Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Der glückselige Gott und die leidende Schöpfung

Autor: Muhl, Arthur  |  Kategorie(n): Das prophetische Wort, Erkenntnis & Wesen Gottes, Heilsgeschichte  |  594 x gelesen

(Nach einem Tonbandvortrag)

Wir hören zuvor ein Wort der Schrift aus Römer 11, 2-36:

“Denn ich will nicht, Brüder, dass euch dieses Geheimnis unbekannt sei, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist Israel teilweise widerfahren, solange bis die Fülle der Nationen (in die Herrlichkeit) eingegangen sein wird; und so wie es geschrieben steht, wird ganz Israel errettet werden: Es wird aus Zion der Erretter kommen, ER wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden; und dies ist für sie der Bund von mir, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde! Hinsichtlich des Evangeliums sind sie zwar Feinde, um euretwillen, hinsichtlich der Auwahl aber Geliebte, um der Väter willen. Denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar. Denn gleichwie auch ihr einst Gott nicht geglaubt habt, jetzt aber unter die Begnadigung gekommen seid durch den Unglauben dieser (Israeliten), also haben auch jetzt diese an eure Begnadigung nicht geglaubt, damit auch sie unter die Begnadigung kommen. Denn Gott hat alle zusammen in den Unglauben eingeschlossen, damit Er alle begnadige. O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unausforschbar sind Seine Gerichte und unausspürbar Seine Wege! Denn wer hat des Herrn Denksinn erkannt, oder wer ist Sein Mitberater gewesen? Oder wer hat Ihm etwas zuvorgegeben, dass es ihm vergolten werden müsste? Denn aus IHM und durch IHN und zu IHM hin ist das All. IHM sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.”

Unser Gesamtthema lautet in diesen Tagen: “Gesetz und Evangelium”. Wir durften wunderbare Zusammenhänge bezüglich des Gesetzes vom Sinai und dessen Verhältnis zum “Evangelium der Gnade” erkennen. Überragend und in göttlicher Kürze konnte es Paulus in 1. Timotheus 1, 11 niederschreiben, wo er von dem “Evangelium der Herrlichkeit des glückseligen Gottes” spricht, “welches mir (Paulus) anvertraut worden ist”. Wie kann er sich erkühnen, so zu sprechen, als ob diese überragende Fassung der Frohen Botschaft sonst niemand anvertraut worden wäre? Aber so ist es. Darum durfte er einmal an anderer Stelle sagen, dass ihm als dem “allergeringsten unter allen Heiligen”, gleichsam als einer unzeitigen Geburt, die besondere Gnade gegeben sei, den unausforschlichen Reichtum des Christus zu verkündigen sowie das Wort Gottes zu vollenden (oder: abschließend zu ergänzen; Eph. 3, 8; Kol. 1, 25). Paulus darf gleichsam der Offenbarung der Gedanken Gottes und des Heilsplanes Gottes “die Krone aufsetzen”. Ausgerechnet er, der als Eiferer nach dem Grundsatz der Werkgerechtigkeit des Gesetzes als letzter dafür geeignet war, solche Ehre von Gott zu empfangen, wurde ausersehen, dieses “Evangelium der Herrlichkeit des glückseligen Gottes” zu verwalten.

Nun dürfen wir aber nicht in der Weise zu großen Nachdruck darauf legen, dass wir uns fast nur noch mit den Briefen des Apostels Paulus beschäftigen und den Rest der Heiligen Schrift, besonders die Offenbarungen des Alten Testaments, vernachlässigen. Kann denn von einer “Ergänzung” üiberhaupt die Rede sein, wenn die Voraussetzung, das Fundament, nicht vorhanden ist? Was nützt mir andererseits die Voraussetzung, wenn die Ergänzung fehlt? Liegt doch in der Ergänzung und Vollendung der Schlüssel zum Verständnis des grundlegenden Gottesgeheimnisses, das vor Paulus nicht geoffenbart wurde.

“Mir, Paulus, wurde das Evangelium der Herrlichkeit des glückseligen Gottes anvertraut.” Das heißt doch: Wenn wir in die Tiefen der Gottheit, in die innersten Herzensbewegungen unseres Gottes und Vaters hineinschauen ünd die Gottesgedanken kennenlernen möchten, dann allerdings müssen wir in den Schriften nachforschen, die Gott in Seiner Gnade dem Apostel Paulus enthüllt hat. Ihm wurde es jedoch nicht gegeben, sich in Einzelheiten zu verlieren, so wie es Epheser 3, 3-4 deutet: “… wie ich es zuvor in Kürze beschrieben habe, woran ihr im Lesen merken könnt mein Verständnis in dem Geheimnis des Christus …” Paulus schreibt in einer prophetischen “Kurzschrift Gottes”.

