Gefährliche Einseitigkeiten im Glaubensleben
Autor: Heinemann, Karl | Kategorie(n): Glaubensleben & Wandel, Lehre | 583 x gelesenBiblische Wahrheiten und Lehraussagen sind stets klar und eindeutig, jedoch nie einseitig. Gottes Perspektiven weisen über menschliche Denkansätze, Horizonte und Dimensionen weit hinaus. Will der Mensch diese göttlichen Sichtweisen erahnen, erkennen und schließlich zur Korrektur seiner begrenzten Auffassungen nutzen, bedarf es der Offenbarung, der Erleuchtung durch den Heiligen Geist.
Ohne diese göttliche Offenbarung wird die Ausdeutung biblischer Aussagen nie den Wahrheitsgehalt erfassen, sondern nur vordergründig, einseitig und somit irreführend sein müssen.
Nicht nur der natürliche Mensch, auch der bereits glaubende Christ steht in der Gefahr, die tradierten Denk- und Sichtweisen bei der Beurteilung biblischer Sachverhalte zum gültigen Kriterium zu erheben.
In der Regel haben zentrale biblische Gehalte mindestens zwei Wahrheitsaspekte, die unauflöslich zusammengehören. Schon im natürlichen Lebensbereich finden wir diese Zusammenfügungen: Eine Medaille hat zwei Seiten, ein Weg wird von zwei Seiten begrenzt, und eine Außen- und Innenschau ergeben erst das Gesamtbild.
Anhand einiger ausgewählter Beispiele sollen jeweils zwei zugehörige Begriffe, die einander zugeordnet sind, aufgezeigt werden. Es sollen dann die Gefahren bei nur einseitiger Betrachtungsweise bzw. praktischer Anwendung dieses biblischen Gehaltes erörtert werden.
Folgende Beispiele, die m. E. bedeutsam und somit exemplarisch für andere biblische Sachverhalte sind, werden ausgewählt:
Stellung — Zustand
Glaube — Werke
Gnade — Gericht
Liebe — Wahrheit
Ziele — Weg
Ruhe — Dienst
Frucht — Gaben
1. Stellung und Zustand
Die überragende Stellung der Gemeinde Jesu Christi — und damit jedes einzelnen Gläubigen — wird uns an vielen Stellen des Neuen Testamentes und insbesondere in den paulinischen Schriften bezeugt (vgl. Eph. 1, 3-14; Kol. 1, 21-23; Eph. 2, 1-10; Kol. 2, 3.10). Sie gründet auf Gottes ewigem Heilsratschluß, beinhaltet die Sohnschaft, schließt das vollkommene Heil in Christus ein und dient der Verherrlichung des Vaters. Diese zu großer Dankbarkeit und tiefer Anbetung führende Erkenntnis ist entscheidend für die Existenz des Christen. Sie befähigt die glaubende Gemeinde zur Darstellung ihres Wesens und zur Bewältigung ihrer Aufgaben und Dienste. Ohne diese geoffenbarte Schau ist alles Bemühen um christliche Praxis vergeblich. Der Zustand zahlreicher Gemeinden und vieler sogenannter Christen beweist das zur Genüge. »Wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht Sein« (Röm. 8, 9b). Denn wahres Christsein ist nur durch den »Christus in uns« möglich.
Nun ist allerdings mit der Kenntnis der Stellung der Gemeinde im Heilsplan Gottes und eines jeden Gemeindegliedes im Erlösungswerk Jesu Christi noch nicht alles gewonnen. Wahre Erkenntnis soll zur Lebensveränderung führen. »Wandelt würdig der Berufung« heißt es in Eph. 4, 1. Wer dieses — trotz seiner richtigen Schau — versäumt, der wird Schaden erleiden (vgl. Phil. 3, 18.19). Und in Gal. 5 werden die Gläubigen ermahnt, im Geist zu wandeln, damit nicht Werke des Fleisches produziert werden und ein schlimmer Zustand des alten Menschen offenbar wird.
Stellung und praktischer Wandel (Zustand) gehören untrennbar zusammen: Gott bietet uns in Christus alle Voraussetzungen, die wir in Seiner Kraft so nutzen können, daß in einem Lernprozeß Stellung und Zustand sich immer mehr angleichen (vgl. Phil. 3, 12).
