Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Der hohe Wert der Weissagung

Autor: Ströter, Ernst F., Prof.  |  Kategorie(n): Das prophetische Wort  |  410 x gelesen

Referat an der ersten deutschen Prophetischen Konferenz, Berlin, 03. - 05. November 1919

Es darf mit Dank gegen das herrliche Haupt der gläubigen Gemeinde festgestellt werden, dass mit dem Herannahen des Endes dieser Weltzeit das Interesse und die Freude am Wort der Weissagung bedeutend zugenommen hat. Gleichwohl muss gesagt werden, dass noch in sehr vielen Kreisen und Gemeinschaften entschieden bibelgläubiger Christen ein eingehendes und gründliches Studium und Vertiefen in die biblische Prophetie für etwas gehalten wird, das man nicht grade ganz von der Hand weisen möchte, namentlich nicht, um denkenden Menschen an der unbezweifelten Erfüllung so mancher Weissagung die Wahrheit der biblischen Offenbarung zu erhärten. Dabei wird natürlich die geschichtlich gewordene Erfüllung besonders betont und der Weissagung mehr ein rein apologetischer Wert zugeschrieben. Für die schon gläubig Gewordenen aber, die das in Christo Jesu dargebotene Heil Gottes erfahrungsmäßig ergriffen haben, kommt die Weissagung als solche, d. h. als noch ganz oder größtenteils unerfüllte Zusage Gottes viel weniger, wenn überhaupt in Betracht, höchstens dass man sich an Verheißungen Gottes stärkt und aufrichtet, die man ins persönliche Heilsleben umsetzen und also praktisch verwerten kann zur eigenen Erbauung im Glauben. Was aber namentlich die großen Zusagen Gottes hinsichtlich Seiner eigenen Pläne, Gedanken, Absichten und Ziele mit seinem Volke Israel, mit der Völkerwelt, der seufzenden Kreatur, der Engelwelt usw. anbetrifft, so steht man denselben vielfach noch sehr neutral gegenüber. Man ist sogar stark versucht, die sorgfältige und tiefgehende Beschäftigung damit für eine Art nicht immer unbedenklicher oder gar direkt gefährlicher Liebhaberei zu halten, wobei für das eigentlich praktische persönliche Heilsleben wenig oder gar nichts herauskomme. Man gerate da leicht in dunkle Untiefen, wobei man den Boden unter den Füssen verlieren und in Verwirrung kommen könne. Es sei eben doch ein gar dunkles und rätselvolles Gebiet und im allgemeinen habe ein ernstes Kind Gottes sich mit viel wichtigeren Dingen abzugeben, die direkt zur Förderung seines eigenen inneren Lebens und zur eigentlichen Erbauung der Gemeine dienten. Dem gegenüber soll es die Aufgabe dieser Darstellung sein, den unvergleichlichen und durch nichts anderes zu ersetzenden hohen praktischen Wert der biblischen Weissagung für die Ausreife und Vollendung der gläubigen Gemeine Christi darzutun. Er aber, der herrliche Herr, von dem geschrieben steht: “Das Zeugnis Jesu ist der Geist der Weissagung” — erleuchte Herzen und Sinne des Schreibers und der Leser zur völligen und fruchtbaren Erkenntnis Seines Willens und Wohlgefallens auch in diesem Stücke.

1. Wenden uns zunächst einem Worte Gottes zu aus dem Propheten Jesaja, das uns deutlich enthüllt, was Gottes eigenes Urteil ist über den Wert seines alleinigen Vermögens zu weissagen gegenüber den vermessenen Ansprüchen derer, die doch nicht Götter sind, aber göttliche Verehrung fordern von den Menschen. Der Prophet erhebt im Namen des allein wahren Gottes Israels seine Stimme und fordert jene dämonischen Wesen, die gefallenen Engel und Geister, heraus, es darin doch Gott gleich zu tun, dass sie auch Zukünftiges vorherverkündigen:

“Bringt eure Streitsache her, spricht Jehova, suchet eure stärksten Gründe hervor, spricht der König Jakobs. Sie mögen hervortreten und uns anzeigen, was begegnen wird! Wie fängt es an? Saget her, so wollen wir achtgeben, um seinen Ausgang zu erkennen. Oder lasset uns hören, was kommen wird! Saget uns, was hernach geschehen wird, so werden wir erkennen, dass ihr Götter seid. Tut doch Gutes oder Böses, so wollen wir uns ängstigen und fürchten zumal! Siehe, ihr seid gar nicht und euer Tun ist ganz umsonst, verabscheuungswürdig ist, wer euch erwählet! Ich habe im Norden den erweckt, der von Sonnenaufgang kommen wird, derselbe wird meinen Namen anrufen und wird über Fürsten kommen, wie über Lehm und wird sie zertreten wie ein Töpfer den Ton. Wer hat das von Anbeginn verkündigt? Wir wollen ihn anerkennen! Und wer zum Voraus? So wollen wir sagen, er hat recht. Aber da ist keiner, der es kundtäte, keiner, der es hören ließe, niemand, der eure Worte vernähme! Ich gebe Zion den Ersten — siehe, da ist er! — und Jerusalem einen guten Boten. Denn ich sehe mich um, aber da ist niemand und unter diesen kein Ratgeber, den ich fragen könnte und der mir Antwort gäbe. Siehe, sie alle sind nutzlos, ihre gegossenen Bilder sind ein leerer Wahn!” (Jes. 41, 21-29).

