Vorbilder der Wiederbringung
Autor: Heller, Adolf | Kategorie(n): Allversöhnung, Das prophetische Wort, Lehre | 426 x gelesenDie “Glaubensregel” des Kirchenlehrers Irenäus (140 - 202), der viele Aufsätze gegen Irrlehrer geschrieben hat, enthält den wichtigen Satz, dass Christus kam, “um alles aus dem Verderben wiederzubringen”. In der Tat ist die Wiederbringung oder Zurückführung der gesamten Schöpfung zu Gott der eigentliche Zweck des Erlösungswerkes vom Kreuz. Sünde und Strafe, Tod und Verdammnis entsprechen durchaus nicht dem Wohlgefallen und Wesen unsres Vaters in Christo Jesu. Ihr endloses Fortbestehen wären eine Schmach und ein Schmerz für ihn; eine Schmach, weil sie seine Allmacht begrenzten, und ein Schmerz, weil seine Liebe leiden müsste.
Nichts kennzeichnet das Wesen Gottes besser als die verschiedenen Namen, die er sich selber zulegt. Darum fragte auch Jakob den Mann, der an der Furt Jabbok mit ihm rang, nach seinem Namen (1. Mose 32, 29). Einer der Namen aber, mit denen das inspirierte Wort der Wahrheit Gott bezeichnet, ist “Wiederbringer aus Toten”, wie der genaue Text von Hebr. 13, 20 sagt. “Wiederbringer aus Toten!” Welch eine Fülle von Verheißungen liegt in dieser charakteristischen Bezeichnung Gottes! Der Tod darf nicht immer und endlos seine Beute behalten. Zur festgesetzten Zeit und Stunde und auf die zuvorverordnete Gott geziemende Art und Weise muss der Tod alles heraus- und zurückgeben, was er je verschlungen hat. Christi Auferstehung war Anbruch und Angeld dafür. Der Herr ist ja nicht der Einziggeborene, sondern der Erstgeborene aus den Toten. Das will sagen, dass es noch Spätgeborene, Nachgeborene gibt. Und wenn einmal dem Tod alle seine Beute entrissen ist, dann hört er auf, Tod zu sein, dann ist sein Feindschaftsdienst beendet und er wird ausgeschaltet oder in Untätigkeit gesetzt, wie 1. Kor. 15, 26 bezeugt.
So klar und hell diese Wahrheit der Wiederbringung in der Schrift aufleuchtet, so sehr sie die tiefsten Bedürfnisse eines liebenden Herzens befriedigt, so wurde sie doch immer wieder geleugnet und bekämpft. Viele wollen nicht wahr haben, dass Gott zuletzt seine Ziele erreicht und all das zustande bringt, was er verheißen und bei sich selbst beschworen hat. Man wähnt, der Wille des Geschöpfes sei stärker als der des Schöpfers, Gott achte seine Kreaturen zu sehr, als dass er ihnen sein Heil aufdränge. Solche Erwägungen entspringen menschlicher Vernunft, sind aber weder im Wort der Wahrheit niedergelegt, noch entsprechen sie dem Wesen und Charakter Gottes.
In keiner Weise vergewaltigt der Schöpfer das Werk seiner Hände. Aber seine Weisheit hat Mittel und Wege genug, um alle und jede Kreatur nach Irrwegen der Sünde und Gottesferne heilsverlangend und gnadenhungrig zu machen und jeden Widerstand in Sehnsucht nach Gott und jeden Hass in jauchzende Anbetung zu verwandeln. Das hat der Herr an vielen Menschen immer und immer wieder bewiesen; warum weigern wir uns, es zu glauben?
Zog etwa Saulus mit der Absicht nach Damaskus, sich zu Christus zu bekehren? Das gerade Gegenteil war der Fall! Und doch hat ihn die Liebe des Sohnes Gottes völlig und mit einemmal überwunden und zu einem unvergleichlichen Werkzeug seiner Gnade gemacht.
Wir wollen in dem knappen Rahmen dieser Arbeit weder darauf eingehen, dass die griechische Philosophie den unbiblischen Begriff der “Ewigkeit” in die Theologie eingeschmuggelt hat, noch möchten wir zeigen, dass die scheinbar widersprechenden Aussagen über die endgültige Wiederherstellung der Schöpfung in Wirklichkeit fein harmonieren und die Endziele Gottes hell aufleuchten lassen. Auch wollen wir nicht durch Anführung vieler Schriftstellen die Wahrheit der Allversöhnung belegen. Wir möchten vielmehr nur einige wenige Vorbilder der Wiederbringung anführen, die ein prophetischer und symbolischer Hinweis auf die große, wunderbare Tatsache sind, dass Christus zu seiner Zeit und Stunde alles verlorene zurecht- und zurückbringt.
“Abram brachte alle Habe zurück”
In 1. Mose 14 lesen wir von den Königen Amraphel von Sinear, Arioch von Ellasar, Kedorlaomer von Elan und Tidhal von Gojim, dass sie gegen Sodom und Gomorra und deren Bundesgenossen Krieg führten. Im Tale zu Siddim kam es bei den Erdharzquellen zur Entscheidungsschlacht. Dabei verloren die Könige von Sodom und Gomorra Sieg und Leben. Auch Lot geriet samt seiner Habe in Gefangenschaft.
Nun hätte Abram alle Ursache gehabt, seinen Neffen dem selbsterwählten und wohlverdienten Schicksal zu überlassen. Die Worte in Vers 12: “denn er wohnte in Sodom” zeigen, dass Lot durch die Wahl seines Wohnsitzes sein Ergehen selbst verschuldet hatte.
