Die größte Revolution
Autor: Binde, Fritz | Kategorie(n): Hingabe, Zeitgeist, Zeitgeschichte & Politik | 492 x gelesenVorbemerkung:
Der nachfolgende Text ist die erste von zwölf Reden von Fritz Binde, die vom Verlag Gottlob Koezle (Wernigerode) im Todesjahr Bindes, 1921, in dem Buch “Neue Herzen” herausgegeben wurden. Die restlichen elf Reden werden im Verlauf der nächsten Wochen ebenfalls an dieser Stelle leicht bearbeitet neu veröffentlicht.
Bei dem aktuell vorliegenden Text ist zu beachten, dass Fritz Binde ihn unter dem Eindruck der sich in Deutschland zum Ende des ersten Weltkrieges und innerhalb der frühen Jahre der Weimarer Republik abspielenden politischen und sozialen Unruhen, Umbrüche und Reformen schrieb. Am 9. November 1918 wurde Kaiser Wilhelm II. unter anderem aufgrund des Drucks aus den USA durch Reichskanzler Prinz Max von Baden eigenmächtig und verfassungswidrig abgesetzt, um den Weg für günstige Friedensverhandlungen mit den alliierten Siegermächten freizumachen. Es gab sowohl vor als auch nach der Entmachtung des Monarchen Aufstände, Putsche, Revolten und politische Morde durch unterschiedlichste politische Kräfte und Bewegungen. Zahlreiche Reformen traten in Kraft, u. a. führte man das Frauenwahlrecht und den achtstündigen Arbeitstag ein. Großen Zulauf fanden neben nationalistischen auch sozialistisch und kommunistisch geprägte Bewegungen und Parteien mit ihren teilweise extrem radikalen Revolutionsbestrebungen. Im Januar 1919 wurde der Spartakusaufstand von monarchistischen und rechtskonservativen Freikorps niedergeschlagen und die kommunistischen Anführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht dabei ermordet. Bis Mitte 1919 schlugen Reichswehr- und Freikorpsverbände auch alle weiteren Versuche, sozialistische Räterepubliken nach Vorbild der Russischen Sowjetrepublik in Deutschland zu etablieren, gewaltsam nieder, zuletzt am 2. Mai 1919 die Münchner Räterepublik. Später erfolgte u. a. der Kapp-Putsch (März 1920) und fast gleichzeitig mit diesem erschütterte ein kommunistischer Aufstandsversuch das Ruhrgebiet, der wiederum von Reichswehr und Freikorps blutig niedergeschlagen wurde. Weitere Aufstände fanden in Mitteldeutschland, Thüringen und Hamburg statt. (Viele andere Aufstände, Putsch- und Umsturzversuche seit der Novemberrevolution 1918 können in den einschlägigen Geschichtsbüchern nachgelesen werden.) Erst 1924, also ca. drei Jahre nach Veröffentlichung des Textes von Fritz Binde, begann eine Phase der relativen Ruhe und Stabilität. Trotz aller Konflikte schien sich die Demokratie durchzusetzen, die allerdings schon wenige Jahre später der Steigbügelhalter für die schrecklichste deutsche Diktatur werden sollte.
Fritz Bindes heiliger Zorn, der in dem nachfolgenden Text immer wieder deutlich zu spüren ist, ruht daher, dass er vor seiner bewussten Hinwendung zu Gott selbst glühender Sozialist und später Anarchist und deshalb mit dem wahren Wesen dieser Ideologien bestens vertraut war. An manchen Stellen schimmert seine Sympathie für einen sog. “christlichen Sozialismus”, vermutlich inspiriert von Apg. 4, 32-37, durch und zeigt, dass er auch als Kind Gottes einer gewissen sozialistischen Idee nicht grundsätzlich abgeneigt schien — wenn die Vorzeichen und Grundlagen dafür stimmten. Man möge davon halten, was man will. — Es gibt darüberhinaus in dem Text so manche Aussagen Bindes, die für heutige Ohren sehr ungewöhnlich sind und nur richtig eingeordnet und verstanden werden können, wenn man eben berücksichtigt, zu welcher Zeit und unter welch gewaltigen Eindrücken sie verfasst wurden und dass das wahre geistliche Leben damals, wie auch zu anderen Krisenzeiten, unter gewaltigem Druck von sich physisch und ideell in Deutschland manifestierter widergöttlicher geistiger Kräfte und Mächte stand.
Die nachfolgende Rede ist keine gewöhnliche, schon gar keine leichte Kost. Auch mag oder kann man möglicherweise nicht allem zustimmen, was Fritz Binde schrieb, oder wünschte sich mehr Differenziertheit, mehr biblischen Bezug etc., aber dennoch handelt es sich hierbei um ein — wie ich finde — sehr spannendes, interessantes, in die Auseinandersetzung eines großartigen Gottesmannes mit einer äußerst schwierige Phase der damaligen deutschen Geschichte Einblick gebendes Dokument und Zeugnis, das deshalb allemal der erneuten Veröffentlichung wert ist.
J. Krafzik
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Ungeheure Umwälzungen haben das Leben einer Reihe von Völkern bewegt und bewegen es noch. Tatsächlich ist das Oberste nach unten und das Unterste nach oben gekehrt worden. Gekrönte Machthaber sind gestürzt, getötet oder verjagt worden. Machtlüsterne sind mehr oder weniger gewalttätig nach oben gekommen und wollen nach ganz neuen Ordnungen den Völkern Heil und Gedeihen bringen. Eine neue Zeit sei angebrochen, heißt es, ein neuer Weltenmärz habe begonnen. Der Sinn des Weltkrieges sei die Offenbarwerdung alles Veralteten, Verrotteten und Unhaltbaren gewesen, dessen Zusammensturz habe erfolgen müssen. Mit der überlebten Machtstellung und Gewaltherrschaft bevorrechtet gewesener einzelner Häupter oder der oberen Zehntausend sei es nun vorbei. Durch die ungeheure Kraftaufrüttelung im Weltenkrieg sei das Volk unter schmerzlichen Opfern klug und reif geworden zur Selbstregierung. Nun nehme es sein Geschick endlich frei, sicher und bewusst in die eigenen Hände. An Stelle der persönlichen Willkürherrschaft trete nun die allein gerechte Volksherrschaft, an Stelle der unheilvollen Machtpolitik die heilsame Friedenspolitik. Und nun breche auch das Zeitalter der sozialen Gerechtigkeit endlich an. Der grelle Flammenbrand des Krieges habe den Arbeiter sehend gemacht. Die privatkapitalistische Wirtschaftsordnung sei als die Ursache des Völkermordens erkannt worden. Deshalb müsse der Demokratisierung der Politik die Sozialisierung der wirtschaftlichen Produktion und des Konsumes folgen. Nur in der sozialen Demokratie liege das Heil der Zukunft. Aber während die einen eine allmähliche Vergesellschaftung der Gütererzeugung und des Güterverbrauches, sowie aller Arbeit anstreben, wollen die anderen den gewaltsamen Abbruch jeder Privatwirtschaft und die sofortige Gültigkeit einer kommunistischen Wirtschaftsweise. So brennt das Völkerleben gegenwärtig im Feuer einer tatsächlich nie dagewesenen Umwandlung. Nichts scheint mehr fest zu stehen, alles scheint sich neu gestalten zu wollen. Wahrlich, wir leben in einer Zeit großer Umwälzungen!
