Der prophetische Inhalt des Vaterunsers
Autor: Ströter, Ernst F., Prof. | Kategorie(n): Anbetung, Das prophetische Wort, Lehre, Schriftteilung | 761 x gelesenWir schicken der hier versuchten Auslegung des Gebetes, das Jesus seine Jünger lehrte, die Bemerkung voraus, daß wir uns der bedeutenden Abweichung dieser Auffassung desselben von der seit Jahrhunderten herkömmlichen wohl bewußt sind. Wir können aber darin keinen genügenden Grund erblicken, mit derselben zurückzuhalten. Umsomehr, da es unsere tiefe Überzeugung ist, daß die herkömmliche Lesung des Vaterunsers im engsten Zusammenhang steht mit, ja hervorgewachsen ist aus der ebenfalls seit Jahrhunderten beliebten Art, die Schrift unter falschen Voraussetzungen zu lesen, speziell alles, was in der Schrift auf Israel geredet ist, ohne weiteres auf die Gemeinde aus den Völkern, den Leib Christi zu übertragen.
Es muß dem vorurteilslosen Leser der Schrift von vornherein klar sein, daß ein Gebet, das Jesus seine Jünger, und zwar bereits in der Bergpredigt, d. h bald nach seinem ersten öffentlichen Auftreten lehrte, mit Fug und Recht ebenso wenig auf die spätere Gemeindezeit und -haushaltung bezogen werden kann, wie jener deutliche Befehl an dieselben Jünger: “Gehet nicht auf die Straßen der Heiden, und betretet keine Stadt der Samariter.” Es macht uns gar keine Schwierigkeiten, uns von der heutigen Ausführung eines solchen Befehles loszusprechen. Oder wiederum, was hat der Leib Christi, sofern er sich aus den Völkern bildet, und gar nicht unter dem Gesetz, sondern nur unter der Gnade steht, mit jenem andern Wort der Bergpredigt zu schaffen, das vom “Tun und Lehren eines dieser kleinsten Gebote” im Gesetz Moses handelt, obwohl ihm dieselben überhaupt nie gegeben sind noch gelten, sondern nur Israel?
Daß weitaus der größte Teil der Christenheit, auch der wahrhaft Gläubigen das Vaterunser unbedenklich zum eigentlichen Gemeindegebet gemacht hat, schließt den Irrtum nicht aus. Ebenso wenig ist eine Rechtfertigung einer solchen Übertragung desselben auf die Gemeinde darin zu finden, daß man sagt, sein Wortlaut vertrage dieselbe aber sehr gut. Der Wortlaut jenes andern Befehles des Herrn an die Zwölfe: “Nehmet weder Gold noch Silber, noch Erz in eure Gürtel, keine Tasche auf den Weg, auch nicht zwei Röcke …” (Matth. 10, 9.10). könnte eine solche Übertragung bis in die Gegenwart schließlich auch ganz gut vertragen, hat sie aber aus guten Gründen nicht gefunden.
Am lautesten aber redet der Umstand hier, daß dieselbe Christenheit, die sich mit so großer Vorliebe des Vaterunsers für ihre Liturgie bemächtigt hat, an den Gebeten, die der Heilige Geist dem Apostel des Leibes Christi gerade für die gläubige Gemeinde des gegenwärtigen Zeitalters gegeben hat, vorübergeht, und eine kultische und liturgische Verwendung derselben fast nicht kennt. Wir meinen die herrlichen Gebete in Eph. 1, 15-21; 3, 14-19 und Kol. 1, 9-15. Uns ist wenigstens in Europa und Amerika keine Kirchengemeinschaft bekannt, welche in ihrem öffentlichen Gottesdienst auch nur annähernd mit derselben Häufigkeit jene apostolischen Bitten vor die Gläubigen bringt, mit der sie sich des Vaterunsers bedient.
Wir glauben nicht, daß dies auf ein zufälliges Versehen oder bedeutungsloses Versäumnis zurückzuführen ist. Vielmehr scheint uns ein ursächlicher Zusammenhang zu bestehen zwischen diesen gleichlaufenden Erscheinungen. Dieselbe Christenheit, die so sehr darauf aus ist, sich in das Erbe Israels zu drängen, verliert in demselben Maß und Grad den Blick und das Verständnis für ihre eigene himmlische Berufung in Christo Jesu. Daß dem so ist, wird den denkenden und forschenden Gläubigen unserer Tage immer schmerzlicher bewußt, und es ist ein redliches Streben erwacht, dieses Unrecht nicht länger zu begehen und gutzuheißen. Man erkennt, daß man sich selbst nur im Lichte gestanden, als man sich in mißverstandener Geistlichkeit in eine Berufung hineingedrängt hat, die eine andere ist, als die unsere. Auch ist es nie ein wirklicher Verlust, wenn man dem rechtmäßigen Eigentümer etwas zurückgibt, das man, wenn auch schon für lange Zeit, widerrechtlich für sich beanspruchen zu dürfen meinte.
Nach diesen Vorbemerkungen kommen wir zur Sache. Der Einfachheit wegen legen wir diesen Ausführungen nur die (vollere) Form des Vaterunsers zugrunde, die uns in Matth. 6, 9 ff gegeben ist. Wie sich diese zu der in Luk. 11, 2-4 enthaltenen Fassung verhält, kommt für uns hier nicht in Betracht.
1. Die Anrede: Unser Vater in dem Himmel.
Wir halten an dem einfachen Grundsatz fest, daß es unstatthaft ist, die Bibel rückwärts zu lesen und auszulegen. Damit ist für die richtige Deutung dieser so köstlichen Eingangsworte viel gewonnen. Daß die Jünger Jesu damals unmöglich an eine Vaterschaft Gottes denken konnten. wie sie später im eigentlichen Mittelpunkt des Evangeliums Pauli von dem Geheimnis des Leibes Christi, von der “Verordnung zur Sohnschaft in Christo” steht, ist einleuchtend.
Jesus fußt in seiner Lehre nicht auf Begriffen, die bei seinen Hörern noch gar nicht vorhanden sein konnten. Er redete zu solchen, die wohl ein Verständnis hatten für die nationale Sohnschaft ihres Volkes, und für die ebenso zu fassende Vaterschaft Gottes Israel gegenüber. Dieser Offenbarungsboden ist beiden, dem Lehrer wie den Hörern, gemeinsam und vertraut. Beide verstanden, was Gott durch Mose an Pharao melden ließ (2. Mose 4, 22.23): “Israel ist mein erstgeborener Sohn; und ich sage dir: Laß meinen Sohn gehen, daß er mir diene.” Ebenso was in 5. Mose 32, 6 geschrieben steht: “Dankest du also dem Herrn, du törichtes und unweises Volk? Ist er nicht dein Vater, dem du gehörst, der dich gemacht und zubereitet hat?”
Daß wir aus den Episteln unsere (ganz anders begründeten) Vorstellungen von Gottes Vaterschaft in Christo Jesu rückwärts in die Evangelien und speziell in die Bergpredigt und das Vaterunser hineingetragen haben, hat uns nichts eingebracht, was wir nicht schon hatten — wenn wir es anders hatten. Wohl aber hat es uns behindert, eine sehr köstliche Wahrheit klar zu sehen und zu würdigen, die hier vorliegt. Jesus unterstreicht in dieser Anrede seinen Jüngern in der wirksamsten Weise die große, grundlegende Wahrheit, daß Jehova zu dem Volke seiner Wahl in einem bestimmten, bewußten Vaterschaftsverhältnis steht und stehen wird. Eine Wahrheit, deren Kostbarkeit in ein sehr helles Licht tritt, wenn man erwägt, wo sie im Gesetz zuerst und in der Weissagung am Ende erscheint. Zuerst tut Jehova sie dem Pharao kund, d. h. dem feindseligen Weltherrscher, der in seiner Arglist und Tyrannei gegen Israel typisch ist; und bleibt auf dem letzten großen Antisemiten dem Tier aus dem Abgrunde, dem Antichristen selbst, der ja nach der Schrift die Heiligen (Israels; nicht des Leibes Christi) bekriegen und sie überwinden wird — 42 Monate lang (Offb. 12, 17; 13, 5-7).
