Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Jesus Christus der Herr

Autor: Heller, Adolf  |  Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Lehre  |  596 x gelesen

Es gibt viele Götter und viele Herren im Himmel und auf Erden. Aber für uns ist, sofern wir im Glauben stehen, nur ein Gott, der Vater, aus welchem das All ist und wir für ihn, und ein Herr, Jesus Christus, durch welchen das All ist und wir durch ihn. Das lehrt der Apostel in 1. Kor. 8, 5.6. Herren gibt es mancherlei und viele. Doch über ihnen allen steht der Herr aller Herren, dessen Name lautet: das Wort Gottes (Offb. 19, 11-16). Unserm deutschen Wort Herr oder Meister entsprechen folgende griechische Ausdrücke:

  1. Kyrios = Herr, Besitzer, Gebieter;
  2. despotees = Beherrscher, Eigentümer;
  3. oikodespotees = Hausherr, Hausregent, Hausvater;
  4. epistatees = Befehlshaber, Schirmherr, Helfer;
  5. didaskalos = Lehrer, Führer, Ratgeber;
  6. kateegeetees = Lehrherr, Erzieher;
  7. rabbi = Größter, Meister;
  8. rabbuni = mein Lehrer.

Dem Ausdruck kyrios begegnen wir über 600-mal in Neuen Testament. In den Evangelien und in der Apostelgeschichte wird Jesus meist mit dieser Bezeichnung angeredet und benannt. Auch die übrigen Schriften griechischer Sprache gebrauchen das Wort kyrios sehr häufig. In ihm liegt die Wahrheit beschlossen, dass Jesus Christus unser rechtmäßiger Herr, unser alleiniger Besitzer und demzufolge auch unser Gebieter ist.

Christus ist unser kyrios hinsichtlich unsrer Errettung. “Jeder, der irgend den Namen des Herrn anrufen wird, wird errettet werden”, lesen wir in Römer 10, 13.

Auch unser Wandel steht in Beziehung und Verbindung mit Christus, dem Herrn. Hört doch Paulus nicht auf, für die Kolosser darum zu beten und zu bitten, dass sie “würdig des Herrn wandeln” (1, 10).

Unser fester Stand ist ebenfalls “im Herrn” (en kyrioo), wie uns in 1. Thess. 3, 8 bezeugt wird: “Jetzt leben wir, wenn ihr feststehet im Herrn”. Unsre Stellung, die wir kraft der Berufung Gottes zu Christus einnehmen, ist die der Gliedschaft seines Körpers oder Leibes. Was unsre Stellung angeht, so ist Christus unser Haupt und wir sind sein Leib, seine Fülle oder sein Vollmaß. Im Blick auf unsern Wandel und unsern praktischen Zustand aber ist er immer Herr, und wir sind seine Knechte oder Sklaven. Darum lesen wir z. B. auch in 2. Tim. 2, 24: “Ein Knecht des Herrn soll nicht streiten, sondern gegen alle milde sein, lehrfähig, duldsam …”

Während also unsre Segnungen, deren wir ohne irgendeine Veranlassung oder ein Dazutun unsererseits teilhaftig sind, “in Christo” sind, ist unsre Stellung, unser praktischer Wandel, unser gehorsames Untertansein stets “im Herrn”. Diese Unterscheidung, bzw. die unzerreißbare Zusammengehörigkeit dieser beiden Seiten ist von Bedeutung. Ihr Nichtverstehen hat oft Entgleisungen nach der einen oder andern Seite gebracht, scheinbare Widersprüche im Lehrbild der Gemeine erzeugt und Verwirrung geschaffen.

