Das Gesetz vom Zweiten oder Dritten
Autor: Heller, Adolf | Kategorie(n): Das prophetische Wort, Erkenntnis & Wesen Gottes, Heilsgeschichte, Lehre | 483 x gelesenInhaltsverzeichnis:
Einleitung
Der erste und der letzte Adam
Abrahams erster und zweiter Auszug
Ismael und Isaak
Jakob und Esau
Josephs Selbstenthüllung
Ephraim und Manasse
Mose als Richter und Retter
Aarons Söhne
Moses und Josua
Israels erster und zweiter König
Salomo und der Tempelbau
Salomos und Christi Herrschaft
Jonas Flucht vor Gott
Das erste und das zweite Kommen Christi
Israels Sammlung
Der erste und der zweite Löser
Die ersten, zweiten und dritten Himmel
“Umgestürzt, umgestürzt, umgestürzt!”
Die Anbetung der Engel
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1. Kor. 15, 46: “Das Geistliche nicht zuerst, sondern das Natürliche, danach das Geistliche.”
Hiob 33, 29: “Alles tut Gott zwei- oder dreimal.”
Auf dem Werdeweg des Einzelnen wie der Gesamtgemeinde gibt es Erfahrungen und Demütigungen, Irr- und Umwege, die uns oft große Not bereiten und uns, wenn wir uns selber anschauen, an der Zielerreichung der Vollendungsabsichten Gottes fast irre werden lassen. Dabei braucht es sich keineswegs um bewusste oder grobe Sünden zu handeln. Im Gegenteil! Gerade bei solchen, die mit brennendem Herzen eine Ganzhingabe ihres Lebens an Gott vollzogen haben und in der lautersten, selbstlosesten Liebe zu ihrem Herrn und Haupt zu wandeln begehren, entstehen Spannungen, Verschiedenheiten in der Erkenntnis, Schwerpunktverlagerungen im Dienst und Zeugnis, dass man fast zweifeln möchte, ob wir wirklich jemals “hingelangen zu der Einheit des Glaubens und zur Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu dem erwachsenen Manne, zu dem Maße des vollen Wuchses der Fülle des Christus” (Eph. 4, 13).
Erst wenn wir das geistliche Grundgesetz vom Zweiten oder Dritten begriffen haben, lösen sich viele belastende Spannungen und quälende Sorgen in heiliger Glaubensfreude auf. Solange wir uns noch einreden, wir wären verantwortlich für Einzelne oder gar für die Gesamtgemeinde Gottes, müssten den Stand ihrer Erkenntnis des Heils regulieren gemäß der uns geschenkten oder eingebildeten Schau, solange kommen wir aus dem Sorgen und Klagen nie heraus. Da trägt man meist selbst auferlegte Lasten, die ihre letzte und eigentliche Wurzel in unserm religiösen Hochmut haben, einerlei, ob es sich um Organisationen oder Einzelgänger handelt, die andre formen wollen.
Dass es daneben wirkliche Hirtendienste gibt, die gottverordnet und darum auch gottbeglaubigt sind, ist eine andere Sache. Denken wir etwa nur an Kol. 1, 27b-29, wo Paulus das köstliche Zeugnis ablegt: “Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit! Den verkündigen wir, indem wir jeden Menschen ermahnen und jeden Menschen lehren in aller Weisheit, auf dass wir jeden Menschen vollkommen in Christo darstellen, wozu ich mich bemühe, indem ich kämpfend ringe gemäß seiner Wirksamkeit (Energie), die in mir wirkt in Kraft (Dynamik).”
Oder erinnern wir uns an die überaus ernsten und ergreifenden Worte, die der Nationenapostel den Ältesten der Gemeinde von Ephesus ans Herz legte, als er sie nach Milet rufen ließ und ihnen sagte: “Ich bezeuge euch an dem heutigen Tage, dass ich rein bin von dem Blute aller, denn ich habe nicht zurückgehalten, euch den ganzen Ratschluss Gottes zu verkündigen. Habet nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher gesetzt hat, die Gemeinde Gottes zu hüten, welche er sich erworben durch das Blut seines Eignen” (Apg. 20, 26-28).
Zu einem wirklich fruchtbaren, gesegneten Dienst gehören immer zwei Seiten: ein brennendes Herz, das nicht nur irdische Gaben und Güter, Wohlergehen und Geborgenheit, Reichtum und Ehre dranzugeben gewillt ist, sondern auch sich selber völlig verwendet, und zwar auch dann, wenn es Undank, Treubruch und Verleumdung für alle Opfer der Liebe erfährt (2. Kor. 12, 15), — zum zweiten aber auch das beseligende Wissen des Glaubens, dass nicht unser Rennen und Laufen, sondern ganz allein Gottes Gnade das Wollen und Vollbringen in den Herzen seiner Geschöpfe beginnt und einmal herrlich vollendet (Phil. 2, 13; Eph. 1, 11b; Pred. 6, 10 u. a. m.).
Einer der wichtigsten Schlüssel zum Verständnis der Führungen Gottes, deren scheinbare Sinnlosigkeit und Ausweglosigkeit nicht nur Ungläubige, sondern auch treue Gotteskinder oft belastet und tief erregt, ist das Gesetz vom Zweiten oder Dritten, das Verhältnis vom Seelischen zum Geistlichen. Wenn wir es wirklich verstanden haben, vollziehen sich in unserm Glaubensleben köstliche Lösungen und Beglückungen, die unser Herz unsagbar froh und unsern Dienst und Wandel fruchtbar und gesegnet werden lassen.
Wir wollen uns um der Wichtigkeit dieser Wahrheit willen nicht nur auf zwei oder drei Zeugen beschränken, wie es das Wort Gottes für Israel und die Gemeinde fordert (5. Mose 19, 15; Matth. 18, 16; 1. Tim. 5, 19), sondern an zwanzig verschiedenen Zusammenhängen zeigen, wie dieses wunderbare Gesetz des Geistes die ganze Schrift durchzieht. Es gilt, vom Menschen aus gesehen, auch uns; wirkt sich, was den äußeren, erfahrungsmäßigen Ablauf unseres Lebens betrifft, auch auf unsre Errettung, Heiligung und Vollendung aus, obwohl, wie wir schon andeuteten, Gott allein alles schafft und ein vollkommenes, unantastbares und einmaliges Werk tut. Nur die Überlogik des Glaubens vermag diese beiden Seiten zu fassen; wo sich jedoch die menschliche Vernunft dieser heiligen Dinge bemächtigt und eine Seite gegen die andre ausspielt, schafft sie nur Not und Verwirrung. Das beweisen die vielen Inquisitionen und Ketzergerichte, angefangen von den größten Machtkirchen bis zu den kleinsten Bruderkreisen.
Der Herr schenke uns, dieses wichtige Gesetz vom Zweiten oder Dritten durch den Glauben zu verstehen, damit wir einerseits Seelisches und Geistliches zu unterscheiden vermögen und andererseits begreifen, in welchem inneren Wesenszusammenhang diese beiden Stufen im Gesamtplan Gottes stehen.
In 1. Kor. 15, 45 lesen wir: “Der erste Mensch, Adam, ward eine lebendige Seele; der letzte Adam ein lebendig machender Geist.” Adam war also demnach durchaus kein “Geistesmensch”, wenn er sich wohl auch durch Glaubensgehorsam dazu hätte entwickeln können und so der Löser der gefallenen Schöpfung geworden wäre.
Dass er ein natürliches, seelisches Lebewesen war, erwies sich, obgleich er “sehr gut” war (1. Mose 1, 31), als eine ungeheure Belastung für ihn, der er auch erlag. Was natürlich oder seelisch (wörtlich: psychisch) bedeutet, vermögen wir am besten zu erkennen, wenn wir sämtliche sechs Stellen des Neuen Testamentes nachschlagen, in denen der Ausdruck “psychikos” vorkommt:
1. Kor. 2, 14: “Der natürliche Mensch erfasst nicht (oder nimmt nicht an), was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm eine Torheit, denn er kann es nicht erkennen.”
1. Kor. 15, 44a: “Gesät wird ein natürlicher (oder seelischer) Körper.”
1. Kor. 15, 46: “Zuerst das Natürliche, danach das Geistliche.”
Jak. 3, 15: “Dies ist nicht die Weisheit, die von oben herabkommt, sondern eine irdische, seelische, dämonische.”
Judas 19: “Seelische, die den Geist nicht haben.”
1. Kor. 15, 44b: “Wenn es einen seelischen Leib gibt, so gibt es auch einen geistlichen.”
Tröstlich und verheißungsvoll ist nur das zuletzt angeführte Wort. Die Zeugnisse über das Wesen des Seelischen aus dem Jakobus- und Judasbrief hingegen sind geradezu erschütternd. Paulus beschreibt in seinem herrlichen Auferstehungskapitel das Seelische in der Verbindung mit dem Zukünftigen und überdeckt und verklärt gewissermaßen die Aussagen über das Seelische durch die göttlichen Bezeugungen dessen, was geistlich ist.
In diesem Zusammenhang müssen wir ein meist nicht genau verdeutschtes Wort aus Römer 5, 14 anführen. Dort lesen wir nach dem Luthertext, der Menge-Übersetzung, der Elberfelder Bibel, aber auch nach englischen, französischen und italienischen Übersetzungen, dass Adam ein Vorbild des Zukünftigen (d. i. des Christus) gewesen sei. Wenn wir aber den Text genau anschauen, so finden wir, dass es vom ersten Menschen nicht heißt, “welcher ein Vorbild des Zukünftigen ist”, sondern “welches ein Vorbild des Zukünftigen ist”. Gemeint ist nicht die Person des Adam, sondern, nach dem 14. Vers, die Herrschaft des Todes. Diese Todesherrschaft ist ein Vorbild auf die zukünftige Königsherrschaft der Gnade. In diesem Sinne übersetzt auch Knoch in seiner konkordanten Wiedergabe des Neuen Testaments. So sehen wir also auch hier das Gesetz vom Zweiten oder Dritten. —
Abrahams erster und zweiter Auszug
In Apg. 7, 2-4 lesen wir: “Der Gott der Herrlichkeit erschien unserem Vater Abraham, als er in Mesopotamien war, ehe er in Haran wohnte, und sprach zu ihm: Gehe aus deinem Lande und aus deiner Verwandtschaft und komm in das Land, das ich dir zeigen werde! Da ging er aus dem Lande der Chaldäer und wohnte in Haran, und von da übersiedelte er ihn, nachdem sein Vater gestorben war, in dieses Land, in welchem ihr jetzt wohnt.” Dieser kurze Bericht ist für unser persönliches Glaubensleben und als Programm Gottes für die Art, wie er seine Verheißungen erfüllt, von tiefer Bedeutung.
Zunächst wollen wir darauf achten, dass dem Abraham kein Wüstendämon oder Halbgott (Demiurg) erschien, wie uns der Unglaube und Irrglaube vorzureden versuchen, sondern niemand anders als “der Gott der Herrlichkeit”. Unter einem “Demiurg” (was eigentlich Handwerker bedeutet) verstand man ein Wesen, das wohl die sichtbare, unvollkommene Welt geschaffen hat, aber nicht der wahre Gott ist, der nur Reines, Geistiges und Gutes ins Dasein ruft. Was hat sich doch Jehova oder Jahwe von gottlosen Spöttern und frommen Philosophen schon alles gefallenlassen müssen! Wie wurde er auf grobe oder feine Art gelästert! Der Titel “Gott der Herrlichkeit” ist für den Glauben ein Ende allen Widerspruchs. Der Ausdruck “theos tas doxas” kann weder geleugnet noch umgebogen werden. Halten wir also fest, dass der wahre, lebendige Gott, der Herr selbst, dem Abraham erschien!
Abraham wohnte in Ur in Chaldäa. Ausgrabungen haben erwiesen, dass Ur eine großartige Stadt voller Luxus und Wohlleben war. Ur bedeutet soviel wie “Feuer” oder “Flamme”, und Chaldäa heißt “Teufel” oder “Verwüster”. Wir verstehen durchaus, dass Abraham als Erwählter Gottes dort nicht bleiben sollte noch konnte, und denken an solche neutestamentliche Schriftworte wie Apg. 26, 18; Kol. 1, 13 u. a. m.
Abraham kam nur — bis Haran. Dieser Ortsname hat verschiedene Bedeutungen. Er heißt soviel wie “der Hitzige” oder “der Zornige”, aber auch “Traurigkeit”, “Schmerz” oder “Klage”. Kennzeichnen diese Ausdrücke nicht so recht das Wesen des natürlichen Menschen? Man kann einen Auszug aus Ur erlebt haben und doch in Chaldäa stecken geblieben sein! Verstehst du jetzt so manche Niederlage und Hemmung deines Lebens?
Abraham blieb in Haran, bis sein Vater starb. Dieser hieß Tarah oder Terach. Auch dieser Name hat verschiedene kennzeichnende Bedeutungen. Das hebräische Wort heißt sowohl “der Riechende” oder “der Stinkende” als auch “Aufschub” oder “Verweilen”. Tarah ist ein Abbild des alten Menschen, der kein Wohlgeruch Christi sondern ein Gestank vor Gott ist. Und solange er noch lebt, erleidet das gehorsame Eingehen auf Gottes Berufung einen schlimmen Aufschub und verführt er zum Verweilen in Haran, in Zorn und Trauer, in fleischlicher Erregung und sentimentaler Klage. Fürwahr, unser Herz ist ein trotziges und verzagtes Ding (Jer. 17, 9)! —
Als Tarah gestorben war, zog Abraham nicht etwa weiter, nein, Gott selbst musste ihn übersiedeln (Apg. 7, 4)! Für Abraham bleibt weder Leistung noch Ruhm. — Geht es uns nicht ebenso? Solange wir, und sei es mit dem besten Willen und größten Eifer, unser Leben selber gestalten, bleiben wir immer irgendwo hängen und erleiden Aufschub und Verweilen. Erst wenn der alte Mensch, der mit fromm maskierten Methoden sich durch List und Lüge, Betrug und Bettelei an Geld und Gut, Macht und Ehre zu bereichern versteht, wirklich und tatsächlich in den Tod gegeben ist, schenkt Gott ein Neues, führt er uns in einen neuen Auf- und Durchbruch. Siehe, Gott tut alles zwei- oder dreimal! Wenn er es nur einmal täte, nur auf unsern Gehorsam und unsre frommen Leistungen angewiesen wäre, kämen wir nie zum Ziel der Vollendung. Wie wunderbar ist doch dieses Gesetz vom Zweiten oder Dritten! —
Galater 4, 21-31 belehrt uns: “Saget mir, die ihr unter Gesetz sein wollt, höret ihr das Gesetz nicht? Denn es steht geschrieben, dass Abraham zwei Söhne hatte, einen von der Magd und einen von der Freien; aber der von der Magd war nach dem Fleische geboren, der aber von der Freien durch die Verheißung, was einen bildlichen Sinn hat; denn diese sind zwei Bündnisse: eines vom Berge Sinai, das zur Knechtschaft gebiert, welches Hagar ist … Ihr aber, Brüder, seid gleichwie Isaak Kinder der Verheißung. Aber so, wie damals der nach dem Fleische Geborene den nach dem Geiste Geborenen verfolgte, also auch jetzt. Aber was sagt die Schrift? Stoße hinaus die Magd und ihren Sohn, denn der Sohn der Magd soll nicht erben mit dem Sohn der Freien! Also, Brüder, sind wir nicht Kinder einer Magd, sondern der Freien.” — Wie kühn und gewaltig deutet Paulus unter der Zucht und Leitung des Heiligen Geistes die Schrift! Er schreibt von einem “bildlichen Sinn” und behauptet, Hagar sei der Berg Sinai. Diesen Berg vergleicht er mit dem Jerusalem, wie es zu seiner Zeit war: unfruchtbar und versklavt. Von uns, der Gemeinde des Leibes Christi, dagegen bezeugt er, wir seien gleichwie Isaak (oder Isaak gemäß) Kinder der Verheißung. Sollten wir nicht auch in dieser Art der Schriftbetrachtung seine Nachfolger oder Nachahmer sein, wozu er uns doch verschiedene Male auffordert?
