Laßt uns nie vergessen, daß immer der Fleischgeborene den
Geistgeborenen lästert und verfolgt, und nie umgekehrt (Gal. 4,29).


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Glaube = Glaube?

Autor: Heinemann, Karl  |  Kategorie(n): Glaubensleben & Wandel, Lehre  |  403 x gelesen

Der Leser stimmt mit mir gewiss darin überein, dass er nach einem ersten intuitiven Überprüfen der Gleichung unserer Überschrift das Fragezeichen als berechtigt anerkennt. Denn schon im sprachlich-pragmatischen Umgang erfahren wir die Unschärfe des Begriffs Glaube, wie das an einem typischen Beispiel leicht zu erkennen ist: Auf die Frage, wie wohl das Wetter in den nächsten Tagen sein werde, geben wir gern die Antwort, mit einer verbalen Redewendung beginnend: “Ich glaube …” Dass hier das Verb “glauben” im Sinne des “meinen” bzw. “vermuten” gebraucht wird, ist aus dem Sinnzusammenhang eindeutig zu entnehmen. Ursprünglich bedeutete das Wort “Glaube” (althd. giloubo, lat. fides, griech. pistis) Anerkennung einer Tatsache, Wahrhaftigkeit einer Mitteilung, auch Vertrauen auf eine Person, seine Treue. Die sprachliche Akzentverschiebung signalisiert nun zugleich auch einen erkennbaren inhaltlichen Substanzverlust.

Wie sich theologisch, dogmatisch und pragmatisch-bekenntnismäßig gravierende Unterschiede ergeben, das soll nun im Folgenden dargestellt und an Beispielen erhellt werden.

Ich beginne mit einem negativen Beispiel eines sogenannten Glaubensbekenntnisses von Dorothee Sölle (Politisches Nachtgebet, Köln 1969, S. 26); hier nur die dem 2. Glaubensartikel des Apostolikums entsprechenden Zeilen zitierend:

Ich glaube an Jesus Christus,
der recht hatte, als er
“ein einzelner, der nichts machen kann”
genau wie wir an der Veränderung aller Zustände arbeitete
und darüber zugrunde ging.
An ihm messend erkenne ich,
wie unsere Intelligenz verkrüppelt,
unsere Phantasie erstickt,
unsere Anstrengung vertan ist,
weil wir nicht leben wie er lebte;
jeden Tag habe ich Angst,
dass er umsonst gestorben ist,
weil er in unseren Kirchen verscharrt ist,
weil wir seine Revolution verraten haben
in Gehorsam und Angst vor den Behörden.
Ich glaube an Jesus Christus,
der aufersteht in unser Leben,
dass wir frei werden von Vorurteilen und Anmaßung,
von Angst und Hass
und seine Revolution weitertreiben
auf sein Reich hin …

Jeder bibelkundige, glaubende Leser erkennt klar die von der christlichen Tradition, und damit vom Worte Gottes abweichenden Bekenntnisaussagen: Hier wird nicht der Glaube an Jesus Christus als den Sohn Gottes und Erlöser beschrieben, sondern eine an den gesellschaftskritischen Forderungen unserer Zeit orientierte Projektion vorgenommen. Ein “anderer Jesus” wird uns in diesem Bekenntnis Dr. Sölles vorgestellt. Vor einem “anderen Evangelium” mit einem “anderen Jesus” warnte schon Paulus die Korinther (2. Kor. 11, 3-5), und Johannes empfiehlt stets die Prüfung der Geister am Maßstab des christozentrischen Bekenntnisses (1. Joh. 4, 1-3).

In den weiteren Beispielen werden nun in der Bibel selbst beschriebene Glaubensarten aufgeführt und mit den in der Gegenwart praktizierten in Beziehung gesetzt und kurz interpretiert:

Traditionsglaube

In Joh. 8 wird von Juden berichtet, die an Jesus glaubten. Diese fordert Jesus auf, an Seinem Worte zu bleiben, damit sie die Wahrheit erkennen könnten, um wirklich frei zu werden. Sie antworten darauf: “Wir sind Abrahams Same und waren niemals jemandem versklavt” (V. 31-33). In den folgenden Versen (34-38) zeigt nun Jesus auf, dass der Glaube an die Zugehörigkeit des Volkes Israel nicht ausreiche, um im Hause Gottes bleiben zu können, sondern dass die wahre Freiheit in der Befreiung von der Macht der Sünde durch den Sohn bestehe.