Christus der Herr! Das ist die kürzeste Formel, auf die man das Bekenntnis der gläubigen Gemeine bringen kann. Es ist aber nicht nur eine oft mehr oder weniger inhaltlose, erstarrte Bekenntnisformel, sondern auch heilsgewisses Hoffnungsgut und Prophetie im Blick auf alle Wesen und Welten, sowohl der himmlischen und irdischen als auch der unterirdischen. Denn Christus wurde deshalb von Gott erhöht und hat zu dem Zweck einen Namen bekommen, der über jeden Namen ist, “auf dass in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge frohlocke, dass Jesus Christus Herr ist zur Ehre Gottes, des Vaters” (Phil. 2, 9.10).

Eine andre Bezeichnung für Herr ist despotees. Von diesem Wort ist Despot abgeleitet, das bei uns meist einen üblen Beigeschmack hat. Der Ausdruck despotees kommt zehnmal im Neuen Testament vor. So betete z. B. der greise Simeon, als er das Jesusknäblein auf den Armen hielt, zu Gott: “Nun, Herr (despotees), entlässest du deinen Knecht nach deinem Wort in Frieden, denn meine Augen haben dein Heil gesehen” (Luk. 2, 29.30).

Als Petrus und Johannes nach ihrer Gefangennahme wegen des Heilungswunders an der Pforte des Tempels entlassen waren und zu den Ihrigen kamen, beteten diese zu Gott, dem despotees (Apg. 4, 24). Sie beriefen sich dabei auf dessen Schöpfermacht (Vers 24) und Verheißungen (Verse 25.26). In diesem Zusammenhang sprachen sie die wunderbare Wahrheit aus, dass Herodes, Pontius Pilatus, die Nationen und die Völker Israel in ihrem Toben gegen den Herrn und seinen Christus doch nur das tun konnten, was Gottes Hand und Ratschluss zuvorbestimmt hatte, dass es geschehen sollte (Vers 27, 28).

In 2. Tim. 2, 20 wird die Erde mit einem großen Haus verglichen, in dem allerlei Gefäße (Geräte oder Werkzeuge) sind, solche zur Ehre (Wertschätzung, Würde oder Rang) und andre zur Unehre (Verachtung, Ehrlosigkeit oder Schande). Wer sich von den Schandoder Zerrgefäßen hinwegreinigt, sich innerlich und, wo es sein muss, vielleicht auch äußerlich scheidet, wird “ein Gefäß zur Ehre, geheiligt, nützlich dem Gebieter (despotees), zu jedem guten Werke bereitet” (Vers 21).

Nicht nur Gott, sondern auch Christus wird oft despotees genannt. Und zwar immer dann, wenn es sich darum handelt, dass er Herrscher und Eigentümer seiner Geschöpfe ist und mit ihnen zu tun vermag, wie er will.

Ein Kennzeichen falscher Prophetie und sektiererischer Lehre besteht nach 2. Petr. 2, 1 darin, dass man den despotees, den Herrscher oder Eigentümer, verleugnet, der uns erkauft hat. Das durch verleugnen verdeutschte Wort arneomai könnte man auch mit verweigern, verschmähen oder vermissen lassen übersetzen. Wie ernst und gewissenweckend ist doch dieses Zeugnis im Lichte der letztgenannten Bedeutung! Falsche Prophetie und sektiererische Lehre verleugnet Christus als Gebieter, lässt die Auswirkung der Wahrheit vermissen, dass Christus in jeder Beziehung unser Herrscher und Eigentümer ist.

Glichen wir, von dieser Seite gesehen, trotz hohen und herrlicher Erkenntnisse nicht manchmal falschen Propheten? Ähnelte unser “Christentum”, obwohl man uns nicht eine einzige “Irrlehre” nachweisen konnte, in der täglichen Praxis nicht oft der Sektiererei? Es ist so wichtig, dass wir den Ernst solcher biblischen Zeugnisse nicht abschwächen, indem wir sie als nicht für uns, die Gemeinde des Leibes des Christus, geltend erachten und bezeichnen. “Alle Schrift” ist nütze zur Zurechtweisung (2. Tim. 3, 16); also haben wir uns auch durch die nichtpaulinischen Schreiben überführen und belehren zu lassen. Wenn Gottes Wort nicht mehr an Herz und Gewissen wirkt, sondern nur noch ein theologisches Nachschlagebuch ist, dessen Inhalt wir auf die verschiedenen Äonen und Körperschaften verteilen, dann sind wir auf einem bedenklichen Punkt der Erstarrung und Verarmung angelangt.