2. Glaube und Werke
Dieses Begriffspaar ist eng verwandt mit dem vorigen. Der Glaube ist von Offenbarung abhängig. Er stützt sich auf Gottes Heilsangebot in Christus und Seine Verheißungen. Er ist die Antwort auf Gottes Reden und Handeln. Er wird zu einer festen Gewißheit und rechnet mit dem Unsichtbaren mehr als mit dem Sichtbaren (vgl. Hebr. 11, 1). Dieser Glaube ist christozentrisch und somit personalbezogen. Wo der Glaube nur dogmatisch erfaßt wird, erstarrt er zum bloßen Formalismus bzw. artet in Betriebsamkeit aus. Werke ohne lebendigen Glauben nennt die Schrift »tote Werke«, d. h. Werke ohne Ewigkeitswert. Jesus sagt im Gleichnis vom wahren Weinstock: »Getrennt von mir könnt ihr nichts tun« (Joh. 15, 5b). Und auch dies haben wir Protestanten und evangelikalen Gläubigen zutiefst begriffen: »Aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor Ihm gerechtfertigt werden« (Röm. 3, 20a).
Was aber fangen wir mit den zahlreichen Ermahnungen der neutestamentlichen Schriften, auch des Apostels Paulus, an, die von den Gläubigen gute Werke erwarten (2. Kor. 9, 8; Kol. 1, 10; 2. Thess. 2, 17; 1. Tim. 2, 10; Tit. 1, 16 u. a.)? Liegen hier Widersprüche vor? Steht der Glaubensbegriff des Jakobus, der Werke als Betätigung des Glaubens unbedingt mit einbezieht, dem des Apostels Paulus entgegen? Ich meine nicht. Es geht m. E. in diesem Zusammenhang um die rechte Einordnung zweier Sichtweisen eines komplexen neutestamentlichen Offenbarungsgehaltes. Glaube und Werke sind eben nicht voneinander zu trennen, wenn wir Ursache und Wirkung, Grundlage und Aufbau in rechter Weise zuordnen. Paulus (und auch Jakobus!) weiß genau, daß kein Mensch sich je durch Leistung das Heil verdienen kann. Aber er erwartet folgerichtig, daß ein gläubig gewordener Mensch nun auch durch das neue Leben in Christus zu guten Werken befähigt wird (vgl. Eph. 2, 10). Paulus verbindet mit der Offenbarung des Geheimnisses Christi die Einstellung der Gläubigen zum Glaubensgehorsam (vgl. Röm. 16, 25.26). Ohne diesen Gehorsam kann ein Christ das Berufungsziel verfehlen (vgl. 1. Kor. 10).
3. Gnade und Gericht
Im Neuen Testament wird die Gnade als überragende Größe in Verbindung mit dem Erscheinen und Heilswerk des Erlösers beschrieben und bezeugt, so z. B. in Joh. 1, 14-17. Die Gnade wird als das herrliche Neue im Gegensatz zum Alten Testament mit vorwiegend Gesetzescharakter gepriesen (vgl. Eph. 1, 6.7; 2. Kor. 4, 15; 1. Tim. 1, 14). Diese Gnade ist ein Geschenk unseres großen Gottes in Christo Jesu und ist ohne Vorleistung bzw. Eigenverdienst zu erwerben. Sie ist allerdings nicht voraussetzungslos zu empfangen. Im juristischen Bereich erfolgt ein Gnadenakt (im Sinne der Begnadigung) erst nach einer Gerichtsverhandlung mit Verurteilung eines Gesetzesbrechers. Unter gleichen Voraussetzungen wird dem Sünder Gnade zuteil: Erst nach dem Uberführtsein von Schuld und Sünde kann der Mensch das Liebesangebot Gottes in Christi Versöhnungstat annehmen. Wo diese innere Haltung eines Menschen (»… ich bin ein sündiger Mensch«) nicht durch den Geist Gottes bewirkt werden kann, entsteht ein menschlich-einseitiger Gnadenbegriff, wie er leider in vielen evangelischen Denominationen vertreten ist. »Gnade« wird nur rational erfaßt und bewirkt keine echte Versöhnung mit Gott. Nur der Mensch, der sich zum Tode verurteilt weiß, ergreift das Gnadenangebot.
