftkampf stattfand zwischen dem Intelligenzengel Gottes, dem Gabriel, und dem Engelfürsten des Landes Persien (Dan. 10, 2.3.12.13). Am 21. Tag hat sich der Kampf entschieden, und der Sieg ist dem Engel Gabriel zugefallen. 21 ist also die Zahl der Entscheidung. Es gibt entscheidende Faktoren, wenn ein Kranker wieder gesund wird. Wir wollen dann im Propheten Haggai auf diese Faktoren achten.
Viermal, so sahen wir, heißt es in Haggai: “Es geschah das Wort.” Wir vergleichen dazu Psalm 33, 9 (Elberfelder Übs.): “Denn Er sprach, und es war; Er gebot, und es stand da.” Ferner Klagelieder 3, 37: “Wer ist, der da sprach, und es geschah, ohne daß der Herr es geboten?” Wenn nicht einmal ein Haar von meinem Haupt fällt, ohne daß der Herr es weiß oder sogar gebietet, dann gibt es nichts, was unserem Gott durch die Finger geht; Er hat alles im Griff!
Um was geht es nun bei Haggai?
Eine Hilfe zum Schriftverständnis ist unter anderem die Häufigkeit des Vorkommens einzelner Worte. In den 38 Versen von Haggai kommt 10mal das Wort “Haus” vor, dazu noch 2mal ein besonderes Haus: der Tempel. Wir fragen: Was ist Haus? Was ist Tempel? Was bedeuten die Zahlen 10 und 2, zusammen 12? Das Wort “Haus” kann verschiedene Bedeutungen haben. Gottes Wort ist bekanntlich nach Psalm 12, 6 siebenfach geläutert. Die unterste Bedeutung ist die natürliche, also die geographische, die geschichtliche, die wortwörtliche, so wie man eine biblische Geschichte in der Kinderschule erzählt. Geht man ein Stockwerk höher, so kommt die persönliche Bedeutung. Steigt man noch höher, so findet sich im 3. Stockwerk die prophetische und im 4. Stockwerk die symbolische Bedeutung. (Ergänzung von H. Schumacher: Wenn man, wie Karl Geyer es tat, im “zweiten, dritten und vierten Stockwerk” jeweils eine Zweiteilung vornimmt, so kommt man, entsprechend den 7 Geistern Gottes nach Jesaja Kap. 11, 2, auf eine Siebenzahl: 1. die natürliche Bedeutung; 2. und 3. die persönliche Bedeutung für den einzelnen und die Gesamtgemeinde; 4. und 5. die prophetische Bedeutung für Israel und die Völkerwelt; 6. und 7. die symbolische Bedeutung hinsichtlich Gottes selbst und der Geisterwelt.)
Das Wort “Haus” hat dementsprechend verschiedene Bedeutungen. Schlagen wir einmal Hiob 18, 5-6 auf: “Das Licht der Gesetzlosen wird erlöschen, und nicht leuchten wird die Flamme seines Feuers. Das Licht wird finster in seinem Zelte, und seine Lampe erlischt über ihm.” Ein Haus ist ja eine Wohnung, und die Wohnung des Gesetzlosen ist nach der Schrift das Zelt, das ist die leichteste Bauweise. Jetzt lesen wir 2. Korinther 5, 1: “Denn wir wissen, daß, wenn unser irdisches Haus, das Zelt, von oben her aufgelöst wird, wir einen Bau von Gott haben, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, ein ewiges, in den Himmeln.” Wenn dieser irdische Leib aufgelöst wird, dann sind das nach Prediger 12, 1 die Jahre, von denen wir sagen, sie gefallen uns nicht. Wenn man älter wird, muß man diesen Abbau hinnehmen, und vielleicht ist dies die schwerste Aufgabe unseres Lebens.
Der Leib des Normalmenschen wird mit Haus bezeichnet, beim Gesetzlosen ist es ein Zelt, bei den Söhnen der Leibesgemeinde aber handelt es sich um einen Tempel. Dazu lesen wir 1. Korinther 6, 19a: “Oder ist es euch nicht zum Bewußtsein gekommen, daß euer Leib der Tempel des Heiligen Geistes ist?” — “Er sprach aber von dem Tempel Seines Leibes”, heißt es in Johannes 2, 21.
Nun haben wir drei Wertangaben über unseren Körper: Der Gesetzlose hat ein Zelt, der Normalmensch, der Gottesfürchtige (auch wenn er noch kein Gotteskind ist) hat ein Haus, und die Leibesglieder haben einen Tempel. Nun geht es in Haggai 10mal um das Wörtlein “Haus”. Was bedeutet 10? Zehn ist die Zahl der Verantwortung. Darum gibt es nicht 11 oder 12 oder 9, sondern 10 Gebote. Weil in Haggai zehnmal das Wort “Haus” steht, lese ich dazu 1. Korinther 3, 16: “Wisset ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?” Dann kommt in Vers 17 die Folgerung: “Wenn jemand den Tempel Gottes verdirbt” (so daß er Löcher und Risse bekommt und der Heilige Geist herausfließt), “den wird Gott verderben; denn der Tempel Gottes ist heilig, und solche seid ihr.” 10 ist die Zahl der Verantwortung. Wir haben eine Verantwortung gegenüber dem Tempel des Heiligen Geistes.
Zehnmal kommt in Haggai das Wort “Haus” und zweimal das Wort “Tempel” vor. 2 ist die Zahl Jesu. Gott hat die Zahl 1, Jesus die Zahl 2 und der Heilige Geist die Zahl 3. Wenn in Haggai zweimal das Wort “Tempel” vorkommt, so erinnert uns das daran, daß Christus (Zahl 2) in unseren Herzen wohnen will (Eph. 3, 17). Und wenn Christus (2) zu unserer Verantwortung (10) kommt, so ergibt das 12; diese Zahl wird einmal zur Normzahl der ganzen Erde werden, so wie sie jetzt schon die Normzahl Israels ist (Offb. 21, 9-14). Daß sich diese 12 schon hinübergeschlichen hat in den Sprachgebrauch der Nationen, sehen wir an unseren Uhren, die auf 12, nicht auf 10 eingerichtet sind, und an den 12 Monaten unseres Jahres.
Nun sind wir immer noch nicht zum Text von Haggai gekommen; immer noch gehen wir außen herum! Wenn ich jetzt an das viermalige Reden Gottes denke (”geschah das Wort”), an das Vorkommen des Wortes “Haus” und an die Bedeutung des Zahlwertes von “Haggai”, dann kann ich den Propheten Haggai mit folgenden Worten überschreiben:
Entscheidung — Überwindung — Mitarbeit am himmlischen Haus
Jetzt müssen wir die historische Seite ein wenig betrachten; wir müssen sozusagen den Bilderrahmen zu Haggai anschauen. Schlagen wir dazu das Buch Esra auf! In Kap. 5, 1 lesen wir: “Und Haggai, der Prophet, und Sacharja, der Sohn Iddos, die Propheten, weissagten den Juden, die in Jerusalem waren.” Dazu Esra 1, 1-2: “Im ersten Jahre Kores’ … erweckte Jehovah den Geist Kores’, des Königs von Persien; und er ließ einen Ruf ergehen durch sein ganzes Königreich …, indem er sprach …: Alle Königreiche der Erde hat Jehovah, der Gott des Himmels, mir gegeben; und Er hat mich beauftragt, Ihm ein Haus zu bauen zu Jerusalem.” Das erste Jahr Kores’ ist das Jahr 536 v. Chr. gewesen. Kores, ein Bild auf den Satan, hat den Auftrag bekommen, dem Gott Israels in Jerusalem ein Haus bauen zu lassen. Der Teufel gedenkt es böse zu machen; Gott aber macht es gut (1. Mose 50, 20). Der Teufel darf nur tun, was Gott erlaubt, und all sein Tun muß dazu dienen, daß das Haus Gottes — auch in deinem und meinem Leben — in Jerusalem, der Ordnungsstadt, gebaut wird. Im Propheten Haggai ist das Haus, der Tempel Gottes, zerstört, und Haggai fordert dazu auf, den Tempel wieder aufzubauen. Das ist der Hauptinhalt dieses prophetischen Buches.
