Das Evangelium im Weltbankrott
Autor: Ströter, Ernst F., Prof. | Kategorie(n): Allversöhnung, Heilsgeschichte, Zeitgeschichte & Politik | 812 x gelesenEr ist unaufhaltsam, der Weltbankrott, wenn nicht alle Zeichen trügen. Das ist zum Heulen und Wehklagen auf der einen, zum Jauchzen und Frohlocken auf der andern Seite. Die kulturstolze, ruhmredige, himmelanstürmende Welt des 20. Jahrhunderts mit all den hochgepriesenen Errungenschaften in Wissenschaft, Technik, Industrie und schönen Künsten — auf geradem Weg zum Bankrott. Nicht dass sie selbst das glaubte — bewahre! Es geht ihr wie so manchem Opfer der sog. “weißen Pest”, das sich auf schönster Besserung wähnt, wenn schon die Kirchhofsrosen auf den Wangen glühen. Wie viel kann, wie viel wird man noch leisten! Wir schaffen eine ganz neue Welt, so hat es der amerikanische Präsident mit übers Meer gebracht. Das hat ihm sogar das zusammenbrechende Deutschland geglaubt und daraufhin einen Waffenstillstand angenommen, der in einem Wilson-Frieden enden sollte. Dasselbe Lied singt in Russland und Ungarn der Bolschewismus, und Hunderttausende glauben das und sind bereit, alles Bestehende kurz und klein zu schlagen, um Raum zu schaffen für das “goldene Zeitalter”, das vor der Tür stehe. Ein Mindestmaß von Arbeit und Leistung und die höchsten Löhne. Sechs Stunden an der Drehbank oder Webstuhl, zehn Stunden auf der Bierbank, dem Tanzboden oder im Kino. So leben wir, so leben wir alle Tage. Bekommen wir das nicht, so wird gestreikt. Es lebe die Freiheit, die Kommune, das Proletariat.
Und die großen Herren dieser neuen Welt, die dabei sind, die Landkarte von Europa und etlichen angrenzenden Weltteilen gründlich zu revidieren, und die seit Monaten nicht aufgehört haben, der Welt den Dauerfrieden zu versprechen, was tun die? Die sitzen hinter verschlossenen Türen am grünen Tisch und markten und feilschen, wie man der niedergeworfenen deutschen “Bestie” die Krallen beschneide, dass sie nie wieder wachsen, wie man sie mit Hunger weiter knebeln, ihre unschuldigen Weiber und Kinder auf diesem nicht ganz neuen Weg des eleganten und sehr humanen Massenmordes verelenden und dezimieren kann, wie man aus ihrer Flanke sein Pfund Fleisch herausschneiden kann, ohne dass sie ganz verblute, um dann der erlösten Menschheit das goldene Zeitalter mit unfehlbarer Garantie auf den Präsentierteller zu legen. Denn dann ist der deutsche Militarismus tot, der allein an allem Elend der Welt schuld war. Die Völkerliga wird alles andere bestens besorgen und im besten Stand halten. So hat es ja Präsident Wilson versprochen, und der muss es doch gewiss wissen. Ob es aber dem großen Präsidenten der großen Union (= USA; Anm. J.K.) auch passieren könnte, dass er mit seinen vierzehn Punkten Bankrott macht? Wir können es abwarten. Inzwischen steht geschrieben: “Verflucht ist, wer sich auf Menschen verlässt und hält Fleisch für seinen Arm” (Jer. 17, 5). Damit ist auch ihm und allen seinen lauten und stillen Bewunderern der unausbleibliche Bankrott angesagt von durchaus kompetenter Seite.
Was machen denn die Kirchen und die ernsten Gemeinschaften in diesen Tagen des heraufziehenden Weltbankrotts? Was bieten sie einer verzweifelnden und verelendeten Menschheit, die alles Bestehende wanken und zusammenbrechen sieht, Throne, Regierungen, Zucht, Ordnung, Disziplin, Pflichttreue und Gehorsam — und die im tollen Taumel auf offenen Vulkanen tanzt und rast?
