Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Göttliche oder menschliche Weisheit?

Autor: Heinemann, Karl  |  Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Glaubensleben & Wandel, Zeitgeist  |  774 x gelesen

Um den eminenten Unterschied zwischen göttlicher und menschlicher Weisheit erkennen, ergründen oder gar beurteilen zu können, bedarf es der Erleuchtung des menschlichen Geistes durch den Heiligen Geist. Alle Versuche der Menschen, kraft eigener Denkleistungen über Gott zu philosophieren und zu theologisieren, müssen zwangsläufig im Bereich kosmischer Kategorien verhaftet bleiben. Das Wort Gottes bezeichnet derartige Denkansätze und -ergebnisse als Torheit: “Der natürliche Mensch nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muss” (1. Kor. 2, 14). Gottes Weisheit und Handeln lassen sich trotz aller philosophisch-theologischen Bemühungen, die nur rein rational ohne Geisteserleuchtung ansetzen, nicht wesensmäßig erschließen. — Das Wort des Kreuzes ist das alles entscheidende Kriterium für den Zugang zu der göttlichen Weisheit (1. Kor. 1, 18). Ohne das Verstehen von Golgatha verharrt der Mensch in eigenen begrenzten Denksystemen und subjektiven Projektionen. Gottes Weisheit ist ein Geheimnis (1. Kor. 2, 7), das sich dem Christen in der Begegnung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn im Glauben erschließt. Nur wenn ein Mensch den Sinn Christi erhält, vermag er geistliche und damit göttliche Dinge zu erkennen, zu erforschen und zu beurteilen (1. Kor. 2, 15.16). Denn der natürliche, menschliche Verstand ist verfinstert und verblendet im Blick auf göttliche Weisheit und Erkenntnis. Die Ziele und Wege Gottes im persönlichen und heilsgeschichtlichen Bereich bleiben daher dem ungläubigen Menschen total verborgen, und sei er noch so gebildet im akademisch-wissenschaftlichen Sinne. Unter Beachtung dieses so wesentlichen Grundsatzes sagte mir einmal ein ausländischer Christ bezüglich des Glaubens in gebrochenem Deutsch humorvoll: “Der Verstand ist die dümmste Teil von das ganze Körper.” Und genau das bezeugt auch das Wort Gottes in 1. Korinter 1, 19: “Zunichte machen will ich die Weisheit der Weisen und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.”

Anhand ausgewählter typischer Aussagen der Heiligen Schrift wollen wir nun das bisher allgemein Gesagte an einigen Beispielen konkretisieren, um den gewaltigen Unterschied zwischen göttlicher Weisheit und menschlichen Projektionen aufzuzeigen, damit wir als gläubige Christen besonders in dem Wirrwarr gegenwärtiger theologisch-philosophischer Lehren und Auseinandersetzungen eine klare biblische Schau gewinnen und behalten: “… auf dass wir nicht mehr Unmündige seien, hin und her geworfen von jedem Wind der Lehre” (Eph. 4, 14ff.).