Das größte Gericht, das je in diesem Kosmos geschah, vollzog sich in dem Leiden und Sterben Jesu am Kreuz auf Golgatha. Der sündlose Sohn Gottes nahm freiwillig in diesem Gerichtsakt Schuld, Sünde und Tod auf sich, um die ganze Schöpfung freizukaufen. Wirksam wird für den Menschen allerdings diese Heilstat Jesu Christi nur dann, wenn er sich, durch den Geist Gottes überführt, mit diesem Gerichtsgeschehen identifiziert. Allein so empfängt der Glaubende nach Joh. 3, 16 neues Leben und erlebt die höchste Gnade.
Nun ist die Annahme des Heils zwar ein einmaliger Gnadenakt, aber keine endgültig abgeschlossene Angelegenheit: »Es ist erschienen die heilbringende Gnade Gottes allen Menschen und unterweist (erzieht) uns, damit wir die Gottlosigkeit und weltlichen Lüste verleugnen und besonnen, gerecht und gottesfürchtig leben sollen« (Tit. 2, 11.12).
In dem in der Neuschöpfung geschenkten göttlichen Leben setzt nun ein Prozeß ein, der auf der Gerichts- und Gnadengrundlage des Heilswerkes Jesu Christi die Umgestaltung des Gläubigen in das Bild des Sohnes bewirken soll. Je mehr sich der Christ im praktischen Alltag durchlichten und durchrichten läßt, desto stärker kann die Gnade (sprich Jesus Christus selbst) zur Herrschaft gelangen. So bezeugt Paulus, daß die Gnade ihm gegenüber nicht vergeblich gewesen sei (1. Kor. 10, 15), und das Höchstmaß an Gnade erfuhr er, indem er sich völlig in äußerst widrigen Verhältnissen (durch Satan geschlagen) dem Herrn überließ.
In welchem Maße wir der Gnade Raum geben, das steht in unserer Verantwortung. Wie sonst könnten die Gläubigen vor dem Richterstuhl Christi (2. Kor. 5, 10) noch »gerichtet« werden? Nach 1. Kor. 3, 11-15 wird dort offenbar, ob wir auf dem gelegten Grund Eigenes (Holz, Heu, Stoppeln) oder Gottgewirktes (Gold, Silber, Edelsteine) aufgebaut haben. »Feuer wird das offenbaren« (V. 13). Darum sollten wir die Mahnung Pauli beachten: »Wenn wir uns selbst beurteilten (richteten), würden wir nicht gerichtet« (1. Kor. 11, 31). Und das ist wiederum nur in der Gnade möglich. Wer sich freilich einer seelischen Selbstbespiegelung unterzieht oder sich auf Gesetzesbasis durchrichtet, läuft Gefahr, entweder überheblich oder gar depressiv zu werden.
4. Liebe und Wahrheit
Göttliche Liebe harmoniert stets mit absoluter Wahrheit. In Jesus vereinigten sich Liebe und Wahrheit in vollkommener Weise. Beim natürlichen Menschen sind meistens erhebliche Diskrepanzen zwischen beiden Bereichen festzustellen. Aber auch der wiedergeborene Christ erlebt nicht sofort eine Übereinstimmung beider göttlicher Lebensqualitäten. Deshalb ist ein Wachstum in der Liebe nötig, und die Wahrheit in Erkenntnis und Praxisbewältigung muß ständig Raum gewinnen.
Liebe ohne Wahrheit führt zur Selbstbefriedigung und im religiösen Bereich zur Schwärmerei. Wieviel seelische Liebe ist doch unter Christen vorhanden, die mit der Agape (Gottesliebe) nichts gemein hat. Das Hohelied der Liebe im Neuen Testament beschreibt und bezeugt die Eigenschaften der göttlichen Liebe, die auch als Frucht des Geistes (Gal. 5, 22) in den Gliedern des Leibes Christi vorhanden sein sollen (1. Kor. 13). U. a. wird von Paulus ausgesagt, daß die Liebe nicht egoistisch ist (V. 5), sich nicht über die Ungerechtigkeit, sondern mit der Wahrheit freut (V. 6).