Was aber tut Abram? “Als er hörte, dass sein Bruder gefangen weggeführt war, ließ er seine Geübten, seine Hausgeborenen, ausrücken, dreihundertachtzehn Mann, und jagte ihnen nach bis Dan. Und er teilte sich wider sie des Nachts, er und seine Knechte, und schlug sie und jagte ihnen nach bis Hoba, das zur Linken von Damaskus liegt. Und er brachte alle Habe zurück; und auch Lot, seinen Bruder, und dessen Habe brachte er zurück, und auch die Weiber und das Volk” (Vers 14-16). Alles, was die Feinde erbeutet hatten, brachte Abram zurück. Menschen, Vieh und Gut entriss er dem von ihm besiegten Gegner und führte sie wieder heim.
Abram ist ein Typ auf den Glauben, in mancher Beziehung ein Vorbild auf Gott. Sein Name bedeutet Vater der Höhe, und der neue Name, den er erhielt, Abraham, heißt auf deutsch Vater der Menge. Dass er Lot nicht seinem Schicksal überlässt, sondern ihn, ohne dass sein Neffe die Möglichkeit oder Fähigkeit hatte, ihn darum anzuflehen, errettet und all sein Hab und Gut, seine Herden und seine Weiber zurückbringt, ist nicht nur ein geschichtliches Ereignis, sondern letztlich Gottesoffenbarung. Gott handelt nicht nur durch Abram, sondern enthüllt sich selber durch dessen Taten. Nur in diesem Lichte vermögen wir das Wesen des Wortes Gottes wirklich zu erfassen und die prophetische und symbolische Bedeutung der Heilsgeschichte zu verstehen. Sollte unser großer, herrlicher Rettergott, der alles zuvorbedacht hat und schon im Anfang das Ende sah, nicht das zustandebringen, was einem schwachen, armen Menschen gelang? Die Wiederbringung Lots durch Abram ist nicht ein zufälliges, belangloses Geschehen, sondern ein Hinweis auf Größeres. Denn wenn wirklich alle Schrift von Gottes Heilswirken durch Christus zeugt, dann auch diese Schrift in 1. Mose 14.
“Nicht eine Klaue darf dahinten bleiben”
Ein anderes Vorbild völliger Wiederbringung aus des Feindes Macht und Gewalt finden wir in 2. Mose 10, 26. Dort lesen wir die kühne Antwort, die Mose Pharao gab. Wir wissen, dass der König von Ägypten das Volk Israel nicht ziehen lassen wollte und erst durch ernste Gerichte Gottes dahingebracht wurde, es freizugeben. Er versuchte aber, ihr Hab und Gut zu behalten und verlangte, dass Israel sein Kleinvieh und seine Rinder zurücklassen müsse. “Nicht eine Klaue darf dahinten bleiben!” ruft der Mann Gottes dem verstockten Pharao zu. Nicht arm und beraubt, sondern mit kostbaren Geräten und Kleidern, mit Hab und Gut, mit Kleinvieh und Rindern, so entrann Israel der Macht seines Bedrückers.
Wer dächte da nicht an das Pauluswort in 1. Thess. 5, 23.24: “Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig; und euer ganzer Geist und Seele und Leib werde tadellos bewahrt bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist, der euch ruft, der wird es auch tun.” Oder wem käme hier nicht 2. Petrus 1, 11 in den Sinn, wo wir lesen: “Also wird euch reichlich dargereicht werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus.”
Das, was Mose tat, als er trotz Pharaos Wut und Gewalt alles seiner Macht entriss und nicht eine Klaue dahinten ließ, war von prophetischer Bedeutung. Denn Mose war in seinem Tun Typ auf Christus. Das ersehen wir aus 5. Mose 18, 15, wo er seinem Volk zuruft: “Einen Propheten aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, gleich mir, wird der Herr, dein Gott, dir erwecken; auf ihn sollt ihr hören.”
“Einen Propheten … gleich mir.” Demnach war Mose ein Prophet, ein Darsteller großer Gottesgedanken und Heilstaten. Und die Ausführung Israels aus Ägypten war nur ein schwaches Schattenbild der allumfassenden Herausführung der gesamten Schöpfung aus Nacht und Finsternis, Tod und Verderben.
Das ist fürwahr ein gottgeziemendes Heil, eine Erlösung, die seiner Allmacht und Liebe entspricht, dass “keine Klaue”, nicht das geringste Unerlöste, zurückbleiben wird, wenn der Herr dereinst seine große, weltallweite Schöpfung der Vergänglichkeit und Sünde entreißen wird!
“Freiheit für alle Bewohner”
Nach Hebr. 10, 1 ist das Gesetz ein Schatten zukünftiger Güter oder Wohltaten. Das, was Gott in den Zeitaltern der Vollendung selber im Großen ausführen wird, lässt er als prophetischen Aufriss, gewissermaßen als Programm durch die mancherlei gesetzlichen Anordnungen vorschatten.
