Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Glaube und Denken

Autor: Wörz, Reiner  |  Kategorie(n): Glaubensleben & Wandel, Lehre  |  625 x gelesen

(Nach einem Vortrag auf der Arosa-Bibelfreizeit 2000 — Audiofile vom 18.03.2009, Langensteinbacherhöhe)

I. Glaube und Denken aus der Sicht der Welt

»Vertraue auf Jehovah mit deinem ganzen Herzen, und stütze dich nicht auf deinen Verstand« (Spr. 3, 5).

Dieser Vers bestätigt scheinbar die allgemein anzutreffende Meinung, nach der sich Glauben und Denken fast ebenso ausschließen wie für die ungläubige Welt Glaube und Wissen (wer glaubt, weiß es nicht genau — er hofft nur, dass es so ist). Glauben wird nicht unbedingt mit logischem und scharfem Denken in Verbindung gebracht, sondern eher mit Gefühl, Intuition und Irrationalität. Glaube hat es nach der herrschenden Meinung eher mit dem »Bauch« als mit dem »Kopf« zu tun. Vermutlich verstehen viele unseren o. a. Bibelvers in diesem Sinne.

Aus dieser Anschauung folgt dann die nicht auszurottende, irrige Auffassung, der biblische Glaube wäre etwas für Unaufgeklärte, nicht wissende »Naivlinge«, die im Schnitt gesehen geistig eher schwächer bemittelt sind. Bereits im Altertum galt das Christentum als »Religion der (unwissenden und bildungslosen) Sklaven«. So schreibt etwa der neuplatonische Philosoph Celsus um das Jahr 180 unserer Zeitrechnung: »Der Christenglaube ist unterphilosophisch, recht für die Ungebildeten. Christen sind primitiv glaubende Leute. Kein Vernunftmensch hält es unter ihnen aus. Im Gegenteil, intellektuelle Eigenschaften werden bei ihnen als Übel angesehen. Kommt jedoch einer ungebildet und dumm daher, dann heißen sie ihn herzlich willkommen.« An anderer Stelle bezeichnet er sie als »ungebildete und ungeschliffene Leute«. Auch die humanistischen Aufklärer der Neuzeit waren der Meinung: Je mehr der Mensch weiß und nachdenkt, desto weniger glaubt er!

Ganz anders wurde allerdings jahrhundertelang in der Scholastik, der theologischen und philosophischen Schulwissenschaft des Mittelalters, gedacht. Hier sollte der christliche Glaube denkend in seinen Zusammenhängen dargestellt werden. In der Scholastik spielte das Denken somit eine zentrale Rolle im Erkennen Gottes und der Wahrheit. Der Verstand wurde als eine Gabe Gottes verstanden. Man sprach vom »lumen naturale«, dem natürlichen Licht des Verstandes. Erasmus von Rotterdam, ein Zeitgenosse Martin Luthers, etwa war der Auffassung, dass der Mensch allein mit dem lumen naturale in die Lage versetzt wird, den Schöpfer anhand der Schöpfung zu erkennen und zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Der Kirchengeschichtler Prof. Dr. Armin Sierszyn fragt sich, »ob im Abendland jemals größere Denkarbeit geleistet wurde als durch die asketischen (Bettel)mönche und Theologen an den ehrwürdigen Universitäten zu Paris, Oxford, Bologna oder Köln«. Als eigentlicher Vater der (Früh)scholastik darf Anselm von Canterbury (1033-1109) bezeichnet werden. Er glaubt mit dem Ziel, durch den Glauben zu verstehen. Der Glaube ist immer das Erste, das Denken das Zweite. Denn der Glaube ist das Licht. Er erleuchtet unsere Erkenntnis und das Denken. Anselm traut dem Verstand viel zu. Der Glaube braucht sich vor dem Verstand überhaupt nicht zu fürchten, denn der Glaube ist vernunftgemäß, ja denknotwendig. Wer recht denkt, glaubt. Er spricht vom »lumen divinium«, dem Verstand als göttlichem Licht in uns.

Die Welt stellt sich gern objektiv, wissenschaftlich und frei von jedem Glauben dar, während sie die Glaubenden in die Nähe von Subjektivität und Unwissenschaftlichkeit rückt. Allerdings dürfte es dem aufmerksamen Beobachter nicht entgehen, dass in unserer angeblich so aufgeklärten Welt viele Entscheidungen mehr vom Gefühl und der Intuition als vom nüchternen, sachlichen und klaren Denken bestimmt sind. Selbst die vermeintlich objektive Wissenschaft ist nicht frei von jedem »Glauben«. So hat etwa die gern als Tatsache gepriesene Evolutionslehre (Theorie von der Entwicklung aller Lebewesen aus niederen, primitiven Organismen bis hin zum Menschen) Prämissen, die man nur als eine Art Glaubenssatz oder quasireligiöse subjektive Ansicht bezeichnen kann. Man schließt nämlich Gott per Definition aus, indem man die Welt rein materiell be­trachtet und jede übernatürliche Einwirkung ausschließt. Akzeptiert wird nur, was für den Menschen mess- und einsehbar ist. So hat man von vorneherein, trotz ungezählter Hinweise, dass es mehr gibt als das zur Zeit Sicht- bzw. Messbare, die unsichtbare Welt Gottes und der Geistwesen ausgeschlossen. Wer so denkt, denkt »wissenschaftlich«; wer die Welt anders erklären will, wird als »unwissenschaftlich« bezeichnet. Im Bereich der Makroevolution (Artenüberspringende Entwicklung, z. B. vom gemeinsamen Vorfahren von Affen und Menschen zum Menschen, im Unterschied zur Mikroevolution, Entwicklung innerhalb einer Art, z. B. der Schmetterlinge, die durchaus ihre Berechtigung hat) gibt es darüber hinaus zahlreiche mess- und sichtbare Gegenargumente, die bereits genügen, um diese Theorie zu widerlegen. Ein promovierter Biologe entgegnete mir einmal, als ich ihn auf die zahlreichen Gegenargumente bezüglich der Makroevolution angesprochen habe: »Das wissen wir sehr wohl. Wir haben eben zur Zeit kein besseres Modell, ansonsten müssten wir ja an Gott glauben!«