Die beiden großen Propheten, die von der Zeit des Endes, d. h. von der endlichen Errettung Israels aus der Hand des Drängers (Antichrist) am ausführlichsten geweissagt haben, Jesaja und Jeremia, bedienen sich dieses Namens (Vater) gerade in Verbindung mit der ganz unbeschreiblichen und für die Betroffenen ganz unbegreiflichen Bedrückung einerseits und der endgültigen nationalen Erlösung andererseits, so Jes. 63.
Die Übriggebliebenen schreien aus tiefster Bedrängnis. Vers 15: “Blicke vom Himmel hernieder und siehe herab von dem Ort, da deine Heiligkeit und Ehre wohnt! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Das Wallen deiner Liebe und deiner Barmherzigkeit hält sich zurück gegen mich!” Sie können nicht verstehen, warum Jehova sie noch einmal in solche Tiefen der Drangsal stürzt. (Man vergleiche hiermit die Sprache von Psalm 44, 10-27, aus welchem der Apostel Paulus den 23. Vers richtig auf sich und die untadeligen Heiligen Gottes anwendet in Röm. 8, 36). Dann aber lautet es in Vers 16 weiter: “Und doch bist du unser Vater!”
Dieselbe Fassung dieses Begriffes begegnet uns bei Jeremia. Zunächst 3, 19: “Ich habe auch gesagt, was will ich dir für eine Stellung geben unter den Söhnen (der Völkerfamilie) und will dir ein köstliches Land schenken, ein Kleinodserbe unter den Kleinodien der Heiden; und ich habe auch gesagt: “Mein Vater” wirst du mich nennen und dich nicht mehr von mir abwenden.” Eine Darstellung, die ihre Vollendung erst bei der großen nationalen Sammlung und Wiederherstellung Israels finden wird. Ganz deutlich tritt dies hervor aus Kap. 31,9: “Weinend kommen sie und betend lasse ich sie wallen; ich will sie zu Wasserflüssen führen auf ebener Straße, da sie nicht anstoßen sollen; denn ich bin Israels Vater und Ephraim ist mein Erstgeborener.” So klingt die Weissagung der endlichen großen Errettung aus dem grausen “Mitternachtslande” und der Sammlung von den Enden der Erde wunderbar genau in demselben köstlichen Ton aus, den Jehova anschlug, als er seinen Sohn (Israel) aus Ägypten rief.
Wir haben nicht den geringsten Zweifel, daß der Messias Israels in der Bergpredigt, der ersten großartigen Proklamation des berufenen (aber damals nicht angenommenen) Herrschers an sein Volk, eine andere Auffassung der Vaterschaft Gottes, als diese aus Gesetz und Propheten klar begründete, hat weder lehren können noch wollen. Wir begehen damit nicht den mindesten Raub an der unbeschreiblich viel herrlicheren Wahrheit, die der verklärte Herr vom Himmel später denen verkünden ließ, die als Glieder seines Leibes zu einer viel höheren Sohnschaft in ihm selber berufen sind.
Noch ein Wort über den Zusatz: “in dem Himmel”. Unleugbar liegt darin ein gar tröstlicher Hinweis auf die Fülle von Macht und Herrlichkeit, die dem zu Gebote steht, der Israels Vater und zugleich der Herr der himmlischen Heerscharen ist. Daß sein (messianisches) Reich nicht von dieser Welt herstamme, noch in ihr wurzele oder von ihrem Machtwillen abhängig sei, wußte ja Jesus am Anfang seiner irdischen Laufbahn ebenso gut, wie am Ziel, als er vor Pontius Pilatus das “gute Bekenntnis” von seiner Königswürde ablegte. Wie hätte er auch sonst können dem Versucher in der Wüste begegnen, wie er es tat.
Allein das ist doch wohl nicht alles, was Jesus damit hat sagen wollen, als er seine Jünger lehrte, zum Vater “in den Himmeln” zu beten. Es klingt etwas anderes mit durch.
Der Prophet Daniel erklärt dem König Nebukadnezar, dem goldenen Haupte der “Königreiche der Heiden” nachdrücklich (2, 37), der “Gott des Himmels” habe ihm königliche Macht, Gewalt und Herrschaft gegeben. Später wird demselben Monarchen diese Lektion verschärft (4, 23) “daß die Himmel herrschen”. Und als er von seinem Wahnsinn genesen ist, da lobt, erhebt und verherrlicht er in einem öffentlichen Erlaß den König des Himmels” (4, 34). hieraus ergibt sieh folgendes:
Das Königtum Gottes bestand zu Recht auf Erden, solange ein Sohn und Erbe Davids den Thron Jehovas über Israel inne hatte (1. Chron. 28, 5; 29, 23). Mit dem strafgerichtlichen Zusammenbruch der Davidischen Theokratie (Gottesherrschaft) zieht sich das Königreich Gottes gewissermaßen “in die Himmel” zurück. Vom Himmel aus setzt Jehova die Könige der Nationen ein und setzt sie ab (Dan. 2, 21.37). Das bedeutet “die Himmel herrschen”. Diese vornehmlich dem Propheten Daniel eigene Darstellung des Verhältnisses Jehovas zum Reich Israel in den Tagen der Unterwerfung unter die Königreiche der Heiden liegt unverkennbar der ganzen Verkündigung Jesu und der Zwölfe vom “Königreich der Himmel” oder “Himmelreich” zugrunde. Das Königreich Gottes bekommt also seine speziellen Himmelreichscharakter dadurch, daß auf Erden die Königreiche der Nationen zu Recht bestehen, während der Stuhl Davids in Trümmern liegt, und der legitime Thronerbe sich gesetzt hat zur Rechten der Majestät, wartend, bis alle seine Feinde zum Schemel seiner Füße gelegt und ihm sein Reich beschieden werde. “Reich Gottes” im vollsten Sinne kann erst wieder werden auf Erden, nachdem
- die “Geheimnisse des Himmelreichs” (Matt. 13) erfüllt und ausgeführt sind;
- die Königreiche der Heiden (die Hörner der Heiden) zertrümmert und beseitigt sind (Dan. 2 und Sach. 2, 1-4);
- der Thron Davids wieder aufgerichtet und Jehova (Jesus) König ist auf dem heiligen Berge Zion zu Jerusalem, und so laut (Offb. 11, 15) “das Weltreich unseres Herrn und seines Gesalbten zustande gekommen ist”.
Die Anrede “Unser Vater in den Himmeln” enthält also für die prophetisch-messianisch gerichteten und gläubigen Jünger die bestimmte Andeutung, daß das Gepräge des Reiches, als dessen Träger und Gesetzgeber Jesus sich in der Bergpredigt in besonderer Weise proklamiert, vorerst noch das “himmlische” sein werde. Auf Beseitigung der Königreiche der Nationen, auf die Durchführung des theokratischen Gedankens sei es vorläufig noch nicht abgesehen. Aber die Sache liegt in guten, sicheren Händen, denen des Vaters (seines erstgeborenen Sohnes Israel) “in den Himmeln”. Über den Ausgang könne kein Zweifel walten. Dies tritt uns noch deutlicher entgegen in der nun folgenden ersten Bitte, die sich innig und lebensvoll hier anschließt.
