Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Über den Glauben

Autor: Lubahn, Erich, Dr.  |  Kategorie(n): Gemeinde, Glaubensleben & Wandel, Lehre  |  673 x gelesen

(Nach einer Tonbandaufnahme)

Der Apostel Paulus spricht im 1. Timotheusbrief, Kap. 3, 9, von dem “Geheimnis des Glaubens”. Wenn es sich beim Glauben um ein Geheimnis handelt, ist es also nicht selbstverständlich, wenn wir im biblischen Sinne glauben. Wir bezeugen ein Geheimnis. Geheimnisse werden geoffenbart und geschenkt durch den Heiligen Geist. Möge er, der in unserer Mitte ist, vielen unter uns durch dieses Zeugnis etwas von dem Geheimnis des Glaubens offenbaren.

In dieser Welt gibt es Gläubige und Ungläubige. Ich will jetzt nicht von dem allgemeinen Glauben reden, den es in der Welt gibt — jeder Mensch hat irgendeinen “Glauben” —, sondern ich spreche vom biblischen Glauben, von dem von Gott geoffenbarten und geschenkten Glauben.

Glaube oder Unglaube — dabei geht es um Leben oder Tod. Wer glaubt, lebt; wer nicht glaubt, ist tot. In den letzten Tagen begegneten mir Menschen, von denen einer sagte: “Ich kann nicht glauben.” Ein anderer bekannte: “Ich kann nicht mehr glauben.” Wenn ein Mensch solches ausspricht, dann steht er nach meiner Erfahrung dem Glauben nicht fern. Der wirklich Ungläubige ist über seinen Unglauben nicht traurig. Alle, die mir in diesen Tagen etwas von ihrem Nichtglauben sagten, aber waren traurig. Ich konnte sie ermuntern, indem ich sie darauf hinwies: “Der Geist Gottes ist am Wirken.” Andererseits wäre es für manchen sogenannten Gläubigen nützlich, wenn er hier und da seinen Unglauben entdecken würde, um, durch die Entdeckung des Unglaubens aufgeschreckt, ganz neu zum Glauben zu kommen.

Am Ende der letzten Konferenz hier auf der Langensteinbacherhöhe sagten mir einige Teilnehmer in verschiedenen Formulierungen: “Ich bin gläubig geworden — ich kann glauben — ich kann wieder glauben.” Immer, wenn Gottes Wort gepredigt wird, hat es diese zweifache Absicht: entweder den Glauben zu erwecken oder den Glauben zu fördern, ihm Festigkeit zu verleihen.

Biblischer Glaube hat es mit dem Verhältnis zu Gott zu tun. Jemand sagte mir in diesen Tagen — und ich stimme ganz mit ihm überein —, daß wir oft geneigt sind, allzuschnell mit dem lieben Gott per Du zu sein, als sei Gott unser “Kumpel”. Lassen Sie mich einmal dieses derbe Bild gebrauchen. Tatsächlich fehlt es bei manchem, der sich gläubig nennt, an der Ehrfurcht vor Gott. Es gibt aber keinen biblischen Glauben ohne Gottesfurcht.

Es ist schon lange her, daß mich Gottes Geist zu Jesus, dem Sohne Gottes, bekehrte. Ende 1947/Anfang 1948 saß mir in der Bahn ein katholischer Pfarrer gegenüber. Wir kamen ins Gespräch über das Christentum und die Kirchen. Ich griff beides an. Er hatte kein Wort der Verteidigung, bezeugte aber seinen persönlichen Glauben. Das hat bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Zum Schluß des Gesprächs sagte ich: “Ich beneide Sie um Ihren Glauben.” Er erwiderte: “Wenn Sie ihn ehrlich begehren, wird Gott Ihnen diesen Glauben schenken.” Gott hat ihn mir geschenkt. Ich wurde gläubig. Es ist mir bis auf diesen Tag ein Wunder, glauben zu können.

Ich möchte im Blick auf den Glauben sechs Fragen stellen und sie zu beantworten suchen:

  1. Was heißt es: Ich glaube an den Gott der Bibel?
  2. Wovon gibt der biblische Glaube Zeugnis?
  3. Ist der Glaube machbar?
  4. Wie werde ich gläubig?
  5. Wie wachse ich im Glauben?
  6. Welche Auswirkungen hat der lebendige, biblische Glaube?

