Die unsichtbare Welt und wir
Autor: Heller, Adolf | Kategorie(n): Gemeinde, Lehre, Unsichtbare Welt | 652 x gelesenInhaltsverzeichnis:
1. Geistermächte im Weltgeschehen
1.1. Ratschlüsse himmlischer Heerscharen
1.2. Geisterkämpfe im Lufthimmel
1.3. Satanische Mächte auf Erden
2. Die Engelwelt und die Gemeinde Christi
2.1. Die Gemeinde als Anschauungsgegenstand
2.2. Gesetzlichkeit und Engelverehrung
2.3. Der Kampf der Gemeinde gegen die Überwelt
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1. Geistermächte im Weltgeschehen
Wir sind viel stärker an unser liebes Ich gebunden, als wir wissen. Immer drehen wir uns um uns selbst und bleiben dadurch arme, blinde Sklaven. Erst wenn wir anfangen, mit Gottes Gedanken zu denken, mit seinem Glauben zu glauben, seiner Hoffnung zu hoffen und seiner Liebe zu lieben, erschließen sich uns bis dahin ungeahnte Lebensmöglichkeiten. Nicht nur, dass von unserm geistigen Auge Hüllen und Decken fallen und wir seither unerkannte Tiefen und Weiten göttlicher Wahrheiten schauen dürfen — auch unser Herz wird froh und glückselig.
Der Kosmos, das gegenwärtige Weltsystem, umfasst zwei Arten intelligenter Lebewesen: Engel und Menschen. Sagt doch Paulus, dass die Apostel den Engeln und Menschen ein Schauspiel geworden sind (1. Kor. 4, 9). Wer von uns denkt aber daran, wie sehr die unsichtbare Welt an uns Anteil nimmt? Wie selten sind wir uns der wichtigen Tatsache bewusst, dass Engelmächte uns umlagern und wir ohne unser Wissen und Wollen Einflüsse und Wirkungen auf sie ausüben! Das Hereinragen der unsichtbaren Welt in unser Erdengeschehen ist ein überaus fesselndes Kapitel. Die einen, die sich für besonders “aufgeklärt” halten, spotten darüber und erklären Solches als Täuschung, indem sie alles auf das rein Seelische im Menschen zurückführen. Andere wiederum verfallen dem Betrug dunkler Mächte oder bauen merkwürdige Geistersysteme auf. Unglaube und Aberglaube sind jedoch beide töricht und gottwidrig. Nun spricht aber Gottes Wort ganz klar und nüchtern von diesen Dingen. Und wo die Schrift redet, dürfen wir glauben und bezeugen; wo sie aber schweigt, haben auch wir in Ehrfurcht zu schweigen. Es soll darum auf diesen Seiten nur das dargelegt werden, was Gottes Wort über das Verhältnis der unsichtbaren Welt zu uns sagt. Weder soll irgendein lückenloses System aufgestellt noch alles erklärt werden. Das ist wohl unmöglich, solange wir im Staubgewand der Niedrigkeit leben. Wie manchmal lesen wir in der Schrift das demütige Wort “ich weiß nicht”. Apostel und Propheten schämen sich nicht, es zu gebrauchen. Wie viel mehr sollten wir uns nicht unterwinden, alles verstehen und erklären zu wollen! Über das, was wir nicht begreifen und worüber uns Gott keinen Durchblick gegeben hat, sollen wir schweigen und unsere Unwissenheit zugeben. Was uns Gott aber durch sein Wort und seinen Geist enthüllt hat, dürfen wir kühnlich in demütig-dankbarer Freude zu seiner Ehre glauben und zum Heil und Nutzen anderer bezeugen.
Unser Glaubenszeugnis bringt, je höher und herrlicher die Wahrheiten sind, die Gott uns anvertraut, uns desto weniger Lob und Anerkennung ein, sondern fast immer Geplagt- und Gebeugt werden in irgendeiner Form (vgl. Ps. 116, 10!). Wer damit nicht einverstanden ist, der unterwinde sich nicht, ein Zeuge (griechisch: martys = Blutzeuge oder Märtyrer) göttlicher Wahrheit zu sein! Das Weltgeschehen ist ohne das Mitwirken und Hereinragen von Geistermächten gar nicht zu begreifen. Wir wollen nicht darauf eingehen, dass die erleuchtetsten Geister der Menschheit das ahnten und je und je bezeugten und dass es viele verbürgte Erlebnisse verschiedenster Art gibt, die das erhärten. Uns soll einzig und allein Gottes untrügliches, klares Wort als Quelle dienen, wenn wir von diesen ernsten und dunkeln Dingen reden.
1.1. Ratschlüsse himmlischer Heerscharen
Wer von uns wagt zu behaupten, dass Erdengeschehnisse ihre Wurzeln und ihren Ursprung in Begebenheiten himmlischer Welten haben? Und doch ist dem so! Lesen wir etwa in 1. Kön. 22, 19–22:
“Höre das Wort des Herrn: Ich sah den Herrn auf seinem Throne sitzen und alles Heer des Himmels bei ihm stehen, zu seiner Rechten und zu seiner Linken. Und der Herr sprach: Wer will Ahab bereden, dass er hinaufziehe und zu Ramoth-Gilead falle? Und der eine sprach so, und der andere sprach so. Da trat der Geist hervor und stellte sich vor den Herrn und sprach: Ich will ausgehen und will ein Lügengeist sein in dem Munde aller seiner Propheten. Und er sprach: Du sollst ihn bereden und wirst es auch ausrichten; gehe hin und tue also! Und nun, siehe, der Herr hat einen Lügengeist in den Mund all dieser deiner Propheten gelegt.”
