Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
Beitrag per E-Mail weiterempfehlen   Beitrag drucken    0

Bannfluch zu Gunsten Israels?

Autor: Wörz, Reiner  |  Kategorie(n): Israel, Paulus  |  771 x gelesen

(Röm. 9, 1-5)

Die Mutter sitzt am Krankenbett der kleinen Susanne und kann das Leid kaum mehr ertragen. Mehr im Fieberwahn als mit Bewusstsein eilt ihre 9-jährige Tochter unter qualvollen Schmerzen dem Tode entgegen. Gerne würde sie mit ihrer Tochter tauschen und für sie sterben, damit Susanne an ihrer Stelle weiterleben kann. Die Mutter denkt nicht so, weil sie den Tod sucht, sondern weil sie ihre Tochter von Herzen liebt. Wenn es eine Möglichkeit gäbe, die todbringende Krankheit von ihrer Tochter auf sich zu übertragen, wäre sie dazu bereit. Oft hat sie in den letzten Wochen davon gesprochen: “Ich wünschte, ich wäre an Susannes Stelle!” Aber dies ist nicht möglich. So bleibt es beim Herzenswunsch.

Von solcher Liebe war das Herz des Apostels Paulus bewegt, als er wünschte, vom Leben, dem Christus, getrennt zu werden, damit seine Brüder dem Fleische nach die Rettung in Christus erfassen können. In Röm. 9, 1-5 berichtet er von seiner Herzensnot und seinem Wunsch: “Wahrheit rede ich in Christus, ich lüge nicht, mein Gewissen bezeugt es mir in heiligem Geist: Große Betrübnis (Traurigkeit) ist in mir und unablässiger (unaufhörlicher) Schmerz in meinem Herzen — denn ich wünschte, selbst von Christus hinweg verbannt zu sein (durch einen Fluch von Christo entfernt zu sein) — für meine Brüder (zugunsten meiner Brüder), meine Stammverwandten dem Fleische nach, die Israeliten sind, denen der Sohnesstand und die Herrlichkeit gehören, die Bündnisse und die Gesetzgebung, der Gottesdienst und die Verheißungen, zu ihnen gehören die Väter und aus ihnen (ging) der Christus nach dem Fleische (hervor), der über allem Gott ist, gepriesen in die Weltzeitalter hinein! Amen!” (Konkordante Übersetzung; Vers 5 nach Schumacher).

Will Paulus sich denn wirklich vom Heil in Christus ausschließen, damit Israel an seiner Stelle Zugang bekommt? Weiß er denn nicht, dass das Heil Israels untrennbar mit der Vollendung der Gemeinde verbunden ist, so dass er nicht von Christus getrennt werden muss, sondern im Gegenteil zusammen mit den anderen Gliedern des Leibes zur Ausreife streben muss, um seinem Volk helfen zu können? — Überhaupt, kann man denn durch irgendein Opfer Heil für andere bewirken? Widerspricht dies nicht radikal der von Paulus selbst im Römerbrief dargelegten Gnade? Einer Gnade, die allein auf dem Opfer Jesu ohne irgendeine menschliche Leistung oder Ergänzung beruht? — Dies sind Fragen, die wir im folgenden versuchen, zu beantworten.

Was heißt gebannt sein?

