Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
Beitrag per E-Mail weiterempfehlen   Beitrag drucken    0

Christus und Satan — ihre Wechselbeziehung im Lichte der Schrift

Autor: Heller, Adolf  |  Kategorie(n): Allversöhnung, Das Böse, Erkenntnis & Wesen Gottes, Heilsgeschichte  |  839 x gelesen

Das eigentliche Zentrum und Ziel der Schrift ist nicht der Mensch, sondern Gott. Die gegenwärtigen Brennpunkte, um die sich alles Weltgeschehen dreht, sind auch nicht etwa die Menschheit und die Erde, sondern vielmehr Christus und Satan. Der Sohn Gottes und sein großer Widersacher und Gegenspieler stehen im Blick auf das Heil und die Herrlichkeit der ganzen Schöpfung in mannigfaltigen gottverordneten Wechselbeziehungen. Betrachten wir einige von diesen:

  1. Christus und Satan hinsichtlich der ihnen gegebenen Verheißungen
  2. Christus und Satan, der Verfluchte und der Verflucher
  3. Christus und Satan bezüglich ihrer Stärke
  4. Christus und Satan, der Werkmeister und das Werkzeug
  5. Christus und Satan, der Löser und der Mann ohne Namen
  6. Christus und Satan, der Sohn der Liebe und der Fürst der Gewalt
  7. Christus und Satan, ihr Wachstum bzw. ihr Zerfall

Ohne Zweifel können noch weitere Beziehungen zwischen dem Herrn und seinem Feind und Gegenspieler gezeigt werden. Wir erinnern nur an die verschiedenen Stufen der Erhöhung Christi und an die Tatsache, dass wir im Buch Hiob Satan in der Ratsversammlung der Söhne Gottes finden, während er jetzt die Lufthimmel bewohnt und Offb. 12, 12 gar von ihm schreibt: “Wehe der Erde und dem Meere, denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen!”

Wer wollte auch wagen, über ein so gewaltiges, umfassendes Thema Erschöpfendes zu sagen? Die wenigen angedeuteten Linien mögen uns ermuntern, tiefer in die Zusammenhänge der Schrift einzudringen und uns ihrer verborgenen Schätze und Reichtümer danksagend und anbetend zu freuen.

1. Christus und Satan hinsichtlich der ihnen gegebenen Verheißungen

In 1. Mose 3, 15 finden wir die erste Erlösungsverheißung Gottes. Welche Rolle ist dem Menschen zu seiner Erlösung zugeteilt? Was hat er dabei zu leisten? Nichts! Unser Heil ist allein Gottes Sache. Er verhandelt gar nicht mit dem Menschen, sondern spricht hinsichtlich des Heils nur von dem Schlangensamen und dem Weibessamen. Wohl ersehen wir aus den Versen 16-19, dass der Mensch unter Fluch gestellt und der Erdboden um seinetwillen verflucht wird — aber in der Heilsprophetie von Vers 15 ist von dem Menschen keineswegs die Rede.

Das ist von Bedeutung! Denn wenn unsre Erlösung auch nur im geringsten Punkte von uns selbst zustande gebracht oder ausser Kraft gesetzt werden könnte, so wären wir immer in Sorge und Unruhe. Der biblische Glaube ruht aber nie in einer Kreatur oder auf irgendwelchen geschöpflichen Leistungen, sondern allein in Gott.

Wir sagten, dass Vers 15 nicht von den Menschen, sondern von Christus und seinem Gegenspieler handelt. Zunächst sei festgehalten, dass zwischen der Schlange und dem Weibe eine gottgesetzte Feindschaft besteht. Diese Feindschaft hat ihren Hauptgrund darin, dass der Christus von einem Weibe geboren werden soll. Deshalb fährt Gott fort: “… und zwischen deinem Samen und ihrem Samen.”

Der Schlangensame ist der Feind; in endgeschichtlicher Ausprägung: der Antichrist. Wer aber ist der Same des Weibes? Wenn von einem zum Segensträger bestimmten Samen die Rede ist, so ist damit immer Christus gemeint. Das erkennen wir aus einem Doppelten:

Einmal glaubt Eva, als ihr erster Sohn, Kain (zu deutsch: Besitz, Erlangter, Gewinn), geboren wurde, es sei der verheißene Schlangentreter. Darum sprach sie: “Ich habe einen Mann erworben: Jehova.” Damit wollte sie nicht sagen, wie das leider aus den meisten Übersetzungen hervorgeht, dass sie “mit Hilfe des Herrn” einen Sohn bekommen habe, sondern dass dieser Knabe der Jehova, der Herr, sei. Wie sehr hatte sie sich getäuscht! Denn der erste Menschensohn war nicht der verheißene Erlöser, sondern ein Brudermörder!

Zum andern erklärt uns Paulus ganz klar und unzweideutig, wer “der Same” ist, von dem Gott in 1. Mose 17, 7 und 21, 12 zu Abraham spricht. Schlagen wir zunächst einmal die beiden alttestamentlichen Stellen auf. Da verheißt Gott: “Ich werde meinen Bund errichten zwischen mir und dir und deinem Samen nach dir.” Die andere Zusage lautet: “In Isaak soll dir ein Same genannt werden.”

Darüber schreibt nun der Apostel der Fülle in Gal. 3, 16: “Dem Abraham waren die Verheißungen zugesagt und seinem Samen.” Er sagt nicht: “und den Samen”, als von vielen, sondern als von einem: “und deinem Samen, welcher Christus ist.”

“Welcher aber Christus ist!” Wie ein Fels aus Erz stehen diese drei Worte des inspirierten Apostels im Gewoge menschlicher Meinungen und Lehrstreitigkeiten. Der verheißene Same ist der Herr!

Satan wird dem Herrn in die Ferse stechen. Durch einen Schlangenbiss ergießt sich das ganze Gift in die Wunde und durchseucht und zersetzt den Körper des Opfers. So hat sich das ganze Sündengift der Welt in Christus ergossen, wie geschrieben steht: “Den, der Sünde nicht kannte (d. i. Christus), hat er (d. i. Gott) für uns zur Sünde gemacht” (2. Kor. 5, 2a). Christus hat am Kreuz nicht nur die Sünde auf sich genommen, sondern er selbst wurde zur Sünde gemacht. Das ist weit mehr!

Christus am Kreuz, der zur Sünde Gemachte, ist der vom Feind in die Ferse Gestochene, in den sich nach Gottes Plan und Rat alles Sündengift der Welt ergossen hat.

Dieser scheinbare Sieg Satans war aber in Wirklichkeit seine endgültige und völlige Niederlage. Auf Golgatha wurde ihm der Kopf zermalmt. Was die macht der Finsternis für Triumph hielt, war in der Tat ihre schmachvolle Entwaffnung, war der Beginn einer über alle Maßen wunderbaren Offenbarung der Herrlichkeit Christi.