Aber trotz ihrer erlangten Gewalt und Größe sagen uns diese Umwälzungen eigentlich nichts Neues. Sie sind nur die über Nacht reifgewordene Wirklichkeitsernte einer jahrzehntelangen wohlbekannten Gedankenaussaat. Längst hielt man die monarchische Regierungsform für veraltet und betrachtete ihren Zusammenbruch nur noch als eine Frage der Zeit, obgleich ihr Ende jetzt unerwartet schnell kam. Und längst erwartete man bis hoch ins Bürgertum hinauf eine vermehrte Teilnahme des Volkes an der Gesetzgebung und den politischen Regierungsgeschäften, obgleich man sich die Verwirklichung dieser Erwartung ganz anders gedacht hatte. Ebenso hatte man sich angesichts des Wachstums der sozialdemokratischen Partei ja längst mit dem kommenden Umsturz vertraut gemacht, und doch hatte ihn niemand in so schnellreifer Plötzlichkeit und in so unheimlich glattem Verlauf erwartet. Also bedeuten die eingetretenen großen Umwälzungen eigentlich nur die überraschend schnell gekommene Verwirklichung längst bekannter Gedankengänge und längst gehegter Erwartungen, die durch die Gluthitze des unseligen Krieges zur jähen Tatsache gebracht worden sind. Man erntete jetzt geschichtlich, was man seit Jahrzehnten in Leichtfertigkeit oder Trotz gedanklich gesät hat.
Und mit der begonnenen Verwirklichung der großen Umwälzungen zeigt sich dem nüchternen Beobachter bereits die durchaus begrenzte Wirkung der Revolution.
Welch ein Zauber war doch von dem Schlagwort “Demokratisierung” ausgegangen! Der verheißungsvolle Inhalt dieses Wortes wurde als der beglückende Lohn des Krieges und Sieges angesehen. Und doch hat nichts den Siegeswillen des deutschen Volkes so gelähmt und seine einheitliche Kraft so zerspalten und zerrissen, wie der blendende, ablenkende Zauber dieses zu so verkehrter Zeit den Massen zugerufenen Schlagwortes. Sonst pflegte man sich im Kriege durch Kriegslist zu besiegen; das deutsche Volk aber ist durch Wilsons Friedenslist besiegt worden. Und eben der glänzende Köder, mit dessen Hilfe diese Friedenslist gelang, war der blendende Zauber des Schlagwortes “Demokratie”! Verjagt euren Kaiser, verschafft euch eine demokratische Regierung, und ihr bekommt schnellstens den schönsten demokratischen “Gerechtigkeitsfrieden” und die freundlichste Aufnahme in den nach den saubersten Grundsätzen der Demokratie ausgedachten “Völkerbund”! Nun hat das deutsche Volk die “Demokratie” samt der Niederlage, den “Gewaltfrieden” samt Ausschluss vom “Völkerbund” und dazu den Wirtschaftskrieg samt Brudermord im Inneren! Welch eine schmählich begrenzte Wirkung der politischen Revolution!
Aber auch vom Geschick Deutschlands abgesehen lohnt sich die Betrachtung der Frage: Reicht eine politische Revolution aus, einem Volke oder Völkern wirkliches Heil zu bringen?
Was geschieht denn bei einer politischen Umwälzung? Eine neue Regierungsform wird installiert, neue Männer treten an die Spitze eines Volkes und versprechen mit einem neuen Regierungsprogramm dem Volke ein ganz neues Glück. Heißt die neue Regierungsform Demokratie, so werden ihre führenden Vertreter alle vorgefundenen Schäden und Unzulänglichkeiten im Befinden des Volkes einfach dem gestürzten monarchischen Regiment zuschreiben und sich um so mehr als die vollberechtigten, zuverlässigeren Volksbeglücker empfehlen. Nun endlich habe die Gerechtigkeit über die Ungerechtigkeit, die Freiheit über die Knechtschaft gesiegt. Nun endlich gelte nicht mehr die Willkür bevorrechtigter Einzelner, sondern der Gesamtwille des Volkes, der allein Gewähr für das Wohlbefinden aller biete. Freie Bahn bestehe nun für jeden Tüchtigen. Gedankenfreiheit, Pressefreiheit, Lehrfreiheit seien nun erobert. Jedem Traum von Volksfreiheit wird prompt Verwirklichung zugesichert, jeder materiellen Not soll schleunigst abgeholfen werden. Die Gefängnisse werden geöffnet, die Opfer der früheren Regierungsgewalt sind befreit. Militär- und Polizeigewalt stehen nun, heißt es, nur noch im Dienste des Volkes, das sich fortan selbst regiere und nur noch das Gesamtwohl im Auge habe.
Jedoch bald folgt die Enttäuschung. Auch die neue Regierung erweist sich nicht als eine wirkliche Volksregierung. Sie stellt auch nur eine Machtgruppe dar, die sich als solche wehren und behaupten muss. Dazu braucht sie Gewalt, die ihrem Interesse dienen muss; also kann sie keine wirkliche Vertreterin des Gesamtinteresses sein. Es ist ihr ganz unmöglich, ihre Versprechungen von Freiheit einzulösen. Sie muss vor allen Dingen auf die Erhaltung ihrer Macht bedacht sein. Zu dem Zweck macht sie wohl Zugeständnisse, aber zu demselben Zweck übt sie auch Unterdrückung. Eben das heißt regieren. Unmöglich kann sie es allen recht machen, ja, sie darf es nicht allen recht machen, denn das wäre ihre Selbstauflösung. Also wird man ihr Regiment wohl oder übel ungerecht finden. Die große Befriedigung bei ihrem Antritt ist längst in allerlei Unzufriedenheit umgeschlagen. Alte Feinde widerstehen zuversichtlicher, neue, vielleicht aus verwandtem Parteilager, treten gefahrdrohend auf. Der Kampf um die Macht wogt und schwankt; eben das ist Politik. Steigert er sich zur Anwendung äußerer Gewalt, so ist die blutige Gegenrevolution da. Es werden wieder Menschen getötet, die Gefängnisse füllen sich erneut, und Zwang und Gewalt werden rücksichtsloser in Anwendung gebracht als zuvor. Was hat sich denn geändert? Was ist denn besser geworden? Im Grunde nichts. Wohl gilt eine neue Regierungsform, aber die Menschen sind die alten geblieben! Deshalb ist auch das Unrecht samt Unzufriedenheit und Unheil trotz des Regierungswechsels im Wesentlichen dasselbe geblieben. Die politische Revolution hat sich als nicht groß, nicht gründlich und nicht weittragend genug erwiesen.
