Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Fördernde Umstände für das Evangelium

Autor: Geyer, Karl  |  Kategorie(n): Glaubensleben & Wandel, Hingabe, Paulus  |  645 x gelesen

“Ich will aber, dass ihr wisset, Brüder, dass meine Umstände mehr zur Förderung des Evangeliums geraten sind, so dass meine Bande in Christo offenbar geworden sind in dem ganzen Prätorium und allen anderen, und dass die meisten der Brüder, indem sie im Herrn Vertrauen gewonnen haben durch meine Bande, viel mehr sich erkühnen, das Wort Gottes zu reden ohne Furcht” (Phil. 1, 12-14).

Von der Seite des Menschen aus gesehen, schien der Lauf der Frohbotschaft nie so sehr gehemmt, als durch die Gefangennahme des Apostels der Nationen. In der Prätorianerkaserne zu Rom an einen Kriegsknecht gekettet, konnte er nicht weit gehen und hatte keine Gelegenheit mehr, Reisen in heidnische Länder zu machen. Gott hatte seinen treuen Knecht abgeschnitten von der äusseren Freiheit und damit scheinbar dem Siegeslauf des Evangeliums selbst ein vorläufiges Ende gesetzt.

Hätte ein Mensch so gehandelt, seinen treuesten Diener und besten Mitarbeiter vom Arbeitsfeld hinwegzunehmen, man müsste ihn töricht heißen. Das Törichte Gottes aber ist weiser, als die Weisheit der Menschen (1. Kor. 1, 18-31). Je schwächer das Werkzeug ist und je geringer die Betätigungsmöglichkeiten, um so herrlicher ist der Erfolg, um so reifer und köstlicher die Frucht.

Paulus sitzt im Herzen der antichristlichen Weltmacht seiner Zeit. Ihr stehen alle äusseren Machtmittel zur Verfügung. Er ist scheinbar hilflos in ihre Hand gegeben.

Das aber will Gott gerade! Nicht durch Heer oder Kraft soll der volle Sieg errungen werden, sondern durch sein Wort und seinen Geist. Er lässt seine Ehre keinem andern, auch nicht einem Paulus. Äusserlich ist die Lage des Apostels hoffnungslos, — innerlich ist sein Glaube nie hoffnungsvoller gewesen! Er sieht, dass die zusammengeballte Macht des christusfeindlichen Weltstaates Rom überwunden werden wird durch das in Kerker und Banden in aller Schwachheit von ihm bezeugte Evangelium.

Der Gesandte Christi Jesu ist bereit zu sterben. Der Tod schreckt ihn nicht mehr. Sterben ist ihm gar Gewinn (Phil. 1, 21). Er hat Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein, denn es ist ihm besser (Phil. 1, 23). Er ist aber auch bereit, um ihretwillen zu bleiben. Nichts bindet ihn mehr. Er ist frei in Ketten.

Dieser Sieg des Glaubens über Kerker und Bande, über Sünde, Tod und Teufel verfehlt seine Wirkung nicht. Die Mitgefangenen und die Soldaten der Leibwache des Kaisers, die Hof- und Gerichtsbeamten und die Diener des Palastes werden ergriffen von diesem Zeugnis eines göttlichen Triumphzuges (2. Kor. 2, 14), der sich da in ihrer Mitte in so ganz anderer, viel wunderbareren und erhabeneren Weise abspielt, als sie es von den Triumphzügen ihrer Gewaltherrscher gewohnt waren. Dort war bei aller äusseren Pracht ein angstvolles Zittern vor der Tyrannenmacht der Cäsaren, — hier frohlockt im Angesicht des Todes ein göttlich befreiter Geistesmensch darüber, dass er, wie einst der Meister, als Weizenkorn in die Erde fallen und sterben dürfe, um viel Frucht zu bringen.

Dieser Gegensatz war so groß, dass er auch dem einfältigsten Sklaven auffallen musste. Dieser Brief Christi lag offen vor aller Augen, gekannt und gelesen von jedermann. Die Hausgenossen des Kaisers wurden erleuchtet von diesem hellen Schein der Frohbotschaft, der da in ihre Herzen fiel. Etliche wurden gläubig und gingen hinfort als Abgesonderte (= Heilige) inmitten der Zentrale der antichristlichen Weltmacht mitzeugend ihren Weg (Phil. 4, 22; 2. Tim. 4, 21; Philem. 8-13; Kol. 4, 9-18; Eph. 6, 19-22; Hebr. 13, 24).