Ismael und Isaak schatten nach dem Galaterbrief große Grundsätze Gottes ab. Ismael ist der Fleischgeborene, der die Knechtschaft darstellt, Isaak dagegen der Geistgeborene der auf der Verheißungslinie der Sohnschaft läuft. Nicht der erstgeborene Ismael, sondern der jüngere letztgeborene Isaak war der Verheißungsträger, aus dem der Christus kommen sollte.
Dabei finden wir, dass der Fleischgezeugte den Geistgezeugten verfolgte. Diese Tatsache wird als göttliche auch heute gültige Grundlinie bezeichnet. Was wir an Ismael — Isaak sehen, wiederholt sich in allen Kreisen der Frommen. Paulus bezieht es auf die Gesetzeslehrer, die den Galatern eine schwer zu tragende Last aufzuerlegen versuchten, und wir dürfen es auf uns persönlich und auf die Kirchengeschichte der Vergangenheit und Gegenwart deuten. Erst wenn wir solche Zusammenhänge zu sehen beginnen, wird uns die Schrift wirklich zum Wort Gottes in seinem geschichtlichen und erbaulichen, prophetischen und symbolischen Sinn.
Ismael war ohne Zweifel gesegnet. Er war sozusagen Mischling in geistlichem Sinn: sein Vater tat etwas sehr Frommes und Gutes, aber er tat es gegen Gottes Anweisung, tat es in eigner Kraft! Anstatt mit der Verheißung Gottes zu rechnen, hörte er auf den klugen Vorschlag seiner Frau und ließ sich von ihr bestimmen. Die Frucht seines Nicht-warten-Könnens war Ismael, d. h. “ein Wildesel von Mensch” (1. Mose 16, 12).
Am klarsten ersehen wir Gottes Gedanken bezüglich Ismaels und Isaaks aus den wenigen Worten von 1. Mose 17, 20.21, wo wir lesen: “Um Ismael habe Ich dich erhört. Siehe, Ich habe ihn gesegnet und werde ihn fruchtbar machen und ihn sehr, sehr mehren; zwölf Fürsten wird er zeugen und Ich werde ihn zu einer großen Nation machen. Aber meinen Bund werde Ich mit Isaak errichten.”
Auf Grund dieses Verheißungswortes verstehen wir auch, dass Abraham an dem Tag, da Isaak entwöhnt wurde, ein großes Freudenmahl veranstaltet (1. Mose 21, 8). Die Entwöhnung, die häufig erst im 3. Lebensjahr stattfand, besagte, dass das Kind kein Säugling mehr war. Vielleicht begreifen wir jetzt besser, was solche Worte wie Jes. 28, 9; 1. Sam. 1, 22; Ps. 131, 2; Hebr. 5, 12-14 und 1. Kor. 3, 1-3 in ihrem tieferen Sinn zu bedeuten haben.
Die große Masse der sich um einen kleinen, echten Gemeindekern lagernden “Christenheit” läuft immer auf der Ismaelslinie und verfolgt bewusst oder unbewusst den geistgezeugten Verheißungsträger. Man lese nur einmal den Verlauf von Kirchenkonzilien und Ketzergerichten nach, um schauerliche und erschütternde Beweise dafür zu bekommen.
Der fleischgeborene Ismael, der ein religiöses Mischmasch darstellt, kann gar nicht anders, als den Geistgeborenen zu verfolgen. Ismael repräsentiert die große Zahl und, da zwölf Fürsten aus seinen Lenden kamen, den Grundsatz imponierender Macht. Isaak dagegen war lange Zeit unfruchtbar, hatte keinerlei Nachkommen und wohnte an “dem Brunnen des Lebendigen, der mich sieht” oder “des Lebendigen, der sich schauen läßt” (1. Mose 25, 11).
Einsam, aber in lebendiger Liebesverbindung und Lebensgemeinschaft mit Gott, — das ist die Stellung des wahren Glaubens. Die wirkliche Gemeinde Christi, die Isaakslinie, will nicht imponieren und blenden mit dem Zauber der Zahl und mit raschen in die Augen fallenden Erfolgen, wie das Geschlecht Ismaels. Im Gegenteil! Verachtet, verkannt, einsam und scheinbar einflusslos geht sie ihren Weg. Aber sie ist Träger höchster und herrlichster Verheillungen! Sie gönnt Ismael seinen äußeren Segen. Denn sie besitzt weit Größeres! Darum muss sie ob ihres Zeugnisses auch gehasst werden (1. Joh. 3, 13; Joh. 15, 18; 17, 14).
Aber dieses Gehasstwerden um Christi willen bedeutet eine tiefe, der Welt unbekannte Glückseligkeit (Luk. 6, 22.23). Das gilt sowohl für die Königreichsgemeinde aus Israel als auch für die Gemeinde des Leibes Christi. Der wirklich Gläubige ist kein Verbesserer dieses Äons, kein Umstürzler und Revolutionär (Spr. 24, 21: “Mit Aufrührern lässt sie sich nicht ein!”), sondern ein Beter für die Obrigkeit, nicht damit er einen hohen Posten bekommt, sondern damit er ein stilles, ruhiges Leben zur Ehre seines Herrn führen kann (1. Tim. 2, 1.2). Doch werden die wahren Söhne Gottes immer mehr oder weniger als Fremdkörper empfunden, genau wie ihr Herr und Haupt, gelten als Gotteslästerer und Ketzer, als Sonderlinge und Staatsfeinde, die nicht in diese Welt passen und denen man am besten kurzen Prozeß macht.
Nicht Isaak war der Verfolger, sondern Ismael. Der Fleischesmensch hasst und schmäht, bedroht und verfolgt immer den Geistesmenschen, weil er sich in seinem gesicherten irdischen Sein bewusst oder unbewusst bedroht fühlt. Geistesmenschen sind immer in der Minderzahl, sind allezeit die Schwachen und Geringen, die, ohnmächtig gleich Schlachtschafen, ständig dem Tode preisgegeben werden. So war es immer, so ist es und so wird es bleiben, bis der Herr kommt.
Auf welcher Linie laufen du und ich? Sind wir gleich Ismael Spötter und Verfolger oder dürfen wir als Verfolgte und Geschmähte auf der Seite des geistgeborenen Isaak stehen? Die erste Frucht Abrahams, des Vaters des Glaubens, war Ismael; die zweite hingegen Isaak. Gott sei Dank, dass er alles zwei- oder dreimal tut!
“Als Rebekka schwanger war von Isaak, unserem Vater, als die Kinder noch nicht geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten (auf dass der Vorsatz Gottes auf Auswahl bestände, nicht aus Werken, sondern aus dem Berufenden) wurde zu ihr gesagt: Der Größere wird dem Kleineren dienen; wie geschrieben steht: Den Jakob habe Ich geliebt, aber den Esau habe Ich gehasst (verschmäht, nicht gewollt oder, wie man etwas freier aber doch sinngemäß im Geiste der Schrift übersetzen kann, der Esau kommt fur die Durchführung meiner Pläne nicht in Betracht)” (Römer 9, 10-13). Auch hier finden wir, dass nach Gottes unerforschlichem Plan und Vorsatz nicht der Ältere den Vorrang hat, wie es nach menschlichem Empfinden richtig gewesen wäre, sondern der Jüngere. Die Schrift bezeugt ausdrücklich, dass keineswegs ein moralischer Vorzug der Grund war, dass Jakob die erste Stelle einnahm, sondern allein Gottes Wille und Wohlgefallen.
Die Geschichten um Jakob und Esau geben uns ein anschauliches und erschütterndes Bild von den Familienverhältnissen in ihrem Elternhaus. Essgier und ungelöstes seelisches Wesen, List und Betrug führen zu Spannungen und Zerwürfnissen. So offen und rücksichtslos kann nur das Buch der Wahrheit berichten; so wunderbar und herrlich kann nur Gottes Wort darstellen. Denn trotz, ja, gerade wegen des Versagens aller Beteiligten, kommt der Herr zu seinem Zweck und Ziel!
Mögen die niederen Regungen und Triebe der menschlichen Seele noch so verwerflich sein und scheinbar alles verderben, — Gott erreicht dennoch all das, was er Sich in seiner Weisheit und Liebe vorgenommen hat. Und dabei kann Ihn die Unlauterkeit und Bosheit seiner Geschöpfe nicht nur nicht hindern, sondern muss Ihm ohne deren Wissen und Wollen sogar noch behilflich sein.
Wenn wir das doch immer in jeder persönlichen Spannung und Not glaubend fassen und anbetend festhalten könnten! Wie glückselig und gelöst dürften wir dann unsren Weg wandeln!
Betrachten wir doch einmal der Reihe nach den Charakter und die Sünden aller Beteiligten an den Familientragödien im Hause Isaaks! Alle fehlen, alle handeln auf die eine oder andere Weise durchaus nichtgöttlich und verwerflich. Und dennoch helfen alle mit, dass zuletzt Gottes wunderbarer geheimer Wille geschieht und der Herr allein verherrlicht wird. Alle haben gesündigt, alle werden gedemütigt, aber Gott behält Recht, erreicht sein Ziel und ist gerechtfertigt in allen seinen Wegen! — Auch in diesem Zusammenhang sehen wir, dass nicht das Erste, das Natürliche, sondern das Zweite, das von Gott zutiefst Gewollte und durch den Widerstand und die Torheiten aller Beteiligten Gewirkte, das Richtige ist. Wie gut, dass Gott alles zwei- oder dreimal tut und durch scheinbare Niederlagen und Bankrotte genau das erreicht, was er sich schon seit Ewigkeiten vorgenommen hat.
Joseph ist einer der reinsten und schönsten Christustypen der Schrift. Das lässt sich an vielen Parallelen nachweisen. Denken wir etwa nur an die verschiedenen Kleider, die er trug, die in wunderbarer Weise die verschiedenen Leibeshüllen und Ämter Christi vorschatten, oder sinnen wir darüber nach, dass Joseph wie Jesus von seinen Brüdern verworfen und verkauft wurde, ins Gefängnis kam, zu zwei Verbrechern Beziehungen hatte, von denen der eine errettet wurde und der andre verloren ging, dass er aus dem Kerker hoch erhöht wurde, zum Brot des Lebens oder Retter der Welt ward, usw.
Als er erhöht war, erkannten ihn seine Brüder nicht. So erkannte auch Israel seinen Bruder und König nicht, als dieser von Gott in die Herrlichkeit erhoben war. Das beweist die verhältnismäßig geringe Frucht der Pfingstpredigt des Petrus. Denn diese galt doch nicht nur einer Auswahl, wie das heute bei der Sammlung des Leibes Christi der Fall ist, sondern ausdrücklich dem “ganzen Haus Israel” (Apg. 2, 36)! Auch die Steinigung des Stephanus und die Tätigkeit des Saulus bewiesen, dass Israel in seiner Gesamtheit den Herrn nicht erkannte.
Ist damit das Volk irdischer Wahl für immer verworfen? Das sei ferne! So gewiss, wie die Brüder des Joseph ihren erhöhten Bruder, an dem sie sich so schwer versündigt hatten, “beim zweiten Male” erkannten (Apg. 7, 13a), so gewiss wird sich erfüllen, was wir hinsichtlich Jesu und Israels in Off. 1, 7 — und an vielen andern Stellen in ähnlichen Zusammenhängen — lesen: “Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird Ihn sehen, auch die Ihn durchstochen haben, und wehklagen werden seinetwegen alle Stämme des Landes. Ja, Amen.”
Joseph wurde “beim zweiten Male” nicht nur von seinen Brüdern wieder erkannt — das schattet die Errettung von ganz Israel ab! —, auch dem Pharao von Ägypten und seinem Geschlecht (griech.: genos = Abstammung, Ursprung oder Art) wurde er bekannt (Apg. 7, 13b). Dieser Hinweis hat dem, der die köstlichen Zusagen der Schrift nicht nur sachlich-geschichtlich und ichbezogen-erbaulich zu lesen versteht — und das ist fast ausschließlich in den Kreisen der Gläubigen der Fall! —‚ sondern dem Gott etwas von der prophetischen und symbolischen Schau seines wunderbaren Lebenswortes geschenkt hat, viel zu sagen. Denn Pharao von Ägypten heißt auf deutsch: “Herrscher”, “Fürst” oder “König der Drangsalsstätte” bzw. “derer, die eingeschlossen sind”. Pharao ist also ein Typ auf die Machthaber der Finsternisse und Gerichtstiefen.
Wenn Joseph-Jesus von seinen Brüdern wiedererkannt sein wird, also ganz Israel errettet ist, wird er auch den Fürsten und Gewalten der Bosheit bekannt. Wie viele Gerichtsäonen das dauert, wissen wir nicht. Aber dass der Name des Herrn bekannt wird und auch die Abtrünnigen, die wider Ihn entbrannt waren, sich dereinst zu Ihm wenden werden und in Ihm Gerechtigkeit und Stärke finden, das sagt die Schrift in vielen Zusammenhängen (Ps. 18, 18; Jes. 45, 22-24; Röm; 11, 32 u. a. m.).
Was Gott tut, das tut er zwei- oder dreimal. Und zwar nicht nur an den irdischen Vorbildern, sondern auch wirklich und wesenhaft in der ganzen Schöpfung durch seinen herrlichen Christus, dessen Glieder wir sein dürfen. Wie überschwenglich groß und reich sind doch seine Rettungsgedanken und Vollendungsabsichten! Was er beschworen hat, kann und wird Er, allem gottlosen und frommen Widerspruch zum Trotz, auch tun “in den Himmeln und auf der Erde, in den Meeren und in allen Tiefen” (Ps. 135, 6). Anbetung sei dem, der unendlich Größeres und Herrlicheres tun wird, als wir jetzt in unsrer Blindheit und Engherzigkeit zu fassen vermögen!
In 1. Mose 48, 8-20 steht geschrieben: “Israel sah die Söhne Josephs und sprach: Wer sind diese? Und Joseph sprach zu seinem Vater: Das sind meine Söhne, die Gott mir gegeben hat. Da sprach er: Bringe sie doch zu mir her, dass ich sie segne! Die Augen Israels aber waren schwer vor Alter, er konnte nicht sehen. Und er führte sie näher zu ihm, und er küsste sie und umarmte sie. Und Israel streckte seine Rechte aus und legte sie auf das Haupt Ephraims — er war aber der Jüngere — und seine Linke auf das Haupt Manasses; er legte seine Hände gekreuzt (oder: absichtlich oder wissend!), denn Manasse war der Erstgeborene … Und Joseph sprach zu seinem Vater: Nicht also, mein Vater, denn dieser ist der Erstgeborene; lege deine Hände auf sein Haupt! Aber sein Vater weigerte sich und sprach: Ich weiß es, mein Sohn, ich weiß es; auch er wird zu einem großen Volke werden, und auch er wird groß sein; aber doch wird sein jüngerer Bruder größer sein als er, und sein Same wird eine Fülle von Nationen werden. Und er segnete sie an jenem Tage und sprach: In dir wird Israel segnen und sprechen: Gott mache dich wie Ephraim und Manasse! — Und er setzte Ephraim vor Manasse.”