Es dürfte wohl so sein, dass die Makroevolution zusammen mit der Lehre von der Entstehung des Alls aus dem Nichts, die beide einen schöpferisch tätigen Gott überflüssig machen sollen, von der unsichtbaren Finsterwelt in der Endzeit (beide Lehren sind ja noch keine 150 Jahre alt) der Menschheit eingegeben (inspiriert) wurden. Wieviel mehr an »Glauben« ist denn nötig, um zu übernehmen, dass alles aus dem Nichts wurde und aus Milliarden von Einzelbausteinen irgendwann von selbst ein Organismus entstand, der sich dann immer höher entwickelte, als zu glauben, dass hinter dieser Schöpfung Gott als Schöpfer steht? Man muss sich fragen, ob die Menschheit sich letztendlich doch nicht höher entwickelt, sondern in ihrer Gottlosigkeit immer stärker degeneriert und statt klüger in Gottes Augen dümmer wird? »… weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, um gerettet zu werden … deshalb schickt Gott ihnen eine Wirksamkeit des Irrtums (eine verborgen in ihnen wirkende Kraft und Energie), damit sie der Lüge glauben« (2. Thess. 2, 11.12). Nachdem die Wahrheit geraume Zeit hartnäckig abgelehnt und geleugnet wurde, erfolgt ein Zustand der Blindheit und des Dahingegebenseins. Dieser »point of no return« (Punkt, wo es kein Zurück mehr gibt) kann auch in anderen Fragen überschritten werden. So verstockte der Pharao von Ägypten immer wieder sein Herz und ließ das Volk Israel nicht ziehen. Nachdem dies einige Male geschehen war, lesen wir dann, dass Gott sein Herz verstockte und er somit den Verstockungs- und Gerichtsweg zu Ende gehen musste.

II. Glaube und Denken in der Schrift

Entgegen der landläufigen Meinung hat das Denken für den biblischen Glauben in der Schrift eine zentrale, grundlegende und hohe Bedeutung.

Wenn wir uns einmal nach den wesentlichsten Unterscheidungsmerkmalen des Menschen vom Tier fragen, so dürften dies vor allem seine sittliche Freiheit, also die Fähigkeit, Gutes und Böses unterscheiden und tun zu können, und seine Vernunftbegabtheit sein. Die Vernunftbegabtheit ist die Fähigkeit, durch die Ratio (Vernunft) Probleme zu lösen und sein Verhalten bewusst und nicht wie das Tier triebhaft zu steuern. Dies gilt bereits auf der natürlichen Ebene, ohne dass der Mensch eine Glaubensbeziehung zu Gott hat. Heinrich Langenberg bemerkt hierzu: »Der Verstand gehört zu seiner (des Menschen) Gottebenbildlichkeit.« Auch der Oberrabbiner des Britischen Empire in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts, Dr. Joseph Herman Hertz, ist der gleichen Meinung, wenn er in seinem Pentateuch-Kommentar schreibt: »Der Mensch ist fähig, Gott zu erkennen, Ihn zu lieben und geistige Gemeinschaft mit Ihm zu halten … Da der Mensch mit Vernunft begabt ist, kann er seine Triebe dem Dienste sittlicher und religiöser Ideale unterwerfen, und er ist geboren, um über die Natur zu herrschen.«

Wir sehen, dass bereits im natürlichen Bereich des Menschseins der Vernunft und dem Denken eine herausragende Rolle zukommt. Für die geistige Entwicklung eines Kindes ist es von großer Wichtigkeit, diese Fähigkeiten zu fördern. Besondere Bedeutung kommt hierbei der Ansprache und der Kommunikation mit dem Kind zu. Ebenso spielt das Wort Gottes für die geistliche Entwicklung eines Gotteskindes eine überragende Rolle (das Hören des Wortes, die Reaktion im Gebet usw.).

Schon allein von daher verstehen wir, warum der Feind, der ja den Menschen entarten und auf Tierniveau drücken will, durch jede Art der Berauschung das klare, nüchterne Denken ausschalten möchte, z. B. durch Drogen, Alkoholmissbrauch, aufpeitschende Rhythmen usw. Er kann so die Menschen besser verführen und steuern. Dies gilt auch im Bereich der Gemeinde. Ist doch gerade die Endzeit nach Gottes Wort von Unnüchternheit und Berauschung gekennzeichnet, wenn wir etwa an den Rauschtrank der Hure Babylon von Offb. 17, 2 denken, von dem alle Nationen trinken. Die Welt dreht sich in der Endzeit immer schneller. Was heute gilt, ist morgen überholt. Alles überschlägt sich in wachsendem Tempo: Unsere Zeit wird immer stärker geprägt von Hektik, Unruhe und Nervosität. Jetzt verstehen wir, warum wir gerade in den Pastoralbriefen (Titus-, 1. und 2. Timotheusbrief), die in besonderer Weise für die nachapostolische Endzeit Bedeutung haben, zur Nüchternheit, Besonnenheit, Vernunft und zur Beachtung der gesunden Lehre (sachlich und vom Wort geprägt) aufgerufen werden. Von den mindestens 9 (!) Aufrufen des Neuen Testaments sei hier nur einer angeführt: »Die Ältesten seien nüchtern, ehrbar, vernünftig, gesund im Glauben, in der Liebe und der Beharrlichkeit« (Tit. 2, 2). Wir dürfen uns fragen, ob in unserer Gemeinde, in unserem Hauskreis eine nüchterne, sachliche, vom Wort und der gesunden Lehre geprägte Atmosphäre vorherrscht? Das heißt aber nicht, dass alles stocksteif und gefühlskalt ohne Wärme vor sich gehen soll, ist doch der Geist Gottes lebensbejahend und dynamisch lebendig.

a) Liebe und Denken im großen Gebot Israels

Gott ist die Liebe! Das Größte, was ein Mensch tun kann, ist lieben (»Liebe, und du handelst immer richtig«; Karl Geyer). Die Schrift belehrt uns nun zu unserem Erstaunen, dass Gott lieben und denken zusammengehören. Wir finden diesen Zusammenhang im großen Gebot Israels in Matth. 22, 35-38. Hier zitiert und ergänzt der Herr Jesus in Seinen Erdentagen 5. Mose 6, 5. Eingeleitet wird dieses Gebot in 5. Mose 6, 4 vom Bekenntnis Israels: »Schema Israel Jahaweh Eloheinu Jahaweh Ächad« (»Höre, Israel, Jehovah, unser Gott, ist ein einziger Jehovah« — so die unrevidierte Elberfelder Bibel). In Matth. 22, 35-38 heißt es nun: »Ein Gesetzeskundiger fragte, um Ihn zu versuchen: Lehrer, welches ist das große Gebot im Gesetz? Er aber entgegnete ihm: Lieben sollst du (sprachlich ist auch möglich: wirst du; in diesem Fall hat der Herr eine gewaltige Verheißung ausgesprochen) den Herrn, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Denkart (Konkordante Übersetzung; unrev. Elberfelder: Verstande; im griech. Text heißt es dianoia; wörtlich übersetzt: Durchdenken). Dies ist das große und erste Gebot.«

