Die Judenfrage nach Römer 11
Autor: Ströter, Ernst F., Prof. | Kategorie(n): Das prophetische Wort, Heilsgeschichte, Israel, Lehre, Paulusbriefe | 632 x gelesen1. Der Kern der Judenfrage
“Ich sage nun: Hat Gott etwa Sein Volk verstoßen?” (Vers 1).
Unter den vielen brennenden Fragen, an denen unsere Zeit so reich ist, nimmt die Judenfrage mit Recht einen hervorragenden Platz ein. Wohl handelt es sich hier nicht um ein Volk, das sich an Zahl etwa mit den Indern oder Chinesen messen könnte. Die Bedeutung eines Volkes liegt aber nicht in seiner Zahl. So sind es auch nicht in erster Linie politische Probleme, die sich an die Judenfrage und ihre Lösung knüpfen. Auch die politischen Interessen sind nicht die höchsten in der Welt. Israel ist ein ganz eigenartiges Volk. Seine bisherige Geschichte spottet aller Versuche, sie nach den Gesetzen des gewöhnlichen Geschehens auf Erden zu erklären.
Israel hat eine Berufung und Erwählung unter den Völkern wie nie ein anderes Volk vor oder nach ihm. Wohl haben andere Völker nach Gott gefragt und gesucht, und Er hat sich ihnen nicht unbezeugt gelassen (Apg. 14, 17). Aber nur in Israel und durch Israel hat sich der Ewige und Wahrhaftige als solcher geoffenbart. Hohe Worte menschlicher Weisheit sind auf uns gekommen von Ägypten, Chaldäa, Indien, Griechenland und Rom. Aber das Heil — die endgültige Lösung aller Menschheitsfragen für Zeit und Ewigkeit — kommt allein von den Juden. “Ihnen ist anvertraut, was Gott geredet hat” (Röm. 3, 2). Andere Völker sind je und dann in den Bereich göttlichen Offenbarungswaltens hineingezogen worden, — Israel allein hat als Volk die Auszeichnung, der eigentliche Träger und Vermittler aller Gottesmitteilung an die übrige Menschheit zu sein. Das gibt der Judenfrage eine Bedeutung und Tragweite, wie sie keiner anderen eigen ist noch sein kann.
Was man heute in politischen und soziologischen Blättern gewöhnlich als Judenfrage darstellt, ist in Wirklichkeit nur ein kleiner Ausschnitt dieser Frage und betrifft meist Dinge, die am Rande liegen. Es ist zwar nicht zu verkennen, daß das Problem für die Völker weder einfach noch leicht ist, was sie denn eigentlich mit den Söhnen Jakobs in ihrer Mitte anfangen sollen, wie sie sich ihrer entweder erwehren oder aber sie wirtschaftlich und politisch verwerten und einsetzen sollen. Aber das alles ist letztlich von zweitrangiger Bedeutung. Nicht das ist die Frage, wie sich die Völker, ob einzeln oder in ihrer Gesamtheit, zu Israel stellen; sondern das ist die Frage, wie sich der Herr, der allerhöchste Gott, der Israel erwählt hat zu dem Volk Seiner Wahl verhalte. Ob in Osteuropa der Antisemitismus im Sinken oder ob er im Westen im Zunehmen begriffen ist, nicht das macht letztlich die Judenfrage aus. Ihr Kern und Mittelpunkt ist: Hat denn Gott Sein Volk verstoßen?
Das ist das große, gewaltige Problem: Ist es mit Israels Gottesvolkstum, mit seiner Anwartschaft auf eine priesterliche und königliche Stellung unter den Nationen unwiderruflich und für immer vorbei, oder nicht? Hat dieses Volk gar keine Aussicht mehr, von Gott in der Zukunft zur Ausführung Seiner großen Erlösungsgedanken mit der Menschheit verwendet zu werden? Gibt es für alle Zeiten nur noch Mission an Israel — bei welcher sein Volksbestand als solcher nicht berücksichtigt zu werden braucht, da er ja doch der unabwendbaren Zersetzung und Auflösung preisgegeben ist —, oder gibt es in Gottes Plan und Rat noch einmal wieder eine Mission durch Israel, als Volk des Allerhöchsten, an der übrigen Menschheit?
Die Frage des Apostels, ob Gott etwa Sein Volk verstoßen habe, kann unmöglich dahin gedeutet werden, als ob Paulus die Erlösungsfähigkeit der Juden als Juden habe in Frage stellen wollen. Als er diese Worte an die Gemeinde in Rom schrieb — ein Menschenalter nach dem Tage des Pfingstgeschehens in Jerusalem —, konnte darüber überhaupt kein Zweifel mehr bestehen. Hatte sich doch die Kraft und Fülle des Heiligen Geistes gerade in Jerusalem, mitten unter dem Volke, das seinen Messias, den Gesalbten Gottes, verworfen hatte, herrlich erwiesen. Die Frage des Apostels kann nur bedeuten, was der einfache Wortsinn besagt, nämlich ob es mit Israel als Volk im göttlichen Heilsrat für immer vorbei sei oder nicht.
Paulus konnte damals zurückblicken auf anderthalb Jahrtausende israelitischer Volksgeschichte. Während dieses Zeitraums war Israel der ausschließliche Träger göttlicher Wahrheit gewesen. Wer immer aus den Völkern der Erde etwas Gewisses wissen wollte von dem Gott, der Himmel und Erde gemacht, der mußte nach Jerusalem ziehen und lernen von den Schriftgelehrten und Ältesten Israels. Und wer aus den Völkern — sei es aus den gebildetsten oder den rohesten — in persönliche Beziehungen treten wollte zu dem lebendigen Gott und Ihm ein wohlgefälliges Opfer bringen, der mußte sich beschneiden lassen und Jude werden.
Als dann die Zeit erfüllt war, kam der Gesalbte Gottes, der Sohn Abrahams und Erbe Davids. Gemäß allem, was von Ihm gesagt war, kam Er in “Sein Eigentum”, gesandt nur zu den “verlorenen Schafen aus dem Hause Israel”. Aber — die Seinen nahmen Ihn nicht auf. Israel, durch seine Obersten, verwarf den Herrn der Herrlichkeit.
Gleichwohl kam, wie wir schon sahen, der Heilige Geist nach dem Hingang des von Seinem Volke verworfenen Messias als dessen Stellvertreter, und zwar nach Jerusalem, wie es auch verheißen war. Also hatte die Verwerfung des Herrn Jesu durch Sein eigenes Volk dennoch nichts geändert an dem großen Erwählungsgedanken Gottes. Die Anweisungen des scheidenden Meisters an Seine Jünger hatten gelautet, “nicht von Jerusalem zu weichen” und ihr Werk “anzufangen zu Jerusalem”.
Nun aber ging der Hohe Rat des jüdischen Volkes noch einen Schritt weiter. Hatte die junge, ganz aus frommen und gesetzestreuen Israeliten bestehende Gemeinde anfangs Gnade bei dem ganzen Volk gehabt, so erhob sich bald eine bittere Verfolgung, und zwar wieder, wie auch bei Jesu, seitens der Obersten und Schriftgelehrten. Derselbe geistliche Gerichtshof, der Jesum zum Tode verdammt hatte, mordete Stephanus, den Mann voll Geistes und Glaubens. Mit seiner Steinigung hatte der Hohe Rat in Israel auch das zweite gnädige Angebot des Herrn in der Sendung des Heiligen Geistes abgewiesen. Nunmehr waren Volk und Stadt, Oberste und Priester, Tempel und Altar für das gerechte Zorngericht spruchreif. Und es blieb nicht aus. Wohl stand das Gebäude des Tempels noch, als Paulus diesen Brief schrieb. Aber er wußte, daß die Katastrophe nahe vor der Tür war. Israel war gerichtet, es hatte sich selbst verdammt. Dies ist der geschichtliche Rahmen, in welchem sich ihm die Frage vor die Seele drängt: “Hat denn Gott Sein Volk verstoßen?”
2. Eine persönliche Antwort auf eine sachliche Frage
“Das sei ferne, denn auch ich bin ein Israelit, aus dem Samen Abrahams, vom Stamme Benjamins. Gott hat Sein Volk nicht verstoßen, das Er zuvor erkannt hat” (Verse 1.2).
Die Zeugen, welche nach dem Gesetz (5. Mose 13, 9; 17, 7) die ersten Steine auf Stephanus zu werfen hatten, legten ihre Kleider ab zu den Füßen eines Jünglings, genannt Saulus. Von ihm wird gesagt, er willigte in seine Tötung ein. Er erscheint von nun an als die eigentliche Seele der über die Jünger hereinbrechenden Verfolgung. Mit verzehrendem Eifer wütet er gegen die Anhänger des Nazareners, schleppt Männer und Frauen ins Gefängnis und hilft, ihnen das Todesurteil sprechen. Drohung und Mord schnaubend, begnügt er sich nicht damit, Jerusalem und Judäa von dieser lästerlichen Sekte zu säubern, er erbittet sich und erhält Briefe und Vollmachten von den Hohenpriestern, seine Verfolgung über die Grenzen des jüdischen Landes hinaus bis hinauf nach Damaskus in Syrien auszudehnen.
Es ist unverkennbar, daß uns die Apostelgeschichte in der Person dieses Saulus von Tarsus die Verkörperung des ganzen verbissenen, fanatischen Judenhasses gegen den Herrn und Seine junge Gemeinde vorführt. Wie kein anderer ist daher Paulus imstande mitzureden, wenn es gilt, uns in die entsetzlichen Tiefen religiösen Hasses und pharisäischer Verblendung hineinblicken zu lassen. Wie kein anderer ist er berufen mitzusprechen, wenn es sich darum handelt, den vollen Umfang der Verschuldung Israels festzustellen an dem nun bald zu vollstreckenden Gericht nationaler Verhärtung und Verwerfung. Saul von Tarsus ist der vollendetste persönliche Ausdruck für das, was dieser ganzen Frage “Hat Gott etwa Sein Volk verstoßen?” an der Wurzel liegt und ihre Schärfe gibt. Es ist nicht zu leugnen, dieser Mann ist ein Sachverständiger ersten Ranges auf diesem Gebiet.