Und deshalb muss auch der Glaube an die Demokratie, als ob die Wohlfahrt der Menschheit durch “Volksherrschaft” erreicht und gesichert werden könnte, nur zu immer größeren Enttäuschungen führen.
Im besten Falle sollte die Demokratie der breiteste Weg zur Aristokratie, das heißt zur leichtmöglichsten Herrschaft der Besten und Tüchtigsten im Volke sein. Leider bleibt dieser Fall immer nur Theorie. In Wirklichkeit herrschen auch in der Demokratie nur die Herrschsüchtigen, die Ehrgeizigen, die schlauen Demagogen, eben die politischen Köpfe. Ihnen ist auch die Demokratie nur ein Mittel, um obenauf zu kommen. Und ihre klügste Regierungskunst besteht darin, dem Volke die Meinung zu erhalten, es regiere sich selbst, während doch in Wirklichkeit sie die Politik machen. Es kann aber auch gar nicht anders sein, denn nie kann ein Volk als Volk regieren. Jede Regierung ist nur möglich als repräsentative Vertretung. Das Volk kann sich also höchstens seine Regierung wählen. Aber bereits bei der Wahl folgt es der Führung einzelner weniger. Eigentlich beruht der Glaube an die Demokratie auf der ganz unbewiesenen Meinung, dass zwölfe gescheiter und gerechter seien als einer. In Wahrheit sind von zwölf Menschen gewöhnlich elf führungsbedürftig, und der zwölfte taugt kaum als Führer. Und dieses Verhältnis wird trotz aller gerühmten “Aufklärung” auch fernerhin gelten, denn es entspricht dem Stande der unveränderlichen menschlichen Natur. Man mag jeden Einzelmenschen noch so feierlich als vollwertig und vollberechtigt erklären, dennoch wird die ideale Demokratie immer an der Natur der Masse scheitern, und die reale Demokratie wird auch nur Herrschaft über die Masse sein können, also immerzu mit Willkür, Ungerechtigkeit, Unheil und Unzufriedenheit, Zwang und Auflehnung verbunden bleiben. Eine Selbstregierung eines Volkes hat es nie gegeben und wird es nie geben. Noch unmöglicher ist die Verwirklichung einer “Weltdemokratie”. Sie würde nur auf die nahezu allmächtige, tatsächlich weltweite Herrschaft einiger eiserner Imperialisten hinauslaufen, die die Menschheit eben mit dem Trugwort “Demokratie” zu täuschen verständen, wie es bereits zum Teil geschehen ist und leider noch mehr geschehen wird.
So wird der Glaube, der sein Heil von der Demokratie erwartet, zuschanden werden an der unzulänglichen Natur der Masse und an der zweifelhaften Natur ihrer Führer.
Aber vielleicht ist von der wirtschaftlichen und sozialen Revolution mehr zu erwarten. Das Wort “Sozialismus” gilt ja längst als Hauptwort, das dem Wort “Demokratie” erst den rechten Klang und Inhalt geben soll. Die politische Revolution will ja nur durch Erlangung der Regierungsgewalt die Klinke der Gesetzgebung in die Hand bekommen, um das Recht des Besitzes und damit die gesellschaftliche Ordnung und Wirtschaftsweise plötzlich oder allmählich zu ändern. Erstrebt die Demokratie die Überführung der politischen Macht in die Hände der Gesamtheit, so erstrebt der Sozialismus die Überführung des wirtschaftlichen Besitzes in dieselben Hände der Gesamtheit. Der politische Kampf um die Macht und der wirtschaftliche Kampf um den Besitz sind heute nicht mehr voneinander zu trennen. Durch Macht zum Besitz, durch Besitz zur Macht.
Die soziale Revolution will also eine neue Wirtschafts- und Gesellschaftsform herbeiführen. Wie die private Regierungsherrschaft des Monarchen, so soll die private Geldherrschaft des Kapitalisten verschwinden. Nicht mehr soll die Arbeit vieler nur einen Einzelnen reich machen, sondern der Ertrag der Arbeit aller soll allen zugute kommen. Zu diesem Zweck sollen die Erzeugung und die Verteilung der Kulturgüter und Naturprodukte vergesellschaftet, das heißt, die Privatwirtschaft soll in eine Sozialwirtschaft umgewandelt werden. Gleiche Arbeitspflicht und gleicher Arbeitsgewinn für alle. Die Volksgesellschaft der eine Arbeitgeber, jeder Volksgenosse ein vollbelohnter Arbeitnehmer. Auf diese Weise soll die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen endlich ihr Ende finden. Überfluss und Mangel sollen verschwinden, die Verbrechen von selbst aufhören, die Verantwortlichkeit aller für alle soll als sittlich soziales Lebensgesetz gelten und eine ganz neue, höhere Gerechtigkeit zum Heile der Menschheit verwirklicht werden.
Welch eine große Umwälzung! Und doch wie einfach, wie einleuchtend, wie notwendig, wie verlockend, ja bezaubernd! Und wie man sich bei der politischen Revolution mit einem Schlage der Fürstenherrschaft entledigt hat, so möchte man auch am liebsten mit einem Schlage die Kapitalherrschaft stürzen. Indes ist es ungleich leichter, einen Fürsten zu verjagen und eine Regierungsform zu annullieren, als ein tief verwurzeltes und schier endlos verzweigtes Wirtschaftssystem auszurotten. Und noch ungleich schwieriger ist es, ein Menschenherz vom Privatbetrieb und Privatbesitz zu lösen.
Es ist naturgemäß die Arbeiterklasse, die das größte Interesse an der sozialen Revolution hat. Aber wie die ersehnte Umwälzung verwirklichen? Da muss zunächst alles dienen, was irgendwie die privatkapitalistische Wirtschaftsform hemmen, beeinträchtigen und zertrümmern hilft. Dazu braucht es eine geschlossene Macht: also gewerkschaftlicher Zusammenschluss aller Lohnarbeiter zwecks Preissteigerung der Arbeitskraft durch Lohnerhöhung, zugleich Schonung der Arbeitskraft durch Verminderung der Arbeitszeit, nötigenfalls gar Verweigerung der Arbeitskraft durch Streik. Da aber die kapitalistischen Arbeitgeber sich ebenfalls zusammenschließen und den durch erhöhte Lohnzahlungen erlittenen Gewinnverlust durch Preissteigerung des Produktes wettzumachen suchen, so ist der errungene Vorteil der Arbeiterklasse immer ein zweifelhafter und drängt zu immer erbitterteren Lohnkämpfen und zu immer ausgedehnteren Arbeitseinstellungen. Zweifellos steigert sich aber die wirtschaftspolitische Macht der Arbeiterklasse in diesen Kämpfen immer mehr, und die zunehmende Beunruhigung der kapitalistischen Welt hemmt ihre Entscheidungskraft. Der Klassenkampf wird immer erbitterter, nimmt immer revolutionärere Formen an, und die umstürzlerische Herrschaft der Arbeiterklasse scheint nur noch eine Frage der Zeit.