Unter allen Aposteln ist Paulus gleichsam der “Chefarchitekt”. Dieser arbeitet keine Detailpläne aus, sondern stellt den “großen Wurf” her, die Idee und das Zielbild des geplanten Gesamtbaus. Die Einzelheiten aber arbeiten die Techniker, Ingenieure und Angestellten aus — jeder auf seine Weise —, indem sie sich den Vorstellungen des Chefarchitekten anpassen und sich ihnen ein- und unterordnen. Nicht von ungefähr verwaltet Paulus 27 von den etwa 30 Gottesgeheimnissen des Neuen Testaments. Ihm wurden sie anvertraut.

Das Evangelium der Herrlichkeit des glückseligen Gottes

Und nun Näheres zu dem “Evangelium der Herrlichkeit des glückseligen Gottes”. Bei diesem Gotteszeugnis wird mancher von uns gedacht haben: Wie kann Gott, der Allerhöchste, glückselig sein bei all dem leidvollen und unglückseligen Geschehen in Seiner Schöpfung? Auf diese Frage sei eine dreifache Antwort gegeben:

1. Gott ist der glückselige Gott, weil Er bereits vor Grundlegung der Welt alles künftige Geschehen in Seiner Weisheit erforscht hat — einschließlich aller Gedanken und Willensentscheidungen Seiner Geschöpfe. Darum kann es heißen, dass Er alles Geschehen “zuvorerkannt” habe, wie auch Petrus in seiner Pfingstrede von der “Vorerkenntnis Gottes” spricht.

Dementsprechend hat Gott auch alles geplant. Angesichts all des Unheimlichen, was sich zukünftig ereignen würde, hat Er sich zuerst “hingesetzt und die Kosten überschlagen”, ob Er trotz allem in der Lage sei, das Ziel zu erreichen, das Seiner Liebe entspricht.

Dies ist bei uns Architekten nicht anders. Auch wir müssen planen, alles aufs beste überdenken, ehe wir dem Auftraggeber einen Kostenvoranschlag unterbreiten und die Planung ausführen. Dann muss sich dieser entscheiden: Vermag ich dieses Haus zu bauen und zu vollenden? Bei uns Architekten geht es dann manchmal so, wie es der Spötter ausdrückt: Vor Baubeginn bringt der Bauherrr das Geld und der Architekt seine Erfahrung — nach Bauabschluss und Abrechnung hat der Architekt das Geld und der Bauherr die “Erfahrung”.

Kann das beim Kostenvoranschlag unseres Gottes auch so geschehen? O nein, — bei Ihm stimmt die Schlussabrechnung genau mit dem Kostenvoranschlag überein. Jesus hat uns ja empfohlen: Wer im Sinne hat, ein großes Bauwerk auszuführen, der setze sich vernünftigerweise zuerst einmal hin und überschlage die Kosten, ob er in der Lage ist, den Bau zu vollenden (Luk. 14, 28). Es wäre verhängnisvoll, wenn er während des Bauens feststellen müsste, dass er nicht in der Lage ist, das Bauwerk so fertigzustellen, wie er es gerne hätte, oder dass er gar von der Vollendung absehen muss.

Was Gott uns hier empfiehlt, hat Er zunächst einmal selber getan! Er hat sich “hingesetzt” und alles erforscht, erkannt und geplant. Er hat — in der Ganzhingabe Seines Sohnes — die Kosten überschlagen, und noch ehe Er irgendein Geschöpf ins Dasein rief, wusste Er: Trotz aller Widerstände und aller Sünde und Bosheit werde ich das Ziel meiner Liebe nach dem Wohlgefallen meines Herzens mit meiner ganzen Schöpfung durch Gericht und Gnade erreichen. Das ist der erste Grund, warum Gott bei allem Unheil in der Welt glückselig sein kann.

2. Gott ist der glückselige Gott, weil Er vor Grundlegung der Welt bereits das Opferlamm zur Deckung aller entstehenden Kosten und Forderungen bereitgestellt hat. Durch den Gekreuzigten kann Er nicht nur allen Schaden wiedergutmachen (was uns vielleicht schon genügen würde), sondern Er hat in Ihm die Rechtsgrundlage dafür geschaffen, jeden Fluch in Segen, jede Finsternis in Licht, Tod in Leben, Sünde in Gerechtigkeit, ja Hass in Liebe zu verwandeln.