Darüber hinaus gilt es zu erkennen, daß dieser einstige Verfolger der Gemeinde wie kein anderer berechtigt ist, uns anhand seiner eigenen Erfahrung aus den finstersten Tiefen auf die lichtesten Höhen Göttlicher Liebes- und Gnadengedanken mit eben diesem Volk Israel zu führen. Nichts Geringeres bezweckt er mit seinem kühnen und entschiedenen “Ich bin auch ein Israelit!”. Es wird sich also nun darum handeln, aus der Schrift festzustellen, wie die Bekehrung Pauli ebenso wie seine frühere Verblendung den Charakter nationaler Repräsentation und abbildlicher Verkörperung trägt, d. h. der Apostel ist in seiner wunderbaren Bekehrung ebenso ein Vorbild für die dereinstige Bekehrung ganz Israels, wie er in seinem früheren Haß gegen den Nazarener das ganze Volk repräsentierte.
Er schreibt in seinem ersten Brief an seinen geistlichen Sohn Timotheus (Kap. 1, 16): “Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, auf daß an mir, dem ersten, Jesus Christus die ganze Langmut erzeige, zum Vorbild für die, welche an Ihn glauben werden zum ewigen Leben.” Diese Worte wollen uns Aufschluß geben über die göttliche Absicht, die der Bekehrung Pauli zugrunde lag. Es hatte damit eine besondere Bewandtnis. Ihre Tragweite reicht weit über die Schranken des Lebens des Apostels hinaus. Paulus selbst spricht sich ausdrücklich den Charakter eines “Ersten” oder “Erstlings” zu. Nun hat der Apostel wohl gewußt, daß lange vor ihm Zehntausende aus Israel zum lebendigen und seligmachenden Glauben an Christus und in den Besitz ewigen Lebens gekommen waren. Seine Bezeichnung ein “Erster” muß einen anderen Sinn haben. Wir finden ihn in den Worten: “… zum Vorbild für die, welche an Ihn glauben werden zum ewigen Leben.”
Pauli Bekehrung ist damit herausgehoben aus der Allgemeinheit anderer Bekehrungen. Sie will und muß in einem besonderen Licht angeschaut werden. In seiner Bekehrung hat Gott gewissermaßen das Modell geliefert (denn so läßt sich das hier gebrauchte Wort “hypotypoosis” sehr wohl übersetzen) für die einstige nationale Bekehrung Israels. Ein solches Verfahren Gottes entspricht durchaus der Art, wie auch sonst Vorherverkündigung geschieht. Denn die Weissagung geschieht nicht nur durch Worte, sondern auch durch Vorbilder, durch einen erfahrungsweisen, an Personen zur Darstellung gebrachten Anschauungsunterricht. (Man denke an Joseph, Mose, David, Jona und viele andere Gottesmänner, deren persönliche Erlebnisse typisch, vorbildlich sind für gewisse Züge in Israels Volksgeschichte.)
Der eigenartige Charakter der Bekehrung Pauli zeigt sich in dem Umstand, daß sie nicht auf die Predigt des Wortes zurückgeführt wird, sondern durch die persönliche Erscheinung des verklärten Christus vom Himmel bewirkt wird. Diesem bevollmächtigten Vertreter des Hohen Rats, der die ganze verblendete Feindschaft seines Volkes gegen den Messias in sich verkörpert, offenbart sich der Herr selbst in all Seiner unendlichen Langmut, Liebe und Huld, und aus dem mordschnaubenden Verfolger wird ein Held und Apostel des Glaubens, ein auserwähltes Rüstzeug, den Namen des Gekreuzigten und Auferstandenen zu tragen vor Könige und Nationen und vor die Söhne Israels. Das ist — wie Paulus durch den Geist dem Timotheus schreibt — das Muster und Vorbild, nach dem Gott zu Seiner Zeit in gleicher Liebe und Huld mit seinem Volk verfahren wird. So gewinnt der apostolische Ausspruch “Auch ich bin ein Israelit” eine gar weittragende prophetische und typische Bedeutung. Er wird zu einem hellen Spiegel, aus welchem uns ein Abglanz der großartigen Erlösungspläne Gottes mit Israel entgegenstrahlt.
Nicht anders hat es ja auch schon Sacharja geschaut, wenn er spricht: “Und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben, und werden über Ihn wehklagen gleich der Wehklage über den Eingeborenen” (Sach. 12, 10-14). In gleichem Sinne hatte auch Jesus in den Straßen Jerusalems geredet: “Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gepriesen sei, der da kommt in dem Namen des Herrn!” (Matth. 23, 39).
3. Die Bedeutung des Überrestes nach Wahl der Gnade
“Oder wisset ihr nicht, was die Schrift in der Geschichte Elias sagt? Wie er vor Gott auftritt wider Israel: Herr, sie haben Deine Propheten getötet, Deine Altäre niedergerissen, und ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten nach meinem Leben. Aber was sagt ihm die göttliche Antwort? Ich habe mir übrigbleiben lassen siebentausend Mann, welche das Knie dem Baal nicht gebeugt haben. Also ist nun auch in der jetzigen Zeit ein Überrest nach Wahl der Gnade. Wenn aber durch Gnade, so nicht mehr aus Werken; sonst ist die Gnade nicht mehr Gnade” (Verse 2-6).
Der Apostel bringt nun zur weiteren Festigung des Gesagten — daß nämlich Israels nationale Verwerfung nicht als endgültig aufzufassen sei — ein Beispiel aus Israels Volksgeschichte. Und zwar führt ihm der Geist eine Periode in der Geschichte des Reiches Israel (der zehn Stämme) vor, die zu den dunkelsten und verzweifeltsten gehört, die das abtrünnige Reich je durchlebte. Es ist der tragische Augenblick, da jener gewaltige Zeuge Gottes, der Prophet Elia, mit der erschütternden und nur zu begründeten Anklage gegen sein eigenes Volk vor den Herrn tritt: “Herr, sie haben Deine Propheten getötet und Deine Altäre ausgegraben.” Drei Jahre und sechs Monate verschlossener Himmel und dürre Zeit waren fruchtlos geblieben an dem verhärteten Geschlecht und seinem götzendienerischen Königspaar. Die göttliche Antwort durch Feuer vom Himmel auf dem Karmel und das entsetzliche Gericht an den Baalspriestern, das der Prophet selbst zu vollstrecken hatte, fanden ihr Echo in der mörderischen Botschaft Isebels: “Die Götter tun mir dies und das, wo ich nicht morgen um diese Zeit deiner Seele tue wie dieser Seelen einer.” Was war da noch zu hoffen? – “Ich bin allein übriggeblieben, und sie stehen mir nach dem Leben.” – “Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.”
Aber was sagt ihm die göttliche Antwort: “Ich habe mir lassen übrigbleiben siebentausend Mann, die ihre Knie nicht gebeugt haben vor dem Baal.” Das kann doch gegenüber der Anklage des Propheten und seiner Erwartung des hoffnungslosen nationalen Untergangs nur dies bedeuten: Elia, an den gänzlichen Untergang meines Volkes ist selbst unter den allerverzweifeltsten Umständen nicht zu denken. Wo das Auge des eifernden Propheten nichts als unaufhaltsames Verderben erblicken konnte, hatte Gott in Seiner eigenen verborgenen Weise dafür Sorge getragen, daß ein “heiliger Same”, ein “Überrest nach Wahl der Gnade” erhalten blieb.
“Also ist nun auch in der jetzigen Zeit”, sagt der Apostel, “ein Überrest nach Wahl der Gnade.” Die Anwendung, die Paulus aus jener Geschichte auf den vorliegenden — den allerkritischsten — Fall in Israels Geschichte macht, ist durchaus einleuchtend und einfach. Der abtrünnigen, götzendienerischen Volksmasse aus den Tagen Ahabs und Isebels entspricht die Nation der Gegenwart, die in unbegreiflicher Verblendung den Gesalbten Gottes verstieß, Ihn den Händen der Heiden überantwortete, daß sie Ihn zu Tode brächten, und sich auch fortwährend dem widersetzt, was Gott durch den Geist zu ihnen redete. Unter dem “Überrest nach Wahl der Gnade” können folgerichtig nur solche verstanden werden, die aus Israel, jenen siebentausend entsprechend, nicht mehr einstimmten in das Verdammungsurteil über den Heiligen Gottes, sondern im Glauben an den Gekreuzigten sich selbst verurteilten und sich retten ließen von ihren Sünden und der Gerechtigkeit Gottes untertan waren. Diese gläubigen Israeliten bildeten natürlich gegenüber der großen Masse des ungehorsamen Volkes eine ebenso geringe Minderheit, wie dort jene siebentausend.
Über die Bedeutung dieses heiligen Samens für die Durchführung der göttlichen Liebesabsicht mit dem ganzen Volk läßt uns der Apostel nicht im Zweifel. Er erblickt in der kleinen Schar christusgläubiger Juden seiner (und unserer) Tage, d. h. dieser gegenwärtigen Heilszeit (in der Israel als Volk unter schwerem göttlichem Verblendungs- und Verstockungsgericht schmachtet) die göttliche Gewähr dafür, daß die ursprünglichen Gottesgedanken mit dem Volk Seiner Wahl unverbrüchlich fortbestehen.
Das ist ein Gesichtspunkt, unter welchem die Völkerchristenheit nur zu selten auf die Gläubigen aus Israel geblickt hat. Während Paulus niemals von sich sagt: “Ich war ein Israelit”, sondern stets nur: “Ich bin ein Israelit”, hört man in der Christenheit und in jüdischen Missionskreisen nichts häufiger, wenn von Gläubigen aus der Beschneidung die Rede ist, als: N. N. war früher Israelit, oder ist ein “gewesener” Jude! Paulus hat das Verhältnis der Gläubigen aus Israel zu ihrem Volk anders aufgefaßt. Erblickte man in ihnen — wie Paulus es tat — die göttliche Garantie für den Fortbestand der jüdischen Nation als solcher, so würde man weder solche Ausdrücke wie “gewesene Juden” gebrauchen noch bedenkenlos der Entjudung in Sitte und Lebensart dieser gottgesetzten Träger und Bewahrer jüdischer Volkshoffnung zustimmen. Man würde vielmehr, wie es Paulus unzweifelhaft tat, in jedem Bekehrten aus Israel einen neuen und fortgesetzten Beweis für die Unverbrüchlichkeit der Treue Gottes gegen das Volk Seiner Wahl erblicken. Denn Judenbekehrung und nationale Hoffnung für Israel sind sich nicht gegenseitig fremd, schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern fordern und bedingen einander.