Lesen wir in diesem Lichte das Gesetz vom Jubeljahr! Wir finden es in 3. Mose 25, 8-13: “Du sollst dir sieben Jahrsabbate zählen, sieben Mal sieben Jahre, so dass die Tage von sieben Jahrsabbaten dir 49 Jahre ausmachen. Und du sollst … den Posaunenschall ergehen lassen; an dem Versöhnungstage sollt ihr die Posaune ergehen lassen durch euer ganzes Land. Und ihr sollt das Jahr des fünfzigsten Jahres heiligen und sollt im Lande Freiheit ausrufen für alle seine Bewohner. Ein Jubeljahr soll es euch sein, und ihr werdet ein jeder wieder zu seinem Eigentum kommen, und ein jeder zurückkehren zu seinem Geschlecht. Ein Jubeljahr soll dieses Jahr des fünfzigsten Jahres euch sein; ihr sollt nicht säen und seinen Nachwuchs nicht ernten und seine unbeschnittenen Weinstöcke nicht abschneiden; denn ein Jubeljahr ist es: es soll euch heilig sein; vom Felde weg sollt ihr seinen Ertrag essen. In diesem Jahr des Jubels sollt ihr ein jeder wieder zu seinem Eigentum kommen.”
Das 50. Jahr ist ein “Jobel”jahr, d. h. ein Halljahr oder Schalljahr, weil da die Lärmposaune geblasen wird. Man nennt dieses Jahr auch Heimholerjahr, weil alle Bewohner des Landes, die mit oder ohne Schuld in Knechtschaft und Sklaverei gerieten, wieder heimgeholt, in die Freiheit geführt werden. Die Geknechteten und Entrechteten werden nicht nur aus Fluch und Gefängnis frei, auch ihr früheres Besitztum wird ihnen wiedergegeben. Das bezeugt der 13. Vers.
Dieses wunderbare Gesetz vom Heimholerjahr gilt auch für die leblose Natur. Acker und Weinberg kommen nicht unter das Messer der Pflugschar und Rebschere, sondern dürfen sich erholen. Das heilige Jubeljahr wirkt sich in jeder Beziehung segensreich aus.
Was hier der Mensch kraft göttlicher Anordnung im Kleinen tut, ist ein schwacher prophetischer Schattenriss der Vollendungszeiten. Gott selber wird dereinst alles und jedes Geschöpf heimholen, zurecht- und zurückbringen. Kein menschlicher Mund vermag die Fülle von Wonne und Seligkeit auszusprechen, die dann offenbar wird.
Wann und wie das alles im Einzelnen geschieht, wissen wir nicht. Aber dass alles, was Gottes heilige Treue je verhieß, Wahrheit werden wird, das dürfen wir glauben und fassen. Manche Schriftausleger meinen, dass es, entsprechend der 49 Jahre im Heimholergesetz, 49 Äonen oder Zeitalter gebe, nach deren Ablauf Gott alles in die Freiheit seiner Herrlichkeit hineingestaltet haben wird. Ob es 5 oder 7 oder 12 oder 17 oder 49 Äonen gibt, wissen wir nicht. Denn soviel wir aus der Schrift ersehen, spricht sie darüber nicht eindeutig und klar. Und wo die Schrift schweigt, wollen wir in Demut und Ehrfurcht auch schweigen. Aber dass Gott mit allen seinen Kreaturen wunderbar zu seinem Ziele kommt, das ist vielfach und auf vielfältige Weise klar und herrlich bezeugt. Nicht endlose Qual und immerwährendes Verderben, sondern “Freiheit für alle” ist das Endziel der mannigfachen Gerichts- und Gnadenwege unseres großen Rettergottes. Wohl uns, dass wir das jetzt schon erfassen und erfahren dürfen!
“Alles brachte David zurück”
Auch David war in vielfacher Beziehung ein Christusdarsteller. Man betrachte daraufhin nur einmal seine Psalmen! Auch er schattet die Wiederbringung vor. Lesen wir das 30. Kapitel des 1. Buches Samuel! Die Amalekiter (zu deutsch: die zerschmeißenden Völker; Amalek = Mühe in der Tiefe) “hatten die Weiber und alle, die darin (d. i. in Ziklag) waren, gefangen weggeführt vom Kleinsten bis zum Größten; sie hatten niemand getötet, sondern sie hatten sie weggetrieben und waren ihres Weges gezogen. Und David und seine Männer kamen zu der Stadt; und siehe, sie war mit Feuer verbrannt und ihre Weiber und ihre Söhne und ihre Töchter waren gefangen weggeführt. Da erhoben David und das Volk, das bei ihm war, ihre Stimmen, und sie weinten, bis keine Kraft mehr in ihnen war zu weinen. Und auch die beiden Weiber Davids waren gefangen weggeführt, Ahinoam, die Jesreeliterin, und Abigajil, das Weib Nabals, des Karmeliters. Und David war in großer Bedrängnis, denn das Volk sprach davon, ihn zu steinigen; denn die Seele des ganzen Volkes war erbittert, ein jeder um seine Söhne und um seine Töchter. Aber David stärkte sich in dem Herrn, seinem Gott” (Vers 2-6).
David befragte nun den Herrn, ob er dem Feind nachjagen solle. Darauf bekam er die Zusicherung Gottes: “Jage nach, du wirst sie gewisslich erreichen und wirst gewisslich erretten” (Vers 8). Nicht seinem seelischen Schmerz, noch dem Bewusstsein seiner kriegerischen Tüchtigkeit gibt sich David hin. Er befragt den Herrn. Und auf dessen klare Weisung und Verheißung hin begibt er sich, seines Sieges völlig gewiss, an die Verfolgung der Feinde.
