Die beiden Thessalonicherbriefe (1)
Autor: Ströter, Ernst F., Prof. | Kategorie(n): Lehre, Paulusbriefe | 652 x gelesenVorbemerkung
Die Thessalonicherbriefe verdienen die besondere Aufmerksamkeit der gläubigen Gemeinde vornehmlich aus zwei Gründen. Einmal gehören sie zu den allerfrühesten paulinischen Briefen überhaupt, wenn sie nicht die ersten sind. Somit bieten sie uns ein so helles Bild des apostolischen Gemeindelebens, wie es uns nicht frischer und ursprünglicher geboten werden kann. Zum andern enthalten gerade diese beiden Briefe wohl die eingehendste und reichhaltigste Unterweisung über die Zukunft des Herrn, die uns in der ganzen apostolischen Literatur entgegentritt. Im vierten Kapitel des ersten Briefes wird uns z. B. über die Entrückung der Gemeinde, also über ihren endlichen Ausgang aus der Welt, so ausführliche Belehrung gegeben wie nirgendwo sonst. Gerade für die Erkenntnis des prophetischen Wortes sind daher diese beiden Briefe von hervorragender Bedeutung. Darum haben wir uns veranlasst gesehen, einem vielseitigen Wunsche folgend, einmal diese Briefe zu behandeln. Der Herr aber gebe viel Gnade und Weisheit zur rechten Teilung seines köstlichen Wortes.
Erster Brief
Kapitel 1
1. Paulus und Silvanus und Timotheus, der Gemeinde der Thessalonicher in Gott dem Vater und dem Herrn Jesu Christo: Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesu Christo! 2. Wir danken Gott allezeit für euch alle, euer erwähnend in unsern Gebeten, 3. da wir uns unablässig erinnern eures Glaubenswerkes und eurer Liebesarbeit und eurer Geduld in der Hoffnung auf unsern Herrn Jesum Christum vor unserm Gott und Vater. 4. Denn wir wissen, von Gott geliebte Brüder, wie ihr erwählt seid, 5. dass unser Evangelium nicht nur zu euch kam im Wort, sondern auch in Kraft und im Heiligen Geist und in großer Gewissheit, wie ihr wisset, dass wir unter euch gewesen sind um euretwillen. 6. Und ihr seid unsere Nachfolger geworden und des Herrn, indem ihr das Wort aufnahmt unter viel Trübsal mit Freude des Heiligen Geistes, 7. so dass ihr Vorbilder geworden seid allen Gläubigen in Mazedonien und Achaja. 8. Denn von euch aus ist erschollen das Wort des Herrn, nicht nur in Mazedonien und Achaja, sondern an jedem Ort ist euer Glaube an Gott ausgebreitet worden, so dass wir nicht nötig haben, etwas zu sagen. 9. Denn sie selbst verkündigen von uns, welchen Eingang wir bei euch hatten, und wie ihr euch von den Götzenbildern zu Gott bekehrt habt, dem lebendigen und wahren Gott zu dienen, 10. und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten, welchen er auferweckt hat von den Toten, Jesum, der uns von dem kommenden Zorn errettet hat.
Die Art und Weise, wie der Apostel sich bei seinen geistlichen Kindern einführt, hat etwas ungemein Anmutiges und Vertrauliches. Er nimmt gewissermaßen seine beiden Gehilfen am Evangelium je an die rechte und linke Hand und begrüßt mit ihnen die Gemeinde zu Thessalonich. Es ist das ein köstlicher Zug geheiligter Natürlichkeit. Der Apostel erweist sich darin ganz frei von allem beengenden, förmlichen Amtsbewusstsein, das den Leser oder Hörer in respektvoller Entfernung von sich fernhält. Er zeigt sich einfach als Bruder unter Brüdern, wenn er auch ein hoher Apostel war und sich dessen auch sehr deutlich bewusst war. Aber echte Brüderlichkeit tut dem geläuterten geheiligten Bewusstsein der uns vom Herrn gewordenen Aufgabe und der uns von ihm zugewiesenen Stellung nie den mindesten Abbruch. Es sind künstliche Höhen, die künstlich kühl und unnahbar gehalten werden müssen.
Nicht als ob der Apostel die Verantwortung für das, was er der Gemeinde zu schreiben hatte, nicht ganz allein auf sich nehmen wollte oder anderer Namen bedurft hätte, um seinen Worten zusätzliches Gewicht und Ansehen zu verschaffen. So gewiss er den Brief allein und auf seine eigene apostolische Verantwortung hin schrieb und sandte, so tief war er überzeugt, dass eine andere als menschliche Autorität und Vollmacht hinter seinen Worten stand.
Aber es ist wertvoll und zu schätzen, wenn wir uns in den von Gott geschenkten und gewirkten Erkenntnissen und Offenbarungen mit andern teuren Brüdern eins wissen, ohne dass dadurch der Kraft und Bedeutung dieser Wahrheit irgend etwas hinzugetan wäre.
Die Gemeinde der Thessalonicher verdankte ihre Entstehung der nur kurzen aber überaus gesegneten Wirksamkeit des Apostels, der in der Begleitung von Silas und Timotheus, nachdem er aus Philippi hatte weichen müssen, etwa drei bis vier Wochen in Thessalonich geweilt und gepredigt hatte. Wir lernen das aus Apg. 17, 2, wo berichtet wird: Paulus aber ging nach seiner Gewohnheit zu ihnen hinein und unterredete sich drei Sabbate mit ihnen, ausgehend von der Schrift.
Während seine Verkündigung sich vornehmlich auf dem Boden der dortigen Synagoge vollzog, war die Feindschaft gerade der Juden so heftig, dass die Brüder sich veranlasst sahen, den Paulus und Silas in der Nacht nach Beröa zu schicken, während Timotheus noch eine Zeitlang in Thessalonich blieb, um die aus den Heiden gläubig Gewordenen zu stärken. So scharf und entschieden die Ablehnung der Juden war, so erfreulich muss die Aufnahme gewesen sein, die das Evangelium bei den frommen Proselyten und den andern Heiden fand, wie uns das ja die weiteren Ausführungen des Apostels sehr deutlich zeigen werden.
Beachtenswert ist jedenfalls der Umstand, dass wir es hier mit einer Gemeinde zu tun haben, die sich fast ausschließlich aus Heiden zusammensetzte, also nur in einem sehr beschränkten Grad und Maß in Offenbarungswahrheiten unterwiesen sein konnte. Von einer jahrelangen regelmäßigen Belehrung aus Mose und den Schriften der Propheten konnte nur bei einem sehr kleinen Teil jener Gläubigen die Rede sein.
Umso mehr muss es auffallen, welch großen Raum der Apostel nicht nur in seinen beiden Briefen gerade den prophetischen Erkenntnissen einräumt, sondern dass er auch bei seiner mündlichen Verkündigung bereits etliche der schwierigsten und gewaltigsten Probleme der prophetischen Forschung aufgerollt und behandelt haben muss. Er schreibt darüber im zweiten Brief (2, 5), wo er von dem Geheimnis der Bosheit und von dem Menschen der Sünde handelt: Denkt ihr nicht mehr daran, dass ich euch solches sagte, als ich noch bei euch war?
Daraus scheint doch sehr klar hervorzugehen, dass die apostolische Praxis in diesem Stück von der bei uns geläufigen sehr verschieden gewesen sein muss. Wo findet man bei uns, wo doch im ganzen in christlichen Kreisen mehr Vorkenntnisse vorausgesetzt werden dürfen, als das in Thessalonich der Fall sein konnte, Evangelisten und Lehrer, die es wagen dürften, gleich in den ersten Wochen ihrer Tätigkeit bei ganz jungen Kindlein in Christo solche Fragen anzuschneiden, wie es der Apostel in Thessalonich getan haben muss?
Ob wir nicht an dieser apostolischen Weise unsere Vorstellung von dem, was zur vernünftigen und lauteren Milch des Wortes gehört, bedeutend zu korrigieren haben? Wir verstehen darunter allgemein vornehmlich die eigentlichen Heilslehren, d. h. die Unterweisung, wie wir gerettet und geheiligt werden. Was darüber hinaus liegt, gilt für unnötig, für überflüssig, um nicht zu sagen bedenklich oder geradezu gefährlich, namentlich für junge Christen.
Man braucht sich nur in der so überaus reichlich vorhandenen evangelistischen und erbaulichen Literatur unserer Tage umzutun, und man wird sehr bald merken, wie es da steht. Da wird Woche für Woche in einer immer noch steigenden Flut von Schriften für Neubekehrte, für noch nicht ganz Entschiedene und auch die schon Geförderten eine Fülle von Unterweisung und Belehrung ausgeschüttet, dass man meinen könnte, eine besser unterwiesene Christenheit könne es doch wohl nie gegeben haben. Ist es aber wirklich so? Die traurigen und zum Teil erschütternden Erfahrungen, die uns gerade die letzten Jahre gebracht haben, reden eine andere Sprache.
Aber wo fehlt es denn? Ganz gewiss nicht an “Erbauung”, d. h. an sehr eingehender und sorgfältiger Pflege und Ernährung der eigenen geretteten oder geheiligten Persönlichkeit. Weitaus das meiste, ja, fast alles, was in der Fülle von Blättern und Blättchen geboten wird, ist darauf berechnet, den Blick des Lesers sehr intensiv auf sich selbst gerichtet zu halten. Alles, was an biblischer Unterweisung geboten wird, bekommt eine persönliche Färbung und Spitze. Wenn irgendein prophetisches Wort, besonders aus dem AT, behandelt wird, so kann man aus zehn Fällen neunmal gewiss sein, es wird rein erbaulich behandelt, d. h. es wird ganz direkt zur Pflege und Ernährung des Ichlebens verwendet. Man glaubt, die ganze Schrift aus keinem andern Gesichtswinkel lesen zu dürfen als aus dem: Was bekomme ich dabei für meine eigene Seele, für die Erbauung meines inneren Menschen?
Nun hat sich ja in den letzten Jahrzehnten die Erkenntnis allmählich Bahn gebrochen, dass man sich seit vielen Jahrhunderten an der Schrift sehr versündigt hatte, dass man Israel gewaltsam aus seinem Recht und Erbe herausgedrängt und die neutestamentliche Gemeinde dahinein gezwängt hatte. Aber alte Gepflogenheiten sind nicht so bald abgelegt. So hört und liest man denn heute wohl öfter, wenn ein prophetischer Abschnitt behandelt wird, etwa diese Sprache: Eigentlich sind ja diese Worte an Israel gerichtet, aber — und dann geht es in der altgewohnten Weise der rein erbaulichen Behandlung des Wortes weiter. Man beruhigt das Gewissen durch das formale Zugeständnis an den ursprünglichen Adressaten, lässt ihn aber im übrigen ganz ruhig außer Acht und schiebt nach wie vor das liebe eigene fromme Ich in das Zentrum der Betrachtung. Denn etwas anderes wäre ja auch nicht erbaulich!
Dabei verfehlt man gerade den köstlichen Wert des prophetischen Wortes, der darin besteht, dass es unsern Blick hinwegnimmt von unserm lieben Ich und ihn ruhen lässt auf den noch verborgenen aber klar verheißenen Herrlichkeiten dessen, den zu erkennen ewiges Leben ist. Das ist die durch nichts anderes zu ersetzende praktische Bedeutung des Wortes der Weissagung, dass in ihm und seiner rein sachlichen Erwägung und Betrachtung der sicherste Schutz liegt gegen den traurigen Subjektivismus, in dem sich Kinder Gottes nur um sich selbst bewegen. Was für Verheerungen und Verwirrungen diese krankhafte Beschäftigung, Untersuchung und Pflege mit der eigenen Seele in vermeintlicher Erbauung unter uns angerichtet hat, des sind wir alle Zeugen. Die Befolgung der apostolischen Weise hätte uns davor bewahrt. Sie allein kann uns hier zurechtbringen und zur Gesundung verhelfen.
Dass es sich hier in Thessalonich um die Unterweisung ganz junger Kindlein in Christo gehandelt haben muss, ist unbezweifelt. Die Gläubigen dort waren, als Paulus ihnen den ersten Brief schrieb, nur wenige Monate alt im Glauben. Geistliche Reife und Mündigkeit ist allerdings nicht nur eine Sache des Kalenders, sondern wesentlich der richtigen, entsprechenden Ernährung. Da fehlt es in unsern Tagen und Kreisen. Man lebt zu ausschließlich im Bannkreis der persönlichen Heilserfahrung. Man fürchtet sich, diese sicheren Gestade aus dem Auge zu verlieren und auf die Höhen zu fahren. Man hält die eingehende Beschäftigung mit dem Wort der Weissagung für eine fromme Liebhaberei, für eine Spezialität, vor der sogar gewarnt werden muss. Und dann steht man unheimlichen Bewegungen, die wie eine Flut in die gläubigen Kreise einreißen und Tausende gefangen nehmen, schier ratlos gegenüber. Man weiß sich nicht einmal zu orientieren, womit man es dabei eigentlich zu tun habe. Gereifte und geheiligte Knechte Gottes wissen immer noch nicht, ob sie es dabei mit Göttlichem, Menschlichem oder Dämonischem zu tun haben. Unklarheit, Schwanken, Unsicherheit im Auftreten ohne Ende. Und dabei fast sklavisches Gebundensein an fromme Persönlichkeiten, die den Kultus des erbaulichen Erfahrungslebens bis auf die höchsten Spitzen getrieben haben, die eine geradezu unheimliche Meisterschaft in der geistlichen Anatomie, d. i. der haarscharfen, mikroskopischen Untersuchung des geheiligten Ich erlangt haben, die dann für das höchste Ziel des Strebens angesehen wird.
Wann werden wir deutschen Gemeinschaftschristen wieder nüchtern werden aus dieser feinen Überlistung des Feindes, der uns gründlich berückt hat, der es meisterhaft verstanden hat, unsern Blick weg vom festen prophetischen Wort auf unsere eigenen Erfahrungen zu richten und uns in engen Kreisen stets nur um uns selbst und unsere eigene Seligkeit drehen zu machen. Anstatt dass wir gelernt hätten, hinwegzublicken auf Jesum, den Anfänger und Vollender unseres Glaubens. Den Anfänger kennen wir. Man zeigt uns fast nichts anderes. Aber den Vollender? Wer fragt nach dem? Wer kennt ihn?
Und dabei scheint man in vielen leitenden Kreisen dem eindringenden Verderben, der überhand nehmenden Verwirrung und Unklarheit nicht anders begegnen zu wollen als dadurch, dass man sich nach rückwärts konzentriert und sich festlegt auf die reformatorische Elementarerkenntnis von Buße und Glauben, von Sünde und Gnade. Die Worte Hebr. 6, 1.2 scheinen für viele teure Brüder gar nicht in der Schrift zu stehen. Doch wir kehren zu unserer Epistel zurück.
Paulus schreibt der Gemeinde der Thessalonicher in Gott dem Vater und dem Herrn Jesu Christo. Wie einfach war das damals noch. Niemand hatte den geringsten Zweifel, an wen dieser Brief adressiert sei. Käme heute ein apostolisches Sendschreiben an die Gemeinde der Berliner, Hamburger oder Londoner — wo müsste der abgegeben werden? Da könnte der Bote in Verlegenheit kommen. Ganz Thessalonich wusste damals Bescheid, für wen das bestimmt sei. Es ist erquickend und wirkt klärend zu sehen, wie einfach und selbstverständlich diese Adresse lautet. Zu welchen Trübungen wir es darin gebracht haben, wird ja auch offenbar. Da dürfen wir uns tief schämen und uns vor unserm Gott in den Staub beugen und unsere und der Christenheit Sünde bekennen und auf uns nehmen. Das fördert uns jedenfalls mehr als alles Eifern und Streiten oder Schelten, auch wohl mehr als alle wohlgemeinten Versuche, der heutigen Gemeinde Gottes mit neuen Organisationen zurecht zu helfen, die bisher nur den einen unleugbaren Erfolg gehabt haben, den Jammer zu mehren und zu vertiefen, statt ihn zu mindern oder zu beseitigen. Wenn man da doch auch ein wenig aus der Geschichte der Kirchen- und Gemeinschaftsbildungen der letzten Jahrhunderte lernen wollte.
