Vom Dienst des prophetischen Wortes heute
Autor: Schard, Joachim | Kategorie(n): Das prophetische Wort | 604 x gelesenDie Kreise, in denen heute das prophetisch-heilsgeschichtliche Wort wertgeachtet wird — Christliche Allianz, Langensteinbacherhöhe, »Offener Kreis«, Deizisau u.a.m. — sehe ich in einem geschichtlichen Zusammenhang, den ich hier kurz aufzeigen möchte.
Beginnen müssen wir da bei Johann Albrecht Bengel, dem bekanntesten Theologen Württembergs. Er war nach der Reformation bahnbrechend in der Erkenntnis, daß wir in der Bibel nicht nur eine Sammlung von Büchern und Sprüchen haben, sondern daß sie ein ganzes, zusammenhängendes, sich gegenseitig ergänzendes Buch ist. Gott hat uns in diesem Buch Seinen Plan mit Seiner Schöpfung bis zur Weltvollendung geoffenbart. Diesen Plan verwirklicht Er durch Jesus Christus in einer Reihe verschiedener Haushaltungen oder Zeitalter. Bengel hatte auch eine Reihe von Schülern: z. B. Roos, Burk, Hiller und Oetinger, die zu den sogenannten Schwäbischen Vätern gehören. Ein wichtiger Theologe in der Fortsetzung dieser Geschichte war Tobias Beck (1804 - 1878). Der Theologe Hans Joachim Kraus sagt von ihm: »Erst in Johann Tobias Beck stand aus der Tradition dieses theologischen Lehrkreises ein Gelehrter auf, der die Grundgedanken des biblischen, heilsgeschichtlichen Systems vom akademischen Lehrstuhl in alle Lande verbreitete. Seine geistige Heimat war die von Johann Albrecht Bengel (1687 - 1752) gestaltete biblisch-heilsgeschichtliche Theologie, deren Zentrum das Reich Gottes ist.« Bei Tobias Beck in Tübingen studierte auch der spätere Professor Ernst F. Ströter (1846 - 1922). Beck übte besonderen Einfluß auf den jungen Studenten aus. Nachdem Ströter als Pastor der Methodistenkirche, Professor und Judenmissionar in Amerika tätig war, kam er 1899 nach Europa zurück. Er gehörte hier zu den Vätern der Gemeinschaftsbewegung. Nuelsen, der erste Bischof der Methodistenkirche in Europa, war sein Schwiegersohn. Ab 1907 gab Ströter die Zeitschrift »Das Prophetische Wort« heraus, in der er der glaubenden Gemeinde zusammen mit anderen Mitarbeitern das prophetische Wort der Bibel nahebringen wollte. 1922 übergab Professor Ströter die Herausgabe der Zeitschrift dem Pastor der Methodistenkirche, Direktor Heinrich Schaedel. Dieser übergab 1938 den beiden Lehrern Karl Geyer und Adolf Heller die Schriftleitung. Nach dem II. Weltkrieg gaben ab 1949 Geyer und Heller die Zeitschrift unter dem Namen »Gnade und Herrlichkeit« heraus. Seit 1955 betreut Heinz Schumacher diese Zeitschrift. Aus diesen Kreisen heraus sind manche Freizeiten, Konferenzen, Bibelkreise und auch die Bibelkonferenzstätte Langensteinbacherhöhe entstanden.
Auch der von vielen geschätzte 1972 verstorbene Bibelausleger Heinrich Langenberg, der durch seine »Biblische Begriffskonkordanz«, die »Bildsprache der Apokalypse« und manche Auslegungen bekannt ist, will der Gemeinde das prophetische Wort nahebringen. In einem Vorwort zu einer von Langenbergs Schriften schreibt Pfarrer Fritz Rienecker: »Langenberg ist in der Schule der Beck’schen Theologie gebildet!« So gehen die Spuren über Bengel, Beck und Ströter in die heutige Zeit.