Paulus belehrt uns, dass, was die Heiden opfern, das opfern sie den Dämonen. Götzendienst ist Teufelsdienst. Nicht, dass ein Götze etwas sei, oder dass das Götzenopfer etwas sei. Aber es sind der sogenannten Götter viele, es sei im Himmel oder auf Erden, wie es ja viele Götter und viele Herren gibt (1. Kor. 8, 3; 10, 19.20). Es war eine gefallene Kreatur, die sich in der Wüste an den zweiten Adam heranwagte mit der Zumutung: Dies alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest. Das war kein gemalter Theaterteufel. Römische und andre Kaiser haben sich von ihren Untertanen huldigen und Opfer bringen lassen, die nur Gott allein gebühren. Der Zug zur Menschen- und Selbstvergötterung ist heute mächtiger, als je in der von Gott abgefallenen Christenheit. Man braucht gar kein Reisegeld auszugeben in fremde Länder, um echtes Heidentum und unverfälschten Dämonenkultus zu finden. Die lautesten Schreier, dass es gar keinen Teufel gebe, sind seine sichersten Opfer.

Und dass es sich bei all diesen modernen Erscheinungen um gar nichts geringeres handelt, als um die alte Kontroverse zwischen dem allmächtigen Gott, dem Schöpfer und Herrn Himmels und der Erde, und dem Erzfeinde Gottes und seiner Heiligen, dem Fürsten der Finsternis samt seinem ganzen Gefolge, wer diese gegenwärtige Welt auf seine Seite bekomme, ist einem erleuchteten Kinde der Wahrheit kein Geheimnis. Von hier aus betrachtet, hat uns das göttliche Werturteil über die Bedeutung der Weissagung als solcher gar viel zu sagen. Und es kann nicht als besonders göttlich oder geistlich gelten, wenn man von derselben eine geringe Vorstellung hat oder sie nur als von untergeordneter Bedeutung erkennt. Wir tun besser, unser Urteil ganz nach Gottes eigenem zu bilden und umzugestalten.

2. Wir haben aber nicht nur jenes so sehr lehrreiche prophetische Sachurteil vor uns, sondern Gott selbst hat uns einen überaus wirkungsvollen Anschauungsunterricht gegeben, was Er mit dem Wort der Verheißung allein für großartige praktische Wirkungen auf dem Gebiet des Glaubens- und Geisteslebens erzielen kann. Wir meinen das Exempel Abrahams, des Vaters aller Gläubigen aller Zeiten und Geschlechter der Menschen. Hier steht es mir großer Deutlichkeit vor unserem anbetenden und staunenden Auge, wie grade das Wort der Verheißung seine schöpferische, nährende und festigende Kraft auf ein von Natur unwissendes Menschenherz erwiesen hat. Denn die Schrift gibt uns nur eine Antwort auf die große und wichtige Frage: Wie hat es unser Gott nur fertig gebracht, aus dem blinden Heiden Abraham den Vater aller Gläubigen zu machen, einen Menschen, schwach und sterblich und sündig, den Gott seinen Freund geheißen, vor welchem er keine Geheimnisse haben konnte: Wie kann ich Abraham verbergen, was ich tue? Je mehr man sich vertieft in die Größe dieses unübertroffenen Erzeugnisses göttlicher Erziehung, dessen sich der Allmächtige und Allherrliche bedienen wollte und bedient hat und noch bedienen wird, bis alle Geschlechter der Erde gesegnet sein werden in seinem Samen, um so mehr Staunen und Bewunderung nötigt uns das so einfache göttliche Verfahren ab, das mit durchsichtiger Klarheit vor unserm Auge steht. Jeder einfache Bibelleser, der nur acht geben will, kann deutlich erkenn, wie Gott von jener ersten Berufung an: Gehe aus von deinem Vaterlande!, dem gehorsamen Abraham volle vierundzwanzig Jahre lang gar keine andre Speise reichte, als nur sein immer großartiger sich auswachsendes: Ich will!, das heißt nur Wort der Weissagung. Da gab es keine beseligenden Erfahrungen, keine unvergesslichen Erlebnisse im Seelenleben, von denen er zu zehren gehabt hätte. Noch viel weniger gab es Vorschriften, Gebote, Verordnungen irgendwelcher Art, kein einziges: Du sollst, oder du sollst nicht! Ja, wenn man sich den Inhalt dessen, was Abraham einfach seinem Gott zu glauben hatte, näher ansieht, so waren das gar nicht sogenannte Heilstatsachen, deren ja noch keine einzige geschehen war. Es war vom ersten Anfang an bis zuletzt nichts anderes, als bloß Verheißung über Verheißung von einer großen Nachkommenschaft, deren Erfüllung sich von Jahr zu Jahr unwahrscheinlicher und menschlich unmöglicher gestaltete. Man stelle sich nur einmal vor, was das heute bedeuten würde, wenn einer Gemeinde von Gläubigen zugemutet würde, sie sollte ohne jede Heilserfahrung oder auch nur positive Heilserkenntnis, ohne irgend ein gegenwärtiges beglückendes großes Erleben eines lebendigen Heilandes (den es ja noch gar nicht gab), ohne vorgeschriebene Beobachtung irgend welcher kirchlichen, kultischen, religiösen Formen und Gebräuche im nackten Glauben an ein göttlich gegebenes Versprechen beharren, für dessen Ausführbarkeit die gegebenen Voraussetzungen täglich mehr schwanden! Und unser Gott war seiner Sache so sicher, dass er es wagte, ehe Abraham nur erst einen einzigen Sohn hatte, ihm gegenüber den Mund so voll zu nehmen, dass er ihm Nachkommenschaft verhieß so zahlreich wie die Sterne am Himmel! Und er hat sich nicht getäuscht. Abram glaubte Jehova, und das rechnete Er ihm zur Gerechtigkeit. O, unser Gott kennt den praktischen Wert seines Verheißungswortes besser, als wir klugen Menschen, die wir uns dünken lassen, ohne Erfahrungen und Erlebnisse sei es doch um die Glaubensgewissheit sehr schwach bestellt! Es tut uns wahrlich not, den Glaubensweg, den Gott mit dem Vater aller Gläubigen ging, noch ganz anders zu studieren, bis wir von unsrer ganz ungebührlichen und ungesunden Überschätzung unseres subjektivistisch eingestellten persönlichen Erfahrungschristentums geheilt sind.

