“Der ich das Licht bilde und die Finsternis schaffe”
Autor: Muhl, Arthur | Kategorie(n): Das Böse, Erkenntnis & Wesen Gottes, Lehre | 1,627 x gelesenDieses Zeugnis des Herrn, das uns Jesaja in Kap. 45, 7 mitteilt, und das bei der Prüfung der Frage über den Ursprung des Bösen nicht außer acht gelassen werden darf, wollen wir einmal von einer ungewohnten Seite her näher zu verstehen suchen.
Wir lassen jenen Schöpfungsteil zu uns reden, den Gott dazu gesetzt hat, zwischen Licht und Finsternis zu scheiden und beide zu beherrschen. Es sind dies Sonne, Mond und Sterne, die als wunderbare Gotteszeichen “die Herrlichkeit Gottes erzählen und Seiner Hände Werk verkünden”, und zwar “als Gottes Wort, das über die ganze Erde und bis zu den Grenzen der Wohnwelt erschallt” (Ps. 19, 4 verglichen mit Röm. 19, 17.18).
Aus meiner ausführlichen, in Arbeit befindlichen Schrift “Und auch die Sterne“, lassen wir hier einen Abschnitt daraus folgen, der die erwähnten Fragen berührt:
Das Erste, was Gott in den Himmelslichtern zur Darstellung bringt, ist die Scheidung zwischen Licht und Finsternis, Tag und Nacht, Leben und Tod, Gut und Böse. Es handelt sich demnach um eine klare Scheidung der Gegensatzkräfte (1. Mos. 1, 14).
Diese von Gott als erste Zweckbestimmung gesetzte Scheidung wird von ihm in der letzten Zweckbestimmung so vollzogen, dass der Sonnenball der alleinige Beherrscher des Lichtes ist, während die Mondkugel und alle Sterne das darstellen, was finsternismäßig ist und geschieht. Die Sterne geben höchstens etwas Licht in der Finsternis und über die Dinge der Finsternis, die Sonne allein aber vertreibt die Finsternis (1. Mos. 1, 16).
Dem einen Lichtquell gegenüber steht demnach eine Riesenmenge von Finsternisbeherrschern. Die Sonne ist das getreue Zeichen für Christus, der wirklich die Herrschaft des Lichtes ausübt. Die übrigen Himmelslichter weisen auf andere Geisteswesen hin, die wohl herrlich sind, aber “des Ruhmes mangeln”, den sie vor Gott haben sollten (Hiob 38, 7; Offbg. 1, 20; Ps. 82).
Im Bereich der Sonne ist die Nacht unmöglich, und die Lichter der Finsternis müssen bei ihrem Erscheinen verblassen oder ganz verschwinden. Dieses gleiche Gesetz, das uns die Gestirne verkünden, gilt erst recht in Bezug auf Christus und die übrigen Himmelsbewohner; von uns Staubgeborenen gar nicht zu reden (Hiob 4, 18; 15, 15). Solange nicht jemand eins ist mit der wahrhaftigen Sonne, Christus, und sein Wort nicht kennt als das Licht auf seinem Wege, hat er wie eines der Himmelslichter irgendeinen entlehnten Schein oder ein Gemisch von Licht und Finsternis. Manches scheint unbedingt richtig zu sein; vieles aber sind nur Überlieferungen, eigene Überlegungen, Probleme, Irrtümer oder gar Finsternismäßiges.
Jedes Gemisch von Wahrheit und Irrtum ist Finsternis. “Ein wenig Sauerteig des Bösen durchsäuert die ganze Masse” und “wer in einem Stück fehlt, ist das Ganze schuldig”. So lauten die Zeugnisse des Wortes Gottes.
Die Scheidung der Gegensatzdarsteller belehrt uns aber gleichzeitig, dass sie alle einen Bestand der gegenwärtigen Schöpfungs- und Weltordnung bilden. Wir möchten oft am liebsten alle Gegensätze und jede Opposition aus der Welt schaffen. Das Gleichnis vom Unkraut im Weizen belehrt uns jedoch deutlich, wie alles, auch das böse Ding, “seine Zeit” und seinen Zweck hat vor Gott.