Gott lieben ist auch eine Sache des Denkens, genauer gesagt des Durchdenkens. Damit erhält das Denken eine zentrale Bedeutung, ist doch die Liebe nicht allein die Zielerfüllung aller Gebote, sondern generell der Wege Gottes. Wenn alle dem Wesen nach (nicht dem Umfange nach) lieben wie Gott liebt, dann ist das Universum am Ziel! Am Rande sei angemerkt, dass dann auch alle so denken, wie Gott denkt (keine Gleichschaltung, sondern Wesenseinheit).

Warum hängt nun Gott lieben mit dem Verstand und dem Denken zusammen? Das ist relativ einfach am irdischen Abbild der Liebe der Frau zu ihrem Ehemann abzulesen. Idealerweise liebt eine Frau ihren Mann nicht wegen äußerer Dinge (wie etwa Aussehen, gesellschaftliche Stellung, finanzielle Verhältnisse usw.), sondern ihr geht es vielmehr um innere Werte wie Treue, Ehrlichkeit, Willensstärke, Führungsfähigkeit, Barmherzigkeit usw. Diese Charaktereigenschaften sieht man aber einem Mann weder an noch erkennt man sie in den ersten Begegnungen, sondern es bedarf der Jahre und Jahrzehnte des Zusammenlebens, in denen die Frau ihren Mann besser kennen lernt. Vor allem schwierige Lebenssituationen geben hier viel Licht. Wenn die Frau dann in einer von uns angenommenen Musterehe über ihren Mann und sein vorbildliches Verhalten nachdenkt, wächst ihre Liebe und ihr Vertrauen zu ihrem Mann. Je mehr sie ihn kennen lernt, desto mehr liebt sie ihn. Dieser Prozess bedarf geraumer Zeit, sodass es dann zu einer wachsenden Wertschätzung und Liebe kommen kann.

Genauso ist es im geistlichen Bereich: Um Gott wirklich lieben zu können, muss man Ihn kennen. Gott, Sein Wesen, Seine Gedanken, Seine Absichten, Seinen Heilsplan, Seine Heilstaten und -gedanken erfasst man keinesfalls zu Beginn eines Glaubenslebens. Ja, nicht einmal ein langes Menschenleben genügt, um Ihn vollständig zu erkennen. Aber doch darf bei einem gesunden Glaubensleben ein Wachstum im inneren Erfassen und Erkennen Gottes sein. Und bei Ihm gilt auf jeden Fall: Je mehr man Ihn kennen lernt und über Ihn nachdenkt und sinnt, desto mehr liebt man Ihn.

Wenn wir etwa an die wunderbare Schöpfung denken, an den Reichtum der Flora und Fauna, wie viele Tausende verschiedener Blumen es allein gibt, wie viele verschiedene Insektenarten, an die wunderbare Ordnung in der Sternenwelt, an die Wunderwelt der Atome und Elementarteilchen, dann können wir nur staunend vor diesem Wunder stehen und denkend ahnen, wie kreativ, intelligent und machtvoll unser Gott ist, Er, der Sein energie- und kraftgeladenes Wort gesprochen hat und es geschah. Bereits vor ca. drei Jahrtausenden hat ein König David Ähnliches erfahren: Wenn er anschaute (und darüber nachdachte) »Deinen Himmel, Deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die Du bereitet hast«, dann stieg ihm angesichts der Größe Gottes die Frage auf: »Was ist der Mensch (Änosch: der Staubgeborene), dass Du sein gedenkst, und des Menschen Sohn (Ben Adam: Menschensohn), dass Du auf ihn Acht hast?« (Ps. 8, 4.5).

Ein wirkliches und wesenhaftes Erkennen Gottes geschieht jedoch durch das vom Heiligen Geist lebendig gemachte Wort. Wenn wir hier die Treue Gottes dem halsstarrigen und widerspenstigen Volk Israel gegenüber bedenken, dann können wir innerlich anbeten und Gott auch für Seine Treue in unserem Leben danken. Er steht treu zu uns, obwohl wir Ihm so manches Mal untreu waren. Besonders der Opfertod des Sohnes Gottes am Fluchholz ist bedenkenswert. Welch eine Liebe Gottes zu Seinen Geschöpfen steht doch dahinter, wenn Gott im Sohn bereit ist, diesen Weg zu gehen.

Wir hatten also fest, dass wir Gott vor allem in Seinem Wort kennen lernen. Je mehr wir hier über Seine Liebe, Sein herzliches Erbarmen, Seine göttliche Pädagogik, Seinen festen Willen, nicht zu ruhen, bis Er alle zu sich gezogen hat, denkend erkennen, desto mehr lieben wir Ihn. Deswegen preist der Psalmist den glückselig, der über Sein zielgebendes Wort Tag und Nacht nachdenkt (Ps. 1, 1). Der geistinspirierte Vorsänger Asaph in den Tagen des Königs David hat ebenfalls die Bedeutung des sinnenden Nachdenkens über Gott erkannt: »Der Jahre der Rechten des Höchsten will ich gedenken, der Taten des Jah; denn Deiner Wunder von alters her will ich gedenken; und ich will nachdenken über all Dein Tun, und über Deine Taten will ich sinnen. Gott! Dein Weg ist im Heiligtum. Wer ist ein großer Gott wie Gott?« (Ps. 77, 11-13).