3. Gott ist der glückselige Gott, weil Er in absoluter Zielsicherheit glückselig in sich selbst ruhen kann — in Seiner Liebe zur Welt und im Blick auf Seinen Sohn Jesus Christus, der Gottes ganzen Liebeswillen durchführen wird. In Seiner Liebe zur Welt hat Er aufs trefflichste für deren Vollendung und Herrlichkeit gesorgt, als Er Seinen erstgeborenen Sohn für sie dahingab.

Hierzu wollen wir nun als ein typisches Beispiel Offenbarung 15 näher anschauen, ein Kapitel, das uns den Höhepunkt der furchtbarsten Gerichte schauen lässt:

Vers 1: “Und ich sah ein anderes Zeichen in dem Himmel, groß und wunderbar, sieben Engel, welche die sieben Plagen hatten, die letzten. Denn in ihnen ist der Grimm Gottes vollendet.”

Was sind das für sieben Plagen? Nichts Geringeres als die sieben Zornschalen, die in den letzten dreieinhalb Jahren dieser Weitzeit auf die Gottlosigkeit der Menschen ausgegossen werden. Wie bezeichnet die Schrift das letzte, gewaltige, siebenfältige Gericht des Zornes und Grimmes Gottes? “Ein anderes Zeichen in dem Himmel: groß und wunderbar.” Was ist denn da Wunderbares daran?, so möchte man fragen. In Offenbarung 1, 3 heißt es schon: “Glückselig, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung …” Haben wir nicht auch schon gefragt, wie bei all den Schilderungen kommender furchtbarer Gerichte Glückseligkeit möglich sei? Noch mehr: Wie kann unser Gott bei der Durchführung jener Gerichte glückselig sein? Glückselig bei all der Feindschaft, die sich gegen Ihn selbst richtet, bei all dem unglückseligen Geschehen in Seiner Schöpfung? “Groß und wunderbar …”?

Dann hört Johannes das Lied des Knechtes Mose und des Lammes singen, in welchem es heißt (V. 4). “Wer sollte nicht Dich, Herr, fürchten und Deinen Namen verherrlichen, denn Du allein bist heilig; denn alle Nationen werden kommen und vor Dir anbeten …” Haben wir richtig gelesen? Werden alle Völker zur Anbetung Gottes kommen, oder werden sie nicht kommen? Gerade die Gerichte bereiten sie darauf vor: “… denn Deine Gerechtigkeiten sind offenbar geworden” (V. 4b).

Vers 5: “Und nach diesem sah ich, und der Tempel der Hütte des Zeugnisses in dem Himmel wurde geöffnet.” Beachten wir: “der Tempel der Hütte des Zeugnisses” — sind das nicht zwei verschiedene Bauwerke? Die “Hütte des Zeugnisses” hatte doch Moses in der Wüste erstellt, den “Tempel Gottes” hingegen der König Salomo in Jerusalem. Hier aber finden wir die Vereinigung beider! Die Hütte des Zeugnisses war Bestandteil des von Engeln angeordneten Gesetzes. Warum? Weil jene heiligen Engel im Tempel des himmlischen Jerusalem Priester- und Levitendienste verrichten. Sie kennen sich im himmlischen Original aus; darum empfingen sie von Gott die Genehmigung, dem Mose auf dem Berg Sinai ein Modell von der Hütte des Zeugnisses, dem Tempel im Himmel, zu zeigen. Nach diesem Modell hatte er dann die Hütte des Zeugnisses genauestens zu erstellen. So sind alle Dinge des Gesetzes Abbilder der himmlischen Originale oder ein “Schattenriss” der himmlischen Dinge. Sie sind “dunkle Angelegenheiten” — verglichen mit der Herrlichkeit der Originale, die den Schatten werfen. Ein Schatten aber hat zwei notwendige Voraussetzungen: einen Körper, der den Schatten wirft, und ein Licht, in dem der Körper steht. Bei völliger Dunkelheit reicht eine Kerze aus, um einen Körper einen Schatten auf die Erde werfen zu lassen. Weil jedoch das Licht zu schwach ist, hat dieser Schatten keine deutlichen Umrisse. Wenn ich aber im Sonnenlicht gehe oder stehe, gibt es einen kräftigen, konturenreichen Schatten. Je dunkler also der Schatten, um so heller ist das Licht, in dem der schattenwerfende Körper steht oder geht. Also: Körper und Licht sind umso strahlender und wesenhafter, je dunkler der durch sie erzeugte Schatten ist! Gibt es in unserer Bibel “dunkle Angelegenheiten”? — Gewiss! Wer ist nun der Körper, der diese Schatten des Gesetzes wirft? Dies beantwortet Paulus in Kolosser 2, 17, wo er ausführt, dass alle Vorschriften des Gesetzes, von den einfachen Speisevorschriften bis hin zu den wunderbaren Festordnungen, alles Vorschattungen der zukünftigen Herrlichkeit Gottes sind — “der Körper aber (der den Schatten wirft) ist der des Christus!”