Während der Herr auf seinem erhabenen Throne sitzt, steht alles Heer der Himmel. Da ja alle Engel “dienstbare Geister” sind (Hebr. 1, 14), “ausgesandt zum Dienst”, so gebührt es ihnen, dass sie stehen. Diener und Knechte haben zu stehen. Die himmlische Heerschar befindet sich “zur Rechten und zur Linken”. Das ist sicherlich von Bedeutung. Denn Gottes Wort sagt nichts Nebensächliches und Belangloses. Nur fehlt uns meist der Blick, innere Zusammenhange zu erkennen. Ist es unbedeutend, dass aus der “Rechten” Gottes Gesetzesfeuer hervorkam (5. Mo. 33, 2)? Es hat, im Zusammenhang des Schriftganzen gesehen, nicht nur praktisch-karitative Bedeutung, dass die Linke nicht wissen soll, was die Rechte tut. Denn jedes Wort Gottes ist “gefüllt” und “siebenfach geläutert”.
Gott bestimmt nicht irgendein Wesen, Ahab zu belügen. Das wäre seiner nicht würdig. Er fragt vielmehr, wer den “Dienst der Verdammnis” an dem gerichtsreifen Ahab ausführen will. Da gibt es große Beratungen, bei denen der eine dieses und der andere jenes meint. Schließlich meldet sich “der Geist”, der Lügner und Mörder von Anfang. Lügen und Töten liegt ihm und entspricht seinem Wesen.
Der Herr fragt ihn, wie er es anstellen wolle. Die Antwort des Feindes könnte uns auf den ersten Blick befremden. Er will ein Lügengeist sein im Munde aller Propheten des Königs. Auf einem frommen Umweg will er zu seinem Ziele kommen. Die moralisch verkommenen Propheten waren langst reif zum Untergang. Darum waren sie auch für Lügenmächte besonders zugänglich. Gott lässt in erhabener Ruhe, da er sich der endgültigen Erreichung seiner Liebesziele völlig gewiss ist, alles geschehen. Das ist aber durchaus kein kraftloses, ohnmächtiges “Zulassen”, sondern vielmehr ein Bewirken und Veranlassen. Nicht nur, was der Feind tut, sondern auch wie er es tut, wird nach genau festgelegten Beschlüssen ausgeführt. Erst wenn Gott selbst die Ratschläge zu Beschlüssen erhoben hat, indem er sein Ja gab, darf sich hier unten auf Erden das auswirken, was in den Kreis unserer Erfahrungen hineinbezogen ist. Den Ursprung und die Quelle in den himmlischen Ratsversammlungen aber vermögen unsere irdischen Sinne nicht zu erkennen.
Von zwei weiteren Ratsversammlungen im Kreise der himmlischen Heerscharen berichtet das Buch Hiob. Lesen wir in Hiob 1, 6–12:
“Es geschah eines Tages, da kamen die Söhne Gottes, um sich vor den Herrn zu stellen; und auch der Satan kam in ihrer Mitte. Und der Herr sprach zu Satan: Wo kommst du her? Und der Satan antwortete dem Herrn und sprach: Vom Durchstreifen der Erde und vom Umherwandeln auf ihr. Und der Herr sprach zu Satan: Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn seinesgleichen ist kein Mann auf Erden, vollkommen und rechtschaffen, gottesfürchtig und das Böse meidend. Und der Satan antwortete dem Herrn und sprach: Ist es umsonst, dass Hiob Gott fürchtet? Hast du nicht selbst ihn und sein Haus und alles, was er hat, ringsum eingezäunt? Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitztum hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke einmal deine Hand aus und taste alles an, was er hat, ob er sich nicht offen von dir lossagen wird. Da sprach der Herr zu Satan: Siehe, alles was er hat, ist in deiner Hand; nur nach ihm strecke deine Hand nicht aus. Und der Satan ging vom Angesicht des Herrn hinweg.”
Nehmen wir die nächste Himmelsversammlung, die ähnlich verlief, hinzu. Wir finden sie in Hiob 2, 1–7:
“Es geschah eines Tages, da kamen die Söhne Gottes, um sich vor den Herrn zu stellen; und auch der Satan kam in ihrer Mitte, um sich vor den Herrn zu stellen. Und der Herr sprach zu Satan: Von woher kommst du? Und der Satan antwortete dem Herrn und sprach: Vom Durchstreifen der Erde und vom Umherwandeln auf ihr. Und der Herr sprach zum Satan: Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn seinesgleichen ist kein Mann auf Erden, vollkommen und rechtschaffen, gottesfürchtig und das Böse meidend; und noch hält er fest an seiner Vollkommenheit, wiewohl du mich wider ihn gereizt hast, ihn ohne Ursache zu verschlingen. Und der Satan antwortete dem Herrn und sprach: Haut um Haut, ja alles, was der Mensch hat, gibt er um sein Leben. Aber strecke einmal deine Hand aus und taste sein Fleisch und sein Gebein an, ob er sich nicht offen von dir lossagen wird. Und der Herr sprach zum Satan: Siehe, er ist in deiner Hand, nur schone seines Lebens. Und der Satan ging von dem Angesicht des Herrn hinweg, und er schlug Hiob mit bösen Geschwüren, von seiner Fußsohle bis zum Scheitel.”
Wir wollen nur auf einige Hauptpunkte dieser fesselnden Geschichte, die ja Goethe im Vorspiel zu seinem Faust benützte, hinweisen. Auch hier sehen wir, dass sich die Söhne Gottes vor den Herrn “stellen”. Satan ist unter ihnen. Er redet nicht eher, als er gefragt wird. Gehorsam und unterwürfig steht er Rede und Antwort. Nicht er, sondern Gott selbst lenkt die Verhandlung auf die Person Hiobs. Das alles ist gar tröstlich für unser persönliches Leben. Keine Macht der Bosheit und Finsternis darf uns antasten, wenn nicht Gott in seiner Liebe und Treue es zu unserem Heil und seiner Verherrlichung zuvor verordnet hat. Halten wir das doch immer fest, wenn Stunden der Not und Verzweiflung uns beschleichen wollen! Satan macht Gott gegenüber in untertäniger, ehrerbietiger Form allerlei Einwände. Er sagt, die Frömmigkeit Hiobs sei nichts Besonderes, da es diesem Fürsten aus Uz ja so gut gehe. Gott selbst habe ihn “ringsum eingezäunt”. Worin wohl dieser “Zaun” bestanden haben mag? Denken wir hier nicht an das Wort in Sach. 2, 5, wo der Herr von sich bezeugt: “Ich werde eine feurige Mauer sein ringsum!”?