Noch einmal soll das große Gebot Israels angeführt werden: »Lieben sollst du den Herrn, deinen Gott, mit (griech. en) deinem ganzen Herzen, mit (griech. en) deiner ganzen Seele und mit (griech. en) deinem ganzen Durchdenken. Dies ist das große und erste Gebot.« »En« heißt »in«, oder instrumental verwendet »mit« oder »mittels«. In der Parallelstelle in Mark. 12, 33 verwendet der Geist statt des griech. en das Wort ek, d. h. »aus« und bezeichnet die Bewegung von innen heraus oder den Ursprung einer Sache, sodass wir aufgrund dieser notwendigen Ergänzung und Vervollständigung sagen können: »Lieben sollst du den Herrn, deinen Gott, in, mit und aus deinem ganzen Herzen, in, mit und aus deiner ganzen Seele und in, mit und aus deinem ganzen Durchdenken.« Das bedeutet: Gott lieben aus innerster Überzeugung mit ganzem, ungeteiltem Herzen und unserer ganzen Persönlichkeit mit all ihren Gaben und Kräften.

Weil wir über Gott, Sein Wesen, Seine Gedanken und Pläne nachdenken, lernen wir Ihn besser kennen und lieben Ihn. Diese wuchtige Aussage gilt aber auch umgekehrt: Weil wir Gott lieben, beschäftigen wir uns mit Seinen Gedanken und Plänen und durchdenken sie konsequent bis zum Ende! So wie ein liebender Ehemann Interesse an den Gedanken, Wünschen und der Meinung seiner Ehefrau hat. Was wäre das für eine Liebe, die dem anderen desinteressiert gegenübersteht? Interesselosigkeit ist Lieblosigkeit! Deswegen sagt der Herr in Seinen Erdentagen: »Wer mich liebt, bewahrt mein Wort« (Joh. 14, 23), d. h. er hat liebenden Umgang damit; er beschäftigt sich mit Gottes Wort, da hier die Gedanken Gottes niedergelegt sind.

In Mark. 12, 33 wird noch ergänzt: »Lieben … aus ganzem Verständnis« (griech. synesis: wortgemäßer, logischer Blick für das Ganze; W. Jugel: Zusammenschau). Das gründliche Denken bis zum Ziel hin (die Sache ist durchdacht) führt zu einem tieferen Verständnis Gottes. Der Apostel Paulus jedenfalls betet für die Glaubenden, dass sie »erfüllt werden mit der Erkenntnis Seines Willens in aller Weisheit und geistgewirktem Verständnis (Zusammenschau, synesis)« (Kol. 1, 9). Deshalb beschreibt W. Jugel das Ziel pädagogischen Wirkens des Heiligen Geistes so: »Der Heilige Geist jedoch führt alle Glaubenden in ‚das Ganze der Wahrheit’, in die Zentralschau der Wesenseinheit und Wesensvollkommenheit Gottes und zur Zusammenschau des biblischen Zeugnisses.« Aus diesem tieferen Verständnis kommt es dann zu einer größeren Liebe zu Gott. So hängt alles zusammen, und das Denken nimmt hierbei, für viele überraschend, eine zentrale Stellung ein.

Der Wichtigkeit des Denkens im Leben eines Gläubigen entsprechend fordert uns der Geist in 1. Kor. 14, 20 auf, im Denken nicht Kinder zu sein, sondern Erwachsene. In Bezug auf die Bosheit allerdings sollen wir Unmündige sein. Hier sollen wir »wie die Kindlein werden« (Matth. 18, 3). Darüber hinaus bezieht sich diese Aussage auf das Vertrauen zu unserem himmlischen Vater, so wie Kinder ihren Eltern natürlicherweise Vertrauen entgegenbringen.

b) Buße und Denken

Die Schrift weist uns noch auf den Zusammenhang zwischen Buße und Denken hin. Zunächst wollen wir uns einmal fragen, was biblisch gemeint ist, wenn von »Buße tun« gesprochen wird.

Hängt »Buße tun« eng mit einer »Bußleistung« zusammen, wie man etwa aus dem berühmten Bußgang Kaiser Heinrich IV. schließen könnte? Sein »Gang nach Canossa« hat sprichwörtliche Bedeutung erlangt. Im Zuge des Machtkampfes im 11. Jahrhundert verhängte Papst Gregor den Kirchenbann über den Kaiser des I. Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation (das Il. Reich wurde 1871 im Spiegelsaal von Versailles von Kaiser Wilhelm I. und seinem Reichskanzler Bismarck gegründet — das III. Reich 1933 von Adolf Hitler) und exkommunizierte ihn. Heinrich packt den Stier bei den Hörnern und zieht mit seiner Frau, seinem Sohn und einer kleineren Gruppe mitten im Winter über den 2100 m hohen Mont Cenis. Der Januar 1077 ist äußerst kalt. Selbst der Rhein ist zugefroren. Königin Bertha wird auf einer Ochsenhaut über die Berge gezogen. Der Papst residiert, da er auf dem Weg zum Augsburger Reichstag ist, auf der Feste Canusium (Canossa). Heinrich erscheint am 25., 26. und 27. Januar barfuß im Schnee, in härenem Büßerkleid vor den Toren der Burg und bittet den heiligen Vater demütig um Einlass und Absolution. Am Vormittag des 27. Januar liegt Heinrich, die Arme kreuzweise ausgestreckt, vor Gregor am Boden. Der Papst löst Heinrich vom Bannfluch.

Müssen auch wir Gott, wie der Kaiser den Papst, durch eine beeindruckende Bußleistung gnädig stimmen? Das ist sicher nicht der Fall, wird doch dem Sünder allein aus Gnaden ohne eigenes Werk oder eigene Leistung Gottes Vergebung und Rechtfertigung zuteil. Aber gerade dies fällt uns stolzen Menschen so schwer, »nackt« und ohne irgendein Verdienst vor Gott zu erscheinen und ganz abhängig zu sein. Irgendetwas müssen wir Ihm doch noch »bieten« können!

Buße kann man grob und allgemein in drei Schritte gliedern:

  1. Das Unrecht oder Fehlverhalten wird eingesehen — es kommt zur Sündenerkenntnis (z. B. Ehe ohne Trauschein).
  2. Man bekennt sich vor Gott schuldig und bittet Ihn um Vergebung und Reinigung und zieht
  3. im Glaubensgehorsam Konsequenzen (in unserem Beispiel: man heiratet oder trennt sich, je nach den individuellen Gegebenheiten).