Welchen Dienst will uns nun das Prophetische Wort tun? Der Apostel Petrus sagt dazu in seinem letzten Brief: »Wir haben desto fester das prophetische Wort, und ihr tut wohl, daß ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe …« (2. Petr. 1, 19).
1. Wir brauchen den Dienst des prophetischen Wortes, weil es Licht im Dunkel der Weltzeit ist
Woran sollen wir uns orientieren? An den Zeitströmungen oder unserem Gutdünken? Das weissagende Wort der Bibel will uns Licht und Wegweisung geben, damit wir uns in aller Verwirrung nicht verwirren und verirren und den Weg zum Ziel finden. Auf der Hallig Norderoog an der Nordseeküste war 30 Jahre lang ein Vogelwart tätig. Man nannte ihn den Vogelkönig von Norderoog. In einer Nacht befand er sich mit einem Studenten auf dem Heimweg über das bei Ebbe trockene Watt. Nach jahrzehntelanger Erfahrung fühlte er sich völlig sicher, bei jeder Tag- und Nachtzeit den Weg über das Watt zu finden. Der Student aber hatte einen guten Kompaß besorgt. Von Zeit zu Zeit prüfte er die Richtung. Bald zeigte der Kompaß eine andere Richtung an, als der erfahrene Alte sie einschlug. Das beunruhigte den Studenten, der Vogelwart aber blieb gewiß, auf dem richtigen Weg zu sein. Schließlich trennten sich die beiden. Der Student folgte dem Kompaß und erreichte die Hallig. Der Alte verließ sich auf seine Meinung und Erfahrung und verfehlte das Ziel. Er ertrank in der steigenden Flut.
Unser Lebensweg gleicht auch einer Nachtwanderung mit vielen Gefahren. Als Kompaß zur Orientierung ist uns das prophetische Wort gegeben. Unser Denken, Fühlen und Meinen kann täuschen. Wer dieses Wort verachtet, gleicht einem Kapitän, der in dunkler, stürmischer Nacht den Kompaß über Bord wirft und nun orientierungslos umhergetrieben wird.
2. Wir brauchen den Dienst des prophetischen Wortes, weil es uns zu Jesus, dem Mittelpunkt dieses Wortes, weist
Die kleine Nadel am Kompaß wird vom magnetischen Nordpol angezogen. Deshalb zeigt sie immer in diese Richtung. Darin liegt das Geheimnis, sich orientieren zu können. Jesus Christus ist Mittelpunkt und Herz des prophetischen Wortes. Im Alten Testament ist Er der Verheißene, in den Evangelien der Gekommene, die Apostel sehen Ihn als den HERRN zur Rechten Gottes, und die Offenbarung sieht Ihn als den kommenden Weltrichter und Vollender. So meint es auch der Apostel Petrus, wenn er in unserem Textwort vom festen oder befestigten Wort spricht. Es ist ihm befestigt, weil er auf dem heiligen Berg ein Augenzeuge der zukünftigen Herrlichkeit Christi war, als Jesus vor ihren Augen verwandelt wurde (Matth. 17, 1-8). So ist Petrus gewiß, als Vermächtnis der Gemeinde nicht Mythen, Fabeln und Träume, sondern feste, gewisse Zusagen zu verkündigen. Er ist gewiß, daß Christus alle geweissagten Verheißungen erfüllen wird. Petrus spricht in seinem ersten Brief davon, daß der Geist Christi in den Propheten war und diese von den Leiden, die auf Christus kommen sollten, und von der Herrlichkeit danach geweissagt haben. Dieses Wort will uns immer wieder neu und vertieft Verständnis geben für Jesus den Gekreuzigten und Auferstandenen und auch für Seine zukünftige Herrlichkeit. Pastor Wilhelm Busch hat in seinem Buch »Spuren zum Kreuz« an Geschichten im Alten Testament gezeigt, was sie uns vom Kreuz sagen. Zum Beispiel an der Opferung Isaaks. Wie leuchtet da doch der Vater auf, der seinen einzigen Sohn, den er liebhat, opfert! Oder denken wir an den großen Versöhnungstag (3. Mose 16), die eherne Schlange (4. Mose 21), die Höhle Adullam (1. Sam. 22) und vieles andere. Offenbarung 19, 10 steht: »Der Geist der Weissagung ist das Zeugnis Jesu.« Heißt das nicht auch: Das prophetische Wort hat Jesus Christus zu seinem Inhalt. Es will nicht unsere Neugier befriedigen, sondern uns zu Jesus ziehen und bei Ihm halten, wie die kleine zitternde Nadel des Kompasses vom magnetischen Nordpol angezogen wird.