Aus dem sehr christlichen Amerika kommen wunderbare, vielverheißende Anschläge und Veranstaltungen zur baldigen “Eroberung der ganzen Welt für die christlichen Ideale und Grundsätze”. So brachte vor kurzem ein in Philadelphia erscheinendes, vortrefflich ausgestattetes und von Hunderttausenden gelesenes Wochenblatt rein weltlicher Tendenz ein großartiges, vollseitiges Plakat-Inserat, das den Siegesfeldzug einer der drei bedeutendsten amerikanischen Kirchen anpries und zur Beteiligung aufforderte. Da reitet ein Kreuzfahrer, das obligate Zeichen des Kreuzes auf dem Zaum des Rosses und auf Schild und Wehr, unter der Devise “Die Liebe Christi dränget uns!” einher, im Hintergrund die Stadt Gottes. Dann der Text. Titel: Kreuzfahrer einst und jetzt! “Ehedem zog der Kreuzfahrer aus, um das Heilige Land zu erobern. Heute zieht er aus, um aus jedem Land ein heiliges zu machen durch den Triumph des Geistes Jesu Christi in aller Welt, in Handel und Wandel, in der Politik, auf allen Gebieten, in allen Einrichtungen. Diese Thronerhebung des christlichen Ideals ist die sicherste Garantie für den Bestand der Völkerliga, für die wir arbeiten und beten. Unsere (XY-Kirche) ist begierig, ihren vollen Anteil an diesem Unternehmen zu leisten, nicht im Sinne eines engen Kirchentums, sondern in dem Bestreben, ihre Hilfsmittel und Kräfte in wirksamster Weise mit denen aller andern christlichen Körperschaften zur Geltung zu bringen …”
Man sieht deutlich die volle Übereinstimmung zwischen diesen kirchlichen Zielen und dem von dem autokratisch bevollmächtigten Präsidenten der Union aufgestellte Programm für die verheißene Völkerliga, die das neue Zeitalter des Friedens, der Gerechtigkeit und des unbegrenzten Wohlstands sicher herbeiführen soll. Christentum und Weltpolitik in engster Umarmung und Verschlingung. Und bei der erst kürzlich bewährten, ganz unzweifelhaft großzügigen Opferwilligkeit des amerikanischen Volkes, dessen Mittel ihm auch erlauben, den Mund ziemlich voll zu nehmen, ist ja dem Amerikaner der Erfolg etwas ganz Selbstverständliches. Das ist die charakteristische Eigenart des Amerikaners, dass, wenn er etwas unternimmt, er alles darein setzt, um einen überwältigenden, durchschlagenden Erfolg zu erzielen. Er ist ein überzeugter Anbeter des Erfolgs, wie es auf der Erde keinen zweiten gibt. Dazu ist ihm Volkes Stimme Gottes Stimme. D. h. er ist ein überzeugte Anbeter des Demokratismus. “Wir zwingen es”, das steht ihm fester als je, seit es Amerika gelang, dem verzweifelten Ringen der europäischen Westmächte in Frankreich die siegreiche Wendung zu geben. Mit dem unbezwinglichen Optimismus seines eigenen kolossalen Selbstbewusstseins, im Gefühl seiner strotzenden und für unversieglich eingeschätzten Machtmittel und Finanzkräfte, sieht er bereits die ganze übrige Welt zu seinen Füßen. Nicht dass er sie, wie sein englischer Vetter, geographisch und ozeanisch verschlingen und sich politisch einverleiben möchte, sondern nur, dass der amerikanische Gedanke die ganze Welt beherrsche, dass das Sternenbanner das eigentliche Symbol des christlichen Demokratismus unter dem ganzen Himmel werde. Imperialismus und Idealismus in eigenartiger Verquickung. Natürlich ist Vetter John Bull (= Großbritannien; Anm. J.K.) damit ganz einverstanden, solange Onkel Sam (= USA; Anm. J.K.) ihm die Weltmeere nicht streitig macht und ihn ruhig einen halben Kontinent nach dem andern in die große Landräubertasche schieben lässt. Auch scheint die englische Christenheit mit den amerikanischen Welterneuerungsideen durch einen solchen Siegesfeldzug durchaus einverstanden zu sein. Wenigstens war der gleiche Ton unverkennbar in den großen Reden, die auf dem famosen Edinburgher Weltkongress für Mission kurz vor dem Krieg geschwungen wurden und über die manche nüchterne Missionsfreunde anderer Länder das Haupt geschüttelt haben. Also auch hier sind die Vorbedingungen zum vollständigen Bankrott die denkbar günstigsten für den, der das gesalbte Auge hat und sich nicht blenden lässt von großen Reden und weitreichenden Plänen zur Welteroberung durch das “Evangelium”.