Die Schrift verhehlt uns ja nicht, dass das Glauben dem Abraham und seinem Weibe auch nicht immer ganz leicht geworden ist. Es ist ihnen ergangen, wie wohl den meisten von uns, da sie wähnten, nicht ohne Glauben, Gott in der Erfüllung seiner Zusage helfen zu müssen und zu können. Das war ja ein fromm und klug ausgedachtes Stücklein mit der ägyptischen Magd, wozu auch Sarah ihre Einwilligung gab. Aber da lässt sich unser Gott nicht einmal von einem Abraham bieten und auch von uns Kindern Abrahams nicht.

Gott wusste ja auch die ganze Zeit, was er vorhatte, dass Isaak nicht eher und nicht anders sollte und konnte geboren werden, als bis die Leiber der betagten Eltern erstorbene waren. Denn es sollte das große Herrlichkeitsgesetz unseres Rettergottes zum erstenmal in Wirksamkeit gesetzt werden: Leben aus den Toten. Davon hatte er ja wohl seinem Knechte und Freunde Abraham nichts gesagt. Aber der Heilige Geist bezeugt es unserm Vater Abraham gerne, dass er vertraut habe, Gott könne auch aus den Toten lebendig machen, als Jehova von ihm forderte, den schon erlangten Erben der Verheißung in den Tod zu geben. Und man spürt etwas durch von der jauchzenden Freude Gottes über diese Glaubenstat der Opferung des Eingeborenen, als Gott ihm aus dem Himmel zurief: Weil du das getan hast! Denn darin spiegelte sich ja schon das zukünftige große Opfer von Golgatha mit unverkennbarer Deutlichkeit ab.

Also auch hier die praktische Wirkung aus der göttlichen Methode, seinen großen Mustergläubigen ganz und gar am Worte der Weissagung großzuziehen, dass bei der Feuerprobe des Glaubens auf Morija Gott das treue Abbild seines ewigen Liebesrates in der Dahingabe des Eingeborenen in Abraham hervorgebracht hatte: die Verklärung in sein eigenes Bild! Darf man sich mit diesem praktischen Ergebnis des Verfahrens unsres Gottes im Falle unsres Vaters Abraham wohl zufrieden geben? Wir achten ja.

3. Ein ferneres Moment, das wir im Auge behalten müssen, ist dies, dass das Gebiet des Unsichtbaren, also auch des geschichtlich noch Unerfüllten und noch nicht zur greifbaren Tatsache Gewordenen das eigentliche Lebenselement des Glaubens ist. Also drückt das unser großer Apostel des Glaubens aus, wenn er 2. Kor. 4, 18 redet von “uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare”. Oder wenn es Röm. 8, 24 erklärt, wir seien auf Hoffnung hin gerettet worden, eine Hoffnung aber, die man siehet, sei doch keine Hoffnung mehr, wenn wir aber des warten, das wir nicht sehen, so warten wir es ab in Geduld. Damit soll ja den realen, persönlichen Erfahrungen und greifbaren Betätigungen göttlicher Geistes- und Lebenskräfte in unserm inneren und äußeren Leben ihre hohe Bedeutung gar nicht bestritten werden. Aber deren Wertschätzung wird doch durch solche bestimmte Aussagen der Schrift sehr wesentlich korrigiert und auf das gebührende Maß zurückgeführt. Und das hat unser heutiges Glaubensleben besonders nötig.

In dem herrlichen elften Kapitel des Hebräerbriefes weist der Heilige Geist wiederholt mit großem Nachdruck darauf hin, wie der Glaube ein Überzeugtsein von Tatsachen sei, die man nicht sieht, und wie z. B. Noah die Arche baute, weil er eine Weisung hatte von etwas, das man noch nicht sah, und dadurch die Welt verurteilte; und wie später Mose sich an den Unsichtbaren hielt, als sähe er ihn. Die kostbare Tatsache unsrer wirklich erfahrenen Errettung hat ihr Ziel keinesfalls in sich selbst, sondern wir sind gerettet, in der Hoffnung zu leben, d. h. um in der unsichtbaren Welt völlig daheim sein und mit den großen Gedanken, Plänen und Zielen Gottes durchaus vertraut werden zu können, die nur zum allergeringsten Teil jemals erfahrungsgemäß von uns erlebt werden können und sollen.

Wie kann ich als Gläubiger jemals den erfahren, der von Anfang ist? Das sind Gebiete göttlicher Erweisung, die mir nur dadurch zugänglich sind, nicht dass ich sie subjektiv meinem persönlichen Erfahrungsleben einverleibte, sondern nur dadurch, dass mich der empfangene Geist der Wahrheit und Herrlichkeit, die Salbung von dem Heiligen, lebensmächtig in den Reichtum der Weisheit und Erkenntnis Gottes in Christo einführt und mir die Breite, Tiefe, Länge und Höhe Gottes und seiner Liebe erschließt, die sich wahrlich nicht auf mein persönliches Heilsleben beschränkt. Und so wenig ich den großen Ewigkeits-Christus je erfahren kann, so wenig wird es mir jemals möglich sein, alle die Tiefen seines Herrlichkeitswesens erfahrungsgemäß zu erschöpfen, wie er das in noch zukünftigen Zeitaltern erweisen will und wird gegen ungezählte Mengen von Geschöpfen, deren Erfahrungen ich niemals werde zu den meinigen machen können. Wie kann ich z. B. nur den Messias Israels erfahren? Derselbe steht zu mir, der ich aus den Heiden stamme, in gar keiner offiziellen Beziehung. Aber erkennen darf ich aus all den reichen und noch unerfüllten großen Zusagen Gottes, ihn betreffend, die die Schrift, das Wort der Weissagung, noch in sich birgt, und deren die meisten und herrlichsten noch ihrer Erfüllung warten.