3. Wir brauchen den Dienst des prophetischen Wortes, weil wir es mit einem listigen Feind zu tun haben
Zur Zeit des Propheten Elisa gelangen den Syrern immer wieder listige Pläne gegen Israel. Eines Tages war Israel gewarnt und darum wachsam, und so geschah es immer wieder. Die Einbruchstellen des Feindes waren bekannt. Das beunruhigte die Syrer. Sie meinten einen Spion in ihren Reihen zu haben, aber einer aus ihrer Mitte konnte Auskunft geben. Er sagte: Bei uns ist kein Spion, aber in Israel ist ein Prophet, der durchschaut unsere geheimsten Pläne. Nun wollten die Syrer dem Volk Gottes den Propheten nehmen, damit sie wieder blind für die Gefahren und Pläne des Feindes würden (2. Kön. 6, 8-13). Die Propheten wurden auch Seher genannt. Sie waren die Augen des Volkes und seine Wächter. Auch der Gemeinde unserer Tage möchte der Feind den Dienst des prophetischen Wortes nehmen, damit sie blind den Gefahren erliegt. Jeremia sagt in den Klageliedern (Kap. 2, 14) von den falschen Propheten: »Deine Propheten haben dir Nichtiges (Falsches) und Törichtes geschaut, und sie deckten deine Missetat nicht auf, um deine Gefangenschaft zu wenden.«
Zwei Beispiele sollen uns das deutlich machen. Der König Ahab ging falsche Wege. Am Ende seines Lebens wollte er einen Krieg führen. Seine 400 Propheten verhießen ihm einmütig Glück und Sieg. In Wirklichkeit schickten sie ihn in den Tod. Aber der lebendige Gott stellte ihm als letztes Warnzeichen den Propheten Micha in den Weg. Ahab sagte, er sei diesem gram, da er ihm nichts Gutes weissage. Aber hätte er Michas Wort ernst genommen, wäre es lebensrettend für ihn gewesen. Er mißachtete auch Gottes letztes Warnzeichen und endete, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, im Tod (1. Kön. 22). Als David in einer bösen Sache durch den Propheten Nathan mit den Worten »du bist der Mann« ins Licht gestellt war, beugte er sich und bekannte: »Ich habe gesündigt.« So empfing er Vergebung und kam wieder auf den richtigen Weg. Hierher gehört auch das Wort Sprüche 29, 18: »Wo keine Weissagung ist, wird das Volk wild und wüst.« Wenn das Wort in einem Volk keinen Raum mehr hat aufzudecken und zurechtzubringen, wird dieses Volk immer zügelloser. Ist das nicht auch ein Zeichen unserer Zeit?