Esra Kap. 1 berichtet uns nun, daß die Häupter der Väter von Juda und Benjamin, ein jeder, dessen Geist Gott erweckte, sich aufmachten, um heimzuziehen. In Kap. 2 wird die Summe aller Heimziehenden aufgenommen und in Esra 3 der Bau des Hauses vorbereitet. Wir lesen in Kap. 3, 8, daß im zweiten Jahre ihres Kommens — das war also das Jahr 535 v. Chr. — Serubbabel und seine Mitarbeiter das Werk des Hauses Jehovahs begannen. Esra 4 berichtet uns dann von mehreren satanischen Interventionen, die geschahen, nachdem die Feinde Judas und Benjamins gehört hatten, daß die Kinder Israels das Haus Gottes wieder aufbauen wollten:
1. satanische Intervention: Die Feinde kommen und sagen: “Wir wollen mit euch bauen!” Sie werden aber von den Israeliten erfolgreich abgewehrt. Diese sprechen (V. 3): “Es geziemt euch nicht, mit uns unserem Gott ein Haus zu bauen”; das machen wir allein; ihr würdet das Werk mehr hindern als fördern und Wasser in den Wein gießen.
2. satanische Intervention: “Da suchte das Volk des Landes” — das ist unsere alte Natur — “die Hände des Volkes Juda schlaff zu machen und sie vom Bauen abzuschrecken” (V. 4). Auch das ist vereitelt worden.
3. satanische Intervention: Nun schreiben die Feinde Judas (V. 6) eine Anklageschrift, gerichtet an Artasasta, den König von Persien. Die Antwort des Königs finden wir in Vers 21: “So gebet nun Befehl, diesen Männern zu wehren, damit diese Stadt nicht wieder aufgebaut werde.” Das Ergebnis zeigt uns Esra 4, 24: “Damals hörte die Arbeit am Hause Gottes in Jerusalem auf, und sie unterblieb bis zum zweiten Jahre der Regierung des Königs Darius von Persien.” In diese Zeit führt uns nun der Prophet Haggai mit den Worten: “Im zweiten Jahre des Königs Darius … geschah das Wort Jehovahs durch den Propheten Haggai zu Serubbabel …” Infolge der Tätigkeit von Haggai und Sacharja haben sich dann Serubbabel und Jeschua aufgemacht, um weiterzubauen (Esra 5, 1-2).
Nun finden wir noch eine 4. satanische Intervention in Esra 5: Der Landpfleger Tatnai (d. h. der Besoldete, ein Besoldeter Satans) und seine Genossen versuchen wiederum, das Werk des Aufbaus zu hindern, und sprechen (V. 3): “Wer hat euch Befehl gegeben, dieses Haus zu bauen und diese Mauer zu vollenden?” Gott hat damals über den Juden gewacht, so daß sie ihnen nicht wehrten weiterzubauen, aber der Tatnai schrieb nun einen Brief an den König Darius, in dem er sich darüber beschwerte, daß diese Männer angefangen hätten, Jerusalem und den Tempel wieder aufzubauen.
Was macht nun Gott daraus?
Das wird uns in Esra 6 berichtet: Der König Darius gab Befehl, nach den Urkunden zu suchen, aus denen hervorging, daß der König Kores tatsächlich im Jahre 536 den Auftrag erteilt hatte, das Haus Gottes in Jerusalem wiederaufzubauen. Diese Urkunden wurden gefunden, der König Darius bestätigte den Erlaß, und der Tatnai, der das Ganze hindern wollte, mußte ein Werkzeug sein, um Baumaterial, Opfertiere und anderes zu liefern. So kann Gott sich auch den Widersacher, den Satan dienstbar machen!
Jetzt erst, nach diesen einleitenden Bemerkungen, kommen wir zum eigentlichen Text des Propheten Haggai. Kap. 1, 1:
“Im zweiten Jahr des Königs Darius, im sechsten Monat, am ersten Tage des Monats, geschah das Wort Jehovahs durch den Propheten Haggai zu Serubbabel, dem Sohne Schealtiels, dem Landpfleger von Juda, und zu Josua, dem Sohne Jozadaks, dem Hohenpriester.”
Wenn Babel Vermischung bedeutet, dann heißt Serubbabel Sohn oder Sproß der Vermischung oder Verwirrung. Wir leben alle mehr oder weniger in der Vermischung oder Verwirrung. Das hat schon bei Adam und Eva angefangen, und heute ist es doch so — ich sage es jetzt überspitzt —, daß die Frau vielleicht Ministerin ist, und der Mann darf zu Hause die Pfannkuchen backen. Das wird heute als ganz normal empfunden. Wir leben in einer Welt der Vermischung und Verwirrung, und wer einmal das Heft von Seibel gelesen hat “Die Bibel beleuchtet die Hintergründe des Terrorismus”, der weiß, wie der Feind systematisch die Verwirrung fördert. Serubbabel ist aber ein Sohn Schealtiels, und Schealtiel heißt “von Gott erbeten”. Da sieht man schon die göttliche Hilfe, die in all unsere menschlichen Verklemmungen, Komplexe und Vermischungen hineinleuchtet.
An wen wendet sich der Prophet Haggai? Zuerst an Serubbabel, den Landpfleger, der die irdischen Belange zu verwalten hat, und dann erst an Josua, den Hohenpriester. Auch wir sollen als Kinder Gottes zunächst einmal für Ordnung in unserem äußeren Leben sorgen, ehe wir große Dinge von Gott erbitten. Eine gläubige Frau, die ihre Küche vernachlässigt und im Äußerlichen unordentlich ist, kann sich dabei nicht wohlfühlen. (Manchmal geht es nicht anders, wenn zuviel auf uns einstürmt, aber das kann kein Dauerzustand sein.) Manchen Gotteskindern müßte man sagen: Steh’ du erst einmal beizeiten auf und bitte den Herrn nicht um alle möglichen Geistesgaben, sondern um einen Stecken — es heißt doch im 23. Psalm: “Dein Stecken und Stab trösten mich” —, damit du zur rechten Zeit aufstehen lernst! Bringe erst einmal dein äußeres Leben in Ordnung, und dann gehe an die Bibel heran! (Ich sage das jetzt etwas einseitig, aber ich tue es absichtlich, damit wir auch diesen Schwerpunkt des Wortes Gottes einmal beachten.) Wenn wir im Äußeren Ordnung halten, geht auch das innere Leben leichter geordnet weiter.
Im 2. Vers des 1. Kapitels wird Gott als “Jehovah der Heerscharen” angesprochen. Das ist ein Machtfaktor. Diese Heerscharen waren es, die die Mauern Jerichos zum Einsturz brachten. — Das Volk der Juden sprach damals: “Die Zeit ist nicht gekommen, die Zeit, daß das Haus Jehovahs gebaut werde.” Die den Herrn nicht lieben, sind auf das Äußere bedacht und gehen mit der Welt mit. Die Welt sucht ihren Liebesersatz in der Ausstattung des äußeren Daseins, weil ihr Inneres verarmt und keine Hilfe in Sicht ist. Gotteskinder aber sollten im Blick auf das nahe Kommen des Herrn genügsam sein, zumal doch der Herr uns weit mehr schenkt, als wir brauchen.
Bevor wir in der Betrachtung des Propheten Haggai weitergehen, möchte ich hier eine Vorbemerkung machen. Es gibt nach der Schrift
eine doppelte Errettung.
