Durch Gericht zur Gnade
Autor: Wörz, Reiner | Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Gerichte Gottes | 441 x gelesen“Stehe auf, Jehovah, in Deinem Zorn! Erhebe dich wider das Wüten meiner Bedränger, und wache auf zu mir: Gericht hast Du befohlen.” (Psalm 7, 6)
Ein Mörder wird aufgrund erdrückender Beweislast zum Tod verurteilt. Alle empfinden das Urteil des Richters als gerecht. Der Richter ordnet den sofortigen Vollzug der Strafe an. Angesichts seines Henkers bricht der Delinquent zusammen und gesteht unter Tränen die grauenvolle Tat. Immer wieder bittet er den strengen, aber gerechten Richter um Gnade, doch dieser antwortet hart: “Du bekommst lediglich die gerechte Strafe für deine Tat, den Tod.” Ohne Gnade wird der Mörder hingerichtet.
Müssen wir aus dieser erfundenen Geschichte nicht den Schluss ziehen, dass sich Gericht und Gnade gegenseitig ausschließen? Entweder wird der Mörder hingerichtet oder begnadigt. Finden wir diesen sich ausschließenden Gegensatz nicht auch in der Bibel? Entweder begnadigt Gott im Hinblick auf das ein für allemal erbrachte Sühnopfer Jesu, oder es ergeht bei ungläubiger Ablehnung der Heilstat das gerechte Verdammungsurteil über einen Menschen. Schließen sich nicht auch in der Schrift Gnade und Gericht gegenseitig aus? Dem einen begegnet Gott als gerechter Richter, der ihn völlig zu Recht für ewig verdammt, und dem anderen als begnadigender, barmherziger Vater? Die meisten Gläubigen dürften eine solche oder ähnliche Schau haben. Andere, die aufgrund des Wortes erfassen durften, dass Gott mit allen zu Seinem Heilsziel kommt und die Gerichte zwar furchtbar, aber nicht unendlich sind, fragen sich: Wie kann unser liebender Vater solch gewaltige Gerichtsschläge, wie sie etwa in der Offenbarung für die Letztzeit prophezeit sind, zulassen oder gar wollen? Kann ein gnädiger Gott der Liebe so sein?
1. Das große Endziel Gottes
Nach dem klaren Zeugnis der Heiligen Schrift wird Gott einmal das ganze All in Sein Gottesleben zeugen (1. Tim. 6, 13: “Der das All ins Leben zeugt”). Alle Geschöpfe werden dann organisch Seiner Hauptschaft unterstellt sein (Eph. 1, 9). Gott wird dann “alles in allen” sein (1. Kor. 15, 28). Freiwillig werden die Geschöpfe ihre Knie beugen und bekennen, dass Jesus Christus Herr ist, zur Verherrlichung Gottes, des Vaters (Phil. 2, 9-11; Jes. 45, 23-24). Dann wird Gott Seinen Heilsratschluss herrlich hinausgeführt haben und nicht nur ein Retter aller Menschen sein (1. Tim. 4, 10), sondern die ganze Schöpfung in die Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes geführt haben (Röm. 8, 21). Zu diesem Zeitpunkt ist die Verheißung von Offb. 21, 5: “Siehe, ich mache alles neu” erfüllt.
Es ist klar, dass es in der Herrlichkeitsgegenwart Gottes, der dann Vater aller ist, weil alle aus Ihm gezeugt wurden, kein Gericht mehr geben wird. Mit anderen Worten, es müssen alle Gerichte zu Ende gekommen sein. Schon allein von daher gibt es kein ewiges Gericht im Sinne von “endloses Gericht”. “Ewig” ist allein Gott, weshalb jüdische Übersetzer und Gelehrte gern vom “Ewigen” sprechen. Alles andere ist zeitlich und damit begrenzt.