Wahrheit hingegen ohne Liebe ist rechthaberisch und führt zum Fanatismus. Die biblische Wahrheit — Jesus ist die Wahrheit (Joh. 14, 6) — schließt immer die göttliche Liebe mit ein. Deshalb ermuntert Paulus die Gläubigen, die Wahrheit in Liebe festzuhalten (Eph. 4, 15a).
Im Zusammenleben sowohl mit ungläubigen Menschen als auch mit Christen bedarf es stets der Weisheit Gottes, die rechten Verhaltensweisen zu praktizieren und nicht einer persönlichen Neigung zu folgen, die oft eine Seite auf Kosten der anderen bevorzugt. Liebe zu üben heißt nicht: alles unter den Teppich kehren, ohne die Schuld an das Licht zu bringen. Wahrheit zu leben bedeutet aber ebensowenig: alles, was der persönlichen Auffassung entspricht, dem anderen aufzwingen zu wollen. Beide Aspekte in göttlicher Harmonie faßt Johannes wie folgt in Worte zusammen: »Kinder, laßt … uns lieben … in Tat und Wahrheit« (1. Joh. 3, 18).
5. Ziele und Weg
»Dem Ziele zu, dem Ziele zu!« so hieß es fast in jeder Botschaft eines bereits heimgegangenen Bruders. Und Paulus bezeugt in Phil. 3, 14: »Ich jage auf das Ziel zu, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christus Jesus«. Es ist also entscheidend wichtig, daß wir das göttliche Berufungsziel kennen und ihm konsequent nachjagen. Klare Zielerkenntnis und zielgerichtete Wegführung gehören demnach eng zusammen.
Die Leibesgemeinde Jesu Christi lebt bereits vom Vollendungsziel her. Sie weiß um ihre Berufung und Stellung im Heilsplan Gottes. Sie schaut jetzt schon im Glauben das Universalziel Gottes: »Er wird sein alles in allem (oder allen)« (1. Kor. 15, 28). Sie weiß aber auch um Etappenziele und kennt das für sie so bedeutsame Nahziel der Entrückung bzw. Vollendung der Leibesglieder. Wer nur subjektiv-religiöse bzw. selbstgewählte Ziele anstrebt, wird das gottgewollte Ziel verfehlen. Deshalb ist es für die Gemeinde und jeden einzelnen Gläubigen dringend notwendig, durch erleuchtete Augen des Herzens das Berufungsziel zu schauen und durch den Geist der Offenbarung zur Erkenntnis des Vaters der Herrlichkeit zu gelangen (vgl. Eph. 1, 17.18). Nur durch diese Schau werden wir bewahrt, die Zielperspektiven zu verkürzen und auf das Irdische zu verlegen, wie das leider in vielen Denominationen geschieht.
Mit der klaren Zielschau ist allerdings, wie bereits erwähnt, der Weg zum Ziel noch nicht beschritten. Es gilt nun auch, im praktischen Wandel viele einzelne Etappenziele auf dem gottgemäßen Weg zu realisieren. Gott sei Dank, ist dieser Weg kein selbstgewählter, sondern der uns in Christo vorgegebene: »Ich bin der Weg …« (Joh. 14, 6). Es ist der schmale Weg der Auserwählten, der einzige, der zum Ziel in die Herrlichkeit führt. Dieser Weg bedeutet in der Praxis des alltäglichen Lebens immer Nachfolge Jesu. Ein Weg muß also begangen werden. So will Paulus auch die Ermahnung in Phil. 2, 5-11 verstanden wissen, wenn er von den Gläubigen die gleiche Gesinnung und Verhaltensweisen erwartet, wie sie Jesus im Gehorsam bis zum Tode am Kreuz in göttlicher Kraft vorgelebt hat. Somit wird auch deutlich, daß dieser Weg auf Erden stets ein Kreuzesweg ist. Aber die herrliche Verheißung im Blick auf das Ziel macht diesen Weg zu dem einzig erstrebenswerten (V. 10, 11). Deshalb ist der Blick der Gemeinde nach droben gerichtet und nicht auf das Irdische; denn über dem Kosmischen ist ihr eigentliches Bürgerrecht (vgl. Kol. 3, 1-3 u. Phil. 3, 20). Nur in dieser Gesinnung und Haltung werden wir davor bewahrt, Feinde des Kreuzes zu werden (Phil. 3, 19b). Denn die Gefahr ist stets vorhanden, daß wir trotz Kenntnis des herrlichen Zieles den schmalen Kreuzesweg verlassen, wie das bei etlichen Philippern der Fall war, weil sie irdisch gesinnt waren (V. 18).