Gleichwohl liegt auch für uns gar kein Grund vor, nun zu verzagen oder zu meinen, weil bei uns die Verwirrung und Zerfahrenheit, Zersplitterung und Konkurrenz so gewaltig um sich gegriffen, deshalb gäbe es bei uns keine wahre Gemeinde in Gott dem Vater und in Christo Jesu mehr. Das sei ferne! Wir haben es ja schwerer mit der Unterscheidung und klaren Erkennung derer, die in Wahrheit dem Herrn angehören. Aber der Herr kennt die Seinen nach wie vor. Und kein Kind Gottes, das aus der Wahrheit ist, leidet darin Schaden, wenn es auch von Menschen nicht anerkannt wird. Schmerzlich ist es ja, wenn man bei der herrschenden Verwirrung gar für einen Feind und Gegner angesehen und als solcher behandelt wird. Aber das ist ja doch nur die menschliche Seite der Sache. Es bleibt dabei, der Herr kennt die Seinen.
Und unsere Gemeinschaft des Geistes mit allen, die wirklich dem Haushalt des Glaubens angehören, wird dadurch nicht aufgehoben, dass sie nach außen Hinderungen, Unterbrechungen oder gar gänzliche Aufhebung erleidet. Denn es bleibt dabei, dass wir alle durch den einen Geist zu einem Leibe getauft sind, wir seien Juden oder Griechen (1. Kor. 12, 13). Jedes menschliche Ermangeln in der Anerkennung dieser Tatsache bedeutet ja wohl einen zeitlichen Verlust und eine schmerzliche Beeinträchtigung; aber dafür bedeuten sie nach der andern Seite hin soviel köstliche Gelegenheiten, Geduld zu haben, zu tragen, sich nicht erbittern zu lassen, sondern in ununterbrochener, innerer Liebes- und Lebensgemeinschaft mit denen zu bleiben, die uns die äußere Gemeinschaft erschweren oder ganz versagen. Es gibt keine Zäune, hoch genug, die einem Kind Gottes den Zugang zu allen Kindern Gottes “oben herum” verbauen oder verlegen könnten.
So sind wir, genau besehen, gegen die ersten Christen doch nicht so sehr im Nachteil. Ist es zwar nicht so oft unser Vorrecht, unseres Glaubens wegen öffentlich verfolgt, gesteinigt oder ins Gefängnis geworfen zu werden, so dürfen wir darum des Leidens Christi nicht weniger haben, indem wir unsere engen und furchtsamen, irrenden und dogmatisch gebundenen Brüder tragen lernen, wie der Herr den Petrus und sogar den Judas zu tragen hatte, damit die Schrift erfüllt würde.
Und was ist das doch für eine köstliche Erkenntnis, die uns ungebrochen bleibt, dass die wahre Gemeinde Gottes in Gott dem Vater und in Christo Jesu ihren Bestand, ihr Wesen und ihre Vollendung hat. Ob sie auch mit allerlei Gebrechen behaftet, ob sie gar sehr gebunden und beengt, ob sie nach außen in ungezählte Gruppen und Grüppchen zersplittert ist, sie bleibt doch eine der großartigsten Schöpfungen unseres herrlichen Herrn und Hauptes, deren Herrlichkeit jetzt ja noch nicht zur Darstellung kommen kann und soll, die aber inwendig ganz herrlich ist, weil der Herr, der Geist, in unbeschreiblicher Geduld und Langmut in ihr Wohnung genommen hat und diese auch nicht verlassen noch aufgeben wird, ungeachtet aller unwürdigen, betrübenden und zurücksetzenden Behandlung, die ihm widerfährt. Das sind Dinge, die sind und bleiben für diesen ganzen Zeitlauf Glaubenssachen. Die lassen sich nicht darstellen noch vor der Welt zur Schau tragen. Die Gemeinde trägt gleich ihrem Herrn und Meister Knechtsgestalt. Sie hat weder Gestalt noch Schöne für die Augen der Menschenkinder. Aber wohl dem Menschen, dem der Herr den Blick einmal aufgetan für ihre verborgene Herrlichkeit und der sich den Blick nicht trüben lässt durch alle noch so traurigen und beschämenden Erfahrungen und Beobachtungen, die er zu machen hat an sich selbst und an anderen.
Von da aus versteht man auch den köstlichen apostolischen Gruß von Gnade und Frieden. Man ist zu Ende gekommen mit dem eigenen Können und Vertrauen, man hat die unbegreifliche Gnade des Berufenden erkannt, der uns in die Gemeinschaft des Sohnes seiner Liebe und zur Kindschaft bei ihm selbst berufen hat, man ist dem wahren Geheimnis des Friedens auf die Spur gekommen, man hat einen Blick bekommen für den Frieden Gottes selber, der sich durch all den Jammer in seiner weiten großen Schöpfung nicht in die Unruhe treiben lässt, weil er in Christo Jesu seiner Sache so völlig sicher ist. Man hat angefangen zu merken, wie unendlich viel größer und höher unseres Gottes Gedanken sind als alle unsere Pläne und Veranstaltungen zur Sanierung unserer verzweifelten Verhältnisse. Man nimmt mit steigender Zuversicht und Selbstverständlichkeit den uns von Gott gewiesenen Platz in den himmlischen Örtern in Christo Jesu ein und lässt sich durch den Geist der Wahrheit alle Dinge, die himmlischen, irdischen und unterirdischen zeigen von jener Höhe aus, von der aus Gott und unser Herr Jesus Christus sie auch anschauen. Dann wird das bange Herz ruhig, das verzagte wird getrost. Man weiß und will nur noch das eine: dass die Schrift erfüllt werde!
Dann erwartet man nichts mehr von kirchlichen, sozialen oder politischen Reformen, von Bemühungen, der Gemeinde Gottes wieder die apostolische Verfassung und Ordnung zu geben, für sie wieder apostolische Gaben und Kräfte, Zeichen und Wunder zu erflehen oder gar als einen Raub an sich zu reißen. Unser Vertrauen, dass der Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi dennoch mit all unserm Jammer und Weh glorreich und triumphierend fertig werden wird, wächst an den steigenden Schwierigkeiten, sich hier noch zurechtzufinden, von teuren Brüdern überhaupt noch verstanden zu werden. man beginnt sich zu schämen, dass man solange nur hat vertrauen können, weil alles sich so schön und verheißungsvoll entwickelte, da man sich vom Strom des glatten Lebens tragen ließ. Man beginnt zu ahnen, dass die Stunde vor dem Aufgang der Sonne wirklich die dunkelste sein muss. O, über den Frieden unseres Gottes, den nichts trüben kann! Gemeinde Gottes, mit ihm wirst du gegrüßt, zu ihm bist du berufen.
In V. 2 gibt der Apostel der Dankbarkeit Ausdruck für das Gnadenwerk Gottes, das an seinen geistlichen Kindern geschehen war. Und das ist wohl auch im ganzen Bereich unseres Lebens und Denkens, das unsere Dankbarkeit tiefer bewegen sollte als die Erkenntnis, dass Gott sein wunderbares Werk wirklich in Menschenherzen wirkt, die sich ihm öffnen, so dass er seinen Sohn in ihnen offenbaren kann. Denn in diesem Werk Gottes vollzieht sich ein Ratschluss unergründlicher Liebe, der in die Tiefen der Äonen zurückreicht und der nach der andern Richtung alle noch kommenden Äonen umschließt, wie sie vom Vater für den Sohn eingerichtet worden sind.
Man muss sich vom Apostel den Blick erst auftun lassen für das, was es bedeutet, ein Mensch in Christo zu sein, um besser würdigen zu können, warum er in seinen Briefen so oft gerade dafür dankt, dass er Zeuge sein darf und Diener des Evangeliums Gottes für die Ausrichtung eines solchen herrlichen Werkes, das der Vater durch und für den Sohn wirkt, auf dass der Vater wieder geehrt werde im Sohn.
Der Dienst der Fürbitte, wie er ferner vom Apostel in ganz selbstverständlicher Weise geübt und erwähnt wird, will auch so getan sein, dass man sich dabei bewusst bleibt, was es gilt. Wenn schon im allgemeinen mit Recht gesagt werden muss, dass viele Gebete ziellos verrichtet werden, so ist das im besonderen Sinne wohl noch zutreffender bei der Fürbitte der Gläubigen untereinander. Der folgende Vers wird uns noch viel deutlicher machen, um was es sich hierbei handelt.
V. 3 bezeugt es der Apostel, dass er sich unablässig erinnere des Glaubenswerkes, der Liebesarbeit und der Geduld in Hoffnung bei den Thessalonichern. Wenn da zunächst geredet ist von einem Werk des Glaubens, so darf das wohl nicht anders verstanden werden als im Sinne von Eph. 2, 10: denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darinnen wandeln sollen. Oder auch Phil. 2, 12.13: Vollendet eure Rettung mit Furcht und Zittern, denn Gott ist es, der in euch wirkt Wollen und Vollbringen nach seinem Wohlgefallen. Denn der Glaube ist ja in keinem Fall ein Erzeugnis des menschlichen Geistes oder Willens, so gewiss beide auf das Tiefste beteiligt sind. Denn der Glaube kommt aus der Predigt, die Predigt aber durch das Wort Gottes (Röm. 10, 17). Wenn ein Mensch gläubig wird, so geschieht jedes Mal eine göttliche Zeugung oder Neuschöpfung, bei welcher der betreffende Mensch von sich aus nicht das mindeste leisten oder beitragen kann, nur dass er sich dem schöpferisch wirkenden Wort Gottes nicht verschließt.
Wenn nun aber der Apostel dennoch in ganz bestimmter Weise von einem Werk des Glaubens redet, so dürfen wir dabei wohl am ehesten daran denken, was er in V. 6 bezeugt: ihr seid unsere Nachfolger geworden und des Herrn, indem ihr das Wort unter viel Trübsal aufnahmt mit Freuden des Heiligen Geistes. Das ist das größte Werk, dessen der Glaube fähig ist: nicht aus sich selbst irgend ein Licht oder eine Kraft zu erzeugen, wohl aber vor keinem einzigen Wort Gottes Halt zu machen, sondern Gott in allem, was er uns zu sagen hat, wieder zu Wort kommen zu lassen und sich gehorsam jeder Offenbarungswahrheit zu erschließen und zu unterwerfen.
Die ferner erwähnte Liebesarbeit, wörtlich Mühe der Liebe, ist dann eine köstliche Frucht und Erweisung der Echtheit des wahren Glaubenslebens. Der Glaube ohne Liebeswerke ist tot. Wie hoch von der Liebe zu halten sei, sagt uns 1. Kor. 13. Sie ist die größte unter den drei hier genannten Glaube, Hoffnung, Liebe. Ihren höchsten Triumph feiert sie ja an den Ärmsten, Versunkensten, Verlorensten, aus denen sie dennoch echte Söhne Gottes und Erben der Herrlichkeit macht. Und wo das Heidentum seine furchtbarsten Verheerungen angerichtet hat, da vollbringt die Liebe Gottes, welche durch den uns geschenkten Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossen wird, ihre größten Umwandlungswunder. Diese jungen Gläubigen in Thessalonich waren ein Beleg dafür. Ihnen darf der Apostel durch den Geist bezeugen: von der brüderlichen Liebe habt ihr nicht nötig, dass man euch schreibe; denn ihr seid selbst von Gott gelehrt, einander zu lieben (Kap. 4, 9).
Eine andere Frucht ihres Glaubenslebens war ihr geduldiges Ausharren unter Trübsal und Verfolgung um des Herrn willen. Wir sind auf Hoffnung gerettet, schreibt Paulus Röm. 8, 24. Das Kostbarste und Größte an unserm neuen Leben des Glaubens ist nicht das, was wir bereits erfahren haben, so wertvoll und unentbehrlich auch klare, feste Heilserfahrungen sind. Unser Glaubensleben bedeutet eben mehr als dass wir nicht mehr verloren noch in Sünden sind. Es bedeutet, dass Christus in uns die Hoffnung der Herrlichkeit geworden ist. Es bedeutet, dass wir hinfort nicht mehr uns selbst leben, sondern dem, der für uns starb und auferstand. Es bedeutet, dass wir uns von dem Geist, den wir empfangen haben, in die ganze Wahrheit des Christus leiten lassen. Nicht nur, so weit dieselbe Erfahrung bei uns werden kann, was nur von einem bestimmt umgrenzten Teil möglich ist. Denn der Christus Gottes, der Christus der Schrift ist bedeutend größer als “mein Heiland”.
In ihm verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis. Die kann sich kein Mensch je erfahrungsgemäß zu eigen machen. Wohl aber kann er sich durch den Geist der Weisheit und Offenbarung (Eph. 1, 17) in den Reichtum seiner Herrlichkeit, wie ihm diese in der Schrift verheißen ist, hineinführen lassen. Er kann sich den Blick für den vollen Wuchs des Christus weiten, vertiefen, klären lassen. Er kann und soll sich umgestalten lassen in dasselbe Bild von Klarheit zu Klarheit von dem Herrn, dem Geist, dadurch, dass er mit verhülltem Angesicht in sich hineinstrahlen lässt, was an Christusherrlichkeit niedergelegt ist in allen Schriften der Propheten des alten und neuen Bundes (2. Kor. 3, 18).
Dieser Christus der Schrift ist unsere Hoffnung, nicht nur sein schöner Himmel mit allen erdenklichen Genüssen und Seligkeiten. Sind wir ein Leib und ein Geist mit ihm, dann darf uns der Psalmist nicht länger beschämen, der bekennt: Wen habe ich im Himmel? Und dir ziehe ich gar nichts auf Erden vor (Ps. 73, 25). Unser höchstes Ziel kann nur sein, nicht so viel Seligkeit wie möglich zu haben, sondern, für ihn allein da zu sein, zum Lobe seiner herrlichen Gnade.
Das Geheimnis unserer Erwählung in Christo
Mit dem vierten Vers eröffnet der Apostel eins der gewaltigsten Themen, die je den menschlichen Geist beschäftigt haben. Er betritt da ein Gebiet, auf welchem sich unser Denken ohne göttliche Erleuchtung niemals zurechtfinden könnte. Ungezählte gelehrte Abhandlungen sind über den Gegenstand geschrieben worden. Die Christenheit wird heute noch durch Erörterungen über denselben bis in ihre Tiefen hinein bewegt. Und das ist auch durchaus erklärlich. Es wäre unnatürlich, wenn man angesichts einer so ernsten und weitreichenden Wahrheit unbewegt bleiben wollte.
Bin ich ein Auserwählter Gottes? Kann man überhaupt wissen, ob man ein solcher sei? Was heißt es, zu den Auserwählten zu gehören? Das sind Fragen, die keinen ernsten Menschen gleichgültig lassen können.
Da tritt uns nun gleich die sehr beachtenswerte Tatsache entgegen, dass unser Apostel in diesem sehr frühen Schreiben, einem der ersten, die er überhaupt verfasst, gleich im Eingang diese große Frage anschneidet. Noch dazu tut er es für Christen, die erst wenige Monate alt waren in ihrem Glaubensleben. Es kann also auch hier nicht gesagt werden, das sei nur etwas für sehr gereifte und erfahrene Kinder Gottes. Offenbar hält Paulus dafür, dass auch ganz junge Kindlein in Christo wie die zu Thessalonich wissen sollten und durften, dass sie Auserwählte Gottes in Christo Jesu waren.
Wie hätte er doch schreiben dürfen: wir wissen, wie ihr erwählt seid, wenn das entweder etwas war, was man überhaupt bei Lebzeiten nie wissen kann, oder wovon man höchstens zu sehr geförderten Christen reden darf.
Steht aber die Sache von vornherein so, dann dürfen wir gewiss sein, dass es um diese Frage lange nicht so dunkel und rätselhaft sein kann, als man es gemacht hat. Sicherlich handelt es sich dabei um ein göttliches Geheimnis von unergründlicher Tiefe. Und der wäre vermessen, der sich einbildete, er könne es mit der größten Leichtigkeit lösen. Wer ist des Herrn Ratgeber gewesen?