4. Israels nationale Verblendung, ein Gottesgericht
“Was nun? Was Israel sucht, das hat es nicht erlangt; aber die Auswahl hat es erlangt, die übrigen aber sind verstockt worden, wie geschrieben steht: Gott hat ihnen einen Geist der Schlafsuchtgegeben, Augen, um nicht zu sehen, und Ohren, um nicht zu hören, bis auf den heutigen Tag. Und David sagt: Es werde ihr Tisch ihnen zur Schlinge und zum Fallstrick und zum Anstoß und zur Vergeltung! Verfinstert seien ihre Augen, um nicht zu sehen, und ihren Rücken beuge allezeit!” (Verse 7-10).
Nach einem unverbrüchlichen Gesetz Gottes folgt der beharrlichen Weigerung, der Wahrheit zu gehorchen, das Unvermögen, diese nun zu erkennen, d. h. die Verstockung oder Verblendung. Wie schwer es dem Apostel geworden sein muß, das ergreifende Urteil über sein eigenes Volk niederzuschreiben: “Die übrigen aber sind verstockt worden”, mögen wir aus seinen Bekenntnissen ermessen. Er schreibt in Römer 9, 3: “Ich habe gewünscht, durch einen Fluch von Christo entfernt zu sein für meine Brüder, meine Verwandten nach dem Fleische.” Und Kapitel 10, 1: “Brüder! Das Wohlgefallen meines Herzens und mein Flehen für sie zu Gott ist zum Heil.” Aber die Inbrunst seiner Liebe zu seinen Brüdern hinderte ihn nicht, der ernsten, furchtbaren Wahrheit voll und fest ins Auge zu schauen: “Die übrigen sind verstockt worden.” Der Heilige Geist erlaubte diesem jüdischen Apostel keineswegs, an der gewaltigen Schärfe und Strenge dieses Gottesgerichts über sein geliebtes Volk einen Abstrich zu machen oder es zu bemänteln. Ein köstlicher Beleg für uns, daß wir es hier nicht mit Menschenwort, sondern mit wahrhaftigem Gotteswort zu tun haben. Nur Gottes Geist, nicht der menschliche, vermag es, angesichts solch schauriger Tiefen, der Seele die Ruhe und dem Auge die Klarheit ungetrübt zu bewahren. Nur Gottes Geist kann eine solch heilige Unparteilichkeit erzeugen in einem Judenherzen, das aus glühender Liebe zu seinem Volk sich wünschen konnte, durch einen Fluch von Christo entfernt zu sein (Röm. 9, 3). Hier wird es herrlich offenbar, daß wir in diesen Ausführungen nicht subjektive Empfindungen eines schwachen, leidenschaftlichen Menschen vor uns haben, nicht das eigene Geistesprodukt eines tiefen religiösen Denkers, sondern das wirkliche, heilige und unfehlbare Wort des wahrhaftigen Gottes.
So sieht es auch der Apostel selbst an, indem er spricht: “Wie geschrieben steht”, und wiederum: “David sagt.” Damit ist doch wieder deutlich gesagt, daß Israels Verstockungsgericht keineswegs unvorhergesehen, unerwartet oder gar zufällig eingetreten sei. Auch hierin wird nur die Schrift erfüllt, so wenig sich das wieder mit unseren Vorstellungen reimen will. Wem die prophetischen Schriften des Alten Testamentes noch göttliche Autorität haben, der kann einfach nicht umhin, er muß anerkennen, daß Israel tatsächlich in seiner geschichtlichen Stellungnahme zum Evangelium Gottes die Vorherverkündigung seiner eigenen Propheten erfüllt hat. Israel hat durch seinen Unglauben und seine Verwerfung des Heiles den kräftigsten Echtheitsstempel auf die Messianität des von ihm verworfenen Nazareners gedrückt. Nur der von Seinem eigenen Volk verschmähte kann nach der Schrift der wahre Messias sein. Israel trachtet sich selbst zu rechtfertigen und wird verstockt; aber eben damit rechtfertigt es Gott. Hat nun Gott nach allem, was Israel getan, dies Sein Volk verstoßen? Das sei ferne! Israels Verstockung, entsetzlich, erschütternd wie sie ist, bedeutet keineswegs seine endgültige Verwerfung. Vielmehr ist sie deutlich erwiesen als ein vorhergesehenes und verordnetes Glied in der Kette der göttlichen Wunderwege mit diesem Volk Seiner Wahl.
5. Aus Israels Fall der Nationen Heil
“Ich sage nun: Sind sie etwa gestrauchelt, auf daß sie fallen sollten? Das sei ferne! Sondern durch ihren Fall ist den Nationen das Heil geworden, um sie zur Eifersucht zu reizen” (Vers 11).
Sind sie etwa gestrauchelt, auf daß sie fallen sollten? Mit anderen Worten: Ist Israels Verstockung der zielbewußte Abschluß der Wege Gottes mit dem Volk Seiner Wahl? Sind wir — und ist Gott — damit beim letzten Kapitel israelitischer Volksgeschichte angekommen? Soll das gefallene Israel nach Gottes Absicht für alle Zeiten als erschütternde Warnungstafel dastehen, auf der nur heiliger Zorn und furchtbar ernstes Gericht zu lesen steht? Oder rühmt sich auch hier die Barmherzigkeit wider das Gericht? Allerdings. Und zwar in einer Weise, die unsere, der Heidenchristen, anbetende und staunende Liebe und Dankbarkeit herausfordert. Denn “durch ihren (Israels) Fall ist den Nationen das Heil geworden”, wie uns der Apostel erklärt.
Aus den prophetischen Schriften des Alten Testaments ergibt sich nun klar, daß in dem Ratschluß Gottes, wie er dort niedergelegt ist, allerdings eine Segnung und Erlösung der Nationen vorgesehen ist, aber stets nur vermittels eines vorher erlösten und gesegneten Israels, als des Erstgeborenen unter den Völkern (Ps. 67, 2.3; 87; 96; 102, 14-23; 117; Jes. 2, 2-4; 11, 1-10; 12, 1-4; 25, 6-8; 60, 3; Jer. 3, 17; 16, 19; Sach. 2, 10.11; 8, 20-23). Alle diese und noch viele andere prophetische Bilder einer begnadigten und erlösten Völkerwelt auf Erden haben zu ihrer Voraussetzung ausnahmslos ein vorher begnadigtes und errettetes Israel, das nun gemäß seiner ursprünglichen Berufung das Heil an die Nationen vermittelt. Das war auch die durchaus berechtigte Anschauung der Apostel und ersten Gläubigen aus Israel. Daraus floß die für sie selbstverständliche, aber irrige Meinung, es führe für die Gläubigen aus den Heiden der Weg zum Gottesheil und Gottesreich nur durch die Pforte der Beschneidung. Aus diesem Grunde bedurfte es bei Petrus einer neuen, zusätzlichen Offenbarung vom Himmel her, um ihn zu bewegen, mit dem Evangelium zu dem ersten Heiden (Kornelius) zu gehen, ohne daß Israel als Volk das Heil ergriffen hatte.
Während also das gesamte prophetische Wort Alten Testamentes übereinstimmend der Völker Heil aus der Bekehrung Israels ableitet, führt uns Paulus einen durchaus neuen, den Propheten Israels völlig verborgen gebliebenen Gedanken Gottes vor: Aus Israels Fall der Nationen Heil! Heben diese beiden Gedanken einander auf? Keineswegs. Ist der neue bloß ein Ersatz für den alten? Auch das nicht. Wir werden es im Verlauf unseres Kapitels Römer elf bald deutlich aus dem Munde unseres Apostels hören, daß an eine Aufhebung oder Annullierung jenes den Propheten enthüllten Gottesplanes für die Völkerwelt durch ein gesegnetes und segnendes Israel nicht zu denken sei. Das im Alten Testament entwickelte Gottesprogramm bleibt unangetastet zu Recht bestehen. Denn es muß alles erfüllt werden, was Gott geredet hat durch den Mund Seiner heiligen Propheten von alters her.
Wir können uns wohl vorstellen, wie schwer es den Gläubigen aus der Beschneidung geworden sein muß, an eine zeitweise Außerkraftsetzung jenes durchaus biblisch begründeten Prinzips:
”durch Israels Bekehrung der Nationen Heil”
zu glauben und sich diesem neuen, paulinischen Grundsatz:
”aus Israels Fall der Nationen Heil”
ohne weiteres zu fügen. Kehrt doch in der heutigen Christenheit dieselbe Erscheinung wieder. Geschichte wiederholt sich, denn Menschen bleiben Menschen. Man macht für Israel heute nachdrücklich den Grundsatz geltend: Extra ecclesiam nulla salus! (Außerhalb der Gemeinde, bzw. Kirche, kein Heil!) Der einzige Weg zur Teilnahme am Heil führe durch die — Kirche!
Wieviel Licht aber fällt auf das ganze apostolische Zeitalter aus einer vorurteilsfreien Erwägung dieser beiden einander scheinbar (aber auch nur scheinbar!) widersprechenden Grundzüge des göttlichen Waltens mit Israel. Wie natürlich und harmonisch erscheint es dann, daß die Gläubiggewordenen aus der Beschneidung treulich einstanden für das “heilige, gute und vollkommene Gesetz”, ohne dadurch der Glaubensgerechtigkeit verlustig zu gehen. Und wie selbstverständlich und großartig der paulinische Grundsatz: Wo ihr euch beschneiden laßt, nützt euch Christus nichts! Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe. War die Beibehaltung der Beschneidung bei den gläubigen Juden ein Zeugnis des Glaubens an die Treue Gottes gegenüber Israel, so war derselbe Akt für die Gläubigen aus den Heiden eine direkte Verleugnung des neuen, wundervollen Offenbarungsbodens, auf dem sie standen: “Aus Israels Fall den Heiden das Heil.” Viel törichtes Reden und Schreiben über den unversöhnlichen Konflikt zwischen Paulus einerseits und Petrus und Jakobus andererseits hätte man sich in der Theologie ersparen können, wenn man in aller Einfalt daran festgehalten hätte, daß es sowohl mit der einen wie mit der anderen Richtung volle biblische Richtigkeit hatte.
