Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Die beiden Thessalonicherbriefe (3)

Autor: Ströter, Ernst F., Prof.  |  Kategorie(n): Lehre, Paulusbriefe  |  638 x gelesen

Zweiter Brief

Nachdem Paulus in Thessalonich mit seinem Evangelium an die Nationen Eingang gefunden, erregten die eifersüchtigen Juden einen Aufruhr gegen ihn (Apg. 17, 5-9). Darauf schickten die Brüder den Paulus und Silas in der Nacht nach Beröa (Apg. 17, 10), aber auch dorthin kamen jene Unruhestifter (V. 13), so dass Paulus gegen das Meer hinging, aber seine Gehilfen Silas und Timotheus zurückließ (V. 14). Etliche Brüder begleiteten ihn dann nach Athen, denen er auftrug, seine Gehilfen baldmöglichst zu ihm zu senden. Von Athen aus sandte er dann seinen lieben Sohn und Mitarbeiter Timotheus nach Thessalonich (1. Thess. 3, 1.2). Dieser brachte ihm so günstige Kunde von dem gedeihlichen Zustand der Gemeinde daselbst, dass er darüber seine Freude offen aussprach in seinem ersten Brief (3, 6ff.).

Von Athen aus wandte er sich dann nach Korinth (Apg. 18, 1). Dorthin scheinen ihm Silas und Timotheus, die wohl seinen ersten Brief nach Thessalonich gebracht hatten, weitere Mitteilungen von dem ferneren Entwicklungsgang der jungen Gemeinde überbracht zu haben (Apg. 18, 5), die dann wohl Anlass gegeben haben mögen zu dem uns nun vorliegenden zweiten Brief an die Thessalonicher.

Erstes Kapitel

1-2. Paulus und Silvanus und Timotheus der Gemeinde der Thessalonicher in Gott unserm Vater und dem Herrn Jesu Christo. Gnade sei euch und Friede von Gott Vater und dem Herrn Jesu Christo! 3. Wir sind Gott allezeit zu danken schuldig für euch, Brüder, wie es sich geziemt, weil euer Glaube über die Maßen wächst und die Liebe eines jeden einzelnen von euch allen gegeneinander zunimmt, 4. so dass wir uns auch rühmen in den Gemeinden über eurer Geduld und dem Glauben, den ihr in allen euren Verfolgungen beweist, die ihr zu ertragen habt, 5. ein Beweis des gerechten Gerichts Gottes, dass ihr gewürdigt werdet des Königreichs Gottes, um dessentwillen ihr leidet, 6. wie es denn gerecht ist vor Gott, denen, die euch bedrücken, mit Bedrückung zu vergelten, 7. euch aber, die ihr bedrückt werdet, Ruhe mit uns, bei der Offenbarung unseres Herrn Jesu Christi vom Himmel herab, samt den Engeln seiner Kraft, 8. da er mit Feuerflammen Strafe geben wird denen, die Gott nicht anerkennen und die nicht gehorsam sind dem Evangelium unseres Herrn Jesu, 9. welche Strafe erleiden werden, ewiges Verderben von dem Angesicht des Herrn und von der Herrlichkeit seiner Kraft (hinweg) 10. wann er kommen wird, um verherrlicht zu werden in seinen Heiligen und bewundert zu werden in denen, die gläubig geworden sind, denn unser Zeugnis hat bei euch Glauben gefunden — an jenem Tage. 11. Zu welchem Zweck wir auch allezeit für euch flehen, dass unser Gott euch würdig mache des Berufs und erfülle alles Wohlgefallen der Güte und das Werk des Glaubens in Kraft, 12. auf dass an euch der Name unseres Herrn Jesu Christi verherrlicht werde und ihr in ihm, nach der Gnade unseres Gottes und des Herrn Jesu Christi.

Für den Inhalt der ersten Verse dieses ersten Kapitels weisen wir zurück auf das, was über den ganz gleichlautenden Gruß im ersten Vers des ersten Briefes gesagt wurde.

Was die Brüder Silas und Timotheus dem Apostel von dem gedeihlichen und erfreulichen Wachstum der Gemeinde zu Thessalonich berichtet hatten, ist ihm Ursache zu besonderer Dankbarkeit. Er fühlt sich schuldig, dafür zu danken, denn das war ein reiches und kostbares Geschenk seines Gottes an ihn, das im heißen Kampf ums Evangelium in den Großstädten Athen und Korinth, wo Weltweisheit und Weltlust ihren Sitz hatten, eine besondere Stärkung und Erquickung bedeuten musste. Zugleich war es eine reiche Entschädigung für den ihm versagten Wunsch, die Gläubigen zu Thessalonich von Angesicht zu sehen (I. 2, 17.18).

Euer Glaube wächst über die Maßen, d. h. nicht in tadelnswerter, sondern nur in außergewöhnlicher, das sonst geltende Maß übertreffender Weise. Hand in Hand damit ging die Zunahme der gegenseitigen brüderlichen Liebe in jener Gemeinde. Schon in seinem ersten Brief durfte er ihnen das seltene Zeugnis ausstellen, es sei nicht nötig, ihnen von der brüderlichen Liebe zu schreiben, da sie in diesem köstlichen Hauptstück von Gott selbst unterwiesen seien (1, 4.9).

Wohl hat Paulus Ursache, gegen Ende dieses zweiten Briefes eine ernste Verwarnung auszusprechen gegen solche, die unordentlich wandelten und sich herumtrieben (3, 6.11). Das stellt aber den Gesamtcharakter dieser Gemeinde keineswegs in Frage. Vielmehr wiederholt er (2, 13) nochmals seine Schuldigkeit, Gott für sie zu danken.

Und wie er im ersten Brief bereits davon geredet, dass ihr Ruf und Name ob ihres Glaubens hinausgetragen worden sei in ganz Mazedonien und Achaja, so bezeugt er ihnen auch hier, dass er andern Gemeinden gegenüber ihr geduldiges Ausharren rühme in den über sie hereingebrochenen Verfolgungen um ihres Glaubens willen.

V. 5 sagt uns, dass er gerade darin einen kräftigen und erfreulichen Beweis des gerechten Urteils und Gerichts Gottes erblicke, sowohl an ihnen als auch an ihren Verfolgern. Für sie selbst bedeutete das eine Besiegelung ihrer wahrhaften und rechtmäßigen Berufung zum Königreich Gottes, d. h. zu der in Christo ihnen im Evangelium dargebotenen Stellung als Erben Gottes und Miterben Christi. Wie er in I. 2, 12 bezeugt, dass Gott sie berufen habe zu seinem eigenen Königreich und seiner eigenen Herrlichkeit, d. h. zum Anteil an alle dem, was der Vater dem Sohn (und den Söhnen) als Reichsherrlichkeit zugedacht und zugesagt.

Das ist für alle, die um der Wahrheit willen Verfolgung zu erdulden haben, ein unbeschreiblich wertvolles Wort. Alle Verfolgungen und Drangsale sind für sie nicht ein Anzeichen des göttlichen Missfallens, wie es der Feind gar zu gerne umdeuten möchte, sondern ein Beleg dafür, dass unser Gott uns würdig achtet zu leiden um des Namens willen des Herrn Jesu, auf dass wir auch mit ihm verherrlicht werden (Röm. 8, 17).

In V. 6 spiegelt sich deutlich wieder, was Gott den Feinden und Bedrückern seines auserwählten Volkes schon im Alten Bund durch die Propheten ansagen ließ: Darum sollen alle, die dich fressen, gefressen werden, und man wird alle deine Feinde gefangen führen; alle, die dich plündern, sollen geplündert werden, und alle, die dich berauben, will ich zum Raube machen (Jer. 30, 16).