Es gehört mit zum tiefsten Liebesbedürfnis Gottes, dass er nicht um seiner Gaben, sondern um seiner selbst willen geliebt und gelobt werde. Und gerade das stellt Satan hinsichtlich Hiobs in Abrede. Der Feind wähnt, der Fürst aus Uz sage sich von Gott los, wenn der Strom äußerer Segnungen und Wohltaten versiege. Der Herr lässt es auf eine Probe ankommen, um dem Satan und der gesamten Engelwelt zu zeigen, dass es Menschen gibt, die an ihm festhalten und ihn loben und preisen, auch wenn es ihnen schlecht geht und sie von ihm scheinbar verlassen sind.
Der zwölfte Vers des ersten und der sechste Vers des zweiten Kapitels im Buch Hiob sind von Gott festgelegte Entschlüsse, deren Ausführung den Dulder aus Uz in tiefe Leiden und Nöte bringt. Der Herr hatte wahrlich keine Freude daran, seinen treuen Knecht zu quälen. Aber um der Engel und um seiner eigenen Rechtfertigung und Verherrlichung willen lässt Gott all das über Hiob hereinbrechen, was der Feind vorgeschlagen hat. Dass Hiob am Ende seiner Versuchungen noch weit gesegneter ist, als er vorher war, und zudem eine vertiefte, geläuterte Gotteserkenntnis bekommt, sei nur nebenbei erwähnt (Lies Hiob 42, 2.3.12!). Wären unsere natürlichen Augen nicht verschlossen, so könnten wir erkennen, wie wahr es ist, was Goethe ahnt, wenn er im Faust bekennt:
Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot …
Oh, es gibt Geister in der Luft,
Die zwischen Erd’ und Himmel herrschend weben.
Wie erging es doch dem Knaben Elisas, der ob der gewaltigen Streitmacht des Königs von Syrien erschrak (2. Kön. 6, 15–17)?
“Als der Diener des Mannes Gottes frühe aufstand und hinaustrat, siehe da, ein Heer umringte die Stadt, und Rosse und Wagen. Und sein Knabe sprach zu ihm: Ach, mein Herr, was sollen wir tun? Und Elisa betete und sprach: Herr, öffne doch seine Augen, dass er sehe! Da öffnete der Herr die Augen des Knaben, und er sah: Und siehe, der Berg war voll feuriger Rosse und Wagen, rings um Elisa her.”
Wenn wir auch mit unseren irdischen Augen die glänzende Heerschar des Himmels nicht erblicken, so ist sie dennoch da.
1.2. Geisterkämpfe im Lufthimmel
Einige Zusammenhänge aus dem Propheten Daniel, aus der Buchrolle des Sacharja und aus der Offenbarung mögen uns Einblicke in Geisterkämpfe in den Lufthimmeln geben. Lesen wir zunächst Dan. 10, 5 – 11, 1:
“Siehe, da war ein Mann, in Linnen gekleidet, und seine Lenden waren umgürtet mit Gold von Uphas; und sein Leib war wie ein Chrysolith, und sein Angesicht wie das Aussehen des Blitzes, und seine Augen wie Feuerfackeln, und seine Arme und seine Füße wie der Anblick von leuchtendem Erze; und die Stimme seiner Worte war wie die Stimme einer Menge. Und ich, Daniel, allein sah das Gesicht; die Männer aber, welche bei mir waren, sahen das Gesicht nicht; doch fiel ein großer Schrecken auf sie, und sie flohen und verbargen sich. Und ich blieb allein übrig und sah dieses große Gesicht; und es blieb keine Kraft in mir, und meine Gesichtsfarbe verwandelte sich an mir bis zur Entstellung, und ich behielt keine Kraft. Und ich hörte die Stimme seiner Worte; und als ich die Stimme seiner Worte hörte, sank ich betäubt auf mein Angesicht, mit meinem Angesicht zur Erde. Und siehe, eine Hand rührte mich an und machte, dass ich auf meine Knie und Hände empor wankte.
Und er sprach zu mir: Daniel, du vielgeliebter Mann! Merke auf die Worte, die ich zu dir rede, und stehe auf deiner Stelle; denn ich bin jetzt zu dir gesandt. Und als er dieses Wort zu mir redete, stand ich zitternd auf. Und er sprach zu mir: Fürchte dich nicht, Daniel! Denn von dem ersten Tage an, da du dein Herz darauf gerichtet hast, Verständnis zu erlangen und dich vor deinem Gott zu demütigen, sind deine Worte erhört worden; und um deiner Worte willen bin ich gekommen. Aber der Fürst des Königreiches Persien stand mir 21 Tage entgegen; und siehe, Michael, einer der ersten Fürsten, kam, um mir zu helfen, und ich trug daselbst den Sieg davon bei den Königen von Persien. Und ich bin gekommen, um dich verstehen zu lassen, was deinem Volke am Ende der Tage widerfahren wird, denn das Gesicht geht noch auf Tage.
Und als er in dieser Weise mit mir redete, richtete ich mein Angesicht zur Erde und verstummte. Und siehe, einer, den Menschenkindern gleich, berührte meine Lippen; und ich tat meinen Mund auf und redete und sprach zu dem, der vor mir stand: Mein Herr, wegen des Gesichtes überfielen mich die Wehen, und ich habe keine Kraft behalten. Und wie vermag ein Knecht dieses meines Herrn mit diesem, meinem Herrn, zu reden? Und ich — von nun an bleibt keine Kraft mehr in mir, und kein Odem ist in mir übrig. Da rührte mich wiederum einer an, von Aussehen wie ein Mensch, und stärkte mich.