Gebannt sein bedeutet, dem Untergang geweiht zu sein. Wer sich selbst mit einem Bannfluch belegt, übergibt sich den Mächten des Abgrundes und der Finsternis. Prof. Otto Michel schreibt in “Der Brief an die Römer” (S. 293): “‘Anathema’ (griech. Wort für Bannfluch) bedeutet im klassischen Griechisch: ‘das der Gottheit Überantwortete’; dann verengt sich der Begriff und meint: ‘das Verfluchte’ oder ‘das zum Untergang Geweihte’”. Alttestamentliche Beispiele für den Bann sind: Achan (gesteinigt — Jos. 7), die Rotte Korah, Abiram und Dathan, die lebendig in den Scheol hinabfuhren (4. Mo. 16) oder auch der Gottesbann über die verfluchten kanaanitischen Völker bei der Landnahme Israels, die samt Vieh ausgerottet werden mussten. Nicht vergessen werden darf Asasel, der Sündopfer-Ziegenbock. Er wurde, nachdem der Hohepriester durch Handauflegung die Sünden auf ihn gebracht hatte, als Gebannter in die Wüste geführt, wo er dem Untergang geweiht war. Er trug den Bannfluch anstelle des hohepriesterlichen Geschlechts (3. Mo. 16, 8ff.). Prof. Michel führt noch eine Variante des Anathema auf: “Paulus knüpft an den Sprachgebrauch der Septuaginta an und erklärt seine Bereitschaft, dem Vertilgungsfluch zu verfallen, wenn er dadurch sein Volk retten kann. Der Gedanke, dass ein Mensch durch Übernahme des Leidens (Vergeltung im Jenseits) ein Sühnopfer für andere sein kann, war der Synagoge geläufig. “Wir haben demnach zwei Formen des Anathemas: Zum einen wird jemand gebannt (verflucht), z. B. ein Irrlehrer, und zum anderen verflucht sich jemand selbst zugunsten eines anderen Menschen oder einer Gruppe. In Röm. 9, 3 wollte Paulus sich selbst bannen, zugunsten seines Volkes.”

Das Judentum kennt nichts Schrecklicheres als den Bann, der vom Leben trennt. Wer gebannt ist, ist bei lebendigem Leibe tot. So wurde etwa im 19. Jahrhundert in Russlands ein orthodoxe Jude aus hohepriesterlichem Geschlecht, der zum lebendigen Glauben an den Messias Jesus kam, vom Rabbiner deswegen verflucht. Die Mutter legte Trauergewänder an und rief klagend aus: “Mein Sohn ist gestorben — ich habe keinen Sohn mehr!” Durch die Güte des Herrn kam allerdings auch sie Jahrzehnte später zum Glauben und wurde dann ebenfalls gebannt und aus der jüdischen Gemeinschaft ausgestoßen.

Auch das Christentum kennt den Bannfluch. In Gal. 1, 8-9 spricht Paulus sein apostolisches Anathema über Irrlehrer, seien es Engel oder Menschen, aus: “Aber wenn auch wir oder ein Engel aus dem Himmel euch etwas als Evangelium verkündigte außer dem, was wir euch als Evangelium verkündigt haben: er sei verflucht! Wie wir zuvor gesagt haben, so sage ich auch jetzt wiederum: Wenn jemand euch etwas als Evangelium verkündigt außer dem, was ihr empfangen habt: er sei verflucht!” In der Kirchengeschichte haben wir allerdings zahlreiche Beispiele einer unbiblischen, entarteten Bannpraxis, bei der vermeintliche Häretiker (Irrlehrer) verdammt wurden. So exkommunizierte im Mittelalter der Papst den Reformator Martin Luther wegen Häresie (im späteren Konzil von Trient, 1545 - 1563, wurde noch einmal festgeschrieben und ex cathedra verkündet: “Verdammt ist, wer glaubt, dass allein der Glaube selig macht.”). Nach kirchlicher Lehre war Luther damit ewig verdammt, es sei denn, er tut öffentlich Buße und die Kirche nimmt dann den Fluch von ihm. Luther verbrannte im Dezember 1520 in Wittenberg die Bannandrohungsbulle “Exsurge Domine” (”Erhebe dich Herr”; Ps. 73, 22) öffentlich und sagte sich vom Papst los, der ihm zum Antichrist wurde. Im Januar 1521 wird daraufhin der Bann selbst ausgesprochen. Kaiser Karl V., ein treuer Sohn der katholischen Kirche, ächtete Luther zusätzlich durch das Wormser Edikt (Reichsacht). Fortan war Luther rechtlich vogelfrei. Jeder konnte ihn umbringen (nach kirchlichem und staatlichem Recht der damaligen Zeit war dies kein Verbrechen, sondern ein Gotteswerk!). Jeder der ihm half, ihn versorgte oder Unterschlupf gewährte, drohte selbst gebannt zu werden. Doch Gott half auf seine Weise, so dass die Reformation ihren Fortgang nehmen konnte, mit Segensspuren bis in unsere Zeit.