Aber auch bei dieser gewaltigen wirtschaftlichen Revolutionierung ist es so: je näher sie ihrem Ziele zu kommen scheint, desto deutlicher zeigt sich dem nüchternen Betrachter bereits ihre Begrenztheit und Unzulänglichkeit. Das Zauberwort “Sozialismus”, mit dem man heute eine neue Welt zu erschließen hofft, wird ebenso wie das Trugwort “Demokratie” in demselben Maße seinen Glanz verlieren, als man versuchen wird, ihm einen Wirklichkeitsinhalt zu geben.
Auch der Sieg der sozialen Revolution wird nur Enttäuschungen bringen. Denn auch hier kann es sich höchstens um einen äußeren Formenwechsel handeln. Eine andere Wirtschaftsweise soll zur Geltung gebracht werden. Wodurch? Durch die siegende Gewaltmacht der Arbeiterklasse, welche sich als Heilsbringerin für alle gebärdet. Worauf aber stützt sich ihre Zuversicht? Auf den schiefen Lehrsatz, der Mensch sei das Produkt seiner äußeren Verhältnisse; man müsse den heutigen Menschen nur aus den erdrückenden Fesseln der privatkapitalistischen Wirtschaftsform lösen, und er werde frei und heil. So komme die Zertrümmerung der kapitalistischen Welt selbst den Gegnern der Revolution zugute, denn auch sie fänden dabei Befreiung. Daher die grundsätzliche Unersättlichkeit in Lohnforderungen und die Rücksichtslosigkeit des Streiks. Beides soll ja der Auflösung des gegenwärtigen Wirtschaftssystems dienen. Daher auch die Putsche und Aufstände, diese meist blutigen Wegbereiter auf den Tag der vollen “Diktatur des Proletariats”. Was zählen dabei schon die Menschenopfer? Die kommende Freiheit wiegt sie weit auf. Also Umsturz des Bestehenden um jeden Preis!
Wie aber soll aus dieser heillosen Zerstörungswut künftiges Heil erwachsen? Hat der Hass je eine bessere Welt geboren? Kann aus einer Zwangsherrschaft der Arbeiterklasse die Freiheit erblühen? Wie sollen bessere Verhältnisse kommen, wenn das Verhalten der Revolutionäre das gleiche wie das ihrer “reaktionären” Gegner ist? Hier wie dort herrschen Machttrotz, Gewalttat, Zwangsherrschaft, schreiende Ungerechtigkeit. Denn hier wie dort liegen dieselben Beweggründe vor, nämlich Ehrsucht, Habsucht, Genußsucht mit allen Äußerungen des Neides, der Nörgelei, der Verbitterung, Verblendung, Verrohung. Zu keiner Zeit ist so viel von “Gerechtigkeit” geredet und geschrieben worden wie heute, und zu keiner Zeit hat die Ungerechtigkeit so überhandgenommen wie in unseren Tagen. Zu keiner Zeit hat man so die “Freiheit” verkündigt, und nie gab es so viel Zwang für den Einzelmenschen wie heute. Zu keiner Zeit hat man so den “Frieden” betont, und niemals lagen die Menschen dermaßen in jeder Art von Kriegen widereinander wie eben jetzt. Zu keiner Zeit hat es so viele “Zusammenschlüsse” und “Vereinigungen” und “Bündnisse” gegeben, und nie klaffte in Wirklichkeit alles so auseinander wie in unserer zerrissenen Zeit. Zu keiner Zeit hat man so viel zu erziehen gesucht, und gab es wohl jemals so viel Unerzogenheit und gewissenlose Zuchtlosigkeit in allen Kreisen wie heute? Zu keiner Zeit hat man so hochmütig der “Aufklärung” und “Bildung” vertraut, und nie haben beide so elend bankrott gemacht wie heute. Nie wurde so viel gelogen, nie so viel versprochen und so wenig gehalten, nie gab es so viel Untreue, Unwahrheit und Unheil auf Erden wie heute.
So sind die vielen revolutionären Erschütterungen unserer Tage durchaus kein Zeichen einer begonnenen Genesung zum Besseren, sondern nur ein Beweis für die zunehmende Verirrung und Verwirrung unseres Geschlechts. Denn auch der sogenannte Arbeitssozialismus, der die Revolution durch Evolution verhindern, also die Zeitübel durch entwicklungsgemäße Reformarbeit heilen möchte, kommt über eine strittige Programmatik nicht hinaus, wie man es denn heute im Schreiben von Wunschzetteln, Aufstellen von Forderungen, Entwerfen von riesigen Zukunftsplänen zu einer nie dagewesenen Höhe gebracht hat; das ist aber auch schon alles. Die Wirklichkeit bleibt die gleiche unerquickliche, ja unerträgliche, und die Aufstellung von Programmen ist nur der Ausdruck einer allgemein gewordenen, krankhaft gesteigerten Unzufriedenheit, für die man kein tatsächlich wirksames Heilmittel mehr kennt. Ja, man kann sagen: gebt den kulturvernarrten Gegenwartsmenschen alles, was er selbstbewusst fordernd beansprucht, und als Ergebnis wird sich herausstellen, dass er mindestens siebenmal so unzufrieden und unselig sein wird, wie er es schon vorher war.
Da muss man sich doch fragen: woher kommt das, und ist unser Geschlecht nicht auf einem unheimlichen und schauerlich verderblichen Irrwege? Die Antwort kann nur lauten: das kommt von der unersättlich gewordenen Selbstsucht eines jeden Einzelnen, die in den letzten Jahrzehnten leichtfertig oder trotzig zu ihrer jetzigen verwegenen Höhe emporgezüchtet worden ist. Unter dem Einfluss der modernen Weltanschauung hat sich das “Ich” mehr und mehr zum Mittelpunkt und Selbstzweck innerhalb der Lebensgeschehnisse gemacht. Die Selbstbewertung der freien Persönlichkeit gilt als Maßstab für Kulturhöhe und Geistesmacht. So ist die Selbstherrlichkeit ringsum derart ins Kraut geschossen, dass bald jeder und jede meint, nicht mehr dienen, nicht mehr irgendwie sich unter- und einordnen, nicht mehr sich beraten und genügen lassen zu brauchen, sondern ohne weiteres zu jeder Selbstweisheit befähigt und zu jedem Anspruch berechtigt zu sein. So lebt man in allen Volksklassen immer eigenwilliger der Genuss-, Ehr- und Habsucht, und glaubt man sich darin beeinträchtigt, so stampft man auf den Boden auf und brüllt: Mein Recht! Krieg und Revolution sind die ganz selbstverständlichen Folgen dieser modern rücksichtslos gewordenen Selbstsucht der Einzelnen, der Familien, der Klassen, der Rassen, der Völker.