1. Gott erwählt das Törichte der Welt

Um Missverständnissen vorzubeugen, sei vorab erklärt: Es geht in diesem Zusammenhang nicht um eine Diskriminierung geistiger Fähigkeiten und eine Geringschätzung intellektueller Leistungen generell. Auch soll der gläubige Christ beim Denken und Handeln sowie der Beschäftigung mit geistlichen Inhalten seinen Verstand gebrauchen. Dieser muss aber, wie bereits betont, durch das Wort Gottes und den Heiligen Geist erleuchtet werden, damit ein neuer Denksinn entstehen kann. Paulus war sich nach seiner Bekehrung stets dieser Notwendigkeit der Sinnesänderung bewusst (vgl. Röm. 12, 2; 2. Tim. 2, 7). Es muss also deutlich sein: Im Blick auf wahre Gotteserkenntnis ist der menschliche Verstand ohne Offenbarung und Sinnesänderung nicht qualifiziert. Bei den Intellektuellen und ausschließlich wissenschaftlich orientierten Gelehrten besteht vielmehr die große Gefahr der Überheblichkeit und Selbstüberschätzung. Deshalb bezeugt Paulus in 1. Korinther 1, 20 : “Wo ist ein Weiser? Wo ist ein Gebildeter? Wo ist ein Wortstreiter dieser Welt? Macht nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit?” Und wenn er den Anteil prominenter Gemeindeglieder (Weiser, Mächtiger und Vornehmer) an der Gesamtzahl misst, so kommt er zu dem Ergebnis: nicht viele (1. Kor. 1, 26). Die Begründung für diese Feststellung liefert der Apostel in den anschließenden Aussagen: “Sondern das Törichte der Welt erwählt Gott, auf dass Er zuschanden mache die Weisen; und das Schwache der Welt erwählt Gott, auf dass Er zuschanden mache das Starke. Und das Unedle der Welt und das Verachtete erwählt Gott, und das da nichts ist, auf dass Er das, was etwas ist, zunichte mache, damit sich kein Fleisch rühme vor Gott” (1. Kor. 1, 27-29). Und dann fährt er fort, um den Inhalt der Weisheit Gottes zu bezeugen: Jesus Christus und die durch ihn erworbene vor Gott geltende Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung (1. Kor. 1, 30).

Welche praktischen Konsequenzen sollte diese Erkenntnis nun für die gläubigen Christen haben, die in dieser Welt leben und ständig mit dem jeweiligen Zeitgeist konfrontiert werden? Als Antwort auf diese Frage möchte ich anhand einiger Schriftzeugnisse und persönlicher Überzeugung einige Aspekte aufzeigen.

Der geistlich orientierte Christ sollte zunächst in Demut jeden Eigenruhm und jede ichbezogene Darstellung der eigenen Persönlichkeit meiden und abweisen. “Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!” (1. Kor. 1, 31). Alle empfangene Weisheit und Erkenntnis sind Gnadengeschenke unseres Gottes und nicht Produkte menschlicher Leistung. In der Bewältigung der Lebenspraxis sollte der Gläubige stets um Weisheit von oben bitten, um auf diese Weise eine gesegnete Abhängigkeit von Gott zu praktizieren (vgl. Jak. 1, 5). Und beständig sollte sich die Gemeinde Jesu Christi dessen bewusst sein, dass trotz des überwältigenden Angebotes der Schätze der Weisheit und Erkenntnis in Christus (Kol. 2, 3) zutiefst die Urteile Gottes unausforschlich und Seine Wege unausspürbar sind (Röm. 11, 33b). Denn vorerst erkennen wir letzte göttliche Wahrheiten nur wie durch einen Spiegel, droben aber werden wir von Angesicht zu Angesicht schauen (1. Kor. 13, 12).

Bei der Beurteilung des geistlichen Wesens und Verhaltens gläubiger Menschen besteht leider unter Missachtung göttlicher Bewertungskriterien die Gefahr, auf Namen, Titel, Ansehen und gesellschaftliche Positionen mehr zu achten als auf gottgewirkte Qualitäten. Der natürliche Mensch sieht primär auf das, was vor Augen ist, während Gott das Herz, die innersten Beweggründe ansieht. Werden nicht auch in gläubigen Gemeinden und Gemeinschaften bei der Rednerwahl für repräsentative Veranstaltungen oft diejenigen bevorzugt, die aufgrund ihrer Stellung und Funktion in Staat und Gesellschaft etwas Demonstratives zu bieten vermögen? Blicken wir nicht doch insgeheim auf menschlich-vorweisbare Eigenschaften anstatt auf göttlich-legitimierte Wesensmerkmale? Beherzigen wir daher die Mahnung des Apostels Jakobus: “Gott widersteht dem Stolzen, aber dem Demütigen gibt er Gnade” (Jak. 4, 6). Unter Berücksichtigung dieser Mahnung kann Gott dann aber auch einige wenige “Weise, Mächtige, Vornehme nach dem Fleisch” (1. Kor. 1, 26) gebrauchen. Paulus selbst war ein Beispiel für dieses göttliche Auswahlprinzip. Er bezeugt in Philipper 3 deshalb aber auch unmissverständlich, dass all seine menschlichen, traditionellen Vorzüge im Blick auf die göttliche Erkenntnis in Christus wie “Kot” zu werten seien. In seiner Verhaltenspraxis hatte er durch göttliche Erziehung gelernt, nur dem Gnadenwirken Gottes zu vertrauen und in Schwachheiten die Kraft Gottes zu erfahren (vgl. 2. Kor. 12, 7-10). Die noch “fleischlichen” Korinther schätzten seine Geistlichkeit und Apostelfunktion leider nur zu gering ein. So kam es in der Gemeinde Korinth zu großen Spannungen zwischen falsch urteilenden Gemeindegliedern und dem Apostel. Ähnliche Schwierigkeiten beobachten wir auch heute in vielen Gemeinden, wenn nicht das Verständnis für göttliche Torheit/Weisheit und menschliche Beurteilungsmaßstäbe vorhanden ist.