Den Christus in Seiner Herrlichkeit können wir vorerst noch nicht sehen, aber wir können “Seinen Schatten” sehen — und zwar nicht nur von einer Seite, sondern von vielen Seiten beleuchtet. Wenn mir jemand von einer Figur vier Schattenrisse zur Verfügung stellt, die sie von vier verschiedenen Seiten aus zeigen, dann kann ich diesen Körper wohl modellieren, ohne ihn selbst vorher gesehen zu haben. Und so können wir an den Schattenrissen des Christus — gerade dort, wo sie am “dunkelsten” sind — aufs wunderbarste die Liebe, Barmherzigkeit und Güte Gottes erkennen. Im Schatten ist die Weisheit verborgen (Pred. 7, 11-12).

Gott benützt das, was nichts ist, um sich maximal zu offenbaren. Gerade der Schatten ist so ein “Nichts”, denn er ist weder fest noch flüssig noch gasförmig! Warum handelt Gott so? Damit die Weisen und Verständigen sich an der Gottesoffenbarung stoßen und sie verachten, die “Unmündigen” aber in die Tiefen Seiner Weisheit hineingeführt werden.

Wir lesen weiter in Offenbarung 15, Verse 5-6: “Und der Tempel der Hütte des Zeugnisses in dem Himmel wurde geöffnet, und die sieben Engel, welche die sieben Plagen hatten, kamen aus dem Tempel hervor” (nirgendwo sonst ist ihr Ursprungs- und Auftragsort!), “angetan mit reinem, glänzendem Linnen und um die Brust gegürtet mit goldenen Gürteln”. Dann lesen wir noch: “Goldene Schalen wurden ihnen gegeben …” (Uns hätten sicherlich goldene Schalen als Gefäße des Gerichtes gereut, wir hätten vielleicht gewöhnliche Blechschüsseln genommen!) Was für eine wunderbare “Prozession” kommt da — mit strahlendweißen Gewändern, goldenen Gürteln und goldenen Schalen — aus dem Tempel Gottes hervor! Vers 7: “Und eines der vier lebendigen Wesen gab den sieben Engeln sieben goldene Schalen, voll des Grimmes Gottes, der da lebt in die Zeitalter der Zeitalter.”

Vers 8 berichtet uns nun von dem wunderbaren Höhepunkt dieser Himmelsereignisse: “Und der Tempel wurde mit Rauch gefüllt von der Herrlichkeit Gottes und von Seiner Macht.” Was bedeutet es, wenn es heißt, “der Tempel wurde mit Rauch gefüllt”? Es entspricht dem, was wir in Offenbarung 8, 1 lesen, wo Gott bei der Eröffnung des siebten Siegels dem Himmel ein “Schweigen” von einer “halben Stunde” verordnet. Ob wohl diese Stille von den Himmeismächten eingehalten wird? Ganz gewiss! Das letzte, was zu hören ist, wird wohl jener “Ton eines verschwebenden Schweigens” sein (so übersetzt es Martin Buber), in dem nach 1. Könige 19 der Herr dem Elias Seine Liebesmacht offenbarte. Bevor die unbarmherzigen Gerichte die Menschen treffen werden, ehe die Stunde der Versuchung, die große Drangsal, die Menschheit treffen wird, “hält der Himmel mit seinen Mächten für eine halbe Stunde den Atem an”. Rauch erfüllt den Tempel Gottes — sicherlich jenes Räucherwerk, das nach Offenbarung 8, 3-4 die Gebete der Heiligen darstellt.

So dient die große Stille dazu, dass der Herr sich noch einmal, ehe die Gerichte losbrechen, aller Gebete aller Heiligen aller Zeiten erinnert! Kein einziger Stoßseufzer Seiner Heiligen — vielleicht in bezug auf einen entgleisten Sohn oder Enkel, eine in Sünden gefallene Tochter oder Enkelin — wird von Ihm vergessen werden!