Und er sprach: Fürchte dich nicht, du vielgeliebter Mann! Friede dir! Sei stark, ja sei stark! Und als er mit mir redete, fühlte ich mich gestärkt und sprach: Mein Herr möge reden, denn du hast mich gestärkt. Da sprach er: Weißt du, warum ich zu dir gekommen bin? Und jetzt werde ich zurückkehren, um mit dem Fürsten von Persien zu streiten; aber wenn ich ausziehe, siehe, so wird der Fürst von Griechenland kommen. Doch will ich dir kundtun, was in dem Buche der Wahrheit verzeichnet ist. Und es ist kein einziger, der mir wider jene mutig beisteht, als nur Michael, euer Fürst. Und auch ich stand im ersten Jahre Darius’, des Meders, ihm bei als Helfer und Schutz.”
Bei dieser wunderbaren Angelegenheit haben wir es mit dem Erzengel Gabriel zu tun. Wie überwältigend und schreckenerregend sind diese Himmelswesen! Sie sind so ganz anders als das, was die christliche Kunst aus ihnen gemacht hat. Engel sind nicht Kindlein mit rosigen Wangen, kurzen Hemdlein und gestutzten Flügeln, sondern strahlende, ehrfurchtgebietende Helden. Gabriel tritt überall da auf, wo es sich darum handelt, Erkenntnis und Verständnis prophetischer Dinge zu gewinnen.
In Dan. 8, 15–16 wird uns berichtet, dass zu der Zeit, da der Prophet Verständnis für seine Vision erstrebt, Gabriel vor ihm stand, dem eine Stimme zurief: “Gabriel, gib diesem das Gesicht zu verstehen!”
In Dan. 9, 21–22 lesen wir: “Während ich noch redete im Gebet, da kam der Mann Gabriel, den ich im Anfang im Gesicht, als ich ganz ermattet war, gesehen hatte, zu mir her zur Zeit des Abendopfers. Und er gab mir Verständnis und redete zu mir und sprach: ‘Daniel, jetzt bin ich ausgegangen, um dich Verständnis zu lehren.’”
Vergleichen wir damit die Worte Gabriels in Dan. 10, 14: “Ich bin gekommen, um dich verstehen zu lassen …” In all diesen Zusammenhängen hat Gabriel das Amt, Einblick und Durchblick zu geben.
Genau das gleiche finden wir im Neuen Testament. Gabriel erscheint Elisabeth, der Mutter des Täufers, und Maria, der Mutter Jesu. Er zeigt den beiden Frauen, welche Bedeutung die Frucht ihres Leibes im Heilsplan Gottes haben wird (Lk. 1). Dieser Gabriel nun erscheint dem Propheten am Ufer des Tigris. Die doppelte Ursache seines Erscheinens lag darin, dass der Prophet sein Herz darauf richtete, Verständnis zu erlangen, und sich zum anderen vor Gott demütigte. Diese beiden Vorbedingungen zur Erlangung tieferer Gotteserkenntnis schließen einander nicht aus, wie man oft sagen hört. Sie werden im Gegenteil, wenn unser Glaube gesund ist, immer beisammen sein. Ist es nicht ein bedenkliches und trauriges Zeichen, wenn man in christlichen Kreisen vor dem Verlangen, in das Verständnis und die Erkenntnis der Wege und Ziele Gottes hineinzuwachsen, warnt? Nur vom Zerbruch kann kein Mensch leben, am wenigsten der Geistesmensch. Ihn dürstet in heiligem Begehren nach der Erkenntnis Gottes und Christi Jesu, unseres Herrn und Hauptes.
Dass sich andererseits Gott nur einem gebeugten und demütigen Herzen erschließt, ist sonnenklar. Einst erschrak ich sehr, als ein Mann, der sich auf seine reiche “Erkenntnis” (in Wirklichkeit war es nur ein totes Wissen des Kopfes in dogmatischer Rechthaberei) viel zugute tat, aber in der Sünde lebte, sagte: “Ich will lieber sündigen als etwas Falsches oder Unklares lehren.” Solch eine Einstellung ist ein Greuel vor Gott und führt in schweres Gericht. Wem viel gegeben ist, von dem wird viel verlangt, auch wenn man sich tausendmal vorredet, der Mensch brauche keine Rechenschaft abzulegen, da ja nicht er, sondern Gott alles wirke. Möchte auch unsere geistig-geistliche Grundhaltung durch die beiden Stücke bestimmt sein: Verständnis zu erlangen und uns vor Gott zu demütigen!
Gabriel begab sich auf den Weg zum Propheten. Aber er wurde unterwegs im Lufthimmel aufgehalten. Der Engelfürst von Persien stand ihm 21 Tage entgegen. Doch Michael half ihm, so dass er siegte. Das sind gar merkwürdige Geschichten! Berichtete ein anderes Schrifttum als die heiligen Urkunden Gottes davon, so könnte man mit Achselzucken oder Lächeln darüber hinweggehen. So aber haben wir es mit dem inspirierten Wort der Schrift zu tun. Gabriel weiß, dass er auch auf dem Rückweg solche Kämpfe zu bestehen haben wird. Der Fürst von Griechenland wird ihm entgegentreten. Aber Michael, “euer Fürst” (Dan. 12, 1), wird ihm als Dank und Gegenleistung für frühere Hilfe beistehen. Es scheint also, wie auf Erden, auch im Himmel Schutz- und Trutzbündnisse unter den Engelfürsten zu geben. Das ist auch weiter gar nicht verwunderlich, da doch nach dem Zeugnis der Schrift alles Sichtbare Abbild und Nachbild des Unsichtbaren ist und zum anderen alles, was unter der Sonne geschieht, längst zuvor gewesen ist.
Dürfen wir annehmen, dass jedes Volk seinen Vertreter, seinen Engelfürsten hat? Nichts liegt uns ferner, als etwas fest behaupten oder gar ein logisches lückenloses Lehrbild von etwas aufstellen zu wollen, was in der Schrift nur in kurzen, knappen Andeutungen genannt ist. Andererseits aber möchten wir, entsprechend Gottes Willen und Wohlgefallen, über das Wort der Wahrheit nachsinnen und große Beute darinnen finden.