1. Was heißt es: Ich glaube an den Gott der Bibel?

Wenn ich an den Gott der Bibel glaube, an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und an den Gott und Vater Jesu Christi, dann bin ich zunächst davon überzeugt, daß der Gott, der die Welt geschaffen hat, diese Welt im großen und im kleinen erhält. Ich glaube, daß dieser Gott auch mich geschaffen hat und erhält.

Das scheint auf den ersten Blick eine banale Aussage zu sein. Aber nach meiner Überzeugung ist es eine ganz wichtige Aussage. Spreche ich mit jemand, der noch nicht durch Gottes Geist zum Glauben gekommen ist, dann weise ich gern darauf hin: Diese Welt ist nicht von Göttern erschaffen worden; sie ist auch nicht das Produkt des Zufalls im Gefolge eines Urknalls. Diese unsere Welt ist von Gott geschaffen worden und wird von Ihm erhalten. Ich frage mich manchmal: Wie kann das ein denkender Mensch überhaupt bezweifeln? Und weil ich oft Zweifelnde treffe, frage ich weiter: Woran liegt das denn, daß sie nicht an einen Schöpfergott glauben? Ich komme zu keinem anderen Ergebnis als dem, daß ihr Verstand verfinstert sein muß. Auch der Apostel Paulus spricht von dem natürlichen Menschen und seinem verfinsterten Verstand, um deswillen er das Selbstverständliche, von dem auch der Hebräerbrief (Kapitel 11, 2) spricht, nicht erkennt. Nur aus Glauben ist es dem Verstand möglich zu wissen, daß Gott die Welt geschaffen hat und sie erhält. Jeder Blick in diese Welt läßt uns dann erkennen, daß sie im Großen und im Kleinen bis in den Mikrokosmos des Atoms hinein ein Wunderwerk unseres Gottes ist. Wenn Gott uns durch den Heiligen Geist den Glauben geschenkt hat, kommen wir beim Erforschen der Welt in jeder Disziplin der Naturwissenschaft aus dem Staunen über die Wunder Gottes gar nicht heraus.

Es ist schön, sich mit der Naturwissenschaft zu beschäftigen und dabei einen Verstand zu haben, der nicht mehr verfinstert, sondern zum Glauben erweckt ist und darum weiß: diese Schöpfung ist Gottes Schöpfung! Es ist eine Folge der Schöpfung Gottes, daß wir hier sind und diesen Tag mit klarem Verstand erleben. Daß wir ihn erleben, ist Barmherzigkeit Gottes, eine Chance zu unserem Heil.

Was heißt das: Ich glaube an den Gott der Bibel? Ich weiß dann: Er hat mich geschaffen, Er erhält mich. Und wenn ich das glaube, dann hat das die Konsequenz, daß Er mit mir etwas vorhat. Wenn Er mich geschaffen hat, dann wollte Er mich. Ein Mensch, der irgend etwas schafft, etwa ein Künstler, der wollte das Werk. Wenn Gott mich wollte, dann weiß Er auch wozu.

Was heißt das: Ich glaube an den Gott der Bibel? Das beinhaltet ferner die Tatsache, daß dieser Schöpfergott sich mir zugewandt hat. Die Voraussetzung zum Glauben an den lebendigen Gott ist allemal, daß Er sich zu mir, zum Menschen wendet. Wie tut Er das? Durch’s Wort, durch den Geist, in der Person Seines Sohnes, unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus. Gott trachtet danach, sich dem Menschen zuzuwenden, sich dem Menschen durch Wort und Geist in Seinem Sohn Jesus Christus zu offenbaren. Immer, wenn der Mensch abseits steht, im Unglauben steht, getrennt von Gott, sucht Gott ihn für sich zu gewinnen. Gott hat dem gefallenen Menschen etwas belassen, nämlich den glimmenden Docht (Jes. 41, 3; Matth. 12, 20). Gott möchte sich dem Menschen — ob er es weiß oder nicht, zugibt oder nicht — zuwenden mit dem Ziel, daß der glimmende Docht Seines Geistes zu einer Flamme, einem Feuer werde.

Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, muß ich sagen: Mein ganzes Leben war von Kindesbeinen an ein einziges Bemühen Gottes, sich mir zuzuwenden. Ich könnte jetzt vieles aus meiner Kindheit darüber erzählen, wie Gott sich mir zuwandte. Das geschah schon im Elternhaus durch eine bürgerlich-christliche Erziehung, dann in der Hitlerzeit, als ich ganz im Eifer der Hitlerjugend im Geist der damaligen Zeit gefangen war. Gott wandte sich mir zu, als ich Soldat war, besonders dann, wenn es ums Leben ging, wenn die Not ganz groß war. Als ich einmal mit Sicherheit meinte, das Leben verlieren zu müssen, hat Gott sich mir zugewandt, und ich ahnte etwas von dem, was der biblische Schreiber sagt: Es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen (Hebr. 10, 31). Gott hat sich um mich auch durch jenen katholischen Pfarrer im Eisenbahnzug bemüht. Schließlich tat Er es durch eine Evangelisation von Werner Heukelbach in Wiesbaden. Gott sprach mich persönlich an.

Was heißt es, wenn ich bekenne: Ich glaube an den Gott der Bibel? Es bedeutet ferner nichts Geringeres als dies: “Ich lebe mit Gott.” Wie geschieht das? Von Henoch wird in 1. Mose 5, 24 berichtet: “Er hielt Schritt mit Gott.” Der Hebräerbriefschreiber gibt ihm das Zeugnis, daß er gläubig war. Gläubig sein und mit Gott leben sind zwei Aussagen für ein und dasselbe. Der Liederdichter bringt das so zum Ausdruck: “Ich kann allein nicht gehen, nicht einen Schritt; wo Du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.” Ich will im Glauben leben, ich will nicht einen Schritt ohne Gott tun. Ich kann in der Tat keinen Schritt machen zum Wohlgefallen Gottes ohne Glauben. Es ist unmöglich, ohne Glauben Gott zu gefallen (Hebr. 11, 6). Einer, der mit Gott lebt, steht doch in krassem Gegensatz zu dem, der nicht mit Gott lebt. So steht der Glaube im krassen Gegensatz zum Unglauben. Leben wir, die wir uns gläubig nennen, ohne Gott oder mit Ihm? Wenn ich mich Gott anvertraue und werde gläubig, dann ändert das mein Leben.

Ich komme zur zweiten Frage:

2. Wovon gibt der biblische Glaube Zeugnis?

Zu diesem Wort “Glauben”, das ja oft mißbraucht und strapaziert wird, hat das Alte und Neue Testament im Urverständnis verschiedene Klänge, die uns vielfach verlorengegangen sind. Ich möchte fünf davon jetzt nennen. Wenn einer sagt: “Ich glaube”, dann heißt das nichts Geringeres als: “Ich bin zuverlässig.” Jetzt verstehen wir, wenn die Bibel sagt: Gott ist “gläubig” oder treu. Nun übersetzen wir es einmal anders: Gott ist zuverlässig. Indem Er sich zu mir wendet und ich Ihn annehme, empfange auch ich diesen Charakterzug der Zuverlässigkeit. Wird das nicht in der Welt klein geschrieben: Zuverlässigkeit? Ich bin gläubig, ich habe den Glauben Gottes empfangen, ich bin zuverlässig.

Ich bin gläubig meint auch: ich lebe, denn Gott lebt. Jesus, der Gottgesandte, sagt: Ich lebe, ihr sollt auch leben. Freilich, hier geht es nicht um das biologische Leben, auch nicht um das seelische Leben. Vielmehr: hier geht es um das Leben durch den Geist Gottes in meinem Geist, das sich auswirkt auf Seele und Leib. Denn Jesus sagt: Wer mein Wort hört und glaubt, der hat das Leben (Joh. 5, 24 u. a.). In diesem Zeugnis wird Glauben und Leben in einer Gleichung gesehen. Wenn ein Mensch sagt “ich glaube”, dann sagt er nichts Geringeres, als daß er Leben aus Gott hat. Und wenn er Leben aus Gott hat, dann ist dieses Leben nicht nur ein Strich zwischen zwei Jahreszahlen, wie es auf vielen Gedenksteinen der Friedhöfe zu sehen ist. Jedes Leben, ob kürzer oder länger, hat eine Bedeutung von Gott her. Gott will, daß unser Leben nicht nur einem Strich, einer Bedeutungslosigkeit gleicht, sondern daß es von Gott her Seine Dimension, Sein Leben atmet, so daß ich sagen kann: “Ich glaube, darum lebe ich.”