Auch Judas 4 spricht von gewissen Menschen, die sich in gläubige Kreise eingeschlichen haben, “die schon vorlängst zu diesem Gericht zuvor aufgezeichnet waren, Gottlose, welche die Gnade unseres Gottes in Ausschweifung verkehren und unsern alleinigen Gebieter und Herrn (despotees kai kyrion) Jesum Christum verleugnen.” Diese Leute redeten auch von der Gnade Gottes, aber sie benützten sie zum Deckmantel ihrer Ausschweifungen und Bosheiten (1. Petr. 2, 16). Zwar leugneten sie nicht Jesus als Sohn Gottes und Erlöser, aber er war nicht ihr alleiniger (oder einziger) Gebieter und Herr!

Finden wir nicht diese Gefahr in unserm eignen Herzen, in unserm allerpersönlichsten Leben wieder? Halten wir fest, dass eine unerlässliche Seite des vollkommenen Christusbildes die ist, dass der Herr unser Beherrscher und Eigentümer ist, dessen Namen wir nicht nur mit den Lippen bekennen wollen, sondern dessen Anrecht an uns wir in jeder Beziehung auszuleben bestrebt sein sollten.

Die Seelen unter dem Altar von Offb. 6, 9-11 “riefen mit lauter Stimme und sprachen: Bis wann, o Herrscher (despotees), der du heilig und wahrhaftig bist, richtest und rächst du nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?” (Vers 10.) Ihr Gebet richtet sich nicht an den Vater der Barmherzigkeit, sondern an den heiligen und wahrhaftigen despotees; sie flehen auch nicht um Gnade und Erbarmen, sondern fordern Gericht und Rache. Schon daraus erkennen wir, dass es sich bei ihnen nicht um Glieder des Leibes des Christus handelt, die ja in ihrer Gesinnung ihrem Herrn und Haupt völlig gleichgestaltet werden. Wir haben es vielmehr mit noch nicht vollendeten Märtyrern der Drangsalzeit zu tun. Sie kennen, wenn wir so sagen wollen, Gott nur von außen, sehen in ihm den heiligen Richter und Rächer, haben aber sein ureigentliches und innerstes Lichts- und Liebeswesen noch nicht völlig verstanden. Darum tadelt sie auch Gott nicht wegen ihrer Bitte, da diese ja von ihrem Standpunkt und ihrer Erkenntnisstufe aus durchaus gerechtfertigt und begreiflich ist.

Eine dritte Bezeichnung für Herr ist oikodespotees. Es ist das gleiche Wort wie oben, nur mit oikos = Haus verbunden. Es heißt also Hausherr oder Hausregent. Im Ganzen finden wir es zwölfmal in den heiligen Büchern griechischer Sprache, und zwar nur in den ersten drei Evangelien. So sagt z. B. der Herr in Matth. 10, 24.25: “Ein Jünger ist nicht über den Lehrer und ein Knecht nicht über den Herrn. Es ist dem Jünger genug, dass er sei wie sein Lehrer und der Knecht wie sein Herr. Wenn sie den Hausherrn (oikodespotees) Beelzebub genannt haben, wie viel mehr seine Hausgenossen!” Jesus nennt sich Hausherr und seine Jünger Hausgenossen oder zum Haushalt Gehörige.