Nun, da so ziemlich alle menschlichen Bande in Fetzen gerissen sind, soll nun der Sozialismus als Heiland und der Völkerbund als Friedensreich erscheinen. Jetzt, da die Selbstsucht allenthalben unerträglich geworden ist, sollen nun Verträge, Programme, Paragraphen oder weiterhin — Maschinengewehre helfen. Nun, da der letzte Schatten von Gerechtigkeit durch die entfesselte Selbstsucht aller wider aller zum Gespött geworden ist, verkündigt man nun selbstgefällig einer in ihrem Blut schier ertrunkenen und in ihrer Wut schier erstickten Welt den Anbruch einer funkelnagelneuen Gerechtigkeit, die bereits auf dem Papier steht. Und zu gleicher Zeit schickt sich die Arbeiterklasse aller Länder mit mörderischer Sicherheit an, die “Weltrevolution” zu verwirklichen — Wer oder was wird siegen? Niemand uns nichts von alledem. Alle diese Reformen und Revolutionen werden sich als nicht gründlich, nicht tragfähig, nicht groß genug erweisen, denn sie alle wagen nicht, die Wurzel allen Übels in der Welt anzutasten; sie wagen nicht, die allezeit selbstsüchtige, immerzu selbstherrliche eitle Ich-Größe zu entthronen zu lassen. Diese Entthronung aber bedeutet
die größte Revolution.
Zu jeder Revolution gehört Mut, aber zur größten Revolution gehört der größte Mut. Es gehört entschlossener Wagemut dazu, eine Regierung zu stürzen; es gehört zäh bohrender Mut dazu, die privatkapitalistische Wirtschaftsordnung zu unterminieren und zum Einsturz zu bringen; — aber den Zusammenbruch der eitlen persönlichen Selbstherrlichkeit zu wollen und zu erleben, dazu gehört ein bei Menschen ganz und gar besonderer, nur sehr selten anzutreffender Mut. Es bleiben die entschlossensten und erfolgreichsten äußerlichen Revolutionen unzulänglich ohne diese größte innerliche Revolution. Verjagt den Monarchen, enteignet den Kapitalisten, lasst aber das selbstsüchtige Ich als König auf dem Thron, und alle eure großen Revolutionen sind vergeblich gewesen! Denn wenn nicht die Selbstsucht im Menschen zerstört wird, nützt es wenig, die Werke der menschlichen Selbstsucht in Gestalt von Regierungs- und Wirtschaftsformen zu vernichten. Gar sehr bald wird die unausgerottete Selbstsucht der Einzelnen und der Massen die Herrschaft der Ungerechtigkeit entweder in der alten Form wiederbeleben oder in neuer Form zum Ausdruck bringen, denn die Selbstsucht treibt immer wieder nach oben. Aber eben für diese größte Revolution, für die Entthronung der selbstverliebten Ich-Herrschaft, sind die Menschen zu feige, eben zu — selbstsüchtig.
Denn die Selbstsucht ist nicht nur törichte Beschränktheit, weil sie stets vom Mangel an Selbsterkenntnis begleitet ist, sondern sie ist auch elende Feigheit, weil sie immer nur um sich, aber niemals in sich schlägt. Ach, wie billig ist es doch, alle Welt der Ungerechtigkeit anzuklagen und sich selbst als fortschrittlichster Weltverbesserer aufzuspielen! Ach, wie leicht ist es doch, den Umsturz alles Bestehenden, ja die “Weltrevolution” zu predigen, wenn nur das eigene Ich weiter seine Rolle dabei spielen kann! Wie selbstbetrügerisch ist es doch, von außen her die Welt erneuern und von jeder Zwangsherrschaft befreien zu wollen, und dabei innerlich der alte, ich- und herrschsüchtige, selbstgefällige, selbstherrliche Mensch bleiben zu wollen! Welche kindische Spielerei ist es doch, durch Beschlüsse, Programme und Bündnisse der Welt das zukünftige Heil bringen und sichern zu wollen, und dabei in der heillosen Selbstsucht nach dem Programm des Eigenwillens weiterzuwirtschaften!
Und doch spielt sich innerhalb des Zauberkreises dieser Ich-Verblendung das gesamte Revulotionsspektakel ab. Dies ist wiederum die besondere Folge der modernen Weltanschauung. Berauscht von dem Wort “Entwicklung” (”Evolution”) hat man die äußerliche Naturbetrachtung auch auf die menschliche Geschichte und Gesellschaft übertragen und glaubt nun, Gesellschaftsformen und Menschenarten durch versuchsweise Veränderung der äußeren Lebensbedingungen höher entwickeln zu können. Alles verlangt und schreit nach Revolutionierung der Verhältnisse, damit der Mensch besser gedeihen könne, aber von einer radikalen Revolution des menschlichen Herzens hört man nichts. Alles lärmt und schimpft über Ungerechtigkeit, aber von der eigenen will man nichts wissen. Alles schwatzt klug und überlegen von der “gemeinen Selbstsucht” der andern, die allein an den “miserablen Zuständen” schuld sei, aber in Bezug auf die eigene Schuld verträgt man kein Wort. Alles beschäftigt sich mit “Aufklärung” im Sinne zeitgemäßer Kulturforderungen, aber der allein heilsamen Aufklärung über die gänzliche Unzulänglichkeit des eigenen Wesens geht man aus dem Wege. Alles bemüht sich großrednerisch um die Schaffung einer “besseren Zukunft”, und jeder Einzelne lebt in völlig selbstverständlicher Ich-Herrlichkeit seinem Anspruch an Ehre, Besitz und Genuss. Denn auch in der scheinbar selbstlosen Hingabe an den Dienst für die “gute Sache” oder gar für die “Menschheit” steckt noch die selbstverliebte Ich-Entfaltung, solange man die größte Revolution noch nicht erlebt hat.
Die größte Revolution übertrifft und überragt an Wucht, Bedeutung, Tragweite und Ergebnis alle anderen Revolutionen. Sie bemüht sich nicht um die Umwälzung von Regierungs- und Wirtschaftsformen. Sie beschäftigt sich auch nicht mit der sogenannten Revolutionierung der Köpfe, um ihnen etwa die neueste wissenschaftliche und soziale Weltanschauung einzuhämmern. Nein, beides wäre ihr viel zu wenig; die größte Revolution packt gründlicher an. Sie will den ganzen Menschen auf den Kopf stellen. Die größte Revolution ist die Herzens- und Wesenserneuerung eines Menschen durch und für Gott! Bekehrung, Buße und Neuzeugung, das ist der Inhalt der größten Revolution, die ein Mensch zu erleben vermag. Es ist keine größere Umwälzung denkbar, als die Bekehrung eines Menschen zu Gott.