Vers 7 stellt dann den jetzt um ihres Glaubens willen Verfolgten und Bedrängten die köstliche Ruhe in Aussicht, die ihnen zuteil werden wird bei der Offenbarung unseres Herrn Jesu Christi vom Himmel herab, samt den Engeln seiner Kraft. Diese Offenbarung wird wohl keine andere sein als sein persönliches Erscheinen in Herrlichkeit, davon alle Propheten und Apostel, und auf’s Deutlichste auch er selbst, geweissagt haben (Mt. 23, 39; 24, 30; 25, 31; 26, 64).

Dieses Ereignis wird für die ganze übrige Menschheit den größten Schrecken bedeuten. Aber die Seinen werden dann in völliger Ruhe und Geborgenheit sein allezeit, bei ihm, dem Herrn (I. 4,17), der sie schon bei seinem Herabsteigen in den Luftraum zu sich gerufen. Ist es heute schon unser großes Vorrecht, alles, was der Feind gegen uns anstellen mag, von unserm gottgewollten Platz in den himmlischen Örtern aus zu beurteilen und zu betrachten, so dass wir tatsächlich darüber stehen und nicht darunter zusammenbrechen müssen, so wird dann ganz buchstäblich unser Standort durch alle die schaurigen Gerichte hindurch bei dem Herrn selbst sein, als seine Beisassen und Gerichtsvollstrecker an der ungläubigen Welt und ihrem Fürsten.

Die Sprache im V. 8 lässt erkennen, wie furchtbar verheerend und zerstörend die Strafgerichte des Lammes sein werden an denen, die seinem Evangelium nicht gehorsam waren und die Gott nicht anerkannt haben, der es ihnen doch nahe bringen ließ. Wenn die leichtsinnige, abtrünnige, gottvergessene Völkerchristenheit, die ja hier in erster Linie gemeint ist, wissen wollte, was sie alsdann zu erwarten haben wird, dann brauchte sie nur auf das Beispiel Israel zu schauen. Nach dem Wort des Apostels der Nationen: Hat Gott der natürlichen Zweige nicht verschont, dass er etwa deiner auch nicht verschone … siehe die Strenge Gottes an denen, die gefallen sind. Aber den ergreifenden Anschauungsunterricht, den uns Gott an seinem eigenen Volk vor die Augen gestellt, beachtet man nicht (Röm. 11, 21.22). Und daneben ergeht sich diese Christenheit in den abenteuerlichen und ganz unbiblischen Vorstellungen von einer Hölle mit materiellem Feuer, in die sie die Gottlosen, aber nicht sich selbst, zu endloser Qual verstoßen werden lässt. Den Busch, der heute noch im Feuer des heiligen Zornes Gottes brennt, versteht sie nicht. Darum ist ihr die Sprache der Propheten und des Herrn von dem unauslöschlichen Feuer seines heiligen, schonungslosen Zorngerichts unverständlich, und sie lässt da der heidnischen und rabbinischen Phantasie die Zügel schießen.

Der V. 9 macht die Art und das Wesen der angedeuteten Strafe noch anschaulicher: ewiges, äonenlanges (aber nicht endloses) Verderben hinweg vom Angesicht des Herrn und von der Herrlichkeit seiner Kraft. Eine solche Sprache begegnet uns zuerst auf den ersten Blättern der Bibel bei Kain: Siehe, du treibst mich heute aus dem Lande, und ich muss unstet und flüchtig sein auf Erden (1. Mo. 4, 14). Ist das nicht ganz getreu, was Israel getroffen hat vor unsern Augen? Sind sie nicht unstet und flüchtig auf der ganzen Erde, ewig umgetrieben, nirgends gern gesehen, überall gemieden? Die Stimme des Blutes ihres Bruders schreit gegen sie von der ganzen Erde. Und ob sie schon unter den Nationen ansässig sind, denen die Klarheit Gottes im Angesicht Jesu Christi hell aufgegangen ist, so sind sie dennoch in dichtester Finsternis, Kinder des Verderbens, friedlos, von beständiger Todesfurcht und Schrecken gepeinigt, verstockten Herzens, gebeugten Rückens, mit verhärteten Sinnen.

Und was treiben die sogenannt christlichen Nationen denn anderes als Kainismus in ihrer selbsterwählten Frömmigkeit, wobei sie dem wahren Evangelium keineswegs gehorsam sind, denn sie erkennen es gar nicht, sondern haben sich ein wunderliches Gemisch von einer Religion daraus zurecht gemacht, das sie sich von den Obrigkeiten der Erde patentieren lassen. Aber wo wird denn heute noch Evangelium gepredigt und geglaubt? Hier und da in verborgenen Winkelchen. Was stolz über die großen Gassen geht, ist zumeist selbsterwählte Frömmigkeit, die mit Werken umgeht und Gott nicht erkennt. Darum wird das Los Kains nicht nur Israel treffen, sondern auch die abtrünnige und ungehorsame Christenheit.

In seinen Heiligen und Gläubigen aber, das lehrt uns der V. 10, wird der Herr an jenem Tage verherrlicht und bewundert werden. Von wem denn? Ganz gewiss in erster Linie von den heiligen Engeln seiner Kraft, die mit der höchsten Spannung Acht gehabt haben auf den Werdegang der Gemeinde auf Erden im gegenwärtigen Weltlauf. Dann aber gewiss auch von den Nationen, die bis heute von dem wirklichen Evangelium Gottes kaum berührt worden sind, denen aber das Evangelium noch gepredigt werden wird und muss, ehe das Ende der Wege Gottes in seinem Christus kommen kann, d. h. ehe er das Königreich wieder in die Hände seines Gottes und Vaters zurückgeben wird (1. Kor. 15, 24).

Und warum sollten dann die Toten nicht auch an die Reihe kommen, die ungezählten Millionen, die gestorben sind in all diesen Jahrtausenden und haben niemals das wirkliche Evangelium Gottes verkündigen hören, also gar keine Gelegenheit gehabt, demselben gehorsam zu werden wie wir. Kann Gott die vergessen, für welche Christus doch auch gestorben ist? Niemals! Und dann steht ja dem Eindringen der auferstandenen Heiligen Gottes in die tiefsten Gelasse des Totenreiches nichts mehr im Wege. Denn es muss ja doch das Wort des Jesaja (52, 15) eine noch viel ausgedehntere Erfüllung finden als bisher geschehen ist: Also wird er viele Heiden in Erstaunen setzen und Könige werden vor ihm den Mund verschließen, Denn die werden es sehen, denen nichts davon gesagt ist, und die nichts davon gehört haben, werden es verstehen.

Zu diesem Zweck, fährt nun Paulus V. 15 fort, flehen wir allezeit für euch, dass unser Gott euch würdig mache des Berufs und erfülle alles Wohlgefallen der Güte und das Werk des Glaubens in Kraft. Zu welchem Zweck? Doch gewiss nicht zu dem des ausschließlichen, persönlichen Genießens einer mit den glühendsten Farben ausgemalten Glückseligkeit. Wohl aber zur Aus- und Durchführung der großen Erlösungs- und Heilsgedanken Gottes mit der ganzen Menschheit und Schöpfung, wozu er seinem Sohn die benötigten Organe in den dann verklärten Gliedern seines Leibes zur Verfügung stellt. Wie geschrieben steht: auf dass er erzeige in den zukünftigen Äonen den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade in Güte gegen uns in Christo Jesu (Eph. 2, 7). Von diesem Wohlgefallen seiner Güte ist hier gar zu deutlich die Rede, als dass man daran vorübergehen könnte, ohne es in Verbindung zu bringen mit großen, göttlichen Rettungsgedanken für seine bis dahin noch im Tode und in der Gewalt der Finsternis schmachtenden Menschenwelt.