4. Das bringt uns von selbst folgerichtig auf einen vierten Punkt in unsrer Beweislegung. Gott hat seinen Sohn, das nun bereits erhöhte Haupt seines auf Ihn wartenden Leibes, der Gemeine, eingesetzt zum Erben über das gesamte All. Nun ist ein Erbe noch nicht ein Besitzender, sondern erst ein Wartender, wie geschrieben steht Hebr. 10, 12.13: “… er hat sich gesetzt zur Rechten Gottes und wartet hinfort, bis dass er alle seine Feinde zum Schemel seiner Füße lege.” Wie er auch nach seiner Auferstehung, da schon alles erfüllet war, was er leiden sollte, den Jüngern erklärte: “Es muss alles erfüllt werden, was von mir (noch) geschrieben steht im Gesetz Mose, in den Propheten und in den Psalmen” (Luk. 24, 44). Nun ist es aber offenkundig, dass das meiste und größte, was von Ihm geweissagt worden ist durch den Mund der heiligen Propheten von alters her, seiner Erfüllung noch erst harrt bei und mit Seiner Wiederkunft aus dem Himmel, wie geschrieben steht Apg. 3, 21: “Welchen der Himmel aufnehmen muss bis auf die Zeiten der Wiederherstellung alles dessen, wovon Gott geredet hat durch den Mund aller seiner heiligen Propheten von der Welt an.” So groß, so gewaltig, so unabsehbar in seiner Tragweite auch das geschichtlich Gewordene, Leben, Leiden, Sterben, Auferstehen und Himmelfahrt Christi vor uns steht, es reicht eben doch längst nicht hinan zu der Herrlichkeits- und Oberherrschaftsfülle, die erst soll geoffenbart werden an des Menschen Sohn nach seiner Rückkehr aus dem Himmel. Jenes ist massives, unentbehrliches Fundament, unerschütterlicher Unterbau, aber die Dimensionen des Himmel und Erde erfüllenden Palastes, der auf jenem aufgeführt werden soll und wird, sind doch ganz andere. Und der zukünftige Herrlichkeits-Christus ist es, der unsre Hoffnung ist.

Wenn nun aber das eigentliche Geheimnis unsers geistlichen Wachstums, unsrer ständig zunehmenden Gottesfülle in Ihm kein andres ist, als dass Sein vom Heiligen Geiste selbst entworfenes und mit großer Treue und Genauigkeit in allen prophetischen Schriften niedergelegtes Bild in unser Herz hineinstrahle und wir in dasselbe Bild verklärt werden von Klarheit zu Klarheit von dem Geiste des Herrn, was kann dann förderlicher, nein, was allein kann dann überhaupt als wirksamstes Mittel zu unsrer wahren Vollendung und Umgestaltung in Sein Bild in Betracht kommen, als tiefes gläubiges Sichversenken, Erforschen und Ergründen all der Schätze der Weisheit und Erkenntnis unsres Gottes, die in dem rein prophetischen Christus noch verborgen liegen. Wer nur den historischen Christus kennt, der kennt den wahren vollen Christus nur zum allerkleinsten Teil. Was von Ihm und durch Ihn erfüllet ist, bildet nur einen bescheidenen Ausschnitt dessen, was von Ihm geweissagt ist. Das brauchen wir denkenden Bibelforschern doch nicht erst nachzuweisen. Es versteht sich ja in der Natur der Dinge ganz von selbst. Und dass man den noch gar nicht geoffenbarten Herrlichkeits-Christus, den Messias Israels, die Hoffnung der müden, zerarbeiteten, betörten Völkerwelt, den Befreier der ganzen seufzenden Kreatur, den Bezwinger und endlichen Versöhner aller seiner Feinde, den Verschlinger alles Todeswesens, nicht erfahrungsweise kennen lernen kann, sondern nur erkenntnismäßig aus der Weissagung, versteht sich auch von selbst. Kann es nun noch für wahrhaft geistlich gerichtete Kinder Gottes eine Frage sein, ob es sich für unser inneres Leben auch lohne, sich sehr sorgfältig und gründlich mit der Weissagung zu befassen?

5. Als nächstes sehr erwünschtes Ergebnis aus dem bisher beleuchteten Sachverhalt stellt sich das folgende heraus: diese eingehende, demütige, aber kindlich einfältige und gläubige Beschäftigung mit dem prophetischen Wort, besonders des Alten Testamentes, davon das letzte Buch des Neuen, die Offenbarung, nur eine gedrängte Übersicht bietet, die ohne jenes gar nicht verstanden werden kann, bildet den wirksamsten Schutz und die sicherste Deckung gegen das überhandnehmende fromme Ichleben, gegen die beständige Neigung, alle große Gottes- und Heilsoffenbarung in den Gesichtswinkel des persönlichen Erlebens, oder wie man es lieber nennt, der geistlichen “Erbauung” zu stellen. Man hat es gewiss gut gemeint, als man uns unterwies, alle Schrift vornehmlich darauf hin zu lesen und zu erforschen, dass für unsre persönliche Förderung das meiste dabei herauskomme, d. h. man hat uns geradezu gelehrt, uns selbst überall in die Schrift hineinzulesen, auch da, wo sie gar nicht an unsre Adresse gerichtet ist und gar nicht von uns handelt oder mit uns beschäftigt ist. Das hat gar üble Folgen gezeigt. Denn aus dieser Stellung heraus ist z. B. die ganze leidige Art der sogenannten “Vergeistigung” der alttestamentlichen Weissagung entsprungen. Weil man mit den großartigen Kapiteln der Propheten, in denen die Wiederherstellung Israels und Jerusalems geweissagt ist, bei der beharrlich ablehnenden Haltung der Juden nichts glaubte anfangen zu können, so versuchte man, aus denselben wenigstens für die christliche Kirche etwas herauszuschlagen und hat es darin wirklich zu einer ganz bedenklichen Fertigkeit gebracht, die erst in den letzten Jahrzehnten, seit man wieder etwas mehr Blick für die zukünftige Stellung Israels im göttlichen Reichsplan bekommen hat, einer nüchterneren und gesünderen Auffassung Raum gegeben hat. Man hat das Herz wieder gefunden, den Juden zu geben, was ihnen gebührt, d. h. nicht allein die Strafen und schrecklichen Gerichte, sondern auch die großen Zusicherungen künftiger Gnade zu Wiederherstellung aus aller Verstockung der Unglaubens. Aber da ist noch viel Land einzunehmen.