Im übertragenen Sinne heißt das für uns heute: Nicht primär die Zugehörigkeit zu einer Kirche, Gemeinde, Denomination oder Konfession (und damit nur ein verbales Bekenntnis zu dieser Glaubensrichtung) ist der Beweis für die wahre Glaubensposition, sondern der wortgegründete Glaube, der zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes führt, ist die einzige Legitimation (vgl. Röm. 8, 1-4).

Buchstabenglaube

Im 3. Kapitel des 2. Korintherbriefes setzt sich der Apostel Paulus mit dem bedeutsamen Unterschied zwischen dem Dienst des Alten Bundes, dem Gesetzes- und damit Buchstabendienst, und dem des Neuen Bundes, dem Geistesdienst, theologisch auseinander. Der Buchstabendienst führt zum Tode, während der Geistesdienst Freiheit und ewiges Leben bewirkt. Der gewaltige qualitative Unterschied zwischen dem Buchstabenglauben des Alten Bundes und dem geistgewirkten, christozentrischen Glauben wird klar dargelegt, und die verschiedenen Herrlichkeitsstufen werden in ihren heilsgeschichtlichen Funktionen differenziert beschrieben. Die glaubenden Korinther werden schließlich ermahnt, sich ihrer herausragenden Stellung in der Geistesfreiheit bewusst zu werden und die Konsequenzen für den praktischen Wandel in dem Sinne zu ziehen, dass sie stets die Herrlichkeit des Christus “anschauen” um so ebenfalls in diese Herrlichkeit hinein umgestaltet zu werden.

Auch die gegenwärtige glaubende Gemeinde steht — trotz des Wissens um Gnade und Herrlichkeit im jetzigen Äon — in der Gefahr, in den Bannkreis des Todesdienstes zu geraten. Wenn nämlich bloßes rationales Wissen über göttliche Tatsachen und neutestamentliche Geheimnisse als geistgewirkter Glaube angesehen wird, können alle Ermahnungen und Ermutigungen der Bibel, auch die des NT, nur Todeswesen hervorbringen. Ein gewiss notwendiges, aber nur ausschließliches Fürwahrhalten biblischer Aussagen ohne persönliche Beziehung zu Christus führt zur Erstarrung, ja zum geistlichen Tode. Die Überwindung des tötenden “Buchstabenglaubens” kann nur durch vollmächtige “Geistesdienste” im Raum christusgläubiger Gemeinden vorbereitet werden. Die Praxiskonsequenz muss jeder Glaubende selbst wahrnehmen.

Der Gesetzes- bzw. Verdienstglaube

Diese Art des Glaubens ist eng verwandt mit den beiden zuvor beschriebenen. Sie ist in den meisten Varianten oft nur schwer zu erkennen und in ihren ersten Entwicklungsstadien kaum vom wahren Glauben zu unterscheiden.

Paulus wendet sich im Galaterbrief scharf gegen ein Eindringen von Gesetzeslehren in die Gemeinden von Galatien, da er um die heilsbeeinträchtigenden und -verderbenden Folgen weiß: “Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig” (Kap. 5, 9). Ja, er fürchtet sogar, vergeblich dort gearbeitet zu haben (Kap. 4, 11), wo die Glaubensgerechtigkeit durch Gesetzeswerke ergänzt und bestätigt werden soll. Werkgerechtigkeit und Glaubensgerechtigkeit sind unvereinbare Gegensätze; sie kennzeichnen zwei Bündnisse mit unterschiedlichen Zielsetzungen und Qualitäten: Sohn der Magd — Sohn der Freien; Knechtschaft — Freiheit; Fleisch — Geist; Werke des Fleisches — Frucht des Geistes; Ausschluss vom Reiche Gottes — Erbe des Reiches Gottes (vgl. Gal. Kap. 4 u. 5).