2. Die erste Bitte: Dein Name werde geheiligt.
Es sind im ganzen sieben Bitten. Sie zerfallen klar in zwei bestimmte und wohlunterschiedene Gruppen. In der ersten Gruppe von drei Bitten ist der Inhalt: Dein Name, Dein Reich, Dein Wille. In der zweiten Gruppe: Unser Brot, unsre Schuld, unsre Bewahrung, unsere Erlösung vom Bösen. Es ist eine köstliche Nebeneinanderstellung und Kontrastierung der himmlischen, göttlichen Dreizahl mit der irdischen, menschlichen Vierzahl. Aber das Göttliche und das Menschliche fließen hier nirgends zusammen in eine vollendete, höhere Einheit. Sie sind und bleiben bestimmt von einander unterschieden. Selbst die Erfüllung der drei ersten Bitten geschieht nicht in den himmlischen Regionen, von oder an einem himmlischen Körper, sondern sein Name werde geheiligt hienieden, Dein Königreich komme hierher, Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel. Die Bittenden sind offenbar gar nicht als Himmlische gedacht, sondern lediglich als Erdenbürger und Bewohner.
Von dem Grundmerkmal der Gemeinde, deren Wandel (Bürgerrecht) im Himmel ist, die sich tüchtig gemacht weiß zum Anteil an dem Erbe der Heiligen im Licht, die Christi Leib und seine eigene Fülle und Herrlichkeit ausmacht, samt ihm auferweckt, samt ihm in das Himmlische versetzt, von alledem ist keine Spur oder Andeutung vorhanden. Es müßte hineingetragen werden, um es da zu finden. Die Betrachtung der einzelnen Bitten wird noch deutlicher zeigen, wie dieses eigenartige Gebet ganz andere Verhältnisse und Zustände wiederspiegelt, als sie in der wahren himmlischen Stellung der Gemeinde gegeben sind.
“Dein Name werde geheiligt!” Was heißt das? Wohl am häufigsten wird in Auslegungen des Vaterunsers diese erste Bitte in Verbindung gebracht mit dem dritten Gebot: “Du sollst den Namen des Herrn deines Gottes nicht mißbrauchen!” Zugestanden, daß man sie damit in Beziehung setzen kann, so wird dadurch der spezifisch israelitische Charakter des ganzen Gebetes keineswegs abgeschwächt, sondern eher hervorgehoben und verschärft.
Halten wir doch einfach fest, wer dieser Jüngerkreis war, dem Jesus diese Gebetsunterweisung gab. Es waren schriftgläubige israelitische Männer, die sich Jesus aus ihrem und seinem Volke erwählt und berufen hatte, Repräsentanten der zwölf Geschlechter, zu welchen der Messias gekommen war nach der Schrift. Ihnen war bis dahin weder das Geheimnis seiner Gottheit, noch das seines Kreuzes oder seiner Auferstehung erschlossen worden. Aber sie standen fest auf dem Boden der ihrem Volk von Jehova gegebenen Verheißungen, und hatten in Jesu den erkannt, von welchem Mose im Gesetz und alle Propheten geschrieben hatten (Joh. 1, 46). Als der Verheißene und Erwartete tritt er ihnen auch hier entgegen in dieser großartigen Proklamation, da er mit Vollmacht redete, und nicht wie die Schriftgelehrten. Dem “ihr habt gehört, daß gesagt ist” stellt er mit messianischen Selbstbewußtsein sein “Ich aber sage Euch …” gegenüber. Er verdränget nicht Mose von seinem Stuhl, befestigt denselben vielmehr in Israel; aber setzt seinen eigen Stuhl höher, als den des Mose. Nicht Gesetz und Propheten aufzulösen sei er gekommen, sondern zu erfüllen, was weder Mose noch die Propheten vermocht hatten.
Und ihnen, der kleinen Schar von geistlich Armen, von nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden, um seines Namens willen Geschmähten und Verfolgten, erschließt er zunächst die wunderbar diamantene Pracht des Gesetzes. Mit schonungsloser Schärfe erfleht er eine bessere Gerechtigkeit von ihnen, als die der Tugendhaftesten und Frömmsten ihres Geschlechtes, der Pharisäer und Schriftgelehrten. War Mose streng, er ist es hundertfältig. Vom Evangelium noch keine Spur. Heilbringende Gnade, Friede mit Gott durch das Kreuz, Freimütigkeit durch den Glauben in sein Blut, Gemeinschaft seines Todes und seiner Auferstehung werden mit keiner Silbe erwähnt. Denn diese Grundvoraussetzungen des eigentlichen Lebens der Gemeinde waren noch gar nicht gegeben.
Daß diese gleichen Jünger später, nach seiner Auferstehung, auch in alle diese Geheimnisse eingeführt wurden, ändert nichts an der Tatsache, daß sie es zu diesem Zeitpunkt weder waren noch sein konnten. Sie stehen hier vor ihrem Meister lediglich als der Kern und Ansatz zu dem, was die Propheten den “Überrest”, den “heiligen Samen”, nennen, dem allein zunächst die Erkenntnis von der Messianität Jesu und von dem göttlichen Charakter seiner Sendung aufgetan werden konnte. Daß sie als solche im eigenen Volke Anfeindung, Verwerfung und Verfolgung um seinetwillen würden zu erleiden haben, deutet er ihnen mit sicherem prophetischen Blick an. Zugleich aber auch gibt er ihnen die Zusicherung, daß ihrer das verheißene Königreich der Himmel sein werde, und der Besitz des Landes, und die Kindschaft.
Auf diesem Boden lehrt Jesus sie nun beten: “Dein Name werde geheiligt.” Woran nur konnten, woran mußten sie denken, als diese wohlbekannten, vertrauten Worte von seinen Lippen kamen. Uns ist ja leider diese Redewendung fast nur aus dem Vaterunser bekannt. Sie anderswo gehört oder vernommen zu haben, ist uns kaum bewußt. Jene Jünger anders. Sie kannten die Schriften der Propheten, und glaubten sie. Sie wußten wohl, was in jener dunklen Stunde der Geschichte ihres Volkes, da es sich von Samuel einen König erbeten hatte, wie die anderen Heiden hatten, der Mann Gottes gesagt hatte: “Der Herr wird sein Volk nicht verstoßen um seines großen Namens willen, weil es dem gefallen hat, euch sich selbst zum Volk zu machen” (1. Sam. 12, 22). Das Gebet des großen Sohnes Davids, Salomo, war ihnen vertraut, da er dem Namen Jehovas ein Haus gebaut hatte und sprach: “… daß deine Augen Tag und Nacht offen stehen über diesem Hause, über dem Ort, davon du gesagt hast: Mein Name soll daselbst sein …” (Kön. 8, 16; 19, 29). Ihnen war nicht fremd, was in Jes. 29, 23 gesagt ist: “Wenn er (Jakob), wenn seine Kinder sehen werden das Werk meiner Hände in ihrer Mitte, so werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen, und den Gott Israels fürchten.
Am lebhaftesten aber mußten sie erinnert werden an die Worte des Propheten Hesekiel: “… denn auf meinem heiligen Berge, auf dem erhabenen Gebirge Israels, spricht der Herr, Jehova, daselbst wird mir das ganze Haus Israel dienen, sie all im Lande … ich will mir euren lieblichen Geruch gefallen lassen, wenn ich euch aus den Völkern führe und will euch aus den Ländern sammeln, in welche ihr zerstreut worden seid, daß ich an euch vor den Augen der Heiden geheiligt werde, wenn ich euch in das Land Israel führe; … und werdet erkennen, daß ich Jehova bin, wenn ich mit euch handeln werde um meines Namens willen und nicht nach euren bösen Wegen, o du Haus Israel, spricht der Herr, Jehova” (20, 40-44).
Und abermals bezeugt Hesekiel: “Darum sage nun zu dem Hause Israel: So spricht der Herr Jehova: Nicht um euretwillen tue ich solches, o du Haus Israel, sondern wegen meines heiligen Namens, welchen ihr unter den Heiden entheiligt habt, zu welchen ihr gekommen seid. Darum will ich meinen großen Namen, der vor den Heiden entheiligt worden ist, wieder heilig machen, welchen ihr unter ihnen entheiligt habt! Und die Heiden sollen erkennen, daß ich Jehova bin, spricht der Herr, Jehova, wenn ich mich an euch vor ihren Augen heiligen werde: Denn ich will euch aus den Heiden nehmen und aus allen Ländern sammeln und euch wieder in euer Land bringen” (36, 22-24). Und abermal: “Und meinen heiligen Namen will ich unter meinem Volke Israel kundtun und meinen heiligen Namen hinfort nicht mehr entweihen lassen; sondern die Heiden sollen erfahren, daß ich Jehova, der Heilige in Israel bin” (39, 7.25).