Hätte man uns gelehrt, nicht uns selber, sondern nur Ihn, unsern herrlichen Herrn auf jedem Blatt des Alten Testaments zu suchen, dann wären wir weit besser beraten gewesen. Es hat vor einigen Jahren einmal der Vater der trostlosen deutschen Pfingstbewegung, Pastor Paul, in einer großen Zeltversammlung auf Tersteegensruh ein trefflich Wort in die andächtige Versammlung hineingerufen: “Geschwister”, sagte er, “wir müssen alle noch lernen hebräisch konjugieren. Und dann erklärte er den etwas verdutzen Hörern, wie das gemeint sei: während wir bei der Abwandlung eines Zeitwortes mit unserm eigenen Ich beginnen, und dann die zweite Person, Du, folgen lassen und dann erst die dritte: Er, — macht es der Jude im Hebräischen grade umgekehrt; er fängt an mit: ‘Er tut’, dann ‘du tust’, und dann kommt erst ‘Ich tue’!” Das haben die Hörer wohl nicht leicht vergessen. Ob der teure Bruder wohl geahnt hat, wie viel leichter es ist, andern eine treffliche Unterweisung zu geben, als sie selber durchzuführen? Denn der ganze traurige Pfingstbetrug lässt sich ohne Schwierigkeit zurückführen grade auf die fatale Gepflogenheit, das eigene persönliche, fromme, geheiligte Ichleben zum Mittel- und Angelpunkt aller Schrifterklärung zu machen. Was wir erlebt haben, lassen wir uns unter keinen Umständen beanstanden, darauf versteifen wir uns. Das tritt uns heute mit erschütternder Deutlichkeit entgegen aus den vielbesprochenen sogenannten “Bekenntnissen” der Führer der Pfingstgemeinde, die alle tief durchdrungen sind, dass sie sich getäuscht und andere irre geleitet haben, die sogar von furchtbarster Selbsttäuschung reden, aber — ihre “Pfingsterfahrung” lassen sie um keinen Preis fahren! Das heißt, letzten Endes behalten sie der Schrift gegenüber Recht, die sich nach ihrer subjektiven Erfahrung deuten lassen muss. Das eigene Erleben bildet die Norm für die Erklärung der Schrift, anstatt dass diese allein der ausschließliche Richter der Gedanken und Sinne des Herzens bleibe, die alleinige Richtschnur des Glaubens und Erkennens.

So braucht man ja auch nur mit einiger Sorgfalt irgendeins unsrer zahlreichen Liederbücher und Sammlungen geistlicher Lieder durchzuprüfen und man wird erstaunen über die gewaltige Mehrheit solcher, die auf den Grundton “Ich” oder “Wir” gestimmt sind. Wie wenige sind der Gesänge, in denen “Er” die ganze Stimmung und innere Haltung beherrscht!

Das alles sind Symptome einer tief wurzelnden Krankheit, des frommen Egoismus, des geheiligten Ichlebens, davon unser ganzes heutiges entschiedenes Christentum durchsetzt ist. Ich möchte nicht missverstanden werden, als ob ich einem bewussten, klaren, überzeugten Erfahrungschristentum irgend seinen Wert und seine große Bedeutung kürzen oder beeinträchtigen wollte. Aber ich bin der tiefen Überzeugung, dass tausende echter Kinder Gottes, ohne es zu beabsichtigen, unter das ernste Wort des Herrn Jesu kommen: Wer sein Leben sucht, der wird es verlieren, wer es aber verliert um meinetwillen, der wird es finden. Mache ich aber Ernst mit dem paulinischen Bekenntnis: Ich lebe aber, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir, dann wird mein inneres Leben in die richtige Lage gebracht und ich kann mit unfehlbarer Sicherheit darauf rechnen, dass Er in mir auf gar nichts anderes bedacht sein wird, als dass der gute, heilige und vollkommene Gotteswille, auf den Er sich doch allemal besser versteht, als ich, bei noch so großem Eifer und Trachten nach eigner Heiligung und Vervollkommnung, zur reifen, vollendeten Ausführung komme. Christus wird in mir eine Gestalt gewinnen, die ihre Konturen nicht meinem besten Ermessen und Verstehen verdankt, sondern die der Heilige Geist, der Ihn nur verklären will, in voller Übereinstimmung mit dem Plane des Vaters in mir ausgeprägt, “nach dem Maß der Gabe des Christus” (Eph. 4, 7). Wir reden dabei nicht einem unbewussten, dunkeln, schattenhaften und wesenlosen Vorstellen oder Träumen das Wort, sondern vielmehr einem hellen Erkennen, durch den Geist der Wahrheit, alles dessen, was Gott im Wort an noch unerfüllten Herrlichkeiten seines Sohnes beschlossen, uns aber geoffenbart hat durch seinen Geist, der alle Dinge erforscht, auch die Tiefen Gottes. Das Wort von all den Herrlichkeiten unsres erhöhten Herrn und Hauptes im Himmel, von alle den großen Aufgaben und Zielen, die sich der Vater mit dem noch wartenden Sohne und Erben des All gesteckt hat, lauter Dingen, die ich nicht zum allerkleinsten Teil erfahren oder erleben kann, mir aber, weil es seine Lebensaufgaben sind, voll und ganz mit zueigen machen kann als berufener Miterbe, eben dieses reiche, geistgeschwängerte Lebenswort lenkt naturgemäß meinen glaubenden Blick weit, weit hinaus und hinüber von dem beschränkten Bannkreis des nur eigenen Gerettetseins. Meine persönliche Stellung zu Ihm und in Ihm bekommt ihr richtiges Maß. Sie rückt aus dem Mittelpunkt meines frommen Denkens an ihren gebührenden, bescheidenen Ort, und Er füllt das ganze Sehfeld meines gläubigen Harrens aus. Zu mikroskopischen Untersuchungen meines jeweiligen Zustandes bekomme ich keine Zeit mehr; brauche ich auch nicht, denn ich erfahre täglich, wie das untrügliche, schonungslose, scharf schneidende Wort Gottes der unbestechliche Richter, aber auch Zurechtbringer meiner Gedanken und Sinne wird. Wie denn auch Selbsterkennen nicht biblische Methode zur Erlangung des Lebens ist, sondern das ist ewiges Leben, dass wir Ihn, den allein wahren Gott und seinen Gesandten erkennen. Die armen Philosophen samt ihrem Gefolge mögen sich mit trostloser, nur zur Verzagtheit oder gar Verzweiflung treibender Selbsterkenntnis zufrieden geben, die Schrift lehrt uns hinwegblicken von uns selbst auf Ihn, den Anfänger und Vollender unsres Glaubens (Hebr. 12, 2). Unser Gott lässt uns ja doch nur nach und nach, wie wir es ertragen können, Blicke tun in die Tiefen unsrer natürlichen Verderbtheit und Nichtswürdigkeit, die wir mit aller gepriesenen Selbsterkenntnis niemals ergründen. Dazu ist unser eigenes Herz viel zu tückisch und trügerisch. Aber unser Gott kennt uns und gibt uns davon grade soviel zu schauen, als uns heilsam ist. Das dürfen wir ihm getrost überlassen, solange unsres Herzens Sehnen und Trachten allein ist nach dem, das droben ist, da Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Mit Ihm ist unser Leben verborgen in Gott, und damit wohl geborgen.