Was für ein Evangelium?, fragen wir nun. Doch wohl nur dasselbe, das man bisher betrieben hat. Denn mir ist keine Kunde geworden, dass man sich irgendwo in der ganzen angelsächsischen Kirchenwelt auf das ursprüngliche Evangelium nach seinem Vollgehalt besonnen hätte. Wäre das der Fall, könnte man solche vermessenen und verstiegenen Reden und Pläne gar nicht in den Mund nehmen. Es kann sich also nur um dieselbe Fassung des “Evangeliums” handeln, die schon lange im Schwange geht und die es nicht verhindert hat, dass man vor vier Jahren ganz offen in den Blättern lesen konnte: “Wenn die christlichen Kirchenbehörden so ehrlich wären wie andere Geschäftsleute und Warenlieferanten, dann müssten sie ihre Kirchenbehörden zuschließen und den Bankrott erklären, denn sie haben seit Jahrzehnten und Jahrhunderten einer kriegsmüden Welt den Frieden auf Erden versprochen und nicht gehalten.” Ob dieselben denkenden Menschen, die das vor vier Jahren einsahen, sich groß imponieren lassen von den Kreuzfahrerbildnissen und Reklamen derselben großen Kirchenkörper, die heute mit einem gesteigerten Aufwand von Millionen Dollars die ganze Welt binnen kurzem mit den christlichen Idealen überwinden wollen?
Aber was sagen denn unsere ernsten deutschen Gemeinschaftskreise, die gewiss nicht vom angelsächsischen Größenwahn und Siegestaumel ergriffen sind, sondern denen das Messer gewissermaßen an der Gurgel steht und die an der unsagbaren Schmach unseres Volkes mitzutragen haben, bei denen es nach ihrer eigenen Auffassung und Darstellung beinahe um Sein oder Nichtsein geht inmitten der immer höher steigenden antichristlichen Flut von Feindschaft und Hass gegen die Pfaffenwirtschaft und das elende Muckertum, das sich nur zur Versklavung und Verdummung der Volksseele hergegeben hat? Was ist das für ein Neues, das die heute pflügen und ackern? Eine bessere Gelegenheit, das zu tun, haben sie nie gehabt, nicht einmal während des grausigen Völkermordens vier Jahre und länger. Was ist es denn heute, das die ernsten Gemeinschaftschristen deutscher Zunge bewegt und in Atem hält? Ihre Organe, die bekannten Gemeinschaftsblätter, tun es ja kund mit einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschen übrig lässt. Da füllt man Spalten über Spalten und Seiten auf Seiten — womit? Mit Abhandlungen und Aufsätzen, Besprechungen und Begutachtungen über — Organisationsfragen! Ob Volkskirche, ob Bekenntniskirche, ob deutsche Freikirche nach amerikanischem Modell. Es ist wahrlich zum Weinen! Als ob unser großer Herr im Himmel sich so kurz vor dem Ablauf dieses Zeitalters noch einmal des Langen und Breiten mit diesen Sächelchen abgeben werde! Und dabei stellt man sich selbst das Horoskop auf das baldige Auftreten des gefürchteten Antichristen, der dann ja doch alle diese schönen Pappschächtelchen ins Feuer werfen werde, an denen man klebt und kleistert. — Was will man doch damit? Will man damit wohl den Hunderttausenden ernster, denkender, junger Männer imponieren, die dem grausigen Tod über vier Jahre in das hohle Antlitz geblickt haben? Hat man denn so gar nichts gelernt? Hat man gar kein Verständnis dafür gewonnen, dass heute ungezählten Myriaden alles ins Wanken gekommen ist, was sie von Jugend an für fest und echt gehalten, aber das nun an den grausigsten Wirklichkeiten einfach zerschellt ist? Wir sollten noch an einen wahrhaftigen und gerechten Gott glauben, der so etwas geschehen lassen kann, wie wir es erlebt und heute noch erleben? Was für eine Antwort hat ihnen denn schon zuvor das liebe, reichlich süße Gemeinschaftschristentum geben können, das sich die Pflege des eigenen, lieben, frommen Ich zur Haupt- wenn nicht zur einzigen Aufgabe gemacht hat auf die riesengroßen Fragen nach dem endlichen Ausgang all dieses entsetzlichen Weltgeschehens, dieser satanischen Lügentriumphe, dieser diabolischen Verhöhnung alles Heiligen und Edlen durch sogenannte “christliche” Regierungen? Was