Wir finden also in dieser ersten Evangeliumsverkündigung zwei wichtige Verheißungen: eine für Christus, der dem Feind den Kopf zermalmt, und eine für Satan, der hinterrücks, wie es seiner Art entspricht, seinem Gegner in die Ferse sticht.

Die Auseinandersetzung Christus — Satan ist schon auf dem ersten Blatt der Bibel verheißungsmäßig klar und unwandelbar festgelegt. Von Anfang an verkündigt Gott hinsichtlich seiner Schöpfung und Erlösung das Ende. Was er redet, lässt er auch kommen, und was er entwirft, führt er auch aus. Sein Ratschluss kommt unbedingt zustande, und von dem, was ihm wohlgefällt, führt er nicht nur einiges durch, sondern lässt “all sein Wohlgefallen” (oder seinen ganzen Willen!) Tat und Wahrheit werden (Jes. 46, 10.11).

2. Christus und Satan, der Verfluchte und der Verflucher

Eine andere Seite der gottverordneten Auseinandersetzung zwischen Christus und Satan finden wir in der Versuchungsgeschichte. Wir lesen sie in Matth. 4, 1-11: “Dann wurde Jesus von dem Geiste in die Wüste hinaufgeführt, um von dem Teufel versucht zu werden; und als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn darnach. Und der Versucher trat zu ihm hin und sprach: Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine Brot werden. Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: ‘Nicht vom Brot allein soll der Mensch leben, sondern von einem jeden Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht.’

Dann nimmt der Teufel ihn mit in die heilige Stadt und stellt ihn auf die Zinne des Tempels und spricht zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: ‘Er wird seinen Engeln über dir befehlen, und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stoßest.’ Jesus sprach zu ihm: Wiederum steht geschrieben: ‘Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.’

Wiederum nimmt der Teufel ihn mit auf einen sehr hohen Berg und zeigt ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und spricht zu ihm: Alles dieses will ich dir geben, wenn du niederfallen und mich anbeten willst. Da spricht Jesus zu ihm: Geh hinweg, Satan! Denn es steht geschrieben: ‘Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen!’ Dann verlässt ihn der Teufel, und siehe, Engel kamen herzu und dienten ihm.”

Der Herr, der einst “in Gestalt Gottes war” (Phil. 2, 6), wurde “ein wenig unter die Engel erniedrigt” (Hebr. 2, 7). “In allem musste er den Brüdern gleich werden” (Hebr. 2, 17) und “ist in gleicher Weise wie wir in allem verflucht worden” (Hebr. 4, 15).

Der erste Mensch war im Garten Gottes und wurde dort vom Feind verflucht. Der letzte Adam hingegen wurde vom Geist in die Wüste geführt. Dort Paradies — hier Wüste. Dort Unterliegen — hier Bestehen der Versuchung. Wie wunderbar enthüllt Gott die Ohnmacht alles Erschaffenen und die Vollmacht des von ihm Gezeugten!

Aus der Versuchungsgeschichte wollen wir nur einige wenige Zusammenhänge beachten. Zunächst sei darauf hingewiesen, dass die Versuchung durch den Teufel nicht etwa ein plötzlicher Überfall war, ein unvorhergesehener Gewaltakt, sondern dass der Geist den Herrn eigens dazu in die Wüste führte, damit Jesus nach Gottes Plan und Willen vom Feind versucht werde.

Dann ist zu bedenken, dass Satan göttliche Wahrheiten ausspricht. Einmal ist Christus wirklich Gottes Sohn, und zum andern werden, bildlich gesprochen, auch dereinst Steine zu Brot werden. Vermag doch Gott auch dem Abraham, dem Vater des Glaubens, aus den Steinen Kinder zu erwecken, wie Matth. 3, 9 geschrieben steht. Wirklich Neues kann der Feind nicht ersinnen, er kann nur göttliche Wege und Ziele durcheinander werfen und ungöttlich verknüpfen.

Der Herr weist das Ansinnen des Feindes mit einem Gotteswort zurück. Darum beginnt Satan seine zweite Versuchung auch mit einem Gotteswort. Doch Jesus setzt ihm geistesmächtig das göttliche “wiederum stehet geschrieben” entgegen.

Bei der dritten Versuchung will der Teufel ein göttliches Endziel auf einem widergöttlichen Wege erzwingen. Alle Reiche der Welt werden zur gottverordneten Zeit und Stunde Eigentum des Herrn werden. Aber nicht dadurch, dass er vor dem Feind niederfällt und ihn anbetet, sondern dadurch, dass er den Weg des Kreuzes geht.

Das Wesen Satans und seiner Methoden lässt sich wohl kaum besser kennzeichnen als durch die kurze Formel: er will göttliche Hochziele auf eigenwilligen, ungöttlichen Wegen erreichen. Verhieß er den Menschen nicht Gottgleichheit (1. Mose 3, 5)? Und steht andrerseits nicht in 1. Joh. 3, 2 geschrieben: “Wir wissen, dass wir ihm (d. i. Gott) gleich sein werden!”?

Auf noch eine sicherlich nicht zufällige und belanglose Tatsache sei hier aufmerksam gemacht. Die drei Gottesworte, die der Herr als Abwehr gegen die Versuchungen des Feindes gebraucht, stammen aus dem 5. Buch Mose. Während das zweite Buch Mose ausgesprochen gesetzlichen Charakter trägt und das Versagen des Menschen offenbart, hat das 5. Buch Mose mehr prophetisches Gepräge. Sein Grundton lautet nicht “du sollst!”, sondern “ich will!” Nicht der Mensch, sondern Gott selbst ist der Ausführer seiner Heilsabsichten und Vollender seiner zuvor geplanten Gnadenwege.

Christus ließ sich in der Wüste versuchen (erproben oder prüfen). Noch schlimmer war die Erprobung, die er in Gethsemane erduldete. Dort sandte der Feind seinen stärksten und furchtbarsten Untergebenen, den Tod. Der rang mit dem Herrn. Alle Kammern seines heiligen reinen Leibes durchforschte er. Aber er fand trotz dreimaliger Sichtung, die dem Heiland die Blutstropfen aus den Poren trieben, nichts, was Jesus als untauglich zum Schlachtopfer hätte erscheinen lassen. Der Todeskelch ging in Gethsemane am Herrn vorüber. Er brauchte vor Golgatha zu sterben.