Möge es auch uns am Ende unseres irdischen Weges vergönnt sein, mit Paulus zu bezeugen: »Ich habe den Lauf vollendet, ich habe den Glauben bewahrt, fortan liegt mir bereit der Siegeskranz der Gerechtigkeit« (2. Tim. 4, 7b.8a).
6. Ruhe und Dienst
Ruhe im geistlichen Leben bedeutet weder Phlegma noch Passivität des Geistes. Sie ist vielmehr Ausdruck des völligen Vertrauens auf Gott und Sein Heilsangebot in Christus. Der Hebräerbriefschreiber fordert deshalb seine Adressaten auf, in die Ruhe des Glaubens einzugehen und nicht im Unglauben, im Ungehorsam und in der Sünde zu verharren. Die Sabbatruhe von allen eigenen Werken ist Inhalt und Ziel des höchsten Gnadenangebotes in Christus Jesus (Kap. 3. u. 4).
»Ruhen, wandeln, dienen«, so lautet die glaubensgemäße Reihenfolge, wie sie sich stets in den paulinischen Briefen darstellt, und nicht umgekehrt, wie es der gesetzesfromme Mensch und unmündige Gläubige im Sinne der Eigenleistung gern praktiziert.
Ein weiteres Moment geistlichen Ruhens ist das Warten auf den wiederkommenden Herrn. Paulus verlangt von den Thessalonichern nach ihrer Bekehrung ein Zweifaches: Auf die Wiederkunft Jesu zu warten und dem lebendigen Gott zu dienen. Das Warten im Sinne einer lebendigen Hoffnung soll die Gläubigen vor falscher Eigenaktivität und Betriebsamkeit bewahren (vgl. 1. Thess. 1, 9.10). Jeder Dienst der Gemeinde muß also auf der Grundlage des vollbrachten Heils und im Blick auf das göttliche Ziel geschehen. Nur auf diese geistgewirkte Art wird Ewigkeitsbeständiges hervorgebracht, das der Prüfung Gottes durch Feuer standhält (1. Kor. 3, 11-14).
Beachtet der Gläubige aber andererseits nur die eine Seite der Mahnung, nämlich zu ruhen und zu warten, ohne seine Dienstaufgabe zu erfüllen, so wird sich bald ein Heilsegoismus einstellen, oder im Blick auf die Wiederkunft Jesu werden sich Unnüchternheit und Schwärmerei entwickeln. Im Verlauf der Kirchengeschichte und zunehmend in der Gegenwart mit Endzeitcharakter ist diese einseitige Verhaltensweise in zahlreichen Varianten zu beobachten. Noah und Abraham sind uns im Alten Testament als Vorbilder für ein gottgemäßes Verhalten und Dienen in Gerichtszeiten gesetzt. Sie haben in der Stille vor Gott Aufträge empfangen und sie an ihre Mitmenschen weitergegeben. So gilt auch für uns heute: Durch unser Sein, Handeln, Reden, Beten und auch Leiden einen geistgewirkten Dienst zu tun, und nicht angesichts der Wiederkunft Jesu und kommender Gerichtskatastrophen nur an die eigene Errettung vor dem zukünftigen Zorn zu denken.