Buße beginnt also mit einer vom Geist gewirkten Sinnesänderung (was bisher okay war, ist jetzt nicht mehr in Ordnung) — mit einem Umdenkungsprozess. Darauf weist bereits das griech. Wort metanoia hin, das wörtlich übersetzt mit Um- bzw. Mitdenken wiedergegeben werden muss. Nach Joh. 16, 9 ist es eine der Hauptaufgaben des Heiligen Geistes, einen Menschen von der Sünde zu überführen, d. h. einem Menschen innerlich die Augen zu öffnen, damit er sich im Lichte Gottes und der Wahrheit erkennen kann. Diese Überführungsarbeit des Geistes geschieht dadurch, dass er uns in die Gedanken Gottes einführt und in uns die Bereitschaft zum Mitdenken wirkt. Dies führt regelmäßig zu einem Umdenken in Bezug auf Gott und auf uns selbst. Der Geist knüpft an das Denken an. Ja, er fordert zum wirklichen Denken auf, um uns weiterführen zu können. Letztendlich soll unser Denken neu gemacht und nach oben ausgerichtet sein, damit wir verändert, verwandelt und umgestaltet werden (Röm. 12, 2; Eph. 4, 23; Kol. 3, 1-2).

Wenn wir etwa an Davids Ehebruch (mit Bathseba) und Auftragsmord (an Urija, dem Ehemann der Bathseba) denken (2. Sam. 11-12; 1. Kön. 1-2), dann sehen wir, dass David, als er vom Propheten Nathan das böse Verhalten des reichen Mannes geschildert bekam, mitdachte und zornig erregt das Todesurteil aussprach. Nun sagte der Prophet ihm durch den Geist Christi (1. Petr. 1, 11): »Du bist der Mann!« David hat somit das Todesurteil über sich selbst gesprochen. Das Wunderbare ist nun, dass David sich nicht sofort herausredete und die Schuld bei anderen suchte (etwa: Warum muss diese Frau auch dreist in der Öffentlichkeit baden?), sondern nachdenklich in sich ging und Gottes gerechtes Urteil annahm und ausdrücklich bejahte (Ps. 51). Wir können daraus lernen, dass wir gut daran tun, wenn wir uns in solchen Situationen innerlich prüfen und soweit notwendig vor Gott demütigen, anstatt sofort mit Entschuldigungen und Schuldzuweisungen an andere zu reagieren. Die Umkehr und Einsicht erfolgte bei David, indem er bereit war, Gottes Rechtsgedanken mitzudenken und dann auch umzudenken.

Der Ruf des Petrus in Apg. 3, 19-20: »Tut Buße und bekehrt euch, dass eure Sünden ausgetilgt werden, damit Zeiten der Erquickung kommen vom Angesicht des Herrn« ist somit die Aufforderung: »Denkt einmal mit, denkt einmal nach, wieviel Prophezeiungen im Alten Testament auf den Herrn Jesus zutreffen, wieviel messianische Zeichen und Wunder Er doch gewirkt hat — geht doch einmal in euch und überdenkt eure Haltung!« Ganz generell wäre es heute wichtig, in dieser unruhigen und von Stress und Hektik geplagten Zeit, einmal innezuhalten und anhand des Wortes Gottes nachzudenken. Steh einmal still und höre des Herrn Wort! Der Feind jedenfalls will die Kinder Gottes immer in Unruhe und Betriebsamkeit halten, damit sie möglichst nicht vor Gottes Angesicht zur Ruhe kommen.

Im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Luk. 15, 11ff.) kam der zunächst mit dem Leben im Haus des frommen Vaters unzufriedene Sohn erst zur Buße, als er innerlich und äußerlich bei den Schweinen gelandet war, nachdem er zuvor sein Vermögen mit Huren usw. verprasst hatte. Hier erst kam er zur Besinnung von seinem Rausch- und Hurenwesen (beides Kennzeichen der Hure Babylon, Offb. 17, 1-6, die die End- und Letztzeit entscheidend mitprägt). Hier dachte er nach: »Was ist aus mir geworden, wo bin ich gelandet, wie gut haben es sogar die Sklaven in meines Vaters Haus!« Auch hier kommt es durch Denken zur Umkehr und Buße. Die volle Umsinnung findet aber erst dann statt, als er beim Vater angekommen eine »Donnerpredigt« und Vorwürfe erwartet (»Hab ich es Dir nicht gleich gesagt? Wo ist das schöne viele Geld? Du taugst zu nichts« usw.). Wahrscheinlich hätten viele von uns so reagiert und dann jahrelang bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit daran erinnert. Stattdessen empfängt ihn der Vater mit offenen Armen und bestimmt ihn als seinen Vertreter (Ring: Zeichen der Vollmacht!). Ja, es heißt sogar, dass der Vater Ausschau nach ihm hielt, ihn also innerlich auf seinem falschen Weg begleitete (etwa mit seinen Gebeten) und sehnsuchtsvoll auf die Rückkehr wartete, obwohl er es aus pädagogischen Gründen für besser hielt, ihm zunächst seinen Willen zu lassen. »Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn sehr.« So hatte der Sohn seinen Vater nicht gekannt. Im Lichte der Liebe und Güte des Vaters erkennt er noch tiefer und besser seine eigene Schlechtigkeit. So kann eine volle Umkehr und Genesung der Menschen nur dann erfolgen, wenn ein Gott der Liebe, der Güte und des herzlichen Erbarmens über alle Seine Geschöpfe verkündigt wird, das »Evangelium der Herrlichkeit des glückseligen Gottes« (1. Tim. 1, 11). Nur an diesem Vaterbild kann man völlig genesen. »Oder verachtest du den Reichtum Seiner Gütigkeit und Geduld und Langmut, nicht wissend, dass die Güte Gottes dich zur Buße (zum Um- und Mitdenken) leitet?« (Röm. 2, 4).