2. Gott wirkt durch die Kraft des Kreuzes

Der nicht wiedergeborene Mensch schätzt andere stets nach vordergründigen, augenscheinlichen Maßstäben und subjektiven Bewertungskriterien ein. In der modernen Leistungsgesellschaft mit diesseits orientierten Werten und Normen sind göttlich Prinzipien nicht gefragt. Der geistliche Christ muss sich dessen stets bewusst sein und seine Denk- und Verhaltensweisen ausschließlich am Worte Gottes ausrichten. Das Wort des Kreuzes ist für die Menschen dieser Welt Torheit. Christen, die die Gesinnung Jesu im Lebensalltag praktizieren möchten, werden in der Regel nicht verstanden und oft sogar diskriminiert. Göttliche Weisheit im Gewande der Kreuzestorheit vertragen sich nicht mit menschlichen Vorstellungen und Lebenspraktiken. Der gläubige Christ muss sich deshalb auf diese Konfrontation einstellen, das Kreuz bejahen und lieben lernen, um auf diese Weise im göttlichen Sinne erzogen und für seine hohe Berufung zubereitet zu werden. Dabei erfährt er im praktischen Glaubensgehorsam aber auch die verborgene Kraft des Kreuzes, die zugleich die Auferstehungskraft des erhöhten Herrn ist.

Leider bestehen die gläubigen Kreise, Gemeinschaften und Gemeinden — wie auch zur Zeit der Apostel nach Gründung der ersten Ortsgemeinden — nicht nur aus geistlich gesinnten Gliedern, sondern auch aus irdisch orientierten Mitgliedern. So entstehen naturgemäß Spannungen, Gegensätzlichkeiten und oft auch tiefgreifende Auseinandersetzungen. Gutgemeinte, aber doch menschlich-seelische Zielvorstellungen, Inhalte, Organisationsformen und Methoden konkurrieren mit göttlich-geistlichen Prinzipien. Wer gewinnt die Oberhand? Siegt die biblische Einsicht, dass die Torheit und Schwachheit es Kreuzes mehr geistliche Kraft bewirken als jede noch so spektakuläre, aber kosmisch-irdisch fundierte Betriebsamkeit? Oder triumphieren jene Kräfte, die den christlichen Glauben in dieser Zeit weltweit mit allen zur Verfügung stehenden Methoden gesellschaftsfähig machen wollen? Hier gilt es auch prophetisch klar zu sehen: Die Gefahr der Verführung am Ende dieses Äons ist groß. Es werden immer mehr Menschen, die einen Schein der Gottseligkeit haben, aber die Kraft des Kreuzes doch zutiefst verleugnen (2. Tim. 3, 5), die Herrschaft an sich zu ziehen versuchen. Deshalb sollte sich die wahre Gemeinde Jesu Christi nicht durch die äußeren Erscheinungsformen blenden lassen — selbst wenn Zeichen und Wunder im Spiel sind —, sondern stets die Geister prüfen, ob sie aus Gott sind (1. Joh. 4, 1). Nur in der Kreuzesgesinnung wird die Endzeitgemeinde den Irrungen und Wirrungen der letzten Prüfungszeit widerstehen können.