Die beiden Söhne, die dem Joseph in Ägypten geboren wurden, waren Manasse und Ephraim. Es ist von tiefer Bedeutung, was uns ein Blick in ihre Ahnenreihe enthüllt. Die väterlichen Vorfahren Abraham, Isaak und Joseph sind ja bekannt. Ihre Mutter war Asnath (1. Mose 46, 20). Sie war die Tochter Potipheras, des Priesters zu On oder An. Alle diese Personen und Ortsnamen haben, wie sämtliche Namen der heiligen Schriften, eine tiefe Bedeutung. Asnath heißt auf Deutsch “das Verderben”, “die der ägyptischen Göttin Gehörende” oder “das Todeszeichen”. Sie war dem Joseph vom Pharao zum Weib gegeben worden (1. Mose 41, 45). Der Name ihres Vaters, Potiphera, bedeutet soviel wie “fetter Schmerbauch”, und On, der Ort, aus dem er stammte, heißt “böser Reichtum”!
Dass Gottes Wort all das aufschreiben und uns überliefern ließ, ist weder Zufall noch Nebensache. Wir werden verstehen, was das uns sagen will, wenn wir uns die Beziehung Josephs zu Asnath vergegenwärtigen. Joseph bedeutet sowohl “Hinwegnahme” als auch “Zusammenfassung” und “Vermehrung”. Wir werden sehen, dass sich diese beiden wichtigen Grundbegriffe, die gewissermaßen die Säulen unsres geistigen und geistlichen Lebens bilden, auch in den Namen seiner beiden in Ägypten geborenen Söhne wiederfinden. Das alles ist für den Glauben, der Christus überall und in allem sieht, von tiefer und köstlicher Bedeutung.
Dieser Joseph, der ein Nasiräer, ein Abgesonderter und Gekrönter, war (1. Mose 49, 26), gesegnet mit Segnungen des Himmels und Segnungen der Tiefe (Vers 25), war der Sohn eines Fruchtbaums am Quell (Vers 22a), und seine Schösslinge trieben über die Mauer (Vers 22b). Wenn wir von dem Reichtum der Symbolsprache der biblischen Bücher nur ein wenig verstehen, so erschließt sich uns in diesen scheinbar nichtssagenden Worten solch ein Reichtum und eine Schönheit der Christusschau, dass unser Herz davon tief beseligt wird.
Joseph ist Vorbild auf Christus. Das sind ja letztlich, sei es auf dem Boden der Gleichheit oder des Gegensatzes, alle biblischen Personen und Namen. Aber bei Joseph tritt das so klar zutage, dass es ein Kind zu sehen vermag.
Diesem Joseph wird nun Asnath zum Weibe gegeben. Frauen versinnbildlichen in der Schrift die Zuneigung und das Liebesinteresse des Mannes. Den Charakter und das tiefste Herzensverlangen eines Mannes erkennt man an dem Weibe seiner Wahl. So wie Joseph die Asnath (auf deutsch: “das Verderben”!) als Frau hatte, so richtet sich das Lustverlangen des Christus auf die verdorbene und verlorene Welt, um sie an sein Herz zu ziehen und sie seiner ganzen Liebe und Hingabe teilhaftig werden zu lassen. Wie köstlich und beseligend ist das doch!
Asnaths Vater Potiphera war, wie wir schon andeuteten, Priester von On oder An (auf deutsch: “Nichtigkeit”!), der Priesterstadt in Unterägypten, nördlich von Memphis am Ostufer des Nils. Dort wurde der Sonnengott verehrt. Dieser Götzendienst war Gott ein Gräuel. Darum droht er den Götzendienern auch immer wieder mit Gericht und Untergang. Diesem Milieu entstammte nun Asnath. Und gerade sie wurde zum Mutterschoß heiliger Männer Gottes. So lässt Gott aus der Finsternis Licht kommen, wandelt Fluch in Segen und wirkt Leben aus dem Tode. Welch ein wunderbarer Gott der Allmacht und der Liebe! Die beiden Söhne, die in Ägypten der Verbindung von Joseph und Asnath entsprangen, waren Ephraim und Manasse, oder in der Reihenfolge ihrer Geburt: Manasse und Ephraim. Mit “wissenden Händen” legt der Erzvater Israel gegen den ausdrücklichen Einwand seines Sohnes Joseph die Rechte auf das Haupt des Jüngeren und die Linke auf den Kopf des Älteren. Nur wer ein wenig weiß von der tiefen Bedeutung der Handauflegung, die auch in der Gemeinde des Leibes des Christus durchaus nicht geschwunden und abgetan ist, sondern ihre göttliche Kraft und Segensvermittlung immer noch hat, versteht, was das bedeutet. Manasse war der Ältere, der Erstgeborene. Sein Name heißt auf deutsch: “der vergisst” oder “der ins Vergessen führt”. Ephraim dagegen bedeutet “Fruchthaufen” oder “doppelte Fruchtbarkeit”. Nur dem Unglauben ist dies ein unwichtiges, belangloses Ereignis. Dem Glauben hingegen enthüllen sich hier wie überall herrliche Wahrheiten. Es ist zunächst ganz in der göttlichen Ordnung, dass der Erstgeborene der Größere ist und den umfassenderen Segen erhält. Darum ist der Hinweis Josephs an seinen fast blinden Vater völlig richtig am Platz. Jakob-Israel hätte seinem Lieblingssohn die Bitte gewiss nicht abgeschlagen, wenn er nicht “mit wissenden Händen”, d. h. im Auftrag Gottes gehandelt hätte. Auch Manasse soll zu einem großen Volk werden; aber nicht der Erste, sondern der Zweite soll der Größere sein und zu einer Fülle von Nationen werden.
Das ist eine feine, überraschende Parallele zu den Namen des Vaters des Glaubens. Abram bedeutet “Vater der Höhe”. So war Gott schon vor der Schöpfung von Himmel und Erde der große, hohe, in sich selbst selige Gott. Aber er wollte nicht allein bleiben in seiner Herrlichkeit, sondern wollte viele Söhne zur Herrlichkeit führen! Darum rief er Welten und Wesen ins Dasein. Denn er begehrte, sich selbst, sein ureignes Gotteswesen und seine Vaterschaft auszugießen in viele, ja, in alle. Darum nannte Gott im prophetischen Vorbild den Abram später Abraham = Vater der Menge. Der Abram, der große, hohe Vater, wird zum Abraham, zum Vater der Menge oder der Fülle! Verstehen wir jetzt, warum nach 1. Mose 48, 19 Josephs Vater den ersten der Söhne zu einem großen Volk werden lassen wollte, den Jüngeren, den Zweiten hingegen zu “einer Fülle von Nationen” zu machen beabsichtigte?
Doch hat diese Begebenheit auch eine überaus köstliche persönlich-erbaulich Bedeutung. Manasse heißt, wie wir sahen, “der Vergessen macht”. Das ist das erste, was wir lernen und fassen dürfen: weil Gott unsere Schuld in Christo beseitigt und vergessen hat, sie in die Tiefen des Meeres versenkte, um ihrer nie mehr zu gedenken, darum können, dürfen und sollen auch wir sie vergessen! “Ich vergesse, was dahinten ist!” ruft Paulus in Phil. 3, 14 aus.
Aber das ist nur eine, nur die negative Seite. Dem Manasse ist der Ephraim übergeordnet: erst da, wo Erledigung und Beseitigung der Schuld wirklich vorhanden ist, wird ein Leben für Gott fruchtbar, und zwar doppelt fruchtbar, wie wir das in Israels Geschichte in so mancherlei wunderbare Hinweisen finden. So steht auch unser Leben unter dem göttlichen Doppelsegen des Vergessenkönnens und der zwiefachen Fruchtbarkeit: der erste Sohn ist Manasse, der zweite aber, der Träger des Größeren, Wesenhaften, ist Ephraim. Der Herr lasse uns alle diese Dinge durch den Glauben begreifen und zu seiner Ehre immer beseligender erfahren!
In seiner großen Verteidigungsrede vor dem Synedrium führte Stefanus bezüglich Mose aus “Er wurde unterwiesen in aller Weisheit der Ägypter und war mächtig in seinen Worten und Werken. Als er aber ein Alter von 40 Jahren erreicht hatte, kam es in seinem Herzen auf, nach seinen Brüdern, den Söhnen Israels, zu sehen. Und als er einen Unrecht leiden sah, verteidigte er ihn und rächte den Unterdrückten, indem er den Ägypter erschlug. Er meinte aber, seine Brüder würden verstehen, dass Gott durch seine Hand ihnen Rettung gebe; aber sie verstanden es nicht. Und am folgenden Tag zeigte er sich ihnen, als sie stritten, und trieb sie zum Frieden, indem er sagte: Ihr seid Brüder, warum tut ihr einander unrecht? Der aber dem Nächsten unrecht tat, stieß ihn weg und sprach: Wer hat dich zum Obersten und Richter über uns gesetzt? Willst du mich etwa umbringen, wie du gestern den Ägypter umgebracht hast? — Moses aber entfloh bei diesem Worte und wurde Fremdling im Lande Midian, wo er zwei Söhne zeugte. Und als 40 Jahre verflossen waren, erschien ihm in der Wüste des Berges Sinai ein Engel in der Feuerflamme eines Dornbusches … Diesen Mose hat Gott zum Obersten und Retter gesandt mit der Hand des Engels, der ihm in dem Dornbusch erschien” (Apg. 7, 22-30.35).
Mose Affekthandlung, sein leidenschaftlicher Versuch, aus eigner Kraft eine Änderung und Besserung der Verhältnisse herbeizuführen, stand unter dem “Gesetz des Ersten”, war eine fleischlich-seelische Handlung, die Gottes Art und Wesen nicht entsprach. Mose “meinte, dass Gott durch seine Hand Rettung gebe” (Vers 25a). Darum “trieb er zum Frieden” (Vers 26). Er wollte wirklich ein Oberster und “Richter” sein (Vers 27 und 35). Aber richten ist nicht das Letzte und Eigentliche! Gerichte sind nur Wege, nie Ziele! Darum lesen wir in 5. Mose 32, 4: “Alle seine (d. i. Gottes) Wege sind Gericht” (so wörtlich). Seine Ziele hingegen sind Rettung und Herrlichkeit. Davon zeugen sonderlich die paulinischen Briefe in wunderbaren und gewaltigen Zusammenhängen.
Diesen Mose nun, den man für einen Obersten und “Richter” hielt, hatte Gott in Wahrheit zu einem Obersten und “Retter” (griech.: lytrootees = Löser, Befreier) verordnet und bestimmt. Aber es sollte nicht weniger als 40 Jahre dauern, bis er dazu bereitet und befähigt war; der gleiche Mann, der in aufwallendem Zorn aus eigner Kraft durch Mord und Totschlag sein Volk retten wollte, wagte später kaum, den Rettungsauftrag Gottes anzunehmen.
So erzieht der Herr seine Werkzeuge. Das Naturhafte, Seelische muss geoffenbart und abgetan werden, damit das Zweite, das Geistliche, Wesenhafte in Erscheinung und Wirksamkeit treten kann. Um später mit dem widerspenstigen Volk Israel umgehen und es im Geist der Sanftmut leiten zu können (4. Mose 12, 3), war es nötig, dass dieser temperamentvolle, leidenschaftliche Mann 40 Jahre (40 ist die Zahl der Erprobung und Bewährung) in der Wüste mit Schafen umging und Geduld lernte. Ist es in unserem Leben anders? Müssen nicht auch viele an uns und wir an vielen andern zerbrechen und Geduld lernen?
Alles Erste ist aus dem Fleisch, aus der Seele, aus dem Ich. Erst Zerbrochene und Gedemütigte wachsen und wesen in der Sphäre des Geistes. Darum tut Gott alles zwei- oder dreimal. Wohl uns, dass er uns nicht wegwirft, sondern so unsagbar viel Geduld mit uns hat! Und wenn wir uns selber aufgeben und uns für irreparabel für unverbesserlich halten, so tut das doch Gott nicht, sondern hat Geduld und wirkt ein Zweites und Drittes. So kommt er zuletzt doch zu seinem Ziele!
Das sehen wir auch an Mose, obgleich der Herr mit ihm bis zu dieser Stunde noch nicht zum Ziele gekommen zu sein scheint. Denn Mose durfte das heilige Land nicht betreten, da er bei einem Temperamentsausbruch den Felsen, den er beim zweiten Male ansprechen, aber nicht schlagen sollte, dennoch schlug.
Und doch sahen wir Mose schon im Lande der Verheißung, obgleich sein Leichnam verschwunden ist und auf den Einspruch des Erzengels Michael von Satan nicht beschlagnahmt werden durfte (Judas 9). Denn auf dem Berg der Verklärung erschien er, der Repräsentant des Gesetzes, obgleich er, tiefer geschaut, ein Prophet war (5. Mose 18, 18), mit Elias, dem Hauptvertreter der Prophetie, dem Herrn und seinen drei auserwählten Jüngern. Mose war also doch in das verheißene Land gekommen. Aber nicht beim ersten Male! Umwege durch Gericht und Tod waren notwendig. Was aber, menschlich-töricht gesprochen, unserm Gott beim ersten Mal nicht gelingt, das vollbringt er beim zweiten- oder dritten Mal. Glückselig, wer das für sich und andre glauben und fassen darf!
“Dies sind die Namen der Söhne Aarons: der Erstgeborene Nadab, und Abihu, Eleasar und Ithamar. Das sind die Namen der Söhne Aarons, der gesalbten Priester, die geweiht worden waren, um den Priesterdienst auszuüben. Und Nadab und Abihu starben vor dem Herrn, als sie in der Wüste Sinai fremdes Feuer vor dem Herrn darbrachten; und sie hatten keine Söhne. Und Eleasar und Ithimar übten den Priesterdienst vor ihrem Vater Aaron aus” (4. Mose 3, 2-4).
Die Namen, die Aaron seinen vier Söhnen gab, sind von tiefer, schöner Bedeutung. Nadab heißt soviel wie “freiwilliger Fürst”. Welch ein Adel liegt in dieser Benennung! Wer dächte da nicht, zumal es sich ja hier um den Erstgeborenen, also den zukünftigen Hohenpriester handelt, an 1. Tim. 3, 1: “Das Wort ist gewiss: Wenn jemand nach einem Aufseherdienst trachtet, so begehrt er ein schönes Werk.” Wenn uns reine und selbstlose Beweggründe leiten, so dürfen wir sehr wohl nach einem Dienst, nach einer Gnadengabe trachten. Das ist durchaus nicht verwerflich. Leider blieb Nadab nicht in der Stellung eines freiwilligen Fürsten. Er wurde ungehorsam und musste darum, wie sein Bruder Abihu, vor dem Herrn sterben.
Abihu heißt: “mein Vater” oder “er bleibt, wie er ist”. Welch ein schönes Zeugnis für die Beständigkeit Gottes inmitten einer unbeständigen Welt des Wechsels und der Lüge! Leider blieb auch Abihu nicht im totalen Gehorsam. Ist er nicht ein warnendes Vorbild für uns? Sind wir in all dem geblieben, was wir gelernt (erfahren, erhalten oder eingesehen) haben (2. Tim. 3, 14)? Wie viele Untreuen und Abweichungen, und sei es auch nur in kleinen und kleinsten Dingen, gibt es doch im Leben aller Gläubigen, auch in deinem und meinem!