Am gefährlichsten ist der Feind, wo er uns getarnt als Engel des Lichts und wo seine Diener uns als Prediger der Gerechtigkeit begegnen. Die Propheten Ahabs weissagten sehr eindrücklich, aber nicht durch Jahwehs Geist, sondern durch einen Lügengeist. Besonders wichtig wurde mir auch, daß die Bibel im Blick auf das Ende unserer jetzigen Weltzeit vom falschen Christus, seiner Anbetung, seinem Weltreich und vom falschen Propheten spricht. Jesus hat uns in Seiner Endzeitrede zuerst gewarnt: »Sehet zu, daß euch nicht jemand verführe.« Es ist z. B. nicht alles der Heilige Geist, was heute dafür ausgegeben wird. Deshalb bin ich auch bei der Charismatischen Bewegung kritisch im Blick auf den Geist, der hinter einer Bewegung steht und in ihr wirksam ist. Wir erleben in der Welt eine zunehmende Spiritualität. In letzter Zeit kommen sogar in Tageszeitungen Berichte, daß in manchen Kirchen in England, Kanada usw. Menschen in größerer Anzahl zu Boden stürzen — lachend, weinend oder schreiend — und dort längere Zeit liegenbleiben. Christen, die durch Jesusmärsche und Anbetungslieder, wie sie sagen, den Heiligen Geist freisetzen und eine große, ja die größte Erweckung aller Zeiten auslösen wollen, meinen, das sei das Kommen des Heiligen Geistes mit Power — Kraftwirkungen. Hier ist eine Verwirrung, daß man zwischen Geistermächten und dem Heiligen Geist nicht mehr unterscheiden kann. Die Antichristen kommen aus dem Christentum, und wir sollen nicht jedem Geist glauben, sagt uns der Apostel Johannes (1. Joh. 2, 18.19; 4, 1). So entwickelt sich aus einem großen, verfälschten Teil des Christentums das Antichristentum, und nur ein kleiner, unverfälschter Teil erweist sich in der Vollendung als echte Gemeinde. Sie ist Frucht und Ertrag für Jesus aus dieser Weltzeit. Noch ist beides miteinander im Ringen. Wir sind alle noch nicht am Ziel und können verführt werden. »Jesu, hilf siegen und laß mich nicht sinken, wenn sich die Kräfte der Lüge aufblähn und mit dem Scheine der Wahrheit sich schminken, laß doch viel heller dann Deine Kraft sehn! Steh mir zur Rechten, o König und Meister, lehre mich kämpfen und prüfen die Geister!«
4. Wir brauchen den Dienst des prophetischen Wortes, weil es uns Einblick in den ganzen Ratschluß Gottes geben will
Gott sagt durch den Propheten Jesaja, daß Er allein Gott ist und gar keiner ist wie Er. Das können wir auch daran erkennen, daß Er von Anfang an das Ende (Ziel) verkündigt und von alters her, was noch nicht geschehen ist. Dazu kommt, daß Gottes Ratschluß tatsächlich zustande kommt und Er all Seinen Willen und Wohlgefallen auch tut (Jes. 46, 9.10). Gottes Ratschluß ist kein bald vergessenes Wahlprogramm. Ihm kann auch keine Macht einen endgültigen Strich durch Seine Rechnung machen. Er hat uns die Bibel gegeben und uns in ihr Seinen Ratschluß wissen lassen. So hat das Alte Testament vorhergesagt, daß Christus von Juda und aus Davids Haus kommen werde, daß Er in Bethlehem geboren und unter die Verbrecher gerechnet sterben werde, aber im Grab eines Reichen in Seinem Tod liegen würde usw. Der letzte Prophet zur Zeit des AT, Maleachi, lebte etwa 400 Jahre vor dem Kommen Jesu. Erich Sauer hat in einem seiner Bücher aus der Tatsache den Schluß gezogen, daß wir genauso real mit der Erfüllung aller noch unerfüllten Weissagungen zu seiner Zeit rechnen dürfen.
Karl Geyer hat in dem neu aufgelegten Buch »Die Lebenswurzeln der Gemeinde« den Heilsplan Gottes sehr gut dargestellt. Er zeigt, wie Gott vor aller Zeit alles zuvorersehen hat, wie Er in und mit Seinem Sohn den Ratschluß der Weltzeiten gefaßt hat, und was Er durch Seinen Sohn zu Stand und Wesen bringen will. Er hat durch Seinen Sohn die Schöpfung und Erlösung der Welt durchgeführt und wird diese auch durch den Sohn vollenden. Zur Vollendung will Er auch Seine Werkzeuge, die Er sich in diesem Zeitalter bereitet, nämlich Israel und die Gemeinde, gebrauchen. Das geschieht nicht auf einmal, sondern in einer Reihe von Weltzeitaltern. Der Glaube braucht immer wieder neu den Blick in Gottes Gedanken und auf Seine Ziele. Hier liegt ja Sinn und Ziel unseres Lebens und der Weltgeschichte. Der Liederdichter sagt: »Wer hier ermüden will, der schaue auf das Ziel, da ist Freude.« Und auch das ist wichtig: »Wer das Ziel nicht kennt, kann den Weg nicht wissen.« Wer unterwegs ist und vergessen hat, wohin er will, der kann nur noch ziellos herumirren. Die Heilsgeschichte richtet unseren Blick auf die Gerichts- und Gnadenwege Jesu Christi, die zum Ziel führen.