2. Der Zweck der Gerichte Gottes
a) Gerichte sind nicht endlos
Viel Verwirrung hat die falsche Übersetzung der Grundtextbegriffe Äon, äonisch (im Griechischen) und olam (im Hebr.) gestiftet, die oft mit Ewigkeit bzw. ewig wiedergegeben werden. So gibt es dann ein “ewiges Gericht” (Hebr. 6, 2), eine “ewige Pein” und ein “ewiges Feuer” (Matth. 25, 41, 46). Tatsächlich geht es aber um zum Teil zwar sehr lange, aber begrenzte Zeiträume. Dies lässt sich an einer Vielzahl von Stellen im Alten und Neuen Testament leicht zeigen. Es sollen nur einige Beispiele herausgegriffen werden, die Heinz Schumacher in seinem Buch »Versöhnung des Alls — Gottes Wille« auf S. 53 angeführt hat: “So ist die Rede von … ‘ewigen Satzungen’ (2. Mose 12, 14.17; 7, 21) (die aber nach Hebr. 7, 18; 9, 10; 2. Kor. 3, 6-11 wieder abgeschafft bzw. hinweggetan werden); von ‘ewigen Trümmern’ (Jer. 25, 9; 49, 13; Jes. 58, 12; 61, 4) (die nach den beiden letzten Worten wieder aufgebaut werden sollen!); von einem ‘ewigen Priestertum’ (2. Mose 40, 15) (das aber nach 2. Kor. 3, 6-11 und Hebr. 7, 11.12 ebenfalls kein endloses ist); von einer irdischen Wohnstätte Gottes ‘für Ewigkeiten’ (1. Kön. 8, 13). … In Röm. 16, 25 ist die Rede von ‘ewigen (äonischen) Zeiten’, in denen Gott ein jetzt geoffenbartes Geheimnis verschwiegen hat, die also eindeutig abgelaufen sind (vgl. 2. Tim. 1, 9 und Tit. 1, 2).”
Nicht unerwähnt soll das über die Bewohner von Sodom verhängte “ewige Gericht” bleiben, das im kleinen Judasbrief Erwähnung findet. “Wie Sodom und Gomorra und die umliegenden Städte, die sich, gleicherweise wie jene, der Hurerei ergaben und anderem Fleische nachgingen, als ein Beispiel vorliegen, indem sie des ewigen (griech. aionios: äonisch) Feuers Strafe leiden” (Jud. 7). Wenn die Übersetzung von aionios hier richtig ist, dann gäbe es für die Sodomiten keine Hoffnung mehr. Endlos müssten sie ihr Dasein in einem furchtbaren Gerichtszustand fristen. Besondere Bedeutung erlangt ihr weiteres Ergehen auch deshalb, weil sie von der Schrift als (Muster-) Beispiel für Gericht dargestellt werden. An diesem Gericht lässt sich alles Wesentliche über die kommenden großen Gerichte, z. B. vor dem weißen Thron (Offb. 20, 11-15), ablesen.
Dass Sodom nicht ewig im Gericht bleibt, lässt sich einer Prophezeiung Hesekiels entnehmen: “Und deine (gemeint ist Jerusalem — Juda) größere Schwester ist Samaria mit ihren Töchtern, die zu deiner Linken wohnt; und deine Schwester, die kleiner ist als du und die zu deiner Rechten wohnt, ist Sodom mit ihren Töchtern. Aber nicht auf ihren Wegen hast du gewandelt, und nicht nur ein wenig nach ihren Gräueln getan; denn du hast verderbter gehandelt als sie auf allen deinen Wegen.