So steht auch von Christus geschrieben, dass er die Rettungsgedanken Gottes ausführen wird. Beide, der Herr und sein Vorbild David, bekamen göttliche Heilsaufträge zur Befreiung Gefangener aus den Banden des Feindes. “Hierzu ist der Sohn Gottes offenbart worden, dass er die Werke des Teufels löse (oder wieder gutmache)” (1. Joh. 3, 8).
Am Bach Besor (auf deutsch: fröhliche Botschaft!) ließ David 200 Mann zurück und jagte mit den restlichen 400 seinen Feinden nach. Ein ermatteter Ägypter, der Knecht eines Amalekiters, der zurückgeblieben war, führte ihn auf die Spur der Gegner. Diese waren “über die Fläche des ganzen Landes zerstreut, essend und trinkend und tanzend wegen all der großen Beute, die sie aus dem Lande der Philister und aus dem Lande Juda genommen hatten” (Vers 16).
David griff sie an und besiegte sie vollständig. Die Schlacht dauerte von der Dämmerung bis zum Abend des folgenden Tages. “Und David rettete alles, was die Amalekiter genommen hatten, und David rettete auch seine beiden Weiber. Und es fehlte ihnen nichts vom Kleinsten bis zum Größten und bis zu den Söhnen und den Töchtern und von der Beute bis zu allem, was sie ihnen genommen hatten; alles brachte David zurück. Und David nahm alles Kleinvieh und Rindvieh; sie trieben es vor dem andern Vieh her und sprachen: Dies ist die Beute Davids” (Vers 18-20).
Drei Mal wird darauf hingewiesen, dass David alles zurückbrachte und nichts verloren blieb: “David rettete alles”, “es fehlte ihnen nichts”, “alles brachte David zurück.”
So wird auch “der Spross Davids”, Christus, dereinst in seinem gesamten Herrschaftsgebiet, nämlich im ganzen weiten Weltenall, restlos alles zurückbringen, so dass nichts fehlen wird. Viele köstliche Vorbilder bezeugen diese Wahrheit, die überall in der Schrift, dem Auge des Glaubens deutlich erkennbar, niedergelegt sind.
“David wurde immerfort stärker, während das Haus Sauls immerfort schwächer wurde”
Der Kampf zwischen Saul und David ist von vorbildlicher Bedeutung. Während David ein Christusdarsteller ist, — man denke nur daran, dass viele Verheißungen, die scheinbar nur David gegeben sind, in Christus ihre Erfüllung finden! — ist Saul ein Abbild des Feindes. David heißt ja auf deutsch der Geliebte, Saul dagegen der Begehrer. Zwischen beiden entbrannte ein langer, erbitterter Kampf. Wir wollen nicht davon reden, wie die Gegner in verschiedenartiger Gesinnung und mit ganz entgegengesetzten Mitteln stritten. Nur die große Linie des Verlaufs wollen wir nachlesen: “Der Streit war lang zwischen dem Hause Sauls und dem Hause Davids; David aber wurde immerfort stärker, während das Haus Sauls immerfort schwächer wurde.”
Abner (zu deutsch: Vater des Lichts) wünscht und erstrebt, dass David eine volle Herrschaft ausübe. Das fasst er in die wunderbaren Worte zusammen: “… dass du über alles regierst, was deine Seele begehrt!” (Vers 21). Haben wir hier nicht ein köstliches Abbild der Tatsache, dass der Vater des Lichts seinem Christus alles unter die Füße gestellt hat und er herrschen muss, bis er Gottes ganzes Wohlgefallen aus- und durchgeführt hat? Lesen wir doch in Jes. 53, 10, dass das Wohlgefallen des Herrn in seiner Hand ans Ziel gebracht wird. Dazu kommt eine ganze Reihe unverhüllter, klarer Schriftaussagen aus dem paulinischen Briefgut, die uns noch höhere und herrlichere Gottesabsichten enthüllen.
Welchen Ausgang nahm nun der Streit zwischen David und Saul, der ein Abbild des Kampfes zwischen Christus und Satan ist? 1. Chron. 10 gibt uns die Antwort. Die Philister töteten Jonathan, Abinadab und Malkischua, die Söhne Sauls. Diese Schmach vermochte Saul nicht zu überleben und stürzte sich in sein eigenes Schwert.
Wir wollen in diesem Zusammenhang andeuten, dass sich hier große göttliche Gesetze offenbaren. Denn der Herr fängt seine Feinde durch deren eigene List, besiegt sie durch ihre eigenen Waffen. Nicht David und seine Getreuen töteten die Söhne Sauls, sondern die Philister. Nicht David nahm Saul das Leben, obwohl er oft dazu Gelegenheit hatte, nein, Saul brachte sich selber um.
Der 6. Vers berichtet klar und erschöpfend: “So starben Saul und seine drei Söhne; und sein ganzes Haus starb zugleich.” Wir wissen, dass aus dem Geschlecht Sauls, des Todfeindes Davids, zuletzt nur noch ein einziger Mann übrig blieb: Mephiboseth, zu deutsch: Schandbild oder Schandmaul. Ihn ließ David holen, nicht um sich an ihm zu rächen, sondern um Gnade und Güte an ihm zu erweisen und ihn als Freund und Tischgenossen in den Besitz und Genuss aller früheren Güter seines Vaters wieder einzusetzen.
Hier sehen wir die Art und Weise, wie der Herr seinen letzten Feind überwinden wird. Wenn schon David, ein irrender, sündiger Mensch, seine Feinde so zu lieben vermochte und sie durch Gnade und Güte beschämte und überwand, — wie viel mehr wird der Vater der Treue und Barmherzigkeit, der sich die Liebe nennt, an allen Wesen und Welten das Pauluswort wahr werden lassen, das wir in Römer 2, 4 lesen: “Weißt du nicht, dass die Güte Gottes dich zur Buße leitet?”