Wie eine solche Stellungnahme zum Wort der Weissagung aus der Enge und Beschränktheit in die Weite und Herrlichkeit der Freiheit der Söhne Gottes führen muss, braucht geistlich gesinnten Menschen auch nicht erst mühsam bewiesen werden. Denn woher kommen Engheit und Verschnürtheit, Gebundenheit und entwürdigende Befangenheit? Es waren zu allen Zeiten die unzertrennlichen Begleiter eines auf das eigene liebe fromme Ich gerichteten Geisteslebens. Wen der Sohn frei macht, der ist recht frei. Und wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Niemand kann in das vollkommene Gesetz der Freiheit eindringen, niemand seinem Bruder in Christo volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, ohne ihn je knechten oder mit der eigenen Meinung tyrannisieren zu wollen, der nicht das rechte Maß aller Dinge gefunden hat in der Erkenntnis des vollen Wuchses des Christus Gottes. Dieser aber kann allein erkannt werden aus dem ganzen unverkürzten Wort der Weissagung. Denn namentlich von der Schrift Alten Testaments bezeugt der Wahrhaftige, sie sei es, die von Ihm zeuge. Nun braucht man nur zu erwägen, was das Alte Testament im Durchschnitt für ein zweifelhaftes Ansehen genießt selbst bei entschiedenen Christen, von denen ungezählte Tausende gar nicht recht wissen, was sie damit anfangen sollen, eben weil sie nur auf das eigene liebe Heilsleben eingestellt sind, und das ist im Alten Testament ja nicht das Hauptthema, — um einen Blick zu haben für das Vorhandensein so tiefer, unwürdiger Gebundenheit und Unfreiheit selbst bei aufrichtigen Kindern Gottes. Daraus gibt es nur einen Weg der Erlösung: Hebräisch konjugieren lernen!

6. (Die Ausführungen in diesem 6. Abschnitt sind nur zum Teil im Referat zum Ausdruck gekommen) Das Ende des gegenwärtigen Wettlaufs naht. Wie schnell es da sein mag, entzieht sich jeder Berechnung. Aber der Weltbankrott ist unaufhaltsam. Wir stehen im Zeichen der Zusammenbrüche des Bestehenden. Bei allem Erschütternden ist etwas Großes und tief Erfreuliches an diesen Katastrophen und Umwälzungen. Die tolle, törichte, siegestrunkene oder niedergeschmetterte Völkerwelt, das ganze wirre Chaos, die unaufhaltsame Zersetzung und Auflösung aller Schranken und Bande der Gesittung, des festen Herkommens, der geregelten Zustände, — alles tönt dem geübten Ohr in den einen kostbaren Grundton hinaus: Und die Schrift wird erfüllet, unser Gott behält Recht, ob man ihm glaubt oder ihn frech leugnet, sich ihm in Demut beugt oder ihn wahnsinnig hasst und am liebsten morden möchte, — seine Wahrheit siegt, sein Wort allein bewährt sich als unerschütterlich und treu.

Dass eine solche Erkenntnis unmöglich das Teil derer sein kann, deren ganze Haltung zur Schriftoffenbarung lediglich bestimmt war und ist durch die Befriedigung des persönlichen Bedürfnisses nach Erbauung und Förderung des eigenen Heils, hat sich an ungezählten Beispielen offenkundig gezeigt. Es gehört das mit zu den betrübendsten Erscheinungen dieser schweren Tage, dass so viele ernste, fromme, entschiedene Bekenner der Wahrheit in Christo Jesu tatsächlich an ihrem Vertrauen in die Liebe und Gerechtigkeit Gottes irre geworden sind, ja am Glauben vollständig Schiffbruch gelitten haben. Das bezeugt allein die Flut von Schriften und Aufsätzen, die geschrieben werden mussten gerade um den unzähligen Schwankenden, Sinkenden und Ertrinkenden ein Rettungsseil, eine hilfreiche Hand zu reichen, dass sie aus den Fluten sich wieder auf festen Boden retten möchten. Da haben sich jahrzehntelange Versäumnisse und Verkündigungen am Wort der Weissagung bitter gerächt.