Die Schrift spricht mehr als einmal davon; lesen wir jetzt nur zwei Stellen darüber; die erste ist 1. Petri 2, 1.2: “Leget nun ab alle Bosheit und allen Trug und Heuchelei und Neid und alles üble Nachreden, und wie neugeborene Kindlein seid begierig nach der vernünftigen, unverfälschten Milch, auf daß ihr durch dieselbe wachset zur Errettung.” — Wieso sollen denn diese Gläubigen zur Errettung wachsen, nachdem sie schon errettet sind? — Sie werden doch als “neugeborene Kindlein” dargestellt! Die Antwort lautet: Weil es zwei Errettungen gibt, erstens die Errettung von der Welt um mich herum, von dem Kosmos außer mir, und zweitens die Errettung von der Welt in mir. Billy Graham soll gesagt haben, es brauche 5-10 % Arbeit, einen Menschen zu der ersten Errettung von der Welt um ihn herum zu bringen, und 90-95 %, ihn zu der zweiten Errettung, der Befreiung von sich selbst, zu führen. Eine weitere Stelle darüber finden wir in Philipper 2, 12: “Daher, meine Geliebten, gleichwie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein als in meiner Gegenwart, sondern jetzt vielmehr in meiner Abwesenheit, bewirket eure eigene Errettung mit Furcht und Zittern.” Die hier Angeredeten sind doch schon errettet; es geht also auch hier um die zweite Errettung. Das ist die Errettung von mir selbst, von meiner alten Natur, so daß aus dem Jakob, dem Fersenhalter, ein Israel, ein Gotteskämpfer, aus dem Simon (Erhörung) ein Petrus (Stein) oder aus dem Saulus (Begehrer) ein Paulus (der Kleine) von Gott gebildet wird.
Um diese zweite Errettung geht es auch im Propheten Haggai, dem drittletzten Propheten im Alten Testament. Man nennt die drei Propheten Haggai, Sacharja und Maleachi die drei nachexilischen Propheten, denn sie wenden sich an die Juden, die aus dem Exil, der Gefangenschaft, heimgekehrt sind. Die Juden befanden sich von 606 - 536 v. Chr. in der babylonischen Gefangenschaft und sind dann in mehreren Zügen ab 536 unter Serubbabel und Esra heimgeführt worden. Sie waren nun aus der Gefangenschaft errettet. — Was bedeutet das für uns? — Wir alle sind in die Gefangenschaft dieser Erde, die dem Satan von Gott übergeben worden ist, hineingeboren worden. “Mir ist sie übergeben”, sagt der Satan in Lukas 4, 6 zu dem Herrn Jesus, und er besitzt daher auch den vom Herrn Jesus anerkannten Namen “Fürst dieser Welt” (Joh. 12, 31; 14, 30; 16, 11). Die erste Errettung haben wir wie die aus dem Exil heimgekehrten Juden schon erlebt, soweit wir Gotteskinder sind; es ist die Herausreißung aus der Gefangenschaft der Sünde und aus der Not, die die Sünde mit sich bringt.
Das Buch Esra schildert nun, wie sich die vorher gefangen gewesenen Juden auf dem Heimweg befinden; sie hatten eine über 800 km lange Wegstrecke zurückzulegen. — Auf uns übertragen heißt das: es sind Menschen, “die des Weges sind” (Apg. 9, 2), die sich auf dem “neuen und lebendigen Wege” (Hebr. 10, 20) befinden.
Nun sind die Juden nach Hause gekommen, aber es hat eine längere Zeit gedauert, bis sie angefangen haben, den Tempel zu bauen. Um diesen Tempel geht es im Propheten Haggai. Der Tempel ist vorerst ein Haus wie andere Häuser; darum kommt er in Haggai mehrmals unter der Bezeichnung “Haus” vor. Haggai geht es um die Erneuerung dieses Hauses, des Tempels Jehovahs. Nun ist “Tempel”, wie wir gesehen haben, auch eine Bezeichnung für unseren Leib (1. Kor. 6, 19), so wie er, auf niederer Ebene, “Haus” oder, auf unterster Ebene, “Zelt” genannt wird. Es geht um die Erneuerung des Zeltes, des Hauses, des Tempels. Nachdem wir die erste Errettung erlebt haben, soll unser Leib und unser Leben nun in die Vollkommenheit hineingeführt werden.
Wie das geschieht, zeigt uns der Prophet Haggai. Sein Name heißt, wie wir sahen, “der Festliche”. Der Tempel Jehovahs wird zuletzt etwas Festliches sein. Unser Tempel, unser Haus, unser Leib wird auch einmal etwas ganz Wunderbares sein. Dazu lese ich Phil. 3, 20-21: “Denn unser Bürgertum ist in den Himmeln, aus denen heraus wir auch den Herrn Jesus Christus als Heiland erwarten, der unseren Leib der Niedrigkeit (in dem wir uns nach unserer ersten Errettung noch befinden) ‘um-schematisieren’ wird zur Wesensgleichheit mit Seinem Leibe der Herrlichkeit, nach der wirksamen Kraft, mit der Er vermag, auch das All sich zu unterwerfen.” Hier haben wir eine biblische Gleichung vor uns: Um unseren Leib der Niedrigkeit umzugestalten in den Leib der Herrlichkeit, um aus dem ersten Tempel einen neuen Tempel zu machen, braucht Gott so viel Kraft, wie nötig ist, um sich die ganze Erde zu unterwerfen — ja nicht nur die ganze Erde, sondern das gesamte All. Da merken wir, daß unsere erste Errettung, bei der Gott auch schon Geisteskräfte potenziert einsetzt, eine Kleinigkeit ist gegenüber der zweiten Errettung, durch die unser Leib und unser Leben in die Vollkommenheit geführt werden soll.
Die Frau Lot war eine aus Sodom, aus der Welt heraus Errettete. Sie ist aber zur unfruchtbaren Salzsäule geworden, weil sie sich nicht von sich selber erretten ließ, sondern mitten auf dem Weg der Neuwerdung zurückgeschaut hat nach Sodom und innerlich hängenblieb an ihren Abendkleidern, an ihren Einmachgläsern, an ihrem Bechstein-Flügel, und was da alles in Flammen aufgegangen ist. Bei ihr ging es nach Lukas 9, 62: Wer die Hand an den Pflug legt und zurückblickt, ist nicht geschickt zum Reiche Gottes, der kommt nicht in die zweite Errettung von sich selber hinein. Darum ist sie zur Salzsäule geworden.
Wie schildert uns nun Haggai im Auftrag Gottes den Vorgang, wodurch wir von uns selber errettet werden?
Er zeigt es uns in 38 Versen. 38 ist, wie wir gesehen haben, die Zahl der Krankheit. Der Mensch muß zunächst einmal zum Bewußtsein seiner Krankheit kommen. Wenn er’s ableugnet, kann er nicht gesunden.
In vier Stufen schildert uns nun Haggai die Umwandlung unseres natürlichen Lebens bis hin zur zweiten Errettung. Zunächst wird ja dem Menschen gesagt:
“Wie du bist, so darfst du kommen
und wirst gnädig aufgenommen” —
mit allem, was dir an Fehlern noch anhängt. Irgendwann erkennt man dann aber die Möglichkeit, vielleicht sogar die Aufgabe und die Notwendigkeit, alles das, was man vom alten Leben mit herübergeschleppt hat, abzulegen. Und wenn wir heute unter dem Eindruck stehen, daß wir zum Ablegen nicht mehr viel Zeit haben, dann wäre gerade der Prophet Haggai heute ein zeitgemäßes Thema und eine Anleitung: Wie legt man das alte Wesen ab?
Ich möchte nun die vier Abschnitte nennen, in die Haggai sich gliedern läßt:
- Tatbestand (Kap. 1, 2-11);
- Innere Erneuerung (Kap. 1, 12-15);
- Verherrlichung (Kap. 2, 1-9);
- Erfüllung (Kap. 2, 10-23).
Vor diesen vier Abschnitten steht in Kap. 1, 1 die Adresse, an die der Prophet sich wendet. Er wendet sich, wie wir gesehen haben, zuerst an Serubbabel, den Landpfleger, den Anführer des ersten Zuges der Heimkehrer aus Babel, und erst an zweiter Stelle an Josua, den Hohenpriester. Der Prophet legt also zuerst den Finger auf die wunde Stelle der äußeren Ordnung: Landpfleger, sorge zunächst einmal für Ordnung! Wenn ich schnell zu einem Dienst fortfahren muß, und mein Zimmer und mein Schreibtisch liegt voller Bücher und Einladungen und Termine, dann kann ich oft nicht aufräumen. Dann denke ich aber am Samstagabend: Jetzt räumst du dein Zimmer auf, damit du am Sonntagvormittag einen guten Startpunkt von einem aufgeräumten Zimmer aus hast! Ich kann mir schlecht vorstellen, daß Gott ein Gotteskind in der Schlamperei behalten will und zu ihm sagt: Laß nur die äußeren Sachen; die sind gar nicht notwendig; lies nur deine Bibel!