Wohl aber liegt es klar zutage, dass Kinder Gottes auf diesem Gebiet wie auf vielen anderen das beste Recht haben, durchaus wohlunterrichtet zu sein, auch wenn sie nie die Antwort haben, warum gerade sie zu dem wunderbaren Vorrecht gekommen seien, von Gott auserwählt worden zu sein in Christo Jesu.
Niemand unter uns ist imstande, die Frage zu beantworten, warum Gott sich aus all den Tausenden von Chaldäern gerade den Abraham erkor? Ebenso wenig haben wir eine Antwort auf die Grundfrage, weshalb Gott überhaupt die Auserwählung als seine Methode zur Durchführung seiner großen Heils- und Reichspläne mit dem ganzen geschaffenen All in Anwendung bringe? Auf diese und noch manche andere Frage bleibt uns Gott einstweilen die Antwort schuldig.
Aber darüber redet er sehr deutlich, dass er seine Gedanken durch seine Auswählten und nicht anders zur Ausführung bringen will und wird. Er lässt uns keinen Augenblick darüber im Unklaren, wer “sein Auserwählter” vor allen sei; noch auch, welches Volk unter allen Völkern der Erde er sich erwählt und zubereitet habe, um alle andern Geschlechter der Erde in demselben zu segnen; noch auch, dass die Gemeinde Christi, die vom Heiligen Geist jetzt gesammelt und zubereitet wird auf den großen Tag der Erlösung, eine Gemeinde der Auserwählten sei.
Auf diesen Linien kann bei einem offenen und unbefangenen Bibelleser, dem die Schrift Gottes Wahrheit ist, kein ehrlicher Zweifel bestehen.
Hat aber die heutige Gemeinde dieses unverkennbare Gepräge, dann ist es von vornherein ausgeschlossen, dass sie alle umschließt, die überhaupt gerettet werden sollen. So wenig, wie Israel alle die bedeutet, die in Abraham und in seinem Samen gesegnet werden sollen. Und so wenig der Sohn Gottes, der Auserwählte vor allen, der einzige ist, in welchem Gott verherrlicht werden will.
Ist er der Erstgeborene unter vielen Brüdern, die seinem Bilde gleich gestaltet werden sollen, dann ist Israel der erstgeborene Sohn Gottes auf Völkerboden, der die Mutter des himmlischen Jerusalems zuerst als Volk zu brechen haben wird, damit die Nachgeborenen zur Ausgeburt gelangen können (Gal. 4, 26.27; Jes. 54, 1).
Und besteht die ganze Gemeinde aus Erstgeborenen, dann ist es eine ungebührliche, unbiblische Einschränkung, wenn man in ihr das äußerste Maß dessen erblickt, was Gott aus der Menschheit heraus zu retten beabsichtige oder gar vermöge.
Sobald wir ernst machen mit der einen Tatsache, dass Gott, wie es von Jakobus Apg. 15 ausgedrückt wird, in der jetzigen Heilszeit sein Augenmerk darauf gerichtet hat, aus den Nationen ein Heilsvolk zu sammeln für seinen Namen, für den Sohn, in welchem sein Name ist, so bekommt die ganze gegenwärtige Haushaltung für uns ein ganz anderes Gepräge, als wenn man daran festhält, dass es jenseits derselben für die Menschheit nur noch das jüngste Gericht gäbe! Ist es uns einmal klar geworden, dass die jetzt sich bildende Gemeinde aus allen Nationen in ganz bestimmtem Sinn so gewiss ein Angeld der zukünftigen Einsammlung der Nationen ist, wie die erste Gemeinde aus Israel der Anbruch und die Gewähr war für die dereinstige nationale Erlösung des ganzen Israel, dann tun sich ja für unsere gesamte Missions- und Evangelisationstätigkeit ganz neue Gesichtspunkte und Ziele auf. Wir hören dann auf, uns darüber aufzuregen, dass es mit dem Völkerchristentum nicht so recht vorwärts will, dass die Christenheit so wenig Bestand aufzuweisen hat gegenüber den korrumpierenden und zersetzenden Mächten, die in der Welt gelten. Wir werden nicht mehr entmutigt angesichts des überhand nehmenden Abfalls vor unsern Augen. Wir hören auch auf, uns zu zerarbeiten in der Menge unserer Wege, wie der Kirche oder den Gemeinschaften aufzuhelfen sei.
Wir bekommen dann einen Blick dafür, dass unter allem scheinbaren Rückgang Gott königlich weiter geht. Denn wir wissen, es ist ihm in der jetzigen Ökonomie des Glaubens gar nicht um die Massen zu tun, so wenig es ihm um ganz Chaldäa und alle Babylonier zu tun war, als er unsern Vater Abraham zum Glaubensleben eines Auserwählten berief. Jene Geschlechter liegen darum nicht jenseits seines Bereichs und seiner Erlösungsgedanken, so wenig das die Millionen seiner Menschenkinder tun, die heute weder berufen noch auserwählt sind, denen das Evangelium nie bekannt geworden ist.
Das Gebet des Sohnes Joh. 17, 9: “Ich bitte für sie — nicht für die Welt bitte ich”, wird uns verständlich, ja, sogar selbstverständlich. Es macht uns nicht mehr stutzig oder ängstlich, als habe der Weltheiland in jener Stunde seines Berufes schier vergessen, aller Welt ein Heiland zu sein. Wir merken, er hat den Vater verstanden, der ihn auserwählt, der ihm zunächst nur einen ganz kleinen Kreis von Auserwählten aus der Welt zugeführt hatte, die so gar nichts Hervorragendes oder Bedeutendes an sich hatten, nur menschliche Schwachheit und Erbärmlichkeit. Dann hören wir ihn ja auch weiter beten, nicht für sich allein, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden (V. 20). Das ist aber immer noch nicht die ganze Welt. Aber die kommt auch noch an die Reihe, allerdings nicht eher, als bis sie, die gläubige Gemeinde, die Seinigen aus der Welt, zu vollendeter Einheit gelangt sein werden. Alsdann — nicht eher — wird die Welt erkennen, du habest mich gesandt und liebst sie, gleichwie du mich liebst. Und das bedeutet ewiges Leben für die ganze Welt, die bis dahin in den Unglauben verschlossen ist, und an der Satan, der Gott dieser Welt, sein Meisterwerk zu tun Freiheit hat.
So hat der Sohn den Vater richtig verstanden und sich durchaus zufrieden gegeben mit dem scheinbar so dürftigen Erfolg seiner dreijährigen Wirksamkeit und seinem sorgfältig vorbereiteten Volk. Er sprach mit der größten Seelenruhe das Wort aus: Ich habe das Werk vollbracht, das du mir gegeben hast, dass ich es tun sollte (V. 4).
Und Jesus hätte doch die Massen an sich ziehen und besser halten können als irgend ein moderner Prediger oder Evangelist, der sich schlaflos auf seinem Lager wälzt, um immer neue Methoden zu ersinnen wie er nur die Tausende erreichen und festhalten soll! Das führt dann gewöhnlich sehr rasch in die Nervenheilanstalt, zum nervösen Bankrott.
Alles, was mir mein Vater gibt, das kommt zu mir. Und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. Da können wir noch unendlich viel lernen für eine wirklich ersprießliche Evangelisationstätigkeit, daheim und draußen. Aber damit ist unser stürmisches und treiberisches Geschlecht nicht zufrieden. Man wähnt sich eben berufen, die ganze Welt heute schon mit dem Evangelium aus den Angeln heben zu müssen, sie für “Christum zu erobern”.
So schwärmt man denn für alle Massenbestrebungen. Und wenn es nicht ins Große geht, ist man nicht für eine Bewegung zu haben. Anstatt im ruhigen Gehorsam und in gehorsamer Ruhe des Vaters Willen zu erkennen und dann auf den deutlich genug gezogenen Linien alle Kraft einzusetzen, dass der Leib des Christus aus allen Nationen gesammelt und zubereitet werde, zerarbeitet man sich an der Wiedergewinnung der deutschen oder irgend einer anderen “Volksseele” für das Evangelium. Und wer dabei nicht mitmacht, wird gebrandmarkt als ein Gegner der Mission.
Das alles sind Erscheinungen, die uns zur Genüge bekannt sind. Sie alle haben die gleiche Wurzel, die Verkennung der einfachen Tatsache, dass die Gemeinde Christi Jesu eine Körperschaft von Auserwählten ist. Mit dem einen Wort ist genug gesagt.
Wer das glaubt, kann sich nie mehr der Illusion einer Volkskirche hingeben. Denn wenn die Völker als Völker in der Kirche aufgehen, hört diese naturgemäß auf, eine Gemeinde von Auserwählten zu sein. Denn Auserwählte haben zu ihrem natürlichen und selbstverständlichen Gegensatz eine Gott feindliche und ihn nicht verstehende Welt. Errettet aus dieser gegenwärtigen, argen Welt, so nennt die Schrift die wahrhaft Gläubigen (Gal. 1, 4). Sie sind nicht von der Welt, hatte schon der Herr gesagt (Joh. 17, 14.16).
Doch nun zurück zu den Worten unseres Apostels, in welchen er den Thessalonichern klar auseinandersetzt, wieso er wisse, dass sie Auserwählte Gottes seien. Auch an diesem so wichtigen Punkt herrscht hier völlige Klarheit und Offenheit. Da ist von Geheimnistuerei keine Spur. Es ist auch kein Anlass dazu. Wer nicht aus dem Geist geboren ist, dem ist alles ja doch nur Torheit. Aber zu Eingeweihten darf der Apostel ganz deutlich davon reden. Wie er auch an die Korinther schreibt: Wir lehren allerdings Weisheit, aber keine Weisheit dieser Welt, auch nicht Weisheit der Obersten dieser Welt, welche abgetan werden, sondern wir reden Gottes Weisheit im Geheimnis, die verborgene, welche Gott vor den Weltzeiten vorherbestimmt hat zu unserer Verherrlichung, welche keiner der Obersten dieser Welt erkannt hat; denn hätten sie dieselbe erkannt, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Aber, wie geschrieben steht: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört und in keines Menschen Sinn gekommen ist, das hat Gott bereitet denen, ihn lieben. Uns aber hat Gott es durch seinen Geist offenbart, denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen der Gottheit (1. Kor. 2, 6-10).
Paulus beruft sich für sein Wissen von der Auserwählung der Kinder Gottes auch nicht auf irgend welche außerordentliche Offenbarung oder geheime Mitteilung, die ihm in seiner amtlichen Eigenschaft als Apostel auf übernatürliche Weise zuteil geworden wäre. Nichts von alledem.
Er zieht mit großer Deutlichkeit zwei Linien, auf welchen sich seine Erkenntnis bewegt. Und auf diesen Linien liegt das ganze Geheimnis. Voran steht das göttliche Moment, die göttlichen Faktoren, die hier mitwirken. Sie sind nicht nur grundlegend, sondern in ihnen liegt eigentlich schon alles, sowohl das Wollen wie das Vollbringen, d. h. die Garantie für eine Verwirklichung des wunderbaren göttlichen Ratschlusses mit seinen Auserwählten.
Er sagt: Unser Evangelium kam zu euch nicht nur im Wort, sondern auch in Kraft und im Heiligen Geist und in großer Gewissheit, wie ihr wisst, dass wir unter euch gewesen sind um euretwillen.
Das ist also die ganz unerlässliche Vorbedingung für das Zustandekommen einer wirksamen Auserwählung. Es kommt alles auf das schöpferische, zeugende, bindende und lösende Wort des lebendigen Gottes an. So ist das Allererste, was wir bei der Berufung Abrahams hören: Und Gott sprach zu Abraham. So wenig daher jemand das Allergeringste beitragen kann zu seiner eigenen Errettung, so wenig ist es in seinem Bereich, sich selbst zu einem Auserwählten zu bestimmen. Das ist und bleibt ausschließlich Gottes Sache und seine Verantwortung. Was unsere Sache dabei ist, sehen wir nachher aus den weiteren Worten des Apostels.
Nun steht wohl geschrieben, dass Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und dass alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Aber es steht nirgends geschrieben, dass Gott alle Menschen zu Auserwählten zu machen gedenkt. Ein wenig Nachdenken wird auch hinreichen, uns zu überführen, dass davon ebenso wenig die Rede sein kann, als dass ein irdischer König aus allen seinen treuen und loyalen Untertanen Minister machen sollte.
Die Unklarheit und Verwirrung, die da eingetreten ist, hat ihren Ursprung darin, dass man nicht unterscheidet zwischen Gerettetsein und Auserwählung. Lot war ein Geretteter, eine gerechte Seele, bezeugt die Schrift. Aber ein Auserwählter war er nicht. Es hat sich bis auf diesen Tag in Lot nie ein Mensch gesegnet. Darin aber steht die Auserwählung, dass man für Gott da ist, ihm allein zur Verfügung und zur gesegneten Verwendung in seinem großen Haushalt. Gerettetsein ist eines, sich von Gott gebrauchen lassen, ist etwas ganz anderes.
Darum steht auch geschrieben: Viele sind berufen, wenige sind auserwählt. Hält man das nicht auseinander, dann kommt man nie zur Klarheit, weder für sich selbst, noch in Bezug auf die großen heilsökonomischen Gedanken und Ziele Gottes. So hat man im Bann dieses Missverständnisses die gegenwärtige Haushaltung Gottes als die letzte Gnadenzeit angesehen, die der Menschheit überhaupt zur Erlangung des Heils in Christo beschieden sei. In Wahrheit ist es Gott heute keineswegs darum zu tun, schon die ganze Welt in den Bereich seines Heils zu ziehen, sondern zunächst nur aus allen Völkern, sich in den verschiedenen Zeiten und Ländern eine Gemeinde von auserwählten Söhnen und Erben zu bereiten, also dass er in den noch zukünftigen Zeitaltern durch sie den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade an aller Welt erweise.
Wäre jenes der Fall, wie vielfach immer noch angenommen wird, dann müsste über die ganze bisherige Veranstaltung Gottes zum Heil der Welt das Wort: “Fehlschlag” mit großen Lettern geschrieben werden. Denn es ist ganz offenkundig, dass heute, nach fast zweitausend Jahren Evangeliumsgeschichte in der Welt kaum ein Drittel der heute lebenden Menschen auch nur die erste Kunde von einem Heiland hat, zu schweigen der ungezählten Geschlechter, die in den dunklen Zeiten, die hinter uns liegen, hinabgefahren sind in das Reich des Todes. Die letzte Verantwortung für die Tatsache, dass die Bekanntmachung des einzigen Heils eine so ganz unvollständige und ganz unzureichende gewesen ist, bleibt vor der Tür Gottes liegen, wenn man ihm zuschreibt, dass das sein Plan für dieses Zeitalter war.
Das hat ja Anlass gegeben, dass viele fromme Gottesmänner auf den ganz unhaltbaren Gedanken verfallen sind, es könne vielleicht für die aufrichtigen, gottesfürchtigen Heiden eine Möglichkeit des Heils gedacht werden, auch ohne dass ihnen das Evangelium gebracht werde. Hinter dieser wohlgemeinten Annahme liegt wieder jene andere, dass eben nur in diesem Leben für alle Menschen ohne Ausnahme die einzige Möglichkeit der Errettung gegeben sei, dass, wenn ein Mensch einmal dem Tod verfallen sei, dann sei alle Hoffnung der Erlösung für immer vorbei.
Aber die Schrift ist zu klar, als dass man diesen Notbehelf brauchte. Sie erklärt auf das Bestimmteste, dass in keinem andern das Heil, auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben sei, darin wir können errettet werden. Kein Mensch wird durch oder wegen seiner Aufrichtigkeit oder seiner natürlichen oder anerzogenen Gottesfurcht gerettet, sondern allein aus dem Glauben an das einzige Opfer Jesu Christi für die Sünden der ganzen Welt.
Wie die Schrift sagt: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der wird gerettet werden. Wie sollen sie aber anrufen, wenn sie nicht an ihn glauben? Wie sollen sie aber glauben, wenn sie nichts von ihm gehört haben? … Demnach kommt der Glaube aus der Predigt, die Predigt durch das Wort Gottes (Röm. 10, 13-17).