Nebenbei bemerkt wurde gerade der ehemals »missratene« Sohn dadurch erb- und regentschaftsfähig, dass er diese Wege der Schuld, Demütigung und des Zerbruchs gehen musste. Diese innere Reife hatte der ältere Sohn (noch) nicht, der (noch) in sich selbst stark war (»Wie viele Jahre diene ich Dir schon in Treue«), das Herz des Vaters nicht tiefer kannte (er bat den Vater nicht, der ihm gern gegeben hätte) und es nicht für möglich hielt, dass er solche Sünden wie sein jüngerer Bruder tun könnte. So sind die Söhne Gottes als innerlich Gedemütigte und Zerbrochene in der Lage, einmal Engel und den Kosmos zu richten (1. Kor. 6, 2-3). Begnadigte Sünder gehen auch im Gericht mit anderen Sündern ganz anders um als solche, die sich für überlegen und besser halten. Letztendlich wissen sie, dass sie sich selbst zu richten haben, und sie bejahen das Gericht Gottes über die Sünde am Fluchholz auf Golgatha. Sie erkennen tiefer, dass sie zu Recht mit dem Christus mitgestorben sind, da in ihnen nichts Gutes wohnt, und preisen die Barmherzigkeit und Gnade des Vaters als Mitauferweckte und mit lebendig Gemachte.

III. Das alte, verfinsterte und das neue, geistgemäße Denken

Die Schrift unterscheidet

  • das Denken des unerneuerten Menschen und des aus Gott Geborenen;
  • das Denken des alten und des neuen Menschen;
  • das Denken des verfinsterten Menschengeistes und des erleuchteten Verstandes.

a) Das alte, verfinsterte Denken

Der nicht aus Gott geborene Mensch ist verfinstert in seinem Denken und nur sehr eingeschränkt in der Lage, Gottes Gedanken zu denken. In Eph. 4, 17-19 werden die Kinder Gottes dazu aufgefordert, nicht länger so zu leben, wie es die Nationen aufgrund ihres verfinsterten Denkens tun: »Dies nun gebiete ich und bezeuge es im Herrn, dass ihr nicht länger so wandelt, wie auch die Nationen in der Eitelkeit ihres Denkens (so wörtlich) wandeln, die in ihrer Denkart/Verstand (dianoia: Durchdenken) verfinstert und dem Leben Gottes gegenüber Fremde sind infolge der Unkenntnis, die wegen der Verstockung ihres Herzens in ihnen ist. So abgestumpft, haben sie sich selbst der Ausschweifung hingegeben und betreiben alle Art von Unreinheit in Habgier.«

Der unerneuerte Mensch hat ein eitles, nichtiges und verfinstertes Denken. Nach Eph. 2, 3 ist es ein von den Begierden des Fleisches geprägtes Denken (fleischliches Denken). Deshalb brauchen wir uns nicht zu wundern, was für seltsame Blüten dieses von Gott gelöste Denken mit zunehmender Abwendung von Gott in der Endzeit hervorbringt. Denken wir nur an bestimmte wissenschaftliche Theorien, so etwa an die Auffassung, das Weltall wäre aus dem Nichts entstanden! Ein Denkansatz der modernen Physik geht dahin, dass das Urnukleon (aus dem durch den Urknall das Universum entstanden sein soll) durch sogenannte Nullpunktfluktuation, die etwa in großen Elementarteilchenbeschleunigern bei Versuchen beobachtet werden kann, entstanden ist. Man stellt sich dies etwa so vor: Am Anfang war »das Nichts« (!). Dieses »Nichts« ist nicht etwa statisch in der Ruhe, sondern fluktuiert. Es gibt Ausschläge ins Positive, denen selbstverständlich Ausschläge ins Negative gegenüberstehen, so dass insgesamt wieder »Nichts« vorhanden ist. Irgendwann gab es einen so heftigen Energieausschlag des »Nichts«, dass das Urnukleon umgeben von ungeheurer Energie materialisierte und durch den Urknall das Universum entstand. Logischerweise muss dann parallel ein Antimaterie-All existieren, sodass beide zusammen wieder »Nichts« ergeben. Was wollen wir hierzu sagen? »Nationen … die in ihrer Denkart/Verstand verfinstert und dem Leben Gottes gegenüber Fremde sind infolge der Unkenntnis, die wegen der Verstockung ihres Herzens in ihnen ist.« Ein anderer »Trick« besteht darin, an und für sich Unmögliches dadurch möglich zu machen, dass man in seinem Denken Millionen, ja, Milliarden Jahre zur Verfügung stellt.

Je weiter die Endzeit fortschreitet, desto mehr lösen sich die Menschen von Gott und Seinen Ordnungen und werden immer verdrehter in ihrem Denken (»ein verdrehtes und verkehrtes Geschlecht«, Phil. 2, 15). Daran ändert auch ihr Dünkel, schlauer und fortschrittlicher als frühere Generationen zu sein, nichts. Typische Sätze, wie: »Früher glaubten die Menschen noch, heute wissen wir …« bringen die scheinbare Überlegenheit des heutigen Menschen zum Ausdruck. Nach der Heiligen Schrift jedoch entwickelt sich die Menschheit nicht höher, sondern degeneriert immer stärker. So wussten die ungebildeten Seeleute im Buche Jona beim Sturm, der das Schiff auf seinem Wege nach Tarsis ergriffen hatte, dass die Ursachen in der Welt der unsichtbaren, kosmischen Mächte zu suchen sind, denn sie opferten zunächst ihren Göttern und hernach sogar dem Gott der Götter. Unsere Zeit hätte den Sturm sicher meteorologisch richtig als Druckausgleich zwischen einem Hoch und einem Tief gedeutet, hätte aber doch die wesentlicheren Ursachen in der unsichtbaren Welt nicht erkannt.

b) Das neue, geistgemäße Denken

Im Sündenfall löste sich der Mensch im Ungehorsam in einer bewussten Willensentscheidung von Gott. Diese Emanzipation geschah im Zentrum seiner Persönlichkeit: im Geist unseres Denksinns (griech.: im pneuma unseres nous). Wenn nun ein Mensch zum lebendigen Glauben kommt, wird der verfinsterte natürliche Verstand wieder vom Geist (pneuma) inspiriert und belebt. Von diesem Wesenszentrum aus geschieht die Erneuerung des ganzen Menschen: »Erneuert euch aber im Geiste eures Denkens (andere Übersetzungen: Gemüt, Sinn, Gesinnung) und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit« (Eph. 4, 23). Auch in Röm. 12, 2 wird von einer »Erneuerung des Denkens/Sinnes« (griech.: nous) gesprochen. Dem Grundtext nach heißt es hier: »… dass wir durch ein neues, nach oben ausgerichtetes Denken umgestaltet werden.« Karl Geyer schreibt von dieser Erneuerung des Sinnens und Denkens: »Die Erneuerung im Geist unseres Denksinns ist daher die Gewinnung einer völlig neuen Einstellung zu Gott. Sie ist göttliche Neuschöpfung des inneren Menschen, sie ist Wiedergeburt im Geiste aus dem Geiste. Von hier aus, vom Pneuma unseres Nous aus, durchströmt das göttliche Sein unser menschliches Dasein und erfüllt mehr und mehr alle Lebensgebiete, bis in Wort und Werk und allem Wesen sei Jesus und sonst nichts zu lesen.« Haben wir diese neue Einstellung bereits? Oder sind wir noch gefangen im alten, unerneuerten Denken, das wie eine Raupe am Boden kriecht? Lassen wir uns von Gott erneuern, und unser Denken erhebt sich wie ein Adler in die Luft und wir sehen die Welt mit anderen Augen (Glaubensaugen — Eph. 1, 18).