Der alttestamentliche Gebetskämpfer Habakuk (= Umarmer, Ringkämpfer) sagt in Kapitel 3, 2: “Jehovah, ich habe Deine Kunde” (von den endzeitlichen Gerichten) “vernommen; ich fürchte mich. Jehovah, belebe Dein Werk inmitten der Jahre, inmitten der Jahre mache es kund; im Zorn gedenke des Erbarmens!” Gemeint ist die Mitte der letzten sieben Jahre dieses Äons, der “letzten Jahrwoche” der Drangsal. War Habakuk nicht ein Gebetsringkämpfer nach dem Herzen Gottes, der uns Fromme des Neuen Bundes in den Schatten stellt? Wir hören und sagen leider oft: Es kommt eine Zeit des Zornes und des Gerichtes Gottes, wo es keinerlei Gnade und Barmherzigkeit Gottes mehr gibt. Was sind wir doch für Toren! Wann hört denn die Liebe Gottes auf? Nach 1. Korinther 13, 8 hört sie “niemals” auf! In der Erkenntnis dieses Tatbestandes beschämt uns Habakuk.

Während nun der Tempel mit dem Weihrauch der Gebete aller Heiligen erfüllt wird, darf “niemand in den Tempel eintreten, bis die sieben Plagen der sieben Engel vollendet sind” (Offb. 15, 8). Gott ist also, während die Zornschalen ausgegossen werden, für niemanden zu sprechen! Warum nicht? In Offenbarung 1, 1 lesen wir: “… durch Seinen Engel sendend, hat Er (Jesus) diese Dinge Seinem Knechte Johannes gezeigt.” Wir fragen: Warum kannst Du, Herr Jesus, nicht mehr mit Deinem geliebten Jünger Johannes persönlich sprechen? Warum muss ein Engel dazwischentreten? — Weil den Engeln der Vollzug der Gerichte obliegt; sie stimmen mit Gottes Gesetz und Ratschluss überein, aber nicht mit dem Wohlgefallen des Vorsatzes Seines Herzens! Nach Offenbarung 15, 8 sagt Gott also gleichsam: “Ich ziehe mich ins Allerheiligste zurück und bin während der Zeit der Zornschalengerichte für niemanden zu sprechen!”

In der Josefsgeschichte des Alten Testaments wird uns hierfür ein Vorbild gegeben. Solange Josef harte Worte mit seinen Brüdern redete — denen er ja am liebsten gleich um den Hal5 gefallen wäre —, hat er nicht selbst mit ihnen gesprochen, sondern durch einen ägyptischen Dolmetscher (natürlich auch darum, weil ihn sonst seine Sprache verraten hätte). In dem Moment aber, da ausgerechnet die Worte des Hauptschuldigen, des Juda, ihn tief bewegten, befiehlt er, dass alle Ägypter den Raum verlassen, und zieht sich in sein innerstes Gemach zurück, um dort zu weinen. Dann wäscht er sein Gesicht und offenbart sich seinen Brüdern: Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr verkauft habt. Aber fürchtet euch nicht! (1. Mose 45, 1-5).

In diesem Geschehen ist die Herzenseinstellung unseres Gottes vorgebildet. Die Gerichte werden durch Seine Geschöpfe, die Engelmächte, ausgeführt. Er hat sie genehmigt und verordnet. Doch hat Er selbst kein Wohlgefallen daran; Seinem vollkommenen Willen entsprechen sie schon gar nicht.

Nun die wunderbaren Worte aus Jesaja 18, 4.5, die so klar mit Offenbarung 15 übereinstimmen! Jehovah spricht: “Ich will still sein und will zuschauen in meiner Wohnstätte, wie heitere Wärme bei Sonnenschein, wie Taugewölk in der Ernte Glut. Denn vor der Ernte, sobald die Blüte vorbei ist und die Blume zur reifenden Traube wird, da wird er die Reben abschneiden mit Winzermessern und die Ranken hinwegtun, abhauen.” — Lasst uns dies Wort genau anschauen! “Ich will still sein und ruhen.” Gott ruht in Seiner Liebe (Zeph. 3, 17). Dies empfiehlt der Herr auch uns. So wie Gott in Seine Ruhe eingegangen ist von allen Seinen Werken, sollen auch wir zur Ruhe kommen von unseren Werken und “uns befleißigen, in Gottes Ruhe einzugehen”, wie uns der Schreiber des Hebräerbriefes ermahnt (4, 10.11). Ein eigenartiger “Fleiß” wird hier von uns gefordert, nicht, um mit allen Kräften eine Arbeit zu beginnen, sondern um zu ruhen.