Wenn man nur wenigstens die beruhigende Gewissheit haben dürfte, dass man in den betroffenen Kreisen die erste Lektion gelernt und die scharfe Verwarnung des Herzens genommen hätte. Aber da sieht es leider nicht sehr verheißungsvoll aus. Anstatt z. B. in führenden Kirchen- und Gemeinschaftskreisen offen und frei sich zu beugen unter dem gar nicht mehr zu beschönigenden oder zu verheimlichenden Fehlschlag, die weiten Massen der Völker für das Evangelium zu gewinnen und statt dessen ein ganz neues zu pflügen, d. h. endlich einmal ehrlich zu brechen mit der mittelalterlichen Täuschung, dass die Kirche das Reich Gottes sei oder herbeizuführen habe in diesem Zeitalter und sich endlich einmal voll und ganz der einen großen Aufgabe allein zu widmen, das Geheimnis von dem Leibe des Christus anzuerkennen und den Aufbau eben dieser einen unteilbaren Gemeine, ohne jede Rücksicht auf geschichtliches Herkommen oder theologische Fündlein und dogmatische Rubriken fest und klar als einziges Evangelisations- und Missionsbestreben gelten zu lassen, zerarbeitet man sich auf Kirchentagen und Konferenzen an Verbesserungen und neuen Auflagen des alten gerichteten Systems. Man will von der “Volkskirche” nicht lassen, man wähnt immer noch durch die Kirche und ihren Einfluss die neue Ordnung der Dinge im sozialen und politischen Leben der Völker mitbestimmen zu können, dem unaufhaltsamen Hereinbrechen der Sturmflut des ausgesprochenen Antichristentums papierene Dämme von Paragraphen und Organisationen entgegenzuwerfen, deren die Umstürzler einfach spotten – und das mit Recht. Man hält sich für sehend und ist blind für die wahre Lage der Dinge, weil man falsch orientiert ist. Und warum ist man das? Weil man dem Worte der Weissagung nicht seinen gebührenden Platz gegeben hat. Man war klüger, man wusste es besser, als die Propheten. Man korrigierte einen Jesaja, einen Sacharja und ließ sie allerlei Gutes und Großes weissagen von der neutestamentlichen Kirche, von der jene auch nicht einen Schimmer gesehen hatten, wenn man nicht Paulus der bewussten Lüge und Übertreibung schuldigen will. Dabei hat man sich vermeintlich ganz auf paulinischen Rechtfertigungslinien bewegt, aber nur gerade so weit, als es das persönliche Heilsleben des Einzelnen betrifft. Sowie Paulus einen weiteren Kreis zieht als den des subjektiven Heils, sowie er redet von einer Versöhnung der beiden großen Menschheitskörper, Juden und Heiden, in einem Leibe durch das Blut Christi, da winkt man ab. Man wollte keine Christen erster und zweiter Güte und wie die Ausreden alle lauten. Und wenn man von den paulinischen großen Kreisen redet, die dieser Apostel den Heilsgedanken Gottes mit der ganzen Menschheit und Engelwelt zieht, dann geschieht es in einer Weise, als würden die Himmel einstürzen, wenn nur irgend jemand mehr gerettet werden sollte, als die auserwählten Gläubigen dieses Weltlaufs! Ja, man führt heute schon in deutschen Gemeinschaftsblättern wieder eine Sprache gegen die bösen Juden, die nun an dem namenlosen Elend und der Schmach des deutschen Volkes die Hauptschuld haben sollen, die das schlimmste befürchten lässt für das Wiederauflodern des Antisemitismus Stöcker’schen Andenkens. Man hat eben nur notgedrungen zugeben müssen, dass man sich in der evangelischen Theologie einer schmachvollen Dokumentenfälschung schuldig gemacht hatte, als man den Juden in ihren eigenen Propheten nur die Flüche und Drohungen ließ, aber alle Segnungen ruhig auf das Guthaben der christlichen Kirche setzte. Ein kräftiger Anlauf gegen diese nirgendwo übermäßig tief wurzelnde Auffassung von Israels berechtigter Hoffnung auf zukünftige Führerschaft unter den Nationen der Erde, nach ihrer eigenen nationalen Bekehrung zum Herrn, — und wir stehen tiefer drunten, als man in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stand.

Man ist eben auf der betretenen Bahn einer gründlichen Revision der Stellung zur ganzen prophetischen Frage nicht weit genug gegangen, man hat die einfachen, großen Konsequenzen nicht gezogen und es ist gekommen, wie der Prophet klagte: “Das ist ein Tag der Not und Züchtigung und ein Tag der Schmach, wie wenn Kinder bis zur Geburt gekommen sind und es ist nicht Kraft da zum Gebären” (Jes. 37, 3). Man ist mit seinem gläubigen Denken ganz aufgegangen in dem eigenen Gerettetwerden, und sieht weder klar über die Gemeinde Gottes, noch über Israels unbereubare Berufung im göttlichen Plan, noch über die weltumfassenden göttlichen Heilsgedanken für die kommenden Zeitalter. Dass es da zu ganz traurigen Zusammenbrüchen kommen musste, ist verständlich. Noch verständlicher, dass es auf diesem Gebiet nicht besser werden kann, bis man nicht von Grund auf neue Bahnen einschlägt und dem festen prophetischen Wort schlechthin das alleinige Wegerecht wiedergibt in Sachen der Hoffnung auf das Zukünftige. Dabei hat man nicht mal die Entschuldigung, dass die beruflichen Theologen auf dem Gebiet der Lehre von den letzten Dingen wirklich zur eigenen Befriedigung gearbeitet hätten. Zugestandenermaßen haben sie das nicht. Das Gebiet der Eschatologie ist gegenüber dem der Heilslehre in ganz unverantwortlich stiefmütterlicher Weise zurückgesetzt worden. Das rächt sich nun. Dabei werden die Zeiten immer drohender und gefährlicher und die richtige Orientierung immer gebieterischer, aber stets schwieriger, weil die richtigen großen, festen Grundlagen fehlen, und die zu legen hat man zur gegebenen Zeit abgelehnt. Das ist nicht so leicht wiedergutzumachen oder nachzuholen. So wird es denn wohl auch in den bevorstehenden noch schwereren Kämpfen und Erschütterungen des Bestehenden weitere unausbleibliche Zusammenbrüche geben müssen, wo man nicht noch durch gesteigerten Fleiß das Versäumte nach Kräften nachzuholen trachtet.