Erwägen wir verschiedene Schriftworte, die uns über diese Fragen Licht vermitteln können. So ergibt sich z. B. aus 5. Mo. 32, 8; 5. Mo. 10, 32; 1. Mo. 46, 27b und 2. Mo. 1, 5, dass Gott 70 Völker schuf und ihre Grenzen festsetzte. Vgl. die Aufzählung der 70 Nationen der Erde in der Völkertafel von 1. Mo. 10! Wer die Schrift symbolisch zu lesen versteht, der erinnert sich gewiss auch an 2. Mo. 15, 27, wo geschrieben steht: “Sie kamen nach Elim, und daselbst waren zwölf Wasserquellen und siebenzig Palmbäume.” Die zwölf Quellen deuten auf die zwölf Stämme des Volkes Israel und die 70 Palmbäume auf die Fülle der Nationen. Der Herr hatte ja auch zwei Jüngerkreise: den der Zwölfe für Israel, die nicht auf eine Straße der Nationen gehen durften, und den der 70, die zu den Nationen gesandt waren. Sollte das alles zufällig und bedeutungslos sein? Man kann aber 5. Mo. 32, 8 auch so übersetzen: “… da stellte er fest die Grenzen der Völker nach der Zahl der Gotteskämpfer.”
Danach wären die Völker auf Erden entsprechend der Zahl der Engelfürsten geschieden; jede Nation hätte also mit ändern Worten ihren besonderen Engelfürsten über sich. Was nun die Engelmächte in den Lufthimmeln tun, wirkt sich auf Erden an und in den Völkern aus.
Ahnen nicht heidnische Sagen, die davon reden, dass die Geister von erschlagenen Kriegern in den Lufthimmeln miteinander weiterkämpfen, etwas von diesen biblischen Realitäten? Überhaupt enthalten die Märchen und Sagen der Völker, wenn auch verzerrt und entstellt, tiefe, ewige Wahrheiten. Es wäre wohl der Mühe wert, hier einmal Parallelen klarzulegen. Schlagen wir Sach. 1, 8–10 auf:
“Ich schaute des Nachts, und siehe, ein Mann, der auf einem roten Rosse ritt; und er hielt zwischen den Myrten, welche im Talgrund waren, und hinter ihm waren rote, hellrote und weiße Rosse. Und ich sprach: Mein Herr, wer sind diese? Und der Engel, der mit mir redete, sprach zu mir: Ich will dir zeigen, wer diese sind. Und der Mann, der zwischen den Myrten hielt, antwortete und sprach: Diese sind die, welche der Herr ausgesandt hat, um die Erde zu durchziehen.”
Wir wollen nicht auf die Zusammenhänge dieser merkwürdigen Begebenheiten eingehen, sondern nur das unterstreichen, was zu unserem Thema gehört. Nach 1, 9 erklärt ein Engel das Gesicht. Was mit Gerichts- und Machtentfaltungen Gottes zusammenhängt, wird oft von Engeln verwaltet und erklärt. Dahin gehört z. B. auch das ganze Buch der Offenbarung. Darum heißt es dort einleitend, dass Gott seinen Engel gesandt und durch ihn seinem Knecht Johannes allerlei Aufschlüsse gegeben hat.
Ganz anders ist es auf dem Boden der Gemeinde des Leibes des Christus. Da sind Engel untauglich, Vermittler und Erklärer zu sein. Denn von Gottes Gnade, Liebe und Erbarmen wissen sie nichts. Was der Vater der Herrlichkeit an Selbstoffenbarung schenkt, reicht er dar durch seinen Sohn, bzw. seinen mittelst des Wortes wirkenden Geist. Darum ist auch das Reden Gottes durch Wort und Geist von viel höherer Art als das Sprechen des Herrn durch Visionen, Träume und Engel.
Die Reiter auf den farbigen Rossen, die die Erde durchzogen, hat der Herr ausgesandt. Sie dürfen und können nur das tun, was ihnen von Gott befohlen ist. So furchtbar und geheimnisvoll auch ihr Ansehen und ihr Amt sein mögen, — sie unterstehen unbedingt und allezeit den Anordnungen des Herrn. Wenn wir das wirklich im Glauben fassen, wovor sollten wir uns da noch fürchten? Vor wem könnte uns da noch grauen? Das Wort Jesu, dass die Wahrheit uns frei macht, gilt in jeder Beziehung für unser Gesamtleben. Die vier Winde oder Geister des Himmels, von denen im sechsten Kapitel des Propheten Sacharja die Rede ist, durften erst dann ausziehen, nachdem sie sich vor den Herrn der ganzen Erde gestellt hatten. Werden uns da nicht die Szenen lebendig, die wir in 2. Könige und im Buche Hiob gelesen haben? Die Wagen haben genaue Vorschriften, wohin sie zu fahren haben. Die nach Norden (!) ziehen, sind Gerichtswerkzeuge Gottes, die seinen Zorn stillen. Wir sehen also, dass Gerichtswirkungen und Heimsuchungen von “kosmischen Mächten” kommen, wie der ahnende Mensch sagt. Diese kosmischen Mächte aber haben ihre genauen Aufträge und Anweisungen, die sie, selbst wenn sie wollten, nicht zu übertreten vermögen. Denn auch bei all ihrem scheinbaren Zuwiderhandeln wider Gottes Willen erfüllen sie unbewusst seine geheime Absicht. Das ist für den Glauben überaus tröstlich und anbetungswürdig und lässt uns auch dann ruhig und glückselig sein, wenn die Wasser der Trübsal höher steigen und die Stürme der Anfechtung durch unser Leben brausen. Offb. 12, 7–9 berichtet von einem weiteren Kampf im Himmel:
“Es entstand ein Kampf in dem Himmel: Michael und seine Engel kämpften mit dem Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel; und sie siegten nicht, auch wurde ihre Stätte nicht mehr in dem Himmel gefunden. Und es wurde geworfen der große Drache, die alte Schlange, welcher Teufel und Satan genannt wird, der den ganzen Erdkreis verführt, geworfen wurde er auf die Erde, und seine Engel wurden mit ihm geworfen.”