Eleasar heißt auf deutsch: “Gottes Hilfe”, und Ithamar bedeutet “Palmenland”. Die Palme ist in der Schrift ein oft gebrauchtes Bild des Friedens. Mit Gottes Hilfe kommen wir zum Frieden. Ist das nicht ein köstliches Zeugnis, das Aaron durch die Namengebung seiner Söhne ablegt? Und doch musste er eine solche Enttäuschung erleben, die die Salbung und Weihe der beiden Ältesten zunichte machte!
Wie ernst nimmt es doch Gott mit denen, die Ihm geheiligt sind und Ihm zu dienen begehren! Lesen wir nur einmal in schonungsloser Selbstprüfung 3. Mose 21, 16-21 und fragen wir uns, ob auch an uns geistlicherweise solche Gebrechen sind.
Die ersten Priester nach Aaron erwiesen sich als unfähig, ihre heilige, verantwortungsvolle Aufgabe zu erfüllen. Wenn in unserm Busen ein andres Feuer brennt als die göttliche Glut selbstloser Liebe, so tragen wir fremdes Feuer auf den Altar, den wir zu bedienen begehren. Nur die Feuergluten der Liebe sind eine Flamme des Herrn (Hohelied 8, 6), die nie ausgelöscht werden kann. Wem aber diese selbstlose, opferbereite Liebe fehlt, dem nützen weder die Gabe der Prophezeiung und der Einblick in die Geheimnisse Gottes noch Vollerkenntnis und aller Glaube etwas (1. Kor. 13, 1.2)! Unsere natürliche Liebenswürdigkeit und Güte (in der Schrift durch Honig versinnbildlicht, der bei heiligen Ofengebäcken nicht verwendet werden durfte!), unsere seelische Begeisterungsfähigkeit und alle daraus hervorgehenden Opfer und Anstrengungen sind fremdes Feuer! Wollte Gott heute mit den Christengemeinden in Kirchen und Gemeinschaften, Freikirchen und Bruderkreisen so verfahren, wie wir es in Apg. 5, 1-11 aufgezeichnet finden, es blieben wohl nur wenige am Leben. Wie viel Herrschsucht und Geldgier gibt es auch in christlichem Gewande! Fremdes Feuer!
Wer war der erste, der fremdes Feuer in Gottes Schöpfung trug? War es nicht der, der ein schirmender, gesalbter Cherub, ein heiliger Engelfürst war? Doch er blieb nicht “das Bild der Vollendung”, voll von Weisheit und “vollkommen an Schönheit”, und konnte darum nicht in Eden, dem Garten Gottes, bleiben. Er machte seine Weisheit samt seinem Glanze zunichte, und viele der feurigen Steine, die seine Gefährten waren, erstarrten zu kalten, toten Steinen, die kein Lebensbrot für andere mehr sind. Verstehen wir in diesem Licht von Hes. 28, 11-17a die Aufforderung Satans an den Herrn, aus Steinen Brot zu machen? Begreifen wir nun, dass der Fürst von Tyrus nicht nur “des Todes”, also nur einmal sterben muss wie der gewöhnliche Mensch (Hebr. 9, 27), sondern vielmehr “der Tode”, also öfter, wie ja dann auch Satan in Judas und Ananias und Saphira, starb (lies genau: Luk. 22, 3; Joh. 13, 27; Apg. 5, 3!)? Oder denken wir daran, dass Dämonen in Säue zu fahren begehrten, um dann nicht etwa weiterzuleben, sondern um in ihren Körpern Selbstmord zu verüben, also zu sterben (Luk. 8, 26-33).
So hatte der Schirmherr der Schöpfung, der Engelfürst Luzifer, sein Amt durch fremdes Feuer entweiht und verdorben. Darum verstehen wir die Anklage Gottes gegen den gesalbten Cherub: “in der Unrechtlichkeit deines Handelns hast du deine Heiligtümer entweiht; darum habe Ich aus deinem Innern ein Feuer ausgehen lassen, welches dich verzehrt hat” (Hes. 28, 18a). Was völlig durch Feuergerichte hindurch muss, wird zur Asche. Deshalb heißt es in der zweiten Hälfte unsres Verses: “Ich habe dich zur Asche gemacht”! Der Lichtsfürst wurde zum Finsternisfürsten der Schrecken (Vers 19b) und ist für die Ewigkeiten verloren. Nun aber haben wir einen wahren Hohenpriester, der nicht versagt, sondern gehorsam ist bis zum Tode, ja, bis zum Tode am Kreuz. Er ist im Gegensatz zu dem ersten Schirmherrn des Himmels und der Erde, welcher unbarmherzig und treulos wurde, ein barmherziger und treuer Hoherpriester (Hebr. 2, 17). Christus hat sich nicht, wie Satan, selbst verherrlicht (Hebr. 5, 5), sondern all sein Anliegen ist, den Vater zu verherrlichen. Aus diesem Grunde hat er sich völlig entleert und zunichte gemacht. Wohl uns, dass wir im Glauben in Christo den Hohenpriester der zukünftigen Wohltaten Gottes sehen, die er mit und durch uns, seinen Körper, einst der ganzen Schöpfung vermitteln wird!
So erblicken wir auch hier das ernste, doch in seiner inneren Schau so köstliche Gesetz vom Zweiten oder Dritten, das den Bankrott alles Geschaffenen und Seelischen, aber auch die völlige Zielerreichung der von Gott gezeugten erneuerten Kreatur bestätigt!
Nicht Moses, sondern Josua führte das Volk der Wahl an das verheißene Ziel. Der Mann des Gesetzes brachte Israel nur bis an die Grenze des zugesagten Landes. Josua (hebr. Jehoschua, griech. Jesus!) dagegen leitete er es wirklich hinein. Nicht der erste, sondern der zweite Führer war erfolgreich und verwirklichte die Absichten Gottes. Das ist von wesentlicher Bedeutung.
Das Gesetz verheißt uns in erster Linie Sachen und Dinge. Vergleichen wir nur einmal die ausgesprochen irdischen Segnungen für Israel, wie wir sie etwa in 5 Mose 28 aufgezeichnet finden, mit den geistlichen Segnungen für die Gemeinde des Leibes Christi, wie sie Paulus im Auftrag des Erhöhten und Verklärten in Eph. 1 darlegt! Zwei grundverschiedene Welten! Auf dem Boden des Gesetzes handelt es sich um Frucht des Leibes bei Menschen und Vieh, um gefüllte Körbe und Backtröge, um äußeren Sieg über äußere Feinde. Dementsprechend sind auch die Flüche, mit denen Israel in der 2. Hälfte von 5. Mose 28 bedroht wird. Das erste, das Gesetz, trägt ausgesprochen sachlichen Charakter und wendet sich an Völker und Menschen auf der Stufe des Kindes. Jesus hingegen, der wahre Jehoschua, führt in personenhafte Beziehung zu Gott. Er enthüllt zutiefst den Retter und nicht nur die Rettung. Rettungen, auch die köstlichsten, sind dinglicher Art; der Retter selber aber ist eine Person! Vielleicht verstehen wir in diesem Licht, weshalb Josua von Mose umbenannt wurde. Er hieß nämlich zuerst gar nicht Josua, sondern Hosea! Aber “Mose nannte Hosea, den Sohn Nuns, Josua” (4. Mose 13, 16). Wie oft haben wir schon über diese und ähnliche Stellen hinweg gelesen! Sie waren uns verschlossen und hatten uns nichts zu sagen. Und doch steckt eine tiefe Wahrheit darin! Denn Hosea heißt “Rettung” oder “Heil”; Josua dagegen bedeutet: “der Herr ist Retter” oder “der Herr ist das Heil”.
Damit wollte Mose sagen, dass die kommende Errettung nicht von Schätzen und Gaben, nicht von Werken und Leistungen, sondern allein von Gott abhänge. Unser Heil, beginnend mit der Weisheit, fortschreitend mit der Gerechtigkeit und Heiligung und sich vollendend in der Erlösung des Leibes, ist eine Person, ist der Herr selbst! Lesen wir doch nur 1. Kor. 1, 30!
Diese innere Weiterführung der Erkenntnis und Glaubenshaltung drückt Mose in dem Narnenwechsel des jungen Mannes aus, in dem er wohl schon damals seinen Nachfolger und den Vollender seines Lebenswerkes sah.
Dem Kindlein sind buntfarbige Spielsachen wichtiger als der Charakter des Besuchers, der sie ihm schenkt. Dem erwachsenen Sohn und dem Vater und der Mutter des Hauses hingegen ist der Freund der Familie, seine Liebe und sein Verstehen, seine Hilfe und Teilnahme weit wesentlicher als das Geschenk, das er vielleicht mitbringt. Diese innere Entwicklung machen wir alle hinsichtlich der Dinge durch, die den Herrn betreffen (Apg. 28, 31). So lernen wir die inbrünstige Bitte Tersteegens verstehen, wenn er singt:
“Ich fühl’s, Du bist’s, Dich muss ich haben,
Ich fühl’s, ich muss für Dich nur sein!
Nicht im Geschöpf, nicht in den Gaben,
Mein Ruhplatz ist in Dir allein!”
Das kann man sagen und bezeugen aber nicht befehlen und aufzwingen Die große Masse wird es zunächst doch nicht erfassen. Äußere Formen und Riten, gewaltige Kundgebungen und seelische Begeisterung glänzende Redner und imponierende Organisationsleiter sind ihnen weit wichtiger als das verborgene Leben mit Christo in Gott, von dem sie nur vom Hörensagen wissen. Erforschung des Wortes Gottes und wirkliche Anbetung des Vaters im Sohn kennen sie kaum. Nichts liegt uns ferner, als sie darob zu tadeln oder gar uns über sie zu erheben, wenn wir die überwältigende Glückseligkeit des Evangeliums der Herrlichkeit im Geiste geschaut und geschmeckt haben. Es ist ja nur Gnade, Gnade ohnegleichen, aus dem geschöpflichen Ersten in das gottgezeugte Zweite hineinsterben zu dürfen.
Was wäre noch alles zu sagen von Jehoschua-Jesus, der zunächst nur Diener des Mose war (wie auch der Menschensohn unter die Engel erniedrigt war), aber später Fürst wurde; wie er Jericho, “die balsamduftende Mondstadt”, die Stätte des Fluches, eroberte und Achan (zu deutsch: “Verwirrer”, “der ins Unglück bringt”) steinigen ließ; wie er dem Volke des Herrn sein Erbe austeilte und schließlich den Jordan, den Todesstrom, zum Stehen brachte!
Was sind das alles für große, wunderbare Dinge, die sich auch an dem Christus, dem Haupt und seinen Gliedern, anbruchhaft im Geiste vollzogen haben und in Fülle und Vollendung, in Wesenhaftigkeit und Herrlichkeit zum Heile der ganzen Schöpfung sich noch vollziehen werden!
Lasst uns nur das eine festhalten: Gott tut alles zunächst als Programm und Anbruch und erleidet dabei einenscheinbaren Bankrott. Aber er lässt sein Werk nicht liegen und führt aus und durch, was er bei sich selbst beschlossen und mit heiligem Eidschwur beschworen hat. Er tut alles zwei- oder dreimal und kommt “doch zum Ziele, auch durch die Nacht”!
Israels erster und zweiter König
Der Herr selbst wollte der König seines Volkes sein, und Israel sollte als heiliger Gottesstaat beweisen, dass nur da, wo Gott regiert, die Sehnsüchte aller Geschöpfe wirklich gestillt werden. Denn alle Versuche der Menschen, sich selber zu regieren, waren samt und sonders schmähliche Fehlschläge. Es gibt kein größeres Gericht, als wenn Gott die Nationen ihre eigenen Wege gehen lässt (Apg. 14, 16). Was zuletzt daraus wird, ersehen wir aus der tiefen Prophetie des Standbildes des Nebukadnezar.
An Israel wollte Gott nun zeigen, wie gesegnet es ist, wenn ein Volk direkt unter seiner Friedensherrschaft steht. Aber ein für unser Denken nicht zu entflechtendes Ineinandergreifen von menschlicher Schuld und göttlicher Vorherbestimmung führte es anders. Lesen wir darüber 1. Sam. 8, 1-9: “Es geschah, als Samuel alt geworden war da setzte er seine Söhne ein über Israel. Und der Name seines erstgeborenen Sohnes war Joel und der Name seines zweiten Abija; sie richteten zu Beerseba. Aber seine Söhne wandelten nicht in seinen Wegen, denn sie neigten sich dem Gewinne nach und nahmen Geschenke und beugten das Recht. Da versammelten sich die Ältesten von Israel und kamen zu Samuel nach Rama; und sie sprachen zu ihm: Siehe, du bist alt geworden und deine Söhne wandeln nicht in deinen Wegen. Nun setze einen König über uns ein, dass er uns richte gleich allen Nationen Und das Wort war übel in den Augen Samuels, als sie sprachen: Gib uns einen König, dass er uns richte! Und Samuel betete zu dem Herrn. Und der Herr sprach zu Samuel: Höre auf die Stimme des Volkes in allem, was sie sagen; denn nicht dich haben sie verworfen, sondern mich haben sie verworfen, dass Ich nicht König über sie sein soll. Nach allen den Taten, die sie getan von dem Tage an, da Ich sie aus Ägypten heraufgeführt habe, bis auf diesen Tag, indem sie mich verlassen und andern Göttern gedient haben, also tun sie auch dir. Und nun höre auf ihre Stimme; nur zeuge ernstlich wider sie und tue ihnen die Weise des Königs kund, der über sie herrschen wird.”
Ohne Gott zu fragen, setzte der alt gewordene Samuel seine der Dämonie des Mammons verfallenen, gottlosen Söhne ein. Ist es nicht erschütternd, wenn alt gewordene Gottesmänner sich selbst in ihren Söhnen suchen und deren Hoffart und Anmaßung einfach nicht zu sehen vermögen?
Nun hatten die Ältesten Israels einen Grund, einen König “gleich allen Nationen” zu begehren. Dieses Verlangen bedeutete eine Verwerfung der Königsherrschaft Gottes. Das bezeugt ihnen Samuel mit den Worten: “Ihr sprachet zu mir: Ein König soll über uns regieren!, da doch der Herr, euer Gott, euer König war!” (1. Sam. 12, 12), und das bestätigt auch der Herr mit dem überaus ernsten Vorwurf: “Mich haben sie verworfen, dass Ich nicht König über sie sein soll” (1. Sam. 8, 7b).
Gott gebietet dem greisen Samuel, auf die Stimme des Volkes zu hören. Aber der Warnruf seines Wortes soll nicht verstummen. Das ist eine große Gnade! Denn damit hält der Herr seinem ungehorsamen Volk jederzeit den Rückweg offen. Solange Gottes Wort noch zu unserm Gewissen redet, solange besteht immer noch Heils- und Rettungsmöglichkeit, auch dann, wenn es nur Gericht zu sein scheint. Möchten wir das doch für alle Gebiete unsres äußeren und inneren Lebens begreifen! Erst dann, wenn wir uns nicht mehr demütigen wollen, beginnt der Prozess der Verstockung. Gott gibt uns, was wir mit scheinbarem Recht begehren, und lässt uns daran und darin zugrunde gehen (vgl. Ps. 106, 13-15; Jes. 10, 15.16!).