Ein Anathema konnte, wie bereits oben erwähnt, auch ein den Mächten der Totenwelt gewidmetes Weihegeschenk zur Erlösung anderer von einem Fluche sein. Wirksamstes Anathema war ein Mensch, der sich zum Besten der anderen dem Tode weihte. Ein Modell für diesen Tausch haben wir in Stalingrad im II. Weltkrieg gehabt, bei dem ein Kamerad einem anderen seine Berechtigungskarte zum Ausfliegen überlassen hatte. Wer ausgeflogen wurde, lebte, wer im Kessel blieb, musste i. d. R. sterben oder kam in die harte russische Kriegsgefangenschaft, die die wenigsten überlebten (nur ca. 6.000 von ca. 90.000 Gefangenen kehrten später heim). Stellvertretend ging der eine den Weg des Verderbens für den anderen. War es nicht so bei unserem Herrn, der für uns ein Fluch geworden ist, damit wir Leben haben? Ging er nicht für uns freiwillig in den Fluchbereich, in die untersten, finstersten Örter des Scheol/Hades, damit wir frei vom Fluch in den Lichtesbereich, das Königreich des Sohnes seiner Liebe, eingehen können?

Paulus war nun bereit, einen Bannfluch zugunsten seines Volkes auf sich zu nehmen. Gerade noch hatte er am Schluss des 8. Kapitels ausgeführt, dass nichts und niemand uns scheiden kann von der Liebe Gottes in Christo. Nichts war Paulus so teuer wie diese Gewissheit; doch er war sogar bereit, von Gott verbannt zu werden, damit seine Brüder dem Fleische nach gerettet und frei werden vom Fluch der Sünde und des Todes. Dass Paulus gerade im Anschluss an die Zusagen Gottes von seiner Herzenstraurigkeit und seinem Wunsch, für sein Volk gebannt zu werden, berichtet, ist kein Zufall, sondern geistgewirkt. Auf diese Weise wird Israel ein starkes Zeugnis seiner Liebe gegeben. Die Christusbruderschaft hebt die Bruderschaft zu seinem Volk nicht auf. Nicht einen Augenblick stellt der Apostel den Platz Israels in Frage, den sie als Gottesvolk im Heilsplan haben, sondern er zählt vielmehr ihre Vorzüge auf: “… denen der Sohnesstand und die Herrlichkeit gehören, die Bündnisse und die Gesetzgebung, der Gottesdienst und die Verheißungen …”

Paulus und Israel — eine bewegte Beziehung

Um recht zu verstehen, warum Paulus in seiner Liebe seinem Volk gegenüber zu solch radikalen Wünschen kommt, müssen wir die innere Entwicklung des Saulus-Paulus beleuchten.

Von klein auf wurde Saul von Tarsus von seinen Eltern im jüdischen Glauben erzogen. Später saß der strebsame Jüngling auf der theologischen Hochschule in Jerusalem zu den Füßen des gefeierten Gesetzeslehrers Gamaliel (Apg. 22, 3) und wuchs so in den höheren Bildungskreis seiner Zeit hinein. Nebenbei erlernte er der Sitte der Väter gemäß ein Handwerk. Als Zeltmacher verdiente er sich mit seiner Hände Werk auch als Apostel das tägliche Brot und stand hierdurch den werktätigen Schichten des Volkes nahe (Apg. 18, 3; 1. Thess. 2, 9; 2. Thess. 2, 8-9). Er strebte stets das Vollkommenere an und so schloss sich der willensstarke Jüngling der “strengsten Partei seiner Religion”, den Pharisäern, an (Apg. 26, 5) — einer Gruppierung innerhalb des Judentums, die es besonders genau mit der Thora und den Geboten Gottes nahm. Er war ein Eiferer für Gott und das Gesetz und war stolz, beschnittener Israelit zu sein und damit zu Gottes auserwähltem Volk zu gehören. Später kennzeichnete er diese Phase seines Lebens so: “Beschnitten am achten Tage, vom Geschlecht Israel, vom Stamme Benjamin, Hebräer von Hebräern; was das Gesetz betrifft, ein Pharisäer; was den Eifer betrifft, ein Verfolger der Versammlung; was die Gerechtigkeit betrifft, die im Gesetz ist, tadellos erfunden” (Phil. 3, 5.6).