Genau wie diese Himmelslichter ihren Anfang und ihr Ende haben, so besteht auch der Grundsatz der Scheidung nur so lange, wie Gott ihn durch die Zeichen am Himmel bezeugt. Denn: “Himmel und Erde werden vergehen!” Somit werden einmal Sonne und Mond nicht mehr sein. Wie es vor den Zeitaltern keine Gegensätze gab (Joh. 1, 1-3; 17, 5.24), so wird auch nach deren Ablauf nur noch Harmonie zu finden sein: “Wenn Gott wird alles in allem sein” (1. Kor. 15, 28).
Die gegenwärtige Weltzeit aber heißt von Gott aus betrachtet “Nacht”. Christus, die Sonne, ist für diese untergegangen und fremd. Nur der Schein des ständig wechselnden Mondlichtes der Wissenschaft und die Sterne der geschöpflichen Größen geben ihr schwaches Licht, sofern es nicht durch Nebel der Unklarheit und Wolken des Unglaubens gänzlich verdeckt ist.
Vergessen wir nicht, dass, je klarer Mond und Sterne sich zeigen, umso tiefer die Nacht herrscht. Mit allen Lichtern der Erfindung und den leuchtenden Kulturdokumenten der Welt verhält es sich ebenso; ihr grelles Hervortreten verdanken sie der rapid zunehmenden Finsternis der Gottesferne in der Welt.
Warum aber nimmt die Finsternis zu? Warum gibt es überhaupt eine Finsternis? Warum eine Nacht? Woher kommt die Finsternis des Bösen, wo doch Gott Licht ist, und in Ihm sich gar keine Finsternis befindet (1. Joh. 1, 5)? Wie sollen wir den zweiten Teil jenes sonderbaren Wortes verstehen, wo Gott spricht: “Der ich das Licht bilde und die Finsternis schaffe” (Jes. 45, 7)? Wie wirkt Gott, wenn Er Finsternis schafft?
Anstatt langer Erörterungen und weitläufiger Beweisführungen lassen wir ganz einfach die Sonne in dieser schwierigen Frage zu uns reden; denn die Himmel künden ja sowohl Gottes Herrlichkeit als auch Seiner Hände Werk (Ps. 19, 1-3):
“Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte; und siehe: Es war sehr gut” (1. Mos. 1, 31).
“Jedes Geschöpf Gottes ist gut und nichts verwerflich” (1. Tim. 4, 4).
Wie und wo bleibt da Raum für Gott, Finsternis oder Böses geschaffen zu haben?
“Gott nannte die Finsternis — Nacht” (1. Mos. 1, 5).
Wie schafft denn Gott die Nacht, diese augenscheinliche Finsternis? Die Antwort ist sehr einfach:
Er lässt die Sonne “untergehen”, zurückweichen (Ps. 104, 19-20) und schon ist die Finsternis geschaffen. Also, um Finsternismäßiges, Böses, Widergöttliches zu schaffen, braucht Gott nicht etwas Zusätzliches zu tun, sondern Er entzieht dem vorhandenen Guten das Licht Seiner Gegenwart (Ps. 104, 29). Damit sind Finsternis und Tod geschaffen und diese beginnen ihre Wirksamkeit. Das Zurücktreten der Gegenwart Gottes erfolgt aber erst auf den inneren, geheimen und unausgesprochenen Wunsch derjenigen Geschöpfe, die mit Gedanken-, Entwurfs- und Willensüberlegungen begabt sind (Röm. 1, 28; Hiob 1, 5b). Folgendes Bild möge diese Dinge veranschaulichen:
Ein leuchtender Sommertag strahlt über der Erde. Die Sonne belebt, erfreut und beherrscht alles. Froh und begierig werden Wärme und Licht aufgesogen, — bis der Sonne Wärme als Glut, ihr Licht als blendend und ihre Herrschaft als drückend empfunden wird. “Wir wollen nicht länger Seine Stimme hören”, so denken die erst erschaffenen Menschen, und “wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche” regt sich’s in ihrem Innern. Fast dankbar und mit Genugtuung bemerkt die im Licht stehende Schöpfung, dass ihr Herrscher sich anschickt, sich zurückzuziehen. “Willkommen, o seliger Abend”, tönt jetzt ihr Gesang. Der Tag wird kühl, das Herz auch, und Gottes wehe Stimme ruft: “Adam, wo bist du?” — Blutrot sinkt das Licht der Welt um ihretwillen in das Grab der Ferne und Abwesenheit. Noch ist alles da wie am Tage, nur das Licht fehlt. Alles weitere wirkt sich dann von selber aus. Das eine Licht wollte man nicht mehr, drum schaut man aus nach Lichtern. Man stößt sich. Jeder achtet nur noch auf sich selbst, keiner sieht mehr den andern. Nun regen sich die Triebe in der Finsternis. Alles, was noch ist und geschieht, entwickelt sich im Finstern, bis Kraftlosigkeit, Schlaf und Tod ihr Werk getan haben. Es ist nicht auszudenken, was für furchtbare Zustände es gäbe, wenn die Nacht sich auch nur über einen Monat erstrecken, und die Sonne nicht zu ihrer Zeit wieder erscheinen würde!