So wahr ich lebe, spricht der Herr, Jehovah, Sodom, deine Schwester, sie und ihre Töchter haben nicht getan, wie du getan hast, du und deine Töchter! Siehe, dies war die Missetat Sodoms, deiner Schwester: Hoffart, Fülle von Brot und sorglose Ruhe hatte sie mit ihren Töchtern, aber die Hand des Elenden und des Armen stärkte sie nicht; und sie waren hochmütig und verübten Gräuel vor meinem Angesicht. Und ich tat sie hinweg, sobald ich es sah. Und Samaria hat nicht gesündigt gleich der Hälfte deiner Sünden; und du hast deiner Gräuel mehr gemacht als sie und hast deine Schwestern gerechtfertigt durch alle deine Gräuel, die du verübt hast … Und so werde auch du zu Schanden und trage deine Schmach, weil du deine Schwestern gerechtfertigt hast. Und ich werde ihre Gefangenschaft wenden, die Gefangenschaft Sodoms und ihrer Töchter und die Gefangenschaft Samarias und ihrer Töchter und die Gefangenschaft deiner Gefangenen in ihrer Mitte: auf dass du deine Schmach tragest und dich schämest alles dessen, was du getan hast, indem du sie tröstest. Und deine Schwestern, Sodom und ihre Töchter, werden zurückkehren zu ihrem früheren Stande (also wiederhergestellt und aus dem Gericht entlassen werden!); und Samaria und ihre Töchter werden zurückkehren zu ihrem früheren Stande; und auch du und deine Töchter, ihr werdet zurückkehren zu eurem früheren Stande” (Hes. 16, 46-55).
Mehr als doppelt so schwer wiegen die Sünden Judas als die Sodoms, und doch wird nach Röm. 11, 26 “ganz Israel gerettet werden”! Das Gericht über Sodom aber ist ebenso zeitlich begrenzt, wie die Gerichte über Israel begrenzt sind. Ziel dieser Gerichte ist die Wiederherstellung Sodoms. Ebenso verhält es sich mit allen anderen Gerichten Gottes. Damit soll die Furchtbarkeit und der ungeheure Ernst, der mit diesen Gerichten verbunden ist, nicht geleugnet werden. Unter Umständen dauern sie wie im Falle Sodoms Jahrtausende lang.
Da Gott mit Seinen Gerichten pädagogische Ziele erreichen will und wird, die am großen Endziel der Neuzeugung des Alls ausgerichtet sind, entfällt die Notwendigkeit, weiter Gericht zu üben, mit Erreichung der gesteckten Ziele. Ein weiteres Richten wäre sinnlos und darüber hinaus ungerecht, da keine zeitliche Sünde oder Schuld unendliche (ewige) Strafe rechtfertigen würde.
Gott ist ein “Gott des Maßes” (2. Kor. 10, 13). Selbst im strengen Gesetz vom Sinai, das Mose auf dem Berg empfangen hat, gibt es klar begrenzte Strafen für Schuld. Dies gilt auch für die Todesstrafe, die keinesfalls den Sünder ewig im Todeszustand belässt. Wo Gott den Tod anordnet, geschieht dies zum einen zum Schutz anderer Menschen. Zum anderen ist es für den Betroffenen gut, wenn er im Totenreich so lange leidet, bis er durch diesen “Erziehungsprozess” so weit gebracht wurde, dass Gott ihn wieder aus dem Totenbereich rufen und befreien kann. Hannah betet in 1. Sam. 2, 6: “Jehovah tötet und macht lebendig. Er führt in den Scheol hinab und führt herauf.” Des Weiteren bezeugt uns die Schrift, dass der letzte Feind, der unwirksam gemacht wird (so wörtlich in 1. Kor. 15, 26), der Tod ist und somit mitnichten unendlich fortbesteht.
Nochmals sei betont, dass mit diesen Aussagen die schweren Gerichte keinesfalls verharmlost werden sollen. Jedoch soll aufgezeigt werden, dass alle Gerichte Erziehungswege Gottes sind, die nach Erreichung des Gerichtszweckes enden.