Die politische Revolution kann wohl Fürsten- oder sonstige Regierungsherrschaft etwa zugunsten der Volksherrschaft beseitigen, aber die Menschen bleiben die alten. Und die soziale Revolution kann höchstens die privatkapitalistische Wirtschaftsordnung zugunsten der kommunistischen verdrängen, aber auch dadurch wird das Wesen der Menschen nicht im geringsten geändert. Die größte Revolution aber beseitigt die Ich-Herrschaft zugunsten der Gottesherrschaft, und dadurch wird der ganze Mensch erneuert. Eine politische Revolution stürzt vielleicht eine Fürstengröße vom Thron, um anderen zweifelhaften Menschlein den Herrschersitz zu sichern, aber die größte Revolution stürzt allemal eine eitle Ich-Größe vom Thron, um die alleinige Größe des lebendigen Gottes wieder zur Geltung zu bringen. Dort mag ein Herrscherhaupt seine äußerliche Krone einbüßen, hier legt ein bußfertiger Mensch die Krone seiner eitlen Selbstherrlichkeit seinem Gott zu Füßen. Eine soziale Revolution mag die Kapitalisten äußerlich enteignen, aber durch die größte Revolution wird jedesmal ein Mensch in sich selbst enteignet und seinem Gott als ewiges Eigentum zurückgegeben. — Was ist mehr?
Und vor allen Dingen: die größte Revolution hält, was sie verspricht! Sie bringt tatsächlich neues Leben, denn sie schafft Leben aus Gott. Sie bringt die allerbeste Herrschaft, denn sie stellt den Menschen unter die Herrschaft Gottes. Sie ist die allergründlichste Aufhebung der bösen Privatwirtschaft, denn sie beugt den ich-trotzigen Eigenwillen unter den heilsamen Willen Gottes. Sie ist die allerrücksichtsloseste Enteignung jeder Art von Privateigentum, denn sie nimmt dem Menschen alles, was er hat und ist: seine Selbstweisheit, Selbstgerechtigkeit, vermeintliche Selbsterlösungsfähigkeit, Selbständigkeit; sie beschlagnahmt seinen Geist, seine Seele, seinen Leib, sein Hab und Gut und alle seine Zeit für Gott. Sie ist auch die einzige Gewähr für den einzig möglichen “Kommunismus”, denn sie führt in Gemeinschaft mit Gott und Jesus Christus, durch den sich Gott, der Vater, in Liebe und Gnade geoffenbart hat, und schenkt die Teilhaberschaft am Wesen Gottes in der Gesinnung Christi, wodurch sie zu glaubenstätiger, wahrhaft selbstloser Liebe zu allen Menschen, ja selbst zu den gehässigsten Feinden, befähigt. Darum verbürgt sie allein auch die allersicherste Wohlfahrt, denn sie bringt den Zufluss des unausspürbaren Reichtums der geistlich-himmlischen Segnungen, die allein unsere Seele zu sättigen vermögen, und gewährleistet auch unsere irdisch-leibliche Versorgung durch die Güte und Treue des Vaters, der weiß, was wir bedürfen. Sie, die größte Revolution, bewirkt auch allein Gerechtigkeit auf Erden, die besser ist, als die aller sonstigen Revolutionen und Revolutionäre, denn sie erlöst uns vom herrschsüchtigen Hochmut, durch den alle Ungerechtigkeit kommt, und schenkt uns die Gerechtigkeit Gottes um Jesu Christi, des einzig Gerechten willen, der für uns durch und durch Ungerechte zur Tilgung unserer Sündenschuld und Ungerechtigkeit starb. Deshalb vermag auch nur allein die größte Revolution wahren Frieden zu bringen, denn ihr folgt unmittelbar die Bekanntgabe des unvergleichlich großen göttlichen Gnadenerlasses von der Vergebung jeglicher Sünde und Schuld für alle die, welche sich der Regierung Gottes unterworfen und damit aufgehört haben, in selbstsüchtiger, gottfeindlicher Ich-Liebe wider Gott zu streiten, wodurch ja aller Unfriede auf Erden entstand und immer neu entsteht. So bringt allein die größte Revolution auch die wahre Freiheit, denn sie allein erlöst von jeder Knechtschaft der selbstsüchtigen, eitlen Begierden und sündigen, verderblichen Lüste, in denen der eigenwillige, verblendete Mensch als ein Sklave seiner verderbten Natur und der Menschen und Satans gefangen ist, woher alle Unfreiheit und Ausbeutung stammt, von der uns nur die Christusherrschaft befreit. Und so vermittelt allein die größte Revolution auch die lichtvolle Aufklärung und höchste Bildung, denn indem sie den hellen Schein der göttlichen Heilsbotschaft in des Menschen Herz strahlen lässt, klärt sie die Seele auf über die Nacht und Macht der Sünde, über die Torheit aller eingebildeten Menschenweisheit, und bewirkt den Empfang der Weisheit Gottes durch das Wort der Wahrheit und des Menschen wahre Bildung nach dem Bilde Christi.
Wahrlich, gegenüber solcher tiefsten Gründlichkeit und höchsten Tragweite der größten Revolution erscheinen alle anderen äußerlich so groß und geräuschvoll auftretenden Revolutionen nur als polternde Kindereien, wie sie der Torheit einer verblendeten Menschheit entsprechen.
Ach, wie weit sind beide, Bürgerliche und Proletarier, dem biblischen Christentum enteilt! Es kommt für ihre Lebensrechnung nicht mehr in Betracht. Beide berufen sich auf die Vernunft. Beide wollen durch sie die Erde zu ihrem Himmel machen; die einen durch das rote Gold, die anderen durch die rote Revolution. Beide haben Gott und seinen Christus verworfen und sind Anbeter der menschlichen Macht geworden. Beide ringen miteinander auf dem Boden der Selbstverwirklichung. Beider Gott ist das Ich mit seinem selbstsüchtigen Anspruch auf irdischen Besitz, aufgrund der sogenannten natürlichen Menschenrechte. Und beide haben die Rechte Gottes an den Menschen und den Sohn Gottes mit Füßen getreten.