Will also Gott, dass alle Menschen gerettet werden, dann ist es ganz selbstverständlich, dass allen Menschen zu irgend einer Zeit die Möglichkeit geboten werde, an seinen Christus zu glauben. Und wer sind wir, dass wir Gott beschränken wollen auf diesen einzigen Haushalt des Glaubens, auf die einzige Lebenszeit seiner Menschenkinder? Sind nicht die Ewigkeiten sein? Und hat er sie nicht für den Sohn zugerichtet? Ist denn der Tod mächtiger als der Lebendige? Muss denn der Sohn Halt machen vor irgend einer Schranke, die Sünde, Tod oder Teufel erreichtet haben? Nimmermehr!
Lassen wir es aber gelten, dass der ganze gegenwärtige Äon nicht dem Abschluss des Erlösungswerkes überhaupt dient, sondern der Zubereitung einer Gemeinde von Auserwählten, die ihrem herrlichen Haupt in zukünftigen Zeitaltern dienen sollen, gerade zur Ausführung seiner höchsten und endlichen Ziele zum Heil der ganzen Welt, zur Versöhnung des ganzen All, dann fallen für uns alle jene Schwierigkeiten hin. Es kommt Harmonie und Klarheit in das Bild der göttlichen Gedanken, das in der Schrift vor uns ausgebreitet liegt.
Wohl stehen wir da vor Fragen, auf die uns nicht nur unsere Vernunft, sondern auch die göttliche Offenbarung die Antwort schuldig bleiben. Fragen wie diese: Wie komme ich dazu, dass mir dieser wunderbare Ruf von Gott in die Gemeinschaft seines Sohnes Jesu Christi geworden ist? Warum lässt Gott in einem Lande, unter diesem Volk Jahrhunderte diesen Ruf erschallen, und andere Länder und Völker sitzen in Finsternis und Todesschatten? Da gilt es einfach, sich schweigend beugen und die Vernunft gefangen nehmen unter den Gehorsam des Christus.
Unbeschreiblich tröstlich und köstlich aber ist es, dabei zu wissen, dass alle jene, denen dieser Ruf bisher nicht galt, darum noch keineswegs unter die Verlorenen oder Verworfenen zu rechnen sind.
Wo nun aber das Wort Gottes nicht gepredigt wird in Kraft noch im Heiligen Geist noch in großer Gewissheit, was da? Da bleibt es eben doch dabei, dass sein Wort nicht leer wieder zurückkommen soll. Aber zu wirksamen Auserwählungen kann es dabei nicht kommen, wenn wir den Apostel in seiner Hervorhebung jener Art der Wortverkündigung recht verstanden haben.
Und man braucht sich ja auch nur ein wenig umzusehen in der Christenheit, um zu erkennen, dass all das viele Predigen und Evangelisieren gewiss nicht zwecklos ist; aber den einen hohen Zweck, um den es sich heute handelt, kann es nicht erreichen, weil es entweder am Geist oder an der Kraft oder an der großen Gewissheit zu solcher wirksamen Verkündigung fehlt. Oft an allen dreien zugleich. Beschränkt sich doch weitaus der größte Teil der heutigen, auch der entschieden gläubigen Predigt auf die Darlegung des einfachen Heilsweges: Wie kann ein Mensch gerettet werden?
Es besteht sogar — man sollte es nicht für möglich halten — in manchen Kreisen eine nicht geringe Neigung, die Berechtigung einer darüber hinaus gerichteten Wortverkündigung zu bestreiten. Man glaubt sich dazu berufen, davor zu warnen als vor Stufenchristentum, Elitechristentum u. dgl. Es ist eine schwere Verantwortung, welche man damit auf sich nimmt.
Das darf uns natürlich nicht beirren noch je daran hindern, unsere ganze Seele darauf zu richten, dass wir nichts von dem verlieren, was uns von Gott zugesagt ist und dass wir in unserer Verkündigung unter allen Umständen treu erfunden werden als solche, die sich keinerlei Abstrich oder Kürzung des ganzen vollen Rats und Willens Gottes erlauben.
Die zweite der beiden Linien, welche hier vom Apostel klar gezogen werden, tritt uns nun in V. 6 deutlich entgegen: Ihr seid unsere Nachfolger geworden und des Herrn, indem ihr das Wort unter viel Trübsal aufnahmt mit Freuden des Heiligen Geistes.
Hatte er mit Recht in V. 5 den göttlichen Faktor, das schöpferische, zeugende Wort Gottes in den Vordergrund gerückt, so darf hier der menschliche nicht fehlen. Dem göttlichen Ruf entspricht der menschliche Gehorsam. Wie die Schrift auch dem Abraham bezeugt: Durch Glauben gehorchte Abraham, als er berufen ward auszuziehen (Hebr. 11, 8). Dieselbe Tat Abrahams, aber ohne vorherigen göttlichen Ruf, konnte immerhin eine Tat von großer Tragweite sein für sein Geschlecht. Aber sie wäre dann nur ein mehr oder minder gewagtes Abenteuer gewesen, das auch missglücken konnte. Glaubenstat war sie nur, weil Gott sie befohlen hatte und er gehorchte.
Beachtenswert erscheint uns wieder die starke Betonung des Umstandes “ihr seid unsere Nachfolger geworden”. Es ist das ein Zug in der ganzen paulinischen Lehrweise, für den wir keine entsprechende Erklärung finden als die, dass unser Apostel sich in ganz besonderer und vorzüglicher Weise vom Herrn berufen wusste, nicht nur als Lehrer, sondern als Anschauungsobjekt der vollen Wahrheit seines Evangeliums. Darin, dass sie seine Nachahmer geworden, waren sie auch solche des Herrn selber. Dadurch bekommt nicht nur die Lehre des Paulus, sondern auch sein Leben und sein Wandel im Evangelium Gottes eine ganz hervorragende Bedeutung für uns.
Der Hauptnachdruck liegt natürlich darauf: ihr habt das Wort aufgenommen. Darin gipfelt das ganze Geheimnis der Auserwählung nach seiner menschlichen Seite und tritt uns diese Wahrheit auch in jenem kostbaren Kapitel Joh. 17 entgegen, in welchem sich der Herr vor seinem Vater ausspricht über die, welche ihm der Vater aus der Welt gegeben hatte. Das unterscheidende Kennzeichen für den Sohn scheint auch da kein anderes gewesen zu sein als das von ihm wiederholt betonte: die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben angenommen und wahrhaftig erkannt (V. 6.8.14).
Wir glauben nicht, dass der Sohn irgendein anderes Merkmal hatte, daran er diejenigen erkannte, die ihm der Vater als Auserwählte aus der Welt zugeordnet hatte als die Art, wie sie das Wort aufnahmen und bewahrten. Uns scheint das am deutlichsten hervorzutreten aus jener Frage des Herrn an die Zwölf in Joh. 6, 67. Er hatte zum Volk Dinge geredet, die eher darauf angelegt waren, die Menge von sich abzuweisen. Aus diesem Anlass traten viele seiner Jünger zurück und wandelten nicht mehr mit ihm. Die hatten sich ihm wohl angeschlossen, aber sie waren ihm nicht vom Vater gegeben worden. So wendet er sich zu den Zwölfen: Wollt ihr auch weggehen? Nicht als ob er eine derartige Besorgnis gehegt oder seiner Sache nicht sicher gewesen wäre. Aber es galt, ihnen klar zu zeigen, um was es sich bei seiner Nachfolge handelte. Und so antwortete denn auch Petrus genau auf dieser Linie: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.
Damit ist diese ganze Frage auch mit einem Schlage dem Gebiet der menschlichen Willkür und dem Schwanken menschlicher Empfindungen enthoben. An unserer Stellung zum Wort wird es offenbar, ob wir Auserwählte Gottes in Christo sind oder nicht. Gibt es für uns nur noch dies eine Ziel, unter allen Umständen und um jeden Preis in das Wort hinein und unter das Wort zu kommen, einerlei, was uns das von den Menschen einbringt, dann bedeutet das eine Klärung und Festigung unserer Auserwählung.
Das ist auch das Erfreuliche und Beruhigende an all den traurigen Erscheinungen und Strömungen unserer Tage, dass sich durch dieselben dieser Klärungs- und Sichtungsprozess mit ganz unfehlbarer Sicherheit vollzieht. Es bedarf da von unserer Seite keiner besonderen Veranstaltungen, um das Echte vom Falschen zu scheiden. Alle solche Versuche haben sich stets als unzureichend erwiesen. Denn wir sind nicht Herzenskündiger. Wer aus der Wahrheit ist, der hört Gottes Wort. Das ist das Kriterium, das nie versagt hat und nie versagen wird. Das Wort Gottes ist der untrügliche Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
Wir dürften da eine viel größere Ruhe und heilige Sorglosigkeit haben. Es gibt noch so viele Ussa-Gemüter unter uns, die da meinen, mit ihren Händen die Lade Gottes halten zu müssen, dass sie nicht stürze.
Noch zwei sehr wesentliche Merkmale führt der Apostel an. Einmal die Trübsal im Gefolge des Glaubensgehorsams. Daran fehlt es auch heute noch nicht, wo man nur ganz und voll Ernst macht mit der Aufnahme und Beugung unter alle erkannte Offenbarungswahrheit. Es ist eine große Täuschung zu wähnen, die Welt, auch die sogenannte christliche, sei heute viel toleranter der Wahrheit Gottes gegenüber, als sie es früher war. Wer heute noch verkannt, verworfen und gekreuzigt werden will, braucht nur ohne Abstrich seinen Stand entschieden auf dem ganzen, ungebrochenen Wort Gottes zu nehmen. Er wird dasselbe erleben, was Jesus und seine Jünger auch erlebt haben. Und das ist gut und köstlich. Denn daran erweist es sich, ob wir wirklich aus der Wahrheit sind. Wie geschrieben steht: Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das ihre lieb; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich habe euch aus der Welt herauserwählt, darum hasst euch die Welt.
Das andere Merkmal ist nicht weniger wertvoll: mit Freuden des Heiligen Geistes. Das darf man gewiss in einem doppelten Verstand lesen. Uns liegt am nächsten, dabei an die Freude des in uns wohnenden Heiligen Geistes zu denken. Ist es doch sein mühevolles aber köstliches Werk, die Gläubigen in die ganze Wahrheit zu leiten, ihnen die verborgenen Herrlichkeiten des Christus Gottes, die er selbst in die Schrift hineingelegt, zu erschließen. Wie sollte er sich nicht freuen, wenn ihm das wieder bei einer Seele gelingt, wenn ein Menschenherz sich findet, das für alle offenbarte Wahrheit ohne irgendwelche Einschränkung offen ist.
Dass solche Freude des Heiligen Geistes sich auch in dem bewussten Geistesleben des Gläubigen widerspiegelt, ist ganz naturgemäß und fast unausbleiblich. Man empfindet und nimmt wahr, ob sich einem die Schrift leichter oder schwerer erschließt, ob man von Erkenntnis zu Erkenntnis fortschreitet oder sich nur in einem gewissen Bannkreis von Wahrheiten bewegen kann, über welche hinaus zu forschen und zu graben uns mühsam oder gar bedenklich erscheint. Wir sind ja doch in allen diesen Vorgängen nicht nur automatisch oder mechanisch beteiligt. Derselbe Geist bezeugt mit unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind (Röm. 8, 16). Das haben wir uns wohl weniger als einen mystischen Eindruck zu denken, der in unserm Innern erzeugt wird, sondern vielmehr als das Verfahren des Heiligen Geistes, der uns nun, weil wir gläubig, d. h. offen geworden sind für seine Wahrheit, alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis unseres Gottes und Heilands auftut, zu denen wir ein gutes Recht haben, und welche zu erkennen und zu ergreifen er uns immer besser instand setzt. So werden wir dann seiner eigenen Freude teilhaftig und dürfen fröhliche Zeugen davon sein, wie er uns den Christus Gottes immer größer, herrlicher, unentbehrlicher und begehrenswerter vor die Seele stellt und uns in dasselbe Bild verklärt, von Klarheit zu Klarheit.
In diesen Stücken waren die jungen Gläubigen zu Thessalonich vorbildlich geworden für die zum Teil (wie Philippi) schon älteren Gemeinden in Mazedonien und Achaja. Was hindert es, dass auch wir sie uns darin zum Vorbild nehmen? Man hat es nicht an eifrigen Versuchen fehlen lassen, sich in der Gemeindeordnung und -verfassung die apostolischen Gemeinden zum Muster zu nehmen. Mit welchem Erfolg, sei dahingestellt. Soviel ist gewiss, es liegt nicht das geringste Hindernis vor, dass wir nicht im Aufnehmen des Wortes unter viel Trübsal und mit Freuden des Heiligen Geistes echte Nachahmer jener jungen, blühenden Gemeinden würden und damit wahre Nachahmer des Apostels und des Herrn selbst.
Man hat viel hergemacht aus dem großen Wert der Kirchengeschichte. Sie hat großen Wert und sollte viel gründlicher studiert werden, als es geschieht. Aber noch viel sicherer und unendlich viel wertvoller ist das Studium der Urquellen, aus welchen das gedeihliche und fruchtbare Leben der ersten Gemeinden entsprang. Gleiche Ursachen werden auch heute noch die gleichen Wirkungen erzeugen. Der Strom der Kirchengeschichte führt so manches mit sich, das zur Trübung und Vermischung des Wassers der göttlichen Offenbarung geführt hat. Wer das Wasser trinken will, wie es heute an den Ufern des historisch gewordenen Kirchenwassers strömt, darf nie vergessen, die Filter bei sich zu haben. Hier aber fließen die Urquellen noch frisch und hell. Hier kann man sich noch Genesung und Gesundung trinken am Urborn der Wahrheit. Der Besitz solcher Urkunden urwüchsigen Gemeindelebens ist unschätzbar. Nicht allen Kindern Gottes ist der Zugang offen zu den Hallen der Kirchengeschichte. Zu diesen Urquellen dürfen alle kommen und sich satt trinken, bis sie wieder hell sehen und klar unterscheiden lernen.
Aus V. 8 geht sehr deutlich hervor, dass da, wo wirklich gesundes, frisches Geistes- und Glaubensleben pulsiert, es einfach nicht verborgen bleiben kann. Denn von ihnen ist das Wort Gottes ausgegangen, und das war nicht das Ergebnis besonderer Reklame, die jene veranstaltet haben. Einer solchen bedurfte es wahrlich nicht. Die hell strahlende Sonne bedarf keiner Anzeigen. Und wo heute noch in einem Menschenleben oder in einer Gemeinde das wahre Licht aufgegangen ist, da bekundet es seine Leuchtkraft und seine lebenzeugende Wärme ohne Trompetenschall oder Zeitungsreklame. Ein echtes Kind der Wahrheit braucht nur sein Licht leuchten zu lassen, so werden lichthungrige Seelen schon angezogen und zum Leben berührt.
In weiten Kreisen war eine solche Betätigung ihres frischen, kraftvollen Glaubenslebens geschehen, so dass Paulus sagen darf, wir haben nicht nötig, davon zu reden. Was sind das alles für erfreuliche Merkmale und Kennzeichen. Da ist kein banges Fragen, Zweifeln und Bedenken, ob die Erweckung wohl echt gewesen und wirklich nachhaltige Früchte gezeitigt habe. Wie oft kommt es in unsern Tagen vor, dass Prediger und Evangelisten der Erweckungen, die sie gehabt, nicht recht froh werden können. Und das mit gutem Grund. Es lassen sich eben sehr viele Menschen wohl erschüttern, anfassen, auch in einem gewissen Sinn bewegen, ihr altes Wesen dranzugeben. Aber die Frage ist: was tritt an die Stelle des alten? Bekehrungen — ja! Aber wozu?
Zunächst fasst der Apostel diese Sache in eine sehr einfache Formel zusammen: wie ihr an Gott glaubet. In den folgenden Versen erweitert er seine Darstellung. Es ist für uns wertvoll, das zu erkennen. Es ist aber wichtig, gerade diese Formel recht zu begreifen. Wir bleiben ja eingedenk, dass er es mit Gläubigen aus dem Heidentum zu tun hatte, die zu denen geführt worden waren, die nicht Götter sind, die aber gern göttliche Verehrung von Menschen entgegennehmen. Da tritt in dem einfachen: “ihr glaubt an Gott” der tiefe Abstand und Gegensatz gegen früher klar hervor. Darin liegt im Grunde alles. Denn an der Wurzel alles Sündenjammers und alles Todeswesens in der Menschheit liegt die entsetzliche Gottesferne und Gottesfeindschaft, in die wir geraten sind. Das Wesen der Welt ist Feindschaft gegen Gott. Nur im Glauben, im wiederkehrenden Vertrauen und Gehorsam gegen Gott kann die Rettung und Gesundung liegen.