3. Gott wirkt nicht durch Menschenmassen

Auch in dieser Aussage liegt eine Weisheit Gottes verborgen. Während der Mensch sich zur Durchsetzung seiner Ziele oft der Massendemonstrationen und -veranstaltungen bedient, wählt Gott — vor allem in der gegenwärtigen Heilszeit — andere Methoden. Leider erkennen viele Christen nicht die geistlichen Strategien, die für die Gemeinde Jesu Christi gültig und allein für göttliche Ziele tauglich sind. Die Gefahr der Vermengung geistlicher und menschlicher Methoden ist groß und kann nicht kritisch genug gesehen werden. Wie oft berauscht sich der Mensch an Großveranstaltungen, die oft den Charakter der Massensuggestion haben können! Auch bei christlichen Veranstaltungen ist dieser Trend zu beobachten.

Falsches Bibelverständnis kann sogar zu einer Begründung für die Erwartung und Verwirklichung von Massenbewegungen führen. Wer das Wort Gottes nicht heilsgeschichtlich differenziert liest und umsetzt, unterliegt der Versuchung, Prinzipien anderer Heilszeiten für die Gegenwart anzusetzen und zu praktizieren. Vor allem werden die für das Volk Israel gegebenen Prophezeihungen — Inhalte und Methoden — ungeprüft auf die Auswahlgemeinde in dieser Heilszeit übertragen. Die Aussagen und Mahnungen — vorrangig der Apostel und hier besonders des Nationenapostels Paulus — werden kaum beachtet bzw. ernst genommen. So wird der Erwählungscharakter der Gemeinde vom Gros der Christen nicht erkannt (vgl. Eph. 1, 5; Kol. 1, 18; 1. Thess. 1, 4). Massenbewegungen und Völkerbekehrungen wird es nach unserem Schriftverständnis erst nach der Wiederannahme Israels und somit nach der Aufrichtung des Königreiches Jesu Christi auf Erden geben (vgl. Röm. 11). Gewiss sind auch geistgewirkte Erweckungen im Verlauf der Kirchengeschichte zu registrieren und auch in der Gegenwart zu beobachten. Sie dienen aber lediglich zur Auferbauung des Leibes Christi und nicht zur Gewinnung großer Massen oder gar ganzer Völker. Für die Endzeitphase vor der Wiederkunft Jesu Christi sind vielmehr im Gegensatz zu einer Masseneuphorie Abfall vom Glauben, Verführung und antichristliches Wesen vorausgesagt (vgl. 1. Tim. 4, 1; 2. Tim. 3, 1-5; 2. Thess. 2, 1-17). Trauen wir dem Heiligen Geist und seiner Wirkkraft in der Überwindergemeinde mehr zu als allen Massenbewegungen mit ihren sinnenfälligen, auf Breitenbasis angelegten Angeboten! Gott wirkt durch einzelne, dem Eigenwirken gestorbene Gläubige mehr Frucht für die Ewigkeit, als das je durch ungeistliche Massenveranstaltungen geschehen kann.

4. Gott handelt nach Seinem Zeitplan

Gottes Ewigkeitsdimensionen und menschliche Zeitvorstellungen divergieren erheblich. Der Mensch denkt, plant und handelt in Zeitläufen und -abschnitten, oft gebunden an kleinste Zeitmaßeinheiten, die nur elektronisch erfassbar sind. Mit dem Fortschritt menschlicher Wissenschaft und Technik gerät er dabei immer mehr in Abhängigkeiten von zeitlichen Dispositionen.