Darum bezeugt auch Hebr. 5, 7, dass die Bitten, die der Herr mit starkem Geschrei und Tränen darbrachte, um seiner Frömmigkeit willen erhört wurden. Hätten aber die Bitten des Herrn darin bestanden, überhaupt nicht sterben zu müssen, also auch den Kreuzestod nicht erdulden zu müssen, so müsste geschrieben stehen, Jesu sei keine Erhörung zuteil geworden. Nun sagt die Schrift aber ausdrücklich, er sei in den Tagen seines Fleisches erhört worden. Ausserdem bezeugt der Herr selbst seinem Gott und Vater gegenüber: “Ich weiß, dass du mich allezeit erhörest” (Joh. 11, 42).

Der große, wunderbare Gottessohn lässt sich dazu herab, sich vom Versucher erproben und antasten zu lassen! Was er nie nötig gehabt hätte, tut er in liebender, dienender Selbstentäusserung. Wie wenig von dieser Gesinnung ist doch in uns hochmütigen, ehrsüchtigen Menschen, die wir doch in allem unserm Herrn und Haupt gleichgemacht werden sollen! —

3. Christus und Satan bezüglich ihrer Stärke

In Matth. 12 lesen wir von der Heilung eines blinden und stummen Besessenen. Die Volksmenge war von dem Heilwunder so ergriffen, dass sie fragte, ob Jesus der Sohn Davids, der verheissene Messias sei. Dadurch sahen die Pharisäer ihre Vormachtstellung bedroht. Leugnen konnten sie das Wunder nicht. Es war zu offensichtlich. Da erklärten sie, dass Jesus wohl Dämonen austreibe, doch tue er das in der Kraft Beelzebubs, des Obersten der Dämonen. Damit schrieben sie die Werke des Heiligen Geistes dem Teufel zu. Sie gebingen die Lästerung des Geistes, die während des Ablaufs zweier Äonen nicht vergeben wird.

Der Herr widerlegt sie durch eine einfache, schlichte Erwägung. Er fragt in Vers 29: “Wie kann jemand in das Haus des Starken eindringen und seinen Hausrat rauben, wenn er nicht zuvor den Starken bindet? Doch alsdann wird er sein Haus berauben.” Damit will er sagen, dass die Macht der Finsternis nur durch die noch stärkere Macht des Lichtes gebrochen und besiegt werden kann. Denn gerade das Vorhandensein starker, organisierter Satanskräfte beweise, dass dieses “Haus” nicht gegen sich selbst entzweit ist. Sonst könnte es ja nicht bestehen (Vers 25 und 26)!

Das “Haus des Starken” ist der Machtbereich des Feindes. Der Herr aber ist noch stärker als der Starke. Denn er dringt in dessen Haus ein, bindet den Starken und nimmt ihm allen seinen “Hausrat” ab. Das ist eine klare, verständliche Sprache, die selbst ein Kind fassen kann. Und doch sind darin gar tiefe göttliche Wahrheiten geoffenbart.

Fragen wir zunächst, was im weitesten Sinn das “Haus des Starken” ist. Vielleicht gibt uns hier das vom Herrn unwidersprochen hingenommene Wort des Feindes aus Lukas 4, 6 Licht und Klarheit. Dort sagt Satan zu Jesus: “Ich will dir alle diese Gewalt und ihre Herrlichkeit geben (d. i. die aller Reiche des Erdkreises), denn mir ist sie übergeben, und wem irgend ich will, gebe ich sie.”

Dürfen wir daraus nicht ersehen, dass diese sichtbare Welt, sonderlich die Erde und ihre Reiche, das “Haus des Starken” bilden?

Durch seine Menschwerdung drang der Herr in diesen Wirkungsbereich des Feindes ein. Auf Golgatha band er ihn und stellte ihn an den Pranger, wie Kol. 2, 15 bezeugt. Er erwies sich dem Starken gegenüber als der Stärkere, der “Verwüstung losbrechen lässt über den Starken” (Amos 5, 9a).

Während vom Herrn geschrieben steht, dass er nicht ermüdet noch ermattet (Jes. 40, 28), lesen wir vom “Eisenschmied”, der ein Sinnbild Satans ist, dass er bei Kohlenglut mit Hämmern arbeitet, aber hungrig und kraftlos wird und ermattet (Jes. 44, 12).

Die Fürstentümer und Gewaltigen der Himmelsregionen werden in der Schrift öfter “Starke” oder “Söhne der Starken” genannt. In Ps. 89, 6 fragt Ethan, der heilige Sänger: “Wer in den Wolken ist mit dem Herrn zu vergleichen? Wer ist dem Herrn gleich unter den Söhnen der Starken?” Im folgenden Vers wird der Herr im Blick auf den ihn umgebenden Ratkreis heiliger Engel “gar erschrecklich” und “furchtbar” genannt.

Wohl hat der Herr bei seiner Menschwerdung alle diese Würden niedergelegt. Aber auch bezüglich seiner Stärke und Macht gilt sein Wort: “Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, auf dass ich es wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wiederzunehmen.” Ist er doch nach seiner Erniedrigung “hinaufgestiegen über alle Himmel hinüber” (Eph. 4, 10) und wurde so Herr und Haupt über jedes Fürstentum und jede Gewalt (Kol. 2, 10).

Der zukünftige Erdkreis ist nicht, wie der gegenwärtige, den Engeln (Hebr. 2, 5), sondern dem mit Herrlichkeit und Ehre gekrönten Herrn unterworfen, der durch Gottes Gnade für alle den Tod schmeckte (Hebr. 2, 9). Dass nicht ein einziges Geschöpf von dieser Unterwefung (oder Gehorsammachung!) ausgenommen ist, ersehen wir unzweideutig aus Vers 8, wo uns bezeugt wird: “Indem er (d. i. Gott) ihm (d. i. Christus) das All (so wörtlich!) unterworfen, hat er nichts gelassen, das ihm nicht unterworfen wäre.”

Die “wirksame Kraft Christi” wird nicht nur unsern Leib der Niedrigkeit bis zur Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit umgestalten, sondern reicht auch aus, sich das ganze All untertan oder gehorsam zu machen (Phil. 3, 21).

Über der Macht der Menschen und der Großmacht des Feindes steht die Allmacht unsres Rettergottes, die er geoffenbart hat in Christo Jesu, unserm Herrn.