7. Mit unserm siebenten und letzten Punkt hat es eine besonders köstliche Bewandtnis. Hier kommt das tiefste und berechtigte Sehnen nach persönlicher höchster Glückseligkeit durchaus zu seinem Recht. Wir erfahren, und zwar schon in diesem Leben, dass wer sein eigenes Leben verliert um des Herrn willen, der wird es finden. Denn was ist ewiges Leben? Er, der das Leben selber ist, hat uns das kostbare Geheimnis geoffenbart, es ist die Erkenntnis des allein wahren Gottes und seines Gesandten, des Christus. So geschieht es denn naturgemäß, dass das tiefe Gegründetsein in dem Wort der noch unerfüllten Weissagung, die gar kein anderes Ziel und Ende kennt, als Seine zukünftige, alle Äonen erfüllende Verherrlichung, bis dass schließlich der Vater alles in allen geworden ist, für uns der Quell der reinsten und tiefsten Freuden wird und in nie endender Fülle bleibt, bis wir Ihn sehen werden, wie Er ist.

Und worin besteht diese lauterste, unsagbar köstliche Freude? In dem, dass wir wieder lernen, unserm großen, wahrhaftigen, herrlichen Rettergott, der Licht ist ohne jede Finsternis oder Wechsel, alles, was er hat weissagen lassen, ehe wir es erleben, ja ohne dass wir das größte davon überhaupt als persönliche Heilserfahrung werden verzeichnen können, weil es sich gar nicht an uns, sondern an unzähligen anderen gefallenen und der Eitelkeit und dem Verderben unterworfenen Kreaturen vollziehen wird, die aber alle durch Ihn, in Ihm und zu Ihm geschaffen wurden, ihm dann aber untreu, abtrünnig, rebellisch und bitter feind geworden sind, und die Er alle zu Ihm selber versöhnet hat, — alles dies ohne Abstrich zu glauben. Wir haben wohl Verständnis dafür, wenn ein frommer Sänger seine Harfe stimmt und singt:

    Was wird das sein, wie werden wir von ew’ger Liebe sagen,
    Wie uns sein Wunderführen hier gesucht, erlöst, getragen,
    Da jeder seine Harfe bringt und sein vollkommenes Loblied singt.

Aber wir schätzen jene andere Freude, die “vollkommene” Freude, doch noch höher ein, die gar nicht an eigenes Erleben und Erfahren gebunden, gar nicht auch vom zukünftigen Schauen abhängig ist, sondern die der des Sohnes Gottes in den Tagen seiner irdischen Laufbahn gleichkommt, dass er im Angesicht der geheimnisvollsten und tiefsten Rätsel seines reinen und heiligen Lebens, auch da, wo es sich um die Frage handelte: Warum muss ich denn einen Teufel, einen Judas unter meinen zwölf Auserwählten tragen bis zu dessen Ausreife zum schaurigsten Gericht und Verdammnis? — der auch da ruhte ohne zu zagen und ohne zu klagen, oder auch nur zu fragen, in dem einen: Es stehet geschrieben, und: Auf dass die Schrift erfüllet würde! Dann ist ein armes, schwankendes unruhiges Menschenherz, bei aller noch so entsetzlichen Vergiftung durch Zweifel und Unglauben, die Satan zeitlebens fleißig ausgesät und gut bewässert hat, vollkommen gesundet und genesen, wenn es seinem heiligen Gott aufs bloße Wort, ohne jede Möglichkeit der persönlichen Erfahrung restlos alles, aber auch alles glaubt, nur, weil es geschrieben steht. Das kann man in keiner andern Schule lernen, als in der des prophetischen Wortes, wo nichts subjektivistisch eingestellt ist, sondern der Geist der Weissagung uns vor das nackte Wort Gottes stellt, das wir rein erkenntnismäßig zu ergreifen und uns anzueignen haben, weil Er es geredet und weil es allein von dem Sohne zeuget. Da ist und bleibt das eigene fromme geheiligte Ich ganz außerhalb des Gesichtskreises. Da findet das wirklich erlöste Ich die höchsten Potenzen seines neuen mit Christo in Gott verborgenen Lebens, wie nirgendsonst im Ganzen der Schriftoffenbarung.

All der namenlose, unergründliche Menschheitsjammer nahm seinen Anfang, als unsre erste Mutter sich von Satan ein Fragezeichen setzen ließ hinter das Wort Gottes: Sollte Gott gesagt haben? Aus diesem Höllengrunde ist alles Verderben entsprungen, darunter wir heute mit der ganzen Schöpfung seufzen. Erst wenn es für ein Kind Gottes gar kein noch so kleines Fragezeichen mehr gibt hinter irgend einer der großen Zusagen unsres größten Gottes, erst dann weiß es, was vollkommene Freude ist. Das uns diese insgesamt zuteil werde, ist mein heißes Begehren und Flehen und das Ziel all meines irdischen Wirkens, solange es Tag ist. Denn die Nacht zieht herauf, da niemand wird wirken können.

(Quelle: Mir unbekannt)

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