Die Pforten der Hölle vermögen die auf den Felsen Christus gegründete Gemeinde nicht zu überwinden. Die Lämmer gehen todesbereit ihren Weg inmitten der Wölfe und überwinden, wie das Lamm Gottes, in dessen Auftrag und Kraft sie stehen. Darum werden sie auch mit ihm sein als seine Kampfgenossen, als Berufene und Auserwählte und Treue, wenn er, der Herr der Herren und König der Könige, zur letzten Entscheidung antritt, die hier auf Erden gefällt wird (Offb. 17, 12-16).

Inmitten der antichristlichen Weltmacht Roms, inmitten der Wölfe, stand Paulus nicht mehr allein. Er, der selbst einst mit irdischen Machtmitteln die Gemeinde Gottes verfolgte (1. Tim. 1, 12-16), Drohung und Mord schnaubend, wie ein reissender Wolf (Apg. 9, 1-21 — wie er ja auch seiner Abstammung nach aus dem Geschlecht der reissenden Wölfe herkam; vergl. Phil. 3, 5 mit 1. Mose 49, 47), stand nun durch die Gnade Gottes als opferbereites Lamm inmitten seiner Feinde (2. Tim. 4, 6), ermahnte zum Gehorsam gegen die Obrigkeit (Tit. 3, 1), zum Gebet für sie (1. Tim. 2, 1-8), und lebte so in der Praxis das aus, was er schon lange vor seinem Wege nach Rom gelehrt hatte in dem an die Heiligen zu Rom geschriebenen Briefe (Röm. 13, 1-14). Das Wesen Gottes, die Liebe, erfüllte sein Herz und ließ ihn so teilhaben an der Erfüllung des Gesetzes Gottes. Die Wirkungen solcher Liebe aber sind feurige Kohlen auf dem Haupte des Feindes (Röm. 12, 18-21).

Der Ertrag solch gottgemäßer Einstellung geht aber weit hinaus über die Grenzen der Weltstadt, die ihn gefangen hielt. Er darf in dieser Zeit der Abgeschiedenheit allein sein mit Gott, und die Offenbarungen, die ihm da zuteil werden, gehen an Herrlichkeit über all das weit hinaus, was ihm je zuvor kundgetan wurde. Er schaut durch den Geist der Weisheit und Offenbarung den verherrlichten Christus zur Rechten des Vaters hoch über jedem Fürstentum und jeder Gewalt und Kraft und Herrschaft und Namen, der genannt wird, nicht allein in diesem Zeitalter, sondern auch in dem zukünftigen. Nicht allein aber ihn sieht er dort, sondern auch die Glieder seines Leibes als Teilhaber der gleichen Herrlichkeit (Eph. 1, 20-23; 2, 1-7; 3, 1-12 — hier besonders Vers 6). Teilhaber seiner Verheißungen, Mitleib und Miterben Christi (siehe zu Eph. 3, 6 auch Röm. 8, 17)!

Soll er da den Juden noch grollen über ihren teuflischen Hass, womit sie ihn verfolgten und verklagten? — Soll er dem Kaiser zürnen, der ihn als Gefangenen hält?

Nein! Er ist ein Gefangener Christi Jesu, seines Herrn (Eph. 3, 1; 4, 1). Der hat aus dem reissenden Wolf, der am Morgen seines Lebens Raub verzehrte, einen Haushalter über Gottes Geheimnisse gemacht (1. Kor. 4, 1), der am Abend seines Lebens mehr Beute aus den himmlischen Schatzkammern verteilen durfte, als je ein anderer zuvor. Die Prophetie des Erzvaters Jakob ging an diesem Benjaminiten in erhabenster Weise in Erfüllung (1. Mose 49, 1.27). Die Gnade hatte ein völliges Werk an ihm vollbracht.

Der Blick in solche Herrlichkeit machte den Geist frei und stark und die Seele froh und voller Hoffnung (2. Kor. 3, 18). Mag das irdene Gefäß zerfallen, dann wird ja die in ihm verborgene Herrlichkeit offenbar (2. Kor. 4, 7-15). Die Leiden der Jetztzeit bewirken für ihn selbst und alle Glieder des Christusleibes ein über die Maßen überschwengliches ewiges Gewicht von Herrlichkeit (2. Kor. 4, 16-18). Weil diese zukünftige Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll, über die Maßstäbe unseres Verstehens hinausgeht, wird auch das größte Leiden demgegenüber so klein, dass es nicht mehr wert ist, mit der Gottes- und Christusherrlichkeit verglichen zu werden (Röm. 8, 18-21).