für einen Eindruck haben jene Männer und Jünglinge mit hinausgenommen von der ernstesten, entschiedensten Form des ihnen bekannten Christentums? Doch gewiss den, dass es wohl eine ganz schöne Sache sein mag für alle die “bekehrten” Menschen, die ganz gewiss sind, dass sie es alle einmal im schönen Himmel in alle Ewigkeiten unbeschreiblich gut haben werden. — Eine famos praktische Lebensversicherung für die Ewigkeit, wer das glauben kann. Aber dann haben sie sie hinsterben sehen, hingeschlachtet in der vollen Mannesblüte, schonungslos fortgemäht vom grausigen Schnitter Tod; nicht lauter Schmutzfinken und Wolllüstlinge, nein, viele der edelsten und besten, den Heldentod sterbend für Weib und Kind daheim, den Heldentod für’s geliebte Vaterland. Was wird aus denen? — Natürlich, in dürren, kalten Worten hat man es ja nicht gewagt, es immer zu sagen, die sind zu endloser Höllenqual verdammt, wenn sie sich nicht im allerletzten Augenblick, als die Granate sie schon zerriss, bekehrt haben! Aber gewarnt, eindringlich gewarnt hat man ganz nach dem orthodoxen Schema F, dass man doch ja nicht den Heldentod auf dem Felde der Ehre verwechseln dürfe mit dem seligen Heimgang eines wahrhaft Bekehrten. Und dass darin Wahrheit steckt, macht die Sache nur noch ärger. Denn eben diese eine Seite der Wahrheit wird benutzt, um die ganze, herrliche, volle Wahrheit Gottes dahinter zu verschanzen, dass man sie nur nicht sieht und sich und den untröstlichen Hinterbliebenen keine falschen Hoffnungen mache auf eine Bekehrungsmöglichkeit nach dem Tode. Denn wenn man das zugibt, dann können ja unsere approbierten Evangelisten nicht mehr evangelisieren, wie sie selbst eingestehen!
Aber was für ein Gottesbild, was für ein Weltbild bekommen dann eben jene denkenden und schier verzweifelnden Massen, die nun einmal nicht glauben gelernt haben, die aber Fragen und Probleme vor sich und in ihrem regen Geiste sehen, die eine Antwort gebieterisch heischen? Speist sie ab mit der orthodoxen Vorstellung von einem sogenannt allmächtigen Gott Himmels und der Erde, der ohnmächtig ist gegen diese Machenschaften der Hölle und der Finsternis, die ihm Millionen seiner geliebten Geschöpfe verblenden, verführen und ins Verderben stürzen dürfen, und Er kann es nicht hindern, denn — sie haben ja nicht anders gewollt! Und das Ende, der Ausgang?
Hat man denn gar kein Verständnis für den vollständigen Bankrott einer so erbärmlichen Weltanschauung, die unsern großen, herrlichen Gott am letzten Ende sich mit einem ganz verschwindenden Prozentsatz von Geretteten zurückziehen lassen muss, weil er nicht imstande war, dem Satan seine Beute abzujagen, geschweige denn diesen selbst ganz auf seine Seite zurückzugewinnen? Einer Weltanschauung, die das Böse triumphieren lässt über das Gute, die den entsetzlichen Riss in der Schöpfung niemals zu heilen imstande ist, die keine befriedigende Antwort hat auf die tausend Fragen, die heute nicht mehr vertuscht werden können? Man will doch wissen: wozu denn eigentlich all dies tolle, wahnwitzige Treiben, wenn es nicht einen allmächtigen Gott gibt, der die ganze heulende, lästernde, verlogene, heuchlerische Meute fest im Zaum und am Gebiss hat, dass sie unter allen Umständen seinen großen Endzwecken dienstbar sein und sie fördern muss gerade dann, da sie wähnen, unserm Gott das ganze Spiel zu verderben oder ihn abdanken zu können?
Es ist ja kolossal bequem und mag sehr erbaulich sein, wenn man sich so ganz auf sich selbst und sein eigenes frommes, wohlgeborgenes Ich zurückzieht und mit frommer Miene solchen unbequemen Fragen entweder gar keine Antwort gibt oder sie mit Verketzerung belohnt. Aber merkt man denn nicht, dass heute solch ein nur auf das subjektive Heilsleben eingestelltes Christentum nicht nur vom Bankrott bedroht ist, sondern ihn bereits erklärt hat, indem es die Antwort schuldig bleibt auf diese gewaltigen, schreienden Fragen?