Wenn ein Mensch sagt: “Ich glaube”, dann tut er ferner damit kund, daß er Festigkeit und Stetigkeit gewonnen hat. Es gibt so viele geistige Strömungen in dieser Welt, religiöse, philosophische, idealistische, politische, ideologische. “Ich glaube” heißt, ich lasse mich nicht mehr von den Strömungen dieser Welt hin- und herbewegen. Ich lasse mich nicht mehr von allem, was auf mich zukommt, bewegen, auch nicht von allen möglichen christlichen Zusammenkünften. In diesen Tagen sagte mir jemand im Blick auf einen christlichen Kreis: “Da geschieht etwas!” Das allein sollte nicht entscheidend sein. Wir brauchen Festigkeit. Es ist etwas Großes, zum Glauben zu kommen und im Glauben Festigkeit zu erlangen, um nicht mehr allerlei geistlichen “Winden der Lehre” (Eph. 4, 14) und religiös-christlichen Strömungen anheimzufallen.

Wenn du sagst: “Ich bin gläubig”, dann bekennst du ferner: “Ich bin treu.” Das Neue Testament bezeugt: Gott ist “gläubig”, Gott ist treu (griechisch: pistos). Du bist gläubig, heißt: du bist treu. Treueverhältnisse sind rar geworden. Es geht um Treue gegenüber Gott, Treue in der Ehe, Treue in der Freundschaft, Treue in Arbeitsverhältnissen. Sind wir in unserem Glauben treu?

Und noch eines bedeutet Glauben im Alten und im Neuen Testament: Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit. “Ich bin gläubig” bedeutet: Ich vertraue Gott und werde dadurch für meine Mitmenschen vertrauenswürdig. Gott allein ist zutiefst “gläubig”, Er ist vertrauenswürdig. Wir werden vertrauenswürdig, indem wir in Gottes Vertrauenswürdigkeit wurzeln. “Ich vertraue Dir, Herr Jesus, ich vertraue Dir allein!” Welches Wunder! Was sind das für Menschen, die in jeder Situation, besonders in notvollen Situationen, sagen können: Ich bin gläubig, ich vertraue Gott!

Glauben Alten und Neuen Testamentes ist ein Zeugnis für Zuverlässigkeit, neues Leben, Festigkeit, Treue und Vertrauen.

3. Ist der Glaube machbar?

Nun, wenn ich so frage, würden wahrscheinlich viele richtig antworten: Natürlich kann man den Glauben nicht machen. Aber hat man nicht doch eine Verantwortung? Es wäre falsch, wenn wir das eine auf Kosten des andern ausspielen würden, dann befänden wir uns nicht mehr in der biblischen Spannung. — Die erste Antwort im Blick auf unsere Frage lautet: Gott selbst gibt den Glauben. Der Glaube ist die Gabe Gottes an die Menschen für unsere Zeit. Ohne diese Gabe Gottes gibt es keine lebendige Liebe und keine lebendige Hoffnung. Darum können wir sagen, daß der Glaube, von Gott geschenkt, die durch nichts zu übertreffende Gabe Gottes in unserer Zeit ist. Wenn uns das bewußt ist, dann schielen wir nicht zuerst nach zweitrangigen Dingen, sondern dann schauen wir auf den, der uns Glauben vermittelt und Glauben mehrt. Immer wenn wir uns außerhalb des Glaubens nach anderen Dingen ausstrecken, ist das im Grunde genommen ein Ausdruck mangelnden Glaubens oder gar des Unglaubens. Der Apostel Paulus spricht im Kolosserbrief (Kapitel 2, 12) von dem Glauben, den Gott wirkt. Den kann man also nicht machen. Sowenig wie man sich selbst das Leben geben kann, sowenig kann man den Glauben machen. Gott schenkt ihn.

