Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Die beiden Thessalonicherbriefe (2)

Autor: Ströter, Ernst F., Prof.  |  Kategorie(n): Lehre, Paulusbriefe  |  728 x gelesen

Kapitel 3

1. Darum, weil wir es nicht länger aushielten, zogen wir vor, allein in Athen zu bleiben 2. und sandten den Timotheus, unsern Bruder, der Gottes Diener und unser Mitarbeiter am Evangelium ist, dass er euch stärke und ermahne in eurem Glauben, 3. damit niemand wankend werde in diesen Trübsalen; denn ihr wisset selbst, dass wir dazu bestimmt sind. 4. Denn als wir bei euch waren, sagten wir euch voraus, wir würden Trübsale leiden müssen, wie es auch gekommen ist und ihr wisst. 5. Darum hielt ich es auch nicht mehr aus, sondern erkundigte mich nach eurem Glauben, ob euch nicht etwa der Versucher versucht habe und unsere Arbeit umsonst gewesen sei. 6. Nun aber Timotheus zu uns von euch zurückgekommen ist und uns gute Nachricht gebracht hat von eurem Glauben und eurer Liebe und dass ihr uns allezeit in gutem Andenken habt und danach verlangt, uns zu sehen gleichwie wir euch, 7. da sind wir deshalb getröstet worden, ihr Brüder, über euch bei all unserer Not und Trübsal, durch euren Glauben. 8. Denn nun leben wir, wenn ihr feststeht im Herrn. 9. Denn was können wir Gott für einen Dank abstatten für euch ob all der Freude, die wir um euretwillen genießen vor unserm Gott? 10. Tag und Nacht flehen wir auf das Allerdringlichste, dass wir euer Angesicht sehen und die Mängel eures Glaubens möchten ergänzen dürfen. 11. Er aber, Gott unser Vater, und unser Herr Jesus Christus, lenke unsern Weg zu euch! 12. Euch aber schenke der Herr mehr und immer größere Liebe zu einander und zu allen, gleichwie auch uns zu euch, 13. auf dass eure Herzen gestärkt und tadellos erfunden werden in Heiligkeit vor unserm Gott und Vater bei der Zukunft unseres Herrn Jesu Christi mit allen seinen Heiligen.

V. 1: Der Apostel schämt sich nicht, seinen geistlichen Kindern einen Einblick zu geben in die Dinge, die sein Herz um ihretwillen so sehr bewegt hatten, seine Sorgfalt, seine Liebe, seine Anhänglichkeit, sein warmes, inniges Interesse an ihrem Wohl und Wehe, insonderheit an ihrem inneren Zustand. Seine Sprache hat so gar nichts Übergeistiges an sich, sondern bewegt sich durchaus in den Bahnen einer gesunden, gottgeweihten Natürlichkeit. Er gibt sich so, wie er ist, denkt und empfindet.

Zugleich bekommen wir Aufschluss aus seinem eigenen Mund über die Umstände, welche die Veranlassung gaben zur Abfassung dieses Briefes. Paulus trennte sich lieber in Athen von seinem ihm gewiss sehr wertvollen Gefährten und Gehilfen Timotheus, seinem geistlichen Sohn, um nur Gewissheit zu bekommen, wie es in Thessalonich stünde. Das Opfer brachte er gern. Wir wissen es dem Herrn heute noch Dank, der das alles so ordnete und lenkte.

V. 2: Seinen Bruder, Gottes Diener und seinen Mitarbeiter, nennt er den jugendlichen Timotheus. Welch hohe und köstliche Bedeutung doch in seinen Augen dem Wort Bruder innewohnt, dass er das voraussetzt. Welche Demut auch bei ihm, dass er öffentlich den Gehilfen nicht als Untergebenen, sondern vor allem als Bruder einführt. Wir achten nicht, dass er damit seinem eigenen Ansehen als hoher Apostel irgend etwas vergibt.

Diener Gottes und unser Mitarbeiter. Das sind wieder zwei Bezeichnungen, die uns viel zu sagen haben. So gewiss Paulus sich als Sklaven Jesu Christi weiß, so klar ist er sich über die Berufung auch dieses Jünglings zu einem Diener Gottes. Dass er ihn nie so genannt haben würde, wenn er nicht an dessen Berufung von Gott selbst geglaubt hätte, steht wohl über allem Zweifel. Wie unheimlich, wie erschreckend groß ist in unsern Tagen die Zahl derer angewachsen, die ohne irgend welche bewusste oder auch nur von erleuchteten Kindern und Knechten Gottes als unzweifelhaft anerkannte göttliche Berufung den Namen “Diener Gottes”, “Diener am Wort” u. dgl. führen, amtlich patentiert, privilegiert und ordiniert und auf das Äußerste darauf bedacht, dass man sich nur an ihrem Amt nicht vergreife, sich nicht den mindesten Eingriff erlaube in die Befugnisse, die sie zu haben meinen, nicht kraft göttlicher, sondern lediglich auf Grund menschlicher Bestallung. Man braucht nur ein so einfaches Wort wie das vorliegende einmal da hineinleuchten zu lassen, und man erschrickt vor den Machenschaften, in die wir geraten sind, vor der Tyrannei, womit die Gemeinde traktiert wird. Das ist auch eine Art von babylonischer Gefangenschaft, in die das Volk Gottes geraten ist, nicht ohne eigenes Verschulden.

Unser Mitarbeiter am Evangelium. Kann es auch unter dem ganzen Himmel, ja im ganzen weiten All etwas Kostbareres, Erhabeneres, Herrlicheres geben, als ein Mitarbeiter zu sein am Evangelium Gottes? An dem Evangelium, das von den Ewigkeiten her in Gott verborgen lag, das den Inhalt seiner tiefsten und wunderbarsten Gedankenzüge in dem Sohn vor Grundlegung der Welt gebildet hat. An dem Evangelium, gegen das die ganze Macht der Finsternis, die sich ungezählte Äonen lang darauf rüsten durfte mit Anschlägen ohne Zahl und Maß, sich ohnmächtig erwiesen hat, wie furchtbar sie getobt und gewütet, es zu vernichten. An dem Evangelium, dessen Kern und Stern der Eingeborene vom Vater ist, der, in welchem alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis Gottes verborgen und beschlossen sind. An dem Evangelium von einem Leibe, einer Fülle des Christus Gottes selber, durch welche das große Haupt über alles in den zukünftigen Äonen den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade erst kund machen will, Gefäße seiner eigenen Herrlichkeit, Miterben alles dessen, was der Vater ihm gegeben hat.

Aber wie hat man das Evangelium verwässert und verflacht. Wie wenige erkennen es heute noch in seiner ganzen Urkraft, Herrlichkeit und Fülle! Und wie wenige sind in Wahrheit berufene Mitarbeiter daran. Wie kann man auch mitarbeiten an dem, was man selbst nicht erkennt und glaubt.

Der Auftrag, den der Apostel seinem Sohn Timotheus an die Gemeinde zu Thessalonich gab, war der, sie in ihrem Glauben zu stärken und zu ermahnen. Das ist eine Aufgabe, die man leider in unsern Tagen in führenden Kreisen immer weniger erfasst und übt. Die Gemeinden der Gläubigen schmachten und seufzen nach Stärkung mit kräftigender Speise, nach Ermahnung in sich erweiternder Erkenntnis. Statt dessen werden sie vielfach nur mit Milch und der leichtesten Kost abgespeist. Tausende von Kindern Gottes hören jahraus jahrein fast nur Erweckungs- und Bekehrungspredigten. Und Konferenzen, die berufen und beauftragt waren, Kinder Gottes weiter zu führen von Erkenntnis zu Erkenntnis, ziehen es vor, diesen Beruf einfach zu versäumen und Elementarunterricht zu geben in den Grundlinien der Wahrheit. Dies sollte man tun, aber jenes nicht lassen. Wie soll die Gemeinde Gottes den Anläufen des Feindes begegnen, wenn sie nicht gewappnet ist mit Einsicht in den ganzen, vollen Rat Gottes, in den Reichtum seiner köstlichen Gedanken? Es steht zu fürchten, dass man den Boden bereitet für eine noch bedenklichere Niederlage als die, die wir in der Pfingstbewegung erlitten haben, wenn man da nicht andere Bahnen einschlägt.

Wollten nun alle wirklich berufenen und vom Herrn legitimierten Mitarbeiter, ein jeder in seinem Kreis, sich das Wort gesagt sein lassen, dass wir die Gläubigen zu stärken, zu ermahnen und ihre Mängel zu erstatten haben, wenn anders der Leib Christi wirklich gefertigt und zugerüstet werden soll auf den Tag seiner Zukunft.

V. 3: Hier redet Paulus von Trübsalen, zu denen wir bestimmt sind, so auch im folgenden 4. Vers mit Hinweis auf die mündliche Unterweisung, die er ihnen darüber gegeben hatte, als er bei ihnen war. Es ist der gleiche Ton, den er schon in Kap. 1, 6 und 2, 14-16 angeschlagen hatte. Wir haben nicht den Eindruck, als ob Paulus unter diesen Trübsalen an das gedacht habe, was man gewöhnlich unter der großen, antichristlichen Drangsal und Verfolgung versteht. Vieles in diesem und seinem zweiten Brief spricht entschieden gegen eine solche Auffassung. Offenbar hat Paulus nicht geglaubt, dass der Antichrist schon auf dem Plan sei, dass er bereits an der Arbeit sei, die Heiligen zu zerstören und zu töten. Er erwartet dessen Offenbarung erst für die Zukunft.

Somit dürfen wir gewiss die Trübsale, von denen er als unvermeidlich redet, in einem andern Sinn als in jenem ganz speziellen fassen. Damit scheint uns aus seinen Worten deutlich zu sein, dass er überhaupt keine gesunde, normale Entwicklung der Gemeinde in Christo in diesem Weltlauf erwartet hat als eine solche, die stets Leiden und Verfolgung mit sich bringen werde für die, welche seinem Evangelium glauben, d. h. gehorchen und darauf eingehen.

Wenn nun aber im Lauf der Jahrhunderte dieses Leiden und solche Verfolgung scheinbar weniger geworden ist, so muss man sich wohl hüten, zu der Annahme zu greifen, das sei eben eine der segensreichen Wirkungen des Evangeliums in seinem Siegeslauf durch die Welt, dass es der religiösen Intoleranz den Boden entzogen und die Menschheit im ganzen duldsamer gemacht habe. Das wäre eine gar gefährliche und durch nichts in der Schrift gerechtfertigte Täuschung. So lange der Fürst und Gott dieser Welt sein Wesen haben darf in den Kindern des Ungehorsams, ist nicht daran zu denken, dass das Wesen dieser Welt, das Feindschaft wider Gott ist, sich grundsätzlich ändere. Das Wort des Meisters: ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hasst sie — wird seine Richtigkeit behalten, bis das Wesen dieser Welt in der Tat vergangen ist.

Nein, der wahre, tiefste Grund für den allerdings auffälligen Mangel an Verfolgung und Trübsal um des Evangeliums willen, wird wohl der sein, dass man das echte, alte Urevangelium nicht mehr predigt, sondern populäre Bearbeitungen desselben, Abschwächungen und Auszüge. Man findet es praktischer, den gläubigen Kreisen und Gemeinden nicht den ganzen Rat und Willen Gottes zu verkündigen, sondern nur eben genug zur Erlangung des Heils. Was darüber hinaus geht, gilt für fakultativ, d. h. es steht im Belieben des Einzelnen, wie viel oder wie wenig er sich davon aneignen mag. Dabei ist der überwiegende Einfluss auf Seiten des “wenig”.

So gilt es für eine genügende Befähigung zu irgend welchem Dienst daheim oder draußen in der Nationenwelt, wenn der oder die Betreffende nur “gegründet ist in den Heilswahrheiten der Schrift”. Tiefere, weitere Erkenntnisse der göttlichen Gedanken und Wege mit der Menschheit, mit Israel und der übrigen Nationenwelt in den zukünftigen Zeitaltern werden gar nicht einmal gewürdigt, geschweige denn gewünscht. Man hat sich eben darauf festgelegt, dass das Evangelium heute nichts weiter bezwecke, als der Menschheit im allgemeinen das in Christo erschienene Heil nahe zu bringen. Wenn Menschen nur gerettet würden, dann sei alles geschehen, was zu geschehen habe. Dieses neue Leben dann zu pflegen und zu bewahren bis zu einem seligen Lebensende, das sei die ganze Aufgabe eines Predigers und Seelsorgers. So ist die Auffassung des Evangeliums fast ganz auf das Ausschaffen des eigenen Seelenheils zugeschnitten.

Gegen ein solches Evangelium ist allerdings die Welt ziemlich tolerant. Sie hat nicht viel dagegen einzuwenden, wenn ein Mensch glaubt, er bedürfe der Rettung seiner Seele. Nun gut, dann soll er sie retten. Das lässt sie aber ganz in Ruhe. Denn ein solches Evangelium ist eben “Privatsache”.

Aber ein Evangelium, das dem ganzen gegenwärtigen Weltlauf das Verdammungsurteil spricht, das erklärt, die ganze Welt liege im Argen, und der Zeitgeist sei der Satan, der Gott dieser Welt, ein Evangelium, das sich nicht abspeisen lässt mit der Hoffnung, endlich einmal in den Himmel zu kommen, sondern das den Sohn Gottes aus dem Himmel erwartet als den einzig rechtmäßigen Erben über alles, als den künftigen Richter, Retter und König aller Könige, das den kommenden Zorn verkündigt über alle, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten — ein solches Evangelium fordert auch heute noch den Hohn, die Verachtung und die Feindschaft der Welt, besonders der frommen, christianisierten Welt und ihrer Schriftgelehrten heraus. Die Probe aufs Exempel zu machen steht jedem frei.

Wem also sein Evangelium solche Trübsal, Verachtung und Verfolgung noch nicht eingebracht hat, der hat allen Grund, sein Evangelium in Verdacht zu haben, dass es doch wohl nicht das richtige sei, dass ihm etwas, vielleicht sogar sehr vieles fehle, auch wenn es ihm schon viele geistliche Genüsse und Freuden gebracht hat. Nur zu viele Christen wollen keinen besseren Prüfstein kennen als den, dass ihr Glaube sie “selig” gemacht hat. Aber es steht auch geschrieben: Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Und: Das Reich Gottes steht nicht in Worten, sondern in Kraft. Wo ist der Sieg? Wo die Kraft?

Ist man aber im Voraus gewappnet, d. h. weiß man wie die Thessalonicher, dass wir dazu gesetzt sind, solche Anfeindung und Trübsal zu erleiden, dann hat sie für uns den schärfsten Stachel schon verloren. Wir wissen uns ihrer zu erwehren im Aufblick auf den, mit dem zu leiden wir berufen sind.

V. 5: lässt und deutlich erkennen, mit welcher väterlichen Besorgtheit sich Paulus nach dem Glauben seiner geistlichen Kinder erkundigen ließ, ob sie nicht etwa der Versucher versucht, d. h. zum Wanken gebracht habe. Denn anders hätte seine Sprache: “und unsere Arbeit umsonst gewesen sei” keine Begründung gehabt. Wie viel dem Erzfeind daran gelegen sein muss, das Werk des Glaubens in den Menschen zu zerstören oder auch nur lahm zu legen, ist einleuchtend, wenn das, was wir oben über den Charakter des wahren Evangeliums gesagt haben, seine Richtigkeit hat.