Nach Haggai 1, 1 trat der Prophet im zweiten Jahr des Königs Darius, im sechsten Monat, auf. Der sechste Monat ist der Elul, das ist der Erntemonat. Die Ernte ist ein Abschluß. Das Wort “Ernte” bedeutet für uns, daß wir in ein neues inneres Leben eintreten, nachdem das äußere Leben in Ordnung gebracht worden ist. Die Ernte besteht darin, daß wir nicht nur von der Welt draußen errettet worden sind, sondern vor allem von dem Kosmos, der Welt, in uns drinnen.
Wir betrachten nun den ersten Abschnitt (Kap. 1, 2-11):
1. Der Tatbestand
Vers 2: “So spricht Jehovah der Heerscharen und sagt: Dieses Volk spricht: Die Zeit ist nicht gekommen, die Zeit, daß das Haus Jehovahs gebaut werde.” So sprechen die aus Babylon erretteten und zurückgeführten gläubigen Juden! Warum ist denn in ihren Augen die Zeit noch nicht gekommen? Warum schieben sie diese Aufgabe ständig vor sich her, wie beim Schneeschippen den Schnee, bis er sich immer höher auftürmt und einem schließlich ins Gesicht purzelt? Weil sie zu bequem waren und dachten: Gott allein macht alles. Das ist hier der negative Tatbestand. — So meint manches errettete Gotteskind: “Der liebe Heiland macht alles.” So ist es aber nicht. Da müssen vielmehr die Zahnräder Seines Wollens und meines Wollens ineinandergreifen.
Vers 3/4: Und nun geschieht das Wort des Herrn. Wenn der Herr Sein Wort sendet, dann ist das die Aufforderung dazu, daß etwas geschieht. Wenn ich also unter dem Wort sitze und es geschieht nichts, dann ist das Wort nicht bis zu mir durchgedrungen. Dann war das nur ein guter oder mittelmäßiger oder schlechter Vortrag, den man kritisieren kann, aber weiter ist nichts passiert. “Das Wort Jehovahs geschah durch den Propheten Haggai also: Ist es für euch selbst Zeit, in euren getäfelten Häuser zu wohnen, während dieses Haus wüste liegt?” Keiner kümmerte sich um die Trümmer des Tempels; man machte einen Bogen um ihn und lief statt dessen zum Schreiner, zum Plattenleger und was es sonst noch gibt, und sagte: “In meinem Badezimmer müssen die Platten zuerst gelegt werden!” — “Wann kommt mein Kühlschrank? Wann meine Teppiche?” — Ist das nicht das Rennen der heutigen Welt, die ihr Vermögen in vergänglichen Dingen investiert? Leider machen die Gotteskinder zum allergrößten Teil mit. Ich sage gar nicht, daß man in leeren Fensterhöhlen hausen soll; wir haben auch Teppiche zu Hause; wir machen auch unser Leben etwas gemütlicher, denn “gut gewohnt ist halb gelebt”; und wenn das alles zu dem Zweck geschieht, daß unser Leib sich wohlbefindet, um den Geist besser aufnehmen zu können, dann ist es gerechtfertigt. Dazu braucht man aber nicht unbedingt die Spitzenleistungen der heutigen Industrie und Zivilisation.
Wie milde ist Gott, daß Er nicht gleich draufschlägt im Gericht, sondern im 4. Vers mit einer Frage beginnt. So fragte Gott schon einst im Paradies: “Adam, wo bist du?” (1. Mose 3, 9). So fragt Er auch uns Gotteskinder: Wo bist du? Befindest du dich nicht auf dem “neuen und lebendigen Wege”, der von Babylon (Vermischung) nach Jerusalem (Frieden und Ordnung) führt? Wo bist du? Bist du stehengeblieben? Liegst du im Graben? Schaust du in der Gegend umher? Oder was machst du?
Nach der Frage folgt dann die Aufforderung (V. 5): “Und nun, so spricht Jehovah der Heerscharen: Richtet euer Herz auf eure Wege!” Und nochmals V. 7: “Richtet euer Herz auf eure Wege!” — Den Heimkehrern, die sich auf dem rechten Wege wissen, ja sogar meinen, in Jerusalem sei schon alles erledigt, der Herr werde schon selber Seinen Tempel bauen, Er richte schon selber den Mörtel an, denen wird gesagt: “Richtet euer Herz auf eure Wege! Testet, überprüft einmal euer Leben!” Ja, testen wir einmal unser Leben! Was ist unser Leben? Wenn wir jetzt die Augen schließen: Ist eine Lücke entstanden? In der Gesellschaft, in der Gemeinschaft, in der Familie? Oder kann man uns entbehren? Ist eine Lücke entstanden im Zeugnis für Gott? Oder war kein Zeugnis da? Haben wir unsere Energie unnötig für vergängliche Dinge verschwendet? — In 1. Korinther 15, 50 schreibt Paulus: “Das eine aber behaupte ich: daß Fleisch und Blut — die vergänglichen Dinge — kein Losteil (Erbteil) haben im Reiche Gottes!” Deshalb kann alles, was wir hier unten dafür einsetzen, uns auf unserer Wegstrecke ein bißchen beglücken, aber nachher ist nichts mehr da, so daß man das Risiko genau einschätzen muß: Wie weit mache ich Gebrauch von der Welt? Viele Gotteskinder, vor allem junge Gotteskinder, machen da den Fehler, daß sie immerfort fragen: “Wie weit darf ich in die Welt hineingehen? Darf man tanzen? Darf man … Darf man …?” Dabei kommen sie weiter von Christus weg. Würden sie fragen: “Wie komme ich Christus näher … noch näher … noch näher .. .?”, dann kämen sie von der Welt weg.
“Richtet euer Herz auf eure Wege!” überprüft einmal die Wirtschaftlichkeit, die innere Wirtschaftlichkeit eures Lebens als Gotteskinder! Das Ergebnis ist in Vers 6 und 9 ein negativer Tatbestand: “Ihr habt viel gesät und wenig eingebracht; ihr esset, aber nicht zur Sättigung; ihr trinket, aber nicht zur Genüge; ihr kleidet euch, aber es wird keinem warm; und der Lohnarbeiter erwirbt Lohn für einen durchlöcherten Beutel.” Das ist die Wirtschaftlichkeit derer, die einmal errettet worden sind und nun meinen: “Meine Errettung genügt; mehr brauche ich nicht.” So mancher muß dann nach 2, 3 oder 5 Jahren seines Lebens als Gotteskind bekennen: “Jetzt bin ich schon so lange gläubig; aber nichts ist anders geworden. Ich habe mich angestrengt, aber gar nichts ist neu geworden!” Diese Selbstprüfung, dieser Test ist gut und heilsam; es ist eine Zwischenbilanz, zu der Gott hier aufruft. — Weiter Vers 9: “Ihr habt nach vielem ausgeschaut, und siehe, es wurde wenig; und brachtet ihr es heim, so blies ich darein.” Der moderne Mensch ist nicht mehr autark, unabhängig; er braucht ja so viele Dinge der Zivilisation, um leben zu können! Paulus aber schreibt uns in 1. Timotheus 6, 6: “Gott zu verehren aber und genügsam (’autark’) zu sein, ist ein großer Gewinn.” Wenn wir merken, wir sind auf der letzten Rennstrecke unseres geistlichen Lebens, dann sollten wir uns mit Nebensächlichkeiten so wenig wie möglich beschäftigen. Auch hier kommt es auf die göttliche Wirtschaftlichkeit für unser Leben in der Endzeit an.