4. Christus und Satan, der Werkmeister und das Werkzeug

Christus ist der große vorweltliche Werkmeister Gottes, durch den der Vater alles ins Dasein gerufen hat, was irgend besteht. Darüber lesen wir in Spr. 8, 22-30: “Der Herr besaß mich im (oder als!) Anfang seines Weges, vor seinen Werken von jeher. Ich war eingesetzt von Ewigkeit her, von Anbeginn, vor den Uranfängen der Erde. Ich war geboren, als die Tiefen noch nicht waren, als noch keine Quellen waren, reich an Wasser …, da war ich sein Werkmeister (Schoßkind oder Pflegling) an seiner Seite und Tag für Tag seine Wonne, vor ihm mich ergötzend allezeit.” Damit stimmen verschiedene Zeugnisse des Johannes und des Paulus überein. In Joh. 1, 1-3 steht geschrieben: “Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ward durch dasselbe, und ohne dasselbe ward auch nicht eines, das geworden ist.” Kolosser 1, 16 bestätigt diese Wahrheit mit den Worten: “In ihm (d. i. Christo) ist das All erschaffen worden, was in den Himmeln und was auf Erden ist, Sichtbares und Unsichtbares, es seien Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten. Das All ist durch ihn und für ihn geschaffen.”

Christus ist Ursprung, Zweck und Ziel der Schöpfung, der geliebte Werkmeister Gottes, der tragende, zuverlässige Heilsgrund jeglicher Rettung. Denn “einen andern Grund kann niemand legen, ausser dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus” (1. Kor. 3, 11). Dass der Herr letztlich der allein Wirkende ist, lehrt die Schrift immer wieder. Greifen wir aus der Fülle köstlicher Zeugnisse hinsichtlich dieser Wahrheit deren sieben heraus, und zwar nur solche aus dem Propheten Jesaja!

  • 25, 1: “Herr, du bist mein Gott; ich will dich erheben, preisen will ich deinen Namen, denn du hast Wunder gewirkt, Ratschlüsse von fernher, Treue und Wahrheit.”
  • 37, 26: “Hast du nicht gehört, dass ich von fernher es gewirkt und von den Tagen der Vorzeit her es gebildet habe? Nun habe ich es kommen lassen …”
  • 41, 4: “Wer hat es gewirkt und getan? Der die Geschlechter ruft von Anbeginn. Ich, der Herr, bin der Erste, und bei den Letzten bin ich derselbe.”
  • 43, 13: “Ja, von jeher bin ich derselbe, und da ist niemand, der aus meiner Hand herausreisse. Ich wirke, und wer kann es abwenden?”
  • 43, 19: “Siehe, ich wirke Neues; jetzt sprosst es auf. Werdet ihr es nicht erfahren?”
  • 44, 24: “Ich, der Herr, der alles wirkt.”
  • 45, 6b.7: “Ausser mir ist gar keiner. Ich bin der Herr, und sonst ist keiner. Der ich das Licht bilde und die Finsternis schaffe (eigentlich: glätte, hoble, scheide), den Frieden mache und das Unglück schaffe; ich, der Herr, bin es, der dieses alles wirkt.”

Wir hätten statt des Jesaja auch ein anderes biblisches Buch nachschlagen können, etwa den Psalter oder die paulinischen Briefe. Überall leuchtet das herrliche Zeugnis durch, dass Gott in Christo alles wirkt, was ihm wohlgefällt, dass er nach dem wohlbedachten Ratschluss seines Willens alles lenkt und leitet.

Während Christus der Werkmeister Gottes, sein Heilsplaner und Gnadenvermittler ist, ist der Feind ein andersartiges Werkzeug in der Hand des Herrn. All sein Planen und Reden, Tun und Treiben sind einbezogen in die Gerichts- und Gnadenabsichten des Herrn aller Herren und Königs aller Könige. Auch da, wo Satan völlig selbständig und widergöttlich zu handeln scheint, hilft er unbewusst mit, göttlich zuvorbestimmte Ziele zu erreichen. Er ist eben trotz seiner scheinbaren Bewegungs- und Handlungsfreiheit nichts andres als ein Werkzeug in der Hand Gottes.

Diese Wahrheit ist überaus tröstlich und beseligend für Menschen, die unter starkem Druck stehen und bei denen die Furcht vor dem Feind stärker zu werden droht als das sieghaft-fröhliche Vertrauen auf Gott. Immer und überall ist Christus der Werkmeister Gottes; niemals ist aber auch Satan etwas anderes als ein vom Herrn wohlweislich gebrauchtes Gerichtswerkzeug, das keineswegs nach eigenem Gutdünken verfahren darf.

Erinnern wir uns an drei Schriftzusammenhänge, um diese anbetungswürdige Heilstatsache zu belegen!

Zunächst schlagen wir das bekannte Gebetswort in Apg. 4, 27.28 auf. Dort lesen wir: “In dieser Stadt versammelten sich in Wahrheit wider deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, sowohl Herodes als auch Pontius Pilatus mit den Nationen und Völkern Israels, alles zu tun, was deine Hand und dein Ratschluss zuvorbestimmt hat, dass es geschehen sollte.”

Wir wissen, wer die Inspiratoren waren, die Herodes und Pontius Pilatus, die Völker und Israel dahin brachten, den Herrn zu ermorden: die Mächte der Bosheit und der Finsternis. Und doch durften und konnten sie nur das tun, was Gottes Hand und Ratschluss zuvorbestimmt hatte, dass es geschehen sollte. Wider Willen und Wissen waren alle christusfeindlichen Gewalten irdischer und überirdischer Art nichts andres als Werkzeuge, die längst zuvorbestimmte Gottespläne ausführten.

Erinnern wir uns ferner an 1. Kor. 2, 6-8: “Wir reden Weisheit unter den Vollkommenen, nicht aber Weisheit dieses Zeitlaufs, noch der Fürsten dieses Zeitlaufs, die zunichte werden, sondern wir reden Gottes Weisheit in einem Geheimnis, die verborgene, welche Gott zuvorbestimmt hat vor den Zeitaltern zu unsrer Herrlichkeit, welche keiner von den Fürsten dieses Zeitlaufs erkannt hat, denn wenn sie dieselbe erkannt hätten, so würden sie wohl den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt haben.”

Wir lesen von den “Fürsten dieses Zeitlaufs”. Mag sich dieses Wort zunächst auch auf irdische Machthaber beziehen, von denen wir oben lasen, so sind doch damit letztlich die Fürstentümer und Gewalten gemeint, die vom Himmel her ihr Werk treiben in den Kindern des Ungehorsams (Eph. 2, 2). Sie glaubten den Herrn ausrotten zu können. Aber sie bewirkten das Gegenteil und besiegelten ihre eigene Niederlage. Hätten sie etwas von dieser Herrlichkeit Christi gewusst, so hätten sie ihn nicht gekreuzigt. Als Feinde und Gegner Gottes mussten sie dennoch dessen Liebespläne ausführen und dessen Rettungsziele erreichen helfen. Christus ist Werkmeister — der Feind dagegen ein mehr oder weniger blindes Werkzeug.