Aus dem bisher Gesagten ist sofort verständlich, warum der Dienst des Ermahnens und der Zurechtbringung eng mit dem »zum Nachdenken bringen« zusammenhängt. In Apg. 20, 31 wird uns der vorbildliche Hirtendienst des Apostels Paulus in Ephesus vorgestellt. Er ermahnt die nach Milet gerufenen Ältesten und Aufseher der Gemeinde zu Ephesus: »Darum wachet und gedenket, dass ich drei Jahre lang Nacht und Tag nicht aufgehört habe, einen jeden mit Tränen zu ermahnen.« Paulus hat eben nicht nur verkündigt, sondern sich als vorbildlicher Hirte um jeden Einzelnen gekümmert. »Ermahnen« heißt an dieser Stelle im Griechischen noutheteo und bedeutet: Denken setzen, zum Nachdenken bringen, in den Denksinn setzen oder prägen, das Denken in die richtige Richtung bringen. Seelsorge setzt einen geistlichen Denkprozess in Gang. So kann zum Beispiel einer jungen Schwester, die von einem ungläubigen Mann umworben wird und darüber nachdenkt, ob sie seinem Werben nachgeben soll, aufgrund von 2. Kor. 6, 14ff. und anderen Stellen gesagt werden: »Denk einmal darüber nach, wohin dich der ungläubige Mann zieht, und dass er das Wichtigste im Leben, den Sohn Gottes, nicht im Zentrum seines Lebens hat.«

Über das neue geistgemäße Denken finden wir in 1. Kor. 2 ab Vers 9 gewaltige Aussagen: »Es ist doch so, wie es geschrieben steht: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und wozu kein Menschenherz hinaufgestiegen ist (kein im natürlichen Denken begrenzter Mensch kann das erfassen), all das hat Gott denen bereitet, die Ihn lieben. Uns aber enthüllt es Gott durch Seinen Geist; denn der Geist erforscht alles« (Pfr. Pfleiderer übersetzt: »denn der Geist hat einen Forschungstrieb (!) für alles«), »auch die Tiefen Gottes«. Erst durch den Geist Gottes sind wir in der Lage, Gott und Seine Gedanken zu erfassen und das Wort recht zu verstehen. In Vers 15 fährt Paulus fort: »Der geistliche Mensch (der pneumatische Mensch) erforscht zwar alles, er selbst aber wird von keinem (seelisch Gesinnten) erforscht.« Wir sollten uns deshalb nicht wundem, wenn die Welt uns in so manchen Fragen nicht versteht, ja, wenn uns unsere nicht im Glauben stehenden Nachbarn, Arbeitskollegen, Mitschüler, Verwandten usw. manchmal mit einem ungläubigen Kopfschütteln begegnen. Fehlt ihnen doch das »Organ«, das innere Verstehen durch den Geist Gottes, um uns und unser Denken nachvollziehen zu können. Dieses Nichtverstandenwerden gehört zum Kreuzesweg, den ein Kind Gottes gehen darf. Wie wenig wurde doch unser Herr oder auch die Apostel verstanden! Sollte es uns anders gehen?

In 1. Kor. 2, 16 spricht nun der Apostel im Geist Gottes etwas ganz Gewaltiges und Großes aus: »Denn wer hat den Sinn (griech. nous: das Denken) des Herrn erkannt? Wer wird daraus etwas entnehmen? Wir aber haben das Denken (nous) des Christus!« Wir haben das Denken Christi! Jeder Gläubige ist damit in der Lage, Gottes Gedanken zu erfassen. Keiner ist zu dumm; Glauben ist keine Sache der natürlichen Intelligenz. Der Geist selber macht uns in einer geistlichen Weise verständig und denkfähig, sodass wir wesenhaft verstehen dürfen. Wir dürfen wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält, woher sie kommt, wohin sie geht! Es ist ganz wichtig zu betonen, dass nicht einem rein intellektuellen Christentum das Wort geredet werden soll. Jedoch wollen wir festhalten, dass wir denken dürfen, wie Gott denkt, dass wir von Gott durch die Neuzeugung in die Lage versetzt wurden, Seine Gedanken zu denken und zu verstehen. Nicht mehr gilt: »Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken« (Jes. 55, 8), sondern Seine Gedanken sollen unsere Gedanken werden. Sein Wille soll von uns gekannt, erkannt und damit innerlich lebensmäßig übernommen werden.

Durch den Geist Gottes ist der »dümmste« Gläubige (im natürlichen Sinn) in göttlichen Dingen schlauer als jeder Professor, der nicht glaubt. »In dieser Stunde frohlockte Jesus im Geist und sprach: Ich preise Dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass Du dies vor Weisen und Verständigen (im Sinne dieser Welt) verborgen hast und hast es Unmündigen geoffenbart. Ja, Vater, denn also war es wohlgefällig vor Dir. Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand erkennt, wer der Sohn ist, als nur der Vater; und wer der Vater ist, als nur der Sohn, und wem irgend der Sohn Ihn offenbaren will« (Luk. 10, 21-22). »Die Furcht Jehovahs ist der Weisheit Anfang; und die Erkenntnis des Heiligen ist Verstand« (Spr. 9, 10). In der Rede Elihus im Buch Hiob betont der Geist Gottes: »… (Gott) belehrt uns mehr als die Tiere der Erde und macht uns weiser als das Gevögel des Himmels« (Hiob 35, 11). Im natürlichen Bereich ist es wohl keine Überraschung, dass uns Gott mehr Einblick als etwa einem Reh oder einem Mäusebussard gegeben hat. Erstaunlich wird es aber doch, wenn wir hinter den »Tieren der Erde« und dem »Gevögel des Himmels« Geistmächte, Engel und Kosmokratoren erkennen dürfen. Ja, die herausgerufenen Glieder des Leibes Christi dürfen mehr wissen und erkennen als Engel, sogar mehr als Engelmajestäten. Verkündigt ihnen doch die Gemeinde die buntfarbige Weisheit Gottes, die sie nicht erkannt haben (Eph. 3, 10; 1. Kor. 2, 8). Darüber hinaus begehren Engel mit ausgestrecktem Hals in das hinein zu schauen, was den Heiligen und Geliebten Gottes durch den Geist, der sie in die ganze Wahrheit führen will, im Evangelium geoffenbart wird (1. Petr. 1, 12). Wir dürfen hier insbesondere an die verschiedenen Geheimnisse Gottes denken, die wir nach 1. Kor. 4, 1 verwalten sollen (z. B. das Geheimnis Seines Willens; Eph. 1, 9).