Wie fern aber dem Herzen Gottes der Gedanke an eine endgültige und gänzliche Verwerfung Israels liegt, geht auch hier wieder aus den Worten hervor: “… um sie (die Juden) zur Eifersucht zu reizen.” Demnach hat Gott selbst für die gegenwärtige Heilszeit, wo der Satz gilt: “Aus Israels Fall der Heiden Heil”, doch daneben noch Gedanken des Friedens und des Heils mit dem gefallenen Volk der Wahl. Denn der Ausdruck “zur Eifersucht reizen” wird Vers 14 dahingehend erklärt, daß es dabei auf Errettung abgesehen sei.
Wohl hatte Gott — um nach Menschenweise zu reden — allen Anlaß zu der Erwartung, daß Sein auserwähltes Volk Israel nicht scheel sehen werde auf die Hulderweisungen Gottes an die Heiden, die bis dahin Fremde und Ferne gewesen waren, mochten diese Gnadenerweisungen auch ganz unvorhergesehen und unerwartet gekommen sein. Israel hätte um so demütiger und dankbarer diese unbegreifliche Gnade seines Gottes suchen und preisen dürfen. Nicht weniger Grund aber lag vor zu der Annahme, daß die so wunderbar hoch begnadete Völkerwelt in solch brünstiger Liebe und Dankbarkeit, mit solch priesterlichem, herzlichem Erbarmen sich des gefallenen und verblendeten Volkes Israel annehmen würde, daß es diesem geradezu unmöglich sein werde, sich solchen Erweisungen herzlicher Liebe durch die Gläubigen aus den Heiden länger zu verschließen. Wie aber hat sich denn in Wirklichkeit die durch Israels Fall von Gott so gnadenvoll heimgesuchte Völkerchristenheit zu Israel gestellt? Wenn als Antwort darauf die Erlebnisse, Erfahrungen und Geschicke Israels unter den christianisierten Nationen Europas dienen müssen — und das werden sie gewiß —, dann stehen wir vor einer niederschmetternden Anschuldigung eben dieser Christenheit. Denn die weitaus meisten Kapitel der Geschichte Israels unter diesen Völkern sind mit Blut und Tränen geschrieben.
Soviel geht aus der Geschichte der hinter uns liegenden Jahrhunderte hervor, daß es zu einem wirklichen Nacheifern (hinsichtlich des Heils und der Erkenntnis Gottes) bei dem unter den Christenvölkern wohnenden Judenvolk nur in vereinzelten Fällen und sehr beschränktem Umfang gekommen ist. An diesem Fehlschlag, den von Paulus hier ausgesprochenen Gedanken Gottes auszuführen, d. h. tatsächlich die Juden zum Nacheifern anzureizen im Erkennen und Erfassen des Heils, trägt Israel weder die einzige noch die größere Schuld. Diese liegt ohne Zweifel da, wo das hellere Licht, die größere Erkenntnis war, — bei der Christenheit. Das Abbild Christi, wie es Israel aus dem Leben und Handeln der sie umgebenden Völker entgegentreten sollte, ist zumeist ein sehr dunkles und unklares, ja sogar in vielen Fällen ein teuflisch verzerrtes gewesen. Es ist natürlich sehr bequem und einfach, sich und andern vorzusagen: Ach, die Juden haben Gelegenheit genug, das Evangelium zu hören, wenn sie nur wollen. Aber damit werden wir dennoch die furchtbare Anklage nicht zum Schweigen bringen können, die sich wider eine liebeleere Christenheit erheben muß, die dem Juden alles am Christentum gezeigt hat, — nur das größte nicht, die Liebe.
6. Wieviel mehr ihre Vollzahl!
“Wenn aber ihr Fall der Reichtum der Welt ist und ihr Verlust der Reichtum der Nationen, wie viel mehr ihre Vollzahl!” (Vers 12).
Es wäre Israels herrliche und große Aufgabe gewesen, Salz der Erde und Licht der Nationen, die im Finstern saßen, zu sein. Sie aber weigerten sich. Sie stießen den Fürsten des Lebens, das Licht der Welt von sich. Sie liebten die Finsternis mehr denn das Licht. Daher ihr Fall und ihre Verminderung. Denn nur in einem geringen Bruchteil, einer Auswahl, einem Überrest, kam Gott zu Seinem Recht. Die übrigen sind der Verstockung preisgegeben. Und das Volk, dem eine Mehrung an Wachstum und Zahl wie der Sand am Meer und die Sterne des Himmels zugesagt war, wurde einer fortgesetzten Minderung anheimgegeben. Zur Ausübung seines nationalen Missionsberufs an der Völkerwelt ist Israel bis auf den heutigen Tag nicht gekommen.
Aber dadurch sind Gottes Heilsgedanken mit der Völkerwelt dennoch nicht vereitelt worden. Denn nun ging das Evangelium, nach Gottes souveräner Verfügung, über Israels Fall und Jerusalems Trümmer hinweg direkt zu den Nationen. Der ganze überschwengliche Reichtum der Gnade und Erkenntnis Gottes in Christo wurde unverkürzt unter die Völker gebracht. Man braucht nur etwa die Briefe an die Epheser und Kolosser aufmerksam durchzulesen und sich dabei zu vergegenwärtigen, daß solche Kundgebung göttlicher Weisheit, Barmherzigkeit, Liebe und Herrlichkeit nicht an das Volk der Wahl ergeht, sondern an Fremde und Ferne, die nicht den geringsten Rechtsanspruch aufgrund irgendwelchen Verheißungen oder Bundesbeziehungen hatten, — und man wird überwältigt von der Breite und Länge, Tiefe und Höhe solcher Gotteserweisungen.
Daß allerdings ein großer, wohl gar der größte Teil der heutigen Namenchristenheit nur “dummes Salz” ist, und daß solch ein bloßes Mode- und Gewohnheitschristentum von den Leuten unter die Füße getreten wird, darf uns nicht wundern. Der Meister hat es nicht anders vorhergesagt. Es wird aber dennoch ein schreckliches Erkennen sein für die glaubenslose gottfeindliche Welt, wenn das Gericht einst anfangen wird am Hause Gottes, wenn die erste Scheidung und Sichtung sich gerade auf diesem Boden vollzieht und die wahre, geistgezeugte, lebendige Gemeinde Jesu Christi eines Tages aus dieser Welt hinweggenommen und ihrem verklärten Herrn und Haupt auf Wolken in die Luft entgegengerückt werden wird, wie einst Henoch (1. Thess. 4, 17). Dann wird des Verderbens Strom, bisher durch die salzende Gegenwart der Gemeinde zurückgehalten, schrankenlos wild schäumend alles dahinreißen.
Aber auch in solcher Krisis und Katastrophe wird Gottes Liebesrat mit der Völkerwelt nicht erschöpft und zum Abschluß gekommen sein. Denn Paulus fährt fort: “… wieviel mehr ihre Vollzahl!” Nach dem ganzen inneren und äußeren Zusammenhang können diese Worte nur den Sinn haben: Wenn schon Israels Fall und Verlust soviel Reichtum für die Völkerwelt bedeutete, wieviel mehr Reichtum wird der Welt und den Völkern dann erstehen aus Israels Vollzahl! Israels Vollzahl aber steht in einem sehr bestimmten Gegensatz zu der kleinen Auswahl der Gnade, die in dieser Heilszeit allein die göttlichen Heilsgedanken verwirklicht. Die Vollzahl kann unmöglich in der gleichen göttlichen Haushaltung zur Verwendung kommen, in welcher das Volk Israel seiner Vollzahl nach unter Verstockungsgericht schmachtet und warten muß, bis Gott aus ihrem Fall der Heiden Heil ausgewirkt hat. Es wollen uns also diese Worte von Israels Vollzahl gewiß hinüberweisen in ein noch zukünftiges Zeitalter, in dem Gottes Gedanken mit Israel sich nach einem ganz anderen Maßstab entfalten werden, als das in der Gegenwart der Fall sein kann, da Gott, was Israel anbetrifft, sich nur eines “Überrestes” bedient.
7. “Mit euch Heiden rede ich”
“Denn ich sage euch, den Nationen: Insofern ich nun der Nationen Apostel bin, ehre ich meinen Dienst, ob ich auf irgendeine Weise sie, die mein Fleisch sind, zur Eifersucht reizen und etliche aus ihnen erretten möge” (Verse 13.14).
In diesen Worten wird offenbar, daß sich Paulus keineswegs hochfliegenden Gedanken und Hoffnungen hingegeben hat in bezug auf eine Bekehrung seines ganzen Volkes durch die Predigt des Evangeliums. Ein Beweis seiner Nüchternheit und klaren Einsicht in den göttlichen Plan der Zeitalter. Er war sich deutlich dessen bewußt, daß ein nationales Verblendungsgericht für die gegenwärtige Zeit zu Recht bestehe, und daß deshalb zur gleichen Zeit nicht an eine nationale Umkehr und Wiedergeburt zu denken sei. Bevor Paulus zum Apostel der Nationen berufen wurde, ehe Israel spruchreif geworden war zum Gericht, als das Wort noch in Jerusalem von den Zwölfen allein zu den Juden verkündet wurde, da war es noch eine offene Frage, lag die sittliche Möglichkeit noch vor, daß Israel als Nation durch Buße und Heilsannahme auf die Gedanken Gottes eingegangen wäre und die baldige Aufrichtung des messianischen Reiches dadurch ermöglicht hätte. Diese Möglichkeit war jetzt abgeschnitten. Israel als Volk wird von Gott aufs Nebengleis geschoben und außer Aktion gesetzt, — so lange bis das Geheimnis des Leibes Christi vollendet sein wird.