Diesen Beruf zu erfassen, fällt einem genusssüchtigen Geschlecht, wie wir es sind, sehr schwer. Wir sind eben fast nur darauf bedacht, dass wir es einmal ewig gut haben. Die Gedanken an die ungezählten Millionen, die nie von ihm gehört haben und eine Beute des Todes geworden und geblieben sind, machen uns wenig Unruhe. Wir sind ja gerettet, halleluja! Wie muss es das Herz des Heilands in seinen Tiefen schmerzlich bewegen, sich einer Gemeinde gegenüber zu sehen, die für ihren ernsten und hohen Retterberuf in ihm, dem Haupt über das All so wenig Verständnis hat, die nur im Sonnenglanz seiner Huld Glückseligkeit ohne Maß und Schranke genießen will, und die sich mit dem Gedanken sehr leicht abgefunden hat, dass der weitaus größte Teil ihrer eigenen Brüder nach dem Fleisch nie von ihm gehört haben, ja, die es sogar fertig gebracht hat zu glauben und zu lehren, dass jene alle deshalb unrettbar verloren seien, weil sie ja in ihren Sünden dahin gefahren seien in das Reich des Todes! Und jenseits des leiblichen Todes auf Rettung hoffen, gilt für gräuliche Ketzerei!

Auf dass an euch verherrlicht werde der Name unseres Herrn Jesu Christi und ihr in ihm nach der Gnade unseres Gottes und des Herrn Jesu Christi (12). Kann es denn auch eine größere, ja, eine andere Verherrlichung des Namens unseres hochgelobten Herrn und Retters geben, als dass wir eben diesen seinen Retternamen hineintragen in die Gebiete des Todes und der Finsternis, wo bisher nur Nacht und Grauen und Schrecken ohne Maß geherrscht haben? Gibt es doch für das gegenwärtige kurze, umgrenzte Erdenleben keinen höheren Beruf als den, Sünder zur Buße zu rufen und den Namen des Herrn Jesu zu verkündigen, dass er der Herr sei, der allein retten kann.

Und wir wissen aus der Schrift, dass all dieser gesegnete und köstliche Dienst im seligen Evangelium Christi in diesem ganzen Äon nur berechnet ist auf die Auswahl und Zubereitung einer Gemeinde von Erstlingen Gott und dem Lamm. Wozu denn aber Erstlinge, Erstgeborene, wenn es nicht noch viele Nachgeborene geben kann und soll. Ist denn der Rat und Wille Gottes damit erschöpft, dass diese wenigen Auserwählten glücklich das Ziel der Beseligung erreichen? Oder sind sie nicht vielmehr darum auserwählt und tüchtig gemacht worden, dass durch sie und an ihnen der Rettername dessen gepriesen werde, der sie aus dem Tode zum Leben rief und der sie nun in der Kraft des unvergänglichen und unauflöslichen Lebens in die Tiefen des Scheol und Hades senden will, um auch dort die Werke des Teufels, der des Todes Gewalt hat, zu zerstören.

O, dass doch die Gemeinde Gottes aufwachen wollte aus ihrer traurigen Eigenliebe und ihren wahren Beruf fest und klar ins Auge fassen, als Glieder des herrlichen Leibes Jesu Christi sich gebrauchen zu lassen zum Erweis der Gnade Gottes und unseres Herrn Jesu Christi auf alle Geschlechter der Erde, wie es Gott schon in Abraham verheißen und in dem Sohn und den ebenbürtigen Söhnen Abrahams durchführen wird.

Kapitel 2

1. Wir bitten euch aber, liebe Brüder, betreffs der Zukunft unseres Herrn Jesu Christi und unserer Vereinigung zu ihm: 2. Lasset euch nicht schnell beunruhigen und von Sinnen bringen oder gar in Schrecken jagen, weder durch einen Geist noch durch eine Rede noch durch einen Brief unter unserm Namen, als wäre der Tag des Herrn schon da. 3. Es soll euch niemand irreführen in keiner Weise; denn es muss unbedingt zuerst der Abfall kommen und offenbart werden der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens, 4. der Widersacher, der sich überhebt über alles, was Gott oder Gegenstand der Verehrung heißt, also dass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich als Gott erklärt. 5. Denkt ihr nicht mehr daran, dass ich euch solches sagte, als ich noch bei euch war? 6. Und nun wisset ihr ja, was es noch aufhält, dass er offenbart werde zu seiner Zeit; 7. denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist schon an der Arbeit; nur muss der, welcher es aufhält, erst aus dem Wege geschafft (hinweggetan) werden; 8. und dann wird der Gesetzlose offenbart werden, welchen der Herr Jesu aufreiben wird durch den Geist seines Mundes und den er vernichten wird durch die Erscheinung seiner Zukunft; 9. ihn, dessen Zukunft nach der Wirkung des Satans erfolgt unter Entfaltung aller betrügerischen Kräfte, Zeichen und Wunder 10. und aller ungerechten Verführung unter denen, die verloren gehen, dafür, dass sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, dass sie gerettet würden. 11. Darum sendet ihnen Gott kräftigen Irrtum, dass sie der Lüge glauben, 12. auf dass gerichtet werden alle, die der Wahrheit nicht geglaubt haben, sondern Wohlgefallen hatten an der Ungerechtigkeit.

Man darf wohl annehmen, dass wir in diesen Versen die eigentliche Veranlassung zur Absendung des Briefes an dieselbe Gemeinde vor uns haben. Schon im ersten Brief nahm der Apostel Gelegenheit, auf einen Irrtum einzugehen, welcher sich bei seinen geistlichen Kindern eingestellt hatte aus Anlass des Umstandes, dass unter ihnen etliche im Herrn entschlafen waren, ehe der Herr wiedergekommen war. Von diesen befürchteten sie, irrigerweise, sie würden bei seiner Ankunft zu kurz kommen. Darüber korrigiert sie Paulus in 4, 13 bis 5, 11.

Ganz ähnlich haben wir auch hier einem Versuch des Feindes, die Gläubigen über die Frage nach der Zukunft des Herrn in Verwirrung und Unruhe zu versetzen, diese zusätzliche und ungemein köstliche und wichtige apostolische Unterweisung zu verdanken. Der Feind weiß gar nicht, wie oft er mit all seinen Machenschaften immer nur den großen Herrlichkeitszwecken unseres Gottes dienen muss. Das ist ein sehr reichhaltiges Kapitel zu unserer Unterweisung und Tröstung. Es herrschen so unsäglich traurige, ganz und gar unbiblische und unbegründete Vorstellungen gerade bei Kindern Gottes über die Fähigkeit des Satans, Gottes Absichten und Pläne zu durchkreuzen und zu hintertreiben, während das direkte Gegenteil der Fall ist. Er ist auch nur ein dienstbarer Geist, nicht ein souveräner Halbgott, der tun und lassen kann, was er will. Er darf in all seinen Ränken, Listen und Anschlägen gerade so weit gehen, als es ihm sein Herr und Gebieter gestattet und nicht eines Haares Breite weiter. Und Gott hat es verstanden, alles, was Satan je an Bosheit, Lug, Mord und Schlechtigkeit ausgeheckt hat, seinen großen herrlichen Zwecken vollständig dienstbar zu machen. Das ganze Höllengetriebe ist eine Stufenleiter, auf welcher der Christus Gottes zu immer größerer Entwicklung seiner Macht, Weisheit und Herrlichkeit emporsteigt.

Vers 1dieses Kapitels nennt den Gegenstand, um den es sich handelt, deutlich genug. Es ist die Zukunft unseres Herrn Jesu Christi und speziell die Seite dieser gewaltigen, das All umschließenden Wahrheit, die es mit unserer endgültigen Versammlung zu ihm oder Vereinigung mit ihm allezeit, zu tun hat.