Es gehört das mit zu den tiefen Geheimnissen göttlichen Waltens, dass diesem Feind, dem doch durch Christi Tod und Auferstehung das Handwerk gelegt wurde, ein so weiter Spielraum gelassen ist, sich an den Heiligen Gottes, an seinen geliebten und erlösten Kindern zu versuchen, d. h. ihnen sehr hart zuzusetzen. Aber die Anfechtung lehrt auf das Wort merken, sagt die Schrift. Wer sich das sagen lässt, den wundert es nicht, dass der Feind ihm zusetzt. Denn das Wort ist die einzige Waffe, gegen die der Satan nichts vermag.

Seine größten Triumphe in der Christenheit sind stets zurückzuführen auf Abweichungen, Untreue, Verlassen der Schrift, des ganzen ungebrochenen Wortes göttlicher Offenbarung. Wo immer man menschliche Meinungen und Satzungen über oder auch nur neben die Schrift gestellt hat, wo immer menschliche Weisheit und Gelehrsamkeit den Ton angeben durften im Hause Gottes, da hat Satan triumphiert. Denn mit nichts ist er zu schlagen als mit dem einfachen: “Es steht geschrieben”.

V. 6: Wie froh und dankbar tönt es uns aus diesem Vers entgegen, was dem Paulus die gute Kunde bedeutet haben muss, die ihm Timotheus brachte von dem Glauben und der Liebe seiner Kinder im Evangelium Gottes. Unbeschreibliche Gnade, wenn Menschen wieder Gott glauben lernen, und zwar alles, was er ihnen zu sagen hat, nicht nur auserlesene Abschnitte besonders erbaulichen Inhalts. Wie wenig Gläubige gibt es doch heute, die ihrem Gott alles abnehmen, was durch seinen Mund gekommen ist. Und davon lebt der Mensch Gottes.

Und was für ein Triumph der göttlichen Liebe, wenn selbstsüchtige, kalte, liebeleere Menschen wieder lieben lernen, den, der uns zuerst geliebt hat, und dann auch die, welche gleicher Liebe zur Beute geworden sind.

In diesem Fall nahm diese Liebe der Gläubigen in Thessalonich die besondere Gestalt an, dass sie ihres geistlichen Vaters und Lehrers herzlich eingedenk waren und danach verlangten, ihn wiederzusehen, wie er auch das gleiche Verlangen trug. Das ist gesund und normal. Es ist ebenso weit entfernt von unziemlicher Menschenvergötterung wie von satter Selbstgenügsamkeit, die sich weise genug dünkt, eines treuen Lehrers ganz entraten zu können.

V. 7: In des Apostel bedrängter Lage waren ihm diese Mitteilungen von besonderem Wert. Er fühlte sich keineswegs erhaben über solche Tröstungen, die ihm sein freundlicher Herr zur rechten Zeit dadurch zukommen ließ, dass er erfuhr, dass seine Arbeit in Thessalonich nicht vergeblich gewesen sei, sondern wie Gott ihn da in Wahrheit legitimiert habe als echten Diener Jesu Christi.

Es kann und darf einem treuen Knecht Gottes keineswegs gleichgültig sein, ob und wie Gott sich zu seiner Arbeit bekennt wenn auch erst der zukünftige Tag der Offenbarung die volle Anerkennung oder die ganze oder teilweise Verwerfung des Erarbeiteten bringen wird nach der Schrift (1. Kor. 3, 13): der Tag wird es klar machen, denn durchs Feuer wird es offenbart, und welcherlei eines jeglichen Werk ist, wird das Feuer bewähren. Darum ist es von hoher Bedeutung, dass unsere Arbeit hier schon in das Feuer der Trübsal kommt. Und wenn das, was wir erarbeitet haben, sich hier schon bewährt, dann darf uns vor dem Feuer jenes Tages nicht bange sein.

Nur muss man sehr sorgfältig auseinanderhalten äußeren Erfolg, Anhang, Gefolgschaft, die allzumal sehr trügerisch sein können — und wirklich bewährte und erprobte Geisteswirkung und -frucht, die allein aus dem Wort gezeugt sein kann. Rein Menschliches besteht die Probe nicht, auch hier schon nicht, viel weniger an jenem Tage. Es ist Holz, Heu und Stoppel. Das Feuer wird es verzehren.

V. 8: Die Sprache dieses Verses deckt sich und bekundet den gleichen Geist mit dem, was Paulus in Kap. 2, 19 gesagt hatte. Nur eine so hohe Auffassung von der Bedeutung der Gläubigen als Glieder des Leibes Christi, wie er sie hatte, kann eine solche Sprache rechtfertigen. Wenn es sich bei dem paulinischen Evangelium um nichts Höheres gehandelt hätte als um das einfachste und sicherste Verfahren, in den Himmel zu kommen, dann sind das Überschwänglichkeiten im Munde des Paulus. Hat es aber mit der Gemeinde, welche sein Leib ist, die hohe Bewandtnis, nimmt sie im Rat und Plan Gottes den Raum ein, den ihr Paulus zuweist, ist sie die wunderbarste Einheit, sowohl in als mit Christo selbst, ist sie das berufene Organ des Heiligen Geistes zur Verherrlichung des Christus Gottes in den künftigen Weltzeiten, soll an ihr auch die ganze Engelwelt die mannigfaltige Weisheit Gottes lernen (Eph. 3, 10), dann bekommt die Redeweise des Apostels eine ganz natürliche und selbstverständliche Bedeutung.

V. 9: Das sind die tiefsten und reinsten Freuden, die es zu genießen gibt, nicht die in eigenen seligen Empfindungen und Gefühlen bestehen, sondern die hervorgehen aus der köstlichen Erkenntnis und Einsicht in die Verwirklichung der großen und herrlichen Gedanken Gottes in der Gemeinde seines lieben Sohnes für eine dem Tode verfallenen Welt. Das ist Freude, wenn man sehen darf, wie die Gedanken Gottes Aufnahme finden und im Gehorsam ergriffen werden von denen, die durch unsern Dienst wirklich dem Herrn der Herrlichkeit zugeführt werden, dass sie sein Eigentum seien zum Lobe seiner herrlichen Gnade.

V. 10: Und das ist dann auch das ganz natürliche Verlangen und Bestreben eines treuen Knechtes Jesu Christi, solchen empfänglichen und offenen Herzen immer weitere Gebiete der lebendigen Erkenntnis und Gnade in Christo zu erschließen und also die Mängel zu erstatten, d. h. das dem Glauben noch Mangelnde an Erkenntnis zuzuführen. Denn der lebendige Glaube nährt sich und erstarkt nur an dem sich immer tiefer erschließenden Wort der Wahrheit. Gottes Volk in unsern Tagen verschmachtet aus Mangel an umfassender, tiefer, eingehender Erkenntnis. Man hat es gelehrt, sich in seinen Erfahrungen zu bewegen, sich an ihnen zu ergötzen, sich in ihnen zu spiegeln. So hat man selbst der inneren Verkümmerung die Wege gebahnt. Die ist dann auch nicht ausgeblieben. Kraftlosigkeit, Unklarheit, Unsicherheit den ernsten Geistesproblemen gegenüber, das sind die schmerzlichen, aber unverkennbaren Symptome, die sich allenthalben zeigen.

Dagegen gibt es nur ein Mittel. Es muss der Gemeinde alle und jede Gelegenheit geboten werden, in allen Dingen reich zu werden durch lebendige Erkenntnis der göttlichen Gedanken und Ziele. Die haben eine große Verantwortung, welche der Gemeinde dabei im Wege stehen und sie in der Unmündigkeit halten durch ständiges Repetieren der Elemente des göttlichen Lebens. Die Milchdiät muss einer festen Speise weichen, wenn da Wandel kommen soll.

V. 11: Verfolgt man solche Ziele, dann kann man auch seinen Weg ruhig in des treuen Gottes und Vaters Hand legen. Er öffnet die Bahnen, er schließt auf, und niemand schließt zu. Wer sich in seinem ganzen Streben um die Gemeinde Gottes in Harmonie mit den göttlichen Absichten und Zielen weiß, der hört auf, sich Gedanken und Sorgen zu machen über seine Zuhörerschaft, wie er nur die Leute heranlocken und nachher fesseln soll. Er weiß, wie der Sohn Gottes es wusste, alles, was mir der Vater gibt, das kommt zu mir. Man nimmt dann alle seine Kreise, seien sie groß, seien sie klein, vom Vater und überlässt ihm das Sorgen auch für die Resultate und die Folgen.

V. 12: Über alles zieht an die Liebe, das Band der Vollkommenheit. Die Liebe, die tragende, leidende, priesterlich einstehende Liebe, die alles glaubt, alles hofft, alles duldet, auch da, wo man ihr die Tür weist, sie verschmäht und verkennt — sie ist die größte unter ihren Schwestern. Sie wird auch den endlichen Sieg davontragen über alle Feindschaft und allen Widerstand. Sie überwindet alles.

V. 13: Und das ist die rechte Stärkung und Festigung des Herzens, welche durch Gnade geschieht, nicht durch Satzungen und Beobachtungen frommer Regeln und Verordnungen zu einem heiligen Leben. Was sind das doch alles für traurige Surrogate. Wie hat man die Seelen damit gemartert! Und der göttliche Weg zur Vollendung ist so göttlich einfach.

Auch in diesem Kapitel begegnet uns wieder ein ernster Hinweis auf die Zukunft unseres Herrn Jesu Christi. Diese Hoffnung ist in den Augen der Apostel von der höchsten praktischen Bedeutung für eine gesunder Entwicklung und Ausreife des geistlichen Lebens. Wahre Christen sind in ganz besonderer Weise Hoffnungsmenschen, die nicht auf das sichtbare sehen, sondern auf das Unsichtbare, das aber offenbart werden soll, wenn Christus sich offenbaren wird.

Da der Apostel in dem nun folgenden Kapitel uns gerade über die Zukunft des Herrn Jesu sehr eingehend Unterricht zu erteilen hat, so wollen wir hier auf diesen Gegenstand nicht näher eingehen.

Kapitel 4

1. Weiter nun, ihr Brüder, bitten und ermahnen wir euch in dem Herrn Jesu, dass ihr in dem, was ihr von uns gelernt habt, nämlich wie ihr wandeln und Gott gefallen sollt, noch mehr zunehmt. 2. Denn ihr wisst, welche Gebote wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesum. Denn das ist der Wille Gottes, dass ihr euch der Unzucht enthaltet 4. und jeder von euch wisse, sein eigen Gefäß in Heiligung und Ehren zu erhalten, 5. nicht mit leidenschaftlicher Gier, wie die Nationen, die Gott nicht kennen; 6. dass niemand zu weit greife, seinen Bruder übervorteile in dem Geschäft, denn der Herr ist ein Rächer für das alles, wie wir euch zuvor gesagt und bezeugt haben. 7. Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinigkeit, sondern zur Heiligung. 8. Demnach nun, wer sich darüber hinwegsetzt, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der auch seinen Heiligen Geist in uns gegeben hat.

Das sind sehr praktische, in das alltägliche Leben eingreifende Belehrungen und Ermahnungen. Die Art, wie sie von Paulus eingeführt werden, ist bezeichnend für den Unterschied und Abstand zwischen Gesetz und Evangelium.

V.1: Paulus bittet und ermahnt, und zwar in dem Herrn Jesu. Die Grundvoraussetzung ist also schon die, dass seine Leser nicht nur das Verhältnis zu dem Herrn nicht nur kennen, sondern in demselben stehen. Da hat man den großen Fehler gemacht, dass man die Sittenlehre des Evangeliums behandelt hat wie eine neue Ausgabe des Gesetzes, das über dem Menschen steht, dem es gegeben wird. Während hier die Voraussetzung die ist von geistlich gerichteten Menschen, die in der Wahrheit des Evangeliums erkenntnis- und erfahrungsmäßig stehen, die geistliche Dinge auch geistlich beurteilen und unterscheiden können. So hat man gemeint, dadurch Christen machen zu können, dass man die sittlichen Vorschriften des Evangeliums den breiten Massen des Volkes lehrhaft nahe und sie unter dieselben brachte, die Gewissen damit band, ohne zu fragen, ob auch der innere Mensch dazu ja sagen gelernt hatte. An dieser inneren Unwahrhaftigkeit geht unser ganzes, angelerntes Christentum elendiglich zugrunde. Sein Bankrott wird immer deutlicher offenbar. Die bewusste Stellungnahme der breiten Massen gegen das Evangelium schreitet unaufhaltsam vorwärts. Das ist nicht zum geringsten Teil ein hoffnungsvolles Sichauflehnen gegen die fromme Lüge, in die man hineinerzogen worden ist, dadurch, dass man herdenweise am Altar zu Bekenntnissen verpflichtet worden ist, die man innerlich gar nicht als göttliche erkannt und ergriffen hatte. Das rächt sich bitter.

Diesen Gläubigen wird bezeugt, dass sie gelernt hatten, wie sie wandeln und Gott gefallen sollten. Das war nicht ein äußeres, buchstäbliches Lernen gewisser Satzungen, Vorschriften und Verordnungen, sondern ein inneres, vom Heiligen Geist selbst gewirktes sich Unterwerfen der erkannten Lebenswahrheit in Christo. Sie waren von Herzen gehorsam geworden dem, der für sie nun Weg, Wahrheit und Leben geworden war. In ihm wussten sie sich mit Gott versöhnt, ihm angenehm gemacht, ihm gefällig, nicht um der frommen Werke willen, die sie leisteten, sondern um dessentwillen, dass sie dem Urteil Gottes in Christo Recht gegeben, in ihm den erkannt hatten, der für sie zur Spünde gemacht worden war, auf dass sie Gerechtigkeit Gottes würden.

Darin sollten sie noch mehr zunehmen. Je weiter wir uns den gottgegebenen Erkenntnissen erschließen, desto tiefer kommt uns unser eigenes Unvermögen zu allem Guten zum schmerzlichen Bewusstsein, desto höher steigt das Empfinden unserer beständigen, gänzlichen Abhängigkeit von ihm, der unser Leben geworden ist. Damit vergleiche man wieder unsere unheilvolle Praxis, unsere kirchliche Jugend am Abschluss eines Lehrkurses in den christlichen Heilswahrheiten zu “konfirmieren”. Trotz aller inneren und äußeren Proteste ist die Wirkung dieses Verfahrens offenkundig die, dass eben diese Jugend von Stund an mit dem Christentum größtenteils in mehr als einem Sinn “fertig” ist.

V. 2: Gebote im Sinne von Röm. 3, 31: Heben wir nun das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei fern! Sondern wir richten das Gesetz auf. Ebenso Röm. 8, 4: Auf dass die vom Gesetz geforderte Gerechtigkeit in uns erfüllt würde, die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist. Also wirkliches, echtes Evangelium im Sinne von wahrhaftem Glaubensgehorsam, der eine grundsätzliche Umwandlung des ganzen Lebens, der sittlichen Grundrichtung im Menschen bedeutet.