“Seid wachsam und bewahret es, bis ihr es darwäget”
In Esra 8, 24-34 lesen wir: “Ich sonderte von den obersten der Priester zwölf aus: Scherebja, Haschabja und mit ihnen zehn von ihren Brüdern; und ich wog ihnen das Silber und das Gold und die Geräte dar, das Hebopfer für das Haus unseres Gottes, welcher der König und seine Räte und seine Fürsten und ganz Israel, das vorhanden war, geschenkt hatten. Und ich wo in ihre Hand dar: 650 Talente Silber; und an silbernen Geräten: 100 Talente; und 20 goldene Becher zu 1000 Dariken; und zwei Geräte von goldglänzendem, feinem Erze, kostbar wie Gold. Und ich sprach zu ihnen: Ihr seid dem Herrn heilig, und die Geräte sind heilig; und das Silber und das Gold ist eine freiwillige Gabe für den Herrn, den Gott eurer Väter. Seid wachsam und bewahret es, bis ihr es darwäget vor den Obersten der Priester und der Leviten und den Obersten der Väter Israels zu Jerusalem, in die Zellen des Hauses des Herrn. Und die Priester und Leviten nahmen das dargewogene Silber und Gold und die Geräte in Empfang, um sie nach Jerusalem in das Haus unsres Gottes zu bringen. Und wir brachen auf von dem Flusse Ahawa am 12. des ersten Monats, um nach Jerusalem zu ziehen; und die Hand unseres Gottes war über uns, und er errettete uns von der Hand des Feindes und des am Wege Lauernden. Und wir kamen nach Jerusalem und blieben daselbst drei Tage. Und am vierten Tage wurden das Silber und das Gold und die Geräte im Hause unseres Gottes dargewogen … nach der Zahl, nach dem Gewicht von allem; und das ganze Gewicht wurde zu selbiger Zeit aufgeschrieben.”
Die Zurückführung Israels nach Jerusalem unter der Regierung des Königs Cyrus von Persien ist nicht nur ein geschichtliches Ereignis, das sich einmal vollzogen hat und nun keine weitere Bedeutung für die Heilsgeschichte hätte, — nein, sie ist zugleich Prophetie und Symbolik für das, was Gott selbst an der ganzen Schöpfung tun wird.
Dass geschichtliche Ereignisse zutiefst Prophetie sind, auch wenn das aus dem Wortlaut keineswegs hervorgeht, ersehen wir aus dem Vergleiche von Hosea 11, 1 mit Matth. 2, 15. Dort wird die Herausführung Israels aus Ägypten als Weissagung auf Schicksale im Jugendleben Jesu gedeutet. Erst diese Schau macht die Geschichte der inspirierten Schriften zur He i l s geschichte. Ohne diese inneren Beziehungen wäre jede andere Darstellung des Weltgeschehens den Berichten der Bibel mindestens ebenbürtig, wenn nicht überlegen.
Das Silber und das Gold, die heiligen Geräte des Tempels, wurden der Obhut von 12 Priestern anbefohlen. Sie erhielten den Auftrag, wachsam zu sein und alles zu bewahren, bis sie es genau nach Zahl und Gewicht in Jerusalem vor den Obersten der Priester und Leviten darwägen würden.
Am Wege lauerten Feinde, doch Gottes gute Hand war über den Beauftragten und errettete und bewahrte sie, so dass sie glücklich am Ziel ihrer Bestimmung ankamen. Nach drei Ruhetagen in der Stadt Gottes wurde alles dargewogen und nachgezählt. Durch Gottes Hilfe war nichts verloren gegangen noch geraubt worden.
Wenn schon diese 12 irdischen Priester in all ihrer Unvollkommenheit und Schwachheit das anvertraute Gut zum Ziel seiner Bestimmung trugen, wie viel mehr wird Christus, der wahre Hohepriester, alles, was ihm der Vater übergeben hat, ans Endziel der Herrlichkeit bringen!
Was aber hat der Vater seinem Sohn übergeben? In Matth. 11, 27 (Luk. 10, 22) bezeugt der Herr: “Alles ist mir von meinem Vater übergeben.” Und von dem, was ihm von seinem Gott und Vater anvertraut ist, lässt er nicht nur nichts zugrunde gehen, vermag ihm nicht nur der Feind nichts auf die Dauer zu entreißen, sondern er macht alles neu! Sagt er doch als der Erhöhte und Verklärte in Offb. 21, 5: “Siehe, ich mache alles neu!” Und dann fährt er fort, damit diese wichtige Tatsache nicht bezweifelt oder unterschlagen werde: “Schreibe, denn diese Worte sind gewiss und wahrhaftig!”
Nicht nur wird ihm einst alles unterworfen sein (1. Kor. 15, 27), sondern das ganze All wird auch zu ihm emporgehauptet werden (Eph. 1, 10). Dann aber übergibt sich der Sohn seinem Vater, auf dass endlich Gott alles in allem sei (1. Kor. 15, 28).
“Alles, was er tut, gelingt”
Der Psalter ist ein Christusbuch. Er handelt zutiefst vom Herrn. Auch da, wo die heiligen Schreiber scheinbar von sich selber reden, zielt ihr Zeugnis doch auf den Sohn Gottes. Denken wir z. B. nur an den 22. Psalm, wo David ausruft: “Sie haben meine Hände und meine Füße durchgraben … sie teilen meine Kleider unter sich, und über mein Gewand werfen sie das Los.” War ihm das wirklich widerfahren? Sollte es sich in Wahrheit nicht viel später wortwörtlich am Herrn vollziehen?