Wer hätte dies nicht schon selbst schmerzlich erfahren? Gottes Heilsabsichten mit dem glaubenden Menschen zielen nun aber auch auf Befreiung von unnötigen Abhängigkeiten in der zeitlichen Dimension. Es ist einer der schwierigsten Lernprozesse im Glaubensleben, Gottes Heils- und Zeitplan zu erkennen und entsprechend in die Praxis umzusetzen. Nur der Herr Jesus war in der Lage, den Willen des Vaters im Blick auf Zeit und Stunde ohne eigenes Versagen vollkommen zu erfüllen. Eines der überzeugendsten Beispiele für diese ständige Abhängigkeit vom Vater liefert die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus. Das Warten Jesu auf die Stunde Gottes führte dann allerdings durch ein gewaltiges Wunder zur Verherrlichung des Vaters.

Der natürliche Mensch ist in der Regel ungeduldig und unbeherrscht. Der wiedergeborene Christ bedarf daher stets der Kraft des Heiligen Geistes, um im Glaubensleben und der alltäglichen Praxis Geduld und Ausharren üben zu können. Wie sehr voreiliges Handeln oder Verpassen des göttlichen Zeitpunktes schlimme Konsequenzen zeitigen können, beweisen die vielen biblischen Biographien und Ereignisse. Der Hinweis auf einige typische Berichte der Schrift mag zur Erhellung dieser gesamten Problematik dienen:

  • Sauls Ungeduld beim Warten auf den Propheten Samuel. — Die Folge: Seine Absetzung als König durch Gott (1. Sam. 13, 8-15).
  • Die Zeugung Ismaels als Vorgriff Abrahams (1. Mose 16). — Die Folge: Der Kampf zwischen den Söhnen Ismaels und Isaaks, der besonders in der Gegenwart heils- und weltgeschichtlich bedeutsam ist.
  • Israels Verpassen der Heilszeit des Messias und Ablehnung der Botschaft durch die Apostel nach Pfingsten. — Die Folge: Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. und anschließend Diaspora der Restjuden.

Besonders im Blick auf Gottes Endzeithandeln ist eine biblisch fundierte Prophetie, verbunden mit der Kenntnis der wichtigsten Heilszeiten (Äonen, Haushaltungen), für die Gemeinde Jesu Christi dringend notwendig. Dieses prophetische Licht soll für alle Gläubigen zur klaren Wegweisung in dunklen Endzeittagen dienen (2. Petr. 1, 19). Denn falsche Propheten und Lehrer werden die von Gott gesetzten Tage und Stunden zu verschieben und zu verändern versuchen. Wie viele einseitige bzw. falsche Lehren und Sekten möchten bereits in diesem Heilzeitalter Ereignisse herbeiführen, die erst im Königreich Jesu Christi verheißen sind (z. B. Zeugen Jehovas, schwärmerische Bewegungen). Aber auch die Version “Der Herr kommt noch lange nicht” ist oft zu hören und wiegt manchen Christen in falsche Sicherheit.

Darum sollen wir die Zeichen der Zeit beachten und unsere Häupter erheben, um auf den kommenden Herrn zu warten, dessen Erscheinen der Vater nach Seinem Plan bestimmt.

5. Gott orientiert sich nicht an menschlichen Bedürfnissen

Diese These mag zunächst schockierend und provozierend wirken. Für den natürlichen, seelischen Menschen klingt diese Aussage gewiss auch sehr herausfordernd. Nur durch die geoffenbarte Weisheit Gottes ist andrerseits der wiedergeborene Christ in der Lage, den Heilsplan Gottes mit der gesamten Menschheit in seinen Grundzügen zu erkennen und die persönlichen Lebensereignisse im Lichte der Ewigkeit zu sehen.