Noch ein drittes Wort sei hier genannt: 2. Tim. 2, 24-26. Dort schreibt Paulus: “Ein Knecht des Herrn soll nicht streiten, sondern gegen alle milde sein, lehrfähig, duldsam, der in Sanftmut die Widersacher zurechtweist, ob ihnen Gott nicht etwa Buße gebe zur Erkenntnis der Wahrheit, und sie wieder nüchtern werden aus dem Fallstrick des Teufels, die von ihm gefangen sind für jenes (d. i. Gottes) Willen.”

Von dieser wichtigen Anweisung wollen wir nur einige Punkte herausgreifen. Die Widersacher sollen zurechtgewiesen (oder unterwiesen!) werden. Das Ziel dieser Zurechtweisung besteht darin, dass sie die Wahrheit erkennen möchten. Aber dieses Erkennen der Wahrheit geschieht nicht kraft eines hohen und scharfen Weltverstandes, sondern vermittelst gottgeschenkter Buße.

Halten wir also fest: zur Erkenntnis göttlicher Wahrheiten gehört in erster Linie nicht ein geschulter Verstand, sondern ein bußfertiges Herz. Das ist von Bedeutung!

Zum andern ergibt sich aus unserm Schriftzusammenhang, dass Unnüchternheit ein Gefangensein im Fallstrick des Teufels ist. Wer also in irgendeiner Beziehung von Satan gefesselt, auf irgendeinem Gebiet seines Lebens gebunden ist, der ist “unnüchtern”. Nüchtern aber wird man nur durch die Erkenntnis der Wahrheit.

Zu welchem Zweck sind die Widersacher vom Feinde gefangen? Unser Wort sagt: “jür jenes willen”. Das Wörtleich “jenes” bezieht sich auf Gott. Also dient die Gefangenschaft durch den Teufel dazu, dass Gottes Wille ausgeführt werde. Demnach ist der Satan letztlich doch nichts anderes als ein Werkzeug in der Hand des Herrn. Auch seine Bosheiten müssen dem Heils- und Liebesplan Gottes dienen. Wie beseligend ist diese Erkenntnis für den Glauben; wie bindet sie uns an Christus und macht uns zu Überwindern!

5. Christus und Satan, der Löser und der Mann ohne Namen

Eines der herrlichsten Ämter Christi ist das des Goels oder des Lösers. So nennt David den Herrn in Ps. 19, 14 seinen Goel, wenn er betet: “Lass das Reden meines Mundes und das Sinnen meines Herzens wohlgefällig vor dir sein, o Herr, mein Fels und mein Goel!”

Boas (zu deutsch: Tapferkeit, im Herrn ist Stärke, in ihm bin ich stark) ist ein feines Vorbild auf den wahren Goel. Lesen wir, was in Ruth 4, 1-6 über die Lösertätigkeit des Boas geschrieben steht: “Boas ging zum Tore hinauf und setzte sich daselbst. Und siehe, der Blutsverwandte ging vorüber, von dem Boas geredet hatte. Da sprach er: Komm her, setze dich hierher, du der und der (du Sowieso). Und er kam herzu und setzte sich. Und Boas nahm zehn Männer von den Ältesten der Stadt und sprach: Setzt euch hierher! Und sie setzten sich. Und er sprach zu dem Blutsverwandten: Naemi, die aus dem Gefilde Moabs zurückgekehrt ist, verkauft das Feldstück, welches unserm Bruder Elimelech gehörte; so habe ich nun gedacht, ich wolle es deinem Ohr eröffnen und dir sagen: Kaufe es vor den Einwohnern und vor den Ältesten meines Volkes. Wenn du lösen willst, löse, und wenn du nicht lösen willst, so tue mirs kund, dass ich es wisse; denn da ist niemand ausser dir zum Lösen, und ich komme nach dir. Und er sprach: Ich will lösen. Da sprach Boas: An dem Tage, da du das Feld aus der Hand Naemis kaufst, hast du es auch von Ruth, der Moabitin, dem Weibe des Verstorbenen, gekauft, um den Namen des Verstorbenen auf seinem Erbteile zu erwecken. Da sprach der Blutsverwandte: Ich kann nicht für mich lösen, dass ich mein Erbeteil nicht verderbe. Löse du für mich, was ich lösen sollte, denn ich kann nicht lösen.”

Die Sachlage war folgende: Ruth, die Moabitin, die Schwiegertochter Naemis, war mit ihrer Schwiegermutter in deren Heimat Bethlehem zurückgekehrt. Dort lebte unter den Verwandten Elimelechs, des verstorbenen Mannes der Naemi, einer mit Namen Boas. Auf dessen Feld las Ruth Ähren und erregte wegen ihrer Treue zu ihrer vereinsamten Schwiegermutter das Wohlgefallen des Boas.

Nun bestand damals ein Gesetz, wonach der Blutsverwandte eines Verarmten oder einer Witwe die Lösepflicht hatte. Darüber lesen wir z. B. in 3. Mose 25, 25: “Wenn dein Bruder verarmt und von seinem Eigentum verkauft, so soll sein Löser, sein nächster Verwandter kommen und das Verkaufte seines Bruders lösen.” Ferner steht in 5. Mose 25, 5-10 geschrieben: “Wenn Brüder beisammen wohnen und einer von ihnen stirbt und hat keinen Sohn, so soll das Weib des Verstorbenen nicht auswärts eines fremden Mannes werden; ihr Schwager soll zu ihr eingehen und sie sich zum Weibe nehmen und ihr die Schwagerpflicht leisten. Und es soll geschehen: der Erstgeborene, den sie gebiert, soll den Namen seines verstorbenen Bruders tragen, damit dessen Name nicht ausgelöscht werde aus Israel. Wenn aber der Mann keine Lust hat, seine Schwägerin zu nehmen, so soll seine Schwägerin ins Tor hinaufgehen zu den Ältesten und sprechen: Mein Schwager weigert sich, seinem Bruder einen Namen in Israel zu erwecken; er will mir die Schwagerpflicht nicht leisten. Und die Ältesten seiner Stadt sollen ihn rufen und mit ihm reden; und besteht er darauf und spricht: Ich habe keine Lust, sie zu nehmen, so soll seine Schwägerin vor den Augen der Ältesten zu ihm hintreten und ihm den Schuh von seinem Fuße ausziehen und ihm ins Angesicht speien; und sie soll antworten und sprechen: Also soll dem Manne getan werden, der das Haus seines Bruders nicht bauen will! Und sein Name soll in Israel ‘das Haus des Barfüßigen’ heißen.”

Diese Lösepflicht oder dieses Löserecht, wenn wir sagen wollen, stand demjenigen zu, der am nächsten mit der Witwe verwandt war. Ruth nennt nun zwar Boas ihren Blutsverwandten (3, 9b), aber Boas muss ihr entgegnen: “Wahrlich, ich bin ein Blutsverwandter; doch ist noch ein näherer Blutsverwandter da als ich. Bleibe diese Nacht; und es soll am nächsten Morgen geschehen, wenn er dich lösen will, gut, so mag er lösen; wenn er aber keine Lust hat, dich zu lösen, so werde ich dich lösen, so wahr der Herr lebt” (3, 12.13).