Wenn man nun fragt: “Warum ist so vieles in meinem Leben als Gotteskind schiefgelaufen?”, dann antwortet Gott in Vers 9b: “Wegen meines Hauses, das wüste liegt, während ihr laufet, ein jeder für sein eigenes Haus.” Da wird der stärkste Vorwurf ausgesprochen, den ich in der ganzen Bibel finde, ein unerhört harter Vorwurf, den Paulus in die Worte faßt (Phil. 2, 21): “Denn alle suchen das Ihrige, nicht das, was Jesu Christi ist.” Sie jagen alle ihren eigenen Interessen nach, z. B. der eigenen Wohnung, dem eigenen Hause, wie in Haggai 1, 9. Gehöre ich auch dazu? Ich stelle mich mit darunter. Wir alle suchen letzten, allerletzten Endes unser eigenes Ich zu erretten! Aber nur wer sein Leben verliert, der wird es finden. Wer seine Seele verliert — im Bescheidenbleiben, im Drunterbleiben, im Sich-Begnügen mit dem Vorhandenen — der wird sie erretten.
Es ist schon ein Gnadengeschenk Gottes, wenn ein Gotteskind dahin kommt, sein Leben zu überprüfen und zu testen, und ist es nicht so, daß die Mehrzahl der Gotteskinder für die eigenen Interessen herumrennt und für die eigenen Belange zu Gott betet? Sie beten, daß es ihnen gutgeht und daß sie durchkommen, und die wenigsten sind fruchtbar für andere Menschen.
Das ist der 1. Abschnitt von Haggai (V. 2-11): ein negativer Tatbestand.
2. Abschnitt: Die innere Erneuerung (Kap. 1, 12-15)
Statt “innere Erneuerung” können wir auch sagen: Erneuerung durch den Geist. Wir lesen dazu Sacharja 4, 6. Auch dort wird Serubbabel angeredet, weil Sacharja zur gleichen Zeit wie Haggai gelebt hat: “Dies ist das Wort Jehovahs an Serubbabel: Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht Jehovah der Heerscharen.”
Wenn ein Gotteskind Bilanz gemacht und den Tatbestand erkannt hat, daß auf allen Lebensgebieten für das ewige Leben nichts oder wenig herauskommt, dann will es anfangen, zu tun und zu wirken und zu schaffen. Der Herr aber sagt: “Nicht durch Macht und nicht durch Kraft”, und weiter: “Wer bist du, großer Berg, vor Serubbabel?” Wenn Gott Bilanz macht über unser Leben, dann sehen wir uns unten im Tal und rings um uns lauter unerreichbar hohe Berge. “Wer bist du, großer Berg, vor Serubbabel? Zur Ebene sollst du werden!” Das heißt: Gott bringt mich höher auf die Berge. Er läßt mich wachsen zu Ihm hin, so daß die Berge gleichsam zur Ebene werden und ich oben auf dem Berge mich befinde. So etwas kann Gott mit denen vollbringen, die sprechen: “Herr Jesus, ich möchte in die zweite Errettung, die Errettung von mir selbst gelangen. Ich selbst vermag das nicht, aber ich baue auf Deinen Geist!” — Kann denn der Geist solche Dinge vollbringen? In Apostelgeschichte 8, 39 wird der Philippus durch den Geist des Herrn von Gaza an einen anderen Ort getragen. Der Geist kann selbst körperliche Dinge vollbringen, wie sollte Er dann innere Dinge nicht auch vollführen können?
“Wer bist du, großer Berg, vor Serubbabel?” Wir sagen: Ich soll anders werden können? Ich soll aus meiner Haut fahren? Das ist meine Veranlagung; das ist meine Erbmasse; so bin ich erzogen worden; da haben schon die Eltern an mir gesündigt usw. So kann man endlos Gegenargumente aufführen, die eine gewisse Berechtigung haben mögen. Wenn uns aber Gott von uns selber erretten soll, dann müssen wir uns den Blick auf Ihn schenken lassen. Er wird den Schlußstein herausbringen unter lautem Zuruf: Gnade, Gnade ihm! (Sach. 4, 7). Was ist wohl unter dem Schlußstein zu verstehen? Der Maurer baut ein Gewölbe, und am Schluß setzt er den Schlußstein, Königstein oder Gipfelstein hinein; der hält das ganze Mauerwerk zusammen. Je höher Gott baut, auch in unserem Leben, um so gefährlicher wird’s; da kann man Angst bekommen, abzustürzen, rückfällig zu werden. Dann aber kommt die Gnade Gottes zu dem, der sich demütigt und sagt:
“Ich kann mich nicht mehr selber führen,
Du sollst als Hirte mich regieren.”
Dann kommt Christus als der Schlußstein oder Gipfelstein in unser Leben hinein.
Jetzt gehen wir wieder in den 2. Abschnitt von Haggai (1, 12) zurück und lesen dort: “Und Serubbabel … und Josua … und der ganze Überrest des Volkes hörten auf die Stimme Jehovahs, ihres Gottes, und auf die Worte des Propheten Haggai, so wie Jehovah, ihr Gott, ihn gesandt hatte; und das Volk fürchtete sich vor Jehovah.”
Die moderne Menschheit von heute kennt wohl die Massenangst, aber die Einzelfurcht ist nicht mehr da. Die Jugend hat keine Furcht mehr vor dem Alter, die Untergebenen haben keine Furcht mehr vor dem Vorgesetzten. Wer Gott nicht fürchtet, hat auch keine Ehrfurcht vor den Menschen mehr. Weil die modernen Regierungen Gott nicht mehr fürchten und Seine Gesetze in ihre Tätigkeit nicht einbeziehen, deshalb entzieht Gott ihnen die segensreichen Auswirkungen Seiner Gesetze, nämlich Autorität und Ordnung und Wohlstand. Hier aber lesen wir: Sie hörten die Stimme Jehovahs, und sie fürchteten sich. Wir lesen dazu Jeremia 5, 21 bis 22: “Höret doch dieses, törichtes Volk ohne Verstand, die Augen haben und nicht sehen, die Ohren haben und nicht hören. Wollt ihr mich nicht fürchten, spricht Jehovah, und vor mir nicht zittern, der ich dem Meere (dem Völkermeer) Sand (nämlich Israel) zur Grenze gesetzt habe, eine ewige Schranke, die es nicht überschreiten wird? Und es regen sich seine Wogen, aber sie vermögen nichts, und sie brausen, aber überschreiten sie nicht.” Dies ist, prophetisch gesehen, eine wunderbare Aussage: Auch wenn die Wogen des Völkermeeres noch so arg gegen den Sand Israel brausen, die Dämme halten, sie werden nicht überflutet, die Nationen werden Israel nicht zu Boden werfen können.
Haggai 1, 14-15: “Und Jehovah erweckte den Geist Serubbabels, des Sohnes Schealtiels, des Landpflegers von Juda, und den Geist Josuas, des Sohnes Jozadaks, des Hohenpriesters, und den Geist des ganzen Überrestes des Volkes; und sie kamen und arbeiteten am Hause Jehovahs der Heerscharen, ihres Gottes, am 24. Tage des 6. Monats, im 2. Jahre des Königs Darius.”
Jehovah erweckte den Geist Serubbabels. Wo unser Geist, der natürliche Menschengeist, allein waltet, da kann er nur menschliche Konzeptionen verwirklichen und menschlichen Erwartungen entsprechen. Erst wenn der Geist Gottes kommt, ist eine andere Macht vorhanden, verspüren wir andere Wirkungen.
Wann geschieht denn eine solche Erweckung? Viele beten ja um eine Erweckung. Das hebräische Wort für “erwecken” hat im Hebräischen den Zahlwert 276. Diese Zahl bedeutet Schwangerschaft. Dazu will ich einmal 1. Mose 1, 2 lesen: “Die Erde war wüst und leer” (ähnlich, wie es auch in den Tagen Serubbabels in Jerusalem ausgesehen hat), “und Finsternis war über der Tiefe, und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.” Das hebräische Wörtlein für “schweben” kann bedeuten: schweben, sanft bewegen, zittern, brüten. Wenn der Geist Gottes über unserer Versammlung schwebt, dann herrscht eine gute Atmosphäre; wenn Er eine sanfte Bewegung vollzieht, daß die Herzen berührt werden, dann ist schon ein kleines Wachstum vorhanden; wenn Menschen anfangen zu zittern (”Wollt ihr vor mir nicht zittern?”; Jer. 5, 22), dann ist Sein Einfluß noch stärker; und wenn es gar zum Brüten kommt, dann will der Heilige Geist Herrlichkeit ausbrüten; denn Er will ja Christus in uns verherrlichen (Joh. 16, 14). So nur kommt Leben in uns hinein, wie es in Haggai 1, 14 gesagt ist: “Und Jehovah erweckte den Geist Serubbabels.”