Samuel sollte die Weise (LXX: dikaioonia = Rechtsanspruch, Forderung) des von Israel geforderten Königs “gleich allen Nationen” dem Volke kundtun. Wir brauchen bloß 1. Samuel 18, 10-22 zu lesen, um zu verstehen, was es bedeutet, wenn sich ein Auserwählter nicht mehr an Gott, sondern an der Umwelt orientiert. Er macht nicht nur den ihm zugedachten Segen zunichte, sondern verstrickt sich in die Gerichte, vor denen der Herr ihn bewahren wollte. Und darüber hinaus wird der Segensträger zum Fluch für seine Umwelt. Das gilt sowohl für Heilsträger in ihrer Gesamtheit als auch für jeden Einzelnen, also auch für dich und mich!
Das sehen wir schon an dem ersten Menschen im Paradies; das finden wir bei den Patriarchen auf ihren Irr- und Umwegen; das demonstriert in besonderer Weise Israel, das Typvolk Gottes; aber das erkennen wir auch an der sogenannten “Christenheit”, die reich und groß werden will und sich der Welt in jeder Weise anpasst. Es gibt nichts Erschütternderes, als wenn solche, die einmal mit brennendem Herzen in der Armut Christi wirklich Darsteller und Träger des Evangeliums waren, ähnlich wie die buddhistischen Priester in China und Japan (die sog. Bonzen) sich durch ihren religiösen Einfluss bereichern und im Gegensatz zu ihren armen Anhängern und Hörigen ein Wohlleben führen.
Solch ein ichsüchtiger König wurde Saul. Er war der erste, also nicht der rechte, gottgewollte König Israels. Viele Einzelzüge seines Lebens sind geschichtlich und psychologisch, aber auch prophetisch und symbolisch von so tiefer, wesenhafter Bedeutung, dass es unmöglich ist, hier auch nur andeutungsweise auf diese Zusammenhänge einzugehen.
Halten wir fest, dass Saul der falsche, David hingegen der rechte König nach dem Herzen Gottes ist. So ist Saul (auf deutsch: “der Begehrer”) ein Satanstyp, David (”der Geliebte”) hingegen ein Christustyp. Man lese unter diesem Blickwinkel einmal die Saul-David-Geschichten der Schrift nach, und man wird erstaunt sein, wie viele Zusammenhänge man findet. Aber am tiefsten wird es uns bewegen, wenn wir erkennen, dass wir von Natur aus in jeder Beziehung Sauls Charakter in uns tragen und nur soviel Davidswesen besitzen, als Gott in seiner Gnade uns schenken und durch Demütigungen, Zerbrüche und Leiden in uns ausprägen und wesenhaft machen konnte.
“Der Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, dieser, indem er der Herr des Himmels und der Erde ist, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind, noch wird er von Menschenhänden bedient, als wenn er noch etwas bedürfe, da er selbst allen Leben und Odem und alles gibt” (Apg. 17, 24.25). Und dennoch lässt Gott im Vorbild und Abbild der Stiftshütte und des Tempels das prophetisch darstellen, was und wie und wer er in seinem tiefsten Wesen ist. Sein brünstiges Herz drängt und treibt Ihn, sich wenigstens anbruchhaft und im Schattenriss seinen Geschöpfen kundzutun und mitzuteilen. Vom Herzen des Vaters aus gesehen ist darum der Tempelbau etwas Wunderbares und Großes. Ist dieser Tempel nicht zutiefst der Leib Jesu (Joh. 2, 19.21)? Ja, sind nicht wir, die Glieder des Körpers Christi, eigentlich der Tempel Gottes, worin er wohnen und wirken will (1. Kor. 3, 16; 6, 19; 2. Kor. 6, 16; Eph. 2, 21)?
Wohl war David der König nach dem Herzen Gottes, aber er war ein Kriegsmann; seine Hände waren mit Blut befleckt, und darum durfte er nicht den Tempel, das Heiligtum des Herrn, bauen.
Ganz anders Salomo! Sein Name bedeutet “großer Friede” oder “der Friedensreiche”. Er hatte den Auftrag, den Tempel des Herrn nach genauen Mustern und Maßen zu errichten. Es wäre eine überaus köstliche Aufgabe, über alle Angaben hinsichtlich des Baues, bezüglich der verschiedenen heiligen Geräte in ihrer persönlicherbaulichen und prophetisch-symbolischen Bedeutung nachzusinnen.
Wir wollen nur auf eines hinweisen, was, wie alles an diesem Hause Gottes, von tiefer, feiner Bedeutung ist: “Das Haus wurde bei seiner Erbauung aus vollständig behauenen Steinen erbaut; und Hammer und Meißel, irgend ein eisernes Werkzeug, wurde nicht am Hause gehört, als es erbaut wurde” (1. Kön. 6, 7). Um in den Gottesbau des Tempels eingefügt zu werden, bedurfte es keines eisernen Werkzeuges! Eisen und Erz sind Hinweise auf Sünde und Gericht. Aber der Leib Christi wird durch und zur (oder für) Gnade zubereitet, wie wir in Eph. 2, 5 lesen!
Gott braucht Äonen, Ewigkeiten, um den “überragenden Reichtum seiner Gnade in Güte” gegen uns zu erweisen in Christo Jesu (Eph. 2, 7). Welch eine unsagbare Freude erfüllt unser Herz, wenn wir über solche Zeugnisse nachsinnen! Wie sehnen wir uns nach den zukünftigen Äonen, den kommenden Zeitaltern, und möchten der gegenwärtigen bösen Weltzeit der Mühsal, in die wir verhaftet sind, sobald wie möglich entfliehen!
Nicht der erste König nach Gottes Herzen, David, sondern der zweite, Salomo, durfte den Tempel bauen. So werden die Gedanken Gottes trotz scheinbaren Versagens seiner Heilsträger dennoch hinausgeführt. Was er sich vorgenommen, kommt zustande. Und alle Widerstände und jede Feindschaft sind, vom Ziel der Vollendung her gesehen, eine Krönung der Weisheit Gottes, die alle diese Dinge benutzt, damit die Macht seiner Liebe, die sich zunächst immer in Schwachheit und im Unterliegen offenbart, immer leuchtender und beseligender hindurchbreche und hervortrete.
Jetzt wird der Tempel des Leibes Christi gebaut. In einem andern Bilde gesprochen: in der gegenwärtigen Gnadenzeit bekommt das Haupt seinen verklärten, Ihm ebenbürtigen Körper. Mit diesem Dienst ist Paulus beauftragt. Wenn das aber geschehen ist und der Herr die Seinen zu sich emporgehauptet hat, dann nimmt er sich der zerfallenen Hütte Davids an und baut sie aus ihren Trümmern wieder auf (Apg. 15, 16). Der Zweck der Aufrichtung der Hütte Davids (und darin ist auch der Wiederaufbau des Tempels eingeschlossen!) besteht darin, dass “die übrigen der Menschen den Herrn suchen” (Apg. 15, 17). Dieser Ausdruck “die übrigen” oder “die Übriggebliebenen” deutet fast immer auf einen Überrest hin, der nach Gerichtskatastrophen noch vorhanden ist. Darum dürfen wir aus diesem Ausdruck schließen, dass auch die Nationenwelt durch die “Drangsal Jakobs” stark angeschlagen und dezimiert werden wird.
Doch nicht nur die “Übriggebliebenen der Menschen” sollen den Herrn suchen und so, im Bilde gesprochen, in den Vorhof des Tempels eingehen, auch alle Nationen, über denen sein Name angerufen ist, werden Ihn suchen und finden. Das verheißt und tut der Herr selbst (Apg. 15, 17). Und das ist durchaus nichts Neues und Besonderes, sondern “von jeher bekannt” (Apg. 15, 18).
Der Tempel Gottes, den ja ursprünglich kein Nichtisraelit betreten durfte, zu dessen Heiligtum und Allerheiligstem nur ganz wenige aus dem Volk der Wahl Zugang hatten, wird ja ein Bethaus werden für alle Völker! Lesen wir nur solche Verheißungen, wie wir sie etwa in Jes. 56, 3-7; Sach. 14, 16; Ps. 86, 9; 66, 4 aufgezeichnet finden! Ja, selbst die in Gesetzeswesen oder in Gesetzlosigkeit verstrickte Engelwelt wird Ihn dereinst anbeten in heiliger Freude (Hebr. 1, 6; Ps. 148, 1-10; Phil. 2, 10.11). So wird zuletzt das ganze Weltall zur Anbetungsstätte Gottes, zum heiligen Tempel des Herrn!
Salomos und Christi Herrschaft
Salomo war nicht der wirkliche, wesenhafte Friedenskönig. Seine Herrschaft, so gesegnet und prächtig sie auch war, so dass sie bis heute noch in der wehmütigen Erinnerung seines Volkes fortlebt, war nur armselig und dürftig im Vergleich mit der Friedensherrschaft des wahren Königs, Christi, die einmal in Israel und durch Israel auf der ganzen Erde errichtet werden wird. Mit Recht konnte der Herr von sich sagen: “Mehr als Salomo ist hier!” (Luk. 11, 31). Denn Christus, der servus servorum, d. h. der Knecht der Knechte, wurde zum wirklichen rex regum, d. h. zum König der Könige.
So groß auch die Weisheit Salomos war (1. Kön. 5, 9-14; 10, 23.24): Christus ist uns von Gott zur Weisheit gemacht (1. Kor. 1, 30). Und das ist unendlich mehr! Mögen wir Salomo als Naturforscher und Ingenieur, als Politiker, Dichter oder Juristen bewundern (und das alles war er in hervorragendem Maße!), der Sohn Gottes steht dennoch unvergleichlich erhaben über ihm.
Auch der Reichtum Salomos war erstaunlich (1. Kön. 10, 23-27). Aber er war vergänglich. Wie unsagbar wertvoller ist dagegen der wesenhafte Reichtum Christi! Denn “in Ihm sind verborgen alle Schätze” (Kol. 2, 3) und “aller Reichtum der Vollgewißheit” (Kol. 2, 2).
Oder vergleichen wir die Tatsachen, dass Salomo wohl äußeren, politischen Frieden schaffen konnte, Christus dagegen Selber unser Friede ist (Eph. 2, 14) und diesen seinen Frieden ausdehnen wird über das ganze, weltweite Universum! Wahrlich, nicht der erste, Salomo, ist der wahre Friedensherrscher, sondern der, für den Salomo bei all seinem Glanz und all seiner Größe nur ein armseliges Vorbild war!
Das gilt auch bezüglich seiner Werke. Wohl schuf Salomo den irdischen Tempel, baute Paläste und Festungen, errichtete die für sein Land so wichtigen und wertvollen Wasserleitungen und gründete große Städte. Aber das war äußerer Art! Denn Christus schuf Gottes Werke (Joh. 1, 1-4; 5, 36)! Wie himmelhoch aber sind diese wunderbaren Gotteswerke in Schöpfung, Erlösung und Vollendung den salomonischen Werken überlegen! Musste doch Israels König, der als unübertreffliches Ideal der Größe und Weisheit galt, wehmutig bekennen “Ich wandte mich hin zu allen meinen Werken, die meine Hände gemacht, und zu der Mühe, womit ich wirkend mich abgemüht hatte; und siehe, das alles war Eitelkeit und ein Haschen nach Wind; und es gibt keinen Gewinn unter der Sonne” (Pred. 2, 11).
So könnten wir fortfahren, Salomo und Christus gegenüberzustellen; immer und überall würden wir finden, wie himmelhoch der Sohn Gottes dem irdischen Friedensherrscher überlegen ist. Denn die Herrschaft Salomos, obschon sie vom Nil bis zum Persischen Meerbusen reichte, ist längst vergangen. Da sie auf dem Grundsatz der Macht beruhte, währte sie nur eine kurze Zeit. Die Herrschaft Christi dagegen, die auf dem Prinzip der sich selbst opfernden Liebe aufgebaut ist, wird ewig, d. h. äonenlang dauern und zuletzt übergehen in die Herrschaft der allumfassenden Liebe Gottes (1. Kor. 15, 25-28). Welch ein gewaltiger Unterschied! — Oder denken wir nur noch an die Natur Salomos und Christi! Dort ein armer, schwacher Mensch mit all seiner Versuchlichkeit und Fehlsamkeit, voll mannigfacher Torheiten und Sünden. Hier jedoch der Sohn des lebendigen Gottes, der “Abglanz seiner Herrlichkeit und der Abdruck seines Wesens” (Hebr. 1, 3), welcher keine Sünde tat (1. Petr. 2, 22), in dem keine Sünde war (1. Joh. 3, 5) und der von keiner Sünde wusste (2. Kor. 5, 21). Und einst, in der Vollendung, dürfen wir an seinem vollkommenen sein und Wesen teilhaben, werden wir Ihm völlig gleich sein. Gelobt und gesegnet sei Gott dafür, dass er solches bei sich selbst beschlossen hat und trotz aller Widerstände um uns und in uns über alle Maßstäbe hinaus herrlich erreichen wird!
“Das Wort des Herrn geschah zu Jona: … Mache dich auf und gehe nach Ninive, der großen Stadt, und predige wider sie … Aber Jona machte sich auf, um von dem Angesicht des Herrn hinweg nach Tarsis zu fliehen, und er ging nach Japho hinab und fand ein Schiff, das nach Tarsis fuhr … vom Angesicht des Herrn hinweg … Das Wort des Herrn geschah zum zweiten Mal zu Jona: Mache dich auf und gehe nach Ninive, der großen Stadt, und rufe ihr die Botschaft aus, die Ich dir sagen werde. Da machte sich Jona auf und ging nach Ninive, nach dem Wort des Herrn” (Jona 1, 1-3; 3, 1-3a).
Wir kennen die dramatische Geschichte Jonas, der einerseits soviel Spott und Unglauben und andrerseits soviel frommes Missverständnis begegnet. Die sogenannten wissenschaftlichen Einwände von dem engen Schlund des Wals und ähnlichen Dingen wollen wir gar nicht erwähnen. Denn erstens ist von keinem Wal, sondern von einem großen Fisch die Rede, und zum andern kann Gott sehr wohl die Naturgesetze durchbrechen, wie ja auch, um ein schlichtes, etwas derbes Bild zu gebrauchen, ein Uhrmacher die Zeiger einer Uhr rückwärts drehen oder gehen lassen kann. Es ist unserem Gott ein Kleines, Sonne, Mond und Sterne stillstehen zu lassen, ohne dass diese nach den Gesetzen der Zentripetal- oder Zentrifugalkraft aufeinanderprallen oder in unermessliche Fernen abgeschleudert werden. Wenn er das nicht könnte, so wäre er eben nicht Gott. So kann er auch einen Menschen davor bewahren, in drei Tagen von der Magensäure eines Riesenfisches zersetzt zu werden oder in der Enge des Magens zu ersticken. Wir trauen unserm herrlichen Retter- und Vollendergott noch ganz andre Dinge zu und wissen, dass er immer weit über unser Bitten und Verstehen hinaus zu tun vermag und tun wird!
Dass Jona statt nach Osten, nach Ninive zu gehen, nach Westen floh, war nicht Feigheit, sondern Vaterlandsliebe! Wäre er feige gewesen und hätte er sein eigenes Leben geliebt, so hätte er sich nicht so bereitwillig ins Meer werfen lassen. Nein, der Grund seiner Flucht war nach menschlichen Begriffen ein durchaus ehrenwerter. Es war eine hochpolitische Erwägung, die Jona veranlasste, Ninive nicht zur Buße zu verhelfen. Denn Ninive war ein großer, starker Feind Israels, wollte das heilige Land Jehovas versklaven und so, menschlich gesprochen, die Verheißungen des Herrn verunmöglichen. Deshalb wäre Ninives Untergang die Rettung Israels gewesen; Ninives Fortbestand hätte hingegen eine ununterbrochene Bedrohung des erwählten Landes bedeutet. Erst wenn wir diesen politischen Hintergrund verstanden haben, können wir Jonas Verhalten begreifen.