Wem galten letztlich die Loblieder des inspirierten königlichen Sängers? Etwa Israel oder den Nationen oder ihm selber? Nein! “Meine Gedichte”, so ruft er in Psalm 45, 1 aus, “dem Könige!” Diese Gedichte sind seine Psalmen, und der König ist Christus.
Bezeugt der Herr nicht selber, dass die Psalmen von ihm handeln? (Luk. 24, 44.) Wir finden im Matthäusevangelium, in der Apostelgeschichte und im Hebräerbrief eine Reihe klarer Zeugnisse, die uns bestätigen, dass der Psalter zutiefst auf den Herrn zielt, also im eigentlichen Grund ein Christusbuch ist.
Im 1. Psalm ist von einem glückseligen Mann die Rede, der sich von Gottlosen, Sündern und Spöttern absondert. Von ihm heißt er ferner, dass er seine Lust am Gesetz des Herrn hat und darüber Tag und Nacht sinnt. Was das “Sinnen über das Gesetz” bedeutet, wissen wir erst dann recht zu würdigen, wenn wir bedenken, dass das Gesetz im tiefsten Grunde Weissagung ist, wie Matth. 11, 13 geschrieben steht: “Alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt.” Für einen Geistesmenschen ist darum das Gesetz nicht eigentlich eine schwere Forderung, die er aus eigener Kraft erfüllen müsste, sondern Weissagung auf Christus hin.
Wie muss unser Herr in der Schrift gelebt haben, dass er nicht nur den Feind bei seiner Versuchung mit Worten Gottes widerlegt, sondern sogar noch am Kreuz in Psalmworten betet (22,1)! Wusste er doch, dass die Schrift letztlich von ihm selber handelt, wie er in Joh. 5, 39 bezeugt. Ferner erklärte er seinen jüngern “von Moses und von allen Propheten anfangend in allen Schriften (also auch im Psalter!) das, was ihn betraf” (Luk. 24, 27).
Von diesem glückseligen Mann, dem Christus, heißt es am Ende des dritten Verses in Psalm 1, dass alles, was er tut, gelingt und wohl gerät. Sein Erlösungswerk ist vollkommen, und die Früchte und Folgen seiner Heilstat werden ebenso umfassend und lückenlos sein. Nicht etliches und auch nicht das Meiste, sondern alles, was er will und wirkt, gerät. Nichts misslingt ihm, denn er hat nicht nur alles vorbedacht und vorher geplant, sondern auch vorher gewusst. Und weil seine Liebe alle seine Geschöpfe umfasst und er nicht den Tod eines einzigen Sünders will, wird er auch alle zu sich zurückführen. Er sinnt darauf, dass der Verstoßene nicht von ihm verstoßen bleibe, wie 2. Sam. 14, 14 sagt. Sein Sinnen und Sehnen wird sich aber über alle Maßen herrlich erfüllen. Fürwahr, “alles, was er tut, gelingt.”
“Kehret zurück, ihr Menschenkinder!”
In Psalm 90, 3 lesen wir: “Du lässt zur Zermalmung zurückkehren den Menschen und sprichst: Kehret zurück, ihr (oder: als) Menschenkinder!” Ein jeglicher Mensch sinkt in den Staub, kommt in die Zermalmung. Werden wir hier nicht an die Heilsprophetie Gottes im Paradies erinnert, wo er zur Schlange hinsichtlich des Weibessamens, des Christus, sagte: “Du, du wirst ihm (d. i. dem verheißenen Weibessamen) die Ferse zermalmen?”
Die Folge dieser Zermalmung ist, dass die Menschenkinder, also die Vielen, zurückkehren. Die Wiederbringung der Vielen beruht auf dem Tod des Einen. Der Eine aber, dessen Zermalmung die Rückkehr aller ermöglicht, ist Christus.
Wer dächte hier nicht an das wunderbare Wort von Sach. 9, 11.12, wo Gott seinem Volk zuruft: “Um des Blutes deines Bundes willen entlasse ich auch deine Gefangenen aus der Grube, in welcher kein Wasser ist. Kehret zur Festung zurück, ihr Gefangenen der Hoffnung! Schon heute verkündige ich, dass ich dir das Doppelte erstatten werde.” Das Bundesblut reicht aus, dass die Gefangenen aus der Grube ohne Wasser, dem Totenreiche, zurückkehren. Auch für die Gefangenen besteht auf Grund des Blutes des Bundes Hoffnung; das Doppelte dessen, was sie verloren und entbehrt haben, wird ihnen Gott dereinst erstatten.
Nicht nur die Gemeine wird zu ihrem Herrn und Haupt emporgehoben und mit ihm vereint, — das gesamte All erfährt eine Emporhauptung zu Christus, wie Paulus in Eph. 1, 9.10 lehrt: “Er hat uns kundgetan das Geheimnis seines Willens nach seinem Wohlgefallen, das er sich vorgesetzt hat in sich selbst für die Verwaltung der Fülle der Zeiten: das All unter einem Haupte gleichartig zusammenzufassen in dem Christus, das, was in den Himmeln, und das, was auf der Erde ist.” Das ganze All wird dem Haupt gleichgestaltet und mit ihm vereint. Welch eine gewaltige, das kühnste Sehnen aller Geschöpfe überragende Zusage! Nicht nur die Menschenkinder, sondern das All kehrt dereinst in seinen Ursprung zurück.