In Matth. 13, 27 spricht der Herr von sich als von einem oikodespotees, einem Haushalter, dem ein göttlicher Haushalt anvertraut ist. Er erklärt seinen Knechten, dass er alles, sowohl das Gute als auch das Böse, ausreifen lässt und offenbart damit wichtige Grundlinien für den damaligen Haushalt Israels, in dem es ja nicht zur Aufrichtung des verheißenen messianischen Königreiches kam, sondern dessen “Ernte” weit hinausgeschoben wurde.

Matth. 13, 52 bezeichnet einen im Reich der Himmel unterrichteten Schriftgelehrten als Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorbringt, und in Matth. 20 vergleicht Jesus sich selbst mit einem Hausherrn, der frühmorgens ausging, um Arbeiter in seinen Weinberg zu dingen (vgl. 21, 33).

In Matth. 24, 43 spricht Jesus von seinen Jüngern als von Hausherrn, die wachen und bereit sein sollen (vgl. Luk. 12, 39) und bezeichnet sich in Luk. 13, 25 als Hausherrn, der die Tür des Reiches Gottes verschließt. Auch im Gleichnis vom großen Abendmahl nennt er sich so (Luk. 14, 21).

Sechsmal, und zwar nur bei dem Evangelisten Lukas, lesen wir von Jesus als dem epistatees = Befehlshaber, Schirmherr oder Helfer. Wörtlich genommen ist ein epistatees einer, der über einer Sache steht, der völlige Einsicht hat und dadurch alles kann und vermag. Gewöhnlich wird dieses Wort mit “Meister” wiedergegeben. Wir finden diesen Ausdruck in Luk. 3, 5; 8, 24.45; 9, 33.49 und 17, 13. Jedesmal waren die Jünger in Not oder in einer gewissen Spannung, wenn sie diese Anrede gebrauchten.

Wie viel Trost und Ermunterung liegen auch für uns in dieser Benennung! Der Herr steht über allem und allen; er ist Befehlshaber jeder Gewalt im Himmel, auf Erden und unter der Erde; nichts und niemand kann sich ihm auf die Dauer widersetzen; er ist Schirmherr und Helfer der Seinen. Benötigen wir nicht immer wieder trotz der hohen und herrlichen Erkenntnisse, die wir als Glieder seines Körpers haben, dieser grundlegend einfachen und doch so wichtigen Wahrheit für unsern täglichen Wandel mit seinen Ängsten und Zweifeln, seinen Fehlern und Befürchtungen? Christus ist nicht nur Besitzer, Herrscher und Hausherr, sondern auch starker Helfer und getreuer Schirmherr. Lösen solche Durchblicke und Einsichten nicht vertiefte Freude und vermehrte Hingabe in unserm Herzen und Leben aus? Der Herr sei gelobt für alles, was er ist!

Den Ausdruck didaskalos = Lehrer, Führer oder Ratgeber lesen wir 58-mal im griechischen Text. Besonders in den Evangelien wird der Herr oft so genannt. Der Wert des Lehrdienstes innerhalb der Gemeinde wird sonderlich in den Briefen stark betont. Wir denken etwa an die verschiedenen Dienste in der Übergangszeit vom Reich zur Gemeine, wo noch Wunder, Heilungen und Sprachen eine wichtige Rolle spielten. So heißt es z. B. in 1. Kor. 12, 28-30: “Gott hat etliche in der Gemeine gesetzt: erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer, sodann Wunderkräfte, sodann Gnadengaben der Heilungen, Hilfsleistungen, Regierungen, Arten von Sprachen. Sind etwa alle Apostel, alle Propheten, alle Lehrer? Haben alle Wunderkräfte? Haben alle Gnadengaben der Heilungen? Reden alle in Sprachen? Legen alle aus?” Oder wir erinnern uns an Eph. 4, 11, wo außer den beiden grundlegenden Diensten der Apostel und Propheten nur noch deren drei genannt werden: der Evangelistendienst zur Mehrung, der Hirtendienst zur Klärung und der Lehrdienst zur Belehrung der Gemeine.