Der ergänzende Aspekt zu dieser Problematik soll nun allerdings auch aufgezeigt werden, um Missverständnisse zu vermeiden. Gott kümmert sich sehr wohl um den Menschen und seine Lebenssituationen. Aber es geht ihm vorrangig um höhere Ziele und geistliche Qualitäten. Der Mensch, und vor allem der gläubige, sollte stets lernen, sein Vertrauen in allen politisch-gesellschaftlich-wirtschaftlichen Bereichen und persönlichen Lagen zuerst auf den allmächtigen Gott und fürsorglich liebenden Vater zu setzen. “Trachtet zuerst nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit, und alles andere wird euch zufallen” (Matth. 6, 33). Der von Natur aus egoistische, meist nur auf seine eigenen Vorteile bedachte Mensch wird an dieser Forderung allerdings scheitern. Der geistliche Christ hingegen wird in einem lebenslangen Lernprozess immer mehr die Führung Gottes als das beste Prinzip anerkennen und in seinem Leben auch verwirklicht wissen wollen.

Einige Schriftbeispiele sollen nun das bisher allgemein Erörterte konkretisieren und belegen. Zunächst muss, bezogen auf das gesamte Menschheits- und Heilsproblem, klar erkannt werden, dass Gott das Auswahlprinzip durchgängig in allen Äonen und Haushaltungen vom Sündenfall bis zur Wiederherstellung Seiner gefallenen Schöpfung bevorzugt. Wir denken an die Auswahl einzelner Personen (Henoch, Noah, Abraham, Isaak, Jakob, 12 Jünger, Paulus), des Erstlingsvolkes Israel und der Gemeinde Jesu Christi als “kleine Herde”. Diese souveränen “Vorsätze” Gottes machen deutlich, dass es nicht zuerst um das Wollen, Planen und Wirken des Menschen geht, sondern um Sein Erbarmen (Röm. 9, 16). Es erscheint dem natürlichen, religiösen Menschen völlig unfassbar und unverständlich, dass ein liebender Gott so verfährt und Geschichte bzw. Heilsgeschichte steuert. Sicher wirft diese Konzeption auch bei Gläubigen Fragen auf. Dass in fast 6000-jähriger Menschheitsgeschichte und einem beinahe 2000 Jahre währenden Angebot der Gnade und Liebe durch Jesus Christus die Welt noch so chaotisch aussieht, ja zunehmend dämonischer wird, ist auch für die Christen ein Prüfstein des Vertrauens und Glaubensgehorsams. Und dennoch: Gott kommt durch scheinbar sinnlose Ereignisse, katastrophale Geschehnisse und dunkle Zeiten über den Einsatz berufener Heilsträger und -körperschaften zum herrlichen Endziel. Die dabei notwendigen Gerichte (gewiss nicht ohne Schuld der Betroffenen) lassen ein weiteres Prinzip Gottes zur Realisierung Seiner Pläne erkennen: Durch Gericht und Gnade zur Heilsvollendung.

So muss auch das Bemühen der gegenwärtigen Friedensbewegungen von vornherein als vergeblich, ja gescheitert im Lichte des Wortes Gottes betrachtet werden. Denn wenn sie sagen “Friede und Sicherheit” (1. Thess. 5, 3), wird das Verderben bald über sie hereinbrechen, weil sie nicht Kinder des Lichtes, sondern der Finsternis sind. Die alttestamentlichen Berichte über die Gottesgerichte der Sintflut und des Untergangs von Sodom und Gomorrha sind typisch im prophetischen Sinne für das Ende des gegenwärtigen bösen Äons. Nur wenige wurden errettet, die Masse der jeweiligen Bevölkerung ging im Zorne Gottes gerechterweise unter. Gott sei Dank, ist die Auswahlgemeinde nicht gesetzt zum Zorn (1. Thess. 5, 9), sondern zur Errettung durch Entrückung. Die Leiden der Gemeinde Jesu sind anderer Art und dienen zu ihrer Zubereitung sowie indirekt zum Heile der Welt. Nur die Weisheit Gottes selbst vermag dies Geheimnis zu enthüllen und dem einzelnen Gläubigen Mut und Durchhaltevermögen zuzusprechen.