b) Gerichte sind nicht ziellos
Gott, “der alles nach dem Ratschluss Seines Willens bewirkt” (Eph. 1, 11), trägt schlussendlich die Verantwortung für alle Gerichte. Sie geschehen, weil Er sie will. Hier nur von Zulassung zu sprechen, ist zu wenig. Gott hat selbstverständlich an ihnen keine Freude oder gar Wohlgefallen, vielmehr schmerzt Ihn das Leid der Geschöpfe und ihre Not bis ins Herz. Dennoch übt Er Gericht, bzw. lässt Gericht üben, weil Er sie für gut, gerecht und vor allem notwendig erachtet. Während Gerichte auf der Ebene des Ratschlusses (an dessen Zustandekommen durchaus auch andere “Ratsmitglieder” beteiligt sein können) und des guten Willens ablaufen, muss die Ausführung Seiner Herzensgedanken der Liebe und Barmherzigkeit dem vollkommenen und wohlgefälligen Willen Gottes zugeordnet werden. (Röm. 12, 2 spricht vom guten, wohlgefälligen und vollkommenen Willen Gottes).
Hinter den Gerichten in dieser Schöpfung steht der Schöpfer; schon von daher müssen wir schließen, dass Gerichte nicht irgendwie und irgendwann ablaufen, sondern von Gott zu einem bestimmten Zweck und Ziel eingesetzt werden. Schon im Alten Bund heißt es: “Das Gericht ist Gottes” (5. Mose 1, 17).
Die Gerichte dienen letztlich dem Heil der Gerichteten. Beispielhaft sei hier der König Nebukadnezar angeführt, der, bevor ihn das göttliche Gericht traf, stolz, selbstsicher und gottlos war. Er hatte es seiner Meinung nach nicht nötig, auf Gott zu hören, als Er ihn durch den Propheten Daniel warnen ließ. Daniel forderte ihn auf, mit seinen Sünden zu brechen (Dan. 4, 27). Nachdem Nebukadnezar nicht auf ihn hören wollte, traf ihn nach der “Bewährungsfrist” von einem Jahr das Gericht mit voller Härte. Dieses Gericht bewirkte nun aber nicht die endgültige Verwerfung und Verdammung des Königs, sondern er wurde dadurch zur Besinnung gebracht, demütigte sich unter die mächtige Hand Gottes und ehrte Ihn. “Und am Ende der Tage erhob ich, Nebukadnezar, meine Augen zum Himmel, und mein Verstand kam mir wieder; und ich pries den Höchsten und ich rühmte und verherrlichte den ewig Lebenden, dessen Herrschaft eine ewige Herrschaft ist und dessen Reich von Geschlecht zu Geschlecht währt … Nun rühme ich, Nebukadnezar, und erhebe und verherrliche den König des Himmels, dessen Werke allesamt Wahrheit und dessen Wege recht sind und der zu erniedrigen vermag, die in Hoffart wandeln” (Dan. 4, 31-34).
So wäre in unseren Tagen so mancher gut beraten, wenn er die Warnung Gottes zu Herzen nehmen würde: “… Heute, wenn ihr Seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht” (Hebr. 3, 7.8). Im übrigen sei darauf hingewiesen, dass Nebukadnezar ein Abbild auf den Finsternisfürsten ist.
Ohne Gericht hätte Nebukadnezar sich weiter ins Böse entwickelt. Das Gericht brachte ihn zur Gottesfurcht und Demut vor Gott. Er hätte das schmerzliche Gericht vermeiden können, wenn er sich vorher nicht verhärtet hätte. Nach seinem Unglauben und Ungehorsam blieb Gott, der ihn liebte, aber seine Sünden hasste, nur der Weg des Gerichts. Gerade ein Nichteingreifen Gottes wäre lieblos gewesen. So zeigt Gott Seine Liebe dadurch, dass Er Gericht zur Zurechtbringung übt, so wie wir unsere Kinder manches Mal bestrafen müssen, gerade weil wir sie lieben und ihr weiterer Weg uns nicht gleichgültig ist.