Nun ist der Frage nachzugehen, ob auch unter den Nationengläubigen der Gegenwart die Gefahr des Eindringens, Verbreitens und Praktizierens von Gesetzesglauben vorhanden ist. Wir werden sicher schon beim Beurteilen der Dogmen der katholischen Kirche eindeutige Züge dieser Glaubensart feststellen, ebenso beim Bewerten der Lehre der Adventisten (hier handelt es sich besonders um die Beachtung des Einhaltens des Sabbats). In fast allen christlichen Konfessionen sind Lehren mit stark gesetzlichen Zügen erkennbar. (Eine genaue Analyse mit exakten Beweisen an dieser Stelle würde den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen.) Beobachtbar aber sind die Einstellungen und Verhaltensweisen der Mitglieder vieler christlichen Institutionen, Organisationen, Gruppen und Sekten, die sich wie folgt beschreiben lassen: Diese Menschen sind durch besondere Lehren, Sitten, Gebräuche, Riten und Verdienstaktivitäten so geimpft, dass sie immun geworden sind gegenüber den eigentlichen Erfordernissen des Glaubens, und damit den Ansprüchen des NT, durch den Glauben an Jesus Christus Teilhaber der Erlösung zu werden und geistgewirkte Frucht zu bringen (vgl. Gal. 5, 22).

Aber auch uns, die wir klar biblisch fundierten Gemeinden und Gemeinschaften angehören, gilt die Ermahnung des Apostels Paulus, in der Freiheit des Christus fest zu stehen und nicht wiederum in ein Joch der Knechtschaft zu geraten. Ebenso zu beachten ist aber auch die Mahnung des Apostels, die Freiheit in Christo nicht zu missbrauchen, indem man den bösen Lüsten und Begierden freien Lauf gewährt (vgl. Gal. 5, 1.13).

Wahrnehmungsglaube

Der Blick auf das Sichtbare (als einen Wahrnehmungsbereich) bedeutet für den gläubigen Christen eine große Gefahr. Anschaulich wird uns in Matth. 14, 28-33 die Geschichte von dem auf dem Wasser wandelnden Petrus beschrieben, der bei aufkommendem Wind erschrickt, nicht mehr auf Jesus blickt, sondern gebannt auf die starken Wellen schaut und dadurch zu versinken droht. Zwar greift Jesus handelnd ein und rettet Petrus, macht aber dem Jünger einen tadelnden Vorwurf und bezeichnet ihn als kleingläubig.

Die Gläubigen “wandeln durch Glauben, nicht durch Wahrnehmung” (2. Kor. 5, 7; Konk. Übers.). Jede auf Wahrnehmung und damit auf den kosmischen Bereich gestützte Glaubenshaltung und -handlung wird das gottgewollte Ziel speziell und prinzipiell verfehlen.

Eine der bedrohlichsten Versuchungen für die Gemeinde Jesu Christi in der Gegenwart liegt nach meiner Einschätzung in den Überangeboten in allen Wahrnehmungsbereichen unserer modernen Gesellschaft, in Wirtschaft, Politik, Kultur, Freizeitgestaltung, Sozialwesen und auch Religion. In Verbindung mit einer hochentwickelten Medientechnologie und raffinierten Werbepsychologie wird der heutige Mensch mehr denn je zum Objekt einer Außensteuerung. Psychologen und Soziologen sprechen in diesem Zusammenhang von einer Reizüberflutung. Auch der Gläubige wird oft, gewollt oder ungewollt, in den Sog dieser Manipulation hineingerissen. Deshalb ist die richtige Schau bzw. Blickrichtung so entscheidend für den Menschen, besonders den glaubenden. Diese aber kann nur vom rechten Standort und der entsprechenden Zielperspektive her gewonnen werden. Der gläubige Christ hat durch das Wort Gottes und eine geschenkte Offenbarung beide Möglichkeiten erhalten. Er bleibt somit bei richtiger Nutzung der göttlichen Angebote — und das ist Gnade — vor allen ideologischen Verhaftungen bewahrt, auch den philosophischen und pseudotheologischen. Auf diesen Gebieten herrscht allerdings auch die verfeinertste Verführungstaktik vor, ihr Inspirator ist der Fürst dieses Kosmos, der Diabolos. Man denke dabei an die verschiedenen nicht biblisch gegründeten theologischen Richtungen der Gegenwart, die leider oft auch schon in Seminaren und Ausbildungsstätten sog. gläubiger Gemeinden und Gemeinschaften vorzufinden sind, z. B. die historisch-kritische Forschungsmethode.