Allein durch Entzug des Lichtes wird die Finsternis geschaffen. Wo Gott sich zurückzieht, entsteht das Böse ganz von selbst. Da, wo die Verbindung mit Gott abgeschnitten wird, ist das “Muss” der Sünde da, fehlt die Gemeinschaft mit Gott, wirkt der Tod (2. Kor. 4, 4; Joh. 14, 30; Jud. 8-9; Matth. 4, 8). Selbst der “Gott und Fürst dieser Welt”, dieser Herrscher ihrer Herrlichkeit, wurde zum Satan und Diabolos, gleichwie des Mose Hirtenstab zur Schlange wurde, sobald dieser seinen Händen entglitt und zur Erde fiel. Auch Satan hatte das Zeugnis Gottes, “sehr gut” zu sein. Jedoch sich selbst überlassen, wurde er zum Satan, das heißt Widersacher, und von diesem Augenblick an konnte er nicht mehr anders als sündigen.
In der Scheidung und dem Bestand von Licht und Finsternis setzte Gott jene Spannungen ein, durch welche die sonst verborgenen Kräfte und Energien ausgelöst werden und dadurch wirksam zum Einsatz gelangen. Darum wird das Geschöpf zu Entscheidungen genötigt.
Welch eine Fülle von Gegensätzen in der Bezeichnung von “Licht und Finsternis” enthalten sind, möge folgende Aufstellung zeigen:
Licht — Finsternis
Tag — Nacht
gut — böse
Segen — Fluch
Leben — Tod
Liebe — Hass
Glaube — Sünde
Freude — Schmerz
Sonne — Mond
Aufgang — Untergang
Süd — Nord
positiv — negativ
Ja — Nein
Höhe — Tiefe
Reichtum — Armut
rechts — links
Christus — Satan
Dies lässt uns erkennen, dass wir in einer gespaltenen Welt leben. Wenn aber schon die Spaltung eines Atomkernes riesige Energien frei macht, was müssen erst in der gespaltenen Schöpfung für ungeheure Kräfte zur Auswirkung gedrängt werden! Dies alles aber untersteht der Kontrolle des allmächtigen und barmherzigen Gottes, dessen Ziel-Gedanken Frieden und Versöhnung sind.
Wie gut und trostreich ist es, dass von Ihm die Wahrheit gilt: “Auch Finsternis würde vor dir nicht verfinstern, und die Nacht würde leuchten wie der Tag, die Finsternis wie das Licht” (Ps 139, 12.13).
Und wie beim elektrischen Strom ausgerechnet ein “Widerstand” gegen die Energie diese in Licht und Wärme umgestalten kann, so vermag die Liebe Gottes in Weisheit jeden Widerstand gegen Seinen Geist durch Gnade und Gericht in Barmherzigkeit zu verwandeln. Denn:
Das Böse wird durch Gutes überwunden.
Der Fluch wird verwandelt in Segen.