“Ich will stille sein, ich will zuschauen in meiner Wohnstätte”, sagt unser Gott. Er selbst will also nicht handeln im Gericht. Weiter lesen wir: “… wie heitere Wärme bei Sonnenschein.” Unser Herr ist unsere Sonne und Wonne. Niemals gibt es bei Ihm einen Wechsel des Lichts und eine Wesensveränderung. Er ist und bleibt die Sonne. Und nun wird ein Geheininis ausgesprochen: “… wie Taugewölk in der Ernte Glut.” Was heißt das? Die Ernte ist das Ende dieses Zeitalters (Matth. 13, 39). Wir alle stehen unter dem Eindruck, dass diese Ernte nahe ist. Die Mächte der Bosheit und Finsternis erreichen heute eine Ausreife, die bald nicht mehr übertroffen werden kann. Aber auch die Gemeinde Jesu Christi reift aus und geht ihrem Höhepunkt mehr und mehr entgegen.

Was heißt es nun, wenn Gott von einem Taugewölk während der Glut der Ernte spricht? Da die Ernte auf das Ende unseres Zeitalters hinweist, meint die Glut der Ernte die Hitze der Gerichte in der kommenden großen Drangsal. Was also hat der lebendige Gott droben bereitgestellt für die Zeit, da hier unten scheinbar unbarmherzige Gerichte toben? Ein Taugewölk! Was ist denn nach der Schrift der “Tau des Himmels”? — Der Tau des Himmels war das Transportmittel für das göttliche Manna, das der Herr dem Volke Israel während seiner 40-jährigen Wüstenwanderung vom Himmel auf die Erde herniederschweben ließ. Denn das Manna war keine Speise irdischer Herkunft, sondern “Himmeisgetreide”, “Brot der Starken” (also der Engel). Getragen vom Tau des Himmels, schwebte das Manna auf Israels Lager herab (4. Mose 11, 9). In 5. Mose 33, 13 wird dieser Tau “das Köstlichste des Himmels” genannt. Während nun das Manna liegenblieb, verflüchtigte sich der Tau und stieg wieder zum Himmel empor. Tau ist das Wasser des Lebens in feinster, sublimiertester Form, wie nur der Geist Gottes es mitteilen kann, wenn er das Brot vom Himmel, das Wort Gottes, uns zubringt (vgl. Jes. 26, 19, wo der “Tau der Lichter” sogar für die Auferstehung derer, die im Staube liegen, eingesetzt wird). Hier dürfen wir auch an Nebukadnezar denken, der für sieben Zeiten in Wahnsinnsverwirrung und Tiergestalt den Gerichten Gottes übergeben ward. Doch wenn auch sein “Baum” umgehauen wurde, so blieb doch sein “Wurzelstock” nach Gottes Befehl in der Erde, wo der “Tau des Himmels” ihn so lange benetzte, bis er erkannte, dass der Höchste über alles verfügt (Dan. 4). Gott setzte ihn danach nicht nur wieder in seine frühere Stellung ein, sondern verlieh ihm zusätzliche Herrlichkeit. So erfüllte sich Hiob 14, 7: “Denn für den Baum gibt es Hoffnung: Wird er abgehauen, so schlägt er wieder aus, und seine Schößlinge hören nicht auf. Wenn seine Wurzel in der Erde altert und sein Stumpf im Boden erstirbt: vom Dufte des Wassers sprosst er wieder auf und treibt Zweige wie ein Pflänzling.”

Was ist also der “Tau des Himmels”? Gottes erfrischendes und wiederbelebendes Gnadenwort. Während auf Erden die Zornschalengerichte wüten, kann Gott still sein, denn Er hat ein Taugewölk bereitgestellt. Worin besteht dies “Köstlichste des Himmels”? Aus der vollendeten Gemeinde Jesu Christi, die dort oben bereits den Richterstuhl Christi als eine letzte Zubereitung hinter sich hat; denn beim Schall der 7. Gerichtsposaune ist “das Geheimnis Gottes”, der Leib des Christus, vollendet (Offb. 10, 7; Kol. 2, 3). Das ist das Taugewölk Gottes, das Er bereitgestellt hat. Wenn der Ernte Glut vorüber sein wird (die Zornschalen sind die letzte Phase der endzeitlichen Gerichte), kann Er endlich auch den Tau der Gnade, das Wort des Lebens, auf die Gerichteten und auf alle Welt herniedersenken.

Merken wir, wie Altes und Neues Testament “aus einem Guss” sind, weil sie von der Liebe Gottes künden und von Seinem Geiste eingegeben sind? Je dunkler und unbarmherziger (nach dem Buchstaben) die Aussagen des AT oft erscheinen, um so wunderbarer finden wir gerade dort die Grundlagen der Versöhnung des Alls.