Erwähnt werden muss im Rahmen der Betrachtung dieser Glaubensart noch der problematische Aspekt der übersinnlichen Erscheinungen (Träume, Visionen, Auditionen). Festzustellen ist zunächst, dass derartige Offenbarungsformen in der Heiligen Schrift des AT und NT vorkommen. Allerdings muss der jeweilige Kontext bei einer gründlichen Exegese mit berücksichtigt werden, d. h. Adressaten, Zeit, Absicht, Inhalt, und besonders die heilsgeschichtliche Funktion sind ganzheitlich und differenziert zu beachten. Leider geht man heute mit diesen Kriterien allzu sorglos und oberflächlich um. In bestimmten Bewegungen werden fast alle “Offenbarungen” als von Gott inspiriert angesehen und angenommen. In anderen hingegen wird alles Übernatürliche abgelehnt und mit Vorurteilen bedacht. Darum sollten wir die Mahnung des Apostels Paulus beherzigen, alles zu prüfen und das Gute zu behalten (1. Thess. 5, 21). Die Quelle der Offenbarung ist entscheidend, nicht aber primär ihre Form. — Um dem Wahrnehmungsglauben nicht zu verfallen, auch in seiner sublimiertesten Ausprägung, sollten wir stets auf den Urheber und Vollender des Glaubens, Jesum, blicken (Hebr. 12, 2).

Wunderglaube

Im Bericht über die Heilung des Sohnes des Königlichen finden wir eine Äußerung Jesu, die den Galiläern damals und auch uns heute zu denken geben sollte: “Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr nicht” (Joh. 4, 48). Diese Mahnung richtet sich nicht gegen Zeichen und Wunder als Folge des Glaubens, sondern gegen die Wundersucht, die Wunder um ihrer selbst willen in das Zentrum des Glaubens rückt. Dieser Gefahr erliegt der Glaubende stets dann, wenn er primär erfahrungsegoistisch eingestellt ist und nicht zuerst die Verherrlichung Gottes im Sinn hat.

Zeichen und Wunder an sich sind noch kein Beweis für den göttlichen Ursprung. In 2. Thess. 2, 8-12 stellt der Apostel Paulus für das Ende des gegenwärtigen Äons eine gewaltige, listenreiche Verführung in Aussicht, die “durch Zeichen und Wunder der Lüge” (V. 9) gekennzeichnet ist. Der Geist des Irrtums wird in dieser Zeit der Gesetzlosigkeit als Wahrheit anerkannt und angenommen. Viele “scheingläubige”, “nur-religiöse” und vor allem “wundersüchtige” Menschen werden dieser Verführungskunst Satans verfallen; denn er selbst ist der Urheber der größten lrrtumsbewegung aller Zeiten. Auch der Herr Jesus spricht in der Bergpredigt von der Möglichkeit, dass Menschen gewaltige Wunder — und diese sogar im Namen des Herrn — vollbringen können, ohne allerdings göttlich legitimiert zu sein (vgl. Matth. 7, 21-23). Das einzige wahre Kennzeichen zur Prüfung von Menschen, die vorgeben, Gottes Boten zu sein, ist die Frucht des Geistes, und hier insbesondere die der Liebe (Matth. 7, 20 und Gal. 5, 22). Werke, Zeichen und Wunder kann der sich als Lichtesengel verstellende Feind nachahmen, nicht aber das Wesen Gottes mit dem Charakterzug der Agape (Gottesliebe).

Wir Gläubigen der Endzeit sollten uns also wappnen, jeder Verführung durch falsche Zeichen- und Wunderangebote in der “Waffenrüstung Gottes” (Eph. 6, 13a) zu begegnen. Schriftorientierter Glaube mit der Konsequenz des Glaubensgehorsams vermag uns allein vor lrrtumsglauben zu bewahren, der seine raffinierteste und wirksamste Richtung im falschen Wunderglauben offenbart. Der Herr selbst, der uns erwählt und berufen hat, ist der größte Wundervollbringer, indem Er uns zu einer neuen Schöpfung (2. Kor. 5, 17) gemacht, zur Sohnschaft erkoren (Eph. 1, 5), zu einem herrlichen Erbteil (Eph. 1, 18) gebracht und in Christus bereits zur Vervollständigung (Kol. 2, 10) geführt hat. Auf der Basis dieses Glaubens erlebt allerdings der wahre Christ täglich größere und kleinere Zeichen und Wunder. Er lässt sich aber davor bewahren, diese Erfahrungen zum Zentrum seines Glaubens zu erheben.