In weiten Kreisen könnte man von dem Apostel noch viel lernen an nüchterner Betrachtung der planmäßigen göttlichen Ordnung der Zeitalter. Wieviel Verwirrung und Unklarheit herrscht doch auf diesem Gebiet in der evangelischen Christenheit, auch unter den eifrigsten Missionsfreunden und Arbeitern! Warum macht man sich nicht in aller Nüchternheit klar, daß dasselbe Zeitalter, dieselbe Heilsökonomie, unmöglich zugleich der Zubereitung der Gemeinde Jesu Christi dienen kann — einer aus der gottfeindlichen Welt herausgeretteten Körperschaft, deren Reife und Vollendung aber den Fortbestand der Weltfeindschaft und des Finsternisreiches zur Voraussetzung hat — und auch der Bekehrung eben dieser gottfeindlichen Welt und der Beseitigung der Obrigkeit der Finsternis? Man hat doch sonst so viel geschichtliches Interesse. Warum denn lernt man nicht mehr aus der Geschichte der verflossenen Jahrhunderte? In ihnen sind noch nie, selbst unter den denkbar günstigsten Verhältnissen, ganze Volkskörper, nicht einmal ganze Städte oder kleinere Orte als solche unter den Gehorsam des Glaubens gekommen. Auch die geistesmächtigste Predigt hat bisher stets nur “etliche”, niemals Gesamtheiten zum Ergreifen des Heiles in Christo geführt.
8. Israels Annahme = Leben aus den Toten
“Wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird ihre Annahme anders sein als Leben aus den Toten?” (Vers 15).
Der hier ausgesprochene Gedanke ist ein so großartiger und überragender, daß wir uns mit Fug und Recht in der Schrift nach erläuternden und bestätigenden Ausführungen umsehen. Wenn Paulus im gleichen Kapitel in Vers 11 bezeugt, daß aus Israels Fall den Nationen das Heil erwachsen sei, dann ist das ein ganz neuer, in früheren Zeiten nicht geoffenbarter Gesichtspunkt. Hier ist das anders. In diesem einen Wort “Leben aus den Toten” gibt uns der Apostel Paulus durch den Heiligen Geist gewissermaßen die Quintessenz aller großen Gottesgedanken mit Israel. Eine eingehende Prüfung der Wege Jehovas mit diesem Wundervolk ergibt in unwiderleglicher Weise, daß ein solches Grundgesetz vorhanden und in Israels Entstehung und ganzer Geschichte durchgeführt worden ist. Nach demselben Gesetz wird sich, nach dem festen, prophetischen Wort, auch seine Zukunft ausgestalten.
Fassen wir zunächst Israels natürliche Herkunft und seine Entstehung als Volk ins Auge. Jene ist hergeleitet von Abraham, durch Isaak und Jakob. Gleich bei der Geburt Isaaks begegnen wir schon dem vorliegenden göttlichen Grundgedanken: Leben aus den Toten. Abrams ungeduldige und Gott vorgreifende Abmachung mit der ägyptischen Magd Hagar (auf Sarais eigenen Vorschlag) hatte zu ihrem Ergebnis die Geburt Ismaels, von welchem der Engel seiner Mutter sagte: Er wird ein wilder Mensch sein; seine Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn. Doch sein Vater glaubte, in ihm wirklich den verheißenen Erben zu haben. Abram war 86 Jahre alt, als ihm Hagar den Ismael gebar. Nun folgt ein dreizehnjähriges Schweigen und Warten Gottes gegenüber Abram, während sein Ismael zu einem “Spötter” heranwächst. Aber selbst noch, als der Herr seinen und seines Weibes Namen in bedeutsamer und prophetischer Weise umwandelt und mit ihm den Bund der Beschneidung aufrichtet, tritt Abraham vor den Herrn und spricht: “Ach, daß Ismael vor Dir leben möge!” (1. Mose 17). Da aber kam das Wort des Herrn: “Sarah, dein Weib, soll dir einen Sohn gebären, den sollst du Isaak (d. h. Lachen) heißen; denn mit ihm will ich meinen ewigen Bund aufrichten und mit seinem Samen nach ihm.” Den Schlüssel zum richtigen Verständnis dieser Begebenheit und des darin zum Ausdruck kommenden göttlichen Grundgesetzes gibt uns das Neue Testament an zwei Stellen. Zuerst schreibt Paulus darüber an die Römer: “Und nicht schwach im Glauben, sah er (Abraham) an seinen eigenen, schon erstorbenen Leib, da er fast hundert Jahre alt war, und das Absterben des Mutterleibes der Sarah” (Röm. 4, 19). Hier liegt zwar der Hauptnachdruck auf dem festen, unbedingten Glauben Abrahams. Es ist aber ebenso deutlich die Rede von dem Erstorbensein beider Eltern des Erben der Verheißung. Es ist unverkennbar, daß Gott Abraham und Sarah nur deshalb so lange warten ließ, damit gesagt werden könne: beider Leiber waren erstorben, und damit unwidersprechlich dastünde: Isaaks Geburt bedeutet nichts anderes als “Leben aus Toten” und zugleich Gottes “Lachen” gegenüber aller menschlichen, natürlichen Hoffnungslosigkeit. Dasselbe bestätigt auch Hebräer 11, 12. Unsere Berechtigung, der Geburt Isaaks diese Bedeutung zu geben, ist durch diese Schriftworte genügend bewiesen.
Auch Isaak selber muß noch ein “Lebendiger aus Toten” werden. Dies geschieht durch seine Opferung. Darin erreicht auf der einen Seite der Glaube seines Vaters Abraham seinen Höhepunkt. Zugleich aber stehen wir Auge in Auge dem großartigsten alttestamentlichen Vorbild der größten Gottestat gegenüber, der Hingabe des eingeborenen Sohnes, des Erben der Verheißungen der Väter. Drei Tage lang ist Isaak für seinen schwer geprüften, aber in der Prüfung sich bewährenden Vater schon so gut wie geopfert, wie ein Toter. In seinem Herzen ist der Liebling dahingegeben, — geschlachtet. Selbst die Hand versagt dem glaubensstarken Manne nicht. Sie zückt schon das tödliche Messer — da gebietet Gott selbst Einhalt (1. Mose 22). Was ist das Geheimnis eines solchen todverachtenden, todbesiegenden Glaubens? Der Hebräerbrief sagt es uns in Kapitel 11, 19: “… er urteilte, daß Gott auch aus den Toten zu erwecken vermöge, von woher er ihn auch im Gleichnis empfing.”
Da ist es also klar ausgesagt: Es war die Hoffnung auf den Gott, der die Toten lebendig machen könne, die Abraham bei der Opferung seines Eingeborenen beseelte. Ein wunderbar klares Abbild des festen, ewigen Vorsatzes im Herzen des ewigen Vaters, Sein Kind Jesum nicht im Hades zu lassen, sondern Ihn aus den Toten zu erwecken am dritten Tage. Was kann Gott anders hiermit bezweckt haben, als dem Vater aller Gläubigen gerade diese Fundamentalwahrheit recht greifbar und lebhaft zu veranschaulichen, weil doch aller weltüberwindende und sieghafte Glaube auf keinem anderen Grunde ruhen kann als auf dem Auferstehungsgrunde: Leben aus den Toten. Wie geschrieben steht: “Wenn aber Christus nicht auferweckt ist, so ist unsre Predigt vergeblich, aber auch euer Glaube vergeblich” (1. Kor. 15, 14).
Somit ist auf das bestimmteste, in Wort und Tat, erhärtet, daß dieser Isaak, der zweite in der Reihe der drei großen Stammväter des Volkes Israel, die vorbildliche Verkörperung und das erläuternde Beispiel des großen, grundlegenden Gottesgedankens mit dem Volk Seiner Wahl ist, nämlich: Leben aus den Toten.
Wir wenden uns nun zu der ferneren Geschichte der natürlichen Söhne und Nachkommen Jakobs, des Sohnes Isaaks, und forschen, ob bei der Bildung und Führung der von ihnen abstammenden Nation derselbe Grundsatz: Leben aus den Toten, auch in unzweideutiger Weise zur Anwendung gekommen sei. Und wir finden es nicht anders. Es ist dies unverkennbar der Stempel, den der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs gleich von Anfang an auf das natürliche Israel der 12 Stämme geprägt hat. Denn was hatte es doch für eine Bewandtnis mit der Geburt der israelitischen Nation, nach der Schrift?
Die Söhne Jakobs waren in Ägypten nach dem Tode Josephs zu einem großen Volke herangewachsen, also daß den Ägyptern vor ihnen bange ward. Aber je mehr man sie drückte, um so mehr breiteten sie sich aus. Furchtbar lastete die antisemitische Bedrückung auf ihnen. Da sandte ihnen Gott einen Retter und Fürsten, ein Vorbild dessen, der in der Zukunft kommen sollte. Mit großer Geduld trug Gott den Pharao, das Gefäß des Zornes, der glaubte, dieses Gottes der Hebräer spotten zu dürfen. Deutlich mußte Mose ihn warnen: “Mein Sohn, mein erstgeborener, ist Israel; und ich sage dir: Laß meinen Sohn ziehen, daß er mir diene! Und weigerst du dich, ihn ziehen zu lassen, siehe, so werde ich deinen Sohn, deinen erstgeborenen, töten” (2. Mose 4, 22.23). Aber er verachtete das — ein nur zu treffendes Vorbild antisemitischer Nationen späterer Tage, die trotz der offenen Bibel in ihren Händen glaubten, der Drohungen des Gottes Israels spotten zu können. Endlich kam das angedrohte entsetzliche Zorngericht über die ägyptische Erstgeburt. In der einen, schrecklichen Nacht erwürgte der Engel des Herrn alle Erstgeborenen in ganz Ägyptenland, von dem ersten Sohne Pharaos an, der auf seinem Stuhl saß, bis auf den ersten Sohn des Gefangenen im Gefängnis, und alle Erstgeburt des Viehs. Es war kein Haus, darinnen nicht ein Toter war (2. Mose 11 und 12).
Und in Israel, in den Hütten der elenden hebräischen Sklaven? Da erfüllte sich herrlich das gnädige Wort des Herrn, daß Er Sein Volk verschonen werde (2. Mose 11, 7). Alle Erstgeburt Ägyptens im Tode erstarrt. Israels Erstgeborene alle lebendig erhalten. War das nicht wieder: Leben aus Toten?