Diese kostbare Seite der biblischen Hoffnungslehre war es ja, die Paulus in seinem ersten Brief mit großer Ausführlichkeit lehrhaft behandelt hatte. Dass nun Satan mit allerlei Mittelchen darauf aus war, gerade an diesem Punkt Verwirrung anzurichten, verdenken wir ihm nicht. Vielmehr wollen wir auch hier davon lernen und uns von ihm auf die hervorragende Bedeutung dieser Wahrheit aufmerksam machen lassen. Sie ist der Kern unserer lebendigen Hoffnung, diese unsere Vereinigung mit ihm im Luftgebiet bei seinem Herniederkommen aus dem Himmel zur Eröffnung des großen Tages seiner herrlichen Offenbarung in Gericht und Gerechtigkeit.

Sie muss allewege im Mittelpunkt unseres gläubigen Ausschauens bleiben. Es gilt unter allen Umständen, ihn, den Sohn Gottes, aus den Himmeln zu erwarten, nichts und niemand anders. Und es gilt, seine sich daran anschließende Erscheinung lieb haben, nicht um dessentwillen, was sie uns an Seligkeit und Wonne bringt, sondern in erster Linie um seinetwillen, dass er dann endlich einmal seinen Tag bekommt, nachdem die Menschheit lange genug ihren Tag gehabt hat unter dem Fürsten und Gott dieser Welt.

Je völliger wir absehen lernen von allem, was an Gewinn und Genuss für uns dabei herauskommen mag, je einfältiger und brünstiger wir auf das gerichtet bleiben, was seinen Ruhm und die Ehre seines so schnöde verkannten und so furchtbar geschändeten Namens betrifft, um so lichter wird sich vor unsern Augen dies ganze Gebiet dartun. Erst wenn seine Gemeinde nicht mehr sich selbst sucht, sondern nur noch ihn, das Haupt über alles, wird sie auch zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis gelangen, die so köstlich ist.

Die bei den Thessalonichern versuchte und zum Teil wohl auch geglückte Beunruhigung bestand darin, dass man ihnen begreiflich gemacht hatte oder doch machen wollte, der aus der ganzen Schrift wohlbekannte, von allen Propheten bezeugte große und schreckliche Tag des Herrn sei tatsächlich schon angebrochen, und sie seien natürlich unversehens von demselben wie von einem Dieb ergriffen und überfallen worden (vgl. das zu 1. Thess. 5, 2 Gesagte).

Nun ist es, so weit unser Erkennen geht, nicht abzusehen, worin der Schrecken oder die Bestürzung dieser Gläubigen bestehen sollte, wenn nicht in der Befürchtung, dass sie dann das eigentliche nächste Ziel der seligen Hoffnung, nämlich gerade die Versammlung zum Herrn auf Wolken in der Luft, wovon ihnen Paulus so ausführlich Bescheid getan, verpasst hätten, und sie seien nun zum Zorn gesetzt, anstatt die Seligkeit der unlöslichen Gemeinschaft mit dem verherrlichten Herrn zu besitzen allezeit. Der Hinweis des Apostels gerade darauf im ersten Vers dieses Kapitels scheint uns für kein anderes Objekt ihrer Besorgnis Raum zu lassen.

Das hätte den Leiden, die sie mit großer Ergebenheit erduldeten, wie ihnen Paulus durch den Geist bezeugt, einen ganz anderen Charakter gegeben. An sich brauchten sie nicht schwerer oder heftiger zu sein. Aber entsprangen sie dem auch über ihnen sich entladenden Zorn Gottes, dann hatten sie eine ganz andere und niederschlagende Bedeutung gegenüber den Leiden, die in Christo waren und die sie um seines Evangeliums willen mit Freuden erduldet hatten.

Auf Golgatha standen drei Kreuze. An ihnen erlitten drei Menschen den gleichen physischen Tod, das gleiche körperliche, qualvolle Ende. Aber wer wollte sagen, dass diese drei dasselbe gelitten haben?

Um nun den also Beunruhigten jeden Anlass zur Beunruhigung vollständig zu nehmen, schreibt der Apostel, dass sie an dem einen untrüglichen Merkmal allein deutlich erkennen könnten, dass der gefürchtete Tag des Herrn, der Tag der Zornesoffenbarung Gottes vom Himmel her unmöglich hereingebrochen sein könne, weil ihm der Abfall und die Offenbarung des Menschen der Sünde vorangehen müsse.

Wenn man hier einwendet: Aber warum sagt denn Paulus nicht mit deutlichen Worten, dass der Offenbarung des Zornes Gottes vom Himmel unbedingt erst die Entrückung der Gläubigen vorangehen müsse? Darauf lässt sich erwidern, dass mit einer solchen Antwort den beunruhigten Thessalonichern kaum gedient gewesen wäre. Denn das war ja gerade die Sache, über die man sich beunruhigt hatte. Das konnte man aber nur, wenn es sich dabei um ein Ereignis handelte, das in einer Weise vonstatten gehen konnte, die nicht von jedermann bemerkt oder beobachtet zu werden brauchte.

Wenn man die Entrückung von vornherein als ein Ereignis ansieht, das sich vor aller Augen, in einer allen Menschen deutlich wahrnehmbaren Weise vollziehen muss, dann bekennen wir wieder, dass wir nicht verstehen können, wie die Thessalonicher überhaupt hatten beunruhigt werden können. Denn wenn diese nicht geschehen war, sondern immer noch ganz unbezweifelt als Zielpunkt ihrer Hoffnung vor ihnen stand, dann war ja gar kein Grund zur Beunruhigung vorhanden. Denn das wussten sie auch ohne weitere Belehrung darüber, dass ihnen das nicht entgangen war, weil ja jedermann das merken musste, wenn es geschah. War sie aber geschehen und zwar in einer durchaus sinnenfälligen Weise, dann war wieder kein Anlass zur Ungewissheit, sondern höchstens zur tiefsten Niedergeschlagenheit und Klage, dass sie unzweifelhaft zurückgeblieben waren. Es bedurfte dann überhaupt keiner weiteren Merkmale zu ihrer Orientierung in dieser Frage.

Wir haben namentlich in der letzten Zeit manches gelesen und geprüft, was teure Brüder und Knechte Gottes gegen unsere Auffassung geschrieben haben. Wir bekennen offen, dass wir dadurch nicht überzeugt worden sind, dass die Lehre von der Entrückung, wie sie sich uns darstellt, so verwerflich und mit der Schrift nicht zu reimen sei. Dabei wollen wir sehr gern eingedenk bleiben, dass auch unser Wissen und Weissagen Stückwerk ist und bleibt

In V. 3 erklärt Paulus sehr bestimmt, dass dem Tag des Herrn unbedingt der Abfall vorhergehen und der Mensch der Sünde offenbart werden müsse. Allein daran könnten sie doch ganz deutlich wahrnehmen, dass der Tag des Herrn unmöglich schon hereingebrochen sein könne, wie man ihnen, sei es durch einen Geist, sei es durch eine Rede oder gar durch einen Brief unter seinem Namen habe begreiflich machen wollen.

Es ist also nicht ein einfaches, sondern ein doppeltes Erkennungszeichen, das Paulus seinen gläubigen Lesern gibt, woran sie merken können, wie es mit jener schreckhaften Behauptung in Bezug auf den Tag des Herrn stehe. Es gilt einen Abfall und ein Offenbarwerden des Menschen der Sünde, des Sohnes des Verderbens.