Nach Römer 12, 3 teilt Gott “das Maß des Glaubens” zu. Also nicht nur der Glaube selbst ist eine Gabe Gottes, sondern auch das Maß des Glaubens. Der erhöhte Herr sagt zu einer Gemeinde nach Offb. 2, 13: “Du hast meinen Glauben nicht verleugnet.” Das bedeutet: Das, was ich dir ins Herz gegeben habe, mein Wesen, meinen Glauben, meine Treue, meine Zuverlässigkeit, mein Leben, das hast du nicht verleugnet.

Nach dieser Gabe Gottes sollte der Mensch sich ausstrecken. Sie wird aber keinem Menschen übergestülpt, so daß er zwangsmäßig von Gott her diese Gabe empfängt. Nie hat je in der Bibel ein Mensch zwangsmäßig den Glauben empfangen. Gott gibt ihn denen, die sich danach ausstrecken, die für diese Gottesgabe bereit sind.

Wer im Ernst diesen Glauben begehrt, kann ihn in Demut von Gott empfangen. Wir sollten um diesen Glauben, um Vermehrung des Glaubens bitten. Das ist ein Gott wohlgefälliges Gebet, denn Gott sandte Seinen Sohn, damit wir in Ihm zum Glauben erweckt würden und im Glauben wachsen. Gott schenkt auch in unseren Tagen nichts lieber als den Glauben. Bete darum!

Obwohl aber der Glaube ganz und gar eine Gabe Gottes ist, hat doch der Mensch eine Verantwortung für den Glauben. Nach Apg. 16, 31 fragt der Gefängnisaufseher nach all dem Geschehenen, den turbulenten Ereignissen zuvor, die Apostel Paulus und Silas: “Was muß ich tun zu meiner Rettung?” Und er bekommt die Antwort — und diese Aufforderung gilt jedem nach Glauben Fragenden —: Werde gläubig! Glauben ist also Gabe und Aufgabe. Wenn Glauben von Gott angeboten wird, dann gilt es, gläubig zu werden, d. h. dieses Angebot anzunehmen. Heinrich Langenberg sagt in seiner Begriffskonkordanz: Glauben ist ein heiliges Rätsel, Gabe und Aufgabe. Gott schenkt, du bist verantwortlich. Er ist ein Wunder.

4. Wie werde ich gläubig?

Ich muß Gott wollen. Das klingt so einfach. Willst du wirklich Gott? Das hat Konsequenzen. Mir gab in diesen Tagen jemand, der den Glauben von mir unter vier Augen erklärt bekam, zur Antwort: “Ja, dann hat das ja Konsequenzen; das will ich aber nicht!” — Wenn du mit Gott leben willst, dann hat das Konsequenzen, dann wird in deinem Leben alles anders. Willst du das? Warum eigentlich nicht? Bist du dir selbst ein Gott? Auch viele Christen sind sich selbst Gott, und wenn es dabei nur um ein Stück ihres Lebens geht. In gewissen Entscheidungen ihres Lebens sind sie sich selbst Gott. Immer da, wo der Mensch sich selbst der Maßstab für seine Entscheidungen und sein Tun ist, muß es schiefgehen. Dies gilt sowohl individuell als auch global in dieser Welt. Und wieviel geht in unseren Tagen augenfällig schief!

Wie werde ich gläubig? Ich muß Gott wollen. Wenn Menschen diesem Wollen Raum geben, obwohl sie noch nicht glauben können, empfehle ich immer ein Gebet, das etwa so lautet: “Gott, ich weiß nicht, ob Du bist und Dir etwas an mir liegt. Wenn aber doch, dann offenbare Dich mir, und ich werde Dir gehorsam sein.”