Im Tor, der Stätte öffentlichen Rechtes und Gerichtes, soll sich entscheiden, ob Ruth das Weib des Boas oder des näher Verwandten werden soll. Bei der in 4, 1-6 geschilderten Szene ist es bedeutungsvoll, dass der nähere Verwandte gar nicht mit Namen genannt wird. Was will uns das sagen? Hiob 18, 17, wo im Zusammenhang von dem Feind, dem Gesetzlosen die Rede ist, kann uns da Licht geben. Dort lesen wir: “Sein Gedächtnis verschwindet von der Erde, und auf der Fläche des Landes hat er keinen Namen.”

Der Mann ohne Namen! Während der Name des Herrn hoch gepriesen ist und dereinst die Wonne der ganzen Schöpfung sein wird, muss der Name seines Widersachers vergehen und verwehen. Von welch großer Bedeutung der Name ist, ersehen wir z. B. daraus, dass die Menschen beim Turmbau von Babel sprachen: “Machen wir uns einen Namen!” (1. Mose 11, 4), und aus dem großen Wert, der dem “neuen Namen” beigelegt wird. Oder denken wir an Worte wie Spr. 22, 1: “Ein Name ist vorzüglicher als großer Reichtum” oder Prediger 7, 1: “Besser ein guter Name als wohlriechendes Salböl.”

Dürfen wir aus dem Mann ohne Namen nicht ein Vorbild auf den Feind sehen? Er hatte Löserrechte. Aber diese Löserrechte waren mit Löserpflichten verknüpft: er musste “den Namen des Verstorbenen auf seinem Erbteil erwecken”, d. h. Nachkommen zeugen. Darauf aufmerksam gemacht, sagte der Mann ohne Namen: “Ich kann nicht für mich lösen … ich kann nicht lösen.” Vorher hatte er gesagt: “Ich will lösen”, nun aber muss er seine Unfähigkeit, neues Leben zu zeugen, eingestehen.

Wir haben hier wiederum eine Auseinandersetzung zwischen Christus und Satan. Doch ist sie diesmal rechtlicher, juristischer Art. Der Feind hat ohne Zweifel gewisse Anrechte an uns. Wir sind von ihm gefangen, wir sind ihm dem Fleische nach verfallen. Aber er kann nicht lösen und geht deshalb durch den, der wirklich lösen, loskaufen, neues Leben zeugen kann, aller seiner Rechte verlustig.

Wie erhaben, ja fast majestätisch spielt sich dieser Vorgang ab, wenn wir ihn etwa mit der Auseinandersetzung vergleichen, wie sie in Matth. 12, 29 geschildert ist! Dort das Ringen körperlicher Kräfte — hier eine klar rechtliche Auseinandersetzung. Dort das Eindringen des Stärkeren in das Haus des Starken — hier ein vornehmes Zurücktreten vor dem Recht des näher Verwandten.

“Ich komme nach dir” (Vers 4b). Wieviel Prophetie der Heils- und Rettungswege Gottes liegt in diesem kurzen, knappen Zeugnis verborgen! Gott lässt erst die Sünde ausreifen, das Gesetz seine Unzulänglichkeit erweisen, seinen heiligen Namen lästern und das Böse scheinbar triumphieren, ehe er eingreift und sein Heil und seine Herrlichkeit entfaltet. Während in der Welt das Höherwertige immer zuerst kommt, ist es, wie in so vielen Fällen, bei Gott umgekehrt. Steht nicht geschrieben: “Der erste Mensch, Adam, ward eine lebendige Seele; der letzte Adam ein lebendig machender Geist. Aber das Geistige war nicht zuerst, sondern das Natürliche (das Psychische oder Seelische), danach das Geistige. Der erste Mensch ist von der Erde, von Staub; der zweite Mensch aus dem Himmel” (1. Kor. 15, 45-47).

Dieses wichtige Gesetz vom Ersten und Zweiten, von dem zuerst in die Erscheinung Tretenden und dem nach ihm Kommenden, finden wir in vielen Zusammenhängen göttlicher Gedanken und Wege. Denken wir nur an den ersten und zweiten Menschensohn (Kain und Christus), an das Verhältnis von Ismael zu Isaak, von Jakob zu Esau, an Ephraim und Manasse, an Saul und David, an das erste und zweite Kommen des Herrn usw.! Jedesmal ist das Erste ein scheinbares Misslingen, nach menschlicher Meinung ein Fehlschlag. Und doch ist es Bahnbereiter des Zweiten, lässt durch seine Widerstände und Hemmungen das Zweite umso wirkungsvoller und herrlicher in die Erscheinung treten.

Christus ist nicht nur der Erste, von dem alles ausgeht, Gottes Werkmeister und Planer, das vor Grundlegung der Welt bereitgestellte Lamm, — er ist auch der Letzte, der alles sich auswirken lässt, der den völligen Bankrott alles Geschöpflichen offenbart, damit er als der Neuzeuger, als der wahre Goel auch der Letzte, Endgültige, Bleibende sei.

Auf noch einen Zug unsrer Geschichte sei hingewiesen. Der Mann ohne Namen zog seinen Schuh aus (4, 8b). Der nackte Fuß des Mannes ohne Namen war das Zeichen der Schande. War doch das Wort “Barfüßer” ein Schmähwort (5. Mose 25, 10)! Darum mussten auch Kriegsgefangene, die eine rechtmäßige Beute dessen waren, der sie besiegt hatte, barfuß gehen (Jes. 20, 2.4).

Wir sehen also in dem Verzicht des Mannes ohne Namen auf die Schwagerehe und aus dem freiwilligen Ausziehen seines Schuhes ein herrliches Vorbild auf die Tatsache, dass Boas-Christus seinem Feind den Vortritt lässt, dieser aber zuletzt zu sagen gezwungen ist: “Löse du für dich, was ich lösen sollte … kaufe für dich!” (4, 6b.8a). So werden dereinst alle höllischen Gewalten auf ihr scheinbares Anrecht verzichten und Christus wird als Herr und Löser von seiner ganzen Schöpfung erkannt werden und “das All ins Leben zeugen” (1. Tim. 6, 13). Gott sei Lob und Dank für diesen wunderbaren Löser! —

6. Christus und Satan, der Sohn der Liebe und der Fürst der Gewalt

Der Herr und sein Gegenspieler stellen zwei wichtige Grundsätze dar. Christus ist der “Sohn der Liebe” (Kol. 1, 13), während Satan der “Fürst der Gewalt der Luft” (Eph. 2, 2) ist. Stärke, Macht, Gewalt auf der einen Seite — Liebe, Gnade, Erbarmen auf der andern. Welches Prinzip ist stärker? Welches ist gottgemäßer? Welches wird den endgültigen Sieg erreichen und bleibend herrschen?