Ein klassisches Beispiel dazu bietet das Wort des Gesetzes: “Verflucht ist jedermann, der am Holze hängt!” (5. Mose 21, 22-23). Warum hängt er am Holz? Weil er eines der Gebote übertreten hat. Dies genügt aber offensichtlich nicht; nun muss ihn noch der Fluch treffen, damit das Urteil unwiderruflich sei. — Was geschieht? Eines Tages hängt ein Mann am Holz, Jesus Christus. War denn auch Er verflucht? Ließ Er sich zum Fluch machen? Wurde Er zur Sünde gemacht? — In dem Augenblick, da ich diesen Mann am Fluchholz hängen sehe, verwandelt sich der unbarmherzige Fluch des Gesetzes in die Grundlage der Versöhnung des Alls. Hallelujah! Als Gott die Anträge der heiligen Engel zu diesem unbarmherzigen Gesetz genehmigt hat, hat Er in Seiner verborgenen Weisheit die Formulierung aller Flüche und Forderungen genau übenwacht. Er hat sie erst dann zum Beschluss erhoben und ins Gesetz aufnehmen lassen, als alles vollkommen mit dem Liebeswillen übereinstimmte, den Er in Seinem Sohn schon vor Grundlegung der Welt beschlossen hatte. Und kein Engel und Mensch wusste darum! Dies ist der Grund, warum das Gesetz auch “Sein Gesetz” genannt werden darf.

Wir haben zum Eingang einige Verse aus Röm. 11 gelesen. Dort wird ausgeführt, dass Israels Straucheln und Fallen zur Rettung der Nationen gereichte, dass ihr Verlust zum Reichtum der Nationen wurde, und dass ihre Verwerfung zur Versöhnung der Welt führte. Ja, was haben wir denn für einen Gott? Hat Er Angst und Befürchtungen hinsichtlich alles dessen, was in Seiner Schöpfung geschehen könnte und auch tatsächlich geschieht? Steht Er “ein wenig darüber”? Oder steht Er überragend weit darüber? Trotz unheimlicher Gerichte (gegenüber Israel: Verwerfung, Zerstreuung unter den Völkern, Verfolgung) hat Gott schon für alle vorgesorgt, auch für Israel. Wenn sie auch “hinsichtlich des Evangeliums FEINDE sind”, so bleiben sie doch von Gott her “hinsichtlich der Auswahl um der Väter willen GELIEBTE”. Während sie Feinde sind, bleiben sie Geliebte Gottes! Bringen wir das auch fertig im Umgang mit unseren Feinden? Der Herr Jesus empfiehlt es uns jedenfalls. Die Begründung für solches Handeln Gottes heißt: “Denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar.” Dann heißt es weiter: “Denn auch ihr aus den Nationen habt einst Gott nicht geglaubt, jetzt aber seid ihr unter die Begnadigung gekommen.” Wodurch?, fragen wir. Wir möchten sagen: Durch Jesu Tod auf Golgatha! — Das ist natürlich richtig. Aber Röm. 11 sagt: “… durch ihren (Israels) Unglauben” kamen wir unter die Begnadigung. Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott am Ende Seiner Weisheit, wenn ein ganzes Volk im Unglauben verharrt? Kommt Er dann in Verlegenheit? Keineswegs! Dies bildet für Ihn eher die Gelegenheit, das dem Gesetz Unmögliche auszuführen und Seinen Liebeswillen zu enthüllen!

“Auch jene (Juden) haben an eure (der Heiden) Begnadigung nicht geglaubt.” Fast 2000 Jahre lang sind sie ungläubig und verstockt, widersprechen sie hartnäckig dem Evangelium, lästern sie den Namen Jesu — wozu? “… damit auch sie unter die Begnadigung kommen!”

“Ja, jetzt hört aber alles auf”, möchten wir sagen. Nein, jetzt fängt alles erst an, nämlich die Enthüllung der Liebe des Gottes, dessen Gedanken so ganz anders sind als Menschengedanken und dessen heilsgeschichtliche Wege so völlig anders sind als unsere Wege (Jes. 55, 8-9). Auch unsere scheinbar frömmsten Gedanken reichen an Gottes Liebesgedanken nicht heran! Und was ist das Grundprinzip göttlichen Handelns? “Gott hat alle zusammen in den Ungehorsam eingeschlossen, damit Er sich aller erbarme!” Auf diesem Wege konnte Gott Seine wunderbaren Herzensgedanken und Willensbewegungen offenbaren.