Lieber wollte er sterben, um seinen Auftrag, der eine Gefahr für sein Volk und sein Land bedeutet hätte, nicht ausführen zu müssen, als am Leben bleiben, Ninives Fortbestand durch seine Predigt sichern und dadurch eine dauernde Gefahr für das auserwählte Heilsvolk erstehen lassen.
Durch seinen Ungehorsam wurde Jona ein gewaltiger Typ, eines der wichtigsten Vorbilder auf Christus und sein Heil. Davon wusste er natürlich nichts, wie ja echte Prophetie sehr oft unbewusst ist. Erst als er im Bauch des Fisches, “im Schoß des Scheols” war (Jona 2, 3), rief er in seiner Bedrängnis zu Gott. Dort, in der Tiefe, “im Herzen der Meere” (2, 4a), fuhren wie einst über die Rotte Korahs (Ps. 42, 7), “alle Wogen und Wellen Gottes” über ihn (2, 4b). War nicht auch David aus den Wogen des Todes, den Strömen Belials und den Banden des Scheols wunderbar errettet worden (2. Sam. 22, 5.6)? Aber selbst in der Tiefe (2, 6), in den Gründen der Berge (2, 7a) und in der Grube (2, 7b) lebte in Jona das trotzig-kühne Dennoch des Glaubens (2, 5)!
Dieser Weg Jonas war ein scheinbar völlig unnötiger Irr- und Umweg. Und dennoch war er Prophetie, tiefe, herrliche Christusprophetie! So ist es wohl mit allen Irr- und Umwegen, die Gott in seiner Weisheit und Liebe seine törichten, verstockten Geschöpfe führt. “O dass du’s könntest glauben, du würdest Wunder sehn!” Alles Erstmalige bedeutet scheinbar für den Schöpfer und für das Geschöpf einen Verlust, ist aber in Wahrheit für beide ein Gewinn, eine unbedingt notwendige Voraussetzung zum Zweiten, zum Wesenhaften, zum Ewigbleibenden!
Jesus, der wahre Jona, für den nach seinem eignen Wort der alttestamentliche Prophet ein Zeichen (griech. semeion = Merkzeichen oder Wahrzeichen Beweis oder Gewähr!) war (Matth. 12, 38-40), wurde auch den Wogen des Nationenmeeres preisgegeben und dem Tode ausgeliefert, in dem er drei Tage war. Aber “beim zweiten Male”, wenn er wiederkommt und sein Heilswerk in Kraft und Herrlichkeit beginnt, wird er es auch durchführen bis zum vollen Siege.
Der Glaube darf diese Dinge in ihrer Innenschau sehen und fassen und sich darüber freuen mit großer und tiefer Freude. Er sieht in allem Versagen des Ersten, in jedem Bankrott des Geschöpflichen, die Garantie dafür, dass Gott zum Ziele kommt. Was im Fleisch und in der Kraft der Seele geschieht, führt nie zum Ziele. Erst wenn der alte Mensch zerstäubt, die alte Schöpfung in den Wehen der Gerichte untergegangen ist, ersteht der neue Mensch, der nicht geschaffen, sondern vom Geist gezeugt und aus Gott geboren ist. Das gilt sowohl für das Einzelwesen als auch für die Völker; die gleichen Gesetze wirken sich vorbildhaft an Israel dem Fleische nach als auch an den Gliedern des Leibes Christi aus; die Notwendigkeit und Allgenügsamkeit des Zweiten oder Dritten erweist sich an den Heilskörperschaften der Erstlinge wie zuletzt an der ganzen weltweiten Schöpfung. Gebe Gott, dass wir doch immer daran denken und dafür danken möchten!
Das erste und das zweite Kommen Christi
Die Sendung des Sohnes Gottes ist nicht ein einmaliger, sondern ein vielgestaltiger Akt der Selbstenthüllung des Vaters der Liebe. Die Gabe Christi an die Welt hat ihre tiefste Wurzel in der brünstigen Zuneigung Gottes zu seinen Geschöpfen. “So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn gab”, bleibt das Herzstück des Evangeliums. Dass Christus sich schon vor Grundlegung der Welt als Lamm zur Verfügung stellte oder bereitstellte, ist eine zweite, sich aus der ersten ergebende Äußerung der Liebe Gottes, die die letzte Wurzel allen Geschehens ist, auch wenn uns viele Lebensführungen grausam und unbegreiflich erscheinen.
Viele Gotteskinder glauben, der Vater liebe sie deshalb, weil der Sohn für sie gestorben ist. Das Umgekehrte ist der Fall: Christus starb als stellvertretendes Opfer für uns, weil Gott uns so sehr liebt! Die Sendung des Sohnes hat die Vaterliebe als Ursache.
Nun ist das erste Kommen Christi ein ebenso vielfältiger, wunderbar gegliederter, sich in verschiedenen Etappen und Erscheinungsformen vollziehender Vorgang wie sein zweites Kommen. Seine Advente sind mannigfacher Art. Die Liebe drängt und treibt Ihn, immer wieder in den unterschiedlichsten Körperlichkeiten zu seiner armen, gequälten Schöpfung zu gehen und mit und an und in ihr zu leiden, und sie zu erlösen.
Denken wir zunächst nur daran, dass der Herr sich als “Malak Jahve”, als Gottesbote, im Alten Testament offenbarte. Das war eine tiefe Stufe, die dem Zustand und Verständnis seiner Geschöpfe durchaus angepasst war. Haben wir nicht so manches Mal erstaunt und ergriffen gelesen, wie er sich Mose als Stimme aus dem brennenden Dornbusch offenbart und später als Fels mit Israel durch die Wüste zog (1. Kor. 10, 4b)? Was sind das doch für wunderbare Dinge!
Dann nahm er unser Fleisch und Blut an und wurde Mensch wie wir, voll Schwachheit und Versuchlichkeit und dennoch ohne Sünde! Die Himmel entleerten sich bei dieser Erniedrigung ohnegleichen und “die Menge (griech.: pläthos = große Masse, Fülle) der himmlischen Heerscharen” bezeugte, dass das Wohlgefallen oder der Freudenwille Gottes auf den Menschen ruhe, da Gott ja jetzt Mensch geworden war und nicht mehr nur Engelfürst und Oberherr der Heerscharen.
Nachdem Jesus das Opfer seines Leibes dargebracht hatte und in die Totenreiche gegangen war, deren Schlüssel Ihm der Machthaber der Finsterniswelt auslieferte, erstand er herrlich aus dem Tode und fuhr in den Himmel, durch die Himmel hindurch und über alle Himmel hinüber! Welch eine Erhöhung ohnegleichen! Aber wir reden menschlich-töricht: dort in der Herrlichkeit hält er es nicht aus. Die Liebe des Vaters und seine eigne Liebe, die zugleich die Liebe des sie beide verbindenden Geistes ist, drängt und treibt Ihn, “viele Söhne zur Herrlichkeit zu führen” und nicht der einzige herrliche Sohn zu bleiben.
Darum folgt seinem ersten, dem Erlösungskommen, das zweite, auch wieder vielfältig gegliederte Vollendungskommen. Der erste Organismus, der vollendet wird, ist der, der zuletzt berufen wurde. Denn “die Letzten werden die Ersten sein”! Das ist ein Grundgesetz hinsichtlich der Engel und Menschen, aber auch bezüglich der verschiedenen Heilskörperschaften innerhalb der Menschenwelt. Wenn das Haupt seinen verklärten, Ihm gleichgearteten und gleichgestalteten Körper mit magnetischer Liebesgewalt an sich gezogen haben wird, kommen die verschiedenen andern Entrückungen, von denen die Schrift redet, bis schließlich ganz Israel nach den unterschiedlichen Auswahlen, Juda zuerst (Sach. 12, 7), errettet und vollendet ist.
Es ist von tiefer symbolischer Bedeutung, dass in diesem Prophetenwort des Sacharja von den “Zelten Judas”, aber der “Herrlichkeit des Hauses Davids” und der “Pracht der Bewohner von Jerusalem” die Rede ist. Nicht das prächtige, herrliche “Haus”, sondern das armselige, unscheinbare “Zelt” wird zuerst errettet. Wer dächte hier nicht daran, dass, ehe die Trümmer des “Hauses Israel” wieder aufgebaut werden (Apg. 15, 16), der “Zeltmacher” Paulus seinen Sonderdienst ausrichten muss, der uns anstelle unsres irdischen “Zelthauses” (so wörtlich in 2. Kor 5, 1) einen himmlischen Bau verheißt! Ja, das ist die dem Glauben allein verständliche Sprache und Art unsres großen, wunderbaren Gottes! Wer könnte da anders aIs jauchzen und anbeten?
Und so setzt sich das erste vorbereitende Kommen Jesu im Fleische fort in dem vollendenden zweiten Kommen des Christus, des Hauptes samt den verklärten Gliedern und in dessen Wirken an Israel und den Nationenwelten, an den Lebenden und an den Toten, in den Finsterniswelten und in den Sphären des Lichtes, bis sich alle Knie, die der Himmlischen, der Irdischen und der Unterirdischen, dem Herrn anbetend beugen und alle Zungen — und es gibt Menschen- und Engelzungen! — den Herrn lobpreisend bekennen zur Ehre Gottes des Vaters (Phil. 2, 10.11).
Auch hier offenbart sich der große Grundsatz, dass alles Erste Gottes ein scheinbarer Fehlschlag ist, dass ihm aber nach heiligem Vorherwissen und Vorherplanen — wo der Unterschied zwischen beidem liegt, wird kein Mensch erschöpfend sagen können, solange wir noch im Fleischesleib der Niedrigkeit sind — ein Zweites oder Drittes folgt, das alle Hochziele herrlich erreicht, die Gott bei sich Selber beschlossen und beschworen hat.
Auch innerhalb dieser in großen Umrissen gezeigten Advente des Christus und seines Wirkens mit seinen Geschöpfen vollzieht sich alles immer wieder nach dem Grundsatz des Zweiten oder Dritten. Denken wir nur etwa an die endgültige gottgewirkte Sammlung Israels, wie sie u. a. in Jes. 11, 11-13 aufgezeichnet ist: “Es wird geschehen an jenem Tage, da wird der Herr noch zum zweiten Male seine Hand ausstrecken, um den Überrest seines Volkes, der übrigbleiben wird, loszukaufen aus Assyrien und aus Ägypten und aus Pathros und aus Äthiopien und aus Elam und aus Sinear und aus Hamath und aus den Inseln des Meeres. Und er wird den Nationen ein Panier erheben und die Vertriebenen Israels zusammenbringen, und die Zerstreuten Judas wird er sammeln von den vier Enden der Erde. Und der Neid Ephraims wird weichen, und die Bedränger Judas werden ausgerottet werden; Ephraim wird Juda nicht beneiden, und Juda wird Ephraim nicht bedrängen.”
Gott wird zum zweiten Male seine Hand ausstrecken! Er hat das ja nicht nur einmal, sondern nach seinem eigenen Wort oft getan. Erinnern wir uns nur an solche Zeugnisse, wie wir sie etwa in Jes. 65, 2 lesen: “Ich habe den ganzen Tag meine Hände ausgebreitet zu einem widerspenstigen Volke, welches seinen eignen Gedanken nach auf dem Wege wandelt, der nicht gut ist.” Oder stellen, wir uns das ernste Gerichtswort von Spr. 1, 24-33 vor Augen, wo Christus, die Weisheit Gottes, spricht: “Weil Ich gerufen und ihr euch geweigert habt, Ich meine Hand ausgestreckt, und niemand aufgemerkt hat, und ihr all meinen Rat verworfen und meine Zucht nicht gewollt habt, so werde auch Ich bei euerem Unglück lachen, werde spotten, wenn euer Schrecken komme … wer aber auf mich hört, wird sicher wohnen und wird ruhig sein vor des Übels Schrecken.”
Welch ein gewaltiger Versuch zur Sammlung Israels war das Pfingstfest! — Selbst nach Pfingsten wurden Israel immer wieder das Reich und der wiederkommende König angeboten. Lesen wir aus der petrinischen Rede in Apg 3 etwa die Verse 19-21: “Tut nun Buße und bekehret euch, dass eure Sünden ausgetilgt werden, damit Zeiten der Erquickung kommen vom Angesicht des Herrn und er den euch zuvorverordneten Jesus Christus sende, welchen freilich der Himmel aufnehmen muss bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von welchen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat.” Hätte Israel in seiner Gesamtheit Buße getan, so wäre es gesammelt und errettet worden, und das verheißene messianische Königreich hätte aufgerichtet werden können.
Wie viele Versuche gab es, rein historisch-politisch gesehen, nach der Zerstörung Jerusalems Israel zu sammeln! Der Zionismus ist als Bestreben mit positivem, der Antisemitismus als Anstrengung mit negativem Vorzeichen zu verstehen, die nichts anderes im Auge hatten, als Israel zusammenzubringen. Das sieht der Glaube sehr klar. Und was heute geschieht an und in Israel, merkt schon der Zeitungsleser, wenn er nur ein wenig die Bibel kennt. Es ist die Sammlung auf politisch-religiöser, d. h. auf fleischlich-seelischer Grundlage. Es wird ohne Zweifel noch mancherlei Erschütterungen und Rückschläge geben, bis die Zeit da ist, da sich die Sammlung nach göttlichen Grundsätzen vollziehen wird, nicht durch Heer oder Macht, sondern durch Gottes Geist!
Vorläufig leben die zehn Stämme noch in der Zerstreuung, und niemand kann mit voller Gewissheit sagen, wo sie sich befinden und wer sie sind. Wo Gott einen Schleier gebreitet hat, da sollen wir ihn nicht vorzeitig und vorwitzig lüften. Wie viele angeblich vom Geist Gottes besonders erleuchtete Männer, die genau wissen wollen, wer und wo die zehn Stämme sind, treten immer wieder auf. Wo jedoch die Schrift nicht eindeutig und klar redet, wo eine Wahrheit nicht durch zwei oder drei Zeugen wirklich einwandfrei bezeugt ist (vgl. 5. Mose 19, 15b!), soll man keine endgültigen Behauptungen aufstellen.
Das gilt nicht nur für Geschehnisse äußerer Art, sondern auch für das Erfassen und Bezeugen biblischer Wahrheiten. Mancher hat das vergessen und sich statt auf das helle, klare, nüchterne Wort Gottes auf angebliche Erleuchtungen durch den Heiligen Geist berufen. Dem ist nicht zu trauen! Schon mancher angebliche Prophet hat über irdische Dinge geredet und sich gewaltig getäuscht! Denken wir nur an die beiden hinter uns liegenden Weltkriege! Was wurde da alles gesagt und geschrieben, gepredigt und geglaubt!
So wollen wir auch den Mut zur Demut haben und über die Dinge schweigen, über die Gott einen Schleier gebreitet hat. Und deren gibt es sehr viele in der Schrift! Wer das leugnet, kennt entweder das Wort Gottes oder sein eignes Herz nicht genau genug; vielleicht sind ihm auch beide in ihrer letzten Tiefe nicht enthüllt. Oder wollen wir mehr wissen und verstehen als unser Lehrer Paulus, der oft sagen muss: “Ich weiß nicht … wir wissen nicht …” (1. Kor. 1, 16; 2. Kor. 12, 2; Phil. 1, 22; Rö. 8, 26)? Die Frage beantworten, heißt sie verneinen!