Darum muss aller gesunden und heilbringenden Evangelisation unter allen Umständen das Wort Gottes in seiner unbeugsamen Majestät, mit seinem unbedingten Anspruch auf völlige Unterwerfung der Sinne und Gedanken unterliegen. Gottes alleiniges Recht an uns, seine unbeschränkte Souveränität über uns in Gericht und Gnade müssen die Grundpfeiler aller Heilsverkündigung bilden. Gott muss wieder allein anerkannt werden. Er muss ausschließlich zu Wort kommen und unbedingt Recht behalten.
In Vers 9 und 10 geht der Apostel noch näher darauf ein, was eine normale Bekehrung ausmache. — Grundlegend ist wieder der Eingang, den wir bei euch gefunden haben mit dem Wort göttlicher Verkündigung. Ohne ein solches kann es wohl Bekehrungen geben, aber keine normalen, gottgewollten, gesunden und dauernden. Man kann mit allerlei Rede- und Darstellungskünsten so auf das Gefühl oder den Verstand oder beides wirken, dass Menschen nicht nur sehr ernste Entschlüsse fassen, sondern auch ausführen und sich dabei als umgewandelt erzeigen für das urteilende Auge. Es kann dabei zu durchgreifenden moralischen Umwälzungen kommen, die für das fernere Leben Bedeutung behalten. Und doch sind es nicht Bekehrungen, wie sie die Schrift hier kennzeichnet.
Halten wir vor allem daran fest. Keine gottgewollte, gesunde Bekehrung, ohne dass das Wort Gottes, die Botschaft von Christo, dem Gekreuzigten und Auferstandenen Eingang gefunden hat. Das Wort Gottes allein ist der Same des neuen, unvergänglichen ewigen Lebens. An das Wort allein bindet sich der Heilige Geist mit seinen erneuernden, erlösenden, umgestaltenden Wirkungen. Er kann alle unsere Redekunst, alle unsere trefflichen, packenden Bilder, Anekdoten und Beispiele entbehren, nicht aber das Wort Gottes. Das ist und bleibt für ihn und sein Wirken unerlässliche Grundbedingung.
Bekehrt zu Gott von den Abgöttern, so heißt es weiter. Unser deutsches Wort Abgott und Abgötterei kommt uns da sehr zustatten. Es drückt so präzis aus, um was es sich handelt. Alles das ist Abgötterei, was mich von Gott abziehen will. Das können an sich ganz harmlose, sogar sehr nützliche und wertvolle Dinge sein, Gaben Gottes, edle Besitztümer, für welche ich Gott wohl von Herzen danken mag, wenn ich sie recht habe und gebrauche. Es wäre weit gefehlt, wollte man dabei immer nur an gräuliche Götzenbilder, an tote Klötze von Gold, Silber, Stein oder Holz denken. Gewiss, auch diese alle sind mit inbegriffen. Sie machen aber nicht die ganze Reihe dessen aus, was mir zur Abgötterei dienen mag.
Wie manche Frau wird von ihrem Mann vergöttert, und umgekehrt. Wie oft bedeuten unsere eigenen Kinder eins der größten Hindernisse im Wege einer gründlichen Bekehrung zum Herrn. Mein irdischer Beruf, mein Stand in der Gesellschaft. Ja, mein Dienst am Evangelium Gottes selber kann mir zum Abgott werden, d. h. eins der gewaltigsten Hindernisse zu einer rückhaltlosen Hingabe an Gott. Es ist wohl nichts zu denken, was uns nicht zum Abgott werden könnte.
Das gehört also zum Wesen einer echten Bekehrung, dass sie mit allen Abgöttern aufräumt, so weit man solche erkannt hat. So redet unser Apostel, da er einen Rückblick tun durfte durch den Geist auf seine dereinstige Stellungnahme zum Evangelium Gottes in Christo Jesu. Er darf sagen: Was mir Gewinn war, habe ich um Christi willen für Schaden gerechnet (Phil. 3, 7). Und seine grundsätzliche Haltung liegt in den Worten: Ja, ich achte nun auch alles für Schaden gegenüber der alles übertreffenden Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessen willen ich alles eingebüßt habe und achte es für Unrat, auf dass ich Christum gewinne (V. 8).
Nicht allein aber eine gründliche Abkehr, sondern auch eine rechte Hinwendung ist wesentlich bei einer gesunden Bekehrung. Es gilt zu dienen dem lebendigen und wahren Gott.
Was ist das doch für ein herrliches Wort, das von dem lebendigen Gott! Das ist nicht ein unbestimmtes Etwas, eine bloße Kraft, noch weniger eine Idee oder ein Ideal, d. i. eine Schöpfung des menschlichen Geistes. Nein, es ist ein lebendiges, persönliches Wesen, das denken, reden, hören und mich verstehen kann und in welchem der Quell und die Fülle allen Lebens ist. Ein Gott, der helfen und erretten kann bis auf das Äußerste, auch vom Tode und aus der Hölle Gewalt.
Welch ein Vorrecht, einem solchen Gott zu dienen, welch eine Ehre und Auszeichnung. Zu wissen, er merkt auf alle meine Gedanken, ihm ist nichts verborgen. Wenn niemand mich versteht, er versteht mich immer. Und er hat seine Freude an meinem noch so unvollkommenem Dienst, weil er das Herz ansieht und nicht die äußere Leistung und ihren Aufwand, wie das die Menschen tun. Er behandelt mich nie mit Ungerechtigkeit, mit Parteilichkeit oder Abneigung, denn er ist der lebendige und liebende Gott. Sein Leben ist Liebe.
Für ihn da zu sein, und für ihn allein, das erst gibt einem armen Menschenleben seine Füllung, seinen Wert und Gehalt. Da darf es dann auch keine Teilung, keine Halbheit geben. Dienen heißt eben nicht mehr für sich da zu sein, sondern nur noch für ihn. Alle seine Interessen sind die meinigen. Meine ganze Zeit und Kraft steht ihm und nur ihm zur Verfügung. Alles Verfügungsrecht über mich und die Meinen und das Meine an irdischem Hab und Gut ist in seine Hand übergegangen.
Dafür übernimmt er auch alle meine Sorgen und macht sie zu den seinigen. Ich darf um nichts mehr bekümmert sein. Der Erfolg oder Misserfolg meines Dienstes geht mich nichts mehr an. Dafür hat er aufzukommen und zu antworten. Wie weit oder wie eng er mir meinen Wirkungskreis zieht, ist allein seine Sache. Ich habe nur auf das eine bedacht zu sein, dass ich da bin, wo er mich haben will und das tue, was er mich heißt. Dass ich nur gehe, wenn er mich sendet und mich bescheide, wenn er sagt: es ist genug.
So und nicht anders hat es unser Apostel verstanden, wenn er sich mit Vorliebe einen Sklaven Christi nennt, an ihn allein gebunden und aller Menschen frei und ledig. Wenn ich den Menschen noch zu Gefallen bin, bin ich Christi Sklave nicht (Gal. 1, 10).
Nicht allein aber für das ganze gegenwärtige Leben bedeutet eine derartige, normale Bekehrung eine vollständige Umgestaltung. Sondern: wir sind auf Hoffnung gerettet worden (Röm. 8, 24). Die ganze Richtung dieses neuen Lebens geht auf ein großes, die gewaltigsten Gedanken Gottes umfassendes Ereignis hinaus. Unser Gebundensein an den Christus Gottes reicht über alle Schranken der Zeit hinweg. Unser Hoffnungsleben lässt sich nicht mehr mit den Linien rein persönlicher Glückseligkeit umgrenzen. Wir erwarten den Sohn Gottes aus dem Himmel, wenn wir normal bekehrt wurden und nicht irgend ein Ereignis wie z. B. unsern seligen Heimgang, dessen Tragweite und Bedeutung sich in unserm persönlichen Erleben so ziemlich vollständig erschöpft.
An diesem Punkt offenbart sich die weite Entfernung zwischen der apostolischen und der heutigen Heilsverkündigung am schmerzlichsten. Seit Jahrhunderten ist die gläubige Christenheit gelehrt worden, ihre Hoffnung und Sehnsucht auf ein seliges Abscheiden aus diesem Erdenleben und die Erlangung der himmlischen Herrlichkeit zu richten. Man hat sie gelehrt, das einzelne selige Heimgehen auf die gleiche Stufe zu stellen mit der Wiederkehr des Sohnes Gottes vom Himmel. Dabei hat man gar nicht beachtet, dass man sich auf diese Weise in einen klaren Gegensatz gestellt hat zu der Zielrichtung der göttlichen Offenbarungsgedanken. Letztere gehen unverkennbar nicht von der Erde zum Himmel hin, sondern umgekehrt vom Himmel erdwärts.
Die übereinstimmenden Zeugnisse des Heiligen Geistes in allen neutestamentlichen prophetischen Schriften zielen dahin, den Sohn Gottes darzustellen als voll sehnlichen Verlangens, bald, recht bald wiederzukommen, um alles wiederherzustellen, wovon Gott geredet hat durch seine heiligen Propheten von alters her. Siehe, ich komme bald! tönt es uns aus dem Mund des erhöhten Herrn entgegen.
Für solche Gedanken hat eine gläubige Christenheit das Verständnis fast verloren. Ihre Hoffnungen erschöpfen sich in lauter “Sehnsucht nach dem Himmel”. Ach, wär ich doch schon droben! gilt für die richtigste Empfindung eines wahrhaft bekehrten Menschen. Dass sich das nicht decken will mit der ausgesprochenen Sehnsucht des Herrn, recht bald den Himmel verlassen und hierher zurückkehren zu können, merken die wenigsten Christen. Gedankenlos beten sie nach, was man ihnen mit frommer Miene begreiflich gemacht hat, dass praktisch zwischen dem Kommen des Herrn und unserm seligen Heimgang in den Himmel kein Unterschied sei. Es handle sich in der Hauptsache nur darum, dass man wisse, wie man gerettet werde.
Das Ergebnis steht mit trauriger Klarheit vor unserm Blick. Die gläubige Christenheit hat Gefühl und Verständnis für die eigentlichen Ziel Gottes in seinem Christus verloren. Sie hat sich selbst und ihr eigenes Heil so in den Mittelpunkt des gläubigen Denkens gestellt, dass sie sich kaum noch vorstellen kann, wie es darüber hinaus, dass sie glücklich das Ziel ihrer Seligkeit erreiche, noch andere Ziele geben könne. Sie empfindet es schier als Zurücksetzung und lehnt es ab, dass man ihr klar machen möchte, sie sei wirklich nicht dazu bekehrt, um nur einmal in den schönen Himmel zu kommen.
Es ist das eine der betrüblichsten Erscheinungen im heutigen Geistesleben der Christenheit, die den Anspruch erhebt, wirklich Ernst zu machen mit dem Erlangen des Heils. Sie macht so gründlich Ernst damit, dass man sie für etwas anderes gar nicht mehr gewinnen kann. Sie ist so vollständig verliebt in ihr eigenes Heil, dass man ihr mit göttlichen Reichsgedanken fast nicht zu kommen braucht. Das sind für sie nur besondere Liebhabereien.
Sie merkt gar nicht, wie weit sie sich entfernt hat von der Einfalt des Evangeliums Gottes und Christi. So bewegt sie sich fort und fort im engen Kreis der Heilserfahrungen. Die ganze heilige Schrift muss sich gefallen lassen, lediglich vom Standpunkt persönlicher Erbauung aus gelesen zu werden. So gerät sie tiefer und tiefer in den Sumpf des schrankenlosen Subjektivismus hinein, d. h. sie dreht sich beständig nur um das eigene, liebe Ich, für welches alle Veranstaltungen Gottes getroffen seien.
Dem tritt mit erhabener Einfachheit das apostolische: “zu erwarten seinen Sohn aus dem Himmel” entgegen. Auf dieser Bahn liegt auch für uns Gesundung.
Dass die im Glauben mit dem Sohn eins gewordene Gemeinde nicht des Menschen Sohn aus dem Himmel erwartet, sollte von ihr auch ohne Schwierigkeit verstanden werden. In all seinen Briefen an die Gemeinde aus den Nationen, den Leib des Christus, bedient sich der Apostel nie jener in den Evangelien so häufigen und dort selbstverständlichen Bezeichnung: Menschensohn. Das hat ja seinen ganz natürlichen Zusammenhang. Der Menschensohn ist Gegenstand aller Verheißungen des AT von Mose an. Die Gemeinde aber ist niemals in den Gesichtskreis jener alttestamentlichen Seher getreten. Ihre Entstehung war nie Gegenstand der Weissagung. Sie war ein Geheimnis. Aus diesem Grund hat auch eine Bezeichnung des Verheißenen für sie keine Bedeutung, da sie selbst keine Verheißene war und ist.
Alle Beziehungen des Menschensohnes liegen auf der Linie der göttlichen Gedanken mit seinem Volk Israel und mit den Nationen. Alles Gericht, d. h. die endgültige Lösung aller Völkerfragen, wie sie an Israels Bekehrung geknüpft sind, ist dem Menschensohn vom Vater übergeben.
So hängt es zusammen, dass auf dem Boden der Reichspredigt in den Evangelien die Bezeichnung “des Menschen Sohn” immer wiederkehrt. Israel und die zu richtende Völkerwelt erwartet die Erscheinung des Menschsohnes in des Himmels Wolken. Wir erwarten den Sohn Gottes, den Erstgeborenen unter vielen Brüdern aus dem Himmel — aber zur Begegnung mit ihm im Lufthimmel (1. Thess. 4, 13-18).
“Welchen er auferweckt hat von den Toten”, fügt der Apostel noch hinzu als besonders bezeichnend für die Gemeinde, die samt ihm zu gleichem Tode gepflanzt, aber auch zu gleicher Auferstehung gesetzt ist (Röm. 6, 5; Eph. 2, 6).
Jesum, der uns von dem kommenden Zorn errettet hat. Dass es Jesus ist, der, in welchem sich alle Verheißung von des Menschen Sohn erfüllt hat und noch erfüllen wird, ist ein köstlicher Beleg für die vollendete Einheitlichkeit aller großen Gottesgedanken und Ziele. Alles ist in ihm beschlossen, dem Gott den Namen über alle Namen gegeben hat, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, der Himmlischen, der Irdischen und der Unterirdischen, und alle Zungen bekennen, dass Jesus Christus der Herr sei, zur Ehre Gottes des Vaters (Phil. 2, 9-11).
Dass er uns vom zukünftigen Zorn errettet habe, wird hier mit besonderem Nachdruck hervorgehoben und ist in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung. Es soll nicht weniger sagen, als dass die Erwartung der gläubigen Gemeinde auf den Sohn Gottes sich auch darin von allem andern Warten auf die Zukunft des Menschensohnes unterscheidet, dass für die ganze übrige Welt seine Zukunft die Offenbarung seines Zornes bedeutet, aber nicht für die Seinen, die im Glauben mit ihm eins geworden sind. Wie Paulus später bezeugt, Gott hat uns nicht gesetzt zum Zorn, sondern zum Besitz der Errettung durch unsern Herrn Jesum Christum (Kap. 5, 9).