Sowohl der Erzengel Michael als auch Satan, der Drache oder die alte Schlange, haben auf ihrer Seite eine Reihe von Engeln, die ihnen im Kampf beistehen. Der Feind wird der Verführer der ganzen Ökumene, d. h. aller bewohnten Gebiete, genannt. Er muss seine Wirkungsstätte in den Lufthimmeln aufgeben und wird auf die Erde geworfen. Paulus spricht von ihm als von dem Fürsten der Gewalt der Luft. Von dort aus hat er sein Werk und Wesen in den Kindern des Unglaubens.
Dies ist nicht der einzige Kampf zwischen Michael und Satan, den uns die Schrift berichtet. Von einer weiteren Auseinandersetzung zwischen diesen beiden mächtigen Fürsten lesen wir im Judasbrief (Vers 9):
“Michael, der Erzengel, als er mit dem Teufel stritt und Wortwechsel hatte um den Leib des Mose, wagte nicht ein lästerndes Urteil zu fällen, sondern sprach: Der Herr schelte dich!”
Wenn die sechste Zornesschale ausgegossen wird, wodurch der Euphrat austrocknet und so den Herrschern des Ostens ein Weg nach Westen gebahnt wird, werden (Offb. 16, 13–14) “aus dem Munde des Drachen und aus dem Munde des Tieres und aus dem Munde der falschen Propheten drei unreine Geister kommen wie Frösche; denn es sind Geister von Dämonen, welche Zeichen tun, welche zu den Königen des ganzen Erdkreises ausgehen, sie zu versammeln zu dem Kriege des großen Tages Gottes des Allmächtigen.”
Ob wohl bei der Anbahnung dieses gewaltigen und furchtbaren Krieges auch der Gott Mauzim, der Gott der Festungen, von dem Dan. 11, 37–39 redet, eine Rolle spielen wird? Nicht nur der Krieg als solcher, sondern sogar der Austragungsort der Entscheidungsschlacht, Harmagedon, ist zuvor festgelegt und bestimmt.
1.3. Satanische Mächte auf Erden
“Man glaubt zu schieben und man wird geschoben.” Wie wahr ist dieses Wort! Lesen wir doch von den Herrschern der Endzeit (Offb. 17, 17):
“Gott hat in ihre Herzen gegeben, seinen Sinn zu tun und in einem Sinne zu handeln und ihre Königreiche dem Tiere zu geben, bis die Worte Gottes vollbracht sein werden.”
Gottes Plan und Wille sind das Erste und die Erfüllung all seiner Worte und Gedanken sind das Letzte bei allem Geschehen in der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Gar mancherlei Finsternisoffenbarungen und Gerichtsdurchbrüche satanischer Mächte in das Erdgeschehen weissagt das Wort heiliger Schrift. Diese Dinge sind so wuchtig und gewaltig, so wirklich und wesenhaft, dass man bis ins innerste Herz hinein erbeben könnte, wenn wir nicht wüssten, dass über aller Macht der Bosheit und Finsternis der unbedingte Wille Gottes steht, der selbst die Haare auf unserem Haupte gezählt hat und sich auch um das allerkleinste und geringste Geschehen seiner Schöpfung und um das Wohlergehen seiner Kreaturen liebevoll kümmert.
2. Die Engelwelt und die Gemeinde Christi
Wenn schon ein enger Zusammenhang zwischen Engelmächten und dem Weltgeschehen besteht, so sind die inneren Verbindungslinien und Beziehungen zwischen der Gemeinde Christi und der unsichtbaren Welt noch viel stärker. Sagt doch der Herr schon während seines Erdenlebens hinsichtlich des Einblicks in die Engelwelt: “Wahrlich, wahrlich ich sage euch: ihr werdet den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen” (Joh. 1, 51). Wenn Jesus dieses Zeugnis mit einem doppelten Eidschwur (amen, amen oder wahrlich, wahrlich) einleitet, so ist es sicherlich nicht nebensächlich und bedeutungslos.
In 1. Petr. 1, 10–11 lesen wir von der Gnade der Errettung durch Christi Leiden und den Herrlichkeiten danach. Der folgende Vers sagt uns, dass das Evangelium des Heils in Christo durch den vom Himmel gesandten Heiligen Geist von den Propheten verkündigt wurde und dass Engel in diese Dinge hineinzuschauen begehren. Dieses Begehren oder Gelüsten der Engel ist durchaus verständlich. Kennen sie doch Gott nur als den starken und furchterregenden Gebieter und wissen nichts von der Überfülle seiner Gnade und Barmherzigkeit.
Welche Not und welches Verlangen offenbart dieses Zeugnis über das Gelüsten oder Begehren der Engelwelt! Wie verkehrt und unbiblisch sind die landläufigen Ansichten über “die lieben Englein im Himmelssaal”! Gott ist furchtbar und schrecklich über alle — und nicht nur über einige besonders “böse” — die rings um ihn her sind (Ps. 89, 7) und legt seinen Engeln Irrtum oder Torheit zur Last (Hiob 4, 18), da er auf seine heiligen Heerscharen nicht vertraut und die Himmel in seinen Augen nicht rein sind (Hiob 16, 15). Diese biblische Schau ergibt doch ein wesentlich anderes Bild von den Beziehungen der Engel zu Gott, als man gewöhnlich in unbekümmerter Unkenntnis des Wortes heiliger Schrift annimmt. Engel begehren oder gelüsten nach dem Evangelium von Christo. Welchen Vorrang haben wir doch, im Licht dieser Wahrheit gesehen, ihnen gegenüber! Da erst kann man begreifen, dass wir als Gemeinde des Leibes Christi jedem Fürstentum und jeder Gewalt gegenüber in ihm zur Hauptesstellung erhoben sind. Bilden wir doch nach Kol. 2, 10 die Fülle oder das Vollmaß dessen, der das Haupt jener Wesen und Welten ist.