Ohne Zweifel hat der eine mehr Licht und Klarheit über biblische Wahrheiten als ein anderer. Göttliche Erkenntnisse kann und darf man aber nicht andern aufdrängen oder sie, wie das oft geschieht, andern mit seelischen Mitteln und Methoden einsuggerieren. Wir vermögen nur das geistgemäß zu fassen, was Gott selbst uns durch den Geist der Hüllenwegnahme mittels seines Wortes offenbart und schenkt. Damit wollen wir keusch und treu umgehen, es weder unterschlagen, wo wir Rechenschaft von der Hoffnung geben sollen, die in uns ist, noch ein Steckenpferd daraus machen, durch das wir andre nur reizen und ärgern. Dabei wird es aber immer nach der Weise des Wortes gehen: “Ich glaube, darum rede ich, ich werde aber sehr geplagt!” (Ps. 116, 10; Luthertext). Wer es nicht auf sich nehmen will, um seines Zeugnisses willen geplagt und verleumdet, gehasst und isoliert zu werden, der schweige lieber. Dann bleibt er, selbst wenn er gar kein Leben aus Gott hat, jedermanns Freund und ein “guter Christ”. Wer aber seines Auftrags völlig gewiss ist und ihn einwandfrei biblisch belegen kann, der rede und schweige nicht. So will es Gott, und so möchten wir es halten! —
“An jenem Tag” wird der Herr seine Hand zur Sammlung Israels “zum zweiten Male” ausstrecken. Wir wissen, was das für ein Tag ist: der Tag der Drangsal, die 70. Jahrwoche Daniels, die Zeit, da die Gemeinde des Leibes des Christus mit ihrem Herrn und Haupt vereint sein wird und die Gerichte über Israel und die Nationen losbrechen. Dann erst wird die wirkliche Sammlung einsetzen und dann erst wird es sich völlig enthüllen, wer und wo die zerstreuten zehn Stämme waren. Bis dahin sind wir auf mehr oder weniger interessante Vermutungen geschichtlicher, ethnologischer und psychologischer Art angewiesen, die jedoch von geringem praktischem Wert sind, da ja Gott selbst das Heilswerk an Israel und den Nationen zu seiner Zeit und Stunde und auf seine Art anbahnen und durchführen wird.
Eines erkennen wir in diesem Zusammenhang als grundsätzliche, geistliche Wahrheit: auch bezüglich der Sammlung Israels und der Wiedervereinigung der zwölf Stämme gilt das Gottesgesetz vom Zweiten oder Dritten. Wie gut, dass auch diese Grundlinien und Normen zutiefst “Gesetze des Geistes des Lebens” sind, die kein Geschöpf zu biegen oder zu brechen vermag!
Der erste und der zweite Löser
In dem schlichten und doch prophetisch und symbolisch so reichen und tiefen Büchlein Ruth ist im vierten Kapitel von zwei Lösern die Rede. Der eine Löser (hebr.: Goel) war Boas (= auf deutsch “Tapferkeit” oder “in Ihm — im Herrn — ist Stärke”). Er war mit Ruth verwandt und hatte das Recht, das Feld Elimelechs des Schwiegervaters der Ruth zu kaufen. Damit war aber nach israelitischer Gottesordnung die Pflicht verbunden, die Witwe Ruth zu heiraten und Nachkommen zu zeugen.
Hier setzt nun eine wunderbare Begebenheit ein, die uns tiefen Einblick in Christi Liebes- und Erlösungskräfte gibt. Ein andrer Blutsverwandter oder Goel war auch vorhanden. Sein Name wird nicht genannt. ln der rechtlichen Auseinandersetzung zwischen Boas und diesem Mann ohne Namen finden wir die eigenartige Anrede: “Du, der und der!” (Kautzsch und die frz. Segond-Bibel sagen: “Du so und so!”, der Züricher Text übersetzt: “He, du, Freund!”, und die englischen Ausgaben schreiben: “He, du da!”).
Wer dächte da nicht an die Satanologie von Hiob 18, deren 17. Vers von dem “Gottlosen”, dem “König der Schrecken” sagt: “Sein Gedächtnis (oder Andenken) verschwindet von der Erde, und auf der Fläche des Landes hat er keinen Namen.”
Boas setzt sein Vorhaben, die geliebte Ruth samt ihrem Erbe zu freien oder zu lösen, nicht mit Gewalt durch, sondern lässt dem Mann ohne Namen den Vortritt. So etwas kann sich nur der leisten, der seiner Sache und seines Sieges völlig gewiss ist. Und das ist bei dem Boas-Christus, dem wahren Löser, durchaus der Fall! In ordnungsgemäßer Weise begeben sich die beiden Bewerber vor die Ältesten, nachdem Boas den vorübergehenden Blutsverwandten selbst aufgefordert hatte, Platz zu nehmen und sein Anliegen vorzubringen und durchzuführen. Nur zwei Blutsverwandte sind da: der Mann ohne Namen, ein Bild auf Satan und die Engelmächte, und Boas, der Christustyp.
Doch lesen wir den sehr anschaulichen, heiligen Text selbst nach: “Boas sprach zu dem Blutsverwandten: Naemi, die aus dem Gefilde Moabs zurückgekehrt ist, verkauft das Feldstück, welches unserem Bruder Elimelech gehörte; so habe ich nun gedacht, ich wollte es deinem Ohr eröffnen und sagen: Kaufe es vor den Einwohnern und vor den Ältesten meines Volkes. Wenn du lösen willst, löse, und wenn du nicht lösen willst, so tue mir’s kund, dass ich es wisse; denn da ist niemand außer dir zum Lösen, und ich komme nach dir! Und er sprach: Ich will lösen. Da sprach Boas: An dem Tage, da du das Feld aus der Hand Naemis kaufst, hast du es auch von Ruth, der Moabitin, dem Weibe des Verstorbenen, gekauft, um den Namen des Verstorbenen auf seinem Erbteil zu erwecken. Da sprach der Blutsverwandte: Ich kann nicht für mich lösen, dass ich mein Erbteil nicht verderbe. Löse du für dich, was ich lösen sollte, denn ich kann nicht lösen. — Dies aber geschah vordem in Israel bei einer Lösung und bei einem Tausche, um jede Sache zu bestätigen: der eine zog seinen Schuh aus und gab ihn dem andern; und das war die Art der Bezeugung in Israel. — Und der Blutsverwandte sprach zu Boas: Kaufe für dich! Und er zog seinen Schuh aus. Da sprach Boas zu den Ältesten und zu allem Volke: Ihr seid Zeugen, dass ich aus der Hand Naemis alles gekauft habe, was Elimelech und alles was Kiljon und Machlon gehörte. Und auch Ruth, die Moabitin, das Weib Machlons, habe ich mir zum Weibe gekauft, um den Namen des Verstorbenen auf seinem Erbteil zu erwecken, dass nicht der Name des Verstorbenen ausgerottet werde unter seinen Brüdern und aus dem Tore seines Ortes. Ihr alle seid Zeugen. — Und alles Volk, das im Tore war, und die Ältesten sprachen: Wir sind Zeugen! Der Herr mache das Weib, das in dein Haus kommt, wie Rahel und wie Lea, welche beide das Haus Israels erbaut haben; und werde mächtig in Ephrata und stifte einen Namen in Bethlehem!” (4, 3-11).
Nur wenige Bemerkungen zu diesem wunderschönen Text: zunächst erquickt uns die vornehme, ruhige Art, das selbstlose, freundliche Angebot des Boas: “Ich komme nach dir!” Welch ein Wort! Gott ist wahrhaft vornehm, indem er allen seinen Geschöpfen den Vortritt lässt. Und dann diese dramatische Steigerung in der schlichten und in ihrer tiefsten Schau doch so gewaltigen Begebenheit! Der Mann ohne Namen will lösen. Aber darauf aufmerksam gemacht, dass er damit die heilige Liebespflicht übernimmt, Leben zu erwecken, legt er das demütigende Bekenntnis seiner Ohnmacht ab: “Ich kann nicht lösen!” Zugleich fordert er Boas auf, doch selber zu lösen, und begründet seinen Wunsch mit dem nochmaligen Bekenntnis: “Denn ich kann nicht lösen.”
Hier sehen wir die Erlösung von Golgatha in einem Lichte, wie wir sie eigentlich selten zu sehen gewohnt sind. Denn alles geht so ruhig und friedlich ab, so ganz ohne Geschrei und Furcht und Grauen, wie es uns in andern geschichtlichen oder prophetischen Texten nicht geschildert ist, die von der Erlösung handeln. Denken wir nur an den 22. Psalm oder an die Evangelien, ganz abgesehen von den zur Schlachtung geführten blutigen Opfern, deren Schmerzesgeschrei und Todesröcheln im Vorhof der Stiftshütte und des Tempels erschollen.
Lasst uns auch über diese erhabene, köstliche Seite der Erlösung nachsinnen, lasst uns daran denken und darüber anbeten, dass unser Heil auf Recht und Gerechtigkeit beruht und kein Geschöpf im weiten Weltenall vergewaltigt wird, — und unsre Herzen werden staunend und lobpreisend frohlocken.
Und wie wunderbar ist der Ausklang des 11. Verses: “Werde mächtig in Bethlehem!” Ja, diese Prophetie ging herrlich in Erfüllung: in Bethlehem wurde als Nachkomme des Boas, des zweiten, wahren Lösers, aus der Ruth, dem zehnten Glied des einst verfluchten Geschlechtes der Moabiter (vgl. 5. Mose 23, 3 mit Matth. 1, 1-5a), der Herr Jesus, der Heiland der Welt, geboren.
Die ersten, zweiten und dritten Himmel
Wir haben seither nur von einem Ersten und einem Zweiten gesprochen. Nun aber erheben wir uns im Geist über die Erde und gehen in höhere Sphären, in die Himmel. Wir betrachten zunächst die Himmel als solche, dann die Fleischwerdung des Fürsten der Gewalt der Luft, der die unteren Teile der Himmel beherrscht, und zuletzt die Engelwelten, “die Heerschar der Höhe in der Höhe”.
Schlagen wir zuerst 2. Petri 3, 5-7 auf: “… von alters her waren Himmel … Die damalige Welt, vom Wasser überschwemmt, ging unter … Die jetzigen Himmel … aber sind durch sein Wort aufbewahrt, für das Feuer behalten.” Hier ist von drei Himmeln die Rede. Vers 5 spricht von den Himmeln, die von alters her waren. Das sind die ersten Himmel, die in dem Gerichtsakt zwischen 1. Mose 1, 1 und 1. Mose 1, 2 zum “tohuwabohu wurden.
Denn in Jes. 45, 18 lesen wir: “So spricht der Herr, der die Himmel geschaffen — er ist Gott —, der die Erde gebildet und sie gemacht hat — er hat sie bereitet; nicht als eine Öde hat er sie geschaffen; um bewohnt zu werden, hat er sie gebildet …” Das deckt sich ganz mit dem klaren Zeugnis von 1. Joh. 1, 5: “Dies ist die Botschaft, die wir von Ihm gehört haben und euch verkündigen: dass Gott Licht ist und gar keine Finsternis in Ihm.” Wenn keine Finsternis in Gott ist, dann ist auch keine Finsternis aus Gott. Also kann eine Finsternisschöpfung voller Wasser der Verwesung und “Umkehrung” (oder Verwüstung und Abwesenheit des Lebens), wie wir das hebr. Wort “tohuwabohu” übersetzen können, niemals aus Gottes heiligen Schöpferhänden hervorgegangen sein.
Außer in Jes. 45, 18 finden wir die Ausdrücke tohu und bohu an weiteren drei Stellen der Schrift. Wir wollen sie nachschlagen und werden erkennen, dass es sich dabei jedesmal um ein durch Gottes Zorn verursachtes Verderben handelt:
Jes. 24, 10: “Zertrümmert ist die Stadt der Öde, verschlossen jedes Haus, so dass niemand hineingehen kann.”
Jes. 34, 8-11: “Der Herr hat einen Tag der Rache, einen Tag der Vergeltungen für die Rechtssache Zions. Und Edoms Bäche verwandeln sich in Pech, und sein Staub in Schwefel; und sein Land wird zu brennendem Peche. Tag und Nacht erlischt es nicht, ewiglich steigt sein Rauch empor. Von Geschlecht zu Geschlecht liegt es verödet, für immer und ewig zieht niemand hindurch. Und Pelikan und Igel nehmen es in Besitz, und Eule und Rabe wohnen darin. Und er zieht darüber die Mess-Schnur der Öde und das Senkblei der Leere.”
Jes. 3, 24-26: “Es wird geschehen, statt des Wohlgeruchs wird Moder sein und statt des Gürtels ein Strick und statt des Lockenwerks eine Glatze und statt des Prunkgewandes ein Kittel von Sacktuch, Brandmal statt Schönheit. Deine Männer werden durchs Schwert fallen und deine Helden im Kriege. Und ihre (= der Tochter Zions) Tore werden klagen und trauern, und vereinsamt (bohu) wird sie sich zur Erde niedersetzen”.
Es ist unschwer zu erkennen, dass in sämtlichen Zusammenhängen das entstandene tohu, bohu oder tohuwabohu keineswegs das Ergebnis eines Schöpfungsaktes oder ein Naturzustand war, sondern durch Gerichte entstand. Sollte es allein in 1. Mos. 1, 2 anders sein?
Noch klarer sehen wir, dass der gegenwärtige Zustand der Schöpfung durch Strafmaßnahmen Gottes entstanden ist, wenn wir die sogenannte Schöpfungsgeschichte einmal im Lichte des 104. Psalmes betrachten. Lesen wir nur die Verse 5-9 nach: “Gott hat die Erde gegründet auf ihre Grundfesten; sie wird nicht wanken immer und ewiglich. Mit der Tiefe (Urflut) hattest Du sie bedeckt wie mit einem Gewande; die Wasser standen über den Bergen. Vor Deinem Schelten flohen sie, vor der Stimme Deines Donners eilten sie hinweg. Die Berge erhoben sich, es senkten sich die Täler an den Ort, den Du ihnen gesetzt hattest. Du hast ihnen eine Grenze gesetzt, die sie nicht überschreiten werden; sie werden nicht zurückkehren, die Erde zu bedecken.”
Oder vergleichen wir damit Hiob 38, 8-11: “Wer hat das Meer mit Toren verschlossen, als es ausbrach, hervorkam aus dem Mutterschoß, als Ich Gewölk zu seinem Gewande und Wolkendunkel zu seiner Windel machte und Ich ihm meine Grenze bestimmte, Riegel und Tore setzte und sprach: Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter, und hier sei eine Schranke gesetzt dem Trotze deiner Wellen?”
Der Ausbruch des Meeres, das Gebot der Grenze und der Trotz seiner Wellen stehen in gewaltigem Gegensatz zu dem reinen, herrlichen Bilde der Urschöpfung, “als die Morgensterne miteinander jubelten und alle Söhne Gottes jauchzten” (Hiob 38, 7). Wir verstehen also durchaus und ohne jeden Zwang, dass die ersten Himmel untergingen.
Die zweiten Himmel werden “die jetzigen Himmel” genannt (2. Petri 3, 7). Während die ersten Himmel durch das erste Gerichtsmittel Gottes, das Wasser, untergingen, werden die jetzigen Himmel durch das zweite Zerstörungselement, das Feuer, beseitigt werden. Wird doch die gesamte gegenwärtige Schöpfung, der ganze Kosmos, “aufbewahrt für das Feuer”! Darum steht auch geschrieben, dass sich die Nationen für’s Feuer abmühen, die Völker vergebens sich plagen (Hab. 2, 13).