Man setze sich doch einmal ehrlich mit Gottes eigenen, bündigen Erklärungen über den wahren Stand der Dinge mit seiner sündigen Menschheit auseinander. Gott gibt ohne weiteres zu, dass alle Menschen ganz ohne ihr Zutun und Verschulden in Sünden empfangen und geboren werden, weil die Sünde Adams zu allen hindurchgedrungen ist. Gott scheut nicht einmal davor zurück, offen zu erklären, dass er alles unter die Sünde (Gal. 3, 22) und unter den Unglauben (Rö. 11, 32) eingeschlossen habe, also mit vollem Bewusstsein der Tragweite einer solchen Handlung die ganze Menschheit unter die Gewalt der Sünde verkauft habe. Und dann erlaubt man sich, seine ebenso bündigen und ehrlichen Zusicherungen, dass er sich aller erbarmen wolle, dass er allen Menschen das Heil bringen wolle, schon um dessentwillen, der die Sühne und das Lösegeld voll bezahlt hat für die Sünden der ganzen Welt, auf die wenigen Auserwählten zu beschränken, die jetzt das Evangelium gehört und geglaubt haben. Und für einen solchen Gott sollen sich jene, die bis ins Innerste erschüttert sind, die an allem bisher Geglaubten irre Gewordenen begeistern können? Das möchte ich wissen.
Nein, tausendmal nein! Das ist kein Evangelium für die heutige Männerwelt, die mitten im Weltenbrande steht und Zeuge sein muss und immer mehr werden wird, wie alles unaufhaltsam in den großen Krach hineingezogen wird, der schon eingesetzt hat, so dass der ganze stolze Weltenbau von unten bis oben Risse aufzuweisen hat, die alle noch so geschickten Baukünstler nicht mehr zustopfen können. Es kracht und reißt weiter und weiter. Wo ist der Halt? Wo ist die einzige Lösung? Wo die wahre Befreiung der gequälten Seele aus all den berechtigten Fragen, die eine selbstgenugsame und in der eigenen Seligkeit befriedigte Christenheit erster Güte zu beantworten, ja auch nur gründlich zu untersuchen für unnütz hält, weil sie sich nicht auf das eigene Seelenheil bezieht, das allein man bewirken will — ob auch die Massen dahinfahren ohne Halt und ohne Hoffnung in die Verzweiflung, in das Chaos?
Es gibt einen besseren Weg, den Weg zurück zum ganzen, vollen, unverkürzten, herrlichen Evangelium des großen Gottes, der nicht nur will, dass allen Menschen geholfen werde, sondern der auch vermag, alles zu tun, was er will, und niemand kann ihn hindern. Zurück zu dem Allerhöchsten, dem alles dienen muss, auch alle Machenschaften der Finsternis, auch Hölle, Tod, Verderben und Verdammnis. Zu dem Gott, der auch unsere gehässigsten, verbittertsten, verlogensten, blutgierigsten Feinde in seine Liebe eingeschlossen hat, so dass ich sie gar nicht hassen kann, wenn mir einmal klar geworden, dass unser Gott auch mit ihnen völlig fertig werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit bringen wird, auch sie heute noch die Sklaven der schnödesten Rachgier und satanischer Verblendung sein mögen. Das ist das Evangelium für den Weltbankrott und wäre es immer gewesen, wenn man es nur hätte gelten lassen wollen. Aber sein Tag ist gekommen, des bin ich guter Zuversicht. Nicht dass ich erwartete, dass nun mit einem Schlage alle die kostbare Wahrheit auch annehmen und sich ihr frei erschließen werden. Dazu kostet es noch zu viel. Aber unterdrücken und vertuschen lässt sich diese Erkenntnis nicht mehr, denn es ist “Speise zur rechten Zeit”, wie denn alles seine Zeit hat nach Gottes Ordnung.
Aber ich flehe die teuren Brüder an, die solche Erkenntnis teilen, sie aber immer noch unter den Scheffel stellen und sie für eine Privatangelegenheit halten, die nicht vor die große Öffentlichkeit gehöre, ihre Bedenken den Winden zu geben und sich frei und mannhaft dazu zu stellen. Ungezählte schmachtende Seelen werden es ihnen in Ewigkeit danken, die heute verzagen und verzweifeln wollen, weil sie keinen Ausweg sehen.
(Quelle: “Das prophetische Wort”, 1919)


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