Was sagt uns der 2. Abschnitt des Propheten Haggai? Eine innere Erneuerung geschieht, wenn der Heilige Geist über uns kommt. Es findet dann eine Zeugung und Schwangerschaft statt. Eine solche Zeugung des Heiligen Geistes geschieht dann in meinem Leben, wenn Er so mächtig wird, daß Er meinen Geist überschattet (Luk. 1, 35). Dann kann mein Geist manche Dinge lassen, weil der Heilige Geist mir etwas Besseres bietet.
Die letzte Frage in diesem Zusammenhang lautet: Wie kann der Heilige Geist in unserem Leben gemehrt werden? — 1. Thessalonicher 5, 18.19 sagt uns: “Danksaget in allem, denn dieses ist der Wille Gottes in Christo Jesu gegen euch. Den Geist dämpfet nicht.” Wenn wir also nicht danksagen, dann dämpfen wir den Geist Gottes, dann wird es nie Neuzeugungen des Heiligen Geistes in unserem Leben geben. — Als zweites Wort lesen wir dazu Epheser 4, 29.30: “Kein faules Wort gehe aus eurem Munde, sondern das irgend gut ist zur notwendigen Erbauung, auf daß es den Hörenden Gnade darreiche. Und betrübet nicht den Heiligen Geist Gottes.” Der Herr Jesus hat Worte der Gnade geredet und kein faulendes Wort. Unnötiges Geschwätz betrübt den Heiligen Geist. Wie schön ist es, wenn man in eine solche Versammlung hereinkommt, wie wir sie heute haben dürfen, und es ist ganz still! Oftmals beten die Geschwister um eine gesegnete Stunde, aber gleich am Anfang wird die gesegnete Stunde “totgeschwätzt” und “totgelärmt”! An diese große Gefahr wollen wir uns immer wieder erinnern lassen. — Eine weitere Stelle über die Mehrung des Heiligen Geistes finden wir in Apg. 5, 32: “Und wir sind Zeugen von diesen Reden, aber auch der Heilige Geist, welchen Gott denen gegeben hat, die Ihm gehorchen.” — Und als viertes und letztes Wort nenne ich Johannes 6, 63 — das ist der 276. Vers im Johannesevangelium, und 276 ist, wie wir gesehen haben, die Zahl der Schwangerschaft: “Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben.” Da haben wir also eine biblische Gleichung vor uns:
Wort = Geist
Wir können also eine Mehrung des Heiligen Geistes erfahren
- durch Danksagung. Wie wichtig ist doch die Danksagung. Wir haben für so viele Dinge zu danken! Leider nehmen wir sie meistens als selbstverständlich hin und kommen erst zum Aufmerken, wenn sie nicht mehr da sind;
- indem wir uns vor faulem und unnötigem Geschwätz hüten;
- indem wir gehorsam sind, und
- durch das Lesen des Wortes.
Der 2. Abschnitt in Haggai, in dem wir uns befinden, hat es zu tun mit der Erneuerung durch den Geist. Alles göttliche Leben fängt im Geiste an, und wenn der Geist nicht erneuert ist, gibt es auch keine erneuerten Willensbildungen. In der Seele entstehen unsere Willensentschlüsse, wobei aber alle drei Bereiche des Menschen beteiligt sind: Der Geist macht mit, das Fleisch bzw. der Leib macht mit, und die Seele selber übt ihren Einfluß aus. Die Welt schiebt durch unsere fünf Sinne ihre Diapositive, ihre Bilder in den Projektionsapparat unseres Lebens herein, und sie beeinflussen unsere Seele. Unser Geist ist der elektrischen Lampe beim Projektionsapparat vergleichbar; er beleuchtet die Dinge kritisch, die da hereingeschoben worden sind, und dann kann es einen Kampf geben zwischen Geist und Fleisch, wobei auch die Seele noch mitspricht; und irgendwie entstehen dann aus einem Knäuel von drei Beeinflussungen (Geist, Seele, Leib) unsere Willensentschlüsse. Maßgebend für unsere Willensentschlüsse ist aber von den drei Sektoren der Geist. Und das zweite, was Gott nun nach der Klärung des Tatbestandes mit uns unternimmt — jetzt bin ich wieder bei Haggai — ist die Erneuerung durch den Geist. Denn der zeugende, der maßgebende Faktor bei unseren Willensentschlüssen ist der Geist — entweder der böse Geist oder aber der Heilige Geist, je nachdem.
Wann hat denn Gott den Geist Serubbabels erweckt? Zunächst geschah das Wort Jehovahs zu Serubbabel am 1. Tage des 6. Monats im 2. Jahre des Königs Darius. Wann aber hat Gott seinen Geist erweckt? Das hat nicht gleich gezündet. Man muß die Botschaft immer wieder hören. Die Initialzündung erfolgt dann, wenn der Funke des Heiligen Geistes auf unseren Geist übergesprungen ist, so daß unser Geist sich dem Heiligen Geist unterstellt und sagt: “Ich will mich nicht mehr selber führen; Du (der Heilige Geist) sollst als Hirte mich regieren.”
Wie lange dauerte es bei Serubbabel vom Hören der ersten Botschaft bis zum Erwecktwerden seines Geistes, vom ersten Reden Gottes bis zum Tun? Wir können es nachlesen in den Versen 1, 14 und 15 von Haggai 1. Zwischen dem 1. und dem 24. Tag des 6. Monats liegen 23 Tage. 23 aber ist die Zahl der Zeugung. Wenn man die Zahlen von 1 - 23 zusammenzählt, dann kommt 276, die Zahl der Schwangerschaft, dabei heraus.
Wir sind eine Dreisektorenstadt: Geist, Seele, Leib. Bei der Bekehrung bekommen wir einen neuen Geist. Unser Leib aber ist noch der alte, er liegt noch im Tode. Der Leib beeinflußt nun die Seele vom Natürlichen her negativ, der Geist positiv. Die Seele ist der Kampfplatz zwischen Geist und Leib. Wenn wir einmal “en atomo” (in einem Augenblick) nach 1. Kor. 15, 51 einen neuen Leib bekommen, dann wird dieser neue Leib keine negativen Einflüsse mehr aussenden, der neue Geist tut es sowieso nicht, und so wird dann kein Kampf mehr sein, und “kein Fremder wird Jerusalem mehr durchziehen”, das heißt für uns: Kein fremder Gedanke wird mehr in unsere Seele kommen (Joel 3, 17).
3. Abschnitt: Verherrlichung (Kap. 2, 1-9)
Im ersten Abschnitt ging es um den Tatbestand: Gott will immer einen klaren Startpunkt haben, nichts Verschwommenes. Der zweite Schritt war die Erneuerung durch den Geist: dann ist wenigstens der Geist erneuert, der Leib aber noch nicht. Nun kommt ein dritter Abschnitt: Verherrlichung.
Welches Bild benützt Gott in Haggai, um den Tatbestand, die Erneuerung und jetzt die Verherrlichung darzustellen? Er benützt den Tempel in Jerusalem. Welches war der Tatbestand? Nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft fanden die Juden einen in Trümmern liegenden Tempel vor. So liegt unser Leben, ehe wir vom falschen auf das richtige Ufer hinüberwechseln, eben auch in Trümmern. Worin besteht die Erneuerung? In dem Willen, den Tempel wieder zu bauen. Denn im 1. Abschnitt muß Haggai ja den zurückgekehrten Juden den Vorwurf machen, daß sie alle nur für ihre eigenen Häuser besorgt sind, während der Tempel wüst liegt. Alle suchen das Ihre.
Im 3. Abschnitt sehen wir nun einen dritten Schritt Gottes: die Verherrlichung. Wozu dient denn in der Bibel die Verherrlichung? Dient sie dazu, daß wir herrlich dastehen, stolz und geschmückt? Was ist das Wesen der Verherrlichung? Wozu macht Gott Menschen herrlich? Ich gebe die Antwort aus Römer 6, 4: “So sind wir nun mit Ihm begraben worden durch die Taufe hinein in den Tod, auf daß, gleichwie Christus aus Toten auferweckt worden ist durch die Herrlichkeit des Vaters, also auch wir in Neuheit des Lebens wandeln.” Wozu dient also die Herrlichkeit? Zur Auferweckung. Durch Herrlichkeit werden wir wach und stehen auf.