In Vers 3-8 wird das deutlich an einem Punkt gemacht, an welchem die Gläubigen aus den Nationen ganz besonders der Erleuchtung und der Korrektur des Gewissens bedurften, nämlich in Sachen der Befriedigung des geschlechtlichen Naturtriebs. Während ja auch die Nationen ein Gesetz in ihrem Gewissen haben, wie Paulus Röm. 2, 15 bezeugt, so wäre es doch sehr verkehrt, daraus zu folgern, dass das natürliche Gewissen vollständig ausreiche zur Bestimmung des Lebens. Denn gerade das Heidentum legt den Beweis ab, dass die innere Stimme Gottes im Menschen, das Gewissen, sehr irregeleitet, ja vollständig korrumpiert und prostituiert werden kann.

So wusste und lehrte das Heidentum wohl auch, dass Diebstahl, Betrug, Mord und andere schlimme Handlungen sittlich verwerflich, d. h. Sünde seien. Ein Sündenbewusstsein ist dem ganzen Heidentum nicht abzusprechen. Woher hätte es sonst das Sühnebedürfnis haben können? Aber hier berührt der Apostel einen Punkt, da reichte die heidnische Sittlichkeit nicht nur nicht zu, sondern sie versagte vollständig. Denn in vielen gräulichen heidnischen Religionen galt und gilt heute noch das, was wir Hurerei nennen, nicht nur nicht für Sünde, sondern war religiöse Handlung, es gehörte zum Kultus gewisser Gottheiten. Die Priesterinnen gewisser Gottheiten waren einfach Prostituierte, feile Dirnen.

Aus diesem Umstand erklärt sich auch die besondere Erwähnung, dass man Hurerei findet unter den vier Stücken, welche den Christen aus den Nationen besonders empfohlen wurden, nämlich die Enthaltung von Hurerei. Denn der jene Empfehlungen beherrschende Gesichtspunkt ist der der Rücksicht auf die schwachen oder verkehrt erzogenen Gewissen anderer. Das jüdische Gewissen nahm Anstoß am Essen von Götzenopferfleisch, von Blut, von Ersticktem. Das heidnische Gewissen bedurfte der besonderen Schärfung in Bezug auf das, was ihnen im Heidentum als Kultusakt gegolten hatte (Apg. 15, 28.29).

Daher auch hier, bei diesen ganz jungen Gläubigen aus den Nationen die sehr eingehende Behandlung gerade dieser Frage, eine Behandlung, die für unser Empfinden fast als überflüssig oder zu weitschweifig angesehen werden könnte.

Gleichwohl ist aber auch für uns wichtig die Art, wie Paulus hier von Heiligung redet. Es ist unverkennbar eine Heiligung des Leibes als eines Gefäßes des in uns wohnenden Heiligen Geistes, die er betont. Das heißt, eine Heiligung, die einen sehr praktischen Charakter trägt, die etwas sehr Alltägliches an sich hat. Gerade so wie sein anderes Wort: Ihr esst nun oder trinkt oder was ihr tut, tut es alles zu Gottes Ehre (1. Kor. 10, 31; 6, 20). Denn ihr seid teuer erkauft; preiset nun Gott an eurem Leibe. Und Röm. 12, 1: Ich ermahne euch nun, ihr Brüder, kraft der Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber Gott darstellt als ein lebendiges, heiliges, wohlgefälliges Opfer, welches sei euer vernünftiger Gottesdienst!

Da ist gar keine Rede von besonderen frommen Übungen, die man mit seinem Leibe, mit Zunge, Lippen oder Händen vorzunehmen habe, sondern nur von einem gottgewollten, normalen, gesunden und nutzbringenden Gebrauch der Glieder des Leibes, als Glieder Christi, als Tempel des Heiligen Geistes. Das ganze Leibesleben bekommt eine neue Weihe, eine neue Bedeutung. Die künstliche Unterscheidung zwischen profanen und heiligen Handlungen fällt ebenso vollständig weg wie der Unterschied zwischen heiligen und anderen Tagen. Jeder Tag meines Lebens wird mir heilig, weil von Gott geschenkt und für ihn allein da.

So wird jede Betätigung meines Leibeslebens, jeder gottgewollte Gebrauch der in meinen Leib gelegten Kräfte und Triebe ein vernünftiger Gottesdienst. Essen und Trinken, Schlafen und Wachen, ehelich leben oder allein bleiben — alles wird heilig, ist heilig, denn alles geschieht ihm. Der alles beherrschende Gesichtspunkt ist die Liebe, die den Nächsten nie schädigt, nie übervorteilt.

9. Über die Bruderliebe habt ihr nicht nötig, dass ich euch schreibe, denn ihr seid von Gott gelehrt, einander zu lieben. 10. Und das tut ihr auch an all den Brüdern, die in ganz Mazedonien sind. 11. Wir ermahnen euch aber, ihr Brüder, reichlicher zuzunehmen und euch zu beeifern, stille zu sein und eure Geschäfte zu tun und mit euren eigenen Händen, ganz wie wir euch befohlen haben, 12. auf dass ihr ehrbar wandelt vor denen draußen und niemandes bedürfet.

Das ist wohl das höchste Zeugnis, das man einer gläubigen Gemeinde ausstellen kann, nämlich, dass man ihr von der brüderlichen Liebe nicht zu schreiben brauche. Denn die Liebe ist in dem herrlichen Dreigestirn: Glaube, Hoffnung, Liebe die größte. Sie ist des ganzen Gesetzes Erfüllung. Denn alle Gebote werden in dem einen erfüllt, du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Was ist das für ein unbeschreibliches Wunder göttlicher Gnade und Kraft, dass sie es vermag, aus so selbstsüchtigen, nur das Eigene suchenden Geschöpfen wie wir von Natur sind, Wesen zu machen, die einander lieben. Das ist eben das Geheimnis, dass diese Liebe Gottes selbst, die uns sucht und rettet, ausgegossen wird in unsere Herzen durch den uns geschenkten Heiligen Geist. Da tun sich unserm anbetenden Blick Tiefen und Höhen göttlicher Erlösungsgedanken auf, angesichts deren es gar keine unübersteigbaren Hindernisse für die Wirksamkeit der göttlichen Liebesabsichten und Ratschläge geben kann. Diese Liebe wird alles überwinden, auch die tiefgewurzeltste Feindschaft, den glühendsten, verbissensten Hass, den entsetzlichsten Tod, dessen Beute ein Geschöpf Gottes werden kann.

Darum wird diese Liebe nicht unheilige, unwürdige Schwäche, nicht ein Gutheißen des Bösen; nein, weil Gott Liebe ist, wird er das Böse hassen und schonungslos richten und heimsuchen bis auf den untersten Grund der Hölle. Seine Liebe kann nicht ruhen, bis alles eigene, ungöttliche, selbstische Wesen in seinen Geschöpfen gründlich ausgebrannt und getilgt ist. die Feuerhölle ist nur die Kehrseite der göttlichen, heiligen Liebe. Darum steht geschrieben, unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.

Auch auf diesem Gebiet, wo die Thessalonicher die ganze Anerkennung des Apostels wegen ihrer Bruderliebe gegen alle Heiligen haben, gibt es wieder kein Fertig, sondern nur ein noch völliger werden. Der Blick, das Herz, das Vermögen zu lieben wird immer größer, gottähnlicher — so ist es der Wille Gottes in Christo Jesu an uns.

Und damit niemand wähne, diese brüderliche Liebe sei nur so eine Art überschwänglicher Gefühligkeit, liebenswürdige, seelische Empfindungen, stehen hier wieder ein paar ganz nüchterne Ermahnungen daneben, die tief in das praktische Leben eingreifen. Paulus warnt seine geistlichen Kinder vor Trägheit und Lässigkeit in ihrem irdischen Beruf, die eine unwürdige Abhängigkeit von andern, sogar von denen draußen, also von Ungläubigen zur Folge haben werde. Das geziemt sich nicht für die Heiligen.

Er appelliert da wieder an das gesunde, durchaus berechtigte hohe Standesbewusstsein der Kinder Gottes, das himmelweit verschieden ist vom menschlichen fleischlichen Dünkel oder Hochmut, weil es seine Entstehung nicht im geringsten dem Fleische verdankt, sondern dem Zeugnis des Heiligen Geistes mit unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Das Fleisch kommt dabei nun und nimmer auf seine Kosten. Sondern wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn, der ihn erkauft, erlöst und zu sich gebracht hat durch seine Herrlichkeit und Gnade.

Ein solches Standesbewusstsein geht aber vielen Kindern Gottes ab, weil sie das eigentliche Ziel unserer himmlischen Berufung in Christo Jesu gar nicht nach Gebühr erkannt und begriffen haben. Sie haben eine viel zu geringe Vorstellung von dem ganzen Werk Gottes, das er an ihnen begonnen. Sie denken nicht höher davon, als dass sie nicht mehr in die Hölle und Verdammnis kommen, sondern es einmal in alle Ewigkeit sehr schön und gut haben im Himmel. Was es mit Sohnschaft, mit Gemeinschaft seiner Leiden, mit dem Anteil der Heiligen am Erbe im Licht eigentlich auf sich habe, davon haben sie kaum eine blasse Ahnung, aber keine klare, feste Vorstellung.

Der tiefe Mangel auch hier ist wieder der an Erkenntnis. Man hat sich systematisch auf die Verkündigung der einfachen Heilslehren beschränkt und hat geglaubt, damit allen Anforderungen zu genügen. Man wollte eben nur Seelen retten. Und die Geretteten haben sich das auch so darstellen lassen und geben sich nur zu leicht zufrieden. Sie tun eben, wie sie gelehrt werden. Dass es gelte, einen jeden Gottesmenschen vollkommen darzustellen in Christo, dafür ist selbst in entschieden gläubigen Kreisen wenig Verständnis.

Darum ist auch so wenig Kraft, so wenig Sieg, so wenig Fruchtbarkeit für Gott bei unsern Bekehrten. Man bleibt an seinem eigenen Erfahrungsleben hangen und geht nicht weiter hinein in den Reichtum der lebendigen Erkenntnis Christi. Die für so praktisch angepriesene Beschränkung auf das, was zum Ausschaffen des eigenen Heils notwendig sei, hat sich erwiesen als eins der größten Hindernisse für die Durchführung der göttlichen Absichten.

Das Geheimnis von der Entrückung der gläubigen Gemeinde bei der Ankunft des Herrn Jesu Christi aus dem Himmel (Kap. 4, 13 - 5, 11)

13. Wir wollen euch aber, ihr Brüder, nicht in Unwissenheit lassen betreffend der Entschlafenen, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben. 14. Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die Entschlafenen durch Jesum mit ihm führen. 15. Denn das sagen wir euch in einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben, den Entschlafenen nicht zuvor kommen werden. 16. Denn er selbst, der Herr, wird mit Befehlsruf beim Schall der Stimme des Erzengels und der Posaune Gottes hernieder fahren vom Himmel, und die Toten in Christo werden zuerst auferstehen. 17. Danach werden wir, die lebend übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken, zur Begegnung mit dem Herrn in die Luft, und also werden wir bei dem Herrn sein allezeit. 18. So tröstet euch nun mit diesen Worten untereinander!

Zunächst ist es auffallend, dass diese so ausführliche Unterweisung über eins der wunderbarsten Geheimnisse des göttlichen Waltens in einem Brief erscheint, der an eine noch ganz junge Gemeinde gerichtet ist. Nach unsern Begriffen sind das Dinge, die sich höchstens für sehr gereifte Christen eignen. Und der Apostel schreibt sie an Gläubige, die noch nicht ein halbes Jahr lang bekehrt waren.

Vergessen wir aber nicht, es war eine Gemeinde, der Paulus von der brüderlichen Liebe zu schreiben nicht nötig fand. Das will uns sehr viel sagen. Zum mindesten das, dass das entsprechende Organ für die wirksame Aufnahme dieser kostbaren Offenbarungswahrheiten nicht der Kopf, sondern das Herz ist. Und beim Herzen tun es die Jahre nicht, sondern die Liebe Gottes, die darein ausgegossen ist. Daher kommt es, dass derselbe Apostel an seinen Sohn Timotheus aus dem Gefängnis in Rom in seiner letzten Epistel schreiben darf, dass es nicht für ihn allein Kronengewissheit gibt, sondern auch für alle, welche die Erscheinung des Herrn liebgewonnen haben. Wir wären wohl in der lebendigen und fruchtbaren Erkenntnis auch dieser Wahrheit weiter, wenn wir sie mehr mit dem Herzen und weniger mit dem Verstand begreifen wollten.

Die in jener Gemeinde Entschlafenen gaben den Anlass zu dieser Belehrung. Man stand damals in so unmittelbarer Erwartung der nahen Zukunft des Herrn, dass man sich noch gar nicht eingerichtet hatte auf das selige Sterben, das später so ganz an die Stelle der biblischen Hoffnung getreten ist.

Die Hinterbliebenen jener Entschlafenen haben gewiss nicht gezweifelt an der Errettung und Seligkeit ihrer Brüder im Herrn. Aber sie waren traurig, da sie wähnten, jene möchten zu kurz kommen, wenn nun der Herr käme, und sie wären dann ja nicht mehr hier. Man hatte sich offenbar damals noch nichts erträumt von einer vollendeten Seligkeit der Abgeschiedenen in einem platonischen Jenseits. Das blieb einer späteren Zeit vorbehalten.

Nun werden sie zunächst von Paulus korrigiert und also getröstet. Wie wenn wahrer Trost immer nur geboren werden kann aus richtiger Erkenntnis der Wahrheit. Trost ist nicht eine Sache der Empfindung und des Gefühls, sondern eine Sache göttlich gezeugter Einsicht in die Gedanken seiner Liebe. Da ist es denn auch für uns von hoher Bedeutung zu beachten, worin die ihnen zuteil gewordene Unterweisung und Zurechtweisung bestand. Es muss da nicht nur auf das geachtet werden, was gesagt ist, sondern ebenso genau auf das, was nicht gesagt ist.

So stehen wir gleich im Anfang der apostolischen Erörterung vor der Tatsache, dass es das Thema von den Entschlafenen eröffnet, ohne aber unserer frommen Neugierde über deren Zustand, Aufenthaltsort u. dgl. im geringsten zu entsprechen. Wenn es je eine günstige Gelegenheit gab, um uns über den Zustand der Entschlafenen und bis zur Zukunft des Herrn in endgültiger Weise aufzuklären, dann war dies eine solche. Kann man es für Zufall oder gar für ein Versäumnis des Apostels halten, dass er sich darüber ganz ausschweigt? Wir können nicht. Wir achten, dass dies Schweigen der Schrift beabsichtigt und von hoher erzieherischer Bedeutung ist. Zumal es nicht die einzige Stelle ist, an der es uns begegnet. Joh. 11, bei der mit großer Umständlichkeit erzählten Auferweckung des Lazarus, war schon einmal solche Gelegenheit, einige Worte einfließen zu lassen von dem, was der “Verstorbene” im Jenseits erlebt habe. Nicht ein Laut wird davon gegeben. Wollte man sich doch keusch beugen unter dieses so beredte Schweigen der Schrift und auch keine Versuche mehr machen, andere Schriftworte, wie z. B. das Gleichnis vom reichen Mann und Lazarus dahin zu deuten, als ob in demselben die Zustände im jenseitigen “Leben” geschildert wären. Die Schrift kann sich nicht widersprechen. Es wäre aber ein schreiender Widerspruch, wenn sie wiederholt strenges Schweigen beobachtete über diese Sache und dann an anderer Stelle ohne weiteres den Schleier lüftete, wie man es irrtümlich gedeutet hat

Gott will, dass wir in dieser Frage auch im Glauben wandeln, ihm unbedingtes Vertrauen entgegenbringen, was unsere Toten betrifft, dass wir uns daran genügen lassen, sie sind beim Herrn, sie sind daheim, Sterben sei ihr Gewinn usw. Über das Wie und Wo und Was dürfen wir uns keine Sorgen machen. Es gilt für uns, den keuschen Blick nicht in ein uns verschleiertes Jenseits dringen, sondern auf das einzige Ziel hinlenken zu lassen, das uns die Schrift überall mit wunderbarem Glanz entgegenstrahlen lässt, die Zukunft und Offenbarung unseres Herrn Jesu Christi aus dem Himmel.