Das Verständnis der Heilsgeschichte ist auch eine wichtige Orientierungshilfe. Einige Beispiele sollen das verdeutlichen. Die Jünger haben Jesus einmal nach dem Zeichen Seiner Ankunft und dem Ende des jetzigen Zeitalters gefragt. Zur Antwort Jesu gehört auch der Hinweis, daß falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun werden (Matth. 24). Der Apostel Paulus spricht in einem ähnlichen Kapitel (2. Thess. 2) davon, daß da eine Vorwegnahme der Ankunft Jesu geschehe, indem einer komme nach der Wirksamkeit Satans mit aller Macht und allen Zeichen und Wundern der Lüge in jeder Art von Betrug … Auch der Apostel Johannes spricht (Offb. 13) von dem falschen Propheten — was er verkündigt, ist das Gegenstück zum gottgegebenen prophetischen Wort —, der durch große Zeichen die Bewohner der Erde verführt. Obwohl nun die Bibel so deutlich und ernst warnt, gibt es heute eine Bewegung, die Zeichen und Wunder erwartet und erleben möchte, weit über die Wunderzeichen der Apostel hinaus. Das Beachten des prophetischen Wortes kann uns vor solcher Verführung bewahren.
Wo die Bibel von Abfall und gefährlichen Zeiten spricht, stellt man ein Programm »Evangelisation 2000« auf und will in dieser kurzen Zeit ganze Städte und Völker bekehren unter der Parole: Die ganze Kirche, das ganze Evangelium der ganzen Welt. Die Bibel sagt es anders. Sie sagt: Kirche und Welt werden reif zum Gericht, die Gemeinde wird gerufen und durch Leiden zur Herrlichkeit und Vollendung bereitet, und Israel wird aus langer Nacht und in höchster Not Erbarmen, Rettung und Wiederannahme finden. Die Wende der Geschichte und das Reich Gottes schafft nicht der Mensch, sondern der wiederkommende Herr. So kann das prophetische Wort uns einen wichtigen Dienst als Wächter und Wegweiser zu unserer Orientierung tun.
5. Wir brauchen den Dienst des prophetischen Wortes, um Hoffnung und Kraft zum Durchhalten bis ans Ziel zu haben
Die Bibel verschweigt uns nicht, daß die Zeit für den Glauben immer schwieriger wird, die Verführung zunimmt und wir durch viel Trübsal ins Reich Gottes eingehen müssen (Apg. 14, 22). Das Christsein und Christbleiben ist also eine Frage des Durchhaltens. Dazu brauchen wir Hoffnung und Kraft. Petrus sagt in unserem Textwort: »… bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.« Der Morgenstern kündigt, wenn die Nacht noch kalt ist, den kommenden Tag an. So soll der glaubenden Gemeinde durch das weissagende Wort im Dunkel der Weltzeit Mut, Hoffnung und Kraft geschenkt werden, und das, bis der Tag anbricht ins eigene Herz hinein. Mitten im Dunkel der Zeit soll ins eigene Herz und Leben das Licht der Hoffnung scheinen. Bruder Otto Voßeler, der viele Jahre, zuletzt in Langensteinbach, die Prophetischen Wochen leitete, hatte bei einer solchen Woche das Thema »Hoffnung, das Kernstück der Prophetie«. Wenn wir etwa den Propheten Hesekiel lesen, so finden wir in den ersten 24 Kapiteln schwere Gerichtsweissagungen an die Adresse Israels und Jerusalems gerichtet, aber am Ende des 24. Kapitels ist ein Einschnitt. Als Hesekiel hört, daß Jerusalem gefallen ist, wird ihm für die Gebeugten, Entronnenen der Mund geöffnet. Er darf ihnen Erbarmen und kostbare Heilszusagen verkündigen. Denken wir nur an Kapitel 34: »Ich will mich meiner Herde annehmen.« Oder denken wir an Kapitel 37. Israel, ein Feld voller Totengebeine, die sprechen: »Unsere Hoffnung ist verloren, wir sind dahin.« Hesekiel weissagt: »Siehe, ich werde euch aus euren Gräbern heraufkommen lassen, mein Volk. Ich werde meinen Geist in euch geben, daß ihr lebet …« Gehören da nicht die Millionen geschundener, verbrannter Juden dazu? Welche Hoffnung liegt in solch einem Kapitel! Eine Hoffnung, der die Erfüllung gewiß ist.