Dass es von beiden, sowohl von dem geweissagten Abfall, als auch von dem zuvor verkündeten Menschen der Sünde schon in der apostolischen Zeit unverkennbare Abschattungen und Vorläufer gab, leidet nach der Schrift keinen Zweifel. So bezeugte Paulus den Gläubigen und Ältesten von Ephesus bereits bei seinem Abschied in Milet, dass räuberische Wölfe kommen würden, die der Herde nicht schonten, und aus ihrer Mitte würden Männer aufstehen, die verkehrte Lehre reden, um die Jünger abzuziehen. Seinem Sohn Timotheus schreibt er schon im ersten Brief, dass in späteren Zeiten etliche vom Glauben abfallen und verführerischen Geistern und Lehren der Dämonen anhangen würden (1. Tim. 4, 1). Und im zweiten Brief beklagt er, dass sich von ihm alle abgewendet hätten in Asien (1, 15) und weiß auch da von schweren, gefährlichen Zeiten zu sagen, die in den letzten Tagen sein würden (3, 1).

Und Johannes sagt deutlich: Kinder, es ist die letzte Zeit! Und wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, so sind nun viele Antichristen geworden; daran erkennen wir, dass es letzte Zeit ist (1. Joh. 2, 18).

Damit ist sehr deutlich bezeugt, dass der geschichtliche Verlauf des Evangeliums in dieser Welt und in dem gegenwärtigen Zeitalter nach der Erwartung Gottes keineswegs ein sogenannter Siegeslauf sein werde, auf welchem es schließlich die ganze Welt erobern und Christo zu Füßen legen solle. Solche Hoffnungen können aus der Schrift nicht begründet werden. Sie sind nicht geeignet, den Blick der wahren Kinder Gottes klar zu halten für die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und Heilandes Jesu Christi. Wir haben fort und fort in allen Perioden der Geschichte mit Abfallsmächten, mit Niedergang, mit ausgesprochener antichristlicher Feindschaft zu rechnen. Unter diesen Zeichen steht die gesamte bisherige Entwicklung des Christentums. Das ist der einzig passende Schlüssel für ein wahres Verständnis der Kirchengeschichte.

Hier redet nun Paulus in ganz bestimmter Weise von einem Abfall nicht nur, sondern von dem Abfall, also von einer ganz besonders scharf ausgeprägten Form und Erscheinungsweise des Abfalls der Christenheit. Denn auf einem andern Boden kann ja von Abfall keine Rede sein. Nur da, wo man einmal die Oberherrschaft Jesu anerkannt hat, kann man füglich von derselben abfallen.

Auf diesem Gebiet ist wohl nicht zu erwarten, dass es noch viel schlimmer werden könne, als es in unsern Tagen geworden ist. Nicht nur, dass man Christus seine jungfräuliche Geburt, seinen echt göttlichen Ursprung, seine wahre Gottheit abspricht, seine Auferstehung aus den Toten und die wirksame Vollendung seines Erlösungswerkes leugnet, man geht in unsern Tagen so weit, dass man sogar von christlichen Kathedern lehrt, er habe überhaupt nicht gelebt. Man verflüchtigt seine Erscheinung zu einer legendenhaften Wahnvorstellung der Menschen. So weit hat es vor uns noch kein Geschlecht gebracht. Und auf dem Gebiet der antichristlichen Feindschaft haben diese Dinge eine derartige Steigerung in unsern Tagen erfahren, dass es wohl nur noch wenig mehr bedarf, bis es dem Satan gelingen wird, sein Meisterstück einer staunenden Menschheit vorzuführen.

Wir halten nämlich dafür, dass diese und andere biblische Weissagungen von dem Menschen der Sünde, dem Sohn des Verderbens, dem Antichrist, sei es im römischen Papsttum, sei es im Islam, wohl sehr bedeutsame Abschattungen gehabt haben, aber wir erwarten bestimmt als Gipfel aller satanischen, dämonischen und menschlichen Feindschaft gegen den Herrn und seinen Gesalbten das Auftreten einer menschlichen Persönlichkeit, die das höllische Gegenstück bilden wird zu dem Christus Gottes.

Von diesem wird V. 4 gesagt, dass er sich als der Widersacher erheben werde über alles, was Gott und Gegenstand der Verehrung heißt. Wir haben nie so recht erkennen können, dass sich dieser Zug schon historisch im Papsttum oder im Islam erfüllt haben sollte. Weder der Papst noch irgendein Nachfolger des falschen Propheten Mohammed hat das je im vollsten Sinn getan.

Er werde sich in den Tempel Gottes setzen und sich selbst als Gott erklären, heißt es weiter. In Anbetracht dessen, dass bei der Abfassung dieses Briefes (53 oder 54 n. Chr.) der Tempel Jahwes in Jerusalem noch stand, scheint es uns viel näher zu liegen, an ein wirkliches Tempelgebäude zu denken als an die allerdings gerade bei Paulus häufige Bezeichnung der Gemeinde Gottes als seines Tempels. Zumal doch diese bildliche Bezeichnung gewiss ihre richtige Deutung nur haben kann auf solche, die tatsächlich Behausungen Gottes im Geist, also Geistesmenschen sind; nicht aber auf eine bloße Namenchristenheit, die alles andere eher ist als ein Tempel Gottes. Und in die wahre Gemeinde, den wirklichen Tempel Gottes, wird sich doch wohl der Widersacher nicht setzen. Das würde ihm ja auch wenig Anerkennung und Ehre einbringen bei einer gottlosen und gottentfremdeten Welt.

In V. 5 mahnt Paulus die jungen Christen daran, dass er ihnen von all diesen gewaltigen, großen Dingen bereits geredet habe, als er noch bei ihnen war. Unsere heutige Praxis ist darin der apostolischen nicht mehr zu vergleichen. Wir beschränken uns nicht nur im Anfang, sondern leider fast durchweg darauf, den von uns für den Herrn gewonnenen Seelen nur die einfachen Heilswahrheiten immer wieder vorzutragen. Alle diese von Paulus hier berührten Gebiete gelten bei uns als solche, auf denen man überhaupt nicht zu Hause zu sein braucht. Man kann bei uns ein sehr guter Christ sein und sich mit diesen Fragen nie befassen. Ja, man gilt sogar für einen viel praktischeren Christen, wenn man es nicht tut.

In V. 6 und 7 ist dann von etwas oder von jemand die Rede, der die Offenbarung des Menschen der Sünde noch aufhält.

Wenn das, was es noch aufhält, erst aus dem Wege geschafft werden muss, so ergibt sich allein aus diesem Wort mit Gewissheit, dass es sich dabei um eine die bestehende Ordnung der Dinge aufrecht haltende, bewahrende Kraft handeln muss. Erst wenn die beseitigt ist, kann der Mensch der Sünde sich ungehindert nach seinem wahren Wesen entfalten und offenbaren.

Halten wir nun fest, dass die Gemeinde der Gläubigen der Wohnort des Heiligen Geistes ist, dass sie als Licht in der Welt dem Hereinbrechen der Finsternis das größte Hindernis bedeutet, als Salz der Erde den Ausbruch, das Hervorbrechen der im Fleisch wirksamen Todesmächte zurückhält, so scheint uns darin der Schlüssel für die richtige Lösung dieser etwas geheimnisvollen Rede zu liegen. Auf diese Weise erklärt sich auch der Gebrauch der beiden verschiedenen Geschlechter, wo es einmal heißt “was”, und dann “der” es aufhält. Das, was es aufhält, wäre dann die Kraft des Geistes in der gottgeweihten Gemeinde, während der, der es aufhält, der Heilige Geist selber ist, der in der Gemeinde, dem Tempel des Heiligen Geistes wohnt.

Will man aber dabei an die aufhaltende Macht des geordneten Staates oder der gottverordneten Obrigkeit denken, so ist dagegen nicht viel zu sagen, da es ja im letzten Grunde auf dasselbe hinausläuft, weil die Obrigkeiten doch nur getragen werden von den Gebeten der Gläubigen, d. h. von den bewahrenden Kräften des in der Gemeinde wirksamen Geistes Gottes.