Auch sollte es uns viel zu denken geben, dass Paulus diese Gläubigen nicht zurechtsetzt, wie man es heute glaubt tun zu dürfen, wie sie es sich doch in den Sinn kommen lassen, sie möchten die Zukunft des Herrn selbst erleben. Sie müssten doch wissen, dass sich vorher jedenfalls der Antichrist offenbaren müsse, eher sei an eine Entrückung nicht zu denken.

Wenn wir an 2. Thess. 2, 2 kommen, so wird uns da ja eine exegetische Schwierigkeit begegnen, mit der wir uns auseinander zu setzen gedenken. Wir bemerken hier nur vorweg, dass ungeachtet der nicht geringen Schwierigkeiten, die jenes Wort V. 3 dem Ausleger bietet, wir uns immer noch nicht zurecht finden können, dass Paulus, der doch auch diesen Brief durch den Heiligen Geist schrieb und der die Aufgabe hatte, diesen Gläubigen auf diesem Gebiet zurecht zu helfen, es gerade hier versäumt haben sollte, den Punkt über allen Zweifel klar zu stellen, dass ihre ganze Stellungnahme zur Erwartung der Ankunft des Herrn grundsätzlich falsch und irreführend sei. Und das wäre sie gewesen, wenn es seine Richtigkeit hat, dass die Entrückung der Gemeinde unmöglich der Erscheinung des Menschen der Sünde vorausgehen könne.

Unsere Auffassung von der Urheberschaft der heiligen Schriften macht es uns unmöglich zu glauben, Paulus habe sich im zweiten Brief an irgend einem Punkt korrigiert, den er im ersten übersehen oder gar unrichtig gegeben habe.

Allerdings handelt es sich hier nur um die Unterlassung einer naheliegenden Zurechtweisung. Aber der Heilige Geist hat doch gewusst, ob eine solche hier angebracht war oder nicht. Und wenn sie nicht gegeben wird, so ist uns das ein sehr starker Beleg dafür, dass sie nicht angebracht, nicht nötig war.

Folgen wir nun den Ausführungen des Apostels im einzelnen. Da tritt uns zunächst deutlich entgegen, dass die Gläubigen nicht in Unwissenheit sein sollen betreffs der Entschlafenen, damit sie nicht trauern wie die, die keine Hoffnung haben. Die Unwissenheit der Thessalonicher war keineswegs verschuldet. Sie konnten ohne göttliche Offenbarung nichts darüber wissen, so wenig wie wir das können.

In der Weisheit Gottes hatte aber der Geist es dem Apostel offenbar nicht gegeben, schon bei seiner Anwesenheit unter ihnen, diesen Punkt besonders zu berühren. Dadurch ist es geschehen, dass uns die schriftliche Unterweisung überliefert werden konnte.

Worin ihre Unwissenheit bestand, ergibt sich mit großer Deutlichkeit aus der Belehrung, die ihnen hier erteilt wird. Sie bezog sich lediglich auf die göttliche Ordnung, die bei der Behandlung der in Christo Entschlafenen eingehalten werden würde. Es erscheint nicht, dass andere Fragen die Gemüter jener Gläubigen überhaupt bewegt oder beschwert haben. Über das Los der im Herrn Entschlafenen waren sie offenbar gar nicht besorgt oder bekümmert. Ihre ganze Sorge war darauf gerichtet, dass jene bei der so nahe erwarteten Ankunft des Herrn nicht zu kurz kommen, nichts versäumen möchten.

Unter diesem Gesichtspunkt steht die hier gegebene Unterweisung. Es ist wichtig, das festzuhalten. Und ihr Zweck ist ebenso deutlich angegeben: damit sie nicht trauern sollten wie die andern, die keine Hoffnung haben.

Wenn wir uns nun vergegenwärtigen, dass bei den Griechen der Unsterblichkeitsglaube, d. h. die Erwartung eines Fortlebens nach dem Tode keineswegs fremd oder unbekannt war, so tritt uns sehr bestimmt entgegen, dass die Schrift einen solchen Glauben nicht mit dem Begriff “Hoffnung” belegt. Sie erkennt den bloßen, philosophischen Unsterblichkeitsgedanken nicht als das an, was sie unter Hoffnung versteht.

Die höchste und edelste Form dieses Unsterblichkeitsgedankens findet sich wohl bei dem griechischen Philosophen Plato. Aber auch da ist derselbe weiter nichts als die Vorstellung von einem schattenhaften, leiblosen Dasein des Menschen im sogenannten “Jenseits”. Ja, es gilt bei dieser ganzen heidnischen Vorstellung als das eigentliche Wesen dieser Unsterblichkeit, dass der in den unwürdigen Fesseln der Leiblichkeit gebundene Geist durch den Tod von denselben befreit und also seiner eigentlichen hohen Bestimmung entgegen geführt werde. Der Geist sei der Mensch, das ist die Grundanschauung. Der Leib sei ein schnödes Gefängnis des Geistes. Erst durch den Tod kehre der Mensch zu seinem urgöttlichen Wesen zurück. Sein erlöster Geist schwinge sich himmelwärts in ein “besseres Jenseits”.

So hing es auch zusammen, dass Paulus mit seiner Predigt von der Auferstehung des Leibes bei den heidnischen Philosophen in Athen dem Spott begegnete. Hätte er ihnen nur die sogenannte Unsterblichkeitslehre vorgetragen, dann hätte man das keineswegs als etwas Neues angesehen, wie es Apg. 17, 19.20 geschah. Denn der Unsterblichkeitsglaube war dem heidnischen Altertum wohlbekannt.

Das Neue an der Lehre des Paulus war die Predigt von der Auferstehung des Leibes, die er an Jesus verkündigte. Und das ist demnach der eigentliche Kern dessen, was die Schrift unter einer lebendigen Hoffnung verstanden haben will.

Das geht klar hervor z. B. aus Röm. 8, 32: Nicht nur die ganze Schöpfung, sondern auch wir selbst, die wir des Geistes Erstlingsgabe haben, auch wir erwarten seufzend die Sohnesstellung, die Erlösung unseres Leibes. Das heißt nicht die von den Nationen ersehnte Befreiung von jeder Leiblichkeit, sondern die Aufhebung des Todeswesens auch in unserer Leiblichkeit, sei es durch Auferstehung oder durch Verwandlung bei Leibesleben (1. Kor. 15, 50-55).

Hieraus ergibt sich, dass es die neutestamentliche Hoffnungslehre gar nicht zu tun hat mit der Frage nach dem Zustand der Entschlafenen nach dem Tode des Leibes, sondern sie hat es ausschließlich zu tun mit der Erwartung einer triumphierenden Auferweckung aus den Fesseln des Todes gemäß der Auferstehung Jesu Christi am dritten Tag.

Es war ein geschickter und nur zu wohl gelungener Anschlag des Feindes, dass er schon früh die Kirchenlehrer dazu brachte, den platonischen Unsterblichkeitsglauben unvermerkt an die Stelle der biblischen Hoffnung zu schieben und so die gespannte Aufmerksamkeit der Christenheit auf die Fragen nach unserm Zustand als Gestorbene zu richten. Dieser Zustand wurde dann nach und nach auf den Linien der heidnischen Philosophie ausgebaut zu einem solchen, in dem alles Sehnen nach Seligkeit vollständig gestillt werde, ja, der die Wiedererlangung einer Leiblichkeit als etwas Überflüssiges, wenn nicht gar Unerwünschtes erscheinen ließ.

Die platonischen Vorstellungen vom “Jenseits nach dem Tode” haben in den Gemütern der meisten Christen die eigentliche Hoffnung auf unseres Leibes Erlösung sehr in den Hintergrund gedrängt, bei vielen sogar vollständig ausgetilgt.

Damit erreichte der Feind, dass man sich nun nicht mehr nach der Zukunft dessen sehnte und ausstreckte, der mit seinem Kommandoruf seine Heiligen aus ihren Gräbern rufen und die Überlebenden mit einem Machtwort umgestalten wird in die Ähnlichkeit seines verherrlichten Leibes. Sondern man begnügte sich damit, dass man durch den Tod in ein besseres Jenseits gerufen und in den Genuss der Seligkeit versetzt werde. Allmählich baute man sich diesen erträumten Zustand immer herrlicher aus, so dass es manchmal kaum noch zu ersehen ist, wozu eine Auferstehung überhaupt dienen sollte.

All diesen Phantasiegebilden spricht Paulus das Urteil, wenn er von denen sagt, die nur einem solchen Unsterblichkeitsglauben huldigen, dass sie keine Hoffnung haben.

Damit bleibt unbeschadet stehen, was derselbe Apostel lehrt, dass für den, welchem Christus das Leben geworden, der Tod Gewinn sei (Phil. 1, 21). Wir sind in der Hoffnung errettet, dass wir ihn sehen werden wie er ist, wenn er erscheinen wird — aber nicht eher (1. Joh. 3, 2). Unsere Sehnsucht ist, mit unserer Behausung vom Himmel überkleidet zu werden, damit das Sterbliche verschlungen werde vom Leben (2. Kor. 5, 2-4). Dabei wissen wir, auch wenn wir aus der abgebrochenen irdischen Zeltwohnung auswandern und einheimisch werden dürfen bei dem Herrn, der auch unsern Leib bewahren wird unsträflich bis auf seine Zukunft, dass wir eben einen Bau von Gott garantiert haben, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, ein ewiges vom Himmel.

V. 14: Das ist also die vom Heiligen Geist für die Gläubigen beabsichtigte Unterweisung über die im Herrn Entschlafenen: dass Gott sie durch Jesum mit Jesu führen, d. h. wieder zurückbringen wird. Der Blick der Hinterbliebenen wird also nicht auf den Vorhang gerichtet, der zwischen uns und jenen hängt. Es wird ihnen auch kein Blick hinter jenen Vorhang gestattet, der sie unserm Auge verbirgt, sondern wir werden versichert, sie kommen wieder, wenn Jesus kommt.

Bestimmter und entschiedener kann das Wort Gottes uns nicht zu verstehen geben, dass es nicht unsere Sache ist, den Entschlafenen mit unsern Gedanken und Vorstellungen in das sogenannte Jenseits zu folgen, uns mit dem zu befassen, was sie etwa dort tun oder treiben. Vielmehr wird unser Augenmerk ausschließlich dem zugewandt, was im Mittelpunkt aller neutestamentlichen Zukunftsoffenbarung steht, der Wiederkehr unseres Herrn Jesu.

Begründet wird diese Unterweisung mit dem Hinweis auf den Tod und die Auferstehung Jesu selber. So gewiss diese unserm Glauben sind, ebenso gewiss ist das, was Gott mit den in Christo Entschlafenen tun wird.

Und nun kommt in V. 15 die eigentliche Korrektur der Auffassung jener Gläubigen zu Thessalonich, durch welche diese ganze Ausführung über die Entschlafenen veranlasst worden war. Sie waren betrübt darüber, dass in ihrer Anschauung ihre entschlafenen Brüder und Schwestern zu kurz kommen könnten, weil sie ja bei der Zukunft des Herrn nicht mehr unter den Lebenden seien.

Daraus kann man sich wohl eine Vorstellung machen von dem, was jene ersten Christen, die apostolische Unterweisung hatten, vom seligen Sterben gehalten und nicht gehalten haben. Wohl war die Belehrung des Apostels auf diesem Gebiet keine erschöpfende gewesen, sonst hätte sie hier nicht der Ergänzung bedurft, gleichwohl aber lassen sich deutlich Spuren erkennen von dem, was apostolische Lehre über diesen Punkt gewesen sein kann. Es ist unter keinen Umständen daran zu denken, dass jene jungen Christen aus dem Munde ihres geistlichen Vaters Dinge gehört hätten über die Bedeutung des Gestorbenseins in Christo, d. h. über den Zustand der Gläubigen zwischen Tod und Christi Wiederkunft, wie man sie seit den unseligen Tagen, da man heidnische Philosophie mit dem Evangelium vermengte, überall in der also unterrichteten Christenheit finden kann.

Hätte Paulus dort Dinge gelehrt als Wahrheit des Evangeliums, wie sie heute in frommen Liedern überall gesungen werden, wie sie in frommen Leichenreden von der himmlischen Seligkeit und Herrlichkeit der gläubig Entschlafenen immer wiederkehren, so wäre er nicht so blöde gewesen, sie auch hier zu erinnern, wie er später tut: Gedenket ihr nicht, wie ich euch belehrt habe, als ich noch bei euch war? Wie könnt ihr nur solche Traurigkeit haben, da doch die Abgeschiedenen jetzt schon in einem wunderschönen Jenseits alle Freuden und Seligkeiten genießen, deren sie nur fähig sind! Sie schauen ja jetzt bereits die Herrlichkeit, die sie geglaubt haben. Sie sind ja in der seligen Ewigkeit.

Wir mit unsern herkömmlichen Anschauungen vom Zustand der Entschlafenen in Christo können uns ja gar nicht recht vorstellen, wieso jene überhaupt betrübt sein konnten, dass ihre Entschlafenen zu kurz kommen sollten bei der Ankunft des Herrn. Unsere Vorstellung von dem, was schon der Tod, das selige Sterben dem Gläubigen bringt, sind so übertriebene, unbiblische, ganz platonisch-philosophisch gefärbte, dass uns das Verständnis für die innere Stimmung jener nur apostolisch unterwiesenen Jünger Jesu fast ganz ermangelt.

Paulus belehrt nun seine geistlichen Kinder, dass die Lebenden und Übrigbleibenden bei der Zukunft des Herrn den Entschlafenen keineswegs zuvorkommen werden. Aber er begründet es nicht etwa damit, dass er lehrt: sie sind doch schon seit dem Augenblick ihres Todes im Besitz unbeschreiblicher Seligkeit und Herrlichkeit. Nichts aber hätte näher gelegen, als das zu sagen, wenn das die offenbarte Wahrheit war. Sondern der ganze Hinweis des Apostels ist nur auf die göttliche Ordnung, die beobachtet werde bei der Ankunft des Herrn für seine auf ihn wartende Gemeinde.

Es ist von grundlegender Bedeutung festzuhalten, dass nach dem Zusammenhang in dieser ganzen Stelle lediglich die Rede ist von der Bedeutung der Ankunft des Herrn Jesu aus dem Himmel für die auf ihn wartende Gemeinde der Gläubigen. Es kann nur Verwirrung anrichten, wenn man darin nicht keusch und streng unterscheidet.

Der ganze Brief ist nur an Glieder der aus den Nationen gesammelten Gemeinde, des Leibes Christi gerichtet. Die besondere Veranlassung zur Behandlung dieser Frage im vorliegenden Abschnitt war die Frage nach dem Los der in Christo Entschlafenen. Von andern Kreisen, die ja auch zu ihrer Zeit alle von der Zukunft des Herrn betroffen und ergriffen werden, ist hier nirgendwo die Rede. Weder Israel noch die Königreiche der Nationen oder die Welt im allgemeinen steht hier im Gesichtsfeld des Paulus. Das darf nicht übersehen werden.