Verschwiegen werden soll allerdings nicht, dass im Gericht noch andere Aspekte wie die Gerechtigkeit Gottes eine Rolle spielen. Solange ein Geschöpf nicht das Gericht Gottes über die Sünde am Fluchholz auf Golgatha glaubend in Anspruch nimmt, muss es “von Rechts wegen” für seine Schuld bestraft werden. Wie wunderbar ist es doch, dass der Herr selbst als unschuldiges “Lamm” diese Schuld getragen hat. Kann es einen größeren Erweis der Liebe Gottes geben? Ein Zitat von Heinrich Langenberg soll den Zusammenhang zwischen Gericht und Heil weiter beleuchten: “Gericht ist nur im Zusammenhang mit der Barmherzigkeit und der Treue oder Liebe Gottes (Luk. 11, 42) richtig zu verstehen. Wie Zorn Gottes nur eifernde Liebe ist, so ist das Gerichtshandeln Gottes das Handeln Seiner eifernden Liebe. Kein Gericht ohne Heil und kein Heil ohne Gericht, so haben bereits die Propheten verkündigt. Heil ohne Gericht predigen die falschen Propheten und Gericht ohne Heil die Fanatiker. Gericht ist niemals vom Heil zu trennen. … Das Gericht ist nie das letzte Wort, sondern Heil oder Sieg.” (Biblische Begriffskonkordanz, Seite 207/210)
So wird das Haus des auserwählten Volkes im Gericht öde gelassen, bis sie sprechen: “Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn!” (Matth. 23, 38.39). Hier wird nicht nur erneut die Endlichkeit des Gerichtes deutlich, sondern darüber hinaus die Änderung in ihrer inneren Haltung und Gesinnung. Vorher haben sie in ihrer breiten Masse den Sohn Gottes abgelehnt und gerufen: “Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche” (Luk. 19, 14). Durch all die schweren Gerichte, die die Juden in ihrer zweitausendjährigen “Wüstenwanderung” in den Nationen erleben mussten, und besonders durch die noch bevorstehenden Endzeitgerichte kommt es dazu, dass sie den Sohn segnen und preisen.
Alle Gerichte dienen also dem Zerbruch, der Demütigung und letztlich der Zurechtbringung des Geschöpfes. Oft ist das Geschöpf erst im Gericht bereit, auf Gott zu hören und sich Ihm gegenüber zu öffnen. Damit sind Retten und Richten keineswegs zwei einander ausschließende Verhaltensweisen Gottes, sondern im Gegenteil: Um Sein Rettungswerk durchzuführen, muss Gott richten. Ohne Richten gibt es kein Heil. Im Übrigen übt Gott oft dadurch Gericht, dass die Geschöpfe ihren Willen ausführen dürfen und damit sich selbst und andere in Not bringen. Gott lässt ihnen eine gewisse Zeit durchaus ihren “Kopf” und zeigt damit auf, wohin dieser Eigenwille führt.
So konnten Adam und Eva ihren Weg des Ungehorsams und Eigenwillens gehen, ohne dass Gott ihn verhindert hätte. Doch dieser Weg brachte nicht das erhoffte Glück, sondern Tod, Krankheit und Leid, nun bereits seit ca. 6 Jahrtausenden. Die Gerichtsfolgen dienen dazu, dass die Menschen lernen und erkennen, dass es besser ist, gleich auf Gott zu hören und Ihm zu vertrauen, d. h. zu glauben. Von daher sind Gerichte im Kleinen wie im Großen pädagogisches Anschauungsmaterial, an dem wir lernen sollten. So heißt es beim Propheten Hesekiel als Begründung für die angekündigten Gerichte oft, “auf dass ihr erkennet”. Jes. 26, 9.10 spricht von einem Lernprozess, der durch Gnade allein nicht erreicht werden kann: “Denn wenn Deine Gerichte die Erde treffen, so lernen Gerechtigkeit die Bewohner des Erdkreises. Wird dem Gesetzlosen Gnade erzeigt, so lernt er nicht Gerechtigkeit; im Lande der Geradheit handelt er unrecht und sieht nicht die Majestät Jehovahs.”
Besser ist es allerdings, an Gottes Wort ohne Gerichtsumweg zu lernen (5. Mose 4, 10), zumal die Gerichte Gottes nicht verharmlost werden dürfen.