Diese Innenschau sollte nun auch in der Verkündigung deutliche Akzente setzen. Es geht also nicht primär um menschlich-bedürfnisorientierte Botschaften mit religiösen, sozialen, gesellschaftlichen und politischen Motiven. So dürfen z. B. nicht vorrangig Heilung des Körpers sowie das Erreichen eines hohen Lebensstandards Inhalt des Evangeliums sein. Ebensowenig sollten drohende Höllenstrafen und persönlicher Heilsegoismus Gegenstand und Ziel von Evangelisationen sein. Sicher kann und will auch Gott durch die Auferstehungskraft Christi Seele und Leib des Gläubigen heilen, stärken und erquicken, und nach Gottes Willen können auch zeitlich und regional begrenzte Erweckungen entstehen; dennoch aber müssen wir Gottes Heilsabsichten für die Haushaltung der Gegenwart und Seiner Auswahlgemeinde erkennen. Es werden nur einzelne (im Vergleich zur großen Masse) sein, die in den gottbereiteten Werken wandeln und das Ziel der Berufung erreichen (vgl. Eph. 2, 10 und Phil. 3, 14). Diese Auswahl ist zum Sohnesstand berufen und nach dem Willen Gottes dazu bestimmt, zum Lobpreis der Herrlichkeit Seiner Gnade (Eph. 1, 5.6) zu leben. Für diese Glieder des Leibes Jesu Christi trägt das erhöhte Haupt dann auch die volle Verantwortung im Glaubensleben, ebenso wie sich der Erlöser der Menschheit — allerdings in gottgewollten Zeitabläufen und Ordnungen (1. Kor. 15, 23) — um das Heil aller Menschen sorgt und kümmert.

6. Gott erzieht zum Glauben und nicht zum Schauen

Auch diese Aspekt will dem natürlichen, auf die kosmische Realität ausgerichteten Menschen schwer einleuchten. Denn der Fürst dieses Kosmos, Satan, inspiriert und manipuliert seine Untertanen entweder über die seelischen Dimensionen des Wollens, Fühlens und Denkens, oder aber über die fünf Sinnesorgane, die als körperliche Funktionen die Seele beeinflussen. Nur der wiedergeborene Christ vermag über den neuen Geist den direkten Zugang zur Weisheit Gottes zu erlangen. Das lebendige Wort verändert die Gesinnung des Gläubigen und lehrt ihn in ständigen Lernprozessen, im Glaubensgehorsam seine Alltagspraxis zu bewältigen. “Denn wir wandeln nicht durch Schauen (Wahrnehmung), sondern durch Glauben” (2. Kor. 5, 7).

Gläubige aller Zeiten sahen sich in Anfechtungen, Versuchungen und Prüfungen durch den Anspruch Gottes dem Konflikt ausgesetzt, entweder zu vertrauen oder aber dem Eindruck des Wahrnehmbaren nachzugeben. So haben z. B. die zehn Kundschafter Israels mehr die Schwierigkeiten bei einer späteren Einnahme Kanaans einkalkuliert, indem sie die befestigten Städte und körperlich überlegenen Enakssöhne überbewerteten, als der Zusage Jehovahs zu vertrauen. Und der nach dem Geheiß Jesu auf dem Wasser wandelnde Petrus begann zu sinken, als er anstatt auf seinen Herrn auf die bedrohenden Wogen schaute. Aber auch über positive Beispiele für die richtige Blickrichtung der Glaubensmänner weiß die Bibel zu berichten. Wir denken an den Glaubensmut eines David, der sich nicht vor der körperlichen Überlegenheit und starken Bewaffnung seines Gegners Goliath fürchtete, sondern Gott die Ehre gab. Ebenso tapfer im Glauben verhielten sich Daniel in der Löwengrube und seine drei Freunde im Feuerofen. Auch im NT wird über vielfältige Situationen berichtet, die den Beweis für die Überwindung des Sichtbaren auf dem Wege des Glaubensgehorsams liefern. So traten beispielsweise alle Apostel nach Pfingsten in der Kraft des Heiligen Geistes trotz Verfolgungen und Leiden dem Anspruch des Irdischen und Gesetzlich-Religiösen entschieden entgegen und rechneten stärker mit der Macht des Unsichtbaren als mit der Suggestion des Wahrnehmbaren. Höchste Qualität des Glaubens allem Anschein zum Trotz bewiesen Jesus am Kreuz und Paulus im Gefängnis.