Ehe wir nun auf die besondere Unterweisung über die Vorgänge, die uns V. 16 gegeben wird, näher eingehen, wollen wir uns vom Apostel noch sagen lassen, dass diese geschehe “im Wort des Herrn”. Das kann doch wohl nicht weniger bedeuten, als dass sie ihm infolge einer besonderen Offenbarung zuteil wurde.

Das Wort des Herrn hat ja bei unserm Apostel eine ganz besondere Bedeutung. Sein ganzes Evangelium ist durchaus Original-Offenbarung. Er beansprucht ganz entschieden, dass er es weder von Menschen noch durch Menschen, sondern durch Offenbarung Jesu Christi empfangen habe (Gal. 1, 12).

Der Inhalt seines ihm vom Herrn persönlich und speziell anvertrauten Wortes Gottes (Kol. 1, 25) ist eben das in vorigen Zeiten nie offenbarte Geheimnis vom Leibe Christi, der aus allen Nationen gesammelt und zubereitet werde auf die Zukunft des Herrn Jesu Christi.

Es ist der Eigenart seines Evangeliums durchaus entsprechend, dass ihm auch über den Ausgang, welchen diese wunderbare, einzigartige Körperschaft am Ende dieses Zeitalters aus der Welt der Sichtbarkeit nehmen soll, ein besonderes Wort des Herrn gegeben wird.

Diesem Wort gemäß schildert er nun die Vorgänge, welche sich vollziehen werden, wenn der Vater den Sohn senden wird, um die Seinen mit ihm zu führen, aus Tod und Sterblichkeit wieder zu bringen.

Nachdrücklich wird hervorgehoben, dass er selbst, der Herr, sich aufmachen wird, die Seinen von der Erde zu sich zu holen, nicht durch den Tod, sondern dadurch, dass er sie für immer allem Tod entrückt. Es stünden dem Herrn der Heerscharen wohl ungezählte Legionen herrlicher Lichtwesen zu Gebote, um den Seinen eine glänzende Aufnahme zu bereiten, wie man sie auf Erden und im Himmel noch nie erlebt an menschlichen Wesen, höchstens ihn selbst ausgenommen, da er gen Himmel fuhr. Aber es handelt sich um seinen eigenen Leib, um die vielen Brüder, deren Erstgeborener aus den Toten er ist; es handelt sich um die Kinder, die ihm der Vater gegeben hat, um die Erben Gottes und Miterben Christi. Da genügt ihm keine noch so glänzende Eskorte von Engeln oder Erzengeln. Er selbst, der Herr, macht sich auf, ihnen zu begegnen.

Die Schlachter Bibel sagt, er tue das auf Befehl, d. h. auf ausdrückliches Geheiß des Vaters, denn ein anderer hat ihm nicht zu befehlen. Wir können das gelten lassen, wenn wir auch der anderen Lesung “mit Kommandowort oder -ruf” den Vorzug geben. Es blieben dann immer noch zwei gewaltige Signale oder Sammelrufe übrig, die dabei wirksam werden.

Der Schall der Stimme des Erzengels braucht nicht notwendigerweise auf die Stimme eines wirklichen Erzengels gedeutet zu werden. In Offb. 19, 6 hört Johannes “wie eine Stimme vieles Volkes, wie ein Rauschen vieler Wasser und wie eine Stimme starker Donner”. Drei bildliche Bezeichnungen, welche uns nicht nötigen, weder an viel Volk noch an wirkliches Wasser noch an wirklichen Donner zu denken. Die Mächtigkeit jener Stimme, die der Seher hörte, wird nur jenen verglichen, damit man sich ein Bild davon machen könne.

So ist es ja auch gar nicht nötig, bei dem nächstgenannten Signal an eine wirkliche Posaune zu denken. Es handelt sich bei all diesen Angaben darum, uns eine Vorstellung zu geben sowohl von der Mächtigkeit als von der Wirksamkeit dieser Zeichen, welche gegeben werden.

Ob wir uns die verschiedenen Signale als gleichzeitig oder als in einer gewissen Zeitfolge nacheinander gegeben zu denken haben, lassen wir dahingestellt. Es ist uns persönlich ein lieber Gedanke, das letztere anzunehmen. Der biblische Begriff einer Posaune ermutigt uns dazu. Denn aus Offb. 9, 5.10 ergibt sich deutlich, dass das Wehe, welches im Gefolge des Schalls der fünften Posaune eintrat, in einer Plage bestand, welche fünf Monate dauerte. Danach wäre es vielleicht statthaft, auch bei dem Schall dieser Posaune zu denken, dass die damit angekündigten Vorgänge sich über einen kürzeren oder längeren Zeitraum erstrecken würden.

Wir stehen stark unter dem Eindruck, dass im allgemeinen unsere Vorstellungen von den zukünftigen Ereignissen an einer ganz unberechtigten Verkürzung kranken. Wir sind überzeugt, dass sich manches von dem, was wir uns als in großer Schnelligkeit geschehend vorstellen, in Wirklichkeit beträchtliche Zeiträume zu seiner Ausführung beanspruchen wird. Unser Gott ist nicht so bedrängt an Zeit wie wir.

Die nächste, sehr wichtige Erklärung des Apostels geht dahin, dass die Toten in Christo zuerst auferstehen. Damit gibt er uns das große Grundgesetz zu verstehen, dass bei diesem gewaltigen Wendepunkt in der göttlichen Haushaltung mit seiner Gemeinde in Anwendung kommen wird. Die Toten zuerst! Da bekommen die Thessalonicher die entscheidende Antwort auf ihre besorgte Frage nach dem Anteil der Entschlafenen an der Zukunft des Herrn. Nicht nur wie Paulus schon früher gesagt hatte, werden wir, die lebend übrigbleiben ihnen nicht zuvorkommen, sondern sie kommen zuerst an die Reihe.

Vergleichen wir nun dieses Wort mit jenem anderen in 1. Kor. 15, 23: ein jeglicher in seiner Ordnung: der Erstling Christus; danach die Christo angehören bei seiner Wiederkunft. Die Übereinstimmung zwischen den beiden Worten ist unverkennbar. Die dort als die Toten in Christo bezeichnet werden, heißen hier “die Christo angehören”. Aus dieser Bezeichnung fällt helles Licht auf jene, da an eine Verschiedenheit dieser Erstlinge seiner Auferstehung wohl nicht zu denken ist.

Wenn es sich nun aus der Schrift feststellen lässt, dass mit der Bezeichnung “die Christo angehören” allerdings nur um eine ganz bestimmt umgrenzte Auswahl derer gemeint sein kann, die überhaupt in Christo lebendig gemacht werden sollen, dann haben wir damit den Schlüssel für die Bedeutung des hier gebrauchten Ausdrucks “die Toten in Christo”.

Nun ist es über allen Zweifel erhaben, dass bei dieser Ankunft des Herrn z. B. an jene große Auferweckung nicht gedacht werden kann, welche in Jes. 26, 19.21 für einen Teil des Volkes Israel ins Auge gefasst ist, wenn es heißt: Deine Toten werden leben und deine Leichname auferstehen! Wachet auf und jubelt, ihr Bewohner des Staubes! Denn dein Tau ist ein Morgentau, und das Land wird die Toten wiedergeben … das Land wird die auf ihm Erschlagenen nicht länger verbergen. Das alles aber steht in engster Verbindung mit der dem ehemals so schwer gebeugten und bedrängten Volk Israel verheißenen Gnadenheimsuchung, wie sich jedermann aus dem Zusammenhang des Kapitels überzeugen kann.

Die hier sowohl in 1. Kor. 15, als in unserm Kapitel genannte Auferweckung kann aber unmöglich in die Zeit verlegt werden, da Gott sich wieder in Gnaden seiner gewissen Zusagen an Israel erinnern wird. Denn wir wissen über allen Zweifel, dass Israel warten muss auf eine solche Gnadenheimsuchung, bis die Vollzahl der Nationen, die zubereitete Gemeinde der Erstlinge eingegangen sei (Röm. 11, 25).

Daraus ergibt sich die zwingende Notwendigkeit, bei denen, die Christo angehören, wenn er kommen wird, eine Beschränkung eintreten zu lassen. Die Bezeichnung kann unmöglich alles umschließen, was überhaupt dem Herrn angehören wird. Darf man das Wort aber nicht, wie wir gezeigt, in seinem weitesten Umfang auf alles und alle anwenden, die je und je Christo angehören, dann müssen wir uns nach den Grenzen umsehen, innerhalb welcher das Wort geredet ist.

Da steht denn vor uns die allernächst liegende und natürliche, dass damit nur die gemeint sein werden, die dem Christus, den Paulus als das Geheimnis Gottes verkündigt hat und der nach 1. Kor. 12, 12 aus Haupt und Gliedern besteht, gliedlich angehören. Nicht eine allgemeinen, wenn auch noch so wirkliche und heilskräftige Zugehörigkeit ist hier der Maßstab, sondern die besondere, in den bestimmten Linien der apostolischen Verkündigung festliegende organische Lebenseinheit mit ihm, dem verherrlichten Haupt im Himmel.

Dass unserm Apostel eine solche Unterscheidung gerade auf dem Boden der Auferstehung nicht fremd, sondern geläufig war, bezeugen seine Worte an die Philipper (3, 11): ob ich vielleicht zur Ausauferstehung aus den Toten gelangen möchte. Es kann doch nicht im Ernst davon die Rede sein, dass Paulus überhaupt seine Auferstehung in Frage gestellt habe; derselbe Paulus, der die Korinther belehrt, dass, wie in Adam alle sterben, so werden in Christo alle lebendig gemacht werden, der muss an eine ganz bestimmte Ausauferstehung aus den Toten gedacht haben, sonst haben seine Worte keine Bedeutung. Sie erklären sich allerdings nicht bei der herkömmlichen Annahme, dass alle, welche des Heils in Christo überhaupt teilhaftig seien, damit auch jener Ausauferstehung aus den Toten gewiss seien.

Ein Festhalten an dieser verallgemeinernden Weise dieser Auferstehung derer, die Christo angehören, scheint uns unverträglich mit jenen klaren Worten des Apostels, der seine Ausauferstehung offenkundig nicht für garantiert ansieht, weil er ja ganz gewiss dem Herrn entschieden angehörte, sondern der in ihr einen Kampfpreis sieht, den es zu erringen und zu erjagen gilt. Denn seine weiteren Worte in Phil. 3, 13.14 lassen doch wohl keinen andern Schluss zu, als dass er unter dem Ziel, dem Kampfpreis der himmlischen Berufung Gottes in Christo Jesu gerade jene Ausauferstehung gemeint habe.

Sind diese Erwägungen schriftgemäß, und wir können sie nicht anders ansehen, dann erleidet allerdings die gewöhnliche Annahme von der Ausdehnung und dem Umfang der bei der nächsten Zukunft des Herrn zu erwartenden Auferstehung von Heiligen und Gläubigen eine sehr bedeutende Einschränkung.

Das bedeutet nun aber keineswegs eine Verurteilung aller derer zu Tod Verderben, die an einer Ausauferstehung nicht teilhaben werden. Auferstehen zum Leben werden sie ganz gewiss, aber ein jeglicher in seiner Ordnung, in der Gruppe, zu welcher er gehört nach dem Gesetz der inneren Ausgestaltung, welche das Christusleben in ihm gefunden.

In V. 17 fährt nun der Apostel fort: Danach werden wir, die lebend übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in den Wolken, zur Begegnung mit dem Herrn, in die Luft, und also werden wir bei dem Herrn sein allezeit.

Wir machten oben schon darauf aufmerksam, dass in unsern Vorstellungen vom geschichtlichen Ablauf der letzten Dinge eine ungebührliche, weil in der Schrift nicht gelehrte Verkürzung und Zusammendrängung Platz gegriffen habe. Hier haben wir wieder Anlass, uns das deutlich zu machen. Die Frage ist gewiss berechtigt: wie lange danach?

Wir geben nun gern zu, dass kein zwingender Grund vorliegt, hier an einen lange ausgedehnten Zeitraum zu denken. Es ist durchaus denkbar, dass der Auferstehung der in Christo Entschlafenen die Hinwegnahme der dann Überlebenden unmittelbar auf dem Fuße folgen mag.

Ebenso wenig ist es notwendig anzunehmen, dass nicht ein zeitlicher Abstand zwischen beiden Ereignissen liegen könne. Es ist durchaus denkbar und hat sogar manches für sich, dass die Auferweckung seiner entschlafenen Leibesglieder dienstbar gemacht werde für die dann noch Lebenden.

Dass ein solches “danach” in der Schrift oft einen ganz erheblichen Zeitraum umschließt, ergibt sich aus 1. Kor. 15, 23: danach, die Christo angehören bei seiner Wiederkunft. Es ist offenbar, dass mit diesem Wort ein Zeitraum von jetzt bereits mehr als 18 Jahrhunderten bezeichnet wird. Ebenso wird das gleiche Wort im folgenden 24. Vers: hernach das Ende, wohl auch eine zeitliche Ausdehnung bedeuten, die für uns vorläufig unmessbar ist, die aber nicht weniger als eintausend Jahre umfassen kann, nach Offb. 20, 5.

Damit soll keineswegs beansprucht werden, dass hier das Wort einen so langen Zeitraum ausdrücke. Wir möchten nur darauf hinweisen, dass wir wohl tun, uns mit solchen Möglichkeiten vertraut zu machen, da unsere herkömmliche Unterweisung uns leider dazu geführt hat, unsern Gott bei der Ausführung seiner großen Pläne und Gedanken sehr zu beschränken. Wir vergessen so leicht, dass er die Ewigkeiten für den Sohn und durch ihn gemacht und eingerichtet hat und dass er nie in Eile ist wie wir.

Und auf die etwaige Frage, was denn die Auferstandenen für einen Dienst an den Lebenden haben möchten, dürfte uns ein Wink in jenem merkwürdigen Bericht liegen (Mt. 27, 52.53), wo uns von den entschlafenen Heiligen berichtet wird, dass ihre Leiber nach seiner Auferstehung aus den Gräbern aufstanden und in die heilige Stadt kamen und vielen erschienen. Zu welchem Zweck das geschah, wird uns verschwiegen. Aber es wird uns gemeldet, dass es geschah, und zwecklos geschah es nicht. Was aber geschehen ist, kann wieder geschehen. Denn es handelt sich ja hier um nichts Geringeres als um die Fortsetzung bzw. Vollendung seiner eigenen Auferstehung, weil Haupt und Leib nach der Schrift eins sind. Es stände also in Harmonie, wenn sich bei der Auferweckung der Glieder seines Leibes etwas Ähnliches vollzöge, wie es sich damals bei der Auferstehung des Hauptes vollzog, d. h. ein wunderbarer Erweis aus den Gräbern heraus an Lebenden auf Erden.

Auch bedarf es keiner gezwungenen Vorstellung, um uns nahe zu legen, wie so freundlich eine solche Sendung der vor uns Auferweckten an die Lebenden und Wartenden hin und her sein würde. Sie würde ein letztes Signal bedeuten können zur völligen Bereithaltung.