Pfarrer Philipp Nicolai, der Dichter der Choräle »Wachet auf, ruft uns die Stimme« und »Wie schön leuchtet der Morgenstern«, erlebte um 1600 in Unna in Westfalen eine schreckliche Pestzeit mit bis zu 30 Toten täglich. Auf der Suche nach Trost und Hoffnung für sich und seine Gemeinde bewegte er Tag und Nacht den Artikel vom ewigen Leben in seinem Herzen und durchforschte die Schrift, was sie davon bezeugte. Was ihm da geschenkt wurde, hat er aufgeschrieben und später als Buch mit dem Titel »Der Freudenspiegel des ewigen Lebens« herausgegeben. Da hat er auch erfahren, was Petrus sagt vom Morgenstern, der aufgeht in unseren Herzen. »Von Gott kommt mir ein Freudenlicht, wenn Du mit Deinem Angesicht mich freundlich tust anblicken. Herr Jesu, Du mein trautes Gut, Dein Wort, Dein Geist, Dein Leib und Blut mich innerlich erquicken.«
Amalie Sieveking, eine Bahnbrecherin weiblicher Diakonie, pflegte während einer Choleraepidemie 1831 in Hamburg die Kranken im Cholerahospital. Die Kraft zu solchem Dienst schöpfte sie aus den großen Verheißungen der Bibel. Sie selbst sagt in einem Buch über Denkwürdigkeiten aus ihrem Leben: »Dabei ist mir dann freilich auch mein fester Glaube an die endliche Bekehrung aller Sünder ungemein tröstlich und ermunternd. Ich weiß nicht, ob ich manchem Trunkenbolde, mancher liederlichen Dirne so mit willigem Herzen jeden Dienst der Krankenpflege hätte erweisen können, wenn mir nicht immer der Gedanke vorgeschwebt: Es kommt doch einmal die Zeit, da auch diese Seelen mit dir vereint am Thron Gottes anbeten werden.« Das Prophetische Wort gibt uns ja Ausblicke bis zum neuen Himmel und zur neuen Erde. Wer könnte das je aus sich wissen? Am weitesten schaut der Apostel Paulus. Er faßt in den drei Kapiteln Römer 9-11, in denen er prophetisch Gottes Geschichte mit Israel, der Welt und der Gemeinde schaut, die Geschichte der ganzen Schöpfung vom Ursprung bis zum Ziel in einem Satz zusammen: »Von Ihm und durch Ihn und für Ihn sind alle Dinge: Ihm sei die Herrlichkeit in die Ewigkeiten« (Röm. 11, 36).
Deshalb wollen wir uns von Petrus immer wieder daran erinnern lassen: »… Ihr tut wohl, daß ihr darauf achtet wie auf ein Licht am dunklen Ort.« So wollen wir im Blick auf viel Verwirrung in unseren Tagen uns Zeit nehmen zum Forschen im prophetischen Wort, von Mose über Jesaja und Daniel bis zu Jesus, Johannes und Paulus. Wir brauchen keine neuen Propheten, aber die bewährten alten gilt es immer wieder neu zu hören.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 2/1996; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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