Dieses Gebet klingt einfach. Nicht alle Menschen, denen ich es vorlegte, waren bereit, es zu beten. Manche hatten Angst vor der Konsequenz. Der Glaube hat Konsequenzen. Gott wird ein persönlicher Gott und beginnt, den Menschen zu ändern. Altes vergeht, Neues wird. Wo dagegen ein Mensch sich den Glauben nur einbildet, wird überhaupt nichts anders. Der entfernt sich sogar von Gott. Wenn einer fromm sagt: “Ich glaube allem, was in der Bibel geschrieben steht”, macht aber dabei, was er will, ohne auf Gottes Willen zu achten, dann spielt er ein trügerisches Theater. Der ist wie ein Buddhist oder ein Mohammedaner “gläubig”, aber nicht wie einer, den Gottes Geist zum Glauben erweckt hat.

Wo aber das Wunder der Offenbarung des Wortes Gottes geschieht, gewinnt der Mensch Vertrauen zur Bibel als dem gültigen Wort Gottes. Nun beginnt ein geistlicher, wachstümlicher Prozeß.

Wie werde ich gläubig? Durch Buße. Ohne Umkehr ist Glauben nicht möglich. Bei der Umkehr geht es um meine innere Bereitschaft, mich vom Geiste Gottes umfunktionieren zu lassen, von der Finsternis zum Licht, von der Vernebelung zur Klarheit, von der Lüge zur Wahrheit. Dieses Umdenken ist schmerzlich, denn es ist der Zerbruch aller eigenen Wege. Abraham glaubte, während ihm die eigenen Wege zerbrachen. Zerbruch ist immer Not, und ich behaupte: Ohne Not gibt es keinen Glauben. “Wer noch nicht zerbrochen ist, findet nicht die Türen, die zu Dir, Herr Jesus Christ, in die Freude führen.” Zerbruch ist etwas Bitteres. Buße, Umdenken, Zerbruch ist Not. Ohne die Bitterkeit dieser Not gibt es keine Süßigkeit des Glaubens. Ich kann nicht von einer sog. Erkenntnis zur andern springen wie von einem Berg zum andern. Der Weg hinauf in Gottes Nähe geht zunächst immer tiefer, und das will das fromme Fleisch nicht. Weil wir das von uns aus nicht wollen, führt Gott uns oft ganz schmerzliche Zerbruchswege: Zerbruch in der Ehe, Zerbruch im Geschäft, Zerbruch in der Kindererziehung, Zerbruch durch ein Unglück auf der Straße. Geht es anders? Gott muß uns harte Wege führen, damit wir durch Buße, Umdenken, Not und Zerbruch zum Glauben kommen.

Wie werde ich gläubig? Ich muß Gott wollen. Ich will Gottes Wort hören und tun. Ich habe ein Ja zur Buße und lerne dabei, auf Jesus zu blicken. Im Hebräerbrief (Kap. 12, 2) heißt es: “Lasset uns aufsehen auf Jesus”; dabei blicken wir weg von all dem, was uns gefangenhält. Wie werde ich gläubig? Indem ich auf Jesus schaue, Ihn kennenlerne. Dann entdecke ich Ihn, lerne Seinen Glauben als Gabe Gottes kennen und werde in Sein Bild verwandelt. Wollen wir diese Veränderung?

5. Wie wachse ich im Glauben?

Jesus sagt zu den Seinen: “Bleibet in mir! Ohne mich könnt ihr nichts tun!” In Ihm bleiben heißt: an Seinem Wort durch Seinen Geist bleiben. Weil ich den Wunsch habe, Seinen Willen zu tun, deswegen bleibe ich. Nicht, um ein besonderes religiöses Ansehen zu haben, bleibe ich in Ihm, sondern weil ich gewiß bin, ohne Ihn nichts tun zu können, was für die Ewigkeit Bedeutung hätte. In Ihm bleiben heißt: Ich will im Glauben leben. Das meint: Alles mit Jesus machen. Ich lege mich abends im Namen Jesu, im Glauben zur Ruhe. Ich stehe morgens im Glauben auf, indem ich mir vergegenwärtige: Du, Herr, bist bei mir. Herr, ein neuer Tag mit Dir! Alles, was nun auf mich zukommt, hat etwas mit meinem Herrn zu tun. Viele Menschen beginnen einen neuen Tag mit Angst, weil sie nicht wissen, was er bringt. Das ist ein Ausdruck des Unglaubens. Im Glauben leben heißt: mit Jesus arbeiten, ruhen, essen, reden, schweigen, nichts ohne Ihn tun.