Man wird dagegen erinnern, dass doch 1. Kor. 15, 51.52 deutlich erklärt sei: wir werden alle verwandelt werden, plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Es besteht kein Grund, warum nicht in jedem einzelnen Fall die hier vorausgesagte Verwandlung plötzlich, in einem Nu, sich vollziehen könnte, ohne dass es nötig wäre anzunehmen, sie fände für alle Beteiligten in genau derselben Sekunde statt. Es würde kein Schriftwort dadurch in Frage gestellt. Nur herrschend gewordene Vorstellungen möchten darunter leiden.

Dass Paulus nun in der ersten Person redet, “wir, die wir lebend übrigbleiben” und dann später doch gestorben ist, ehe die Entrückung geschah, hat man ihm vielfach übel gedeutet. Wir achten, er hat nicht das mindeste Recht sich auszuschließen, so lange er lebte und der Herr ihm noch nicht offenbart hatte, dass die Zeit seines Abscheidens vorhanden sei (2. Tim. 4, 6). Alle Gläubigen aller Zeiten haben das Recht, an der köstlichen Möglichkeit festzuhalten, sie möchten lebend dazugehören. Ja, sie haben sogar ein gutes Recht, sich das zu wünschen, ohne sich natürlich darauf zu versteifen oder in Enttäuschung zu geraten, wenn der Herr sie abruft, ehe er kommt.

Ihren letzten Ausgang aus dieser Zeit und Welt wird also die Gemeinde nicht nehmen durch Tod und Grab und Verwesung, sondern durch Überwindung der Todesmächte auch in ihrem sterblichen Leibe (Röm. 8, 11). Hebr. 11, 5: Durch Glauben ward Henoch entrückt, ohne den Tod zu sehen. Das entspricht so ganz der himmlischen Berufung, dass es nur zu verwundern ist, dass man sich in gläubigen Kreisen noch so wenig mit dieser köstlichen Tatsache auseinandergesetzt hat. Da ist noch viel praktischer Unglaube zu besiegen, der immer noch viel lieber mit einem seligen Sterben rechnet, als auf das Wort des Herrn hin mit der viel herrlicheren Möglichkeit und Wirklichkeit, überkleidet zu werden, so dass das Sterbliche verschlungen wird vom Leben (2. Kor. 5, 4).

An der Art ihrer Hinwegnahme wird auch ihre wundersame Einheit und Gleichartigkeit mit ihrem großen, verklärten Haupt offenbar. Sie erlebt eine Himmelfahrt, der seinen gleich, da sie ja mit ihm zu gleichem Tod und zu gleicher Auferstehung gesetzt ward. Alles stimmt miteinander überein. Christus wird verherrlicht in ihnen, weil sie ihr Vertrauen auf den lebendigen Gott gesetzt haben, der aller Menschen Retter ist, allermeist der Gläubigen (1. Tim. 4, 10). Von diesem “allermeist” erfährt sie dann die Durchführung, wenn sie in ihren letzten Gliedern nicht durch Tod und Grab hindurch, sondern über Tod und Grab hinweg ihren Weg ihm entgegen nehmen darf.

Und dass nicht alle einzelnen Glieder daran teil haben, verschlägt dem einzelnen auch nichts, denn wenn nur ein Glied herrlich gehalten wird, so freuen sich alle Glieder mit. Schließlich bleibt es doch bei dem wundervollen “wir”, obschon nicht jeder einzelne den gleichen Anteil daran haben kann und wird (1. Kor. 12, 26). Denn auch jene, die es erlangen werden, genießen darin der reifen und reichen Frucht des Glaubens mancher vorausgegangenen Geschlechter von Heiligen, die unter dem Unglauben ihrer Tage gehalten wurden, deren tiefes Sehnen aber gottgemäß war. Unter einander ist eben einer des andern Glied.

Zur Begegnung mit dem Herrn in der Luft. Also nicht auf dem Ölberg, der vor Jerusalem liegt, hat die wartende Gemeinde ihr Zusammentreffen mit dem verklärten Haupt. Dort wird er einst als ein gewappneter Kriegsmann seinem bedrängten Volk Israel als Retter erscheinen (Sach. 14, 3.4). Die Gemeinde hat mit ihm ihren Platz vor jenen Ereignissen, die die Erde angehen, in den himmlischen Regionen, die gegenwärtig noch die Domäne der Fürsten und Obrigkeiten dieses Weltlaufs, der Finsternismächte, sind (Eph. 2, 2; 6, 12). Aus jenen Räumen wird zuallererst Satan hinaus- und hinabgestoßen werden auf die Erde. Darum ist es durchaus unserer himmlischen Berufung entsprechend, dass die Begegnung mit dem Herrn dort stattfindet, von wo aus bisher der Lauf dieser Welt kontrolliert worden ist. Da müssen zunächst ganz andere Potenzen und Kräfte wirksam werden, ehe in dem Lauf der Dinge auf Erden ein durchgreifender Wechsel stattfinden kann.

Und also werden wir bei dem Herrn sein allezeit. Das ist dann “ein bei dem Herrn sein” nicht nur im Geist des Glaubens, wie es ja jetzt schon unser köstliches Vorrecht ist, sondern im Zustand vollendeter Herrlichkeit, verklärter, unsterblicher Leiblichkeit, ungetrübter Ebenbildlichkeit mit ihm, dem unbeschreiblich herrlichen Haupt seines Leibes, seiner Fülle. Menschliche Sprache reicht nicht aus, das nach Gebühr zu beschreiben.

So tröstet nun einander mit diesen Worten! Aller echte Trost beruht auf lebendiger Erkenntnis. Ohne göttlich gewirkte Einsicht in die großen Gottestaten kann sich kein Mensch wirklich selbst trösten. Denn Trost geschieht nur da, wo man ruhen lernt in dem, was Gott tut. Nicht um Stimmungen, Empfindungen, Gefühle u. dgl. handelt es sich, sondern um klare Einsicht in die Fülle göttlicher Gedanken mit seinen Heiligen in Christo Jesu. Daraus ist dann auch zu erkennen, dass es sich bei diesen Erörterungen des Apostels nicht um Dinge handelt, die als fromme Liebhabereien anzusehen sind, wie sie nur einzelnen besonders begabten Christen gestattet wären, sondern es handelt sich um Dinge, die Gemeingut aller derer sind, die eins sind im Glauben mit dem Herrn und Haupt im Himmel.

Hätte man in der gläubigen Gemeinde aller Zeiten nur diese apostolische Mahnung treu befolgt, man wäre vor viel loser Lehre und Täuschung der Menschen bewahrt geblieben.

Kapitel 5

1. Von den Zeiten und Stunden aber braucht man euch Brüdern nicht zu schreiben. 2. Denn ihr wisst ja genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. 3. Wenn sie sagen werden: Friede und Sicherheit, dann wird sie das Verderben plötzlich überfallen, wie die Wehen eine Mutter, und sie werden nicht entfliehen. 4. Ihr aber, Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass euch der Tag wie ein Dieb überfalle. 5. Ihr seid allzumal Kinder des Lichts und des Tages, wir sind keine Kinder der Nacht noch der Finsternis. So lasset uns nicht schlafen wie die anderen, sondern lasset uns wachen und nüchtern sein. 7. Denn die da schlafen, schlafen des Nachts, und die Trunkenen sind des Nachts betrunken. 8. Wir aber, die wir des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung des Heils. 9. Denn Gott hat uns nicht zum Zorn bestimmt, sondern zum Besitz des Heils durch unsern Herrn Jesum Christ, 10. der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben sollen. 11. Darum ermahnt einander und erbaut einer den andern, wie ihr auch tut. 12. Wir bitten euch aber, ihr Brüder, erkennt diejenigen an, welche an euch arbeiten und euch vorstehen im Herrn und euch ermahnen. 13. Haltet sie um ihres Werkes willen desto größerer Liebe wert; lebt im Frieden mit ihnen! 14. Wir ermahnen euch aber, Brüder, verwarnet die Unordentlichen, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. 15. Seht zu, dass niemand Böses mit Bösem vergelte, sondern trachtet allezeit danach, Gutes zu tun einander und auch jedermann. 16. Seid allezeit fröhlich. 17. Betet ohne Unterlass. 18. Seid für alles dankbar, denn das ist der Wille Gottes in Christo Jesu für euch. 19. Den Geist dämpfet nicht. 20. Die Weissagung verachtet nicht. 21. Prüft aber alles, das Gute behaltet. 22. Enthaltet euch des Bösen in jeglicher Gestalt. 23. Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch, und euer ganzes Wesen, der Geist, die Seele und der Leib werde unsträflich bewahrt auf die Zukunft unseres Herrn Jesu Christi. 24. Treu ist er, der euch beruft; er wird es auch tun. 25. Brüder, betet für uns. 26 Grüßet die Brüder alle mit dem heiligen Kuss. 27. Ich beschwöre euch bei dem Herrn, dass dieser Brief von allen heiligen Brüdern gelesen werde. 28. Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei mit euch.

Die ersten elf Verse dieses Kapitels gehören sachlich noch zu dem vorigen lehrhaften Abschnitt über die Zukunft des Herrn und unsere Entrückung ihm entgegen. Die Kapiteleinteilung ist hier sehr störend.

Das Wort von den Zeiten und Stunden geht offenkundig auf die Frage nach Zeit und Stunde für die vorher beschriebenen Ereignisse, die sich ja einmal historisch, d. h. mit Beobachtung von Zeiten und Stunden vollziehen werden. Es mahnt uns in besonderer Weise an jenes Wort des scheidenden Herrn an seine Apostel aus der Beschneidung, denen er in den letzten 40 Tagen unter ihnen geredet hatte von den Dingen des zukünftigen messianischen Reiches. Auf ihre bestimmte Frage: Herr, gibst du in dieser Zeit Israel die Königsherrschaft wieder? antwortet er ihnen, dass das eine Sache sei, welche der Vater seiner eigenen Vollmacht vorbehalten habe (Apg. 1, 6.7).

Nun ist aber jedem aufmerksamen Bibelleser wohlbekannt, dass sich die Verheißung des AT vom zukünftigen Königreich Gottes auf Erden in ganz genau und fest bestimmten Zahlmaßen und -schranken bewegt, die Gott sich selbst gesetzt hat, und die er auch in seiner eigenen Weise treu und pünktlich innezuhalten versteht. Daneben aber kann ein sorgfältiger Bibelleser auch unschwer erkennen, dass Gott sich bei aller Pünktlichkeit in der Innehaltung der von ihm selbst gezogenen chronologischen Linien vorzüglich auf den Aufschub in der Erfüllung seiner Zusagen versteht. Hier ist nicht der Ort, darauf näher einzugehen. Es sei nur darauf hingewiesen, dass gerade für die Wiederherstellung Israels sowohl bei Jeremias wie bei Daniel ganz bestimmte Zahlangaben stehen, die Gott bis auf diesen Tag sehr genau eingehalten hat. Die in Jer. 26, 11.12 bestimmten 70 Jahre wurden erfüllt in den Tagen Daniels, der das auch genau ausgerechnet hatte. Auch hat Gott sie in der damals unter dem Perserkönig Cyrus erfolgten Rückkehr Israels aus der babylonischen Gefangenschaft ganz genau beobachtet. Aber seinem Knecht Daniel eröffnet er ebenso deutlich, dass er für die endliche Erlösung des Volkes und die erschöpfende Erfüllung seiner großen Gedanken mit Israel noch einen sehr langen Aufschub bestimmt habe. Nicht siebzig Jahre, sondern siebenzig mal sieben Jahre würden vergehen bis auf den Messias, den Fürsten.

Auch diesen Termin hat Gott genau eingehalten. Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, wie geschrieben steht. Aber als dieser von seinem eigenen Volk verworfen, von seinem Vater aber durch Auferstehung aus den Toten als wahrer Herr und Messias legitimiert worden war, da wandten sich die wenigen Auserwählten seines Volkes, die das erkannt hatten, mit obiger Frage an ihn. Sie verstanden ganz richtig dass es keine Wiederaufrichtung des Königreichs für Israel je geben könne, als bis der Geist aus der Höhe herabgesendet würde. Und wie beantwortet der Meister ihre sachlich so richtige und biblisch begründete Frage? Dadurch, dass er ihnen einen ungemessenen Aufschub in Aussicht stellt. Wir wissen, dass dieser bis heute bereits über achtzehn Jahrhunderte gedauert hat, und immer noch wartet Israel, nein, wartet Israels Messias zur Rechten des Vaters auf die Erfüllung der gewissen Zusage, dass Gott ihm den Thron seines Vaters David geben und ihn zum König einsetzen werde auf Zion, dem heiligen Berg.

Eine Erwägung dieser Tatsachen sollte uns Kinder des Glaubens, die Glieder des Leibes Christi, dessen Verwaltung dem Paulus als ein in vorigen Zeiten verschwiegen gehaltenes Geheimnis anvertraut wurde, von dessen Zeitbestand auf dieser Erde weder im AT noch im NT je die Rede ist, doppelt vorsichtig und zurückhaltend machen, wenn es sich um Zeiten und Stunden handelt. Die große Zuversicht, mit der namentlich in jüngster Zeit wieder ganz genaue Berechnungen für den Zeitpunkt der Entrückung der Gemeinde veröffentlicht worden sind, lässt sich wohl erklären aus dem Umstand, dass in der theologischen Welt immer noch nicht gründlich aufgeräumt worden ist mit der verwirrenden Verquickung von Israel und Gemeinde Jesu Christi, von Gemeinde und Reich Gottes.

Es gehört zu den köstlichen Vorrechten des Glaubens, dass er ganz und gar unabhängig ist von Zeiten und Stunden in Sachen der zentralen Tatsachen des gegenwärtigen wie des zukünftigen Heiles Gottes. Für mein gläubiges Ergreifen der Todeskräfte des Gekreuzigten und der Lebenskräfte des Auferstandenen verschlägt es nicht das Geringste, ob ich von der historischen Kreuzigung und Auferstehung durch einen Zeitraum von achtzehn Jahrhunderten getrennt bin.

So hat es für die apostolische Gemeinde nachweislich nichts verschlagen, was die beseligende, heiligende, weltüberwindende Kraft der lebendigen Hoffnung auf die erwartete Wiederkunft des Herrn angeht, dass sie ebenso weit dem Kalender nach von diesem Ereignis getrennt war, ohne es zu wissen. Niemand tut der gläubigen Gemeinde einen Dienst, der es ihr ganz genau ausrechnen will, wann sie ihren Herrn aus dem Himmel zu erwarten hat. Es wird dabei bleiben: von den Zeiten und Stunden braucht man uns nicht zu schreiben.

Daneben redet derselbe Apostel davon, dass jene Gläubigen genau wussten, dass der Tag des Herrn wie ein Dieb in der Nacht kommen werde. Sie konnten als Heiden solche Erkenntnis nur durch ihren Apostel gewonnen haben, und er hatte diese aus der Schrift.

Während nun das eigentliche Evangelium unseres Apostel, das Geheimnis des aus den Nationen zu sammelnden Leibes Christi, niemals Gegenstand alttestamentlicher Offenbarung gewesen war, ist die Bezeugung von einem Tag des Herrn ein Gegenstand, dem wir in der Weissagung auf Schritt und Tritt begegnen. Man lese darüber Jes. 2, 12; 13, 6-13; 34, 8; 61, 2; Jer. 30, 7; Hes. 7; 13, 5; 30, 2.3; Joel 2, 1-11; 3, 4; Amos 5, 18-20; Zeph. 1, 14-18; 2, 3; Mal. 3, 2.19.21.