Wir sehen also, welche immense Bedeutung das Gericht im Heilshandeln Gottes hat. Gerade deshalb ist alles Gericht dem Sohn übergeben, damit sie den Vater und den Sohn ehren. “Denn der Vater richtet auch niemand, sondern das ganze Gericht hat Er dem Sohn gegeben, auf dass alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren” (Joh. 5, 22.23). Allein Gott kommt als gerechter Weltenrichter in Frage. Das Gericht dient des Weiteren der Rechtssetzung und Wiederherstellung des Rechts. Sind doch Gerechtigkeit und Gericht die Grundfesten Seines Thrones (Ps. 89, 14; 97, 2), d. h. die Grundlagen Seiner Herrschaft. Wie ernst Gott dies nimmt, sieht man am schmerzvollen Sühnetod Jesu, als Er all unsere Sünden auf Golgatha getragen hat und sie dort im größten Gericht, das jemals im Kosmos geschah, gerichtet wurden. So hat der zukünftige Weltenrichter für uns das Gericht über alles Fleisch getragen. “Fürwahr, Er hat unsere Leiden getragen, und unsere Schmerzen hat Er auf sich geladen. Und wir, wir hielten Ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt; doch um unserer Übertretungen willen war Er verwundet, um unserer Missetaten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf Ihm, und durch Seine Striemen ist uns Heilung geworden” (Jes. 53, 4.5).
Wer dieses Gericht im Glauben für sich und sein Fleisch bejaht (als Mitgerichteter, Mitgestorbener und Mitbegrabener), kommt nicht mehr ins Gericht, weil er sich selbst gerichtet hat (Joh. 5, 24; 1. Kor. 11, 31.32). Auch in diesem Sinne fängt das Gericht am Hause Gottes (das sind die heute Glaubenden) an (1. Petr. 4, 17).
3. Gerichte führen zur Gnade und sind letztendlich ein Erweis der Liebe Gottes
Gott geht es — wie wir gesehen haben — im Gericht um ein “Herrichten” und nicht um ein auf Dauer angelegtes “Hinrichten”. Er sinnt darauf, dass das Verstoßene nicht verstoßen bleibt (2. Sam. 14, 14). Bei allem Gericht bleibt Sein Wesen, die Liebe, unverändert. Er liebt gerade auch dann, wenn Er richtet. Wir können das aus verschiedenen Zusammenhängen der Heiligen Schrift entnehmen. So an der Bezeichnung Jesu in der Offenbarung. Obwohl der Herr Jesus dort viele Male als Gericht übender Richter auftritt sowie als König, der mit Strenge seine Herrschaft festigt, wird Er gerade in der Offenbarung 27-mal als Lämmlein bezeichnet. Das ist doch eigentlich ein Widerspruch! Hier tritt Er auf in großer Macht und Herrlichkeit und übt mit dem Schwert schwerstes Gericht (z. B. in Offb. 19, 11ff.), und dennoch nennt Ihn der Geist Gottes fast ausschließlich Lämmlein. An dieser Bezeichnung können wir erkennen, dass Sein innerstes Wesen trotz allem Gericht und gerechtem Zürnen doch Lammesnatur bleibt. Und so ist Sein Gericht auch nicht ohne Liebe, ist keineswegs pure Rache, sondern vom pädagogischen Ziel der Zurechtbringung geprägt. Sein Gericht ist ein zurechtbringendes Gericht. Seine Gerichte haben ein Ziel, einen Ertrag, eine Frucht. Er will die Menschen nicht endlos quälen. Es ist kein unbedachter, unbeherrschter Zornesausbruch, sondern ein auf das allernotwendigste Maß beschränkter Gerichtsakt, ohne den allerdings kein Fortschritt möglich ist. Jetzt geht es nicht mehr anders — jetzt muss Gericht geübt werden. Das ist Liebe! Lieblos wäre es doch gerade, wenn Gott auf diese Gerichte verzichten würde und damit Menschen und Geschöpfe so “unheil” belassen würde, wie sie sind. Gott will die Menschen zum Ziel führen, und dazu braucht Er Gericht und Gnade. So übt Er als Lamm Gericht.