Damit dieser Ertrag seiner Leiden, in denen er sich freut (Kol. 1, 24-29), dazu führe, jedes Leibesglied zur geistlichen Reife in Christo zu bringen, bittet der Gefangene Christi Jesu, dass der Vater der Herrlichkeit den Heiligen und Treuen den Geist der Weisheit und Offenbarung schenke zur Erkenntnis seiner selbst (Eph. 1, 15-23). Durch die Erkenntnis der alles übersteigenden Liebe des Christus sollen sie erfüllt werden zur ganzen Gottesfülle (Eph. 3, 14-21).

Gegen ein solches Gewicht von Herrlichkeit bilden die Leiden zwar nur ein geringes, aber notwendiges Gegengewicht. Leiden sind aber auch lösend und fördernd. Darum sehnt sich Paulus danach, den Leiden des Christus und seinem Tode gleichgestaltet zu werden (Phil. 3, 7-16). Inmitten des Leides sehnt er sich nach Leiden! Kann der natürliche Mensch solches verstehen? — Paulus schreibt dies daher nur an Gleichgesinnte, denen es geschenkt war, nicht nur an den Christus zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden (Phil. 1, 29.30). Die Philipper standen in demselben Kampf. Darum waren sie befähigt, ihn zu verstehen, wenn er ihnen schrieb, dass seine Umstände mehr zur Förderung des Evangeliums geraten seien. Zudem hatte er zuerst in ihrer Mitte gelitten (Apg. 16, 9-40).

Durch seinen Weg in die Gefangenschaft war dem ganzen Prätorium kundgeworden, dass er seine Bande um Christi willen trug. Seine Unschuld wurde offenbar, die Verleumdungen der Juden wurden als solche erkannt. Das Evangelium leuchtete mit hellem Schein in die Herzen der Soldaten der kaiserlichen Leibwache und der Beamten des Richthauses. Pauli Beruf, zu dem der Herr ihn erwählt hatte, näherte sich der Vollendung (Apg. 9, 15.16; 22, 21; 23, 11). Das Evangelium siegte durch scheinbares Unterliegen. Der Satan täuschte sich wiederum, so wie er sich getäuscht hatte, als er in den Judas fuhr, damit dieser den Herrn verriet. Christi Tod wurde zum Durchbruch des neuen Lebens, des wahren und wirklichen Lebens. Unvergängliches Wesen wurde ans Licht gebracht durch die Auferstehung. Die Mächte der Finsternis wurden entwaffnet und öffentlich zur Schau gestellt (Kol. 2, 14.15). Paulus durfte die Frucht dieses Sieges nun in ähnlicher Weise erfahren durch die Gnade seines Herrn. Er erlebte, dass der Herr selbst um die Sache des Evangeliums besorgt war. Konnte es da anders sein, als dass der Siegeslauf der Frohbotschaft gefördert wurde?

Das sollten die Brüder wissen zu ihrer Förderung und Stärkung, so, wie auch die Brüder zu Rom mächtig gefördert wurden durch die Kraft der Gnade, die sich in seinem Leben und Leiden offenbarte, so dass sie mit wachsender Furchtlosigkeit das Wort Gottes verkündigten.

Nicht zuletzt hatte er selbst den vollen Ertrag seiner Leiden, denn der Ackersmann genießt zuerst die köstliche Frucht. Er durfte in der Kraft des Glaubens durch die Darreichung des Geistes Jesu Christi den Lauf zum vollen Ende bringen. Alles wirkte ihm zum Guten mit und schlug ihm zur Seligkeit aus (Phil. 1, 19; Röm. 8, 28).

So wurde durch seine Umstände alles in vollkommenem Maße gefördert: Das Evangelium (die Sache des Herrn), der Dienst der Brüder und sein eigenes Heil.

Hätte er sich eigenwillig in diese Umstände gebracht, so hätte sein Gewissen ihn nicht gedeckt auf seinem Wege. So aber war es ihm geschenkt, für Christus zu leiden. Das gleiche Geschenk hatten die Philipper empfangen (Phil. 1, 29.30). Sie waren auch Mitteilnehmer derselben Gnade wie der Apostel (Phil. 1, 5-7).

Der Triumph der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserem Herrn, war ein völliger (Röm. 8, 31-39). Dafür sei Gott gepriesen!

(Quelle: “Wort und Geist”, 35. Jahrgang, Januar/Februar 1941 — “Wort und Geist” war die nachfolgende Zweimonatsschrift von “Das prophetische Wort” und der Vorgänger der heute erhältlichen “Gnade und Herrlichkeit” aus dem Paulus-Verlag Karl Geyer, Heilbronn)

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