Er liebte sein Volk und wartete auf den verheißenen Messias, der sie vom verhassten römischen Joch befreien und ins messianische Königreich führen würde. Verächtlich blickte er auf die gottlosen Nationen herab. Noch schlimmer waren allerdings in seinen Augen die Israeliten, die es bei der Befolgung der göttlichen Gebote und ihrer Auslegung durch die Rabbinen nicht genau nahmen. Wie viel Gericht und damit Not und Elend hatten diese Ungehorsamen in den letzten 1.500 Jahren über Israel gebracht, weil Gott wegen ihres Ungehorsames immer wieder Gericht sandte! So waren sie maßgeblich mitverantwortlich für Tod, Vergewaltigung, Vertreibung und jahrhundertlanges Exil und nicht zuletzt für das jetzt drückende Römerjoch.

Als die Christen auftraten, die in seinen Augen dem Irrglauben anhingen, Jesus sei der verheißene Messias, und sogar behaupteten, er sei Gottes Sohn, meinte er Gott dadurch zu dienen, dass er wie ein Pinehas (4. Mo. 25) die vom wahren Glauben der Väter abgefallenen Juden bis aufs Blut verfolgte. Zur Steinigung des ersten Märtyrers Christi, Stephanus, gab Saulus seine Zustimmung und hütete die Kleider der Steiniger (Apg. 7, 58). Schnaubend und bebend vor heiligem Zorn jagte er die Christen, um sie mit Drohungen zum Glauben der Väter zurückzuführen. Grausam wütete er auch gegen Alte und Frauen. Jeder der nicht bereit war, Jesus zu fluchen und ihm damit abzusagen, musste sogar mit seiner Ermordung rechnen (Apg. 9, 1). Rückblickend bezeugte er vor dem König Agrippa und dem römischen Präfekten Festus: “Und in allen Synagogen sie oftmals strafend, zwang ich sie zu lästern; und über die Maßen gegen sie rasend, verfolgte ich sie sogar bis in die ausländischen Städte” (Apg 27, 11).

Wohl wurden sie gezwungen, eine besondere Art des Bannfluches über Jesus und ihre Beziehung zu ihm auszusprechen, der sie von dem Christus lösen sollte. Diese rigorose Art der unbarmherzigen Verfolgung fand Beifall bei seinen Gesinnungsgenossen. Wie viele Christen hat er unter den qualvollen Schmerzen schreien und stöhnen gehört? Wie viele ängstliche Kinder, die ihn völlig verwirrt und erschreckt anstarrten, hat er gesehen? Wie viele sind alleine bei der Synagogenhöchststrafe “vierzig Schläge weniger einen” röchelnd zusammengebrochen, während ihnen Saul Flüche aus der Thora vorlas, um sie doch noch zur “Besinnung” zu bringen? Wie viele haben versagt und Christus abgeschworen? Als Paulus selbst Christ wurde, war die Erinnerung an die Qualen und Schrecken vielleicht jener geheimnisvolle “Pfahl im Fleisch”, unter dem Paulus immer wieder litt (2. Kor. 12, 7).

Jetzt wird er selbst Christ und bekommt nun an der eigenen Haut immer wieder den Hass der Juden, ihre Schläge, ihre Mordversuche, ihre Verachtung und Verfolgung zu spüren. Andere sind an seine Stelle getreten und jagen jetzt ihn. Und er gehört zu denen, die er einst verfolgte. Die, die ihm einst zujubelten, hassen ihn. Die dagegen, die einst vor seinem Schnauben Angst hatten, sind seine Brüder und Schwestern im Herrn geworden, seine Leidensgenossen. Vielleicht ist er dem einen oder anderen begegnet, den er früher quälte und hat mit Entsetzen dessen Wunden gesehen. Er traf womöglich Waisenkinder, deren Eltern er töten ließ und führte seelsorgerliche Gespräche mit solchen, die in panischer Angst vor der Folter in der Verfolgung durch ihn versagten, hernach aber wieder zu Christus umkehrten und unsagbar unter ihrer Sünde litten. Alles hat sich umgekehrt. Nun hat er beide Seiten kennen gelernt. Er versteht die Häscher in ihrem blinden Eifer und er versteht die Christen, denn er ist jetzt durch die Güte des Herrn einer der ihren geworden.