Fragen wir weiter, wie es doch zuging, daß Israels Erstgeburt nicht gleicherweise dem rächenden Schwert des Würgeengels anheimfiel. Da kommen wir wieder dem gleichen Grundsatz auf die Spur, der für alles Heilswalten Gottes in der Menschheit durchschlagend und maßgebend ist. Auf Moses Geheiß war wenige Stunden vor jener für Ägypten so entsetzlichen Mitternacht von einem jeglichen Häuflein in ganz Israel das fehllose, männliche, einjährige Lamm geschlachtet worden, und jeder jüdische Hausvater hatte gläubig sein Blut mit dem Büschel Ysop an die Türschwelle und die Pfosten gestrichen. So stand an jeder Hütte in Israel zu lesen: Wir suchen Deckung, Heil und Leben nur im Blut des unschuldigen, erwürgten Lammes. Also erstand für alle Erstgeborenen Israels das Leben aus dem Tode des erwürgten Lammes. Somit steht Israel als Gottes erstgeborener Sohn unter den Völkern vor uns mit dem deutlichen Gepräge, das ihm bei seiner Geburt als Volk in jener Nacht aufgedrückt wurde: Leben aus den Toten.
Wollte man hier einwenden, daß das wohl für die Erstgeborenen zutreffe, aber doch nicht dem ganzen Volke zugeschrieben werden könne, so setzen wir unser Forschen fort. Und wir finden, daß auch an dem Volksganzen dasselbe Prinzip im großen Stil angewandt wird. Das ganze Israel, Männer, Weiber, Kinder, Vieh und ein großer Troß, ziehen bis auf die letzte Klaue aus Ägypten, aus dem Diensthause, alles in Kraft des geschlachteten Opferlammes. Dieser ganze Haufe wird wie auf Adlersflügeln, mit unendlicher Geduld, unter lauter Beweisen göttlicher Huld und Gnade, durch die Wüste zum Sinai getragen und geleitet. Das war die köstliche Brautzeit in dem Verhältnis Gottes zu dem Volke Seiner Wahl, — sie standen nicht unter Gesetz, sondern unter der Gnade. So waren sie von Sukkoth nach Ethan, vorn an der Wüste, gekommen, da erging ein seltsamer Befehl von Jehova an Mose, mit dem ganzen Heer herumzulenken stracks gegen das Rote Meer hin und sich dort zu lagern. Für die bloße Vernunft war das unbegreifliche, verhängnisvolle Torheit. Den Ägyptern gab es Anlaß zu meinen, die Wüste habe jetzt ihre ehemaligen Sklaven umschlossen, sie seien unfehlbar wieder in ihre Hände gegeben. Gerade das hatte Gott beabsichtigt, der an Pharao und aller seiner Macht Seine Ehre erweisen wollte. Israel, das damals so wenig wie heute seines Gottes Wunderwege mit sich erkannte, schrie, als es die Ägypter hinter sich gewahrte, verzweifelt zu Jehova. Der Herr aber sprach zu Mose: Sage den Kindern Israel, daß sie ziehen! Und zwar gerade vor sich hin, hinein in das Rote Meer. In derselben Nacht aber ließ Gott einen starken Wind wehen, der die Wasser des Meeres spaltete, so daß sie zu beiden Seiten standen wie die Mauern. So zog Israel trockenen Fußes mitten durch die Tiefe des Meeres (2. Mose 14). Was war das anders, das sich so vor ihnen auftat, als ein großes Grab, in welches der Herr Sein ganzes Volk hinabsteigen ließ, und deckte sie zu mit der Wolke Seiner Gegenwart, — nur um sie am andern Ufer lebendig aus den Toten hervorgehen zu lassen? Das ist wenigstens die geistliche Anwendung, die Paulus von dieser wunderbaren Begebenheit macht (1. Kor. 10, 1), da er sie symbolisch deutet als ein Getauft-, d. h. Begrabenwerden. Es kann für einen einfältigen Bibelgläubigen durchaus keinem Zweifel unterliegen, daß der Herr auch noch andere Mittel und Wege zur Verfügung hatte, um Sein Volk in jener Nacht aus den Händen der Ägypter zu erretten. Aber die Art und Weise, auf welche Gott etwas tut, hat stets ihre Bedeutung. Da waltet nirgends Zufall oder Willkür. So hätten die Israeliten ohne Zweifel, wenn es dem Herrn so gefallen hätte, auf Sein Geheiß getrost und sicher oben über den Spiegel des Roten Meeres wandeln können. Das tat Jesus zu Seiner Zeit, und Petrus tat es ebenfalls auf Sein Wort. Gott aber wählte nicht ohne Absicht gerade diese eigenartige Methode der Errettung, durch die in der alleranschaulichsten Weise Seinem Volke und uns vor Augen gestellt wurde, daß es sich hier um Todes- und Auferstehungswahrheit handelte. So sehen wir, wie ganz Israel, in gleicher Weise wie seine Erstgeborenen, den kennzeichnenden Stempel erhalten hat: Leben aus den Toten. Denn am nächsten Morgen lag das Ufer des Roten Meeres voll von Leichnamen der Ägypter, während Gottes Volk auf den Höhen vorbildlicher Auferstehung singen durfte.
Wir verfolgen die Geschicke dieses Volkes noch ein wenig weiter und kommen an die Zeit, da Aarons Priestertum in Israel angefochten, aber dann vom Herrn selbst in wunderbarer Weise aufgerichtet und bestätigt wird. Wir finden zweierlei Priestertum im Worte Gottes. Ein himmlisches, höheres, unvergängliches, das Priestertum Melchisedeks, d. h. des Messias und Seiner himmlischen Gemeinde. Daneben besteht ein irdisches, geringeres und wandelbares, das Priestertum des Hauses Aaron, d. h. das Priestertum des Erstgeborenen auf Erden. Dem Stamme Levi wurde ja der Dienst am Heiligtum anvertraut anstelle aller erstgeborenen Söhne Israels aus den zwölf Stämmen (4. Mose 3, 12.13.41). Nun geschah es, daß sich im Volke selbst Widerspruch erhob gegen dieses göttliche Verfahren. Man sagte: Die ganze Gemeinde, sie allesamt sind heilig, und Jehova ist in ihrer Mitte (4. Mose 16, 3). Die göttliche Entscheidung geschah zunächst durch ein erschütterndes, furchtbar ernstes Strafgericht. Feuer fraß die Frevelnden, und die rebellische Rotte Dathans und Abirams samt ihren Weibern und Kindern fuhr lebendig hinab in den Scheol (Totenreich), und die Erde bedeckte sie. Sie kamen um aus der Mitte der Versammlung. So wurde auch in dieser Sache die Entscheidung gefällt gemäß dem göttlichen Verfahren, wie wir es bisher schon mehrfach als wirksam erkannt haben.
Deutlicher aber noch tritt der Grundsatz “Leben aus den Toten” zutage, da nun Jehova, nachdem Er gerichtet, den Befehl ergehen läßt, daß Mose Stäbe fordere von allen Fürsten der Kinder Israel nach ihren Vaterhäusern, zwölf Stäbe; und der Name eines jeden Stammes solle auf seinen Stab geschrieben werden, der Name Aarons auf Levis Stab. So beschrieben legte dann Mose die zwölf Stäbe vor Jehova nieder in der Hütte des Zeugnisses. Und als er des andern Tages in das Zelt ging, siehe, da hatte der Stab Aarons, der abends zuvor ebenso dürre und erstorben war wie alle andern, Leben geoffenbart. Er hatte Sprossen getrieben, geblüht und reife Mandeln erzeugt in einer einzigen Nacht. Eine herrliche Probe dessen, was der Allmächtige, der Gott Israels, an einem toten, dürren Stecken zu vollbringen vermag, wenn es gilt. Das war wieder einmal unverkennbar deutlich: Leben aus den Toten.
Nun steht aber Aarons Priestertum, wie wir sahen, für das aller erstgeborenen Söhne Israels. Israel aber ist Gottes erstgeborener Sohn unter den Nationen. Dem Erstgeborenen aber gebührt und gehört das Priestertum. Bis auf diesen Tag aber hat dieses Volk sein Priesteramt unter den Nationen noch nicht antreten können. So liegt hier wieder in dem göttlichen Wunderwalten mit Aarons verdorrtem Stabe der prophetische Hinweis auf die Zeit, wann Israel, als aus den Toten lebendig gemacht, blühen, wurzeln und knospen und den Kreis der Erde mit Früchten erfüllen wird, d. h. wann es endlich sein priesterliches Amt versehen wird zum Segen der Völker der Erde (Jes. 27, 6; 37, 31).
Hiermit ist aber die Reihe der prophetischen Schattenbilder, in welchen sich dieser Grundzug des göttlichen Wunderwaltens mit Israel ausprägt, noch nicht erschöpft. Da ist noch Jona, der Prophet Gottes wider Willen. Selbst in Israel hat sich die Erkenntnis teilweise Bahn gebrochen, daß in dem Sohne Amittais ein Abbild zu erblicken sei seines Volkes, wie es die ihm von Gott zugedachte Mission ablehnt, um dann doch schließlich, vom Herrn gerichtet, den Namen des lebendigen Gottes den Heiden zu bezeugen. Nun läßt aber die Anwendung, welche der Herr Jesus von dieser merkwürdigen Erfahrung des Jona macht, ohne Zweifel erkennen, daß auch in dieser Geschichte ein Stück Auferstehungswahrheit niedergelegt ist. “Denn gleichwie Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauche des großen Fisches war, also wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte in dem Herzen der Erde sein” (Matth. 12, 40). Betet doch auch Jona selbst aus dem Bauch des Fisches: “… ich schrie aus dem Schoße des Scheol (Totenreiches), Du hörtest meine Stimme … der Erde Riegel waren hinter mir auf ewig. Da führtest Du mein Leben aus der Grube herauf, Jehova, mein Gott” (Jona 2, 3.7). Und als der Fisch den Propheten wieder ans Land gespieen, da geschah das Wort des Herrn zum andernmal an den auf solche Weise von den Toten wieder lebendig Gewordenen. Und da er nun als ein Auferstandener (im Schattenbild) hinging, um Ninive Buße zu predigen, da kehrte sich Ninive von seiner Gottlosigkeit zu dem Herrn und tat Buße in Sacktuch und Asche, vom Größten bis zum Geringsten.