In all diesen und noch vielen anderen Stellen hat der Tag des Herrn ein ganz bestimmtes Gepräge, das überall das gleiche ist. Es ist stets ein Tag des Zorns, des Grimms, der Finsternis, des Wolkendunkels, der Gerichtsposaunen, des Niederwerfens aller stolzen Höhen vor Jahwe. Es lässt sich fast kein größerer Kontrast denken als der zwischen den Ereignissen, welche Paulus soeben der wartenden Gemeinde der Gläubigen in Aussicht gestellt hat und denen, welche den Inhalt des prophetischen “Tages des Herrn” ausmachen.

Damit stimmt denn auch überein, dass nun der Apostel ganz deutlich scheidet zwischen denen, welche vom Tag des Herrn überfallen werden, und den Kindern des Lichts, bei denen das keineswegs der Fall sein wird. Sie (nicht ihr) werden sagen: Friede und Sicherheit, sie (nicht euch) wird das Verderben plötzlich überfallen.

Fragt man sich nun, wie eine solche klare Scheidung gedacht werden soll, wenn doch das Hereinbrechen des Tages des Herrn sich unzweifelhaft geschichtlich an den Bewohnern der Erde vollziehen wird, unter denen ja doch auch die Gläubigen bis dahin ihren Wohnsitz und ihre Hantierung gehabt haben, so scheint immer noch der natürlichste und nächstliegende Gedanke der zu sein, dass eben die wartende Gemeinde unmittelbar vor dem eigentlichen Hereinbrechen der Zorngerichte jenes schrecklichen Tages von der Erde hinweg und ihrem Herrn entgegengerückt werde. Der alttestamentliche Typus eines solchen Vorganges wäre die Entrückung Henochs vor dem Hereinbrechen des Flutgerichts. Von Henoch wird ja nicht nur bezeugt, dass er Gott gefallen habe vor seiner Hinwegnahme, sondern wir wissen auch aus Jud. 14.15, dass er dem ungläubigen Geschlecht jener Tage ein treuer Zeuge war, der sie auf den kommenden Herrn hinwies, der aber selbst, weil er Gott geglaubt hatte, von dem angedrohten Gericht nicht erreicht wurde.

Es ist sehr zu beklagen, dass man in dieser Frage auf beiden Seiten ungebührliches Gewicht auf das Moment der Trübsal gelegt hat, welcher man dabei entrinne, wenn man vorher entrückt würde. Und während dieser Gedanke gewiss nicht ganz auszuschalten ist, muss doch betont werden, dass er keine Hauptrolle spielen oder in den Vordergrund treten darf. Denn es bleibt dabei, dass wir durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen, dass der Weg der Leiden mit Christo der einzige Weg der Verherrlichung mit Christus ist.

Auch kann nicht davon die Rede sein, dass die Entrückten eine solche Auszeichnung etwa durch ihre bessere Führung verdient hätten und sie gleichsam als gebührenden Lohn empfingen. Als Gott seinerzeit in Ägypten eine Scheidung machte zwischen den Kindern Israels und den Ägyptern, da war keine Rede davon, dass Israels Erstgeburt etwa weniger den Tod verdient hätte als die ägyptische. Allein durch den Glauben an das Blut des Lammes blieben jene verschont, während die andern erwürgt wurden.

Zudem ruht ja doch die ganze Frage nach der Verherrlichung der Seinigen in den treuen Händen dessen, dem sie der Vater aus der Welt gegeben und der die Seinigen kennt, wie ihn der Vater kennt, und der nicht ein einziges wirkliches, lebendiges Glied seines Leibes zurücklassen wird, das er nicht kraft des ewigen Liebesrates seines und unseres Vaters aus der Welt heraus zu sich ziehen wird als sein ungeteiltes Eigentum.

Warum sollten sich Kinder Gottes darob streiten oder einander Vorwürfe machen, wenn auch ihre Auffassungen von diesen wunderbaren Vorgängen Stückwerk bleiben? Sicherlich wird der Herr niemals unsere unrichtigen Lehrauffassungen zu einem Hinderungsgrund für unsere Entrückung werden lassen. Denn es handelt sich nie darum, dass wir seine Erscheinung in allen Stücken korrekt begriffen haben und genau erklären können, sondern dass wir sie von Herzen lieb gewonnen haben und dass wir unter allen Umständen für die Brüder einstehen, auch wenn ihre Anschauungen und die unsern sich nicht recht decken wollen.

Da ist es mir stets ein lieber Gedanke, den ich oben ein wenig ausgeführt habe, dass unser freundlicher Herr den Abstand benutzen möchte, der etwa zwischen der Auferweckung der Entschlafenen und der Hinwegnahme (zugleich mit ihnen) der Überlebenden wäre, um uns beiderseits noch die letzten korrigierenden Unterweisungen zu geben. Sind dann nur unsere Herzen in aller Einfalt und Lauterkeit auf ihn allein gerichtet gewesen, was verschlägt es dann, ob mein Bruder Recht hatte, der die Hinwegnahme erst nach der großen Trübsal lehrte, oder der andere, der sie unbedingt vorher geschehen ließ?

Eins aber tritt uns Kindern des zwanzigsten Jahrhunderts mit ergreifender Deutlichkeit entgegen, dass wohl zu keiner früheren Zeit in der Weltgeschichte der Grundton aller lauten Stimmen so auf dieses “Frieden und Sicherheit” hinausgeklungen haben, wie es heute geschieht. Wohl nie war die Welt so ernstlich, so begeistert, so allgemein darauf aus, unter allen Umständen den Weltfrieden zu wahren, als das in unsern Tagen der Fall ist. Nie hat man gewaltigere Anstrengungen gemacht, größere Opfer an Zeit und Geld gebracht für die Erreichung dieses Ideals des allgemeinen Völkerfriedens als heute.

Dem geöffneten Auge ist ja der furchtbare Selbstbetrug, der da mit unterläuft, nicht verborgen geblieben. Man spricht Friede, und da ist doch kein Friede. Man lebt fort in offener Auflehnung gegen den Herrn und seinen Gesalbten, man gibt seinem offenbarten Wort immer unverhohlener den Abschied, man verleugnet immer frecher den Heiligen und Gerechten und schwärmt für Frieden auf Erden!

Darum sagt auch die Schrift hier: Das Verderben wird sie plötzlich überfallen, wie die Wehen eine Mutter. Man geht mit Ungerechtigkeit, mit Unwahrheit, mit Tyrannei, mit Abfall von dem lebendigen Gott schwanger und meint, man könne die unvermeidliche Ausgeburt, das Verderben, zurückhalten. Aber, Gott lässt sich nicht spotten. Was Völker säen, müssen sie ernten, so gewiss wie der einzelne Mensch für sich.

Da tut es wohl, ein so klares, köstliches Zeugnis aus dem Munde des Apostels von den Gläubigen zu hören: Ihr aber seid nicht in der Finsternis … ihr seid allzumal Kinder des Lichts und des Tages, keine Kinder der Nacht noch der Finsternis. Das sind ja wieder nicht Bezeugungen guter, natürlicher Eigenschaften oder hervorragender sittlicher Leistungen und frommer Werke. Es ist nur die Anerkennung und Feststellung der gewaltigen, göttlichen Tatsache, dass die Gläubigen aus der Wahrheit, aus dem Licht und für das Leben und die Herrlichkeit gezeugt sind. Gott ist es, der allein solche Zeugungen zuwege bringen kann. Er allein schafft Licht aus unserer natürlichen Verfinsterung, Leben aus dem Todeswesen. Daran gilt es nicht nur theoretisch festzuhalten, sondern damit auch praktisch Ernst zu machen.

Darum die Ermahnung, nicht zu schlafen, sondern zu wachen und nüchtern zu sein, wie es Kindern des Tages geziemt. Denn Schlaf und Trunkenheit gehen naturgemäß Hand in Hand mit Dunkelheit und Nacht.

Wir aber (V. 8), im bewussten Gegensatz dazu, den Gott selbst geschaffen, wollen nüchtern sein. Dieses Wollen ist von Gott gewirkt, ist bewusste Gegensätzlichkeit, bewusste Scheidung von den unfruchtbaren Werken der Finsternis. Und das nicht nur auf dem Gebiet des persönlichen, sittlichen Lebens, des Handels und Wandels in Geschäft, Familie, Gesellschaft, Politik, sondern in der ganzen Stellung zur vorherrschenden Weltanschauung, die auf eitel Trug und Selbsttäuschung beruht. Das Zeugnis der Welt von ihrer eigenen Fähigkeit zur Veredelung und von ihren hohen idealen Zielen kann und darf uns nicht berücken, also dass wir uns verleiten ließen, ihr Handlangerdienste zu tun in der Selbstverbesserung und allgemeinen Hebung aller Verhältnisse. Wir wissen, dass die Sünde der Leute Verderben ist und dass der armen Welt nur gründlich geholfen werden kann durch Gericht. Wie denn auch uns, die wir aus der Welt und ihrer Obrigkeit herausgerettet wurden, nur dadurch geholfen werden konnte, dass wir das gerechte Verdammungsurteil Gottes gegen uns anerkannten und uns als Gekreuzigte sehen lernten. Auf keiner andern Linie wird der Welt je geholfen werden. Wer mit ihr gemeinsame Sache macht in ihren verzweifelten, ja titanischen Versuchen, sich selbst aus dem Schlamm des Verderbens herauszuhelfen, der versündigt sich an der Menschheit selbst, der auf keinem andern Weg zu helfen ist, als durch das Feuer des Gerichts.

Angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung des Heils. Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Nicht durch das Übergewicht der Zahlen, nicht durch scharfe Argumente, unwiderlegliche Beweise für die Glaubwürdigkeit der Bibel, noch auch durch den Einfluss der Großen und Gewaltigen, der Reichen und Angesehenen, sondern durch die lebendige Erkenntnis dessen, von dem, durch den und zu dem alle Dinge sind und der diese verlorene Welt also geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn für sie dahingab und die Sünden einer ganzen fluchbeladenen Welt auf ihn legte.

Und die Liebe, die nicht auf unserm Naturboden gewachsen ist, die nicht in weichen Gefühlen, in seelischen Empfindungen besteht, sondern die uns mit heiligem Zorn herausgeliebt hat aus unserer Eigenliebe, aus unserm selbstsüchtigen Wesen und die uns in den Stand gesetzt, auch das Leben einzusetzen für die Brüder. Liebe, die vor keinen Abgrundtiefen menschlichen Verderbens Halt macht, nie an der Möglichkeit der Rettung verzagt, weil Gott Liebe ist; Liebe, deren Breite, Länge, Tiefe und Höhe nicht zu ermessen sind.

Und aus solcher Liebe, durch solchen Glauben erwächst eine Hoffnung, die keinen Tod, kein Siechtum, kein Hinwelken fürchtet, weil sie den zu ihrem Inhalt hat, den Gott auferweckt hat aus den Toten, nachdem er durch seinen Tod dem das Handwerk gelegt, der des Todes Gewalt hat, dem Teufel. Er wird den Tod verschlingen auf ewig, wird abwischen alle Tränen von allen Angesichtern, denn er macht alles neu.

Denn Gott hat uns nicht zum Zorn bestimmt, sondern zum Besitz des Heils durch unsern Herrn Jesum Christum. Das geht doch nach dem Zusammenhang auf dieselbe Zeit; d. h. zur gleichen Zeit, wann Gottes Zorn vom Himmel offenbart werden soll, ist es unser, der Gläubigen Los, bereits das Heil zu besitzen und zwar durch den, der uns als unser erhöhtes Haupt dann endgültig als die Seinen anerkannt und zu sich erhoben hat in die himmlischen Regionen, die wir im Glauben schon unser Leben lang als unsere eigentliche Heimat in Anspruch nehmen durften, wie geschrieben steht: unser Bürgertum ist im Himmel, von dannen wir den Retter Jesum Christum erwarten zur Verklärung unseres nichtigen Leibes in Übereinstimmung mit seinem herrlichen Leibe (Phil. 3, 20.21).

Dieser Besitz des Heils in seiner Vollendung, im absoluten Sinn, tritt aber erst in Kraft, wenn Christus, der unser Leben ist, sich offenbaren wird (Kol. 3, 4). Es ist also die Erscheinung desselben Herrn der Herrlichkeit, die den Seinen den Besitz des Heils verbürgt und der ungläubigen Welt den Anbruch des Tages des grimmigen Zornes des allmächtigen Gottes verkündet. Gleichwie im Roten Meer die Gegenwart Jahwes in der Wolken- und Feuersäule nach der einen Seite hin Frieden, Sicherheit und Leben bedeutete, nach der anderen Verwirrung Verderben und Tod. Zwischen beiden Heeren aber bedeutete die Wolke eine Scheidung, dass die beiden die ganze Nacht nicht zusammenkommen konnten, so nahe sie einander waren.

Das Wachen oder Schlafen im nun folgenden 10. Vers wird wohl auf das natürliche Leben oder Entschlafensein gedeutet werden müssen, und nicht, wie oben in Vers 6, auf geistliche Wachsamkeit oder geistlichen Schlaf. Ob uns die Ankunft des Herrn aus den Gräbern ruft, oder ob sie uns unter den Lebenden findet, in jedem Fall sind wir berufen, mit ihm zu leben, d. h. zum vollen Anteil an seinem göttlichen, herrlichen Auferstehungsleben, an seiner Unsterblichkeit, Klarheit und Fülle.

Steht man zusammen auf einem solchen Grund des Glaubens, Liebens und Hoffens, dann bekommt die gegenseitige Ermahnung einen wundersamen Klang, alle gesetzliche Härte und richtende Schärfe flieht. Man weiß sich eins in einem Geist, durch einen Herrn. Man freut sich des Bruders, den der Herr auch gebrauchen und verherrlichen will. Man freut sich jeder Gelegenheit, ihm mit der Gabe zu dienen, die wir von dem gemeinsamen Herrn empfangen haben. Also baut sich der Leib unseres Herrn Jesu Christi zur göttlichen Größe.

Vers 12 und 13 enthalten Worte, die besonders Bezug haben auf unser Verhalten zu denen, die uns vorstehen im Herrn, die an uns arbeiten dürfen und uns ermahnen. Das sind große und wichtige Dienstleistungen im Hause Gottes. Sie sind hier nicht in Paragraphen und Rubriken beschlossen und abgeteilt. Es bedarf ihrer nicht. Denn wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Aber diese Freiheit ist ebenso weit entfernt von Willkür und Schrankenlosigkeit wie von klerikaler Tyrannei und geistlicher Knechtung der Brüder unter Satzungen.

Das Gesamterzeugnis der christlichen Kirchen auf diesem Gebiet ist nicht gerade erfreulich. Wir haben ziemlich gründlich verdorben, was uns der Herr mit großer Freundlichkeit und Güte anvertraut hatte. Unsere Systeme und sogenannten Ordnungen legen lautes Zeugnis gegen uns ab.