Was sind alle diese prophetischen Ausführungen anders, als Variationen des großen, gewaltigen Themas, das Jehova auf dem Berge Horeb an seinen Knecht Mose ausgab, als er ihn zum andernmal nach Ägypten sandte, sein Volk zu erlösen: Jehova, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs hat mich zu euch gesandt, das ist mein Name ewiglich und meine Benennung für und für (2. Mose 3, 6.15.16; 4, 5). — Auf diesen einen Grundton ist nicht nur jene damalige wunderbare Volkserrettung aus dem Diensthause Ägyptens gestimmt, sondern auch alle Weissagungen künftiger nationaler Erlösung, davon jene ja nur ein schwaches Vorbild war (Jer. 16, 14.15; 23, 7.8). Nun vergleiche noch Ps. 105, 8-11.42; Micha 7, 20.
Wir greifen daher gewiß nicht fehl, wenn wir annehmen, daß Jesus in dieser ersten Bitte, wie er sie seinen jüdischen Jüngern auf die Lippen legt, keinen anderen Ton angeschlagen habe, als den der künftigen Sammlung des zerstreuten Volkes aus allen Ländern, ihrer gründlichen Bekehrung und Erneuerung, zum Heil und Segen aller Heiden, die des Zeugen werden. Denn erst mit Israels nationaler Sammlung und gläubiger Umkehr zu Jehova (Jesus), ihrem Gott und Könige, ist die erste und wesentliche Vorbedingung gegeben für die nun folgende zweite Bitte: “Dein Königreich komme!” Kein Prophet, von Moses bis Maleachi, kennt ein Königreich Jehovas auf Erden unter andern Voraussetzungen, als daß zuerst Israel gesammelt, erlöst und von Jehova bewohnt werde.
3. Die zweite Bitte: Dein Königreich komme!
Auch mit dieser Bitte stellt Jesus seine Jünger ganz auf die Linien der göttlichen Weissagung. Seine eigene Reichspredigt hat, wie die von ihm veranlaßte seiner Jünger, nie einen andren Inhalt gehabt noch haben können, als das, was alle Propheten von Mose an bezeugt haben, daß Jehova selbst Israels einiger König, Gesetzgeber und Richter sei, und daß dies Volk und sein Land der geographische und politische Rahmen und Boden für die Darstellung seines Königreiches auf Erden seien. Ein anderes Königreich Gottes kennt das ganze Alte Testament anerkanntermaßen nicht. Daraus ziehen wir den uns selbstverständlichen Schluß, daß Jesus ebenfalls kein anderes meinen und predigen konnte und wollte. Denn von ihm konnte die Schrift weder umgebogen, aufgelöst noch gebrochen werden. Er kannte nur eins: ihre Erfüllung. Dazu allein wußte er sich gesandt. Eine Umgestaltung dieses fundamentalen Begriffes ist aber bei ihm oder bei seinen Jüngern, den Aposteln, nicht nachzuweisen. Denn als er dieselben aussandte, das Nahesein des verheißenen Reiches zu verkündigen, kam es ihm gar nicht in den Sinn, weder deren Reichsvorstellungen zu korrigieren, noch die des Volkes durch sie korrigieren zu lassen, — ein unverantwortliches Versäumnis, wenn es wahr wäre, daß die Jünger und das Volk sich von dem zu erwartenden Reiche ganz falsche, “fleischliche” Vorstellungen gemacht hatten, wie man ihnen allgemein zur Last legt. Nicht ihre Reichsvorstellungen waren fleischliche, sondern nur ihre Gedanken über die Art der göttlichen Verwirklichung der Reichshoffnungen. Was sie erwarteten, war richtig. Wie sie es erwarteten, falsch. Es ist offenkundig, daß ihre Begriffe vom Reich an sich der Korrektur nicht bedurften, sonst wäre eine solche geschehen. Das Gegenteil ist der Fall. Jesus bestätigt die sachliche Korrektheit der Reichserwartungen seiner Jünger auf das Bestimmteste und mit deutlichen Worten in Matth. 13, 11; 12, 51.52. Ferner, durch Eingehen auf ihre diesbezügliche Frage in Apg. 1, 6-8, deren sachliche Richtigkeit er damit durchaus anerkennt. Unsere zumeist dem Unglauben gegenüber dem einfachen Wortlaut der Weissagung entsprungenen, aber mit einem Mäntelchen vermeintlich höherer “Geistlichkeit” verhüllten Reichsbegriffe bedürfen dringend der Zurechtstellung, bzw. der Abweisung.
Aus der Fassung der zweiten Bitte ergibt sich folgendes: Jesus hat nicht geglaubt, und darum auch nicht gelehrt, daß durch seine Fleischwerdung, d. h. durch die Offenbarung Gottes in seiner Person das Reich Gottes bereits gekommen sei, d. h. die vom Reich handelnde Schrift ihre Erfüllung gefunden habe. Sonst konnte er, der sich als der “Gekommene” wußte, nicht beten lehren: “Dein Königreich komme.” Wohl war er von der zentralen Bedeutung seiner messianischen Persönlichkeit für das Zustandekommen des Königreiches Gottes auf Erden derart überzeugt und erfüllt, daß er seine Jünger mit der Ankündigung durch das ganze jüdische Land sandte, das Königreich, der Himmel sei nahe herbeigekommen. Er ging sogar soweit, seinen erklärten Feinden, den Pharisäern, entgegenzuhalten das Königreich Gottes sei mitten unter sie getreten (nicht “inwendig in ihnen” — eine Ungereimtheit sondergleichen) eben in der Person des rechtmäßigen Königs. Auch sein Einzug in Jerusalem bekundet, wie bestimmt er sich in das Zentrum aller großen Reichshoffnungen stellte. Aber auch sein “gutes Bekenntnis” vor dem Vertreter der vierten großen Weltmacht, des römischen Reiches, daß sein Königreich nicht dieser Welt entstamme, und weltlicher Mittel (des Schwertes) zu seiner Darstellung nicht bedürfe, bezeugt es klar, daß er sich nie in dem Wahn befand, das verheißene messianische Reich bereits herbeigeführt zu haben und also die darauf zielende Schrift bereits in seinem damaligen Leben und Auftreten erfüllt zu haben.
Es liegt daher in dieser Bitte für die Jünger die bestimmte Unterweisung, daß das Königreich Gottes über die Person des Messias hinausreiche und mehr verlange, als die Offenbarung Gottes in Christo. Ohne ihn ist natürlich kein eigentliches Königreich denkbar. Aber er allein, sein Wesen und seine Kraft, seine Lebensfülle und seine Gottesherrlichkeit machen noch nicht das Reich Gottes aus, von welchem die Schrift redet. Selbst der durch die Hinzufügung seines Leibes, seiner Fülle, der Gemeinde, vervollständigte Christus Gottes allein macht noch nicht das Königreich Gottes aus. Dazu gehört sein Volk und sein (Immanuels) Land.