So soll sich auch die Gemeinde Jesu Christi in der Gesinnung ihres erhöhten Hauptes üben und nach dem trachten und suchen, was droben ist, und sich nicht im Blick auf das irdische ablenken und gefangen nehmen lassen (vgl. Kol. 3, 1-4). Es gilt, die gottgewollte Spannung (leben in dieser Welt, aber bereits in das Überhimmlische versetzt sein) im Sinne der Weisheit Gottes zu erkennen und daraus für die Praxis des Glaubenslebens die notwendigen geistlichen Konsequenzen zu ziehen. Auf der Grundlage des Kreuzestodes Jesu und unseres Mit-Gestorben-Seins sowie der Auferweckung des Herrn und unserer Mit-Aufwerweckung ist eine Sinnes- und Verhaltensänderung möglich. Paulus konnte von sich bezeugen, dass er der Welt und die Welt ihm gekreuzigt sei (Gal. 6, 14), und er in der Kraft der Auferstehung ein neues, geistliches Leben führen könne (Eph. 1, 19.20).

Wenn es dem Feinde Gottes auch nicht gelingen sollte, die Gemeinde Jesu Christi in grobe Sünden und offensichtlich sinnenfällige Verirrungen zu manövrieren, so ist es ihm doch möglich, sie durch raffinierte Techniken vom biblisch-fundierten Glauben zum seelisch-orientierten Schauen zu verleiten. Aus diesem Grunde mahnt der Apostel Paulus in Eph. 6, 11 die Gläubigen, die gesamte Waffenrüstung Gottes anzulegen, damit sie die Listen (Methoden) des Teufels durchschauen und ihnen in der Kraft Gottes begegnen können (V. 10). Besonders gegen Ende dieses Äons sind auf dieser Ebene erhöhte Gefahren vorausgesagt. Der Anstatt-Christus wird der Menschheit den lange ersehnten Frieden, soziale Gerechtigkeit und materiellen Wohlstand versprechen (1. Thess. 5, 1-3; 2. Thess. 2, 8-12). Wer das prophetische Wort kennt, weiß, dass diese Zeit der “Scheinblüte” nur von kurzer Dauer ist (ca. 3 ½ Jahre), und dann die Gerichtskatastrophen folgen. Die gläubige Überwindergemeinde, die gelernt hat, primär nicht auf das Wahrnehmbare (auch nicht auf Zeichen und Wunder), sondern auf den erhöhten Christus und das ihr geschenkte Heil zu schauen, wird dann nach ihrer Entrückung und dem letzten Reinigungsprozess vor dem Richterstuhl Christi vom Glauben zum Schauen gelangen. “Wir werden sehen, wie Er ist” (1. Joh. 3, 2b).

Zusammenfassung: Gottes Weisheit und menschliche Projektionen sind unvereinbare Alternativen. Gottes Weisheit ist der menschlichen Vernunft und Logik niemals unmittelbar zugängig. Nur durch Offenbarung wird das Geheimnis des Vaters Christi, in dem alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind, enthüllt (Kol. 2, 3). Die rein menschliche Weisheit muss sich dem Urteil der Bibel stellen und sich sagen lassen, dass ihre Wurzeln irdischer, seelischer, ja teuflischer Art sind (Jak. 1, 5). Für göttliche Ziele und Führungen ist diese Weisheit völlig unqualifiziert. Wohl dem Menschen — und das gilt besonders dem Gläubigen —, der sich demütig unter die alles überragende Weisheit Gottes beugt! Ihm werden in dieser Gesinnung und Verhaltensweise Geborgenheit und ewige Liebe geschenkt, und schließlich darf er nach Gottes wunderbarem Heilsratschluss in Seine Herrlichkeit eingehen.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 1987; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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