Es gibt eine schöne, schlichte Fabel, die etwas von diesen Dingen ahnt. Überhaupt ist es wunderbar zu sehen, wie die Märchen und Sagen der Völker vieles ahnen von den großen Gotteswahrheiten der Erlösung und der Vollendung. Herrliche Heilsgedanken und Gnadenabsichten leuchten, wenn auch verzerrt und entstellt, durch alles Volksgut echter Dichtung hindurch.

Unsre Fabel nun, die wohl den meisten von uns bekannt ist, handelt von einem Wettstreit zwischen Sturm und Sonne. Ein Wanderer hatte einen Mantel an, und Sturm und Sonne versuchten, ihn ihm wegzunehmen. Die Sonne ließ dem Sturm den Vortritt. “Ich komme nach dir!” Der Wind zerrte und riss mit Gewalt, aber der Wanderer hüllte sich nur umso fester in sein Gewand. Dann trat die Sonne auf den Plan. Ihren wärmenden Strahlen gelang es bald, dass der Wanderer den ihm lästig werdenden Mantel freiwillig ablegte.

Wir wollen an dieser Geschichte nun nicht deuteln und deuten. Aber auf eine Tatsache sei hingewiesen. Der Sturmwind ist nach der Schrift ein Symbol für den Feind, und die Sonne ist ein Sinnbild für den Herrn.

Schlagen wir Jer. 30, 23.24 auf: “Siehe, ein Sturmwind des Herrn, ein Grimm ist ausgegangen, ein sausender Sturmwind; er wird sich hernierderwälzen auf den Kopf des Gesetzlosen. Nicht wenden wird sich die Glut des Zornes des Herrn, bis er getan und bis er ausgeführt hat die Gedanken seines Herzens.”

Der laufende Sturmwind des Herrn, der sich auf den Kopf des Gesetzlosen herabwälzt, wird auch die Zornglut des Herrn genannt. Wenn wir nun 1. Chron. 21, 1 mit 2. Sam. 24, 1 vergleichen, so finden wir die Schilderung der gleichen Begebenheit, nämlich die Volkszählung, die David veranstaltete. Während es aber im ersten Schriftzeugnis heißt, Satan habe David gereizt, Israel zu zählen, sagt das zweite Gotteswort, der Zorn des Herrn habe David veranlasst, die Zählung vorzunehmen.

Daraus ersehen wir, dass Satan auch Zorn des Herrn genannt wird. Und dieser Zorn Jehovas wird in unserm Jeremiaswort als sausender Sturmwind bezeichnet.

Der Sturm ist also nach der Symbolik der Bibel der Feind. Wer aber ist die Sonne? Denken wir da nicht an die bekannte Strophe:

    ”Die Sonne, die mir lachet,
    Ist mein Herr Jesus Christ!”?

In Mal. 4, 2 wird der Herr “die Sonne der Gerechtigkeit” genannt. Bei seiner Umgestaltung auf tabor leuchtete sein Antlitz wie die Sonne (Matth. 17, 2), und Offb. 1, 16 sagt, dass das Angesicht Jesu wie die Sonne strahlte. Das deckt sich ganz mit dem Zeugnis der Söhne Korah, die in Ps. 84, 11 jubeln: “Gott, der Herr, ist die Sonne!”

Der Sturmwind vermag seine Ziele nicht zu erreichen, aber die Sonne führt ihre Absichten durch. Das ist in kurzen Worten der Inhalt der oben genannten Fabel. Enthält sie, im Lichte der Schrift gesehen, nicht große, göttliche Wahrheiten? Ahnt sie nicht letzte tiefste Geheimnisse?

Der Fürst der Gewalt weiß nichts von Gottes ureigenem, innerstem Herzen und Wesen. Sehen doch auch die Dämonen in Jesus nur einen, der sie quälen will (Matth. 8, 29)! Christus ist doch nicht gekommen, um zu quälen, wehe zu tun und Furcht und Schrecken zu verbreiten, sondern im Gegenteil, um zu heilen, und zu helfen, zu trösten und zu retten!

“Die Stimme von Schrecknissen ist in seinen Ohren”, sagt Hiob 15, 21a von dem Feind und Gesetzlosen. Er kennt nicht die Botschaft der Gnade und weiß nichts von Liebe und Erbarmen. Zorn und Gewalt, Fluch und Verderben, Tod und Verdammnis sind die Dinge, auf die er sinnt und die seiner eigenen Art entsprechen. Darum ist der Feind immer nur ein Gerichtswerkzeug in der Hand Gottes, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht.

Wie ganz anders ist Christus! Er ist der Sohn der Liebe. Verkörpert er doch die heilbringende Gnade Gottes (Titus 2, 11)! Nicht Gewalt und Macht — die hatte er auch, legte sie aber in freiwilliger Entäusserung ab! — sondern sich selbst erniedrigendes Erbarmen zu allen, Treue gegen Verräter, Gnade gegen Abtrünnige, Güte gegen seine Feinde und Hasser kennzeichnen sein Wesen.

Wer trägt nun den Sieg davon, das Gericht oder die Barmherzigkeit? Ein kurzes Schriftzeugnis möge uns die beseligende Antwort auf diese Frage geben. In Jak. 2, 13b lesen wir: “Die barmherzigkeit triumphiert über das Gericht.” Was wäre dem noch hinzuzufügen?

Nicht die Finsternis- und Gewaltmächte des Todes dürfen den Sieg behalten, sondern das Licht und die Liebe werden das All rettend und beseligend in Gottes Art und Wesen umgestalten. Ruft doch Paulus in 1. Kor. 15, 54b.55 aus: “Verschlungen ist der Tod in Sieg! Wo ist, o Tod, dein Stachel? Wo ist, o Tod, dein Sieg?!

Nicht der Tod, sondern das Leben wird das Letzte sein (Offb. 21, 4), nicht die Nacht wird den Sieg davontragen, sondern das wahrhaftige Licht, welches jeden in die Welt kommenden Menschen erleuchtet (Joh. 1, 9). Alle Herrschaft und alle Gewalt und alle macht werden dereinst weggetan (ausgeschaltet oder beseitigt) werden, wie in 1. Kor. 15, 24 geschrieben steht. Die Liebe aber hört nimmer auf (1. Kor. 13, 8)!