Gott hat ihn gedemütigt und innerlich zerbrochen. Er hat ihn buchstäblich und sinnbildlich von seinem “hohen Ross” heruntergeholt. Jetzt war er nicht mehr der alle anderen überragende stolze Pharisäer, der keinen Vergleich zu scheuen brauchte, sondern ein begnadigter Sünder (1. Tim. 1, 15). Nun schaute er nicht mehr auf andere Menschen verächtlich herab. Besondere Liebe galt jetzt seinem Volk, das in der Masse, so wie er einst, so blind und verstockt gegen die Wahrheit, Jesus Christus, war. Er verstand sie so gut und verzieh ihnen immer wieder aufs Neue, dass sie ihn als Feind verachteten, ihm fluchten und über ihn lästerten. Er ging dennoch immer wieder zuerst in die Synagogen, obwohl er dort zum Teil furchtbare Strafen erleiden musste (allein mindestens fünfmal “vierzig Streiche weniger einen”). Er wollte ihnen klarmachen, dass er kein Renegat (Glaubensabtrünniger) war, sondern viel mehr Jesus Christus die Erfüllung der Verheißungen an die Väter ist: Er ist der verheißene Sohn Davids und der Vollender des Glaubens an Jahwe. Doch sie hörten, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, nicht auf seine Stimme.

Seine Antwort waren nicht Verachtung und Hass, sondern eine innige Liebe zu seinem Volk, die Christus in seinem Herzen bewirkte. Ja, er litt unsagbar unter ihrem verstockten Zustand. Paulus blickte mit Trauer und Schmerz auf sein Volk. Er sieht Israel mit den Augen Jesu, den das Volk, als er es sah, jammerte. Mark. 6, 34 kann übersetzt werden: “es drehten sich ihm die Eingeweide um.” Israel hat Paulus ausgestoßen. Seine Volksgenossen hassen ihn und suchen ihn zu töten. Doch in Paulus lebt das Wort Jesu: “Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl wohl denen, die euch hassen” (Matth. 5, 44). So entstand wohl gleich zu Beginn seines Glaubensweges in Christus Jesus der heilige Wunsch, selbst zugunsten seines Volkes gebannt zu sein. Er war bereit, den Becher des Verfluchten zu trinken, den er andere immer wieder mit Zwang hatte trinken lassen. “Große Betrübnis (Traurigkeit) ist in mir und unablässiger (unaufhörlicher) Schmerz in meinem Herzen — denn ich wünschte, selbst von Christus hinweg verbannt zu sein (durch einen Fluch von Christo entfernt zu sein) — zugunsten meiner Brüder, meine Stammverwandten dem Fleische nach, die Israeliten sind.”

Er war bereit diesen Weg zu gehen. Sein Wunsch war nicht bloß fiktiv, sondern echt und von Herzen. Ausdrücklich bekräftigt er seine Aussagen in Vers 1: “Wahrheit rede ich in Christus, ich lüge nicht, mein Gewissen bezeugt es mir in heiligem Geist”. Doch der Herr hat ihn später in seiner Erkenntnis weitergeführt, so dass der mit dem begrenzten Horizont des frisch Bekehrten vorgebrachte Wunsch dann nicht mehr bestand. Darum steht das griech. “Euchomai” (”wünschte”) im Grundtext auch in der indikativen Imperfektform und drückt somit ein vergangenes Geschehen aus, das zwar bis heute nachwirkt, aber dennoch der Vergangenheit angehört. Zur Zeit der Abfassung des Römerbriefes betont der Apostel somit, dass der Wunsch von ihm wirklich und ernsthaft gehegt wurde, er aber heute weiß, dass er nie in Erfüllung gehen konnte. Dass Gottes Gnade nicht erkauft werden kann, hat doch gerade Paulus wie kein anderer entschieden bekannt. Mit einem solchen Wunsche würde er seinem ganzen Brief widersprechen. Adolf Heller schrieb vor Jahrzehnten in dieser Zeitschrift: “[... Paulus] hat gewünscht, sich den Mächten der Totenwelt als Weihegabe zu opfern, damit Israel vor ihrem Zugriff verschont bliebe. Dieser Wunsch hat nicht immer und ununterbrochen fortwährend bestanden. Das gilt es festzuhalten! Aber eine gewisse Zeit beherrschte er sein Denken und Fühlen mit brennender Gewalt.”