Aber noch immer ist Jesus Christus als der von Gott auf Erden gelegte Grund- und Eckstein der einzig solide Baugrund. Alles, was nicht auf dem Felsengrund des Wesens und Wortes Christi steht, wird einen großen Fall erleben, es seien Personen oder Institutionen, Ordnungen oder Revolutionen. Jesus Christus ist der allgewaltige Erschütterer aller menschlichen Selbstherrlichkeit. Es gibt nichts Umstürzlerischeres auf Erden als ihn, den immerwährenden Tempelfeger. Es gibt keinen flammenderen Protest gegen jeden ichbezogenen Hochmut, gegen jeden Klassenwahn und gegen die gesamte gottfeindliche Selbstverwirklichung dieses Menschengeschlechts als das Gotteslamm am Kreuz auf Golgatha. Es gibt nichts Radikal-Revolutionäreres als die Gotteskraft des Wortes vom Kreuz, die jede Menschenschläue und Menschenmacht abtut. Und das ist es, was sich jedesmal als Inhalt der größten Revolution erweist.
Wer diese größte aller Revolutionen nicht erlebt hat, kennt Christus und das wahre Christentum nicht. Wer nie in selbstaufgebender Buße vor ihm, dem unentthronbaren König aller Könige, den Zusammenbruch des Reiches der eitlen, ichverliebten Selbstherrlichkeit erlebt hat, der ist nie durch die enge Pforte in Christi und Gottes Reich eingegangen. Wer nie von Jesus Christus, dem heilig Unbequemen, ergriffen und überwältigt worden ist, sondern es stets weltklug verstanden hat, den unerbittlichen Erschütterer der Selbstherrlichkeit in erträglicher Weise sich vom Leibe zu halten, der nenne sich gefälligst Antichrist, aber nicht Christ!
Ja, wehe den Gewaltigen, Mächtigen, Großen, Reichen und Satten, die nie die größte Revolution an sich und ihren Geldbeutel haben herankommen lassen, umso mehr aber sich bereits als die beglaubigten Vertreter einer “christlichen” Staats- und Weltenordnung fühlen, die der “liebe Gott” gegen den “bösen” Umsturz zu schützen habe! Ja, wehe diesen ich- und standesherrlichen, glatten Namenchristen, denn um ihrer unbekehrten, unbeschnittenen Herzen willen ist die biblische Heilsbotschaft den Unterdrückten und Armen verleidet worden. Gott wird sie dahingeben in die Hände ihrer Widersacher, und auch kein Bajonett und kein Maschinengewehr werden sie schützen!
Ebenso wehe den lehrmäßigen Vertretern eines vernunft-, welt- und ichförmig gemachten “Christentums”, die ihren Stand auf Kathedern und Kanzeln dazu benutzt haben, sich und ihre Hörer an dem Ärgernis der größten Revolution vorbeizuschwatzen! Indem sie dem notwendigen, gottgewollten, heilsamen Umsturz im Inneren des Menschen vernunftgerecht vorbeugten, haben sie den gott- und heillosen äußeren Umsturz mit herbeiführen helfen, der auch immer mehr ihr eigener Sturz werden wird. Hätten sie statt dessen biblische Bekehrung und Buße gelehrt und gelebt, wieviel hätten sie zur Bewahrung des Friedens und zur Vermeidung des Krieges und der Revolution beitragen können!
Aber auch wehe den Gläubigen und Frommen, die die größte Revolution erlebt haben mögen, aber ihrem entthronten Ich bereits wieder die Genuss-, Ehr- und Besitzliebe zugestanden haben und damit zurück in die Selbstsucht gefallen sind! Ein weltförmiger Frommer zeugt tausend Kinder des Verderbens, ein selbstsüchtiger Christ tausend gottlose Umstürzler. Ein finster gewordenes Licht schafft tausend Irrgänger, ein kraftlos gewordenes Körnlein Salz befördert tausendfach die Fäulnis.
Gegen die großen Revolutionen hilft nur die größte Revolution, das heißt: wer letztere wirklich erlebt hat, kann und wird sich an den anderen nicht beteiligen. Wer durch die größte Revolution unter die Herrschaft Christi gekommen und ein Untertan und Sklave des Herrn aller Herren geworden ist, weiß, dass auch allen übrigen Menschen nichts anderes hilft, als die Herrschaft Christi. Diese kommt aber weder durch Monarchie noch durch Demokratie, auch nicht durch Sozialdemokratie, Sozialismus, Kommunismus oder gar Anarchie. Christi Reich kommt mit keiner äußerlichen politischen oder sozialen Gebärde. Sein Reich kommt zunächst überhaupt nur als Einzelherrschaft, eben dadurch, dass eine einzelne Seele die größte Revolution erlebt. Wo Menschen als Untertanen Jesu Christi den Willen Gottes tun, da ist Gottes Reich und Christi Herrschaft, die sich beide nie anders ausdehnen, als eben durch das erweiterte Umsichgreifen der größten Revolution, das heißt durch Bekehrung und Buße der einzelnen Seelen. Darum kann nie und nimmer eine andere Revolution dem Kommen des Reiches Gottes dienen, als eben nur die größte Revolution. Alle anderen Revolutionen gehen fehl und müssen deshalb von gläubigen Christen abgelehnt werden. Wo dies nicht oder nicht mehr geschieht, ist das Salz bereits dumm und das Licht zur Finsternis geworden. Christen sind zutiefst weder Monarchisten noch Demokraten, auch nicht Sozialisten, Kommunisten oder Anarchisten; Christen sind und bleiben immer und ausschließlich Theokraten und Christokraten. Ihr Ziel ist Gottes- und Christusherrschaft, und der einzige Weg zu diesem Ziel ist und bleibt die größte Revolution. O wehe den zahllosen, bereits vom Revolutionsgeist dieser Welt betörten “Gläubigen” unserer Tage, die sich das biblische Ziel verrücken ließen und um der großen Revolution willen die größte Revolution preisgegeben haben!
Untertanen Christi haben auch heute die Aufgabe, als Licht, das die Finsternis, und als Salz, das die Fäulnis dieser durch ihre gottlose Selbstsucht im Argen liegenden Welt reizt, im Zeichen des Kreuzes (Gal. 6, 14) zu protestieren gegen alles und jedes, was auf dieser Erde ohne Christus geschieht. Sie, die allein wahren “Protestanten” und allein “radikalen Umstürzler”, lehnen jede Ziel-, Weg- und Arbeitsgemeinschaft, und somit jeden Kompromiss mit denen, die durch menschliche Vernunft, Selbstweisheit, Selbstgerechtigkeit du Selbstherrlichkeit Feinde Christi und seines Kreuzes und Reiches sind, ab. So vermögen sie zu bezeugen, dass sie “nicht von dieser Welt” sind, und verkörpern ihre flehentliche Bitte: “Dein Reich komme!” So bauen sie auf dem Grundstein, den die ich- und kulturseligen Bauleute verworfen haben. Dafür, und um ihres verworfenen Königs Namen willen, werden sie gehasst, und somit teilhaftig der Leiden des gekreuzigten Gotteslammes, damit sie auch seiner Herrlichkeit teilhaftig werden. Und, o wie bald werden es dann diese “Fremdlinge auf Erden” zu spüren bekommen, dass man sie als die “schlimmsten Reaktionäre” und zugleich als die “gefährlichsten Revolutionäre” dieser Zeit erachtet, die jede Reform und jede Revolution als ungenügend “benörgeln”, also tatsächlich mit nichts mehr in dieser Welt zufrieden sind, und gegen die man deshalb gemeinsam Front machen wird. Erst kürzlich sagte ein roter Umstürzler mit Recht: “Unsere größten Feinde sind nicht die Kapitalisten, denn die liefern uns das Wasser auf die Mühle, sondern unsere verhasstesten Gegner sind die Frommen, denn die graben uns das Wasser ab!” Jeder weltliche Kapitalist wird aber in umgekehrter Beziehung dasselbe sagen. Darum muss und wird es wahr werden:
“Bald reichen alle Weltverbände
Sich gegen Gottes Volk die Hände.”