In 1. Tim. 2, 7 und 2. Tim. 1, 11 bezeichnet sich Paulus als “Lehrer der Nationen” und spricht in 2. Tim. 4, 3 ernst und eindringlich von einer Zeit, da man die gesunde Lehrer nicht erträgt, sondern sich entsprechend seiner eignen Lüste Lehrer aufhäuft. In dieser Zeit des Zerfalls soll ein geistlicher Sohn seinen gottverordneten Dienst vollführen “mit aller Langmut und Lehre” (Vers 2 und 5).

Lehrdienst ist auf der einen Seite schwer und verantwortungsvoll. Das ersehen wir aus Jak. 3, 1, wo wir lesen: “Seid nicht viele Lehrer, meine Brüder, da ihr wisset, dass wir ein schwereres Urteil empfangen werden.” Andrerseits aber sollen solche, die dazu berufen und ausgerüstet sind, nicht hinter ihrem gottgewollten Auftrag zurückbleiben, wie der Schreiber des Hebräerbriefes in 5,12 ermahnt: “Da ihr der Zeit nach Lehrer sein solltet, bedürfet ihr wiederum, dass man euch lehre …” In 6, 1 ermuntert er: “Lasst uns fortfahren zum vollen Wuchse und nicht wiederum Grund legen …”

Der vollkommenste didaskalos — ein Didaktiker ist jemand, der die Gesetze und Regeln der Erziehung beherrscht und richtig anwendet — ist Gott in Christo Jesu. Darum ruft schon Hiob in 36, 22 anbetend aus: “Siehe, Gott handelt erhaben in seiner Macht; wer ist ein Lehrer wie er?”

Katheegeetees heißt Lehrherr oder Erzieher. Es ist einer, der zu einer Sache Anleitung gibt, den Weg weist und selber vorangeht. Ein rechter katheegeetees tut das, was er von andern verlangt, zuerst, macht den Anfang dessen, was verrichtet werden soll. Diese Bezeichnung, die im Blick auf die Person unseres Herrn soviel Feinheiten in sich birgt, finden wir nur zweimal: in Matth. 23, 8.10. Dort sagt Jesus: “Einer ist euer Lehrer; ihr alle aber seid Brüder … Lasst euch nicht Meister nennen, denn einer ist euer Meister, der Christus.”

In diesem Kapitel rückt der Herr das Verhalten der Schriftgelehrten und Pharisäer, die sich auf den Stuhl Moses gesetzt haben, ins rechte Licht. Offen und schonungslos spricht Jesus von ihrer Anmaßung und Ehrsucht, von den Lasten, mit denen sie die Menschen drücken und schier erdrücken. Er warnt seine Jünger, sich nicht katheegeetees nennen zu lassen, sondern ihre Ehre im Dienst und ihre Erhöhung in der Erniedrigung zu suchen.

Hat sich nicht auch in die Kreise der wahrhaft Gläubigen viel von pharisäerhafter Herrschsucht und törichtem Dünkel der Schriftgelehrsamkeit eingeschlichen? Wie viel Rechthaberei und Wortstreit, wie viel Trennung und Anfeindung finden wir gerade auf dem allerheiligsten Gebiet des Glaubenslebens in Kirchen und Kapellen, Vereinen und Bünden von den größten Organisationen bis zu den kleinsten Hauskreisen! Fände das Herrenwort von Matth. 23, 8.10 mehr Beachtung, so wäre vieles anders und besser. Da würde Gott weniger verunehrt, der Glaube nicht mehr geschmäht und der Friede der Gläubigen nicht dauernd erschüttert. Bei aller ehrlichen Bereitschaft, uns von den Brüdern sagen zu lassen und von jedem zu lernen, können wir jedoch nur einen einzigen Lehrherrn und Erzieher völlig anerkennen, uns nur einer Führung rückhaltlos und ohne Bedingung anvertrauen, nämlich derjenigen Christi. Lassen wir uns weder Meister nennen noch in die Unterordnung und Knechtschaft andrer “Meister” bringen, denn “einer ist euer Meister, der Christus”!