Dennoch muss der Begriff “Euchomai” vor der Entwertung geschützt werden. Es kann nicht nur bedeuten “mir kam der Wunsch” oder “ich würde einen derartigen Wunsch haben, wenn man einen solchen formen könnte”. Man darf nicht vergessen, dass “Euchomai” auch an anderen Stellen mit “beten” wiedergegeben werden muss (2. Kor. 13, 7; Jak. 5, 16), so dass Paulus wohl mit großem Nachdruck diesen Wunsch im Gebet vor Gott gebracht hat. Ja, wie ein Mose, der in 2. Mo. 32, 32 Gott ein konkretes Angebot machte: Selbst verbannt zu sein, damit Israel lebe und Gott ihre Sünde vergebe. “Und nun, wenn du ihre Sünde vergeben wolltest! … Wenn aber nicht, so lösche mich doch aus deinem Buche, das du geschrieben hast.”

Das Gebet des Paulus war mehr als nur ein Wunsch unter vielen, es stand ein starkes Verlangen dahinter, ein betendes Herbeisehnen. So wie die bei Nacht gestrandeten Schiffbrüchigen den Tag herbeisehnen, um im Licht der Sonne ihre Lage beurteilen zu können (”Euchomai” in Apg. 27, 29). Martin Luther hat in seiner Auslegung von Röm. 9, 3 das “Euchomai” sehr ernst genommen und in ihm den Erweis der vollkommenen Liebe gesehen, die sich selbst hasst und preisgibt, um den anderen wahrhaft zu lieben. Er führt weiter aus, dass wer sich so in die Hölle und in den Tod fügt, nicht in der Hölle und im Tod bleibt, “ist er doch mit dem Willen des Vaters geeint; ist er geliebt, so ist er auch gerettet.”

Mit dieser Bereitschaft, sich selbst zum Bannfluch zu machen, hat Paulus seinem Volk gegenüber den stärksten Beweis seiner aufrichtigen Herzensliebe erbracht. Er ist auch hier Nachahmer Christi und hat die Gesinnung Christi, der sich ja wirklich von Gott bannen und trennen ließ, um sich — zur Sünde gemacht — in den Rachen der Todes- und Finsternismächte zu legen. Er wurde für uns zum Fluch (Gal. 3, 13)! Wahrlich ein Weihegeschenk an den Feind, damit wir gelöst werden. Nur ist dieses Opfer einmalig und für alle ausreichend, so dass kein Geschöpf dem etwas hinzufügen kann und muss. Dies weiß auch Paulus schon kurze Zeit nach seiner Berufung. Er weiß, dass das Heil und die Gnade zu seinem beiseite gesetzten Volk nur durch den Christus kommen kann und dass kein menschliches Opfer, keine Bereitschaft sich bannen zu lassen, dem etwas hinzufügen kann. Pauli Wunsch, ein “Anathema” für seine Brüder zu werden, ist durch den Opfer- und Leidensweg Jesu im gewissen Sinn bereits Realität gewesen. Nur eben nicht durch ihn, sondern durch Gott selber, der im Sohn vom Himmel herabstieg und sich am Kreuz brechen lassen hat. Die Frucht aus diesem Opferweg wird stufenweise in den einzelnen Heilsabschnitten sichtbar werden. Nach der Gemeinde wird auch Israel zum Heil geführt werden, so dass man sagen kann, der Christus wurde “zugunsten seiner Brüder, seine Stammverwandten dem Fleische nach” gebannt.

Dass die Verwerfung Israels keine endgültige ist, stellt er ja gerade in den Kapiteln 9 - 11 des Römerbriefes dar. Gleich zu Beginn betont er: “… denen (nämlich Israel) der Sohnesstand und die Herrlichkeit gehören, die Bündnisse und die Gesetzgebung, der Gottesdienst und die Verheißungen, zu ihnen gehören die Väter und aus ihnen (ging) der Christus nach dem Fleische (hervor), der über allem Gott ist, gepriesen in die Weltzeitalter hinein! Amen!” (Übrigens wird hier unser Herr Jesus als Gott bezeichnet; Röm. 9, 5 galt der alten Kirche als klares Zeugnis für die Gottheit Christi und spielte in der dogmatischen Kontroverse eine große Rolle — andere verstehen allerdings Vers 5b als selbstständigen, neuen Satz: Gott, der über allem ist, sei gepriesen …). Gottes Berufung bleibt bestehen. Israel ist auf der völkischen Ebene Gottes erstgeborener Sohn (2. Mo. 4, 23) und alle Verheißungen werden ihm von dem Messias Jesus und seinem Leib erfüllt werden, denn “so viele der Verheißungen Gottes sind, in ihm ist das Ja und in ihm das Amen, Gott zur Herrlichkeit durch uns” (2. Kor. 1, 20). Übrigens ist Pauli Verblendung und Bekehrung prophetisches Modell für den Weg Israels, das ja am Ende der Tage durch Schauen zum Glauben an den Herrn Jesus kommt.