Der 8. Vers enthält das dem Gesetzlosen bestimmte Gericht vom Herrn, das ihn natürlich erst erreichen kann und wird, nachdem er offenbart sein wird. Es ist der persönliche Herr Jesus, der ihn aufreiben wird durch den Geist seines Mundes, d. i. sein richtendes Wort. Diese Sprache wehrt es uns, dabei an die Wirksamkeit rein geistiger Kräfte nur zu denken, wie sie sich jetzt etwa im Evangelium betätigen. Wir achten, dass es sich hier ganz bestimmt um den alsdann vom Himmel in den Luftkreis zur Vereinigung mit den Seinigen herabgekommenen Jesus handelt, der als Vollstrecker alles Gerichts, das ihm vom Vater übergeben ist, weil er des Menschen Sohn ist, auch den Gesetzlosen treffen wird.

Die Gründlichkeit des Gerichts findet ihren Ausdruck in den Worten: er, der Herr Jesus, wird ihn vernichten durch die Erscheinung seiner Zukunft, die dann der eigentliche Schlussakt für den gänzlichen Zusammenbruch des antichristlichen Wesens auf Erden ist. Damit bricht der Tag des Herrn Jesu an, d. h. der Tag, an welchem er den Erdkreis richten und verwalten wird mit Gerechtigkeit und die Nationen regieren mit Recht, der Tag, den alle Propheten und Apostel ersehnt und zuvor verkündigt haben, der Tag seiner öffentlichen Anerkennung und Einsetzung als Jahwes König auf Zion, dem heiligen Berge.

Die Verse 9 und 10 enthalten noch eine sehr wichtige und lehrreiche Unterweisung über den satanischen Charakter des Antichrist. Wir erfahren, dass seine Zukunft, sein Hervortreten und Erscheinen erfolgt nach der Wirkung des Satans unter Entfaltung aller betrügerischen Kräfte, Zeichen und Wunder und aller ungerechten Verführung unter denen, die verloren gehen, dafür, dass sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, dass sie gerettet würden.

Daraus geht zunächst hervor, wie sehr die irren, die da halten, nur Gott könne Zeichen und Wunder senden. Das haben ja schon die ägyptischen Zauberer bewiesen, dass ihr Herr und Gebieter bis zu einer gewissen Grenze ebenfalls imstande ist, Gottes Wunderzeichen nachzuahmen. Es ist daher ein großer und gefährlicher Irrtum zu sagen, weil in irgendeiner Sache und Bewegung Zeichen und Wunder geschehen, Kranke geheilt werden usw., deshalb trage eine solche den göttlichen Stempel.

Dazu ist hier mit großem Nachdruck die Rede von allen betrügerischen Kräften, Zeichen und Wundern, also von einem Aufgebot alles dessen, was dem Satan nach Gottes Weisheit und Zulassung auf diesem Gebiet möglich sein wird. Dabei muss stets festgehalten werden, dass alle diese Erweisungen Satans keineswegs Beweise dafür sind, dass er ganz unabhängig von Gott und aus eigener Machtentfaltung schalten und walten könne in und mittels der Schöpfung, wobei es ja nach dem Zeugnis des Johannes so weit kommen wird, dass das von ihm bevollmächtigte Tier sogar Feuer vom Himmel fallen lässt (Offb. 13, 13) und dass es ihm verliehen wird, dem Bilde des Tieres einen Geist zu geben, damit das Bild des Tieres auch redet. Satan ist und bleibt unter allen Umständen, auch auf dem höchsten Gipfel seiner Machtentfaltung zur Verführung seiner Opfer und Anhänger ein Geschöpf Gottes, ihm allein untertan, von ihm durchaus abhängig, das nie einen einzigen Schritt weiter gehen kann, als der Allerhöchste ihm gestattet. Und alle seine noch so gräulichen und gefährlichen Machenschaften stehen unter der unbedingten und vollständigen Kontrolle dessen, dem der Vater alle Gewalt gegeben hat im Himmel und auf Erden.

Der 10. Vers macht es ja auch ganz deutlich, dass sich in all diesen satanischen Kundgebungen nur ein gerechtes Gericht Gottes an denen vollzieht, welche wohl Gelegenheit hatten, der Wahrheit zu gehorchen, das aber nicht getan, sondern sich derselben wirksam entzogen oder widersetzt haben. Wie man ja allenthalben in der Christenheit die erschütternde Tatsache beobachten kann, dass der Verweigerung des Glaubensgehorsams der Aberglaube stets auf dem Fuße folgt. Die Ungläubigen sind samt und sonders Abergläubische, wiewohl sie die Bezeichnung gewiss mit Entrüstung ablehnen würden. Aber an etwas glaubt schließlich jeder Mensch und wäre es nur an sich selbst. Und das ist so ziemlich der schlimmste Aberglaube, in den man geraten kann, wenn man sein eigener Gott geworden ist. Da ist aus grobem, krassem Heidentum und Bilderdienst leichter wieder herauskommen.

Darum sendet ihnen Gott kräftigen Irrtum, dass sie der Lüge glauben, auf dass alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt haben, sondern Wohlgefallen hatten an der Ungerechtigkeit (V. 11.12). Wir wollen uns hüten, die ganze Wucht dieses ernsten Wortes abzuschwächen. Gott sendet, so steht geschrieben. Damit wird bestätigt, was wir eben zu V. 9 gesagt haben von der unbedingten Abhängigkeit Satans und aller Lügen- und Höllengeister von dem allmächtigen und heiligen Gott, der sie sendet und gebraucht als Vollstrecker seines gerechten Gerichts. Dieser Gedanke, dass Satan ein Gerichtsvollstrecker Gottes ist, so lange die von ihm selbst in die Menschheit eingeführte Sünde noch wirksam ist, begegnet uns ja vielfach in der Schrift.

Wohl am deutlichsten redet davon gerade unser Apostel 1. Kor. 5, 5: den Betreffenden dem Satan zu übergeben zum Verderben des Fleisches, auf dass der Geist gerettet werde am Tag des Herrn Jesu. Ebenso klar ist sein Wort an Timotheus (I. 1, 20): welche ich dem Satan übergeben habe, damit sie gezüchtigt werden, nicht mehr zu lästern.

Es liegt eine feine, göttliche Ironie darin, dass er diesen hohen, aber entsetzlich tief gefallenen und verfinsterten Geisterfürsten, den Obersten des Reiches der Lüge und der Finsternis, dazu gebraucht, ihm zur Zurechtbringung, zur endlichen Rettung derjenigen zu dienen, die in ganz besonderer Weise seine Opfer und Düpierten gewesen sind.

Daraus fällt ungemein helles Licht auf das ganze göttliche Verfahren mit Satan, sowie mit dem für ihn und seine Engel bereiteten Gerichtsfeuer.

Wenn jemand versucht sein sollte zu glauben, das sei nur ein Kinderspiel, der mag wohl acht haben, er wird furchtbar enttäuscht werden. Es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen, der dem Widersacher überantwortet, also, dass man nicht herauskommt aus dem Gelass der Finsternis, bis man den letzten Heller abgebüßt hat.

Wer Lust hat, das als römische Lehre vom Fegefeuer abzustempeln, der sehe wohl zu, was er tut. Er sei eingedenk, dass noch nie ein Irrtum gelebt hat, der nicht seinen Bestand irgend einem, wenn auch noch so verzerrten und verkehrten Körnchen biblischer Wahrheit zu verdanken hatte. Mit einem Schlagwort kann man wohl gedankenlose Nachbeter einschüchtern, aber nicht reife Männer in Christo.