Es kommt vor, daß die Mutter den Josef oben im Bett wohl zehnmal rufen muß, bis er um 6 Uhr morgens endlich aufsteht, zuletzt muß sie mit dem Besenstiel kommen. Am andern Tag aber hat der Josef Betriebsausflug, da fährt man um 6 Uhr früh mit dem Bus los an den Bodensee. Der Bub geistert schon um 4 Uhr im Hause herum: “Mutter, ist’s noch nicht Zeit?” Er ist ganz früh aufgestanden, weil er einen herrlichen Tag vor sich hat. Herrlichkeit bewirkt Auferstehung. Wie können wir aber geistlich auferstehen, ein Auferstehungsleben führen, wenn unser Geist nur immer die Bilder des Irdischen der Seele vorhält? Erst wenn der Geist Positives, Göttliches in unser Inneres hereinschickt, können wir das Negative — Müdigkeit, Faulheit, Trägheit usw. — überwinden.
Nun Haggai 2, 1: “Im 7. Monat, am 21. des Monats …” Eigenartig, daß da immer die Tage so genau genannt werden! Nach Kap. 1, 1 und 1, 15 ist das nun schon die dritte derartige Angabe. Was will uns das sagen? Der 7. Monat ist im Hebräischen der Ethanim. In Kap. 1, 1 und 1, 15 wurde der 6. Monat genannt, der Elul, der Erntemonat. Wenn ich im geistlichen Leben eine Ernte einbringen will, dann muß ich alle dre Sektoren mobilisieren: Geist, Seele und Leib. Auf dem alten Boden kann ich nicht ernten. Da muß ich zuerst in meinem Leben den Tatbestand feststellen, Bilanz machen, dann muß es zu einer Erneuerung des Geistes und zur Herrschaft des Geistes über das Fleisch kommen. — Auf den 6. Monat folgt dann der 7. Monat, das ist der Ethanim, der Beständige oder Immerfließende (siehe “Die Namen der Bibel und ihre Bedeutung im Deutschen”, Paulus-Verlag). Er heißt deshalb so, weil in der heißen Zeit des Jahres (September) nur die größeren Flüsse beständig Wasser führen, während die kleinen versiegt und zu Wadis, Trockentälern, erstarrt sind. — Zur Verherrlichung braucht man überströmende, überfließende Gnade. Wie kommt man dahin? Die Zahl 7 ist die Zahl des Glaubens (von unten) und der Vollständigkeit (von oben). “Im 7. Monat, am 21. des Monats …” Die Zahl 21 bedeutet Entscheidung. Auch der Name “Haggai” hat, wie wir gesehen haben, den Zahlwert 21. Jetzt geht es also um eine Entscheidung. Jetzt wird der Glaube ins praktische Stadium eintreten müssen. Jetzt genügt es nicht mehr, daß der Geist erweckt wird (Kap. 1, 14), daß der Josef droben im Bett wach wird und “Ja” schreit, nachdem die Mutter zehnmal gerufen hat; jetzt muß er die Füße über die Bettkante bekommen, er muß handeln, muß aufstehen. Durch den Glauben muß es zu einer Entscheidung kommen, die zum Handeln führt.
Jetzt frage ich: Wie lange hat denn Gott gewartet von Seinem ersten Reden (Kap. 1, 1) bis zu Seinem zweiten Reden (Kap. 2, 1)? Genau 50 Tage: vom 1. Tag des 6. Monats bis zum 21. Tag des 7. Monats. 50 ist die Zahl der Vereinigung, Verbindung (siehe Pasedag, Bibelzahlenkunde); diese Zahl erinnert uns an Pfingsten sowie an das Hall- und Jobeljahr in Israel. — Was bringt nun die Verbindung zwischen dem ersten und dem zweiten Reden Gottes? Die Entscheidung zur Tat, so daß ich endlich anfange zu bauen. Vorher, in Kapitel 1, war nur Mut gemacht worden zur Tat. Nun, am 21. des 7. Monats, muß die Entscheidung zur Tat kommen. Gott stellt uns nicht immer kurz und hart und schroff nur ein einziges Mal vor die Entscheidung, sondern sagt uns zweimal oder dreimal, was wir zu tun haben. “Siehe, das alles tut Gott zwei-, dreimal mit dem Manne, um seine Seele abzuwenden von der Grube” (Hiob 33, 29-30).
Wie versucht denn Gott beim zweitenmal, die Juden aufzuwecken, den Tempel zu bauen? Beim erstenmal führte Er ihnen vor Augen, daß all ihr Tun nur ichsüchtig war; sie alle suchten ihre eigenen Häuser zu bauen, nicht das Haus des Herrn. Nun, beim zweiten Reden, stellt Er die rhetorische Frage (Haggai 2, 3): “Wer ist unter euch übriggeblieben, der dieses Haus in seiner früheren Herrlichkeit gesehen hat? Und wie seht ihr es jetzt? Ist es nicht wie nichts in euren Augen?” Jetzt will er sie anregen und ermuntern durch eine innere Spannung. — Vers 4: “Und nun sei stark, Serubbabel, … und sei stark, Josua, … und seid stark, alles Volk!” Das hebräische Wort für “stark” hat den Zahlwert 115, das ist zugleich der Zahlwert des griechischen Wortes “ekklesia” = Gemeinde. 115 ist 5mal 23, also die Zahl der Gnade (5) multipliziert mit der Zahl der Zeugung (23), das sind die durch Gnade Gezeugten, die Gotteskinder.
Das ganze Volk wird nun aufgerufen: “Seid stark!” Dasselbe finden wir bei den Jünglingen in 1. Johannes 2, 14: “Ich habe euch, Jünglinge, geschrieben, weil ihr stark seid.” Das griechische Wort für “stark” hängt mit “haben, vermögen” zusammen: “weil ihr etwas habt”. Was haben die Gotteskinder? Ein Reservoir an Kraft, an göttlicher Energie. Wenn ich unser Liederbuch 1 Meter hoch hebe — es wiegt vielleicht 200 g —, dann habe ich eine Arbeit von 200 g/m geleistet. Diese Arbeit steckt nun in dem Buch, und wenn das ein Maikäfer unten auf dem Tisch nicht glauben wollte, und ich ließe das Buch fallen, so würde er auf seinem Rücken spüren, daß da eine Ladung, ein Reservoir an Kraft vorhanden war. Droben nennt man sie potentielle oder Lage-Energie, ein Vermögen an Kraft; wenn ich das Buch fallen lasse, verwandelt sich die potentielle Energie in kinetische, d. h. Bewegungs-Energie. — Die in 1. Johannes 2, 14 genannten Jünglinge haben ein Reservoir an Kraft, wie ein Wasser-Reservoir, aus dem man durch Röhren das benötigte Wasser geliefert bekommt. Die Aufforderung in Haggai 2, 4 “Seid stark” heißt also: Habt einen Vorrat an geistlicher Energie, eine geistliche Potenz, ein Vermögen an Kraft. Wie gut ist es, auch ein Reservoir an Gottesworten und Liedversen im Gedächtnis zu haben, so daß einem aus der Potenz des geistlichen Wortes und Liedes etwas zufließen kann. Früher wurde man in der Schule auf die Finger geklopft, wenn man den Vers “O Gott, Du frommer Gott” nicht auswendig gelernt hatte. Nun, da war etwas Gutes daran; das ist die unterste Stufe, die Gesetzesstufe. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht (Matth. 4, 4). Der in mir lebende Christus, der in der Bekehrung Einzug halten will und Einzug gehalten hat, der verkümmert und verhungert gleichsam, wenn ich nicht eine Potenz, einen Vorrat geistlichen Brotes lagere, so daß er sich vom Brot des Lebens nähren kann.