Nun zielen aber die göttlichen Bestrebungen im gegenwärtigen Zeitalter offenbar weder auf dieses Volk, noch auf dessen Land. Vielmehr ist es die ausgesprochene Absicht Gottes, daß das, was heute an Heil und Erkenntnis in die Völkerwelt getragen wird, den “Fall” und “Verlust”, ja die “Verstockung” Israels zu seiner Voraussetzung hat (Röm. 11, 11.12.15.25.30). Und es ist jedem erleuchteten Kinde Gottes gleichfalls klar, daß alles, was durch den Heiligen Geist heute in den Gläubigen gezeugt und gewirkt wird, zu seinem eigentlichen Ziel und Zweck die Vervollständigung und Verherrlichung des erhöhten Herrn hat. Daß Christus in uns eine Gestalt gewinne, daß wir in sein Bild verwandelt werden, daß ein jeglicher, der aus seinem Geiste stammt, auch in seinem Geiste lebe und wandle, gesinnt sei, wie Jesus Christus auch war, — das ist das Ziel aller Geistesarbeit heute. Es handelt sich dabei ganz und gar um die persönliche Lebensfülle des herrlichen Herrn selber und um deren Ausgestaltung in seinen Gläubigen und Heiligen. Dagegen handelt es sich heute gar nicht um die Sammlung Israels in seinem Lande, noch um den Wiederaufbau der heiligen Stadt und ihres Tempels, noch um die Zertrümmerung der Weltmächte, die das Horn erhoben haben gegen Juda und Jerusalem, noch um die Aufrichtung des Thrones Davids auf dem heiligen Berge Zion in Jerusalem.
Die organische Zugehörigkeit der Wirksamkeit des Heiligen Geistes in diesem Zeitlauf mit den göttlichen Reichsgedanken ist durchaus gewahrt und gesichert. Alles, was geschieht, geschieht um des künftigen Reiches willen und mit Beziehung darauf. Es werden ja die eigentlichen Söhne und Erben des Reiches erzogen und zubereitet. Daß aber die heutige Tätigkeit des Heiligen Geistes nicht in dem Rahmen der zweiten Bitte des Vaterunsers unterzubringen ist, zeigen uns die folgenden Tatsachen noch deutlicher.
Die zweite Bitte schließt sich unmittelbar der ersten an, d. h. sie hat jene zu ihrer Voraussetzung, und nicht umgekehrt. In der ersten Bitte aber hat sich Jesus, wie wir erkannten, zunächst voll und ganz auf den Boden der Weissagungen gestellt, welche nicht auf seine Person und deren Zukunft hinweisen, sondern auf die andern Reichsmomente, d. h. auf die Sammlung des zerstreuten Volkes in seinem Lande, und die Heiligung des Namens Jehovas an ihnen durch eine gründliche Erneuerung, — also auf den Boden der Zubereitung des Reichsvolkes im eigentlichen Reichslande zum Zweck der Aufrichtung des Königreichs Gottes in ihrer Mitte. So gefaßt, muß die zweite Bitte der ersten folgen, wenn Jesus prophetisch richtig gedacht hat. Erst muß das Volk in sein Land und zu seinem Gott zurückgebracht sein, ehe das eigentliche “Reich Gottes” dort erstehen kann.
Wenn aber diese Ordnung bewußt und beabsichtigt ist, wie wir fest glauben, dann bedeutet es einfach eine Nichtachtung oder Umkehrung derselben, wenn man die gesamte großartige, herrliche Arbeit des Heiligen Geistes durch das Evangelium von der Gemeinde, dem Leibe Christi, als eine allmähliche Erfüllung der zweiten Bitte des Vaterunsers betrachtet, wie es fast allgemein geschieht. So hat man uns gewöhnt, alle Missions- und Evangelisationsarbeit dieses Zeitlaufs ohne weiteres “Reichsgottesarbeit” zu nennen. Ihre Beziehung auf das künftige Reich soll und kann ja nicht in Abrede gestellt werden. Aber eigentliche Arbeit zur Darstellung oder Aufrichtung des Königreiches Gottes auf Erden ist es ebenso wenig, wie die heutige Predigt von “Christus in uns” eigentliche Reichspredigt ist. Ein Bild mag zur Klarstellung dienen:
Die hohe Frau, welche ihrem kaiserlichen Gemahl einen Thronerben schenkt und erzieht, leistet darin dem ganzem deutschen Reiche einen unverkennbar hohen und wichtigen Dienst. Aber dieselbe hohe Frau hat weder die Aufgabe, das Reich gegen seine äußeren und inneren Feinde zu schützen, noch dem Reiche seine Verfassung zu geben, noch die Politik oder Diplomatie des Reiches zu bestimmen. Was hat die Geburt und Ausbildung des Thronerben mit der Aufrichtung und Herstellung des Reiches an sich zu tun? Sein Fehlen sogar würde den Bestand des Reiches an sich noch nicht in Frage stellen. Es könnte, wie zum Beispiel das Nachbarland Frankreich, national und territorial auch ohne Dynastie unter irgend einer andern Verfassung und Ordnung gedacht werden und fortbestehen.
Als “Reichsarbeit” im eigentlichen Sinn kann daher das nicht gelten, was lediglich Bezug hat auf den Ausbau des regierenden Hauses, der eigentlichen Herrscherfamilie.
Vielmehr ist nur das Reichsarbeit im wahrsten Sinne, was mit der Beseitigung und Niederwerfung aller feindseligen Mächte, der Wiedergewinnung des verlorenen Landes, der Sammlung und Zubereitung des eigentlichen Reichsvolkes, d. h. der Untertanen des Reichs, und dann mit der Einsetzung der gottgewollten Dynastie in ihrer Königswürde zu tun hat. Von allen diesen Dingen ist aber in diesem Zeitalter, wenn wir seine Bedeutung recht verstehen, entfernt nicht die Rede.
Dazu kommt die weitere Tatsache, daß die Jünger des Herrn damals noch nichts wissen oder ahnen konnten von der Offenbarung des Geheimnisses vom “Leibe Christi”, dessen Ausbau aller eigentlichen Reichsarbeit in und an Israel erst vorangehen müsse. wie es uns ganz einleuchtend geworden ist. Auch aus diesem Grunde halten wir es für vollständig ausgeschlossen, daß der Herr seinen Jüngern in der zweiten Bitte des Vaterunsers die Fürbitte (und damit die Arbeit und Mitwirkung) an der Arbeit nahe legen wollte, die in der Kraft des Heiligen Geistes heute zu geschehen hat. Denn es fehlte den Jüngern auch die allererste Voraussetzung für das gläubige Verständnis einer solchen Bitte. Die erste bestimmte Andeutung von einer veränderten Aufgabe für dieses Zeitalter wurde ihnen von dem Auferstandenen erst in Apg. 1, 7.8 gegeben. Da stand ihr Sinn ganz richtig auf die Aufrichtung des Königreichs. Jesus wendet ihren Geistesblick bestimmt und fest nach einer anderen Richtung hin, ohne an ihrer Reichshoffnung das mindeste zu kürzen. Aber er stellt ihnen einen unmeßbaren Aufschub der eigentlichen “Reichsarbeit” in Aussicht. Inzwischen hätten sie Zeugendienst zu leisten in Betreff seiner Person. Aber in Matth. 6 konnten und sollten sie das Wort von dem kommenden Königreich keineswegs vom Bau der Gemeinde verstehen, sondern von dem eigentlichen Reiche Jehovas in Israel, dessen Aufrichtung, wie wir heute wissen, jenseits der Vollendung des Geheimnisses vom Leibe Christi liegt.
Die zweite Bitte weist also, ebenso wie die erste, auf das Bestimmteste über das gegenwärtige Zeitalter hinaus in eine Zeit, wo die Auserwählten aus Israel, deren Vertreter diese Zwölf waren, wieder vor der Frage nach dem “Königreich” stehen werden, und wo sie als die berufenen Träger und Verwalter der göttlichen Ratschlüsse daran festhalten sollen, daß Jehovas Name geheiligt und sein Königreich wirklich unter dem ganzen Himmel aufgerichtet werden wird, wie es von allen Propheten bezeugt ist.