Und dann freue dich, du wahre Christenheit! Denn dann ist deine eine große Aufgabe auf Erden vollendet. Und dann wird dein König kommen, auf den allein du alle deine Hoffnung setztest, dessen Wort der Geduld du bewahrtest, und der nun auf den Trümmern aller Weltreiche als der allgewaltige Umstürzler alles Gottwidrigen sein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens unter allen Völkern aufrichten wird.
Im Hinblick auf diese allergrößte Revolution, welche Gericht und Sieg des wiederkommenden Christus begleiten wird, geziemt sich noch ein besonderes Wort an die Gläubigen des Sozialismus unserer Tage:
Wie glaubt ihr euch doch so erhaben über die rückständigen, dummen Frommen, denen nach eurer Meinung Verstand und Tatkraft fehlen, die Ungerechtigkeit und Unzulänglichkeit ringsum zu erkennen, um sie, im Verbund mit euch, zielbewusst zu bekämpfen! Wie haltet ihr die Gläubigen doch meist für schlappe Narren, die sich vom Pfaffen das Gehirn verkleistern, vom Kapitalisten das Mark aus den Knochen saugen lassen, dabei geduldig aufs bessere Jenseits warten und indes ihrer pharisäisch selbstsüchtigen, weltfremden Frömmelei leben. Oder aber ihr haltet sie für durchtriebene Heuchler, die unter dem Vorwand der Gottseligkeit die besten Geldgeschäfte zu machen verstehen. Mag sein, dass euch einige so vorkommen, oder ihr andere tatsächlich in der Weise erlebt habt. — Aber ach, wie erkenntnislos seid ihr gegenüber dem Wirken des lebendigen Gottes in einem Menschenherzen! Wie pharisäisch blind seid ihr gegenüber Christus, dem Licht der Welt, das eure Finsternis erleuchten möchte! Und wie ohnmächtig seid ihr doch, ihr eifrigen Weltverbesser, die ihr weder euch noch die Welt ändern könnt und werdet, weil euch das Geheimnis der größten Revolution und damit die Erlangung wahrer Gerechtigkeit und der Empfang wirklichen Friedens verborgen bleiben!
So gerne fordert ihr die Gläubigen auf, die Ernsthaftigkeit ihres Christseins als Protest gegen die Ungerechtigkeiten der Welt durch den Eintritt in eure Kampfesreihen zu beweisen. Aber sie können sich euch nicht anschließen, weil ihnen die Umwälzung, die ihr erstrebt, zu geringfügig und -wertig und am Wesentlichen vorbei erscheint. Sie wissen ja durch die heilige Schrift, dass die Quelle allen Unrechts der menschliche Hochmut und Selbstbehauptung Gott und seinem Christus gegenüber ist. Und solange ihr diese böse Quelle noch in und aus euch sprudeln lasst, vermehrt auch ihr nur die Ungerechtigkeit in dieser irren und wirren Welt, und Kinder Gottes können nicht mit euch an einem Strange ziehen.
Aber nun seid einmal ihr, ihr empörten Weltverbesserer, aufgefordert, die Ernsthaftigkeit eures revolutionären Mutes darin zu erweisen, dass ihr die größte Revolution aufrichtig kennen- und erlebenzulernen sucht. — Ihr wollt die kapitalistische Welt in Trümmer schlagen? Auf, lernst erst einmal, den Büßerschlag gegen die eigene Brust zu führen! — Ihr wollt zielbewusst gegen die Ungerechtigkeit in der Welt streiten? Auf, wendet euch erst einmal gegen jede Ungerechtigkeit, die in euch wohnt! — Ihr wollt die Selbstsucht, die Gewissenlosigkeit, die Habsucht, die Gewalttat eurer Gegner rächen? Auf, lasst euch durch das Licht des Wortes Gottes erst einmal euer eigenes Herz beleuchten! — Ihr wollt eine verkommene Welt erneuern? Auf, lasst euch erst einmal selbst erneuern durch den, der alles neu machen kann und wird, Christus Jesus, euren gottgesandten Erlöser! — Ihr weist gerne hin auf die Opfer der Sünden der kapitalistischen Gesellschaft. Auf, seht am Kreuz von Golgatha das Opfer für die Sünden der ganzen Welt, auch für eure Sünden! — Ihr wollt die Herren der Welt enteignen? Gut, dann lasst aber auch euch selbst enteignen von dem, der allein Herr ist und bleibt, Jesus Christus!
Das sind nicht Worte des Hohns, sondern Worte der Liebe Christi, die allein weltrettende, welterneuernde Kraft hat. Nie kann es auf Erden einen Sozialismus ohne den Sieg dieser Liebe geben. Und nie gibt es in einem Menschenherzen diese Liebe, ohne dass dies Herz die größte Revolution erlebt hat, nämlich durch die Liebesherrschaft Christi sich von der selbstsüchtigen Eigenliebe entleeren zu lassen. So ist die größte Revolution schließlich nichts anderes als das zugrundestürzende und danach grundlegende Liebes- und Gnadenwerk Gottes in Christus Jesus durch den heiligen Geist in jedem zur Buße und Bekehrung aufrichtig willig gewordenen Menschenherzen. Wer diesen inneren Einsturz und den darauf folgenden inneren Neu- und Aufbau erlebt hat und noch immer weiter erlebt, trägt das helle Gepräge des Wortes Jesu in sich: “Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden” (Matth. 16, 25). Und dessen Leben wird auch ein Zeugnis des Pauluswortes sein: “Wer in Christus ist, ist eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, es ist ein Neues geworden!” (2. Kor. 5, 17).
Mangelt dir noch dies “Neue”, ohne welches alle Revolutionen eitel bleiben, so fragt es sich eben jetzt, ob du nicht zu feige sein wirst, die größte Revolution zu erleben.
Dein Lebensherr wartet auf Antwort.
(Quelle: “Neue Herzen — Zwölf Reden von Fritz Binde”, 1921; Verlag Gottlob Koezle, Wernigerode)
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