2.1. Die Gemeinde als Anschauungsgegenstand
An uns, der Gemeinde, wird jetzt, also in der Gegenwart unseres Erdenlebens, den Fürstentümern und Gewalten in den Himmelsregionen die buntfarbige Weisheit Gottes kundgetan (Eph. 3, 10). Nicht wir lernen göttliche Weisheit von den Engeln, sondern das Umgekehrte ist der Fall. Wie wenig sind wir uns meist dieses hohen Berufes bewusst! Ergeht es uns da nicht manchmal wie Hiob, der gar nicht fassen konnte, wozu all der Jammer dienen sollte, der über sein Leben hereinbrach? Und dabei war er ausersehen, Gott vor der gesamten Heerschar des Himmels zu rechtfertigen und den Feind durch sein Loben und Danken zum Schweigen zu bringen!
Engel sind Geschöpfe Gottes. Zu keinem von ihnen hat er je gesagt: “Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt” (Hebr. 1, 5). Sie verkörpern Gottes Kraft und Macht und laufen auf der Linie der Erschaffung und Dienstbarkeit, der Leistung und Anbetung (Jes. 6). Ganz anders ist es mit uns, der Gemeinde. Wir sind eine Neuschöpfung durch Gottes Geist, gezeugt von seiner Liebe und berufen zur Sohnschaft, die auf einer ganz anderen Linie liegt als Knechtschaft und Dienerstellung. Nicht Gesetz und Leistung, sondern Gottes Gnade und Barmherzigkeit sind der tragende Grund unseres Glaubens, Hoffens und Liebens.
2.2. Gesetzlichkeit und Engelverehrung
Die Engel schauen nicht nur auf uns herab, sondern sie suchen auch auf uns einzuwirken. Nach Leib und Seele sind auch wir diesen kosmischen Mächten unterstellt. Befinden wir uns doch nach außen hin in der gleichen Naturverflochtenheit wie alle übrigen Geschöpfe. Aber dem Geist und Glauben nach sind wir nicht solche, die wie das Himmelsheer um Gottes Thron “stehen”, sondern wir sind mit und in Christi “mitversetzt” inmitten der Himmelswesen, wie Paulus in Eph. 2, 6 lehrt. Wenn in unserm Glaubensleben Seele und Geist noch nicht geschieden sind (Hebr. 4, 12), so sind wir mehr oder weniger der Gefahr der “Anbetung der Engel” oder der “Engelverehrung” ausgesetzt, vor der Paulus die Kolosser so ernst warnt. Er ermahnt sie (Kol. 2, 16.18):
“So richte Euch nun niemand über Speise oder Trank, oder in Ansehung eines Festes oder von Neumonden oder Sabbaten, die ein Schatten der zukünftigen Dinge sind, der Körper aber ist Christi. Lasst niemand euch um den Kampfpreis bringen, der seinen eigenen Willen tut in Demut und Anbetung der Engel, indem er auf Dinge eingeht, die er gesehen (oder nicht gesehen) hat, eitler Weise aufgeblasen von dem Willen seines Fleisches.”
Das erste Wörtlein dieses Abschnittes, “so” oder “folglich” weist zurück auf die vorhergehenden Verse. Dort ist die Rede von dem vollkommenen Erlösungswerk am Kreuz. Weil der Herr dort ein vollgültiges Heil geschaffen, unseren Schuldbrief in Satzungen aus den Prozessakten herausgenommen, ausgetilgt und ans Kreuz geheftet hat, darum sollen sich die gläubigen Gemeinden nun nicht neue Gesetzesvorschriften menschlicher Frömmigkeit aufbürden lassen. Wer Engelsanbetung treibt, d. h. in knechtischer Weise wie die Engel die Macht und Stärke Gottes anbetet statt erlöst und versöhnt in des Vaters Liebe und Gnade zu ruhen, wer auf Visionen eingeht, der lässt sich um den Kampfpreis bringen, oder, wörtlich übersetzt, auf falsche Bahnen abdrängen. Das versuchen die gesetzlichen Engel. Sie wollen aus bester Absicht das Evangelium der freien allgenugsamen Gnade mit religiösen Leistungen selbsterwählter Frömmigkeit durchsetzen. Darum ruft Paulus in heiligem Zorn in Gal. 1, 7–8 aus:
“Etliche sind, die euch verwirren und das Evangelium des Christus verkehren wollen; aber wenn auch wir oder ein Engel aus dem Himmel (nicht aus der Hölle!) euch etwas als Evangelium verkündigte außer dem, was wir euch als Evangelium verkündigt haben: Er sei verflucht!”
Aus diesem ernsten Wort ersehen wir, dass die Möglichkeit besteht, dass Engel aus dem Himmel die herrliche paulinische Füllebotschaft zu verfälschen suchen und dass viele in Unkenntnis dieser Dinge sich auf eine gesetzliche Frömmigkeitslinie abdrängen lassen. Das bedeutet aber praktisch ein Verlassen der Gnade und ein Preisgeben des Herzstückes des Evangeliums. Darum schreibt Paulus in Gal. 5, 4 so ernst:
“Ihr seid abgetrennt von Christus, so viel ihr im Gesetz gerechtfertigt werdet! Ihr seid aus der Gnade gefallen.”
Nicht die unheiligen Mächte, die die Menschen in offenbare Sünden zu verstricken suchen, verflucht der inspirierte Apostel, sondern die Engel, die sein Evangelium zersetzen und in gesetzliche Frömmigkeit umbiegen wollen. Denn die ersteren sind leicht zu durchschauen. Als brüllender Löwe ist uns der Feind bei weitem nicht so gefährlich wie als Engel des Lichts. Was würde wohl der Apostel sagen, wenn er heute käme und die verschiedenen Organisationen der “Christenheit” näher kennen lernte?