Hat es nun seine Richtigkeit mit der vorbildlichen Bedeutung des Jona für sein Volk Israel — woran wir nicht zweifeln —, dann haben wir hier nochmals in großen, prophetischen Umrissen die scheinbar hoffnungslose Verwerfung des Volkes einerseits, andererseits aber auch sein Wiedererstehen aus den Toten und die großartige, überwältigende Wirkung seiner Predigt an die Nationen, wenn es auf das Wort des Herrn zum andernmal seinen Missionsauftrag ausfahren wird.
Schließlich und zusammenfassend weisen wir noch hin auf Hesekiels Gesicht von den verdorrten Gebeinen des ganzen Hauses Israel (Kap. 37). Die aus dem Munde des Herrn selbst stammende, dem Propheten freiwillig gegebene Erklärung: “Menschensohn, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel” (V. 11) enthebt uns der Mühe, uns irgendwo sonst nach einer zutreffenden Deutung dieses Gesichtes umzusehen. Sie räumt vollständig auf mit allen Versuchen, hier etwa die toten Heidenvölker oder die erstorbene Christenheit hineinzulesen. Womit wir keineswegs so verstanden sein wollen, als hielten wir eine praktische Anwendung dieses Gesichts auf die Heiden oder die dürre Namenchristenheit für unpassend. Aber Anwendung ist nicht Auslegung.
Wir fragen nun: Kann man sich ein Bild denken, unter welchem deutlicher und treffender der für alles menschliche Denken, Können und Vorstellen durchaus hoffnungslose Zustand des ganzen Hauses Israel dargestellt werden könnte, als es hier mit den verdorrten, zersprengten Gebeinen geschieht? Und wiederum: Kann es großartiger und gewaltiger ausgedrückt werden, daß Gottes schließliche Liebesabsichten mit dem ganzen Hause Israel die sind, an ihnen im großen Stil, im nationalen Umfang, jenes einzigartige göttliche Heilsprinzip “Leben aus den Toten” zur Durchführung und Darstellung zu bringen, als es in den Worten gesagt ist: “Ihr verdorrten Gebeine, hört das Wort Jehovas! So spricht der Herr, Jehova, zu diesen Gebeinen: Siehe, ich bringe Odem in euch, daß ihr lebendig werdet. Und ich werde Sehnen über euch legen und Fleisch über euch wachsen lassen und euch mit Haut überziehen, und ich werde Odem in euch legen, daß ihr lebendig werdet. Und ihr werdet wissen, daß ich Jehova bin” (V. 4-6). Und weiter: “So spricht der Herr, Jehova: Siehe, ich werde eure Gräber öffnen und euch aus euren Gräbern heraufkommen lassen, mein Volk, und euch in das Land Israel bringen. Und ihr werdet wissen, daß ich Jehova bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch aus euren Gräbern heraufkommen lasse, mein Volk” (V. 12).
Inwiefern ist nun — im Rückblick auf unsere bisherigen Ausführungen — Israels zukünftige Annahme als Leben aus den Toten zu denken? Es ist unverkennbar, daß jenes göttliche Prinzip in mannigfaltiger Weise zum Ausdruck gekommen ist. Es gleicht einem Thema mit köstlichen Variationen. Als es sich um die Geburt des Isaak handelte, bedeutete Leben aus den Toten das Erstehen des Lebens aus dem erstorbenen Naturwesen seiner Eltern. Als dann Isaak seinem Vater als ein aus den Toten lebendig Gewordener wiedergegeben wurde, war es der nach göttlichem Rat und Spruch dem Tode verfallene Eingeborene (Jesus Christus), der in Isaak abgeschattet wurde. Als später in Ägypten Israels Erstgeborene Leben aus den Toten empfingen und darstellten, da war es das unschuldige Opferlamm, von ihren Vätern selbst erwürgt, aus dessen Tode ihnen Leben erblühte. So erfuhr dieser Grundsatz — Leben aus den Toten — schon in seiner vorbildlichen Darstellung eine sehr vielseitige Anwendung. Gewiß dürfen wir erwarten, wenn es nun in der zukünftigen Annahme Israels zur großen, real-historischen Verwirklichung und Durchführung dieses Prinzips kommen soll, daß diese verschiedenen Seiten des so reichhaltigen Gottesgedankens alle zur Geltung kommen und ihre erschöpfende Erfüllung finden werden. Es wird Leben aus den Toten sein, einmal im Blick auf den natürlich gegebenen, geschichtlichen Boden. Israels Annahme wird einer übernatürlichen Lebenszeugung Gottes im Schoße einer hoffnungslos erstorbenen Völkerwelt gleichkommen. Wiederum wird Israel selbst, gleich jenen verdorrten Gebeinen, aus seinen Gräbern heraufkommen und aus dein eigenen Todeszustande als Volk eine Großartige Auferstehung, und zwar ebenfalls als Volk, erleben. Endlich aber wird, wie im Falle Jonas, von dem auferstandenen Israel eine bis dahin unerreichte, großartige Lebensbetätigung über die Völkerwelt ausgehen.
Es wird ja schließlich erfüllt werden, was durch Hosea geredet ist: “Er wird uns nach zwei Tagen wieder beleben, am dritten uns aufrichten” (Kap. 6, 2). Und was der Psalmist geschaut und gesungen hat: “Gott sei uns (Israel) gnädig und segne uns, Er lasse Sein Angesicht leuchten über uns, daß man auf der Erde erkenne Deinen Weg, unter allen Nationen Deine Rettung! Es werden Dich preisen die Völker, o Gott; es werden Dich preisen die Völker alle!” (Ps. 67).
9. Wie der Erstling, so die Masse; wie die Wurzel, so die Zweige
“Wenn aber der Erstling heilig ist, so auch die Masse; und wenn die Wurzel heilig ist, so auch die Zweige” (Vers 16).
a) Wie der Erstling, so die Masse
Alle Erstlinge in Israel, an Menschen, Vieh und Früchten des Feldes, waren dem Herrn heilig. Mit dieser Verordnung — der allerersten, die dem aus Ägypten befreiten Volke gegeben wurde — sollte Israel ständig an seine Berufung als Gottes Erstgeborener unter den Völkern gemahnt werden. So war genau vorgeschrieben, was mit den verschiedenen Erstlingen geschehen sollte. Alle Erstlinge vom Öl, Most und Getreide sowie von Rindern, Schafen und Ziegen, d. h. vom reinen Vieh, wurden der Priester Speise. Die Erstlinge der Menschen und der unreinen Tiere hingegen mußten gelöst werden (4. Mose 18, 12-19; vgl. 4. Mose 15, 18-21 und 3. Mose 23, 10-14).
Von besonderer Bedeutung für das richtige Verständnis dieses apostolischen Wortes ist vor allem die göttliche Anordnung eines besonderen Festes der Erstlinge, des sogenannten Wochenfestes, wie es als das zweite unter den drei großen Hauptfesten Israels sieben Wochen, d. h. 50 Tage nach dem Passahfest gehalten werden sollte. Darüber heißt es in 3. Mose 23, 16.17: “Bis zum andern Tage nach dem siebenten Sabbat sollt ihr 50 Tage zählen, und ihr sollt Jehova ein neues Speisopfer darbringen. Aus euren Wohnungen sollt ihr Webebrote bringen, zwei von zwei Zehnteln Feinmehl sollen es sein, gesäuert sollen sie gebacken werden als Erstlinge dem Jehova.” In diesem Fest fand die für Israel so hochbedeutsame Wahrheit von der Heiligkeit aller Erstlinge und damit von seiner eigenen heiligen Berufung einen besonders weihevollen Ausdruck. Und als der Apostel die unserer Betrachtung voranstehenden Worte schrieb, da war der rechte “Tag der Pfingsten” schon erschienen. Der Heilige Geist war — in genauer Beobachtung der darüber gegebenen göttlichen Zeitordnung, d. h. nicht früher und nicht später, als bis “der Tag der Pfingsten erfüllt war” — in Jerusalem erschienen, um selbst das Fest dem Jehova zu feiern. Er nahm aus der versammelten Teigmasse des zum Feste gekommenen jüdischen Volkes die Erstlinge, die Webebrote, heraus und webte sie vor dem Herrn, in getreuer Erfüllung der von Ihm selbst getragenen und durchdrungenen Weissagung in Wort und Vorbild. Paulus erblickt in diesen Erstlingen ein Unterpfand für die zukünftige Errettung auch der Masse und folgert kühn durch den Geist: “Ist der Erstling heilig, so auch die Masse.”
Wir Gläubigen aus den Nationen gehen über die große Tragweite jener Pfingsterfüllung in Jerusalem hinsichtlich Israels nationaler Zentralstellung im Reiche Gottes auf Erden nur zu leicht hinweg. Es liegt uns so nahe, darin nur den Geburtstag der Gemeinde zu sehen, in die auch wir einverleibt worden sind, während doch Pfingsten in erster Linie ein durchaus jüdisch-nationales Gepräge hat. Vergessen wir doch nicht: Es war dasselbe Jerusalem, das erst wenige Wochen vorher von dem wahnwitzigen Ruf: “Kreuzige, kreuzige!” widerhallte, in das nun der Heilige Geist herniedersteigt, um nun auch Seinerseits die Schrift zu erfüllen. Das war Beweis und Zeugnis genug, daß Israel und Jerusalem trotz der Kreuzigung ihres Messias die ihnen im Wort der Weissagung zugewiesene Zentralstellung für alle Gottesoffenbarung auf Erden nicht eingebüßt hatten. Israels Unglaube kann Gottes Treue nie aufheben. So hat und behält Pfingsten in erster Linie eine hohe Bedeutung für die Zukunft eben des verblendeten Israel, das damals schon den Herrn verworfen hatte, und für seinen künftigen Erstlingsberuf unter den Völkern der Erde.
b) Wie die Wurzel, so die Zweige
Zu dem Bilde von Erstling und Masse fügt der Apostel ein zweites, das von Wurzel und Zweigen. Die Folgerung ist in beiden Fällen die gleiche. Es ist ihm bei beiden Bildern nur darum zu tun, im voraus zu illustrieren, was er später als festen Grundsatz ausspricht: Gottes Gaben und Berufung können Ihn nicht gereuen. Im ersten Bild tritt mehr das Prinzip der Repräsentation (die Erstlinge für die Masse) hervor, im zweiten das der organischen Einheit und wachstümlichen Zusammengehörigkeit (Wurzel und Zweige).