Kapitel 2
1. Denn ihr selbst wisst, Brüder, dass unser Eingang bei euch nicht vergeblich war. 2. Sondern wiewohl wir zuvor gelitten hatten und misshandelt worden waren zu Philippi, wie ihr wisst, gewannen wir dennoch Freudigkeit in unserm Gott, das Evangelium Gottes zu euch zu reden unter viel Kampf. 3. Denn unsere Predigt entspringt nicht dem Irrtum noch unreinen Absichten, auch keinem Betrug; 4. sondern gleichwie wir von Gott geprüft und mit dem Evangelium betraut worden sind, so reden wir, nicht als solche, die den Menschen gefallen wollen, sondern dem Gott, der unsere Herzen prüft. 5. Denn wir sind nie mit Schmeichelworten gekommen, wie ihr wisst, noch mit verblümter Habsucht, Gott ist Zeuge. 6. Wir haben auch nicht Ehre von Menschen verlangt, weder von euch noch von andern, da wir doch würdevoll als Christi Apostel hätten auftreten können; 7. sondern wir benahmen uns mild in eurer Mitte, wie eine Mutter ihre eigenen Kinder pflegt; 8. und wir sehnen uns so sehr nach euch, dass wir willig sind, euch nicht nur das Evangelium Gottes mitzuteilen, sondern auch unsere Seelen, weil ihr uns lieb geworden seid. 9. Denn ihr erinnert euch, ihr Brüder, unserer Arbeit und Mühe; wir arbeiteten Tag und Nacht, um niemand unter euch beschwerlich zu fallen und predigten euch dabei das Evangelium Gottes. 10. Ihr selbst seid Zeugen und Gott, wie heilig, gerecht und tadellos wir bei euch gewesen sind, 11. wie ihr ja wisst, dass wir jeden einzelnen von euch wie ein Vater sein Kind ermahnt haben und ermutigt. 12. Auch haben wir bezeugt, dass ihr wandeln möchtet würdig des Gottes, der euch beruft zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit.
Diese Worte schreibt der Apostel nicht nur in seinem eigenen Namen, sondern auch für seine Mitarbeiter, Silvanus und Timotheus, die er ja im Eingang des Briefes erwähnt. Sie geben uns einen Einblick, wie viel Wert Paulus auf das richtige, persönliche Verhältnis zwischen ihm und den Gläubigen in Thessalonich gelegt hat. Auch in andern Briefen, besonders dem an die Galater, tritt uns entgegen, was dem Apostel sein Wandel und Auftreten unter denen bedeutet hat, denen er das Evangelium Gottes bringen durfte.
In keinem andern Stand und Beruf hat die vollkommene Übereinstimmung zwischen dem Dienst und der den Dienst verrichtenden Persönlichkeit so viel zu bedeuten, als in der Verwaltung über Gottes Geheimnisse. Die vollendetste sachliche oder technische Ausbildung kann das nie ersetzen, was eine mit dem Evangelium durchgeistigte Persönlichkeit bedeutet. Hier gilt eben auch das Wort: Wenn ich mit Menschen- und Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz, eine klingende Schelle. Ein Diener des Evangeliums ist nichts, wenn er nicht selbst das Wort des Lebens darstellt. Das tat unser Apostel, wie er Zug für Zug ausführt.
Im Vordergrund steht wieder, welchen Eingang er mit seinem Evangelium in Thessalonich gefunden. Das ist alles, was unser Gott für sein Evangelium verlangt — Eingang. Für die Wirkungen macht er sich selbst haftbar, nicht uns noch andere Menschen. Aber Eingang für alles, was er zu sagen hat, ohne Abstrich. Die zeugende, schöpferische Kraft des Wortes der Wahrheit bürgt für alles andere.
V. 2: Der Anfang seines Evangeliums in Europa war ja in Philippi gewesen. Bande und Kerker waren sein Los geworden. Doch hatten diese Verfolgungen und Leiden seinen Mut nicht gedämpft. Er gewann Freudigkeit in seinem Gott, gleichwohl auch in Thessalonich, der großen, gottlosen Hafenstadt, das Evangelium zu verkündigen.
Da reichen auch menschlicher Zuspruch und Aufmunterung nicht aus. Gott allein kann eine Freudigkeit wirken, die sich durch nichts unterkriegen lässt. Auch in Thessalonich warteten seiner Kämpfe und Widerwärtigkeiten, die aber seiner Freude im Dienst keinen Abbruch tun konnten.
V. 3: Es ist ein Großes, zu wissen und sagen zu können, dass unsere Verkündigung nicht dem Irrtum entspringt, noch unreinen Absichten, auch keinem Betrug. Zu den beiden letzten Stücken genügt ja der Bund eines guten Gewissens vor Gott, der die Herzen erforscht. Aber für das erste bedarf es einer klaren, sicheren Verankerung in der untrüglichen, göttlichen Offenbarung. Da reicht die lauterste persönliche Aufrichtigkeit und Gewissenhaftigkeit nicht zu. Und das ist das Grundlegende und Wichtige bei aller Wahrheitsverkündigung, dass man den festen Ankergrund des göttlichen Wortes unter den Füßen habe und sich auf ein klares: Es steht geschrieben! berufen kann.
Dass es auf dem Boden der treuen Gebundenheit an das geschriebene Wort Gottes Meinungsverschiedenheiten in der Auffassung geben kann und darf, ist unvermeidlich. Das tut auch der Wahrheit keinen Abbruch. Das ist aber himmelweit verschieden von offenem Abweichen oder bewusstem Gegensatz zur Schriftoffenbarung, wie unsere Zeit davon so entsetzlich viel aufzuweisen hat.
All unser Wissen und Weissagen bleibt Stückwerk, ehe das Vollkommene kommt. Da dürfen wir einander dienen und ergänzen, tragen und in Liebe begegnen, auch wo wir in unsern Auffassungen von andern abweichen. So lange die Grundstellung zur unfehlbaren Schriftwahrheit nicht erschüttert ist, hat auch die größte Meinungsverschiedenheit nichts zu bedeuten. Zwischen den verschiedenen Gliedern unseres Leibes bestehen größte Abweichungen im Auffassungsvermögen, bestehen räumliche Trennungen, die wir in unserm ganzen Leben nicht auszugleichen vermögen. Mein Kopf und meine Füße haben seit meiner Kindheit nie mehr zusammenkommen können. Bei aller äußeren Abgelegenheit stehen sie gut zueinander.
Mein Ohr und mein Auge haben, bei aller räumlichen Nähe kaum irgendwelche Berührungspunkte, was ihre beiderseitigen Funktionen betrifft. Was weiß mein Ohr von Farben und Formen? Was mein Auge von Tönen und Lauten? Sie sind mir beide unersetzlich, kommen wohl miteinander aus, ob sie sich auch nie verständigen können.
Aber zwischen einem lebendigen, dem Licht offenen Auge und einem im Tode erloschenen gähnt eine unüberwindliche Kluft. Zwischen den beiden ist alle und jede Gemeinschaft ausgeschlossen. So zwischen dem, der offen ist dem Licht der ganzen ungebrochenen Offenbarung Gottes und dem, der sich derselben wissentlich verschließt oder entzieht.
V. 4: Es ist etwas unbeschreiblich Großes und Gewaltiges, wenn ein sterblicher, sündiger Mensch, und ein solcher war und blieb auch der Apostel, sich von Gott geprüft und mit dem Evangelium betraut weiß. Menschen haben ja mit großer Feierlichkeit und mit viel Aufwand an Zeremoniell die Prüfungen vor den Menschen auf Wissen und Gelehrsamkeit hin in den Vordergrund geschoben. Man hat es tatsächlich in weiten Kreisen der evangelischen Christenheit dahin gebracht, dass ein Kandidat für das göttliche (?) Predigtamt nach “seinem von Gott erprobt, geprüft oder berufen sein” gar nicht gefragt wird. Man fragt nur: Hat er seine wissenschaftlichen Examina gut oder befriedigend bestanden? Dann finden sich kirchliche Behörden genug, die ihm ohne weiteres die Hände auflegen und ihn amtlich und höchst feierlich zu einem “verordneten Diener des Wortes” stempeln.
Und auf keine andere Autorität hin tritt er als also bestallter “Geistlicher” sein Amt an, besteigt die Kanzel und predigt oft genug den krassen Unglauben.
Es ist erschütternd, wie weit man sich von der Einfalt des Evangeliums Gottes auch da entfernt hat. Und das Schlimmste ist, man empfindet das Gräuliche einer solchen Anmaßung gar nicht mehr. Es ist eben historisch geworden, und das ist Berechtigung genug für irgend welche Gräuel. Sie brauchen nur das Herkommen für sich zu haben und werden heilig gesprochen. Und dann meint man immer noch, man dürfe Steine nach Rom werfen. Man merkt gar nicht, wie römisch man in solchen Dingen ist.
Natürlich merkt man auch in unsern Tagen sehr wenig davon, was es heißt, nicht den Menschen gefallen wollen in der Rede auf oder unter der Kanzel. Populär muss man heutzutage sein. “Ziehen” muss man. Wer nicht zieht, kommt in die Ecke. Die echte, wahre Unabhängigkeit von der Menschen Lob und Anerkennung wächst eben nur auf dem Boden einer wahren, schmerzlichen, aber stählenden, göttlichen Berufung und Bewährung im Dienst des Evangeliums.
Nur wer sich stets an den unsichtbaren Gott halten kann in all seinem Zeugen und Wirken, kann den Menschen begegnen, ohne mit der Wimper zu zucken. Die echte Freiheit von der Menschen Urteil und Gunst gedeiht nur in völliger Gebundenheit an den lebendigen Herrn und sein Wort.
V. 5: Mit Schmeichelworten kommen und mit versteckter Habsucht, das sind furchtbare Klippen, an denen schon manches vielversprechende Werkzeug Gottes elend zugrunde gegangen ist. Das sind Gefahren, die uns täglich drohen. Denn es ist eine mächtige Versuchung, den Menschen gefallen zu wollen. Sie kleidet sich nur zu oft in das Gewand des klugen Bedachts, die Menschen nicht unnötig vor den Kopf zu stoßen, sondern uns ihre gute Meinung und damit unsern Einfluss auf sie zu bewahren. Aus dem Schmeichler wird bald ein Heuchler.
Verblümte Habsucht ist ebenfalls eine schreckliche Gefahr. Denn kaum eine Sünde ist so geschickt in Verkleidung der verlockendsten Art wie die Liebe zum Geld. Und kaum einer andern Sünde ist so schwer beizukommen, eben weil sie sich so äußerst geschickt zu tarnen weiß. Und doch ist sie nach der Schrift eine Wurzel allen Übels.
V. 6: Auch nicht Ehre von Menschen hat der Apostel verlangt. Darin ist er uns wieder ein leuchtendes und seltenes Beispiel. Wie manchen treuen Zeugen hat der Feind wirksam lahmgelegt mit Orden und Auszeichnungen, mit Titeln und hohen Ämtern. Ein Blick hinein in das heutige Getriebe von Politik und Ehrgeiz in der Kirche zeigt uns wieder den klaffenden Abstand unserer Tage von denen der Apostel Jesu Christi, die nie eitler Ehre geizig waren, nie nach hohen Dingen trachteten. Das war auch eine feine List des Satans, als er nicht nur den Unterschied zwischen “Geistlichen” und “Laien” in die Gemeinde Gottes eingeschmuggelt hatte, sondern auch die verschiedenen Rangstufen der höheren und niederen “Geistlichkeit”. Wie viel wahre Geistlichkeit bei solchem Treiben und Haschen nach Ehre bei den Menschen, bei den Behörden und den hohen und höchsten Patronen übrig bleibt, lässt sich denken.
Man stelle sich Paulus vor mit einer goldenen Amtskette um den Hals, an der ein goldenes Kreuzchen baumelt! Und in einem solchen Ornat soll dann das Kreuz gepredigt werden! Welches Kreuz?
Ob man Paulus, der einen so dürftig entwickelten Amtsbegriff besaß, dass er gar nicht einmal würdevoll auftreten mochte, obwohl er ein hoher Apostel war und das sehr wohl wusste, heute wohl ordinieren würde?
V. 7: Wir benahmen uns mild in eurer Mitte, wie eine Mutter ihre eigenen Kinder pflegt. Die Worte sagen mehr als ganze Bände homiletischer Regeln und Anweisungen sagen können. Das ist Milde, die ebenso weit entfernt ist von Schwäche wie von Härte und Schärfe. Wie zart eine Mutter mit ihren neugeborenen Kindern umzugehen weiß, das muss man beobachtet haben. Dem kommt keine Amme gleich, und wäre sie noch so wohl geschult. Es lässt sich eben das wunderbare geistliche Verwandtschaftsverhältnis zwischen einem fruchtbaren und gesegneten Diener des Evangeliums und seinen geistlichen Kindern durch nichts ersetzen, noch lässt es sich nachmachen. Das ist eins von den Dingen, für welche menschliche Findigkeit noch kein Surrogat entdeckt hat.
V. 8: Daraus lässt sich eine solche Sehnsucht erklären, wie sie Paulus nun ausspricht. Sie ist wieder nicht zu verwechseln mit rein seelischer, gefühlsmäßiger Anhänglichkeit oder natürlicher Sympathie, wie sie sich oft genug auch bei natürlichen Menschen findet. Es ist der mächtige Trieb des Heiligen Geistes, der das Band geknüpft, das zwischen Apostel und Gläubigen durch das Evangelium bestand, welchem sie gehorsam geworden waren. Er hatte sie durch das Wort der Wahrheit gezeugt. Und wie der erste, mächtige Trieb des neugeborenen Kindes zur Mutterbrust hin ist, so ist es die höchste Wonne der jungen Mutter, dem Kind die nährende Brust zu bieten und ihm darzureichen, was ihm Leben und Wachstum bedeutet. Ebenso treibt den Apostel der Geist, ihnen sein eigenes Leben darzureichen, nur um ihrem Leben alle nötige Förderung zu gewähren.
Dieweil ihr uns lieb geworden seid. Das schreibt ein Jude an Heiden. Ein Wunder der umwandelnden, erneuernden, allmächtigen Gnade Gottes. Nie gab es schroffere Gegensätze und schärfere Feindschaft zwischen Mensch und Mensch, als sich zwischen Juden und Nichtjuden ausgebildet hatten. Rassenhass und Religionswiderstreit bildeten die gewaltigste Kombination zur bittersten Anfeindung. Das Kreuz hat aus den beiden eins gemacht. Feindschaft und Zwischenwand sind abgetan.
Das kann keine Gewöhnung, keine Belehrung, keine Bildung. Das vermag allein die alles besiegende, herrliche Gnade, deren Thron das Kreuz von Golgatha ist.
V. 9: Das ist ja wohl die erwünschteste Stellung in der so schwierigen und delikaten Geld- und Gehaltsfrage, wie sie der Apostel selbst eingenommen hat. Es bedeutet unzweifelhaft die größte Freiheit und Unabhängigkeit von Menschen, wo man durch seiner eigenen Hände Arbeit sein und der Seinigen Brot erwerben und dabei das Evangelium Gottes predigen kann. Dabei kommt es unserm Apostel aber nicht in den Sinn, seine Stellung von allen zu erwarten oder auch nur irgend jemand moralisch nötigen zu wollen, sie zu teilen. Er spricht vielmehr den Grundsatz als ein Wort des Herrn bestimmt aus, dass, die am Evangelium dienen, auch vom Evangelium leben sollen (1. Kor. 9, 14).
Es ist überhaupt sehr beachtenswert, mit welcher Weisheit und welchem Takt Paulus sich auf diesem Gebiet bewegt, ohne dabei jemals in Gesetzlichkeit zu geraten oder der Freiheit des Evangeliums das Geringste zu rauben. Den Gemeinden wird ihre Verantwortung und Aufgabe in diesen Dingen ohne Rückhalt auf das Gewissen gelegt. Aber nirgendwo wird ihnen etwa ein Finanz- oder Kirchensteuergesetz auferlegt. Wie vorteilhaft sticht auch hier wieder die apostolische Weise ab von unsern nicht immer sehr glücklichen Versuchen, diese schwierige Frage zu lösen. Es ist uns lange nicht immer gelungen, gesetzlichen Zwang ganz zu vermeiden, noch auch das Gefühl der persönlichen Verantwortung auf dem Boden der Freiheit des Evangeliums richtig zu pflegen und zu verwerten.
Das “Evangelium Gottes” nennt er die ihm anvertraute Botschaft. Ein gar einfaches und doch unendlich viel sagendes Wort. Man könnte auch darüber Bände schreiben, ohne seinen Gehalt zu erschöpfen.