Bergeversetzender Glaube

In 1. Kor. 13, 2 weist der Apostel Paulus auf eine mögliche extreme Glaubenssituation hin, die durch zwei widersprüchliche Momente gekennzeichnet ist: Glaube, der Berge versetzt — aber ohne Liebe geschieht. Wie beim sich verselbständigenden Wunderglauben so ist auch bei dieser Art des Glaubens (sie wird in 1. Kor. 12, 9 erwähnt als eine unter neun Gnadengaben) eine von der Person des Gebers isolierte Handhabung möglich. Die Gabe als solche wird nicht in Frage gestellt, sondern ihr Missbrauch. Den rechten Gebrauch erwartet der Herr von Seinen Jüngern. In Matth. 17, 20 wird dieser Glaube als “Senfkornglaube” beschrieben, der gewaltige Auswirkungen hat, also “Berge zu versetzen” in der Lage ist. Diesem geistgewirkten Glauben soll nach Jesu Worten nichts unmöglich sein. Die Motive des Glaubens allerdings sind das entscheidende Kriterium für die Beurteilung dieser Gnadengabe, und nicht die Auswirkung allein.

Notglaube

Die Aussage des Sprichwortes “Not lehrt Beten” kann keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Mochte in früheren Zeiten eine noch stärker von Gottesfurcht geprägte Gesellschaft in Nöten aller Art den allmächtigen Gott als Helfer anrufen, so ist in der Gegenwart eine solche Verhaltensweise nicht mehr oft zu beobachten. Im Gegenteil: Nöten, Leiden und Schwierigkeiten versucht der moderne Mensch auf alle erdenkliche Weise, vielfach mit Hilfe von Wissenschaft und Technik, in eigener Regie zu begegnen.

Die an den lebendigen Gott der Bibel Glaubenden werden indes aufgefordert, in allen Lebenssituationen zuerst Hilfe und Rettung von dem Herrn zu erwarten, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist. So heißt es in Ps. 50, 15: “Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.” Gläubige aller Zeiten im Alten und Neuen Bunde haben die Wahrheit dieses Psalmwortes erfahren. Ob allerdings auch alle Beter in Not die Aufforderung des Psalmisten zu anschließendem Dank befolgt haben, das ist für unsere Betrachtung der entscheidende Aspekt.

Einer meiner ehemaligen Klassenkameraden gelobte Gott in russischer Gefangenschaft, nach der Rückkehr in die Heimat sein Leben Gott zu weihen. Dieses Versprechen hielt er daheim leider nur für kurze Zeit aufrecht. Als er sich Jahre später in großer Krankheitsnot befand, machte er Gott bittere Vorwürfe wegen seines ihm unverständlich erscheinenden Leides. Mein Erinnern an sein früheres Verhalten war nutzlos, er verharrte in Ablehnung Gott gegenüber.

Die meisten Menschen und wir Glaubenden sind vor der “Nur-Notglaubens-Haltung” nicht automatisch gefeit, sondern nehmen, wenn sie sich schon zu Gott wenden im Gebet, den Allerhöchsten lediglich als Nothelfer in Anspruch. Das Beispiel von den zehn geheilten Aussätzigen, über die Lukas (Kap. 17, 11-19) anschaulich berichtet, beweist diese These zudem eindeutig aus biblischer Sicht: Von zehn Geheilten vergessen neun das Danken.

Möchte der Herr uns schenken, dass wir in guten und bösen Tagen, in Freud und Leid, Seine Gegenwart suchen und lernen, Dank zu sagen allezeit und für alles. Nur so werden auch wir bewahrt vor einem einseitigen Glauben, der ausschließlich das eigene Wohl zum Inhalt hat. —

Mit dieser Darstellung soll im Rahmen der thematischen Abhandlung die Beschreibung spezifischer einseitiger Glaubensarten abgeschlossen werden. Es gibt sicher noch eine Fülle anderer Varianten, die in der Heiligen Schrift erwähnt werden. Alle näher zu untersuchen, ist leider in diesem Zusammenhang nicht möglich. Es sollten hier nur einige typische Beispiele aufgeführt werden.

Genannt seien aber noch des Überblicks wegen folgende Arten: Personenbezogener Glaube (1. Kor. 3, 1-4), Diesseitsglaube (Juden z. Z. Jesu), sektiererischer Glaube (1. Kor. 11, 18.19), Scheinglaube (2. Tim. 3, 5), Furchtglaube (Matth. 9, 8), Engelglaube (Kol. 2, 18.19), toter Glaube (Jak. 2, 17). (Diese Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.)