Dass wir, was unsre Berufung und Stellung angeht, nicht im Jünger- und Schülerverhältnis zu Jesus als unserm Lehrherrn und Erzieher stehen, sondern als seine Glieder mit ihm, unserm erhöhten und verklärten Haupt aufs engste und innigste verbunden sind, braucht hier nur erwähnt zu werden. Aber in unserm praktischen täglichen Leben, in unserm Wandeln und Werden und Wachsen, bleibt der Herr allezeit unser Lehrer und Erzieher, unter dessen Anleitung und Wegweisung wir hier immer nur Lernende sein werden.

Rabbi (wörtlich Großer oder Größter) wird gewöhnlich durch Meister verdeutscht. 15-mal, und zwar nur in den Evangelien, finden wir diesen Ausdruck. Meist wird Jesus so genannt, aber auch der Täufer wird so bezeichnet. Die Anrede rabbi ist ein besonderer Ehrentitel jüdischer Gesetzeslehrer. So sagt z. B. Nikodemus zum Herrn: “Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer (didaskalos) bist, von Gott gekommen” (Joh. 3, 2). Dem Täufer berichteten seine Jünger: “Rabbi, der jenseits des Jordans bei dir war, dem du Zeugnisgegeben hast, siehe, der tauft, und alle kommen zu ihm.”

Verwandt mit rabbi ist rabbuni, eine ehrende Anrede für hervorragende jüdische Gesetzeslehrer. Rabbuni heißt etwa “mein geehrter Lehrer” oder “mein hoher Lehrherr”. So spricht Bartimäus von Jericho, der blinde Sohn des Timäus, Jesus an, als er darum bat, sehend zu werden (Mark. 10, 51). Auch Maria Magdalena redete, als sie in dem vermeintlichen Gärtner den Auferstandenen erkannte, den Herrn mit rabbuni an (Joh. 20, 16).

Ein blinder Bettler und ein geängstetes, weinendes Weib nennen den Herrn mit dem höchsten Ehrentitel, den es damals im religiösen Kult gab. Die Großen und Hohen aber sahen nichts von Christi Herrlichkeit, sondern verachteten, schmähten und töteten ihn durch die Hand von Gesetzlosen. Ist das nicht bezeichnend? Genau das Gleiche finden wir bei seinen Nachfolgern und Jüngern, seinen Aposteln und Propheten, seinen Miterben und Leibesgliedern. Wurde nicht auch der Apostel Paulus von den Philosophen Athens “Schwätzer” genannt (Apg. 17, 18) und von seinen eignen Gemeinden nur zum Teil anerkannt (2. Kor. 1, 14)?

Je ärmer und kleiner wir in unsern eignen Augen sind, um so herrlicher und beseligender erstrahlt uns die Größe Christi, unsers Herrn und Hauptes. Wer jedoch in sich selber satt und zufrieden ist, wer hinsichtlich seines Lebensinhaltes und seiner Lebensgestaltung keinerlei Not und Mangel empfindet, der braucht keinen Herrn, sondern wähnt, sein eigner Gebieter zu sein.

Wohl uns, dass es Gott wohlgefallen hat, uns als Erstlingen seiner Schöpfung Christum als Herrn und Haupt, als Eigentümer und Befehlshaber, als Führer und Erzieher, als Meister und Lehrer zu geben! Möchte sich die Heilstatsache, welche dereinst alle Zungen lobpreisend bekennen werden, nämlich dass Jesus Christus Herr ist zur Ehre Gottes des Vaters, in unserm täglichen Leben allezeit auswirken!

(Quelle: “Christus der Herr und andere biblische Aufsätze”, 1938; Verlag “Wort und Geist”, Essen-Rellinghausen)

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