Das Evangelium nicht irgend einer Kirche oder Richtung, sondern Gottes hat er verkündigt. Wie selten geschieht das heute. Beziehen doch die allermeisten Menschen ihr Evangelium nicht direkt aus erster Hand, sondern fast nur aus zweiter oder dritter Hand. Das heißt, wir haben kaum Gelegenheit, in unsern Tagen das Evangelium anders zu hören, als es von gewissen Behörden oder Vorständen oder Gemeinschaften oder andern Autoritäten als richtig abgestempelt ist. Die es verkündigen, haben allermeist erst irgend eine Schule oder Prüfung durchgemacht, und daraufhin hat man ihnen gestattet zu predigen.
Das hat ja, wie die Dinge einmal liegen, gewiss seinen Wert und sein Recht. Aber es ist doch wohl nicht zu leugnen, dass dadurch der Ursprünglichkeit und Frische, der geheiligten Natürlichkeit und Selbständigkeit, die sich im Gesetz des Geistes Christi weiß, sehr bedenklich Abbruch geschieht. Schulgerechtes Predigen mag ja auch gelten. Aber David konnte in dem gewiss vorzüglich gearbeiteten Harnisch seines königlichen Herrn Saul nicht einmal gehen geschweige dem Philister begegnen oder ihn fällen.
Unsere Predigerschulen und Seminare haben gewiss schon manches Talent wecken und ausbilden helfen. Aber sie haben ungezählte Geister berufener Zeugen Gottes in unwürdige Fesseln geschlagen und sie für immer unfähig gemacht, das zu sein, wozu Gott sie geschaffen hatte, nämlich Originale und nicht schablonenhaft zugestutzte Schüler anderer Geister.
Gottes Evangelium muss das höchste darstellen, dessen Gott auf diesem Gebiet fähig ist. Sein Inhalt muss sein Herz und seine Gedanken beschäftigt haben vor Grundlegung der Welt. Es muss in ihm zum Ausdruck gelangen, was nur sein Herz bewegen kann und was seiner Weisheit und Allmacht auf das Vollkommenste entspricht. Dass Menschen, sterbliche, sündhafte, erlösungsbedürftige Menschen von dem Gott berufen sein sollen, sein Evangelium andern ebenso sündigen Menschen zu verkündigen, ist schier unbegreiflich, aber anbetungswürdig.
Was ist es doch für eine Vermessenheit, wenn da ein Mensch aus selbstsüchtigen Gründen, aus Rücksicht auf den Wunsch von Vater und Mutter oder um des lieben Brotes willen oder um eine angesehene Stellung einzunehmen, sich in das Amt und den dienst hineindrängt, der das Evangelium Gottes zum Gegenstand hat. Das wird einmal furchtbare Abrechnung geben an jenem Tage.
Und was bedeutet es doch für alle wirklich von Gott berufenen Knechte Jesu Christi, dass sie als Haushalter über solche Geheimnisse Gottes treu erfunden werden. Denn welchen viel gegeben ist, von denen wird man viel fordern.
V. 10: Auf das Zeugnis seiner eigenen Kinder in Christo kann sich der Apostel getrost berufen für die heilige, gerechte, tadellose Verwaltung seines Dienstes im Evangelium Gottes. Heilig war sie, weil ohne Rückhalt und völlig dem Herrn allein ergeben. Einen Sklaven Jesu Christi nennt er sich. Gerecht war sie, weil er ganz unter der Zucht und Leitung des Geistes der Wahrheit und Lauterkeit stand, weil er nie das seine suchte, sondern nur das, was Christi Jesu war. Und tadellos zum Beweis und Zeugnis nicht seiner eigenen Vortrefflichkeit und Tugend, sondern dafür, dass sein Gott ihn unter allen Gefahren und Versuchungen, davon auch er nicht frei war, zu bewahren wusste als einen, der nicht umsonst auf den lebendigen Gott vertraut hatte.
V. 11: Seine sorgfältige Einzelarbeit ist es, die Paulus hier wieder betont. Nirgends wird uns berichtet, wie groß die Massen gewesen seien, die unter seine Verkündigung kamen. Auf statistische Zahlenangaben hat er nie Wert gelegt oder Zeit verwendet. Darin sind wir ihm weit voraus, wenn das ein wirklicher Fortschritt ist, was aber sehr zu bezweifeln ist.
Was immer man über die wahre Bedeutung des Gleichnisses vom Sauerteig halten mag, ob damit die alles durchsäuernde Kraft des Evangeliums gemeint sei oder die alles korrumpierende Macht des Bösen, eins ist gewiss, dieser Apostel hat nie in seinen Briefen Gewicht gelegt auf die Arbeit an den Massen. Es ist ihm nie ein Anliegen gewesen, stets die größten Säle zu füllen und ganze Scharen einzuheimsen. Wohl aber redet er mit besonderem Nachdruck davon, wie er gearbeitet habe, jeden einzelnen Gläubigen vollkommen in Christo Jesu darzustellen (Kol. 1, 28). So ist es auch hier sein Ruhm, jeden einzelnen väterlich ermahnt und ermutigt zu haben.
Reden, wie sie bei uns geläufig geworden sind, dass man die deutsche oder irgend eine andere Volksseele mit dem Evangelium durchtränken müsse, findet man bei ihm nicht. Er wusste gut genug, dass sein Evangelium nichts für die Massen war. Es galt ihm, eine Gemeinde von Auserwählten herauszugewinnen und zuzubereiten für den Tag der Offenbarung Jesu Christi. Auf Welteroberung durch das Evangelium hat er es nie abgesehen, sondern auf Weltverleugnung und echte Weltüberwindung, ohne der Weltflucht je das Wort zu reden.
Es stünde besser um die Gemeinde Gottes in unsern Tagen, wenn man allen jenen hochfliegenden Plänen mit dem Evangelium die gegenwärtige arge Welt zu erobern und gründlich zu reformieren, den Abschied geben und sich darauf besinnen wollte, dass sich trotz dieser lauten Reden der Abfall mit einer geradezu unheimlichen Schnelligkeit steigert und zwar am ärgsten in der evangelischen Christenheit. Da noch von einer Durchtränkung der deutschen Volksseele mit den Kräften des Evangeliums reden, heißt träumen oder Vogel Strauß spielen.
Aber nachdem man das Evangelium Gottes auf alle erdenkliche Weise verwässert und den Menschen mundgerecht gemacht hat, ist es natürlich nicht so leicht, sich auf das zu besinnen, was eigentlich das Evangelium ist. Das ist der Fluch aller Schulbegriffe, dass sie uns der Fähigkeit berauben, Gott noch zu verstehen.
V. 12: Ebenso unmöglich ist es nun auch, in Wahrheit würdig des Gottes zu wandeln, der uns berufen hat zu seinem Königreich und zu seiner eigenen Herrlichkeit, wenn man sich nicht aus dem ganzen Wort Gottes hat erleuchten lassen über den Reichtum seines herrlichen Erbes an seinen Heiligen und die überschwängliche Größe seiner Kraft an uns, den Glaubenden, nach der Wirksamkeit der Macht seiner Stärke, welche er wirksam gemacht hat in dem Christus, den er aus den Toten auferweckte und ihn zu seiner Rechten gesetzt hat hoch über jedes Fürstentum und Gewalt, Macht und Herrschaft, und hat alles unter seine Füße getan und ihn als Haupt über alles der Gemeinde gegeben, die sein Leib ist, die Fülle des, der alles in allen erfüllt (Eph. 1, 18).
Es ist ein verhängnisvoller Fehler in gläubigen Kreisen unserer Tage, dass man so unwillig ist, sich über die ganze Breite, Länge, Tiefe und Höhe der wunderbaren Gedanken Gottes mit seiner Gemeinde nach allen Seiten auseinander zu setzen und klar zu werden.
13. Darum danken wir auch Gott unablässig, dass ihr das von uns empfangene Wort der Predigt Gottes aufnahmt, nicht als Menschenwort, sondern, wie es wahrhaftig ist, als Gottes Wort, welches auch in euch wirkt, den Gläubigen. 14. Denn euch, ihr Brüder, ist es ähnlich gegangen wie den Gemeinden Gottes, die in Judäa in Christo Jesu sind, weil ihr dasselbe erlitten habt von euren eigenen Volksgenossen wie sie von den Juden; 15. welche auch den Herrn Jesum getötet haben und die Propheten und uns verfolgt und Gott nicht gefallen und allen Menschen entgegen sind. 16. Sie wehren uns, zu den Nationen zu gehen, damit diese errettet werden, womit sie das Maß ihrer Sünden noch vollends erfüllen; das Zorngericht setzt ihnen aber schnell ein Ziel.
Was für den Apostel schon damals Ursache unablässiger Danksagung war, das hat für uns auch heute noch gleichen Wert und gleiche Bedeutung. Denn die gläubige Aufnahme des göttlichen Wortes ist auch heute noch das wünschenswerteste und höchste Ziel unseres Wirkens. Sie bedeutet auch heute noch das Geheimnis aller gesegneten und fruchtbringenden Arbeit.
Wir mögen uns verleiten lassen, nach sichtbaren Resultaten zu haschen, das einzig bleibende Werk, das wir wirken können, wenn Seelen das Wort göttlicher Predigt aufnehmen. Und da gilt des Meisters Wort: Wer aus der Wahrheit ist, der hört Gottes Wort. Und: Alles was mir mein Vater gibt, das kommt zu mir, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.
Nach diesem Maßstab hat auch der Sohn selbst sein Wirken auf Erden bemessen, als er seinem Vater erklärte: ich habe das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, dass ich es tun sollte. Mit menschlichen Maßstäben gemessen, was seinen äußeren Erfolg betrifft, hatte er nicht viel aufzuweisen. Es war ein geringes und erbärmliches Häuflein galiläischer Jünger, die bei ihm geblieben waren. Und als es darauf ankam, verließen ihn alle und flohen. Aber er war seiner Sache ganz gewiss, dass der Vater sie ihm aus der Welt gegeben hatte, denn sie hatten das Wort aufgenommen, das er ihnen vom Vater gegeben hatte. Das gab für ihn den Ausschlag. Da hatte für ihn ihre traurige Verfassung, ihr sehr bedenklicher Zustand nichts zu bedeuten. Er vertraute der unbezwinglichen Kraft des von ihnen aufgenommenen Wortes. Und er hat sich darin nicht getäuscht. Als der Heilige Geist kam, fand er das Wort in ihnen vor, ohne welches seine Wirkungen niemals das hätten sein können, was sie waren.
Das Zeugnis des Apostels von der wahrhaftigen Göttlichkeit seiner Predigt ist für uns von bleibendem Wert. Er setzt seine Verkündigung in klaren, scharfen Gegensatz zu bloßem Menschenwort. Das dürfen wir uns heute von ihm wieder kräftig unterstreichen lassen. Das lässt uns keine andere Wahl: entweder ist dieser Apostel ein bewusster Betrüger und Fälscher, der seine eigenen Gedankengebilde ausgibt für echte Gottesoffenbarung, oder aber er ist ein treuer, zuverlässiger Zeuge des lebendigen und wahrhaftigen Gottes, der ihn mit einer ganz besonders herrlichen Botschaft betraut hat. Ein Mittelding kann es bei dieser Sprache nicht geben.
Die einzig gebührende und entsprechende Art, Gottes Wort aufzunehmen, ist natürlich nur eine, nämlich die der völligen Unterwerfung unter dasselbe. Das will ja dem stolzen Sinn des Menschen nicht passen, der erst untersuchen und feststellen möchte, ob man sich auch an seiner Menschenwürde nichts vergebe, wenn man sich kritiklos dem öffne, was geredet ist.
Darin unterscheidet sich die göttliche Weise grundsätzlich von der menschlichen. Gott fordert in erster Linie gänzliche, rückhaltlose Hingabe an das, was er sagt und verbürgt dann unerschütterliche Gewissheit, dass man es mit ihm und nur mit ihm zu tun habe. Die klugen Menschen fordern erst Garantien, ob sie sich dem Wort Gottes auch anvertrauen dürfen; sie wollen erst wissen und dann glauben. Da macht Gott die Weisheit der Menschen zur Torheit.
Welches Verfahren den Vorzug verdiene, wissen alle wahrhaft dem Wort gehorsam gewordenen Kinder der Wahrheit. Unser Glaube steht nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. Wir hängen für unsere Zuversicht, dass wir nicht umsonst auf den lebendigen Gott gehofft haben, nicht von den Ergebnissen menschlicher Wissenschaft und Weisheit ab, sondern wir wissen uns gezeugt durch das Wort der Wahrheit und im Besitz des Geistes, der uns in die ganze Wahrheit leitet. Denn wir haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott gegeben ist (1. Kor. 2, 5.12).
Darum auch haben alle erdenklichen Kunststückchen, die menschlicher Wissensdünkel mit dem Wort der Wahrheit vornehmen mag, um sich daran zu probieren und grosszutun, für den nichts zu bedeuten, der das Wort Gottes wirklich aufgenommen hat, dem es zu Geist und Leben geworden, und der es bewährt hat, dass Geist Wahrheit ist.
Denn das Wort wirkt in uns, den Gläubigen. Als man vor Jahren einmal in alten ägyptischen Gräbern Weizenkörner gefunden hatte, die dort schon viertausend Jahre geschlummert hatten, da ging bald die Kunde durch die Blätter, man habe mit jenen Körnern Versuche auf ihre Keimkraft gemacht, und dieselben seien gelungen. Später wurde das widerrufen. Wir wissen nicht, ob es Samenkörner gibt, die jahrtausendelang ihre Keimkraft unversehrt bewahren. Aber das wissen wir, die Saat des göttlichen Wortes, der Same der Wiedergeburt, besitzt eine Keim- und Triebkraft, die alles, was die erste Schöpfung enthält, weit hinter sich lässt.
O dass wir mehr Glauben hätten in diese unbesiegbare, jedem Tod trotzende, aller Hindernisse spottenden Lebens- und Schöpfungsmacht des Wortes Gottes! An sie hat der Sohn geglaubt, in ihr hat er geruht, als er dem Vater von den Seinen sagte, die derselbe ihm aus der Welt gegeben hatte und denen er das Wort geben durfte ohne zu schauen, wie die Saat aufging und herrliche Frucht brachte. Aber im Glauben ergriff er diese zum Voraus, da er sprach: die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, die habe ich ihnen gegeben. Das war keine andere Herrlichkeit als die des festen prophetischen Wortes seines Vaters, in dem er lebte und darin er die Seinen gelehrt hatte zu leben. Anders hätte Petrus niemals sagen können: Herr, wohin sollen wir gehen? Du allein hast Worte des ewigen Lebens.
V. 14: Und welches ist nun die von Paulus besonders hervorgehobene Wirkung des empfangenen und aufgenommenen Wortes? Sind es selige Empfindungen, Gefühle, Stimmungen, Gehobenheiten, Ekstasen? Sind es hohe Gaben und Kräfte, die er ihnen bezeugt? Nichts von alledem wird hier genannt, wenn manche dieser Dinge auch ein gutes Recht haben mochten.
Er hebt das eine nur hervor, dass es diesen Gläubigen ganz ähnlich gegangen war, wie jenen ersten Heiligen in Israel, den Gemeinden Gottes in Judäa in Christo Jesu. Sie waren gehasst, verfolgt, bedrängt worden von ihren eigenen Volksgenossen wie jene von den Juden. Wie Jesus es auch vor dem Vater ausgesprochen hat: ich habe ihnen dein Wort gegeben und die Welt hasst sie (Joh. 17, 14). Und zwar war das, wie wir wissen, vornehmlich die fromme Welt, die Spitzen der Geistlichkeit, die Hohepriester, Schriftgelehrten und Ältesten Israels.
Das ist bis auf diesen Tag die beste Legitimation geblieben für das echte Evangelium, dass es von der Welt gehasst und verworfen wird. Ein Evangelium, das der Welt zusagt, von ihr anerkannt wird, ist keins mehr. Es ist eine Fälschung, ein Surrogat, eine Abschwächung. So wie die beste Legitimation für den Messias Israels die war, dass ihn seines eigenen Volkes Oberste verwarfen. Jerusalem hat nie die falschen Propheten getötet, nur die echten. Wer den Hass der Frommen nicht erfährt, darf an der Echtheit seines Evangeliums zweifeln.