Vielleicht verstehen wir jetzt, warum auch die jetzigen Himmel nicht rein sind in den Augen Gottes (Hiob 15, 15). Sie sind eben noch nicht ins Leben gezeugt, sondern nur, wenn wir so sagen dürfen, eine Zwischenlösung. Denn der Kosmos ist ein Mittelding zwischen Chaos und Vollendung, zwischen Finsternis und Herrlichkeit. Er trägt ein Doppelgepräge: er untersteht Einflüssen von oben und unten, in ihm wirken Gott und Satan.
Diese gegenwärtigen Himmel werden einmal abgetan. Himmel und Erde werden vergehen. “Des Tages Gottes wegen werden die Himmel in Feuer geraten und aufgelöst, und die Elemente werden im Brande zerschmelzen” (2. Petri 3, 12). Dann erst kommen, gemäß den unverbrüchlichen Verheißungen Gottes, neue Himmel! Diese Himmel werden jedoch nicht geschaffen, werden kein Werk der Hände, auch nicht der Hände Gottes sein, sondern vielmehr samt “all ihrem Heer ins Leben gezeugt” (so wörtlich nach einigen Handschriften der LXX in Nehem. 9, 6). Dann erst wird die gottgeziemende Anbetung des Herrn geboren, wie wir weiter unten sehen werden.
Wer aber ist der, der die im Gericht erschütterten Himmelswesen und Geisterwelten ins Leben zeugt? Niemand anders als der aus Haupt und Gliedern bestehende Christus, von dem wir in 1. Kor. 13, 12b die gewaltigen Verheißungsworte lesen: “Dann werde ich erkennen (d. h. liebend neues Leben zeugen), gleichwie auch ich erkannt worden bin.” Hier kann der Glaube nur schweigen und anbeten in heiliger Hingabe! —
“Umgestürzt, umgestürzt, umgestürzt!”
In Hes. 21, 30-32 lesen wir: “Du Unheiliger, Gesetzloser, Fürst Israels, dessen Tag gekommen ist zur Zeit der Ungerechtigkeit des Endes! So spricht der Herr, Jehova: Hinweg mit dem hohenpriesterlichen Kopfbund und fort mit der Krone! Dies wird nicht mehr sein! Das Niedrige werde erhöht und das Hohe erniedrigt! Umgestürzt, umgestürzt, umgestürzt will Ich sie machen; auch dies wird nicht mehr sein — bis der kommt, welchem das Recht gehört; dem werde Ich’s geben.” Dieses Drohwort Gottes geht zunächst nach dem klaren Wortlaut an Nebukadnezar, den König von Babel (Vers 23.24). Und doch weiß der in der Schrift gegründete Glaube, dass damit das prophetische Zeugnis seine Bedeutung keineswegs erschöpft hat. Denn letztlich zielt die meiste Prophetie auf die Endzeit, hat daneben jedoch immer kleinprophetische Vorerfüllungen.
Das ist auch bei unserm Wort der Fall, wir brauchen es nur genau anzuschauen. Der Angeredete, für den Nebukadnezar (auf deutsch: “Verderber”, “der die Angst vorhersagt”, “nachstellender Geier” oder “verborgener Herrscher”!) nur eine Vorschattung war, hatte im Lauf der Welt- und Kirchengeschichte viele Vorläufer (1. Joh. 2, 18.19). Solch ein Vorläufer war auch Nebukadnezar. Ist doch jeder Mensch nur ein Schattenbild (Ps. 39, 6; Elberf. Übers. Vers 7). Aber der Glaube sieht an den Schattenbildern Zukünftiges und Wesenhaftes (Hebr. 10, 1)! So heißt es auch von dem, von dem unser Schriftwort zutiefst zeugt, dass “sein Tag gekommen ist zur Zeit der Ungerechtigkeit des Endes”.
Was unter diesem “Tag der Ungerechtigkeit des Endes” zu verstehen ist, dürfte für niemand zweifelhaft sein, der nur ein wenig weiß von Gottes Gerichts- und Gnadenwirken im Laufe der Äonen: es ist die 70. Daniel’sche Jahrwoche, die antichristliche Endzeit (”Zeit des Endes”), die der Bindung Satans und der Errichtung des Tausendjahrreichs vorausgeht.
Liegt nun die Zeit unzweifelhaft fest, auf die sich unser Hesekielwort bezieht, so geben uns die drei Titel, mit denen Gott diese Persönlichkeit benennt, mehr Licht, um wen es sich nur handeln kann. Er wird “Unheiliger, Gesetzloser” und “Fürst Israels” genannt. Zum Hause Gottes gehört Ihm geziemende Heiligkeit (Ps. 93, 5). Darum müssen auf Grund dieser starken Bezeichnungen jene Gestalten zu Satan, der Quelle aller Unheiligkeit, in enger Beziehung stehen. Dass der “Gesetzlose” oder “Gottlose” zutiefst der Feind ist, geht aus so vielen Zusammenhängen der Schrift hervor, dass es sich erübrigt, einzelne Stellen anzuführen. Nun wird dieser Unheilige und Gesetzlose auch “Fürst Israels” genannt. Er wird also in der Endzeit in Israel herrschen, und zwar nicht nur als König, sondern auch als Hoherpriester. Denn nach dem klaren Ausspruch des Herrn in Hes. 21, 31 trägt er nicht nur die Krone, sondern auch den hohenpriesterlichen Kopfbund.
Alle diese Dinge ergeben ein solch scharf umrissenes, unzweifelhaftes Bild dessen, mit wem wir es zu tun haben, dass ein Irrtum kaum möglich ist. Demnach müsste in der Endzeit ein ausgesprochen satanischer Mensch als Herr über Israel die höchsten Würden des Volkes Gottes in seiner Person vereinigen.
Wer dächte da nicht an Joh. 5, 43, wo der Herr im Blick auf die Stunde seiner Verwerfung und die antichristliche Endzeit sagt: “Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr nehmet mich nicht auf; wenn ein andrer in seinem eignen Namen kommt, den werdet ihr aufnehmen!”? Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden (Matth. 23, 12). Wer hat sich aber tiefer erniedrigt als der Sohn Gottes? Darum ist er auch hoch erhöht worden und hat einen Namen bekommen, der “über jeden Namen ist, auf dass in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge frohlocke, dass Jesus Christus Herr ist, zur Verherrlichung Gottes des Vaters” (Phil. 2, 9b-11).
Und wer hat sich mehr zu erhöhen versucht als Satan, der Thronräuber, der hoch über die Sterne Gottes seinen Thronsitz stellen und sich selbst dem Höchsten gleichmachen wollte (Jes. 14, 13.14)? Der Teufel fiel wegen seiner Aufblähung (griech.: typhos = Rauch, Hoffart, Blendwerk, Schwindel) unter das Strafurteil Gottes (1. Tim. 3, 6).
Satan steht in der Lüge und ist ihr Vater (Joh. 8, 44). Dem Christus aber “gehört das Recht”; er ist in Wahrheit “der Gerechte” (1. Joh. 2, 1), ja, er ist zu unsrer Gerechtigkeit gemacht (1. Kor. 1, 30)! Darum wird Gott Ihm auch das Recht geben (Hes. 21, 32b). Wie klar und durchsichtig wird uns so diese Stelle! Das dreifache Drohwort “umgestürzt, umgestürzt, umgestürzt” kann man auf das Hohe beziehen, das erniedrigt werden soll, aber auch auf die gottlos gewordene Stadt. Im tiefsten Grunde gilt es jedoch dem Antichristen, dem fleischgewordenen Satan.
Denn so, wie sich die Liebe Gottes in der Fleischwerdurig seines Sohnes kundtat und vollendete, so wird sich auch die Bosheit Satans in der Fleischwerdung des Antichristen enthüllen und auf ihr Vollmaß kommen. Die heiligen Stätten des “Landes Jehova” werden die Zentrale der Christusfeindschaft und des Gotteshasses sein, der jedoch gerade dort seine letzte und entscheidende Niederlage erleben wird.
Darf man in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass es wohl eine Reihe doppelter Namensnennungen und Anreden gibt, aber nur sehr wenige, die dreifach sind? Hierher gehört auch unser Hesekielwort von dem “Umstürzen” oder der “Zertrümmerung” des Antichristen. Sollte es nicht von Bedeutung sein, dass hier eine Doppelwiederholung, also eine dreifache Nennung der Gerichtsdrohung vorliegt? Sollte es vielleicht, wenn es um die Himmel und die Engels- und Satansmächte geht, ein Dreifaches geben, während für die Erde und die Völker ein Gesetz vom Zweifachen vorliegt? Es gäbe da eine Reihe interessanter Hinweise, aber wir wollen in heiliger Keuschheit auf keinen Fall etwas in die Schrift “hineingeheimnissen”, was nicht klar und deutlich erkennbar darin enthalten ist und ohne Zwang verstanden werden kann. Nur soviel dürfen wir sagen, dass Gottes Wort weit tiefer und herrlicher ist, als wir überhaupt wissen. Siehe, Gott tut alles zwei- oder dreimal! Wer es zu fassen vermag, der fasse es!
In Hebr. 1, 6 ist uns verheißen: “Wenn er (d. i. Gott) den Erstgeborenen wiederum (oder noch einmal) in den Erdkreis (eigentlich: in das Bewohnte) einführt, spricht er (oder: gilt der Befehl): Auch (oder: sogar) alle Engel Gottes sollen Ihn anbeten!”
Der Sohn Gottes ist der große Werkmeister (Spr. 8, 22), durch den der Vater alles geschaffen hat. Ohne diesen logos “ward auch nicht eines, das geworden ist” (Joh. 1, 3). Bei der ersten Schöpfung der Erde haben, als es noch keine Menschen gab, alle Morgensterne miteinander gejubelt (und sich nicht, wie es heute in mancherlei Beziehungen der Fall ist, gegenseitig verklagt), und alle Söhne Gottes haben gejauchzt. Damals gab es noch keine Dämonen und Finsternisgewalten.
Und dennoch müssen schon damals Hochmut und Neid, Verleumdung (wie man das mit “Handel” verdeutschte Wort in Hes. 28, 16a auch übersetzen darf) und Gewalttat in dem Lichtsträger, dem Luzifer entstanden sein. —
Das war das erste Mal, dass Gottes Sohn durch den Wohnraum der Engelwelten ging. Es muss ein gewaltiges Schauspiel und ein Ereignis von unabsehbarer Tragweite gewesen sein.
Nach seiner Auferstehung aus den Toten fuhr der Herr zum zweiten Male durch die Himmel hindurch (Hebr. 4, 14) und über alle Himmel hinüber (Eph. 4, 10). Welch ein Triumph war das! Der Feind war besiegt, und die Schlüssel des Todes und des Totenreiches waren dem Sohne Gottes übergeben; eine Erstlingsschar hatte er bereits zum Beweis seines vollkommenen Erlösungswerkes dem Tode entrissen und auferstehen lassen. Und das wussten und sahen alle jene Mächte und Gewalten, durch welche Ihn sein Weg zum Thron des Vaters führte.
Satan wurde durch den Sieg Christi zum “Fürsten der Gewalt der Luft”, d. h. des unteren Lufthimmels, und treibt fortan sein Werk in den “Söhnen des Ungehorsams” oder “Kindern des Unglaubens” (Eph. 2, 2b). Je rascher die ihm zur Verfügung stehende Zeit schwindet und sich ihrem Abschluss nähert, um so größer wird seine Wut (Off. 12, 12b). Denn fortwährend werden ihm, im Bilde gesprochen, lebendige Bausteine entrissen und dem Tempel Gottes eingefügt. Sein Reich ist zudem wider sich selbst entzweit und muss darum zerfallen. Frisst doch der Erstgeborene des Todes die Glieder seines Leibes (Hiob 16, 13)! Denn wie es einen Erstgeborenen des Lebens gibt, so gibt es auch einen Erstgeborenen des Todes. Während aber Christus die Glieder seines Leibes nährt und pflegt (Eph. 5, 29), frisst der Erstgeborene des Todes die Glieder (oder Stücke) seines “Körpers” oder seiner “Haut”, die hier, wie das oft geschieht, als Teil für das Ganze steht.
Dereinst wird Gott seinen Erstgeborenen zum dritten Male in den Wohnraum der Engelwelten führen, nämlich dann, wenn das erhöhte, verklärte Haupt seine Glieder, seinen vollendeten Leib, angezogen hat und so als der Christus Gottes die Verheißungen des Vaters aus- und durchführt. Dann wird es herrliche Wahrheit werden, dass “auch” oder “sogar” die Engel Ihm huldigen, Ihn anbeten werden.
Diese Anbetung im tiefsten und eigentlichen Sinn des Wortes wird aber erst dann geschehen, wenn nach dem gewaltigen Wort von Nehemia 9, 6, das wir schon oben erwähnten, der Himmel Himmel und all ihr Heer “ins Leben geschaffen”, oder, wie andre Handschriften sagen, “ins Leben gezeugt” sein werden. Dann erst, und nicht vorher, kommt die gottgeziemende Anbetung, von der wir so oft lesen. Wie wunderbar wird sich das erfüllen, was als prophetischer Gottesruf in Ps. 103, 20.21 aufklingt: “Preiset den Herrn, ihr seine Engel, ihr Gewaltigen an Kraft, Täter seines Wortes, gehorsam der Stimme seines Wortes! Preiset den Herrn, alle seine Heerscharen, ihr, seine Diener, Täter seines Wohlgefallens!”
Oder lesen wir den umfassenden Eidschwur Gottes von Jes. 45, 23.24: “Ich habe bei mir selbst geschworen, aus meinem Munde ist ein Wort in Gerechtigkeit hervorgegangen, und es wird nicht rückgängig werden: dass jedes Knie sich vor mir beugen, jede Zunge mir schwören wird. Nur im Herrn, wird man sagen, ist (oder: habe ich) Gerechtigkeit und Stärke. Zu Ihm wird man kommen, und es werden beschämt werden alle, die wider Ihn entbrannt waren.” Wer wollte angesichts solcher Zeugnisse wagen, Gott zum Lügner, ja, zum Meineidigen zu machen, indem er das bezweifelt, was der ewige Mund der Wahrheit, der doch nicht lügen kann, hier bei sich selbst geschworen hat?!
Oder werfen wir noch einen Blick auf die prophetische Schau, wie sie in Off. 5, 13 niedergelegt ist: “Jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf der Erde und unter der Erde und auf dem Meere, und alles, was in ihnen ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Throne sitzt, und dem Lamme sei die Segnung und die Ehre und die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit!”
So wird Hebr. 1, 6 nicht nur auf der Erde und in den Bereichen der früheren Totenbehältnisse, sondern auch in den Himmeln, dem Wohnraum der Engelwelten, beseligende Wahrheit geworden sein. Glückselig, wer das inmitten einer scheinbar hoffnungslos zerrütteten Schöpfung glaubend fassen und anbetend festhalten darf! —
Wir haben versucht, an Hand von zwanzig verschiedenen Zusammenhängen das Gesetz vom Zweiten oder Dritten zu zeigen. Damit haben wir längst nichts Erschöpfendes gesagt, sondern nur einige Linien gezogen, die uns das Wesen und Walten Gottes in Schöpfung, Erlösung und Vollendung begreiflich machen wollen. Wo das wirklich der Fall ist, wandelt sich vieles Weh in Frohlocken, lernt man da, wo die gottferne, christuslose Welt hasst und flucht, im Blick auf Gottes Wege und Ziele lieben und segnen. Möchte auch das vorliegende Zeugnis dem einen oder andern dazu dienen dürfen!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 2004; Paulus-Verlag, Heilbronn)


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