4. Die dritte Bitte: Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden.
So eng die zweite Bitte mit der ersten, so eng ist die dritte mit der zweiten verwachsen. Gleichwie es ohne die Sammlung Israels in seinem Lande, d. h. ohne diese “Heiligung des Namens” Gottes kein Kommen des Königreiches auf der Erden geben kann, ebenso kann auch die endliche Durchführung des gnädigen Gotteswillens in der ganzen Menschheit auf Erden nicht eher erreicht werden, als bis sein Königreich wird wieder aufgerichtet sein auf dem Throne Davids in Jerusalem. Man ersieht deutlich, wie Jesus durchaus in der Schrift d. h. in den “Dingen seines Vaters” wurzelte mit seinem ganzen Denken und Lehren. Es kam ihm nicht in den Sinn, das “Gesetz der Propheten” aufzulösen. Sein Sinn ging nur auf deren Erfüllung. Das ganze großartige, prophetische Programm, wie er es aus der Schrift richtig erkannt und erfaßt hatte, steht ihm unerschütterlich fest. In diesen drei Bitten gibt er seinen Jüngern einen meister- und musterhaften Leitfaden davon an die Hand, an welchem sie sich in den kommenden Tagen der Drangsal und der Verzögerung seiner Erfüllung immer wieder orientieren und aufrichten sollten. Und wenn auf die Erfüllung nur der ersten Bitte — die Sammlung Israels im heiligen Lande — zwei Jahrtausende auf sich warten ließ, sie stand dennoch so fest wie die Heiligkeit des Namens Jehovas, des Gottes Abrahams, lsaaks und Jakobs. Ebenso fest aber stand auch die Ordnung und Aufeinanderfolge der großen Ereignisse, deren Eintreten dadurch bedingt ist, daß Gottes Name also geheiligt wird vor den Augen aller Völker. Dann erst kommt das ersehnte und gepriesene Reich, nämlich mit dem, der zukünftig ist mit seiner Erscheinung und mit seinem Königreich (2. Tim. 4, 1). Alle noch so wohlgemeinten, mit gewaltigem Aufwand von Kraft und Eifer gemachten Versuche einer Christenheit, die schon früh aufgehört hatte, prophetisch-apostolisch zu denken, zu glauben und zu hoffen, — “Reich Gottes” herzustellen in diesem Zeitalter, haben dem Vaterunser Recht gegeben. Die darin festgelegte Folge der Dinge läßt sich nicht durchbrechen oder verschieben.
Man hat sich eingebildet, den früheren, vermeintlich ganz “fleischlichen”, weil “israelischen” Reichsbegriff der ersten Jünger — der aber nachweislich ganz derjenige ihres Meisters war — weit hinter sich gelassen und theologisch überwunden zu haben. Nun war man frei, und gestaltete sich neue geistige, und vermeintlich viel “geistlichere” Reichsbegriffe, und ging dann — echt fleischlich — daran, dieselben mit allerlei oft sehr fraglichen Mitteln durchzuführen, und so das “Reich Gottes auf Erden zu bauen”. Auf diese Weise hat man sich Jahrhunderte lang zerarbeitet in der Menge seiner Wege. Das Ergebnis ist eine lange Reihe der traurigsten Zerrbilder — Machenschaften, die schließlich den sogenannten christlichen Kulturvölkern einen Ekel und Widerwillen beigebracht haben gegen ein Christentum, das unerneuerte Volksmassen durch Zeremonien und kirchliche Handlungen einfach zu Bürgern des Gottesreiches auf Erden stempeln will. Man verlor immer mehr den Sinn für den Unterschied zwischen dem Evangelium vom Reich und der paulinischen Verkündigung vom Geheimnis des Leibes Christi.
Man verquickte beides, und wußte schließlich keinen Ausweg mehr, als daß man nur noch predigte wie man “in den Himmel komme!” Das Verständnis für Israel und seine Bedeutung im göttlichen Reichsplan schwand. Man wurde Antisemit und trieb christlich-nationale Reichspolitik und Weltverbesserung.
Man prägte die israelitischen Volksweissagungen einfach um und verhieß den Völkern eine Sanierung aller Lebensverhältnisse in Staat und Gesellschaft durch den “Sauerteig” (!) des Evangeliums, der mit Polizeimaßregeln angewendet wurde. Eine gründliche “Versäuerung” ist eingetreten; aber nicht die erhoffte. Denkenden Menschen ekelt vor diesem Polizeichristentum, und man wendet sich immer deutlicher von einer solchen “Geistlichkeit” des verheißenen “Reiches Gottes auf Erden” ab. Und dabei wundert man sich ganz naiv in “christlichen Kreisen”, warum es so schwer falle, die doch regelrecht mit Taufe und Katechismus “durchsäuerten” Massen und die Gebildeten mit dem wirklichen Evangelium zu erreichen!
Da ist es denn wohl ein großer Trost, zu wissen, daß das Vaterunser fest und unabänderlich bleibt als ein Abriß und eine Summe des großen göttlichen Programms auch mit der Völkerwelt unter dem ganzen Himmel. Alle unsre Irrungen und Fehlgriffe ändern nichts an seiner Zuverlässigkeit. Gott führt es dennoch hinaus. All unser törichtes Machwerk muß ja ins Gericht, ins Feuer. Aber jenseits dieses heilsamen Gerichts liegt das Königreich und seine Ausdehnung über die ganze Erde.
Der Wille Gottes, des Vaters, wie er ihn in Christo Jesu bei sich selbst beschlossen hat, wird endlich dennoch auf Erden geschehen, wie im Himmel. Dann wird alle Weissagung Geschichte werden, großes, heiliges, herrliches Geschehen der Gedanken Gottes mit den Menschenkindern. Der Gott der Ewigkeiten wird Recht behalten. Alle Könige werden ihn anbeten, alle Heiden werden ihm dienen (Ps. 72, 11). Und Jehova (Jesus) wird über die ganze Erde König werden. An demselben Tage wird nur ein Jehova sein und sein Name nur einer (Sach. 14, 9). Das Königreich wird dem Herrn gehören (Obad. 21)!
Mit mütterlicher Sorgfalt und weiser Voraussicht wappnet der Meister mit diesem Gebet seine israelitischen Jünger und alle, die durch ihr Wort an ihn glauben an den wahren, verheißenen Messias, den Trost Israels, für die Stunde der Versuchung, welche über den Kreis der Erde kommen soll, gegen die große Drangsal über Jakob, dergleichen nie gewesen ist, noch je wieder sein wird, den bösen Tag, da Finsternis das Erdreich und Dunkel die Völker bedecken wird.
Wie bei allen Propheten Israels, so geht auch bei ihm der Blick weit hinaus über die ganze dazwischen liegende Zeit des “Geheimnisses”, das von der Welt her in Gott verborgen lag, und liegen sollte, bis Israel das Maß seiner Väter erfüllt hatte und spruchreif zum Gericht der Verstockung geworden war. Jesus konnte nicht daran denken, den dichten Schleier von diesem “Geheimnis” hier schon zu lüften. Er hat es auch später nicht getan — nicht einmal in den 40 Tagen nach seiner Auferstehung. Um so mehr aber lag ihm daran, mit großer Bestimmtheit die Grundzüge festzulegen aus allen Propheten, auf welchem dereinst der gewaltige Bau des ewigen Königreiches Jehovas über die ganze Erde sich erheben werde, nachdem die Tage der Leiden seines Volkes für immer ihr Ende gefunden haben werden. Während der schweren Zeit der Not aber, — die ja über “dies Geschlecht”, zu dem er die Zwölfe sandte, schon nach dem Menschenalter begann und bis heute währt — sollen sich die Berufenen und Auserwählten eben diesen Volkes durch das getröstet wissen, was wie ein Fels im Meer in diesen drei Bitten des Vaterunsers steht und stehen wird trotz aller Stürme.
Wie klar die besonderen Nöte und Gefahren gerade dieser (auch heute noch eigentlich, d. h. ihrem schwersten Inhalt nach, zukünftigen) Drangsalzeit von dem prophetischen Blick des Meisters standen, werden uns die vier noch übrigen Bitten recht deutlich zeigen.