Lasst es mich einmal menschlich sagen: Wenn alles so am Schnürchen gegangen wäre, wie wir es wohl gern gehabt hätten, wenn es von der Schöpfung an bis heute immer ein bisschen schöner sich entfaltet hätte, dann würde Gott vielleicht eines Tages vor Seine wunderbare, herrliche, liebliche, heilige Schöpfung treten und sagen: Meine Kinder, was haben wir doch schon Schönes erreicht! Aber ich kann es euch nicht verbergen: “Wenn ich bereit gewesen wäre, mit euch für kurze Zeit einen schweren Weg voller Schmerzen, ja sogar mit Tod, Sünde und Verdammnis zu gehen, dann hätten wir heute eine Herrlichkeit in alle Ewigkeit, mit der die jetzige gar nicht verglichen werden kann.” — Was würden wir dann sagen? Vielleicht: “Ja, lieber Herr, warum bist Du dann diesen Weg nicht mit uns gegangen?” Wenn Gott antworten würde: “Nun, ich wollte euch schonen, weil ich wusste, dass ihr es so lieber gehabt hättet, aber nun ist leider nichts mehr zu machen …” — wer hätte dann einen Fehler gemacht?

Gott lässt sich ja wirklich am Ende der Äonen einmal von allen “richten”, beurteilen. Und was wird geschehen? Er wird vor allen gerechtfertigt dastehen und von allen angebetet werden. Dann hat Er nicht nur recht gehandelt, als Er die unbarmherzigsten Gerichtswege genehmigte, sondern tadellos. — Verstehen wir allmählich, dass Gott nicht anders handeln kann als “still sein” und in Seiner geduldigen Liebe warten und harren, bis Er einmal alles in allen geworden ist? Ja, “unausforschlich”, “unausspürbar” sind die Gerichtswege Gottes. Worin sind diese denn nun “unausforschlich”? Darin dass, je unverständlicher die Gerichte Gottes sind, um so überragender die Herrlichkeit ist, die daraus erwächst. Wenn wir diesen Zusammenhang beachten, können wir mit Paulus nur ausrufen: “O Tiefe der Weisheit!” Denn aus Ihm heraus und durch Seine Vermittlung und in Ihn hinein ist das All! Das ist die Kurzverfügung Gottes, die den ganzen Ratschluss mit aller Seiner Schöpfung zusammenfasst.

Warum spricht Paulus hier nicht von der “HÖHE des Reichtums”? Weil in Psalm 36, 6 geschrieben steht: “Deine Gerichte, o Herr, sind eine große TIEFE; Menschen und Vieh rettest Du, Jehovah” — nämlich aus allen Gerichtstiefen heraus. Darum betet auch Paulus in Epheser 3, 18 die Breite und Länge und Tiefe und Höhe der Christusliebe an, die alles Wissen übersteigt und darum nur “gemeinsam mit allen Heiligen” erfasst werden kann.

Ich schließe mit einem Hinweis auf den allüberragenden Weg der Liebe (1. Kor. 13) und greife aus diesem Hohenlied nur zwei Stücke heraus: “Die Liebe rechnet das Böse nicht zu” (V. 5). Wer von uns glaubt dies wirklich völlig im Hinblick auf die Liebe Gottes des Vaters, von der hier letztlich gesprochen wird? Nur der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes kennt diese Herzensstellung und praktiziert sie auch. ER selbst rechnet das Böse nicht zu, weil Er bereits abgerechnet hat. Wenn nun Gottes Geschöpfe in der unsichtbaren und sichtbaren Welt es für besser halten, dass das Böse zugerechnet wird, billigt Gott ihren Willen zeitweilig, aber Wohlgefallen hat Er nicht daran. Denn mit Seinem Sohn hat Er auf Golgatha abgerechnet, Ihm hat ER die ganze Wucht und Gewalt und Gemeinheit des Bösen, der Finsternis und der Sünde angerechnet. Kann Er es nun Seinen Geschöpfen noch anrechnen? — Es ist längst abgerechnet worden. Hätte Gott wohl im Blick auf alles, was mit der Schöpfung wider Ihn geschieht, erbittert werden können? In 1. Kor. 13, 5 lesen wir von dieser Gottesliebe, die nur Er selbst völlig und wesenhaft verkörpert, sie lasse “sich nicht erbittern”.

“Ich will stille sein, zuschauen, wie heitere Wärme bei Sonnenschein.” Ja, “nun bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, die größte aber von diesen ist die LIEBE” (V. 13), denn “die Liebe glaubt alles, sie hofft alles und erduldet alles” (V. 7). Alles aber, was die Gottesliebe hofft, lässt nicht zuschanden werden (Röm. 5, 5). Und weil die Liebe Gottes für alle glaubt und hofft, ist für alle aufs wunderbarste eine, herrliche Vollendung sichergestellt!

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 1986; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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