Das abschließende Bild soll die sieben beschriebenen Glaubensarten in ihrer Relation zu dem im letzten Teil dieser Abhandlung erörterten christozentrischen Glauben noch einmal graphisch und in einer Zusammenfassung darstellen. Dabei muss betont werden, dass die bereits erwähnten Arten idealtypisch zu verstehen sind. Es gibt in der Praxisausprägung stets weitere Möglichkeiten der Akzentverschiebung sowohl in Richtung des positiven Bibelglaubens als auch im negativen Sinne bis zum extremen Irrglauben. Ebenso sind Mischformen durchaus denkbar und auch feststellbar. Die jeweiligen Zentren der Glaubensarten können also ständig in Bewegung geraten. Dynamische Entwicklungen sind ebenso wie einkalkulierbare Korrekturen möglich. Diese Tendenzen werden an den Beispielen durch Pfeile gekennzeichnet.

Christozentrischer Glaube

Der eigentliche wesentliche Glaube, wie ihn die Heilige Schrift, insbesondere das NT, im Vollsinn bezeugt, ist der gottbezogene, durch und in Christus geoffenbarte Glaube. Diesem Glauben wird in fundamentalen biblischen Aussagen eine zentrale, ja lebensentscheidende Bedeutung beigemessen, wie die folgenden Stellen (zitiert nach der Konkordanten Übersetzung) deutlich erkennen lassen:

  • “Alles ist möglich dem, der da glaubt” (Mark. 9, 23b).
  • “Fürchte dich nicht, glaube nur!” (Luk. 8, 50b).
  • “Der Gerechte aber wird aus Glauben leben” (Röm. 1, 17b).
  • “Wer an mich glaubt, wie es sagte die Schrift: Ströme lebendigen Wassers werden aus seinem Leibe fließen” (Joh. 7, 38).
  • “Sagte ich dir nicht, so du glaubst, würdest du die Herrlichkeit Gottes sehen?” (Joh. 11, 40).
  • “Der Glaube ist eine Annahme dessen, was erwartet wird, eine Überzeugung von Sachen, die nicht erblickt werden” (Hebr. 11, 1).
  • “Und dies ist der Sieg, der die Welt überwindet: unser Glaube” (1. Joh. 5, 4b).
  • “Christus wird zum zweitenmal ohne Sünde erscheinen denen, die auf Ihn warten, zur Rettung durch Glauben” (Hebr. 9, 28).
  • “Ohne Glauben aber ist es unmöglich, wohlzugefallen; denn glauben muss, wer zu Gott kommt, dass Er ist, und denen, die Ihn ernsthaft suchen, ein Belohner ist” (Hebr. 11, 6).

Wahrer Glaube ist nicht eigene Leistung, nicht das Produkt menschlicher Anstrengung. Er ist vielmehr die Antwort auf Gottes Anrede und Ruf; er resultiert aus der Begegnung mit Gott. Er wird sogar in 1. Tim. 3, 9 als Geheimnis bezeichnet.

Auch dieser Glaube wird angefochten und ist ständig Prüfungen ausgesetzt. Er ist entwicklungsfähig und kann zeitweilig Schwankungen unterliegen, wie die folgenden Bibelstellen erkennen lassen:

  • Den Jüngern muss der Herr nach der Bedrohung des Sturms sagen: “Warum seid ihr also Verzagte? Wie habt ihr keinen Glauben?” (Mark. 4, 40).
  • Paulus spricht in Röm. 4, 1 von “Schwachen im Glauben”.
  • Dem Hauptmann zu Kapernaum bescheinigt Jesus “viel Glauben” (Matth. 8, 10).
  • Von Abraham wird durch Paulus bezeugt, dass er nicht schwach im Glauben war, sondern “im Glauben gekräftigt ward” (vgl. Röm. 4, 19a.20b).

Die im Urtext verwandten griechischen Präpositionen verdeutlichen ebenfalls gewisse graduelle Unterschiede, und somit Möglichkeit und Notwendigkeit des Wachsens im Glauben:

  • Glaube an (epi, auf) Gott (Hebr. 6, 1).
  • Glaube an (pros, zu) Gott (1. Thess. 1, 8).
  • Glaube an (eis, hinein) Jesus Christus (Apg. 20, 21).
  • Glaube an (en, in) Sein Blut (Röm. 3, 25).