Wohl uns, dass wir dem Fürsten der Gewalt entrissen sind und eins gemacht wurden mit dem Sohn der Liebe! —

7. Christus und Satan, ihr Wachstum bzw. ihr Zerfall

In 2. Sam. 3, 1 lesen wir: “Der Streit war lang zwischen dem Hause Sauls und dem Hause Davids; Davis aber wurde immerfort stärker, während das Haus Sauls immerfort schwächer wurde.” Saul heißt aud deutsch “der Begehrer”, während David “der Geliebte” bedeutet. Welch treffende Vorbilder für den Herrn und seinen Gegner! “Satan hat euer begehrt”, sagt Jesus in Lukas 22, 31 zu seinen Jüngern. Ist also der Teufel nicht ein Begehrer? Und ist andererseits der Herr nicht der Geliebte, den Gott nicht nur selber in heiliger Inbrunst liebt, sondern durch den und in dem er auch seine ganze Schöpfung liebt?

Ein langer Streit bestand zwischen dem Haus Sauls und dem Haus Davids. Wer sollte schließlich regieren? Wessen Haus sollte am Ende entthront und ausgerottet werden? 1. Chron. 10, 6 gibt uns eine ebenso klare wie erschöpfende Antwort. Dort lesen wir: “So starben Saul und seine drei Söhne; und sein ganzes Haus starb zugleich.”

Wie zahlreich und umfassend sind dagegen die Verheißungen, die bezüglich des Fortbestandes des davidischen Königshauses gegeben sind!

Abner, zu deutsch “Vater des Lichtes”, sprach zu seinem Herrn: “Ich will mich aufmachen und hingehen und ganz Israel zu meinem Herrn, dem König, versammeln, dass sie einen Bund mit dir machen, und du über alles regierst, was deine Seele begehrt” (2. Sam. 3, 21). Worüber sollte David regieren? “Über alles, was deine Seele begehrt”! Wonach sehnt sich aber der wahre David-Christus? Nach allem, was ihm von seinem Vater übergeben ist! Was aber ist ihm von seinem Vater übergeben? Doch das ganze All! Steht nicht ausdrücklich geschrieben, dass sich dereinst alle Kniee anbetend vor ihm beugen, die Himmlischen, die Irdischen und die Unterirdischen (Phil. 2, 10)?

Der wahre David-Christus wird dereinst über alles regieren, was seine Seele begehrt. Bezeugt doch Phil. 3, 21, dass er gemäß der ihm von Gott verliehenen wirksamen Kraft sich das All untertan zu machen vermag!

Die Schrift berichtet, dass der letzte Spross des Hauses Sauls Mephiboseth war. Mephiboseth heißt auf deutsch “Schandbild” oder “Schandmaul”. Aus Furcht vor David wohnte er in Lodebar, dem Land der Wüste. Er fürchtete, David werde sich an ihm rächen für all die Unbill und all den Hass, den er von seinem Großvater Saul erduldet hatte. Was aber erfuhr er? Nicht Rache, sondern Gnade! “Güte Gottes” erwies David an ihm! So wurde der letzte Feind des Hauses Sauls gottgemäß überwunden!

Welch ein herrliches Vorbild auf Gottes Gedanken und Pläne haben wir hier! Der letzte Feind, der abgetan wird, ist nach 1. Kor. 15, 26 der Tod. Diese Schmach und Schande der Schöpfung, die allem und jedem Lebewesen ihre Verderbensspuren einprägt, wird dereinst völlig verschwinden. “Der Tod wird nicht mehr sein”, sagt Offb. 21, 4 kurz und klar.

Wer ist dann noch übrig vom Hause Sauls, des Begehrers? Wer sollte dann noch versuchen, die Herrschaft Davids, des Geliebten, zu beeinträchtigen oder anzutasten? Nichts und niemand im weiten Weltenall! Satan-Saul hat alles verloren und eingebüßt, und die Herrschaft ist in jeder Beziehung in die starke Retterhand des gottverordneten David-Christus übergegangen. —

Wir haben nun an einer Reihe von Punkten die Auseinandersetzung zwischen Christus und Satan zu beleuchten versucht. Unter welchem Gesichtswinkel wir auch das Ringen dieser beiden Mächte betrachten mögen, ob wir die verheißungsmäßige oder die geistig-geistliche Seite, die machtmäßige oder die intrumentale, die rechtliche, die moralische oder die wachstümliche Beziehung erwägen, — immer und überall finden wir, dass der Herr stärker ist als sein Gegenspieler. Zuletzt behält er den Sieg und führt nicht nur trotz der Machenschaften und Widerstände seines Gegners, sondern gerade mittelst dessen Kampf und Feindschaft alles herrlich hinaus.

Gott sei Dank, dass wir, die wir im Weltgewühl der Vorendzeit stehen und so mancherlei Ängste, Nöte und Bedrängnisse zu durchlaufen haben, mit der allgenugsamen Lichtskraft und Liebesmacht unsres erhöhten Herrn und Hauptes Augenblick um Augenblick rechnen dürfen!

(Quelle: “Wort und Geist”, 35. Jahrgang, Januar/Februar 1941 — “Wort und Geist” war die nachfolgende Zweimonatsschrift von “Das prophetische Wort” und der Vorgänger der heute erhältlichen “Gnade und Herrlichkeit” aus dem Paulus-Verlag Karl Geyer, Heilbronn)

Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Wichtige Hinweise:
1.) Eingereichte Leser-Kommentare geben nicht zwangsweise die geistliche Sicht und Meinung des Betreibers dieser Website wider.
2.) Der Betreiber hält sich vor, dem Wesen und Anliegen dieser Website zuwiderlaufende Kommentare nicht freizugeben resp. zu löschen. Dies geschieht selbstverständlich auf jeden Fall bei Kommentaren mit antichristlichen, beleidigenden, obszönen oder anderweitig gegen die guten Sitten oder den christlichen Geist verstoßenden Inhalten. Eine kritische und/oder kontroverse Haltung zu einem der hier verfügbaren Artikel und Texte ist dagegen keineswegs Grund für eine Nichtfreigabe, solange diese sachlich erfolgt und begründet wird.
3.) Bitte erwarten Sie nicht, dass der Betreiber dieser Website generell auf jeden abgegebenen Leser-Kommentar eingeht.
4.) Gelegentlich landen Kommentare auch ohne Spam-verdächtigem Inhalt im Moderationsordner. Woran das liegt, wissen wir nicht. Erstkommentatoren gehen generell über die Moderation. In diesen Fällen bitten wir um Nachsicht und ein wenig Geduld. Ihr Kommentar wird schnellstmöglich freigeschaltet.
5.) Wenn Sie ggf. einzusetzende Links nicht über das Quicktag/den Button "link" einbinden, bitte die URLs vorher bei short4u.de oder tinyurl.com kürzen!


468 Artikel online •
7 Besucher online