7. Frucht und Gaben
»An den Früchten werdet ihr sie erkennen«, mahnt Jesus in Matth. 7, 16.20 seine Jünger im Blick auf das untrügliche Erkennungszeichen von echten und falschen Propheten. Nur Frucht läßt auf die Wesens- und Geistesart schließen. So wird als Ergebnis des Lebens und Wandels im Geist auch von Paulus Frucht bei den Gläubigen erwartet (Gal. 5, 22). Innerhalb der neunfachen Geistesfrucht nimmt die Liebe eine überragende Stellung ein; sie ist das grundlegende und umfassende Element überhaupt (vgl. 1. Kor. 13). Diese Liebe (agape) kann vom Feinde Gottes (Satan) nicht nachgeahmt werden. Geistesfrucht ist auch aus der Seele des Menschen heraus nicht zu produzieren. Sie erwächst organisch aus der engen Gemeinschaft mit Jesus Christus. Frucht bringen bedeutet also nicht Eigenleistung und Selbstanstrengung, sondern ist nur in Lebensverbindung mit Christus möglich. Der Herr erwartet sogar von den wahren Gläubigen viel Frucht (vgl. Joh. 15, 1-8). So wie im natürlichen Leben Frucht durch Sterbensprozesse entsteht, ist auch im geistlichen Bereich diese Frucht nur unter den gleichen Bedingungen zu finden: »So das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. So es aber stirbt, bringt es viel Frucht« (Joh. 12, 24).
Von der Frucht zu unterscheiden (aber nicht zu scheiden!) sind nun die Gaben des Geistes (Gnadengaben), die an vielen Stellen des Neuen Testamentes und auch speziell in den paulinischen Briefen aufgeführt werden (z. B. Röm. 12, 4-8; 1. Kor. 12 u. 14; Eph. 4, 7-13). Diese Gaben dienen der Auferbauung des Leibes Christi und somit jedem einzelnen Gliede. Sie sind besondere Geschenke auf der Gnadenbasis und werden nach dem Maß der Gabe Christi ausgeteilt (Eph. 4, 7). Jedes lebendige Glied besitzt mindestens eine Gabe (vgl. Eph. 4, 8; 1. Kor. 12, 7). Nicht alle haben die gleichen Gaben, Gottes Geist teilt sie souverän zu (1. Kor. 12, 11). Nach den Aussagen des Epheserbriefes sind spezielle Gaben mit den fünf Diensten (Ämtern) auf das engste verbunden. Die Dienste und ihre Werke bestimmt das Haupt der Gemeinde. Sie alle haben das Ziel: Einheit des Glaubens, Erkenntnis des Sohnes Gottes, volle Mannesreife, Vollmaß des Wuchses der Fülle Christi (Eph. 4, 13). Nur im Zusammenwirken aller Dienste mit allen dazu notwendigen Gaben und unter Einbeziehung aller Glieder des Leibes auf der Grundlage des Kreuzes und der Auferstehung Jesu Christi wird ein gesundes Wachstum mit echter Frucht ermöglicht. Isolierung von Gaben sowie Streben ausschließlich nach außerordentlichen Erscheinungen bedeuten große Gefahr bereits im Ansatz. Und bedenken wir auch: Gaben, Zeichen und Wunder kann der Feind imitieren. Darum sollen wir stets die Geister prüfen. »Alles zu prüfen und das Gute zu behalten«, mahnt uns auch Paulus (1. Thess. 5, 20). Leider kritisieren viele Gläubige oft alles im negativen Sinne und verstoßen gegen die Regel des Apostels: »Den Geist löscht nicht aus! Weissagungen verachtet nicht!« (1. Thess. 5, 19.20).
In gottgewollter Harmonie sollten bei jedem Glaubenden, in jeder Ortsgemeinde und in dem gesamten Organismus des Leibes Jesu Christi Frucht und Gnadengaben zu finden sein, damit weder Einseitigkeiten noch Mangelerscheinungen offenbar werden.
Zusammenfassend kann nach diesen Einzeldarstellungen, denen noch zahlreiche andere Beispiele angefügt werden könnten, festgestellt werden: Was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden.
(Es ist uns bewußt, daß im 2. Abschnitt dieses Artikels hinsichtlich der Rechtfertigungslehren der Apostel Paulus und Jakobus eine etwas andere Schau vertreten wird als in dem 1982 [ab Seite 40] veröffentlichten Artikel von Arthur Muhl »Jakobus und Paulus«. Die Frage, ob sich Jakobus und Paulus in diesem Punkt harmonisieren lassen, oder ob es sich um »verschiedene Evangelien« handelt, ist auch unter gläubigen Auslegern umstritten. Derartige Meinungsunterschiede sollten aber nicht zum Streit Anlaß geben, sondern zu weiterem Forschen und Prüfen im Wort! H. Schumacher.)
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 5/1985; Paulus-Verlag, Heilbronn)


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