Man könnte die Entwicklung vom Unglauben bis zum Glaubensstand eines Vaters in Christo auch kurz noch so darstellen:

  1. Der Ungläubige lebt sich selbst. — Christus bedeutet ihm nichts.
  2. Der bekehrte, wiedergeborene Gläubige versucht die Nachfolge anfangs in eigener Kraft. — Christus wird zunächst nur als Retter aus Sündenschuld erkannt.
  3. Das Eigenleben verliert mehr und mehr an Macht. — Christus beginnt die Herrschaft zu übernehmen.
  4. Paulus: “Nicht mehr ich lebe, — was ich nun lebe, lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes” (nach Gal. 2, 20).

Der biblisch fundierte Glaube wird desweiteren je nach Funktion in Heilsgeschichte und Praxisbezug differenziert gesehen und bezeugt:

  • In Hebr. 11 werden uns Glaubensmänner vorgestellt, die gottgemäßen Glauben praktizierten, der die Reichsgottesgeschichte in seiner Auswirkung entscheidend beeinflusste. Es werden u. a. die Männer Abraham, Moses und David stellvertretend für viele genannt. Sie repräsentieren im wesentlichen die Gruppe der “triumphierenden” Glaubenden, wenngleich auch Leidensmomente mitwirken. Es wird aber auch die “andere Seite” des Glaubens aufgezeigt, die im Diesseits keine sichtbare Frucht zeitigt. Leiden um des Glaubens willen prägen diese Situationen, die nur von der Glaubensoffenbarung her ewigkeitsbezogen bewertet werden können.
  • Vom Herzensglauben redet Paulus in Röm. 10, 10, der dem Menschen die Gerechtigkeit Gottes schenkt und dessen Bekenntnis zur Rettung und zum Heil führt.
  • Den sieghaften Glauben bezeugt Johannes in 1. Joh. 5, 4 im Blick auf die Überwindung der Welt.
  • Den Triumph des Glaubens beschreibt Paulus in 2. Kor. 2, 14-17, in den die Gemeinde allezeit einbezogen ist, wenn sie die Glaubensbedingungen recht erfüllt.
  • Ein herrliches Glaubensbekenntnis legt der Apostel Paulus im 8. Kapitel des Römerbriefes ab mit dem Inhalt einer großen Gewissheit der Treue, Fürsorge und Allmacht Gottes in Christo Jesu, unserem Herrn. (Hier werden in V. 28 u. 38 anstelle des Verbs “glauben” die inhaltsgleichen Wörter “wissen” und “überzeugt sein” gebraucht.) Die Glaubenden sollen “mehr als Sieger sein, durch den, der uns liebt” (V. 37; vgl. Röm. 8, 28-39).
  • Und schließlich wird in 1. Kor. 13, 7 bezeugt, dass die Liebe alles glaubt. So dürfen wir in der geoffenbarten Liebe Jesu Christi auch im Glauben jetzt schon fassen, “dass Gott sei alles in allen” (1. Kor. 15, 28b).

Der geoffenbarte Glaube in seiner höchsten Entfaltung ist erst in dem gegenwärtigen Äon möglich. Er hat zur Grundlage das völlige Erlösungswerk Jesu Christi und wird in allen lebendigen Gliedern der glaubenden Gemeinde ihres Herrn wirksam. “Sein Tatwerk sind wir, erschaffen in Christo Jesu für gute Werke, die Gott zuvorbereitet hat, dass wir in ihnen wandeln sollen” (Eph. 2, 10). Durch das Geschenk eines geistgewirkten Glaubens erkennen die Gläubigen die in der Bibel für die Jetztzeit bedeutsamen Heilstatsachen und -güter vollgültig an (die objektive Seite) und realisieren im Gehorsam (die subjektive Seite) die Herrschaft Jesu Christi, damit sie seien “zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit” (Eph. 1, 14b). —

Wir durften uns durch biblische Wahrheiten belehren lassen, dass Glaube nicht gleich Glaube ist, sondern dass oft “himmelweite” Unterschiede zwischen den verbalen Äußerungen und den Glaubensinhalten bestehen. Der gewaltigste Gegensatz wird von Jakobus aufgezeigt, wenn er schreibt, dass “auch die Dämonen glauben und dabei zittern” (Jak. 2, 19b).

Die erwählte und berufene Gemeinde sollte, um den Glauben Jesu Christi in Liebe und Wahrheit zu entfalten und zu bewahren, stets die Mahnung des Apostels Paulus beherzigen: “Prüfet euch selbst, ob ihr im Glauben steht!” (2. Kor. 13, 5b).

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 2/1984; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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