“Er kommt heim mit Jubel und trägt seine Garben”
Psalm 126, 5 spricht den Grundsatz aus, dass die, die mit Tränen säen, mit Jubel ernten werden. Der letzte Vers dieses Psalms redet aber nicht mehr wie der vorletzte allgemein und in der Mehrzahl, sondern handelt von einem, an dem sich der Grundsatz von Saat und Ernte herrlich bewahrheitet. Christus ist der letzte und eigentliche Erfüller aller und jeder Verheißung. Er ist das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. Das gilt auch hinsichtlich des Wortes Gottes: die Schrift zielt auf Christus.
Wer ist also wohl der, der unter Weinen hingeht und den Samen zur Aussaat trägt? Das ist doch kein beliebiger Bauersmann! Der weint doch nicht beim Säen! Es ist der Herr, dessen Weg über die verfluchte Erde ein schmerzvoller Gang durch das Tränental war. Und der Same, den er ausstreute, war niemand anders als er selbst.
“Du starbest selbst als Weizenkorn
und sankest in das Grab.”
Diesem weinenden Hingehen auf den Acker der Welt folgt eine jubelnde Heimkehr. Denn aus dem einen Weizenkorn sind viele reiche Garben geworden. Ein errettetes, verklärtes All ist die Frucht des einen Weizenkornes, das sich aus Liebe zur verlorenen Schöpfung in die dunkle Erde senken ließ.
Christus kehrt dereinst nicht leer zurück. Das lesen wir schon in Jes. 55, 10.11: “Gleichwie der Regen und der Schnee vom Himmel herabfällt und nicht dahin zurückkehrt, er habe denn die Erde getränkt und befruchtet und sie sprossen gemacht und dem Sämann Samen gegeben und Brot dem Essenden: also wird mein Wort sein, das aus meinem Munde hervorgeht; es wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern es wird ausrichten, was mir gefällt, und durchführen, wozu ich es gesandt habe.”
Man darf diese Stelle auf das gesprochene oder geschriebene Wort Gottes beziehen. Das ist ohne Zweifel richtig. Wer aber ist Gottes Wort im tiefsten Grunde? Zwei Schriftzeugnisse sollen uns die Antwort geben. Zunächst Joh. 1, 1-3: “Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ward durch dasselbe, und ohne dasselbe ward auch nicht eines, das geworden ist.” Daraus geht klar hervor, dass der Sohn Gottes das Wort ist, der logos ist.
Lesen wir dazu Offb. 19, 11-13: “Ich sah den Himmel geöffnet, und siehe, ein weißes Pferd, und der darauf saß, ‘Treu und Wahrhaftig’, und er richtet und führt Krieg in Gerechtigkeit. Seine Augen aber sind eine Feuerflamme, und auf seinem Haupte sind viele Diademe, und er trägt einen Namen geschrieben, den niemand kennt als nur er selbst. Und er ist bekleidet mit einem in Blut getauchten Gewande, und sein Name heißt: Das Wort Gottes.”
Der “Treu und Wahrhaftig”, der uns hier in seiner richterlichen Herrlichkeit geschildert wird, Christus, heißt: Das Wort Gottes! Gottes Wort, sein Christus, kehrt nicht leer zu ihm zurück. Er richtet alles restlos aus, was dem Vater gefällt, und führt das alles durch, wozu er gesandt ist. Was gefällt denn Gott wohl? Hat er etwa Wohlgefallen am Tode des Gesetzlosen? Nein, sondern vielmehr daran, dass sich der Gottlose bekehre und lebe! Und dieses Wohlgefallen wird der logos Gottes völlig ausrichten.
Und wozu hat der Vater seinen Sohn gesandt? Das sagt der Herr selbst in Joh. 3,17: “Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, auf dass er die Welt richte, sondern auf dass die Welt durch ihn errettet werde.” Nicht Gericht, sondern Errettung ist der eigentliche Zweck der Sendung Jesu Christi. Gericht und Verdammnis sind wohl der Weg, das Ziel jedoch sind Heil und Herrlichkeit.
Wenn Christus am Ende aller Wege Gottes mit Jubel heimkehrt, wird er überreiche Garben tragen, nämlich eine rettende und verklärte Schöpfung seinem Vater darstellen, wie der Dichter sagt:
“Wenn Er im neuen Leben
die ausgesöhnte Welt
Ihm, der sie Ihm gegeben,
vors Angesicht gestellt.”
“… bis er es findet …”
Ein weiteres Vorbild der Wiederbringung finden wir in dem Gleichnis vom guten Hirten oder, wie man unter Verschiebung des Schwerpunktes gewöhnlich sagt, vom verlorenen Schaf. Erinnern wir uns an Lukas 15, 1-7! Nur ein Umstand soll uns hier beschäftigen, nämlich der, wie lange der gute Hirte dem verlorenen Schaf nachgeht.
Man sagt gewöhnlich, dass die Gnade beschränkt sei und nach ihrem Ablauf nichts anderes mehr übrig bleibe als Gericht. Man verwechselt dabei Gericht und Verdammnis und schiebt ferner dem Ausdruck “äonische Pein” den unbiblischen Begriff der Endlosigkeit unter. In ernster Betonung des Wortes aus Hiob 33, 29, dass Gott zwei- bis drei Mal versucht, die Seele des Menschen von der Grube abzuwenden, glaubt man, dass nach mehrmaligem Anpochen des Herrn an das Menschenherz denen, die ihm nicht öffnen und Eingang gewähren, keinerlei Möglichkeit mehr gegeben sei, das Heil zu erlangen.