5. Die vierte Bitte: Unser täglich Brot gib uns heute.
Gleichwie drei die Zahl Gottes und des Himmels, so ist vier nach der Schrift die Zahl der Erde. In den drei ersten Bitten kam die göttliche Seite des künftigen Reiches zu ihrem Recht. Nun begegnet der Herr in den folgenden vier Bitten den Nöten, Gefahren und Versuchungen, welche die irdischen Erben und Bürger des Reichs zu erwarten haben. So liegen diesen Bitten Zustände und Verhältnisse zugrunde, wie sie in besonderer Weise jenen letzten schweren Drangsalstagen, durch welche das Reichsvolk wird zu gehen haben, eigen sein werden. Hätten wir uns nicht so daran gewöhnt, dieses ganze Gebet beständig zu gebrauchen, und es (ohne Befugnis) auf die heute herrschenden Verhältnisse in der Gemeinde in Christo zu beziehen, dann wäre uns der Blick nicht so geschwächt worden für den Umstand, daß diese und die folgenden Bitten ganz besonders schweren und scharfen irdischen Notständen entsprechen, wie sie der Gemeinde Gottes für ihre Entwicklung keineswegs auf den gleichen Linien in Aussieht gestellt werden; wie sie aber von allen Propheten gerade für Israel bestimmt vorher verkündigt worden sind. Paulus, der Apostel der Gemeinde, ermahnt: Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung zu tun für alle Menschen, für Könige und alle, die in hervorragender Stellung sind, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit (1. Tim. 2, 1.2). Die Gläubigen fordert er auf, ihre eigenen Angelegenheiten zu besorgen, und mit ihren eigenen Händen zu arbeiten, ehrbar zu wandeln vor denen draußen, so daß sie niemandes bedürfen, vielmehr zu geben hätten den Dürftigen (1. Thess. 4, 11.18; Eph. 4, 28). Das sind Ermahnungen, die es ja gewiß nicht ausschließen. daß man den Segen auf alle seine Arbeit vom Herrn erwarte und erflehe. Aber es sind Ermahnungen, die auf geregelte wirtschaftliche und soziale Verhältnisse schließen lassen, unter Obrigkeiten, welche ehrliche Arbeit und Broterwerb gestatten, schützen und fördern.
Wenn aber nun Zeiten kommen (die nach unserer Erkenntnis nicht eigentlich für die Gemeinde Gottes, wohl aber für Israel auf Erden in Aussicht stehen), da z. B. niemand kaufen oder verkaufen kann, nicht einmal Brot, er habe denn das Malzeichen des Tiers an Stirne und Hand, dann wird eine Bitte wie diese: “Gib uns heute unser täglich Brot!”, eine ganz andere Bedeutung gewinnen, als sie für uns haben kann. Israel kennt ja aus seiner Geschichte auch eine Zeit, die kein andres Volk auf Erden je so erlebt hat, da es von Jehova 40 Jahre lang täglich mit Manna vom Himmel gespeist wurde. Das war nicht mit eigenen Händen erarbeitetes, sondern nur gesammeltes, von Gott frei geschenktes Brot. So wurde auch sein großer Prophet Elias, der ja in der letzten Zeit wieder erscheinen soll, am Bache Krith von den Raben gespeist, da es 3 Jahre und 6 Monate nicht regnete im Lande. Ein ähnliches Gericht steht dem Volk und Lande nach Offb. 11, 6 ganz gewiß bevor.
Auch steht deutlich geschrieben von dem Israel der letzten Zeit: “Ich will sie in die Wüste führen und ihr ans Herz reden; und ich will ihr von dort aus ihre Weinberge geben” (Hos. 2, 16.17). Und der also begnadigten und wiedergefundenen Braut Jehovas wird verheißen: “Und es soll geschehen an demselben Tage, spricht der Herr, da will ich antworten: ich will dem Himmel antworten und er soll der Erde antworten; und die Erde wird antworten mit Korn, Most und Öl, und diese werden den Jesreel (der Zerstreuten) antworten” (Hos. 2, 23.24). Da muß doch vorher der Himmel der Erde geschwiegen und die Erde ihr Gewächs nicht gegeben haben. Das sind dann Notstände, durch welche, wie einst das Haus Jakobs in Kanaan, so das ganze Israel im Lande mürbe gemacht und zu den Füßen seines großen Bruders Joseph gebracht wird, bei dem Speise genug wird gefunden werden und eine Rettung für seines Vaters ganzes Haus.
6. Die fünfte Bitte: Und vergib uns unsre Schulden, gleichwie wir auch vergeben (haben) unsern Schuldnern.
Diese Bitte erfährt vor allem anderen am Schluß des ganzen Gebetes noch eine besondere Erläuterung und Ausführung:
Denn wenn ihr den Menschen ihre Fehler vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen ihre Fehler nicht vergebet, so wird euch euer Vater eure Fehler auch nicht vergeben (Matth. 6, 14.15). Man vergleiche damit auch Mark. 11, 25.26.; Luk. 6, 37; 11, 4; ebenfalls das Gleichnis Matth. 18, 23-25.
Halten wir daneben noch die Sprache des Apostels Paulus an die Gläubigen in Christo Jesu. Er schreibt z. B. in Eph. 4, 32: “Vergebet einander, gleich Gott euch in Christo vergeben hat.” Oder Kol. 3, 13: “Gleichwie Christus euch vergeben hat, also auch ihr.” Die Wendung dieser Sprache ist allerdings verschieden von der des Herrn an seine jüdischen Jünger, ohne daß aber ein Widerspruch hier bestände. In beiden Fällen ist wahre Jüngerschaft die Voraussetzung. Denn man kann nicht die Trauben einer wahrhaft versöhnlichen Gesinnung lesen von den Dornen eines ganz unerneuerten Herzens. So weist also auch das Wort des Herrn in die Zeit hinaus, wo Gott seinem Volke Israel bereits erfüllt haben muß, was er ihm in den Propheten zugesagt hat: “Ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben” (Hes. 36, 26).
Wenn man nun bedenkt, daß Israel in jenen Tagen, für welche wir dieses Gebet besonders gerechnet glauben in einer Zeit der Drangsal, der Verfolgung und Bedrückung stehen wird, “dergleichen nie gewesen ist, und auch nie wieder sein wird”, dann gewinnt gerade auch diese Bitte eine besondere Schönheit und Bedeutung. Es ist alsdann in ganz besonderer Weise berufen, der Lichtträger Jehovas mitten in der umgebenden Finsternis der antichristlichen Völkerwelt zu sein. Die Gemeinde, der Leib Christi, hat seine Vollendung gefunden und ist nicht mehr auf der Erde. Der gläubige Überrest Israels aber, den ja damals auch die Zwölfe darstellten, der dann wieder auf der Warte steht, hat die große Aufgabe, die Wahrheit und Treue dessen zu verkündigen, der sie von der Finsternis zu seinem wunderbaren Lichte rief, — bis daß die Herrlichkeit Jehovas voll aufgehen wird über Jerusalem und dann die Nationen zu dem Glanz herkommen, der über ihr erscheinen wird.
Was wird das für ein ergreifendes Zeugnis sein für die ewigen Liebesgedanken Gottes, selbst gegen ein abgefallenes und verhärtetes Geschlecht, das gegen sein erwähltes Volk wüten wird, wenn dieses Volk beten wird, wie Jesus es hier beten lehrt: Vergib uns unsre Schulden, wie wir auch vergeben haben unsern Schuldnern. Wenn solche Zeugen der göttlichen Gnade und Wahrheit alsdann mitten im Abfall ihre Aufgabe erfüllen, so verstehen wir, wie eine so große Schar aus “der großen Trübsal” hervorkommen wird, welche ihre (zuvor besudelten) Kleider gewaschen und helle gemacht haben im Blute des Lammes (Offb. 7, 14). Sie haben sich in den Tagen ihres Wohlergehens verführen lassen, haben ihre Kleidern nicht unbefleckt erhalten von der Welt; wenn sie aber sehen werden, wie mächtig die herrliche Gnade Gottes sie erzeigen wird an dem gehaßten und verachteten Volk, dessen man (auch da man noch das christliche Bekenntnis aufrecht erhielt) gespottet hatte, dann werden ungezählte Tausende ehemaliger Christenbekenner, die aber dem Tiere nachgefolgt waren, ihre Kleider waschen und helle machen wegen solcher Erweise göttlicher Gnade und Liebe.