Wie Gal. 1, 22, so stellt auch hier unser Apostel den Gläubigen in Judäa das deutliche Zeugnis aus, dass sie in Wahrheit Gemeinden in Christo Jesu waren, deren Anerkennung ihm nicht einen Moment fraglich ist. Angesichts solcher ungesuchten und lauteren Bezeugungen sollten doch alle Stimmen verstummen, die sich je und je daran versucht haben, zwischen Paulus und den Zwölfen etwas wie Spannung oder gar Eifersucht oder Amtsneid zu entdecken.
So verschieden die Heilsverwaltung war, die unserm Apostel von unserm herrlichen Herrn an die Nationen anvertraut war von der, welche die Zwölfe von dem Herrn schon in den Tagen seines Fleisches an sein Volk empfangen hatte, so innig und wahr, so voll und klar ist die Einheit des Geistes, der beide Gruppen von Aposteln beseelte und durchdrang. Sie wissen sich eins in einem Herrn, in einem Geist, bei verschiedener Aufgabenstellung. (Eine eingehendere Behandlung dieses wichtigen Gegenstandes findet der Leser in der Auslegung des Briefes an die Galater unter dem Titel “Frei vom Gesetz”).
V. 15: Dieser Vers enthält eine kurze, aber umfassende Darlegung der schweren nationalen Versündigung Israels. Dass gerade unser, der Nationen Apostel, eine solche geben muss, ist wieder ein Beleg für die hohe Unparteilichkeit der Schrift wie für die Lauterkeit und völlige Unterwerfung des Schreibers unter die erkannte Wahrheit.
Es fehlte einem Mann wie Paulus, der sein Volk mit brünstiger Liebe umfing auch in dessen tiefer Verblendung (Röm. 9, 1-5), wahrlich nicht an Beweggründen oder Entschuldigungen zu dem Versuch einer möglichst milden Darstellung der Sünde seines Volkes und dessen Obersten, oder wenigstens zu einem liebenden Übergehen mit Stillschweigen von Dingen, die nun doch einmal nicht zu ändern waren.
Aber der Heilige Geist, der ihn zum Schreiben trieb, gestattete ihm das nicht. Es durfte das nicht verschweigen, so schmerzlich ihm das sein Herz bewegen mochte. Hätte er nur aus seinem eigenen Geist geschrieben, die Worte ständen gewiss nicht hier. Und wir würden ein solches Schonen der Gefühle seines eigenen Herzens und seines Volkes wohl verstehen und rechtfertigen. Nun aber ist uns gerade darin, dass er reden muss, wie er es tut, wieder einer der vielen beiläufigen Beweise gegeben für die treibende, göttliche Macht, die sich in den heiligen Gottesmännern erwies, welche uns diese heiligen Schriften aufzeichnen durften. Fürwahr, unser Glaube ruht nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft, wenn er sich allein in der Schrift gründet und lebt.
Dabei aber darf uns nicht entgehen, was für eine gewaltige Tragweite die Tatsache für das Verständnis der wunderbaren Gedanken Gottes mit der Menschheit hat, dass es das auserwählte Volk des heiligen und lebendigen Gottes selber war, das, in der wunderlichen Weisheit Gottes, für den Mord am Fürsten des Lebens die Verantwortung trägt und denselben büßen muss bis auf den heutigen Tag, ohne dass damit seine Berufung und Erwählung zu den wunderbarsten Reichszwecken Gottes für die ganze Menschheit irgendwie in Frage gestellt sei.
Wir stehen da vor einem der tiefsten Geheimnisse göttlichen Waltens. Da gilt es wohl, die Schuhe von unsern Füßen zu ziehen, denn es ist heiliger Boden, auf dem wir stehen. Aber der Herr zürnte Mose nicht, als der herzutrat, um das große Gesicht zu sehen, dass der Dornbusch mit Feuer brannte und doch nicht verzehrt ward. Das dürfen auch wir. Ja, es ist unerlässlich, dass wir es tun, anders werden wir die Stimme, die aus dem Dornbusch zu uns reden will, nicht vernehmen.
Das Volk der Wahl, das Gott je und je geliebt und zu sich gezogen aus lauter Güte, das er sich erschaffen, dass es seinen Ruhm verkünde — dieses Volk der Mörder aller Propheten und des Herrn selbst, der verbissenste Feind Gottes und aller Menschen, das gefügigste Werkzeug des Satans zur möglichsten Vereitelung der göttlichen Liebesabsichten mit der Welt — und dieses Volk dennoch nicht verstoßen, nicht hoffnungslos preisgegeben, sondern fort und fort geliebt um der Väter willen, auch in der tiefsten Verstockung noch, denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.
V. 16: Mit schonungsloser Schärfe wird dieses Volkes Verschulden bloßgelegt. Nicht der leiseste Versuch wird gemacht, sie zu entschuldigen oder ihr schändliches Widerstreben zu beschönigen. Sie haben, so bezeugt die Schrift, das Maß ihrer Sünden noch vollends erfüllt. Weiter konnten sie nicht gehen. Tiefer konnten sie nicht sinken, schrecklicher sich nicht verhärten gegen Gottes Gnadengedanken mit ihnen und der Welt.
Auch bezeugt die Schrift mit großer Deutlichkeit und Klarheit, dass das Zorngericht Gottes ihnen nun aber schnell ein Ziel gesetzt habe. Haben wir irgend welchen Grund zu glauben, dass dieses Zorngericht, welches sich in der Zerstörung von Stadt und Tempel — in der Zerstreuung des Volkes unter alle Nationen der Erde, in namenlosem Weh und Jammer, Schmach, Hohn und Verachtung, Blut und Tränen bis auf diesen Tag vor den Augen der ganzen Welt — an ihnen vollstreckt hat, dennoch an Strenge und Gerechtigkeit noch nicht entsprechend gewesen sei dem Maß der von ihnen begangenen Sünde? Enthalten diese Worte des Apostels irgend einen Wink, eine leise Andeutung nur davon, dass hinter dem Zorngericht, das in der bisherigen Geschichte dieses gekreuzigten und bis in den Tod gehassten Volkes seine Vollstreckung gefunden hat, noch eine viel schrecklichere, endlose Höllenpein in alle Ewigkeiten ihrer warte?
Das sind Fragen, die gewiss ihre Berechtigung haben, angesichts der großen Bereitwilligkeit vieler Lehrer und Verkündiger des Evangeliums, allen Menschen, die in diesem Leben den Herrn Jesum verworfen oder nicht erkannt haben, ohne Bedenken eine endlose Höllenpein zuzuerkennen, aus der es nach der herkömmlichen Darstellung eine Erlösung niemals geben, ja, für welche nicht einmal die geringste Linderung zu erwarten sei.
Möchten doch alle ernsten Schriftforscher sich gerade bei einem so offenen und rückhaltlosen Wort der Schrift wie das vorliegende noch einmal ernstlich die Frage stellen, wo denn hier ein Wink, eine Anspielung sei auf ein so trauriges Los eben des Volkes, dessen Sünde, dessen Zorngericht den Gegenstand ausführlicher Besprechung bildet. Wenn irgendwo der Heilige Geist Anlass hatte, es über allem Zweifel klar festzustellen, dass sich das Zorngericht an Israel nur erst vorläufig erfüllt habe, dass alle ihre Leiden während dieses Zeitalters, da sie das Leben nicht sehen, sondern da der Zorn Gottes über ihnen bleibt (Joh. 3, 36), nur erst ein schwaches Vorspiel seien von der endlosen Höllenmarter, in die sie erst nach dem Tode rettungslos verstoßen würden, dann war dies der Ort.
Wir erlauben uns keine Antwort auf die gewaltige Frage zu geben. Wir bitten nur zu erwägen, ob es glaubhaft sei, dass uns die Schrift bei solchem Anlass wie dem vorliegenden, solche Tiefen göttlicher Gerichtsgedanken habe verschweigen dürfen, wie sie in der herkömmlichen Auffassung vom göttlichen Gericht über die Ungläubigen als ganz selbstverständlich angenommen werden. Wir bekennen frei, dass wir das für keineswegs glaubhaft halten können.
Auch wüssten wir, um nur ein einziges Wort Gottes anzuführen, gar nichts anzufangen mit einer Zusage wie Röm. 11, 30-32: Denn gleichwie ihr einst Gott nicht geglaubt habt, nun aber begnadigt seid infolge ihres Unglaubens, so haben auch sie jetzt nicht geglaubt infolge eurer Begnadigung, auf dass auch sie begnadigt würden. Denn Gott hat alle miteinander in den Unglauben hinein verschlossen, auf dass er sich aller erbarme.
17. Wir aber, Brüder, nachdem wir euer beraubt worden sind für eine kleine Weile, dem Angesicht, nicht dem Herzen nach, haben wir uns vor großem Verlangen um so mehr bemüht, euer Angesicht zu sehen. 18. Darum wollten wir auch zu euch kommen, ich, Paulus einmal und zum zweitenmal, und Satan hat uns verhindert. 19. Denn wer ist unsere Hoffnung oder Freude oder Krone des Ruhmes? Seid nicht auch ihr es vor unserm Herrn Jesu Christo bei seiner Zukunft? Ja, ihr seid unsere Ehre und Freude.
Das ist wieder ein köstliches Zeugnis von der geheiligten Natürlichkeit dieses hohen Apostels Christi, der sich gar nicht schämt, offen und frei zu reden von echt menschlichen Gemütsbewegungen, von Sehnsucht und Verlangen nach persönlichem Verkehr und Austausch mit seinen geistlichen Kindern. Da ist keine Spur von einem übergeistlichen, krankhaften Verzicht auf solche natürlichen Freuden und Vorrechte, als wäre es ein höherer Grad von Heiligkeit, wenn man überhaupt keine derartigen Wünsche mehr hege. Da dürfen wir noch viel von diesem Mann Gottes lernen, ehe wir aus all den ungesunden und lähmenden Wirkungen einer geschraubten Heiligkeit heraus kommen, die uns schier daran hindern wollen, uns der allerharmlosesten Güter und Gaben dieses Lebens zu freuen.
Ein Beispiel: Es war von den Schönheiten des Rheinfalls bei Schaffhausen die Rede. Ein erfahrener Christ wurde gefragt, ob er sich denselben auch schon angesehen habe. Darauf mit sehr ernster und feierlicher Miene die Antwort: er danke Gott, dass er nicht zwei Schritte machen würde, um solches anzusehen. Wenn dieser Bruder ein tüchtiger Kunstschreiner wäre, was er wohl von seinen Kindern dächte, die Gott danken würden, dass sie nicht zwei Schritte machten, um sich eine treffliche Arbeit ihres Vaters anzusehen.
V. 18 enthält wieder eins der vielen Geheimnisse des göttlichen Waltens auch mit seinen lieben Kindern und treuen Knechten. Wir verstehen es nicht, wieso Satan solche Erlaubnis habe, Kindern Gottes hindernd in den Weg zu treten, wo es sich doch um ganz unbedenkliche Dinge handelte, um Dinge, die für beide Teile, Paulus und die Gläubigen zu Thessalonich, doch nur von Vorteil sein konnten, soweit wir das beurteilen können.
Eins aber dürfen wir doch wohl erkennen, nämlich Satans Kurzsichtigkeit. Denn wenn er den Apostel nicht gehindert hätte, den Besuch zu Thessalonich zu machen, dann wäre aller Wahrscheinlichkeit nach dieser kostbare Brief wohl nie geschrieben worden. Was also für die Gemeinde dort und für ihren geistlichen Vater und Gründer ein gewiss schmerzlicher Verlust war, das bedeutet in der wunderbaren Weisheit Gottes für die gläubige Gemeinde aller Zeiten einen reichen Gewinn.
Vielleicht ist uns auch dazu dieses Beispiel satanischer Kurzsichtigkeit gegeben, damit wir bewahrt bleiben möchten vor übertriebenen Vorstellungen von dessen Macht, Einsicht und Bedeutung. Es steht sehr zu befürchten, dass man in der Christenheit nach der einen Seite hin viel zu gering denkt von Satans List und Verschlagenheit, von seinen Verführungskünsten und seiner Geschicklichkeit im Fälschen göttlicher Gedanken und Werke. Nach der andern Seite dagegen ist man geneigt, dem Satan viel mehr Macht und Vermögen zuzutrauen, als er in Wahrheit besitzt. Man fürchtet ihn fast, als wenn er allwissend und halb allmächtig wäre. Man lehrt jedenfalls (ob man es wirklich von Herzen glaube, möchten wir gern bezweifeln), dass er bei der letzten Abrechnung mit der Menschheit im Endgericht gegen den Sohn Gottes bedeutend im Vorteil sein werde. Dieser werde nur einen ganz kleinen Prozentsatz der ganzen Menschheit in sein Reich und auf seine Seite gebracht haben, während der weitaus größte Teil dem Satan zufallen werde!
Die Sprache des Apostels in V. 19 hat etwas sehr Überraschendes, fast Befremdendes. Man könnte versucht sein zu denken, da sei der Apostel wohl doch etwas zu weit gegangen. In solcher Weise von armen, sterblichen, sündigen Menschen im Fleisch zu reden, habe man doch Bedenken.
Wie kommt er dazu, seine geistlichen Kinder geradezu “unsere Hoffnung oder Freude oder Krone des Ruhmes” zu nennen? Heißt das nicht, dem Herrn etwas von seinem ausschließlichen Ruhm zu rauben und es den Menschen zu geben? Wie können sie das sein, was doch eigentlich nur der herrliche Herr selber sein kann und will?
Wenn man nicht den Apostel ohne weiteres der Übertreibung schuldig erklären will, einer sehr gefährlichen Übertreibung, die seinen geistlichen Kindern schlimme Dinge in den Kopf setzen konnte, dann bleibt uns wohl nur die eine Deutung dieser gewaltigen Worte übrig, dass eben Paulus durch den Heiligen Geist in den Gliedern des Leibes Christi tatsächlich organische Einheit mit ihm, dem verklärten Haupt erblickt hat, seine eigene Fülle, wie es Eph. 1 heißt.
Hat eine solche Auffassung vom wahren Wesen und von der gottgewollten Bedeutung der Gemeinde in Christo ihn bestimmt und beherrscht, dann verliert jene großartige Sprache jeden unangenehmen, peinlichen Beigeschmack. Sie erscheint als durchaus natürlich und entsprechend. Dann sind die Gläubigen, an die er schreibt und alle Gläubigen mit ihnen, die in Christo sind, in Wirklichkeit das, was er sagt, weil sie ein Geist und ein Leib sind mit dem Christus Gottes selber, ebenbürtige, vollwertige, gleichberechtigte Söhne Gottes, verordnet und berufen zur Ebenbildlichkeit mit ihm durch die Herrlichkeit des Vaters.
Sie sind es vor unserm Herrn Jesus Christus, d. h. im Hinblick auf dessen baldige Offenbarung und Erscheinung in Herrlichkeit bei seiner Ankunft für die Seinigen. In sich selbst sind und bleiben sie arme, untüchtige, unwerte, sündige Geschöpfe. Aber der Glaube, d. h. das unbegrenzte Vertrauen in die gewissen Zusagen Gottes in Christo, erblickt in ihnen Gefäße der Herrlichkeit und Königswürde, zu welcher sie ja nach V. 12 dieses Kapitels berufen wurden.
Das ist des Glaubens wunderbare Art, dass er Dinge Gottes schaut, die kein sterbliches Auge wahrnehmen kann. So schaute der Sohn Gottes in den feigen, törichten und trägen Jüngern jener Tage die Herrlichkeit, die er ihnen gegeben hatte von seinem Vater. “Ich bin in ihnen verherrlicht”! Da hätten wir beim besten Willen nichts als Erbärmlichkeit und Jämmerlichkeit wahrgenommen.
Aber Paulus ist seiner Sache gewiss. Ihr seid ja unsere Ehre und Freude. Höhere Ehre und Auszeichnung kann und wird es nie geben als die, dass man sich von Gott hat brauchen lassen, dem Leibe seines herrlichen Sohnes lebendige Glieder zuzuführen und ihnen zur Vollendung in ihm zu dienen. Ein solcher Dienst wird seines köstlichen Lohnes an jenem Tage nicht ermangeln. Gott helfe uns als seinen Knechten und Mitarbeitern, das zu erkennen und auszukaufen, so lange es Tag ist. Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.


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