In gut gemeinter Absicht will man Sünder bewegen, die gegenwärtige Gnade zu ergreifen. Aber verunehrt man mit einer solchen Auffassung nicht Gott? Setzt man sich damit nicht zu den klaren Aussagen der Schrift in Widerspruch? Wie lange geht der gute Hirte dem Verlorenen nach? Bis seine Geduld erschöpft ist? Bis die Gnadenzeit abgelaufen ist? Bis eine Verstockung seinem Wirken ein Ende setzt? Nein! — bis er es findet!
Aber ob er alles Verlorene wohl finden wird? Und ob es ihm wohl gelingen wird, auch seine Feinde in seine Hand zu bekommen und zur Umkehr zu bringen? Statt vieler Zeugnisse mögen uns einige wenige Stellen aus dem Psalter diese Fragen beantworten:
Ps. 21, 8: “Deine Hand wird finden alle deine Feinde, finden wird deine Rechte deine Hasser.”
Ps. 6, 10: “Alle meine Feinde werden beschämt und sehr bestürzt werden; sie werden umkehren, sie werden plötzlich beschämt werden.”
Ps. 22, 27: “Es werden eingedenk werden und zu dem Herrn umkehren alle Enden der Erde; und vor dir werden anbetend niederfallen alle Geschlechter der Nationen.”
Ps. 51, 13: “Lehren will ich die Übertreter deine Wege, und die Sünder werden zu dir umkehren.”
Der gute Hirte geht dem Verlorenen nach, bis er es findet. Und wenn er es gefunden hat, so straft und quält er es nicht, sondern “er legt es mit Freuden auf seine Schultern” und trägt es nach Hause. So wirkt und wacht und waltet seine Liebe, bis er auch den letzten Verlorenen aus Nacht und Gottesferne zu sich heimgebracht hat.
“Ich werde alle zu mir ziehen”
In Joh. 12, 32 sagt der Herr: “Und ich, wenn ich erhöhet bin von der Erde, werde ich alle zu mir ziehen.” Jesus spricht von seiner Erhöhung von (wörtlich: aus!) der Erde. Der Evangelist bezieht dieses Wort entsprechend der Blickweite, die ihm gegeben ist, auf den Tod des Herrn.
Viel weiter schaut das Glaubensauge des Lukas in der Apostelgeschichte. Er sieht die Himmelfahrt Christi (1, 8.9.11). Hebräer 4, 14 aber spricht davon, dass Jesus “durch die Himmel hindurchgegangen” ist, bezeugt also eine noch umfassendere Erhöhung als die Apostelgeschichte und das Johannesevangelium.
Paulus jedoch, der Apostel der Fülle, lehrt, dass Christus “über alle Himmel hinüber” gegangen ist (Eph. 4, 10). Das ist ein gar gewaltiges Zeugnis! Das ist eine Erhöhung, die alle irdischen Maße und Vergleiche hinter sich lässt.
Je nach diesen vier Stufen der Erhöhung, ans Kreuz, in den Himmel, durch die Himmel und über alle Himmel hinüber, sind auch die Auswirkungen verschieden. Betrachten wir z. B. die göttliche Zweckbestimmung, die Paulus an sein Zeugnis über die Erhöhung Christi anschließt! Sie lautet knapp und klar: “… auf dass er das All in die Fülle führe.”
Auf Grund des Wortes von Joh. 12, 32 könnte man glauben, dass der Herr unter den “alle” nur seine israelitischen Jünger verstanden wissen wollte. Das ist auch zunächst der Fall. Aber der vollendete und verklärte Christus führt all das im Vollmaß und in Herrlichkeit durch, was er in seiner Erniedrigung nur als Anfänge getan und gelehrt hat (Apg. 1, 1).
Das ganze All (griechisch: ta panta) soll durch den über alle Himmel Erhöhten in seine Fülle, also zu ihm selbst geführt werden. Und ohne jeden Zweifel wird dieses Ziel über alle Maßen herrlich erreicht werden.
In Gericht und Gnade wird der Herr, getreu seinen Zusagen, alle durch Tod und Auferstehung zu sich ziehen. Gleichwie in Adam alle sterben, so werden auch in ihm, dem Haupt der neuen Schöpfung, alle ins Leben geführt werden (1. Kor. 15, 22).
Wer wollte angesichts so klarer Schriftzeugnisse noch daran zweifeln, dass Gott nicht nur will, dass alle errettet werden (1. Tim. 2, 4), sondern auch wirklich ein Erretter aller Menschen ist (1. Tim. 4, 10)? In eindeutigen Schriftworten und in vielen feinen, dem natürlichen Auge verborgenen Hinweisen enthüllt sich Gott dem Glauben als großer Wiederbringer aus Toten, der alles zuvorersehen, zuvorgeplant hat und nach Äonen voll Finsternis und Feindschaft, Tod und Verdammnis, gemäß seinem Wort, alles in allem sein wird.
Ihm sei Lob und Anbetung für das, was er durch Gericht und Gnade wirkt, und für das, was er seinem innersten Wesen nach ist und immer sein wird!
(Quelle: “Christus der Herr und andere biblische Aufsätze”, 1938; Verlag “Wort und Geist”, Essen-Rellinghausen)


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