Im Negativen gilt für die, die Gott nicht suchen und ehren: »… weil sie, Gott kennend (als Schöpfer an der Schöpfung erkennen können), Ihn weder als Gott verherrlichten noch Ihm Dank darbrachten, sondern in ihren Überlegungen in Torheit verfielen, und ihr unverständiges Herz (als Folge) verfinstert wurde« (Röm. 1, 21).

Durch den Geist Gottes sind wir also in der Lage, geistlich-logisch vom Wort her zu rechnen und zu denken. Diese Weisheit ist für Weltmenschen meist nur Torheit, weil ihnen das »Verständnisorgan« fehlt. Das griech. Wort logizoomai steht für dieses geistlich-logische Rechnen und Denken. Wir können geistlich-logische Schlüsse ziehen, z. B.: »So halten wir nun dafür (logizoomai: rechnen wir logisch aus dem bisher Gesagten — ziehen wir den geistlichen Schluss), dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben« (Röm. 3, 28). Es wäre äußerst wertvoll, weitere Vorkommen von logizoomai zu untersuchen und zu beachten (z. B. Röm. 6, 11; 8, 18; 9, 8; 1. Kor. 4, 1; 13, 5; 2. Kor. 5, 19; Hebr. 11, 19).

IV. Die Grundlage des neuen Denkens — das Spannungsfeld Denken und Gefühl

Zum Schluss soll noch ganz kurz darauf hingewiesen werden, dass der Maßstab, der Ausgangspunkt und die Grundlage allen Denkens für einen Gläubigen nur Gottes untrügliches Wort sein kann. In Ergänzung des bekannten Liedes von Graf Zinzendorf können wir formulieren: »Wenn Dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube und das geistliche Denken ruhn?«

Diese Darlegung soll nun keine »computergesteuerten Roboterchristen« ohne jede Gefühlsregung aus uns machen, haben doch Gefühle und Empfindungen durchaus ihre Berechtigung (auch Gott hat Empfindungen und Gefühle). Jedoch sollten wesentliche Lebensentscheidungen, die den Kurs unseres »Lebensschiffleins« beeinflussen, nicht vom Gefühl, also aus dem Bauch heraus, bestimmt sein, sondern vom klaren, biblisch begründeten, nüchternen Denken mit Gebet.

Wir haben beachtet, welch große Bedeutung das Denken in der Schrift einnimmt. Glauben, Lieben, Buße und Hirtendienst hängen eng mit dem neuen geistlichen Denken zusammen. Darüber hinaus ließen sich noch eine Reihe weiterer Zusammenhänge aufzeigen. Auch unser inneres Wachstum und unsere Verwandlung geschieht unter maßgeblicher Beteiligung des Denkens. Vom Geist unseres Denksinns (pneuma unseres nous) aus erfolgt die Erneuerung des ganzen Menschen.

Da aus Gott Gezeugte und Geborene Christi Sinn und Denken haben, sind sie fähig, Gottes Gedanken zu erfassen und zu verstehen. Sie sollten nicht mehr dem alten verfinsterten Denken anhängen. Wer keine Bereitschaft zum Mit-, Um- und Neudenken hat, kann im Glauben nicht wachsen.

Unser Eingangsvers aus Spr. 3, 5 (»Vertraue auf Jehovah mit deinem ganzen Herzen, und stütze dich nicht auf deinen Verstand«) bezieht sich auf den alten, unerneuerten Verstand und nicht auf das geistgemäße Denken.

Am Schluss soll noch ein Denkanstoß aus Ps. 90 vom Manne Gottes, Moses, stehen: »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir weise werden« (Ps. 90, 12). Auch hier findet ein innerer geistlicher Fortschritt nur dann statt, wenn nachgedacht wird. Dann wird uns klar, dass unser irdisches Leben begrenzt ist und es von daher von immenser Bedeutung ist, sich auf die bleibende Welt Gottes auszurichten.

Worte von Rupprecht Bayer über das »Umdenken«

An dem Gläubigen geschieht das Wunderbare, dass er durch den Glauben herausgenommen wurde aus der Denkart dieses gegenwärtigen bösen Zeitlaufes. Nun wird das Wort Gottes der Zurechtbringer (»kritikos«) der Gedanken und Sinne (Hebr. 4, 12).

Wenn wir zu Christus kommen, brauchen wir in keiner Weise — wie der Einwand von Ungläubigen oft gebracht wird — unseren Verstand in die Schublade zu legen. Aber etwas geschieht an unserem Verstand: Er wird geweckt und geschärft, Dämonisches und Göttliches zu unterscheiden. Dafür bekommt er ein nie geahntes Durchdenkungsvermögen. Alles wird in neuen Denkzusammenhängen erkannt, von »oben« her, wogegen der natürliche Mensch alles nur von »unten« her beurteilt.

Dieses Umdenken und Neudenken zu erkennen und im Glauben an sich vollziehen zu lassen, ist für die Gesinnung des Christen sehr entscheidend. Sonst kann es geschehen, dass trotz Hingabe an Jesus Christus die Denkweise die alte bleibt … Unsere Umsinnung kann gar nicht gründlich genug erfolgen. Sie erfasst »die Tiefe meines Seins, die Wurzeln meines Herzens. Es ist so grässlich viel Oberflächlichkeit in unserer Umsinnung« (Dr. Lubahn).

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 3/2001; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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