Nach 1. Kor. 10, 11 soll das Weib “eine Macht auf dem Haupte haben, um der Engel willen”. Dieses Wort verstehen wir nur aus seinem Zusammenhang heraus. Paulus spricht von Unterweisungen, die er den Korinthern gegeben hat. Er zeigt, wie es göttliche Unterordnungen gibt, wie Gott das Haupt des Christus, Christus das Haupt eines jeden Mannes, der Mann aber das Haupt des Weibes ist. Darauf soll im praktischen Leben, sonderlich in den Versammlungen der Heiligen, geachtet werden. Wo diese Schöpferordnungen Gottes missachtet und durchbrochen werden, gereichen sie auf die Dauer nicht nur dem zum Schaden, der sie übertritt, sondern üben auch eine ungöttliche Wirkung auf die Engel aus. Wir sahen bereits, dass wir den Engeln ein Schauspiel sind (1. Kor. 4, 9), dass sie in die Christusbotschaft hineinzuschauen begehren (1. Petr. 1, 12) und dass sie jetzt an uns, der Gemeinde, die Weisheit Gottes lernen (Eph. 3, 10).Weil nun das Weib, das von Natur doch ausgesprochen seelisch und dadurch den Einflüssen aus der Geisterwelt viel zugänglicher ist und leichter unterliegt als der Mann (vgl. die ersten Menschen, Hiobs Weib und andere), soll es sich unter die Herrschaft des Mannes stellen.
“Nach deinem Mann wird dein Verlangen sein, er aber wird über dich herrschen,” gebietet Gott in 1. Mo. 3, 16b, und Paulus schreibt in 1. Tim. 2, 11–14: “Ein Weib lerne in der Stille in aller Unterwürfigkeit. Ich erlaube aber einem Weibe nicht, zu lehren noch über den Mann zu herrschen, sondern stille zu sein. Denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva! Und Adam wurde nicht betrogen, dasWeib aber wurde betrogen und fiel in Übertretung.”
Die Macht, die das Weib auf dem Haupt haben soll, ist also das demütige sich Unterordnen unter den Mann. Wenn eine Frau das in äußerer Befolgung dieses Wortes dadurch ausdrückt, dass sie ihr Haupt bedeckt, so ist nichts dagegen zu sagen. Nur kann man durch ein Tüchlein oder sonst eine Kopfbedeckung einem Engel noch kein Zeugnis sein. Dazu gehört die innere Einstellung und gesamte Lebenshaltung in der von dem Apostel angeschnittenen Frage der Unterordnung des Weibes.
2.3. Der Kampf der Gemeinde gegen die Überwelt
Wir sahen, dass die Überwelt hereinragt in unser irdisches Geschehen und dass es verschiedene Beziehungen zwischen der Gemeinde des Christus und den unsichtbaren Mächten gibt. Nicht die brutale Gewalt, sondern die Listen des Teufels drohen der Gemeinde am meisten. Darum ermahnt Paulus in Eph. 6, 10–12:
“Übrigens Brüder, seid stark in dem Herrn und der Macht seiner Stärke. Zieht an die ganze Waffenrüstung Gottes, damit ihr zu bestehen vermöget wider die Listen des Teufels. Denn unser Kampf ist nicht wider Fleisch und Blut, sondern wider die Fürstentümer und Gewalten, wider die Weltbeherrscher dieser Finsternis, wider die Geistermächte der Bosheit in den Himmelsregionen.”
Wir führen einen fortwährenden Kampf gegen die Überwelt. Unsere Waffen sind der Herr und die Macht seiner (nicht unserer) Stärke. In ihn bergen und hüllen wir uns im Glauben ein. Dann ist unser Kampf kein verzweifeltes Unterliegen, sondern vielmehr ein guter Kampf des Glaubens (2. Tim. 4, 7). Den Urmächten, den Ausführungsgewalten, den Systemherrschern dieser Finsternis und den Bosheitsgeistern in den Himmelsregionen sollen wir Widerstand leisten.
Vom Stehen, Widerstehen und Bestehen schreibt Paulus in unserem Zusammenhang. Wir sollen und können in der Jetztzeit nicht als Angreifer gegen sie vorgehen. Das wird späteren Zeitläuften des Gerichts und der Vollendung vorbehalten sein. Jetzt sollen wir ihnen einfach im Glauben widerstehen, indem wir uns in die ganze Waffenrüstung Gottes hüllen. Der Gurt der Wahrheit, der Brustharnisch der Gerechtigkeit, die Schuhe der Bereitschaft, der Schild des Glaubens, der Helm des Heils und das Schwert des Geistes sind die gottgeschenkten Ausrüstungsstücke, die wir nur zu ergreifen brauchen. Dann vermag keine Macht der Finsternis uns etwas anzuhaben. Wenn wir “allezeit betend mit allem Gebet und Flehen im Geist und eben hierzu wachend in allem Anhalten und Flehen für alle Heiligen” in dieser gottgeschenkten Rüstung verharren, so sind wir mehr als Überwinder durch den, der uns geliebet hat.
Solange wir hier unten im Fleische wallen, sind wir auf Feindesboden. Lasst uns das nie vergessen, auf dass der Feind uns nicht übervorteile! Nur in der Waffenrüstung Gottes vermögen wir zu siegen. Ohne unser Wissen und Wollen üben wir gewaltige Wirkungen auf die uns umlagernde, auf uns blickende und uns bekämpfende unsichtbare Welt aus.
Erst wenn wir auch dem Leibe nach in Christo zur Fülle gebracht sind und mit ihm in Herrlichkeit enthüllt werden, wenn wir dereinst die Engel richten und mit und in Christo herrschen und regieren werden, wird uns all das völlig klar und bewusst, enträtselt und entschleiert, was uns jetzt noch dunkel ist und wovon uns aus Gottes Wort nur dann und wann ein Lichtstrahl der Erkenntnis durchblitzt.
(Quelle: Anker-Verlag München, Juli 1948; Military Government Information Control License Number US-E-5 / Karl Merz)


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