Dass solche Gerichte in erster Linie nur die sogenannt christlichen, d. h. christianisierten Nationen der Erde treffen werden, ist selbstverständlich. Die andern, welche vom Evangelium nie tief durchsetzt wurden, kommen nicht unter das Urteil.

13. Wir aber sind Gott allezeit zu danken schuldig für euch, vom Herrn geliebte Brüder, dass Gott euch von Anfang an erwählt hat zur Seligkeit in der Heiligung des Geistes und im Glauben an die Wahrheit, 14. darein er euch berufen hat durch unser Evangelium zum Besitz der Herrlichkeit unseres Herrn Jesu Christi. 15. So steht denn nun fest, ihr Brüder, und haltet fest an den Überlieferungen, die ihr gelernt habt, sei es durch unser Wort oder durch unsern Brief. 16. Er selbst aber, unser Herr Jesus Christus und Gott, unser Vater, der uns geliebt hat und einen ewigen Trost gegeben und eine gute Hoffnung durch Gnade, 17. tröste eure Herzen und stärke euch in allem guten Wort und Werk.

Frisch und unversiegelt quillt aus dem Herzen des Apostels immer wieder der Born reinster Freude und Dankbarkeit über das große, wunderbare Werk, das Gott an diesen Heiden getan durch sein Evangelium. Er wiederholt ihnen, was er gleich im Anfang seines ersten Briefes schon gesagt, wie Gott sie zu seinen Auserwählten gemacht habe, da sie das Wort göttlicher Verkündigung aufgenommen hatten. Vom Herrn geliebt waren sie und als solche wussten sie sich. Denn aus der unergründlichen Liebe des Vaters ging der wunderbare Ratschluss in Christo Jesu hervor. Darum ist er unerschütterlich.

Von Anfang an waren sie erwählt. Denn im Anfang war das Wort, das bei Gott und Gott war und in dem alles beschlossen ist, was Gott sich von Ewigkeiten her vorgenommen. — Zur Rettung berufen, und zwar als Erstlinge, denen zu seiner Zeit die übrigen der Nationen nachfolgen werden.

In der Heiligung des Geistes, der sie für den Christus Gottes als dessen Glieder in Besitz genommen hatte, auf die Offenbarung dieses Christus an seinem Tage. Im Glauben an die Wahrheit, die ihnen der Apostel gebracht hatte, so wie er sie nicht von Menschen, auch nicht durch Menschen, sondern durch Offenbarung Jesu Christi vom Himmel her bekommen hatte als sein Evangelium an die Nationen.

Zum Besitz der Herrlichkeit unseres Herrn Jesu Christi, nicht nur einer noch so hoch gedachten persönlichen Glückseligkeit, sondern zu ganz bestimmten hohen Zielen, die weit über die eigene Person hinausgehen und sich mit dem decken, was der Vater dem Sohn an Herrlichkeit gegeben hat, weil er sich erniedrigte bis zum Tode und gehorsam ward zum Kreuzestod.

Darin gilt es fest zu stehen und sich das Ziel in keiner Weise verrücken oder herabsetzen zu lassen in falscher Demut und ungläubiger Bescheidenheit, die nur in den Himmel kommen will, aber nicht geneigt ist, den Preis zu zahlen, den Kampf zu kämpfen, das Kleinod zu erjagen um jeden Preis, das uns die himmlische Berufung Gottes in Christo vorhält.

Die Überlieferungen, an denen sie festhalten sollten und wir mit ihnen, sind nicht menschliche, sondern göttliche, von Paulus auf Befehl des höchsten Gottes selbst ihnen vermittelte. Das Wort deckt sich ganz mit dem, was er soeben sein Evangelium genannt hatte. So hatte er ihnen gepredigt, da er bei ihnen war, so hatte er ihnen in seiner ersten Epistel geschrieben. So sollten sie es bewahren und im Gehorsam des Glaubens üben.

Daraus fließt dann naturgemäß der Segenswunsch in den beiden Versen 16 und 17: Er selbst aber, unser Herr Jesus Christus und Gott, unser Vater, der uns geliebt und einen ewigen Trost und eine gute Hoffnung durch Gnade gegeben. Was sind das doch für kostbare Bezeichnungen, eine wie die andere, von dem, der uns berufen hat in die Gemeinschaft des Sohnes seiner Liebe.

Darin steht die Liebe, nicht dass wir Gott, sondern dass er uns geliebt hat und gegeben einen ewigen Trost, d. h. einen Trost für die Ewigkeiten, nicht nur für die kurze Spanne des gegenwärtigen Erdendaseins, einen Trost, der unsere Herzen auf das Tiefste befriedigt und stille macht in ihm, der uns geliebt hat.

Und eine gute Hoffnung durch Gnade. Irgend ein anderer, als der Gnadengrund würde tödlich sein für die schönsten Hoffnungen. Diese dürfen nie auch nur zum kleinsten Teil auf dem ruhen, was wir sind oder haben oder leisten, sondern nur auf der Gnade, die uns dargeboten wird bei der Offenbarung unseres Herrn Jesu Christi.

Der tröste eure Herzen und stärke euch in allem guten Wort und Werk! Also nicht zur eigenen Beseligung und Erfüllung mit überaus köstlichen Empfindungen und Gefühlen überschwänglicher Seligkeit, sondern zur praktischen Betätigung der empfangenen Gnade an anderen, sei es dieser oder der zukünftigen Weltzeit.

Drittes Kapitel

1. Im Übrigen, Brüder, betet für uns, dass das Wort des Herrn laufe und verherrlicht werde wie bei euch; 2. dass wir errettet werden von den widrigen und bösen Menschen; denn nicht alle haben den Glauben. 3. Aber der Herr ist treu, der wird euch stärken und bewahren vor dem Argen. 4. Wir trauen euch aber zu in dem Herrn, dass ihr tut und tun werdet, was wir euch gebieten. 5. Der Herr aber lenke eure Herzen zu der Liebe Gottes und zu der Geduld Christi!

Die in V. 1 von Paulus ersehnte Verherrlichung des Wortes des Herrn besteht in der gläubig gehorsamen Aufnahme desselben (1. Thess. 1, 6; Joh. 17, 6.8.14.22), nicht in noch so schön gesetzten Worten des Lobes oder der Anerkennung; noch weniger in der Verteidigung oder Rechtfertigung, deren das Wort überhaupt nicht bedarf. Wie bei euch — ein Grund tiefer dankbarer Freude für beide Teile und ein mächtiger Ansporn zu fürbittender Treue.

Die Errettung von widrigen und bösen Menschen in V. 2 kann wohl auch nur verstanden werden in Bewahrung vor böswilliger Hinderung im gesegneten Dienst. Persönliche Leidensscheu ist dem Apostel nicht eigen. Dass nicht alle den Glauben haben, ist ja wohl sehr schmerzlich aber in diesem Zeitlauf unausbleiblich. Es darf die nicht entmutigen, die ihn haben. Denn Gott ist ja nicht allein der Glaubenden Retter, sondern aller, wie geschrieben steht (1. Tim. 4, 10). Des Glaubens jetzt schon gewürdigt und teilhaftig zu werden, ist hohes Gnadenvorrecht.

Des Herrn Treue (V. 3) zu stärken und zu bewahren vor dem Argen ist dem gehorsamen Streiter ein starker Fels, aber kein faules Ruhekissen für den Sicheren oder Leichtfertigen. Der “Arge” ist wohl auch hier persönlich zu fassen. Sein Machtbereich ist keineswegs unumschränkt. Kein Gläubiger braucht ihn zu fürchten; wohl aber muss er vor ihm auf der Hut sein.