7. Die sechste Bitte: Und führe uns nicht in Versuchung!
Ist unsere Deutung richtig, welche dieses Gebet eigentlich in jene furchtbar ernsten Tage verlegt, die über Israel hereinbrechen werden, ehe es als Volk zu seinem Herrn bekehrt wird, dann tritt auch diese sechste Bitte in eine ganz eigenartige Beleuchtung. Israel steht in der “Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird” (Offb. 3, 10). Es ist die Zeit, davon Jesus geweissagt hat, da er sprach: “Es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen, und werden große Zeichen und Wunder tun, um, wo es möglich wäre, auch die Auserwählten zu verführen” (Matth. 24, 24). Die Zeit, davon der Apostel Paulus gesagt hat: (der Gesetzlose — Antichrist), dessen Zukunft nach der Wirkung das Satans erfolgt unter Entfaltung aller betrügerischen Kräfte, Zeichen und Wunder, und aller ungerechten Verführung unter denen, die verloren gehen, dafür, daß sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, sondern Wohlgefallen hatten an der Ungerechtigkeit (Thess. 2, 9-12). Und abermals schreibt er an seinen Sohn Timotheus: “Der Geist sagt deutlich, daß in späteren Zeiten etliche vom Glauben abfallen und anhangen werden verführerischen Geistern und Lehren der Dämonen durch die Heuchelei von Lügenrednern” (Tim. 4, 1.2). Die ausführlichste Schilderung der gewaltigen Verführungsmächte, die in jenen Tagen ausgelöst werden auf Erden, gibt uns Johannes in Offb. 13, 11-17:
“Und ich sah ein anderes Tier aus der Erde (Israel) aufsteigen, und es hatte zwei Hörner gleich einem Lamme und redete Dinge wie ein Drache. Und es übt alle Macht des ersten Tieres aus vor demselben und macht, daß die Erde und die (darauf wohnen, das erste Tier anbeten, dessen Todeswunde geheilt ward. Und es tut große Zeichen, die ihm gegeben sind. vor dem Tiere zu tun, und es sagt denen, die auf Erden wohnen, daß sie ein Bild machen sollen dem Tier, welches die Wunde vom Schwert hat, und lebend geblieben ist. Und es ward ihm verliehen, dem Bilde des Tieres einen Geist zu geben, auf daß das Bild des Tieres auch redete, und machte, daß alle getötet wurden, die das Bild des Tieres nicht anbeten. Und es macht, daß allen, den Kleinen und den Großen, und den Reichen und den Armen, und den Freien und den Knechten, ein Malzeichen gegeben wird auf ihre rechte Hand oder auf ihre Stirne, und daß niemand kaufen oder verkaufen kann, als nur, wer das Malzeichen hat, den Namen des Tieres oder die Zahl seines Namens.” Das werden Kundgebungen satanischer Verführungsmächte sein, dergleichen die Erde bis dahin noch nie erlebt haben wird. Es wird die Zeit sein, da erfüllet wird jenes geheimnisvolle Wort des Messias, den sein Volk nicht annehmen wollte: “Ein anderer wird kommen in seinem eigenen Namen; den werdet ihr annehmen” (Joh. 5, 43). Wie wird man dem Tiere zujubeln! Wie ein Taumel wird die Begeisterung für diesen großartigsten Menschen, der je gelebt hat auf Erden, und der Dinge tun wird, die kaum ein anderer je getan hat, welche die Massen hinreißen. Was jene drei jüdischen Männer in Babylon erführen, als der König Nebukadnezar das goldene Bild von sieh machen und anbeten ließ, das werden dann diese “Übrigen” ihres Volkes im großen Maßstabe erfahren, nämlich was es heißt, nicht mit der Masse zu treiben, sondern festzustehen zu dem Gott, der auch aus dem feurigen Ofen erretten kann. In jenen Tagen aber wird von der so verhängnisvollen Vermessenheit, die dem Volke schon in der Wüste eigen war, und die in einem Jünger, wie Petrus, einen sehr plastischen Ausdruck fand, bei diesen “Übriggebliebenen nach der Wahl der Gnaden” nichts mehr zu merken sein. An ihre Stelle ist eine demütige und lautere Selbsterkenntnis getreten, die sie beten lehrt: “Und führe uns nicht in Versuchung!”
8. Die siebente Bitte: Sondern erlöse uns von dem Bösen.
Allein aus inneren Gründen ziehen wir die Übersetzung “Bösen” vor. Denn es wird unverkennbar in dieser letzten Bitte ein gewisser Höhepunkt erreicht, über den hinaus es keine Steigerung gibt, zu dem aber die Steigerung hinführt. Es steht ja diese siebente Bitte im allerinnigsten Zusammenhang mit der voranstehenden sechsten. Sie bilden eigentlich nur eine. Hat nun der Meister in der sechsten hinausgewiesen auf die furchtbaren Verführungsmächte der letzten Tage für seine jüdischen Jünger, so will es uns unstatthaft scheinen, in der siebenten nur im allgemeinen von dem Übel dieser Welt ihn reden zu lassen. Vielmehr halten wir, daß er in ganz bestimmter Weise hier auf den hinweist, der die eigentliche Triebfeder all der gefährlichen Bewegungen der antichristlichen Zeit ist, den Drachen, die alte Schlange, welche ist der Satan. In derselben Weise lesen wir auch seine Bitte an den Vater in Joh. 17, 15: “Ich bitte nicht, daß du sie aus der Welt nehmest, sondern daß du sie bewarest vor dem Argen” (Bösen). Denn wir halten dafür, daß der Meister auch damals in seinen Jüngern, die ihm der Vater von der Welt gegeben, in erster Reihe nicht die zukünftige Gemeinde, den Leib Christi erblickte, da dieser damals noch “Geheimnis” und nicht Gegenstand der Offenbarung war. Demgemäß fassen wir jene Bitte des Herrn für die Seinen in dem gleichen Sinne, wie hier die siebente Bitte des Vaterunsers. Darum achten wir auch, daß in beiden Worten die Rede sei, nicht vom Übel im allgemeinen, sondern von dem persönlichen, gefallenen Engelfürsten, dem Gott dieser Welt, d. h. dem Satan. Von ihm wird in Offb. 12 deutlich vorhergesagt, daß er zu den Zeiten, da das Weib (Israel), das den männlichen Sohn gebar in die Wüste floh, samt seinen Engeln aus dem Himmel auf die Erde geworfen werden wird. Infolgedessen heißt es: “Seid fröhlich ihr Himmel und die ihr darin wohnet!” (Die dann vollendete Gemeinde, der Leib Christi.) Aber: “Wehe der Erde und dem Meere! Denn der Teufel ist zu euch hinabgestiegen und hat einen großen Zorn, da er weiß, daß er nur wenig Zeit hat” (Kap. 12, 7-12). Weiterhin meldet das Wort: “Und der Drache ergrimmte über das Weib und ging hin, Krieg zu führen mit den Übrigen ihres Samens, welche die Gebote Gottes beobachten und das Zeugnis Jesu Christi haben” (V. 17). Durch diese Doppelbezeichnung ist die Schar der dann getreuen gläubigen Juden auf das deutlichste gekennzeichnet. Sie sind nach diesem Wort der Hauptgegenstand der grimmigen Verfolgung des Satans. Sie werden erfahren, was Jesus dem Petrus schon andeutete, als er sagte: “Satanas hat euer begehrt, daß er euch sichte wie den Weizen; ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre” (Luk. 22, 31.32). Sie werden dann auch imstande sein, die Weisheit und Liebe dessen zu ermessen, der schon in den Tagen seines Fleisches mit sicherem und prophetischem Blick die Seinen hinweisen konnte auf jene furchtbare Zeit satanischer Kundgebungen, und seine Jünger beten lehrte, wie er tat.
(Quelle: Mir unbekannt; via kahal.de)


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