Das braucht aber den einzelnen nicht zu hindern, in aller Einfalt, so viel an ihm ist, auch hierin gehorsam zu sein im Glauben und in der Liebe, ohne sich das Herz und Gewissen unnötig beschweren zu lassen dadurch, dass er in Zuständen aufgewachsen oder durch Gottes Vorsehung in solche hineingestellt worden ist, die er wohl lieber anders gestalten würde, wenn es in seiner Macht stünde, die er aber tragen kann, so lange der Herr sie trägt und duldet. Auch da wird von ernsten Kindern Gottes viel Zeit und Kraft vergeudet in den Versuchen, der Gemeinde Gottes auf diesen Linien zurechtzuhelfen durch Änderung der Umstände.

So lange man aber nicht den bestimmten Auftrag hat, zu zerstören, niederzureißen, auch zu bauen und zu pflanzen, so lange enthalte man sich doch aller noch so wohlgemeinten Versuche, da Abhilfe zu schaffen, wo im besten Fall nur die Zersplitterung gemehrt wird, da man ja doch immer nur in kleinen Kreisen mit neuen Organisationen Versuche machen kann. Man lerne auch aus der Geschichte der Gemeinschaften unserer Tage. In papierenen Paragraphen und strammen Beschlüssen ist kein Heil, keine Gesundung.

Jedes Kind Gottes aber kann, einerlei wie traurig und trostlos die kirchlichen Gemeinschaftsverhältnisse sind, in denen es steht, die Brüder hoch achten und um so lieber haben um ihres Werkes willen, die uns dienen und vorstehen, auch wenn sie es nicht im besten Geist täten oder uns gar tyrannisierten. Das braucht die Liebe nie zu hindern, die alles trägt, duldet und also überwindet.

Nun folgen noch in den Versen 14-22 eine Reihe verschiedener aber allesamt sehr wichtiger Ermahnungen an die Brüder. Die Unordentlichen sind zu verwarnen, damit durch sie kein Ärgernis entstehe und die Gemeinde des Gottes, der ja ein Gott der Ordnung ist, nicht in den Mund der Leute komme.

Die Kleinmütigen sollen getröstet, also nicht noch mehr entmutigt werden mit herben oder gar bitteren Worten. Es soll ihnen gezeigt werden — denn einen andern Trost kann es dem Kleinmut gegenüber nicht geben — dass es um unsere Berufung in Christo eine gar wunderbar hohe und hehre Sache sei, dass ein Kind Gottes zum höchsten Adel im Weltall berufen und verordnet sei, dass also da für Kleinmut wahrlich kein Raum sei.

Die Schwachen sind zu tragen, damit ihre Gewissen nicht verletzt und sie nicht tief geschädigt werden dadurch, dass man sie zu Dingen treiben will, denen sie noch nicht gewachsen sind, weil ihnen das Licht und die Einsicht, die Reife und Mündigkeit des Urteils fehlt. Doch soll ein solches Tragen gepaart sein mit liebender Bemühung, weiter zu helfen, zu stärken und aufzubauen, damit aus den Schwachen Starke werden. Geduld ist zu üben gegen jedermann. Denn Geduld ist tragende, vergebende, hoffende Liebe, die auch den Hartnäckigsten und Verstocktesten nicht aufgibt, sondern immer wieder vor Gott hinlegt, einerlei, wie oft man auch schon enttäuscht wurde.

Niemand soll Böses mit Bösem vergelten, denn wir sind göttlichen Geschlechts. Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu. Durch schweigendes Erdulden hat Jesus das Böse und den Bösen überwunden. Und er hätte vergelten können nach Gebühr und Verdienst und in Gerechtigkeit, was wir nicht vermögen.

Trachtet allezeit danach, Gutes zu tun einander und auch jedermann. Nicht nur aufgefordert, nicht nur auf Bitten hin, sondern selbst darauf bedacht, Gelegenheiten zu finden, Gutes zu erweisen, auch wo man nicht auf Lohn und Anerkennung rechnen kann oder wo die linke Hand nicht einmal erfährt, was die rechte getan.

Seid allezeit fröhlich! Und das in einer Welt, die im Argen liegt? Deren Lauf beherrscht ist von den Mächten der Finsternis, deren Wesen Feindschaft ist gegen Gott? Ja, gerade in einer solchen Welt, die so wenig wahre Freude kennt, die meint, fleischliche Lust und Ausgelassenheit sei Glück. Fürwahr, das Sprüchlein ist am Platz:

    In der Welt ist’s dunkel, leuchten müssen wir —
    Du in deiner Ecke, ich in meiner hier.

Und wer kann und darf denn fröhlich sein, wenn’s nicht die Kinder Gottes sind, die mit ihrer schändlichen Vergangenheit fertig sind durch des Lammes Blut; die einen beständigen, freien Zugang haben zu der Gnade, darin sie stehen; die von aller Furcht des Todes befreit sind und sich rühmen dürfen der Herrlichkeit, die an uns soll offenbart werden; die da wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten zusammen wirken, und dass nichts sie scheiden kann von der Liebe Gottes in Christo Jesu, unserm Herrn.

Betet ohne Unterlass! Aber das kann man doch nicht! Man kann doch nicht den ganzen Tag im Kämmerlein bleiben oder auf den Knien liegen? Man hat doch seine Arbeit, die einen in Anspruch nimmt. Ganz richtig. Und dennoch fordert der Apostel nichts Ungebührliches, nichts Unmögliches. Es geht dennoch, dass man in aller Arbeit und Unruhe das Herz und den Sinn fest und unentwegt nach oben gerichtet hält, dass das Auge des Glaubens immerfort auf den schaut, der der Anfänger und Vollender des Glaubens ist. Eine solche Haltung des Herzens ist Gebet, auch wenn es nicht zur Formulierung von bestimmten Bitten und Anliegen kommt. Der die Herzen erforscht, weiß, was des Geistes Sinn sei, denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gemäß ist (Röm. 8, 27).

Seid für alles dankbar! Auch das erscheint dem natürlichen Sinn übertrieben. Wie kann man für Leiden und Widerwärtigkeiten dankbar sein? Durch Gnade. Das heißt durch die gesegnete Erkenntnis, dass unser Gott alle Dinge lenkt durch den Rat seines Willens, dass er nie etwas versieht, dass unsere Führungen immer die besten und weisesten sind, und dass er unter allen Umständen nur unser Heil bezweckt und erreicht. Das Danken geht eben nicht ohne ein solches erleuchtetes Denken. Auch ist das nicht unserm Belieben anheimgegeben, es ist der erklärte Wille Gottes in Christo Jesu an uns. Denn unser Gott weiß, was für ein Born tiefster Freude, was für eine Quelle unbesiegbarer Kraft für uns darin liegt, dass wir danken für alles. Denn damit haben und halten wir alle Umstände und Zustände, auch die widrigsten, unter den Füßen und bleiben stets Sieger.

Den Geist dämpfet nicht! Denn es ist der Geist der Herrlichkeit, der auf uns ruht und Christum in uns verklärt. Wir leben im Geist, darum gilt es auch im Geist wandeln, alles in seine milde, heilige Zucht geben, uns von ihm in die ganze Wahrheit leiten lassen. Jedes Sichgehenlassen nach dem Fleisch bedeutet ein Dämpfen des Geistes.

Die Weissagung verachtet nicht! Die einzige besondere Gabe des Geistes, die Paulus in diesem Brief erwähnt. Sie wird von ihm auch 1. Kor. 14, 5 hoch geschätzt, höher als das Reden in Zungen, weil es mehr zur Erbauung der ganzen Gemeinde diente. Für unsere Tage könnte man das Wort mit Fug und Recht auch so deuten, dass es eine Warnung enthält gegen eine weitverbreitete Geringschätzung und Hintansetzung des Wortes der Weissagung unter den Gläubigen, eine Verachtung, die sich schwer gerächt hat in der Wehrlosigkeit und dem Mangel an Unterscheidungsvermögen bei vielen Kindern Gottes gegenüber den betrügerischen Machenschaften böser Geister aus dem Abgrund, die die Gemeinde entsetzlich betrogen und in Verwirrung gebracht haben, indem sie sich als Heiligen Geist, als echten Pfingstgeist verkleidet und einfältige Seelen irregeführt haben.

Prüfet aber alles und das Gute behaltet! Gerade an diesem Vermögen, alles zu prüfen und das Echte vom Falschen zu unterscheiden, hat sich in unsern Tagen ein so kläglicher Mangel gezeigt. Es war den betrügerischen Geistern ein ziemlich leichtes Spiel, uns hinter das Licht zu führen. Es fehlt uns an durch Gewohnheit geübten Sinnen zur Unterscheidung der Geister. Unser geistliches Leben war und ist noch viel zu sehr auf das persönliche Genießen gerichtet, unser Blick für die Wahrheit Gottes ist beschränkt geblieben, weil wir uns gewöhnt hatten, alles auf uns und auf unserer Seelen Seligkeit zu beziehen. Andere Gesichtspunkte haben uns fern gelegen, sie kamen uns zum Teil sogar verdächtig vor. Wir befürchteten, uns in den großen Horizonten göttlicher Gedanken zu verlieren, wenn wir sie nicht auf den engen Leisten unseres Erfahrungslebens spannten. So wurde uns die ganze Schrift vorwiegend Erbauungsbuch, anstatt Quelle weitester und tiefster Erkenntnis aller Wege und Absichten Gottes.

Enthaltet euch des Bösen in jeglicher Gestalt! Luther hat übersetzt: Meidet allen bösen Schein! Weizsäcker: Meidet alle böse Art. Das Böse kommt in allerlei, auch in der verführerischsten Verkleidung an uns heran. Da gilt es allewege scharf auf der Hut zu sein, dass wir nicht übervorteilt werden vom Satan, da wir ja wohl wissen, was er im Sinn hat. Wären wir da auf eigenes Wissen und Können angewiesen, dann sähe es übel um uns aus, wir wären bald verloren. Denn die bösen Mächte sind uns an Einsicht, Klugheit, Erfahrung weit überlegen. Aber Christus ist uns auch da zur Weisheit geworden.

Das Schlussgebet des Apostels in Vers 23.24 ist unbeschreiblich köstlich: Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und euer ganzes Wesen, Geist, Seele und Leib werde unsträflich bewahrt bei der Zukunft unseres Herrn Jesu Christi! Treu ist er, der euch ruft, er wird es auch tun.

Dass diese Worte an Gläubige, Gottes Heilige, gerichtet sind, versteht sich aus dem Zusammenhang. Nur solche kennen den, der hier mit besonderem Nachdruck Gott des Friedens genannt wird. Wunderbarer Name! Was will das sagen in einer so friedelosen Welt wie die unsere, nein, wie seine ganze weite Schöpfung, die ja auch nach Frieden seufzt und sich sehnt. Was liegen da für unbegrenzte Möglichkeiten, die ja zunächst das Vorrecht derer sind, zu ergründen, die in einem besonderen Sinn Kinder des Friedens geworden, zum Frieden Gottes gelangt sind. Stille werden und dann stille bleiben in dem Gott des Friedens, das ist zunächst unser Beruf. Aber damit ist ja doch nicht erschöpft, was in diesem herrlichen Namen Gottes liegt. Er wird ja auch das gestörte All zu seinem Frieden bringen durch den, der der Friedefürst heißt.

Das Werk unserer Durchheiligung ist Gottes und nicht unser. Das steht in deutlichen Worten vor uns. Und das ist so wichtig zu erkennen. Nicht als ob man sich nun gar nicht darum zu sorgen brauche oder als ob das im Schlaf geschähe. Nein, es bleibt dabei, es gilt jagen nach der Heiligung. Aber das ist nicht eigenes Mühen und Schaffen, sondern nur das tiefgläubige, gehorsame Eingehen des Herzens auf die köstliche, offenbarte Wahrheit, dass Christus, wie unsere Gerechtigkeit, so auch unsere Heiligung ist vom Vater.

Und unser ganzes Wesen, Geist, Seele und Leib, sind einbegriffen in den Bereich des Eigentumsrechts, der göttlichen Verfügung über seine Geheiligten. Da wird nichts fortgeworfen, nichts beseitigt, sondern alles wird geheiligt, dass es ihm allein zu freiester, ungehinderter Verfügung stehe für die Zeitalter der Zeitalter. Das drückt nicht nur unserm Geistes- und Seelenleben, sondern auch unserm Leibesleben den Stempel des höchsten Adels, der denkbar höchsten Verwendbarkeit im großen Ratschluss Gottes mit seinem Weltall auf. Wisset ihr nicht, dass eure Glieder Christi Glieder sind?! Nicht ein unwürdiges Gefängnis, ein Kerker nur des hohen Geistes, sondern ein durch Christum zu gleichem Tode, aber auch zu gleicher Auferstehung geweihter Tempel des Heiligen Geistes, der in uns wohnt. Das ist die apostolische Lehre von der Bedeutung des Leibeslebens. Wir warten auf unseres Leibes Erlösung. Und alle Kreatur wartet darauf, denn sie soll frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zur Freiheit der Herrlichkeit der Söhne Gottes (Röm. 8, 21).

Unsträflich bei der Zukunft unseres Herrn Jesu Christi! Nicht nur für das Urteil der Menschen, Teufel oder Dämonen, sondern für das Urteil des heiligen, unbestechlichen Richters, der Augen hat wie Feuerflammen, vor dem nichts verborgen bleiben kann, sondern alles ist bloß und aufgedeckt vor seinen Augen. Dahin kann und wird es nur kommen, wenn sich die Kinder des Lichts schonungslos durchrichten lassen von dem unbestechlichen Wort der Wahrheit. Darum spricht der Herr: Heilige sie durch deine Wahrheit, dein Wort ist die Wahrheit.

Treu ist er, der euch ruft, er wird’s auch tun. Das ganze Werk, alles Wollen und Vollbringen ist sein. Sein auch ist aller Ruhm und alle Ehre. Was er angefangen, lässt er nicht liegen. Sein Werk kann niemand hindern. Er wird mit allem fertig, was er sich vorgesetzt hat. O, dass man aufhören möchte, den Allmächtigen zu beschränken, dem alles dienen muss, auch Hölle, Tod und Gericht. Seine Treue, seine Ehre sind verpfändet. Denn wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass ihm etwas vergolten werde? Von ihm, durch ihn, zu ihm sind alle Dinge, ihm sei die Ehre in Ewigkeit. Amen!

Brüder, betet für uns! Auch ein hoher Apostel bedarf des Dienstes, den das geringste Glied am Leibe Christi tun darf, kraft des allezeit freien, offenen Zugangs zum Gnadenthron

Grüßet alle Brüder mit dem heiligen Kuss! Auch wo wir von der äußeren Beobachtung dieser Grußformel Abstand genommen haben aus Zweckmäßigkeitsgründen, die nicht zu verwerfen sind, darf es doch dabei sein Bewenden haben, dass die ungeheuchelte Liebe, wie sie im Bruderkuss ihren Ausdruck sucht, unverkürzt bleibe.

Ein großes Anliegen ist es Paulus, dass sein Brief allen heiligen Brüdern durch Lesen bekannt werde. Wir wollen uns das gesagt sein lassen und uns des hohen Vorrechts freuen, was geschrieben steht zu lesen.

Die Gnade Jesu Christi sei mit euch! Darin ist alles einbegriffen, was seine oder eines andern Knechtes Gottes Feder je zum Ausdruck bringen kann für das Wohl und Gedeihen der Gemeinde Gottes, die in Christo Jesu ist. Aus Gnaden gerettet, in der Gnade bewahrt bis auf die zukünftige Gnade, die offenbart werden soll am Tage seiner herrlichen Offenbarung für seine Heiligen und Herrlichen.

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