Das Vertrauen des Apostels (V. 4) in den Gehorsam seiner geistlichen Kinder ist nicht fleischlich, sondern im Herrn. Er rechnet mit dessen Vermögen und Wirken, nicht mit dem ihrigen. Es gibt einen sprachlich erlaubten und schönen Sinn, wenn man den Gebetswunsch V. 5 liest: … zu der Liebe Gottes und zu der gläubigen Erwartung auf Christus. Ähnliche Wendungen finden sich Offb. 1, 9; 3, 10; wo der Herr wohl auch Gegenstand des geduldigen Wartens ist. Das schließt ja den Hinweis auf die Geduld Christi, die er selbst bewährt und beweist, nicht aus, sondern ein.

6. Wir gebieten euch aber, Brüder, im Namen unseres Herrn Jesu Christi, dass ihr euch zurückzieht von jedem Bruder, der unordentlich wandelt und nicht nach der Überlieferung, die ihr von uns empfangen habt. 7. Denn ihr wisst selbst, wie ihr uns nachahmen sollt, dass wir nicht unordentlich unter euch waren; 8. wir haben auch nicht umsonst bei jemand Brot gegessen, sondern mit Mühe und Anstrengung Tag und Nacht gearbeitet, um niemand von euch zur Last zu fallen; 9. nicht dass wir kein Recht dazu hätten, sondern damit wir uns selbst euch zum Beispiel gäben, auf dass ihr uns nachahmen möchtet. 10. Denn als wir bei euch waren, geboten wir euch solches, dass, so jemand nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen. 11. Wir hören nämlich, dass etliche von euch unordentlich wandeln und nichts arbeiten und sich herumtreiben. 12. Solchen gebieten wir und ermahnen durch unsern Herr Jesum Christum, dass sie mit stiller Arbeit ihr eigenes Brot verdienen. 13. Ihr aber, Brüder, werdet nicht müde, Gutes zu tun. 14. Wenn aber jemand unserm brieflichen Wort nicht gehorcht, den kennzeichnet dadurch, dass ihr nicht mit ihm umgeht, damit er sich schämen muss. 15. Doch haltet ihn nicht für einen Feind, sondern weist ihn zurecht als einen Bruder.

Den Anlass zu diesen disziplinarischen Anweisungen, die einer eingehenden Erklärung kaum bedürfen, gab nicht ein tiefer, erschütternder Fall von schwerster Versündigung und Schande wie 1. Kor. 5. Vielmehr wird aus V. 11 deutlich, dass es sich um etliche gehandelt habe, die vielleicht, wie wir das ja in unsern Tagen nicht selten gehabt haben, die Erwartung der nahen Zukunft des Herrn zu einem Anlass nahmen, unordentlich zu wandeln, d. h. ihren irdischen Beruf zu vernachlässigen und sich in frommem Müßiggang herumzutreiben. Dieser fleischliche Missbrauch der überaus köstlichen beständigen Erwartung des wiederkehrenden Herrn findet hier seine Korrektur. Damit bezeugt der Heilige Geist sehr deutlich, dass es falsch und unbegründet ist, solch unordentliches Wandeln als eine natürliche, selbstverständliche Frucht und Folge einer beständigen, gläubigen, sehnlichen Erwartung der Wiederkunft des Herrn zu bezeichnen. Es gelingt dem Feind gar leicht, eine übertriebene Furcht vor möglichem Missbrauch zu wecken und dadurch aufrichtigen Seelen eine köstliche Wahrheit missliebig oder gar gefährlich erscheinen zu lassen. Auch vor solchen Anschlägen des Feindes muss man auf der Hut sein.

Es liegt viel erzieherische Weisheit in den Worten, mit welchen der Apostel diesen Fall von unordentlichem Wandel erledigt. Sie sind durchsichtig und bestimmt.

Die Sache ist ernst genug für ihn, im Namen des Herrn Jesu Christi zu gebieten, dass die Betreffenden unter heilsame Zucht zu nehmen seien. Echt väterlich weist er hier auf das von ihm allen gegebene Beispiel. Bei diesem Anlass mag es gewesen sein, denn die Gründung der Gemeinde zu Thessalonich fällt in die ersten Jahre seiner Wirksamkeit, namentlich auf europäischem Boden, dass dem Apostel zum klaren Bewusstsein kam, wie wichtig und wertvoll ihm sein Verzicht auf das biblische Recht, sich vom Evangelium zu nähren, werden könnte. Er wird es, das merkt man aus späteren Briefen, z. B. an die Philipper, nie bereut haben, die unabhängige Stellung in Bezug auf seinen Unterhalt behauptet zu haben.

Man kann nicht umhin, Betrachtungen darüber anzustellen, welchen Verlauf wohl die Kirchengeschichte genommen hätte, wenn von Anfang an auch nur die Mehrzahl aller Diener am Evangelium dem apostolischen Beispiel nachgeeifert hätten. Vor dem römischen und protestantischen Klerikalismus wären wir wohl bewahrt geblieben und vor vielem anderen mehr.

Schon in den kurzen Wochen seines ersten Bleibens unter ihnen scheinen sich Ansätze zu solch unordentlichem Herumtreiben gezeigt zu haben. Dem setzte er damals gleich das scharfe Wort entgegen: so jemand nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen. Und hier wieder gebietet er solchen nachdrücklich, dass sie mit stiller Arbeit, nicht mit fromm klingendem Gerede von der nahen Zukunft des Herrn, ihr eigenes Brot verdienen sollen.

Das aber sollte nach der andern Seite hin wieder nicht zu einem Anlass genommen werden, gegen wirklich Bedürftige und Arme in der Wohltätigkeit nachzulassen.

Was er nun verfügt, so jemand seinem brieflichen Wort nicht gehorchen sollte, lässt er uns einen Blick tun sowohl in die apostolische Art, Gemeindezucht anzuordnen, als auch besonders in die fast selbstverständliche Weise, mit dem Geist der Zucht zu rechnen, der in den Gemeinden wirksam war. Das waren noch nicht die Tage papierener Paragraphen und mühevoller Beschlussnahmen. Der Geist lebte in den Gläubigen und diese wandelten im Geist. V. 15 zeigt als Ziel aller Zucht wieder die Zurechtbringung der Fehlenden, nicht aber ein bloßes sich Versteifen auf Reinhaltung der Gemeinde.

V. 16: Er aber, der Herr des Friedens, gebe euch den Frieden immerdar und auf alle Weise! Der Herr sei mit euch allen.

Ein unverkennbares, deutliches Echo der Worte des Herrn Joh. 14, 27: Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Auch am Schluss seines ersten Briefes (4, 23) nennt Paulus Gott den Gott des Friedens. Darin liegt die Bürgschaft auch für den dereinst das ganze All Gottes erfüllenden Frieden, wenn Gott alles in allen geworden sein wird. Der Herr des Friedens wird nicht rasten, bis er alles zum Frieden gebracht hat.

V. 17: Der Gruß mit meiner, des Paulus, Hand; dies ist das Zeichen in jedem Brief, so schreibe ich.

Aus diesen und ähnlichen Worten geht deutlich hervor, dass der Apostel, wohl durch ein schmerzhaftes Augenleiden veranlasst, seine Briefe meist diktierte und dann nur selbst unterzeichnete. Man vergleiche 1. Kor. 16, 21; Gal. 4, 15; 6, 11; Kol. 4, 18.

V. 18: die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei mit euch allen! Amen!

Darin liegt die einzige Bürgschaft für alles gedeihliche Einzel- und Gemeindeleben im Glauben. Denn aus Gnaden sind wir errettet, und durch Gnade sind wir, was wir sind. Das höchste Lob der Ewigkeit wird der Gnade ertönen.

(Quelle: Mir unbekannt; Schriften Johannes Ullmann)

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