Die Liebe des Apostels und seine Opferbereitschaft dürfen uns zum Vorbild und Ansporn sein. Er trug in seiner Brust das von Leid zerrissene Herz Gottes über sein gerichtsreifes Volk, er spürte den Schmerz Jesu über Jerusalem und seine Einwohner. So dürfen wir in besonderer Weise mit Israel, dem Land der Verheißung, und Jerusalem, der Stadt des großen Königs, verbunden sein. Darüber hinaus sollten wir “Trauer und große Betrübnis” (Röm. 9, 2) haben, über eine verlorene, geistlich blinde und gerichtsreife Welt, die dem Untergang entgegen geht. Welchen Einsatz, welches Opfer der Liebe sind wir bereit, für den Lauf des Evangeliums der Herrlichkeit des glückseligen Gottes zu bringen? Wie sehr fürchten wir Ausgrenzung, Spott und verächtliche Blicke, obwohl uns — im Unterschied zu Paulus oder den Geschwistern in den islamischen Ländern — heute noch keine schlimmeren Konsequenzen drohen? Für wen sind wir bereit, den “Opferweg” zu gehen und Nachteile in Kauf zu nehmen? Die Welt lebt vom Opfer (auf der natürlichen Ebene ist dies wunderbar dargestellt durch den Verzichtsweg der Mutter, die für ihr Kind beginnend in der Schwangerschaft Lebenskraft, Zeit und Energie “opfert”, damit Leben geboren werden und wachsen kann; auf wie viel verzichtet eine Mutter doch für ihr Kind! Wie viel eigene Wünsche werden zugunsten des Kindes zurückgestellt!). Zutiefst und zuletzt lebt die ganze Schöpfung von der Hingabe Gottes und vom Opfer Jesu, dass die Grundlage dafür ist, dass einmal alle göttliches Leben empfangen. Israel war reich beschenkt (Röm. 9, 4) und doch verharrten sie im Ungehorsam gegen Gott. Wie viel mehr haben wir im Sohn an Gaben erhalten! Möge Gott es schenken, dass wir diese Gnade nicht vergeblich empfangen (2. Kor. 6, 1).

Quelle: Originalskript des Autors

Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Wichtige Hinweise:
1.) Eingereichte Leser-Kommentare geben nicht zwangsweise die geistliche Sicht und Meinung des Betreibers dieser Website wider.
2.) Der Betreiber hält sich vor, dem Wesen und Anliegen dieser Website zuwiderlaufende Kommentare nicht freizugeben resp. zu löschen. Dies geschieht selbstverständlich auf jeden Fall bei Kommentaren mit antichristlichen, beleidigenden, obszönen oder anderweitig gegen die guten Sitten oder den christlichen Geist verstoßenden Inhalten. Eine kritische und/oder kontroverse Haltung zu einem der hier verfügbaren Artikel und Texte ist dagegen keineswegs Grund für eine Nichtfreigabe, solange diese sachlich erfolgt und begründet wird.
3.) Bitte erwarten Sie nicht, dass der Betreiber dieser Website generell auf jeden abgegebenen Leser-Kommentar eingeht.
4.) Gelegentlich landen Kommentare auch ohne Spam-verdächtigem Inhalt im Moderationsordner. Woran das liegt, wissen wir nicht. Erstkommentatoren gehen generell über die Moderation. In diesen Fällen bitten wir um Nachsicht und ein wenig Geduld. Ihr Kommentar wird schnellstmöglich freigeschaltet.
5.) Wenn Sie ggf. einzusetzende Links nicht über das Quicktag/den Button "link" einbinden, bitte die URLs vorher bei short4u.de oder tinyurl.com kürzen!


468 Artikel online •
6 Besucher online