Wie wachsen wir im Glauben? Durch völligen Gehorsam, durch völlige Hingabe. Dabei wollen wir aber ehrlich und bescheiden bleiben. Es hat mich einmal beeindruckt, als wir das Lied sangen “Gott ist gegenwärtig” und dabei die Worte: “Wir entsagen willig allen Eitelkeiten, aller Erdenlust und Freuden”, daß ein Bruder nachher meinte, diese Worte solle man heutzutage in einer großen Versammlung besser nicht singen lassen. Ein ehrlicher Bruder! Der Glaube verführt nicht zur Heuchelei. Wir singen: “Nur mit Jesus will ich Pilger wandern.” Was können wir doch alles singen und nehmen den Mund voll! Feierlich bekennen wir: “Alles, Jesu, sei Dein eigen, Geist und Seele, Leib und Sinn”, oder wir singen gar das Lutherlied: “Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, laß fahren dahin …” Es wäre oft besser, wir würden ein bißchen bescheidener werden und mit gedämpfter Stimme singen: “Jesu, geh voran auf der Lebensbahn.” Wachsen im Glauben durch völligen Gehorsam! Der ist den Lüsten des Fleisches zuwider. Er fordert den Einsatz meiner ganzen Person. Der Weg zum Himmel ist kein Spaziergang oder Tanz, sondern steter Kampf.

6. Welche Auswirkungen hat der lebendige, biblische Glaube?

Dieser Glaube präsentiert sich dem andern gegenüber bescheiden und verzichtet auf selbstsichere und verurteilende Worte, wie etwa: “Ich bin gläubig und du bist ungläubig.” Durch geistlichen Glauben werde ich in der Beurteilung anderer behutsam. Die Frömmigkeit als Ausdruck des Glaubens kann verschieden aussehen. Wir wollen uns nicht unserer Frömmigkeit rühmen und dabei den Glauben anderer diskriminieren. Das ist gefährlich. Richtet nicht vor der Zeit!

Ich kenne einen gläubigen Richter, der sein Amt sehr ernst nimmt. Er muß — das ist die Ordnung der Welt nach Gottes Willen — die Obrigkeit vertreten, Recht sprechen, verurteilen. Bei jeder Verurteilung denkt er in seinem Herzen: “Wenn Du, Gott, mir nicht Gnade geschenkt hättest, stünde ich jetzt als Verurteilter da und nicht als Richter.” Er hat dadurch ein geistliches Verhältnis zu den Angeklagten, die er beurteilen und richten soll. Bei Leuten, die er zu Gefängnisstrafen verurteilt, hat er es sich zur Pflicht gemacht, sie in der Zelle zu besuchen und mit ihnen zu reden. Er versucht ihnen etwas von der Barmherzigkeit Gottes zu sagen.

Welche Auswirkungen hat der lebendige Glaube? Er bewirkt Verständnis für den andern. Wenn mir Glaube geschenkt wurde, kann ich ihn nicht den anderen aufzwingen. Meine Frömmigkeit ist individuell geprägt. Ich will niemandem meine Frömmigkeit aufzwingen. Das wäre kein Ausdruck lebendigen Glaubens. Man lernt im Glauben, den andern in seiner Andersartigkeit anzunehmen. So herrscht, wo lebendiger Glaube besteht, im besten Sinne des Wortes Toleranz.

Gott sucht Glauben. Ob Er unter uns Glauben findet? Möge unser Bekenntnis zum Glauben bescheiden und in liebender Toleranz demütig sein. Wir suchen Gott zu gefallen. Ohne Glauben ist es unmöglich, Ihm zu gefallen. Wer aber sagen kann “Ich glaube, darum lebe ich”, dessen irdisches Leben wird aus der Belanglosigkeit, aus dem zeitlich Vergänglichen, aus dem Zeitgeist herausgehoben in die Dimension Gottes, und er beginnt, alles, wirklich alles, anders — nämlich von Gott aus zu sehen.

“Herr, ich glaube; hilf meinem Unglauben!” Amen.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 1/1984; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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