Der Tod wird vom Leben verschlungen.
Zuerst aber muss das Unkraut ausreifen, und die Nacht dieser Welt muss zur Mitternacht werden. Dann folgen Gericht und Barmherzigkeit (Hab. 3, 2; Matth. 23, 23; 12, 20).
Zudem vermittelt der Gang der Gestirne und ihre Stellung am Himmel eine mannigfache Darstellung von Gegensätzlichkeiten:
Da ist zu denken an all die sogenannten Oppositionsstellungen, sowohl der wechselvollen Gegenstellungen der Wandelgestirne als auch der ständigen Gegenüberstellung der betreffenden Sternbilder. Dies ist z. B. immer dann der Fall, wenn von den beiden in Frage kommenden Gestirnen eines im Westen untergeht und das andere im selben Augenblick im Osten aufgeht.
Solche Oppositions-, Gegensatz- oder Widerspruchsstellungen haben ihre zum Teil auffallenden Merkmale und Auswirkungen. Bei Sonne und Mond tritt dies besonders offensichtlich in Erscheinung. Denn bei jeder Gegenstellung des Mondes zur Sonne, stellt sich ersterer als Vollmond, also als eine vollkommene Kreisfläche dar. Im weiteren verhält es sich bei dieser Sonderstellung so, dass dann der Mond um Mitternacht (Höhepunkt der Finsternis) in seiner vollen Macht und Größe die Situation beherrscht, und zwar an seinem höchstmöglichsten Standort, im Zenith, während die Sonne in diesem Augenblick ihre “tiefste Erniedrigung” dem Monde und dem Beobachter gegenüber bezogen hat.
Wenn wir nun in diese einfachsten Gegebenheiten die ebenso einfachen Zeugnisse der Bibel einsetzen, wonach die Sonne das Zeichen für Christus, der Mond jedoch dasjenige für Satan ist, dann merken wir beim Vergleichen dieser Dinge, wie gewaltig und genau die Himmel die Wahrheit und den Ratschluss Gottes zu erzählen beginnen. Besonders dann, wenn wir zudem beachten, dass diese Gegensatzstellung zwischen Sonne und Mond der im Worte Gottes festgesetzte Zeitpunkt ist, an welchem das Passah-Lamm geschlachtet werden muss, und demgemäß auch der Tod Christi am Kreuz mit dieser Zeichenstellung am Himmel zusammenfällt. Nach dem Gesetz Gottes muss das Passah immer am 14. Tage nach Neumond, also bei Vollmond gefeiert werden, und zwar je im ersten Monat des religiösen, israelitischen Jahres. Diese Ordnung wurde auch von den christlichen Kirchen bis heute übernommen, indem das Karfreitagsfest, das dem israelitischen Passah entspricht, zeitlich nach dieser Mondstellung bestimmt wird. Es ist also ganz und gar nicht Aberglaube, wie jemand meinte, wenn gesagt wird, dass am Karfreitag immer der Vollmond am Himmel stehe. Im Abschnitt “Sterne und Festzeiten” (im o. g. Buch) werden diese Zusammenhänge noch besonders geschildert werden.
Als gewichtiger Zeuge für diese wunderbaren Beziehungen zwischen Gestirnstellung, ihrer Zeichensprache und gewisser Ordnungen im irdischen Leben steht die Tatsache vor uns, dass zur Zeit der erwähnten Oppositionsstellung von Sonne und Mond auch das Kräfte- und Stellungsbild von Ebbe und Flut im Erdkreis ein besonderes ist.
Da nun dies alles letzten Endes auf den Kreuzestod Jesu Christi, seine Begleiterscheinungen und die daraus erwachsende Versöhnung hinweist, ist uns diese brennende Frage, wozu im Ratschluss Gottes die Einschaltung all der gewaltigen Gegensatzkräfte nötig war, auf das herrlichste beantwortet, denn der Geist Gottes, dieser wesenhafte Kraftstrom, vermag jeden “Widerstand” sich dienstbar zu machen und ihn zu verwandeln in Licht, Wärme und Liebesglut.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 1952; Paulus-Verlag, Heilbronn)


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