Haben wir bei allen Gerichten diese Lammesgesinnung? Wie ist unser innerstes Wesen? Richten wir ohne Barmherzigkeit mit dem “Schwert” der Worte? Der Geist fordert uns auf: “Diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus ist” (Phil. 2, 5). Dieses Wort dürfen wir auch einmal auf das Richten beziehen. Gott ist Liebe und voller Barmherzigkeit, auch und gerade in den scheinbar lieblosen und unbarmherzigen Gerichten. Diese Schau erschließt sich allerdings dem natürlichen Menschen nicht. Nur wer mit den inneren Herzensaugen des Glaubens schauen darf, erkennt das geheimnisvolle Wunder der Gnade in den Gerichten. Paulus betet deshalb, dass die Epheser mit erleuchteten Herzensaugen durch geistliche Weisheit den Vater erkennen möchten (Eph. 1, 15ff.). Leider können nur wenige Gotteskinder heute die wunderbare Zielschau im Spannungsfeld von Gnade und Gericht erfassen.
Das Gericht bringt die unbußfertigen Geschöpfe letztendlich dazu, dass sie offen werden für die Gnade und ein “Ja” zur Versöhnung in Christus haben. Sie sind dann bereit, sich von Gott ins Leben zeugen zu lassen.
Diese Gnade hat zwei Seiten. Gott schenkt zum einen die Vergebung der Sünden aufgrund des Sühnopfers Jesu zur Erfüllung jeder Gerechtigkeitsforderung, und Er wirkt zum anderen durch die Auferstehung Jesu neues Leben, indem Er Sein Gottesleben durch den Samen des Wortes zeugend in willige und empfangsbereite Geschöpfe legt. Gerade die Gerichte öffnen die Augen für die eigene Schuld und bewirken eine innere Bereitschaft, das Evangelium von der Gnade Gottes von Herzen zu bejahen.
Auch von daher gesehen ist das Gericht zutiefst ein Liebesakt, der zur Gnade führt. Am Ende triumphiert die Barmherzigkeit über das Gericht (Jak. 2, 13). Ja, Gott wartet geradezu mit brennendem Herzen darauf, gnädig sein zu können. Warten auch wir? Jetzt verstehen wir, warum Prof. Ernst Ferdinand Ströter einen Aufsatz überschreiben konnte: “Die Hölle ein Erweis der Liebe Gottes!”
Ein letzter Gedanke: Die Schrift bezeugt klar, dass die Leiden der Kinder Gottes in der Jetztzeit Herrlichkeit bewirken. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Erlittenem und der Herrlichkeit, die Gott wie bei einem Edelstein mit diesem “Druck” bewirkt. “Denn ich halte dafür, dass die Leiden der Jetztzeit nicht wert sind, verglichen zu werden mit der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll” (Röm. 8, 18).
Sollte dieser verborgene Zusammenhang nicht auch für die anderen Geschöpfe gelten, die noch nichts von Gottes herrlichem Ziel wissen? Ihr Leiden erscheint ihnen meist sinn- und ziellos und ohne jeden Nutzen. Und doch hat Gott “Herrlichkeit” hineingelegt, so dass leidvolle Gerichte am Ende nicht nur zurechtbringen, sondern sogar Herrlichkeit für die Gerichteten bewirken.
“O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unausforschlich sind Seine Gerichte und unausspürbar Seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist Sein Mitberater gewesen? Oder wer hat Ihm zuvorgegeben, und es wird ihm vergolten werden? Denn aus Ihm und durch Ihn und hinein in Ihn ist das All; Ihm sei die Herrlichkeit hinein in die Äonen! Amen” (Röm. 11, 32-36).
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 2000; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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