In Haggai 2, 5 heißt es deshalb: “Das Wort, welches ich mit euch eingegangen bin, als ihr aus Ägypten zoget, und mein Geist bestehen in eurer Mitte: fürchtet euch nicht!” Gott hat uns ja nicht einen Geist der Furchtsamkeit gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (2. Tim. 1, 7).
Und nun kommt die Verherrlichung, Haggai 2, 6-7: “Denn so spricht Jehovah der Heerscharen: Noch einmal, eine kleine Weile ist es, da werde ich erschüttern den Himmel und die Erde und das Meer (die Völkerwelt) und das Trockene (Israel). Und ich werde alle Nationen erschüttern; und das Ersehnte aller Nationen wird kommen, und ich werde dieses Haus mit Herrlichkeit füllen, spricht Jehovah der Heerscharen.”
Das griechische Wort für “erschüttern” hängt zusammen mit dem Seismographen, dem Erdbebenmesser; bei uns in Stuttgart steht er in der Universität in Hohenheim. Was wird Gott erschüttern? Den Himmel, die Erde, das Völkermeer und Israel. Und dann wird das “Ersehnte aller Nationen” kommen. Es wird nicht mehr viele Jahre dauern, bis die Nationen merken, daß alle ihre Politiker die heutigen Probleme nicht lösen können; dann ersehnen sie sich jemand, und der Gegenbieter Gottes, der Satan, bietet ihnen dann den Antichristen, den Anstatt-Christus, an, auf den sie alle hereinfallen. Das Wörtlein “ersehnt” heißt auch “begehrt”, es hängt zusammen mit “Kostbarkeit” und hat den Zahlwert der Schlange, 57! Sie fallen auf die Schlange herein, und statt daß der Christus kommt, kommt zunächst die Schlange.
“Ich werde dieses Haus mit Herrlichkeit füllen.” Unser Leben wird mit einem Hause verglichen, und die Seele ist der Sitz der Persönlichkeit. Wann wird die Seele nur noch mit Herrlichkeit erfüllt sein? Wenn nicht mehr die “Vögel des Himmels” (Matth. 13, 32) über mir dahinfliegen oder auf meinem Haupte Nester bauen, wenn vielmehr alle meine Bereiche, alle Sektoren (Leib, Seele, Geist) dem Herrn geheiligt sind.
“Mit Herrlichkeit füllen” — dazu müßte man Hebräer 9, 1-5 lesen und etwas sagen über das Heiligtum, unseren jetzigen Leib darstellend, und über das Allerheiligste, das den künftigen Leib darstellt. Im Hebräischen hängt das Wort für Herrlichkeit mit “schwer sein” und mit “Gewicht” zusammen: es ist eine gewichtige Herrlichkeit (2. Kor. 4, 17). Ich kann darüber jetzt nur Andeutungen machen; vielleicht ermuntert das zum Forschen.
Haggai 2, 9: “Die letzte Herrlichkeit dieses Hauses wird größer sein als die erste, spricht Jehovah der Heerscharen; und an diesem Orte will ich Frieden geben, spricht Jehovah der Heerscharen.” Die letzte Herrlichkeit dieses Hauses, meines Leibes, nämlich die des himmlischen Leibes (1. Kor. 15, 40.44.48), wird größer sein als die erste, die jetzige Herrlichkeit. “Und an diesem Orte will ich Frieden geben.” Das ist, prophetisch gesehen, Jerusalem; für mich persönlich aber bedeutet es: In meinem Herzen will Gott Frieden geben. Gott ist ja ein Gott des Friedens (1. Kor. 14, 33), und als der Gott des Friedens will Er uns völlig heiligen (1. Thess. 5, 23).
4. Abschnitt: Erfüllung (Kap. 2, 10-23)
Der Weg führt im Propheten Haggai vom Tatbestand über die Erneuerung und die Verherrlichung zur Erfüllung. Der Tatbestand war negativ. Die Erneuerung des Geistes und die Verherrlichung bringen mich wohl in ein gutes und positives Denken hinein; aber in der Praxis fehlt noch etwas. Da muß noch die Erfüllung dazukommen.
Nun wird uns wieder ein Datum genannt (Verse 10 und 18): der 24. des 9. Monats im 2. Jahre des Darius. Wir fragen zunächst: Wie lange hat es gedauert vom ersten Reden Gottes (Haggai 1, 1) bis zum dritten Reden (2, 10)? 113 Tage hat Gott vom ersten bis zum dritten Reden gewartet. (Die Monate sind in biblischer Weise zu je 30 Tage gezählt; siehe Offb. 11, 2.3; 12, 6.14; 13, 5: 42 Monate sind 1260 Tage.) Was für eine Bedeutung hat die Zahl 113? Sie bedeutet Zuflucht (Pasedag, Bibelzahlenkunde). Zum Beispiel kommt das Wörtlein Haus (griech. oikos) 113mal im Neuen Testament vor. Ein Haus ist eine Zufluchtsstätte. Das hebräische Wort für Zuflucht hat den Zahlwert 113. Nach 113 Tagen redet Gott zum drittenmal. Nun will Er den Seinen eine Zuflucht sein.
Ähnlich wie in Kap. 1, 5 und 7 heißt es nun zweimal (Kap. 2, 15.18): Nun richtet doch euer Herz auf die Zeit von diesem Tage an und aufwärts! Nun beginnt etwas Neues. Vorher hat Gott Sein Volk mit Kornbrand und Vergilben und Hagel geschlagen; die Saat ist noch auf dem Speicher, denn man hat nicht einmal gesät; ja sogar der Weinstock der Freude und der Feigenbaum der Fruchtbarkeit und der Granatbaum der Liebe und der Olivenbaum des Geistes haben nichts getragen (Kap. 2, 17.19). Nun aber verheißt Gott (V. 19): “Von diesem Tage an will ich segnen.” Das muß also ein besonderer Tag sein! Graf Gelesnoff, ein russischer Bruder, hat an Hesekiel 24, 1.2 erinnert, wo wir lesen: “Und das Wort Jehovahs geschah zu mir im 9. Jahre, im 10. Monat, am 10. des Monats, also: Menschensohn, schreibe dir den Namen des Tages auf, dieses selbigen Tages! An diesem selbigen Tage rückt der König von Babel gegen Jerusalem heran.” Was hat denn mit diesem Tag begonnen? Die siebzigjährige babylonische Gefangenschaft der Juden. Diesen Tag kann man errechnen. Wenn man diesen Tag mit dem in Haggai 2, 10.18-20 genannten Tag vergleicht, so liegen nach Gelesnoff genau 25.200 Tage dazwischen. Wenn man diese Zahl durch das biblische Jahr dividiert, das nicht 365, sondern 360 Tage hat, so kommen genau 70 Jahre heraus. Daher sagt Gott durch Haggai: Von diesem 24. des 9. Monats im 2. Jahr des Darius an will ich segnen; da hört gleichsam die Gefangenschaft auf (nach Robert Anderson: The coming Prince, London 1898, Seite 70).
Noch ein letztes Mal redet der Herr zu Haggai. Er will Seinem Vol eine Zuflucht sein, auch wenn Er die folgenden Gerichte kommen läßt: Er will
- den Himmel und die Erde erbeben lassen;
- den Thron der Königreiche umstürzen;
- die Macht der Königreiche der Nationen vernichten;
- die Streitwagen umstürzen und die darauf fahren; und
- die Rosse und ihre Reiter sollen hinfallen, ein jeder durch das Schwert des anderen (2, 21-22).
“An jenem Tage, spricht Jehovah der Heerscharen, werde ich dich nehmen, Serubbabel, … und werde dich wie einen Siegelring machen, denn ich habe dich erwählt, spricht Jehovah der Heerscharen” (2, 23). Wißt ihr, wann unsere Erwählung uns erst richtig zum Bewußtsein kommen wird? Am Tage des Gerichtes Gottes über die übrige Welt. Dann sind wir froh, wenn wir die erste Errettung geschenkt bekamen, und wenn wir im Blick auf die Angebote Gottes zur zweiten Errettung, zur Errettung von uns selbst, positive Entscheidungen getroffen haben. Denn dann wird unsere Hauptstadt, unser Jerusalem, unser Herz wirklich frei sein.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 1 & 2/1984; Paulus-Verlag, Heilbronn)


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