Daß derselbe Apostel hier die rein natürlich-wachstümliche Zusammengehörigkeit hervorhebt, der an anderen Stellen aufs entschiedenste betont: “Nicht alle, die aus Israel sind, diese sind Israel; auch nicht, weil sie Abrahams Same sind, sind alle Kinder” (Röm. 9, 6.7), darf uns nicht irremachen. Wir bewegen uns hier, in Kapitel 11, nicht auf dem Boden der Gemeinde, d. h. der Erben der himmlischen Verheißungen und Güter in Christo Jesu, sondern wir stehen durchaus auf dem Boden der Frage nach dem Fortbestand der irdischen Nationalität des Volkes Israel. Es ist ein Grundgesetz aller heilsökonomischen Ordnung, daß in verschiedenen Heilszeiten verschiedene, oft einander scheinbar widersprechende Grundsätze gelten. So verbietet derselbe Gott vor der Flut auf das strengste die Rächung des blutigen Mordes des Kain, der nach der Flut deutlich gebietet: “Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll durch Menschen vergossen werden.” Ebenso durfte die alttestamentliche Gemeinde (Israel) nur zu Jerusalem Opfer und Anbetung darbringen. Die neutestamentliche Gemeinde weiß von solcher lokalen Beschränkung nichts. Wer solche Dinge beim Lesen der Schrift nicht beachtet und nicht “recht teilt das Wort der Wahrheit”, d. h. den verschiedenen Heilszeiten und verschiedenen Heilsordnungen Rechnung trägt, der richtet nur Verwirrung an.
Israel hätte als Volk nur in dem ihm von Gott ursprünglich gegebenen Verhältnis zu bleiben brauchen, um als Volk des Heils in Christo teilhaftig zu werden. Daß dies nicht geschah, hatte zur Folge eine widernatürliche, schmerzhafte, strafgerichtliche Lostrennung, auf die der Apostel jetzt näher eingeht. Das erste Bild (von Teig und Masse) bot ihm nicht die Möglichkeit, dieser geschichtlich erfolgten Ausscheidung eines sehr beträchtlichen Teiles der Nation (tatsächlich des größeren) gerecht zu werden. Das zweite Bild (von Wurzel und Zweigen) bietet sie ihm. So haben wir es nicht mit bedeutungslosen, rein rhetorischen Wiederholungen und Worthäufungen zu tun, sondern mit verschiedenen Gesichtspunkten der gleichen grundlegenden Wahrheit. Israels nationale Berufung zu einem heiligen Gottesvolk auf Erden aber bleibt unangetastet, wenn auch vorübergehend schmerzliche Eingriffe und Einschnitte vorgenommen werden.
10. Rühme dich nicht wider die Zweige!
“Wenn aber einige der Zweige ausgebrochen worden sind und du, der du ein wilder Ölbaum warst, bist unter sie eingepfropft und der Wurzel und der Fettigkeit des Ölbaums mitteilhaftig geworden, so rühme dich nicht wider die Zweige. Wenn du dich aber wider sie rühmst, — nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel dich” (Verse 17.18).
Mit sicherem prophetischem Blick wendet sich der Apostel nun zu den zu erwartenden Einwendungen seiner heidenchristlichen Leser. Letztere hatten in der römischen Gemeinde unzweifelhaft an Zahl das Übergewicht. Sie werden in dieser ganzen Beweisführung richtig als die Vertreter der heidenchristlichen Kirchengestaltung dieses ganzen Zeitlaufs angesehen und behandelt. Mit überraschender, fast fotografischer Treue zeigt Paulus die tatsächliche Haltung und Stellungnahme der Völkerchristenheit gegenüber Israel in dieser Zeit. Zunächst führt er uns mit großer Klarheit und Nüchternheit eine Reihe von Tatsachen vor Augen, um dann aus ihnen das Ergebnis zu ziehen: Rühme dich nicht wider die (ausgebrochenen) Zweige!
a) Einige der Zweige sind ausgebrochen worden
Es war ja zum Äußersten gekommen. Israels hartnäckiger Ungehorsam forderte ernstes, strenges Gericht heraus. Gott hat es vollstreckt. Doch ist es nicht auf eine totale Verwerfung des Volkes berechnet. “Einige” der Zweige nur, nicht alle wurden davon betroffen. Stand doch in jenen Tagen, da Paulus dies schrieb, vor den Augen der Welt und der Gläubigen aus den Heiden eine blühende, fruchtbare, kräftige judenchristliche Gemeinde da als lebendiger und laut redender Zeuge für Gottes Treue gegen Sein Volk. Dieser gläubige Teil des jüdischen Volkes erklärt und rechtfertigt den Ausdruck “einige der Zweige”. Das griechische Wort für “einige” drückt nur eine unbestimmte, nicht notwendigerweise kleine Anzahl aus.
b) Du warst ein wilder Ölbaum
Dies ist nun die zweite Tatsache. Das “du” des Apostels richtet sich nicht an den einzelnen, sondern ist ohne Zweifel korporativ oder kollektiv zu verstehen, d. h. es geht nicht um das persönliche Verhalten zum Heil, sondern um das Verhältnis der großen Volkskörper zum Rat und Plan Gottes und zueinander. Vor ihm steht Israel als Volksganzes einerseits und die Völkerchristenheit als ein entsprechender Gesamtkörper andererseits.
Die Bezeichnung “wilder Ölbaum” erklärt sich aus dem Gegensatz zu dem “edlen Ölbaum” göttlicher Pflanzung, Israel. Sie entspricht genau der biblischen Darstellung des wesentlichen Unterschiedes zwischen dem auserwählten Volk und den übrigen Nationen, die Gott hat ihre eigenen Wege gehen lassen. Dort sorgfältige Zucht und Pflege von seiten Gottes; hier durchaus eigenwillige und als solche unbehinderte Naturentwicklung. Zudem hatte Gott selbst Sorge getragen, daß sich Israel als Volk nicht mit den Nationen vermengen, sondern streng seine Eigenart bewahren sollte. Nirgendwo in der Schrift ist davon die Rede, daß Gottes Gedanken und Absichten mit dem Volk Israel in diesem Stück eine Änderung erlitten hätten.
c) Eingepfropft und mitteilhaftig der Wurzel und der Fettigkeit des guten Ölbaums, Israel
Überaus anschaulich zeigen uns diese Worte die ganz neuen, überraschenden Beziehungen, die auf dem Boden der neutestamentlichen Heilsverkündigung unter den Nationen nun eingetreten sind. Allem voran steht die große und herrliche Tatsache, daß diejenigen, welche von Natur ein “wilder Ölbaum” sind, zu einer durchaus lebensvollen organischen Gemeinschaft, einem unverkürzten, vollen und ganzen Eingehen in “Wurzel und Fettigkeit”, d. h. in den ganzen Vollgehalt aller göttlichen Gnade und Liebe, kommen dürfen. Der Gedanke an eine rein heidenchristliche, von jeder organischen Beziehung zu Israel abgelöste Entwicklung des Reiches Gottes wird zugleich abgewiesen. Dementsprechend glauben wir fest, daß es im Verlauf dieses Zeitalters nie ganz an gläubigen Zeugen der Wahrheit Gottes in Christo Jesu aus und unter Israel mangelt. Auch liegt es uns sehr nahe Zu glauben, daß die Völkerchristenheit großen Gewinn und Segen davongetragen hätte, wenn neben ihr wirkliches Judenchristentum als solches fortbestanden hätte. Gewiß wäre es dann in der Heidenchristenheit nicht zu einer so weitgehenden Verkennung ihres wahren Verhältnisses zu Israel gekommen sowie der Beziehungen Israels zum göttlichen Reichsplan. Auch können wir nicht daran zweifeln, daß es im Plane Gottes liegt, noch ehe dieses Zeitalter zum Abschluß gelangt ist, dafür zu sorgen, daß es wieder eine jüdisch-nationale christliche Synagoge oder Gemeinde gibt. Wenn sich die Bestrebungen der Zionisten nach völkerrechtlicher Anerkennung und Wiederherstellung einer jüdischen Nation verwirklichen sollten, wäre diese nicht nur erwünscht, sondern unabweislich.
d) Rühme dich nicht wider die Zweige!
Wer sich heute, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, umschaut, wie es in der Christenheit in diesem Stück beschaffen sei, der kann nur (Ausnahmen abgerechnet) eine sehr weitgehende Mißachtung dieser Mahnung feststellen. Es ist, wie Godet in seinem Kommentar zu dieser Stelle sagt: Zu allen Zeiten sehen wir die Christen mit tiefster Verachtung auf dieses Volk blicken … Am Judennamen haftet immer eine gewisse Schmach, die selbst die achtbarsten Bekehrten nicht ganz verschont.
Auch hierin wiederholt sich die Geschichte. Die Völker erbringen den Tatbeweis, daß die Schrift recht hat, wo sie behauptet: “Da ist nun kein Unterschied, sie sind allzumal (Juden wie Heiden) Sünder …” In den Tagen des Apostels war es ein unbändiger pharisäischer Hochmut und Dünkel, der das Volk Israel zu seinem eigenen Verderben erfüllte gegen alle Nichtjuden oder “gojim”. Heute muß Israel von den Trägern des Christentums in der Völkerwelt die gleiche Schmach über sich ergehen lassen, — es ist ein blinder, fanatischer Dünkel, der bei der Geburt des Antisemitismus christlicher Ausgabe Pate gestanden hat und der mit Verachtung auf alles, was Jude heißt, herabschaut. Ob die Christenheit aus solcher Aussaat eine erfreulichere Ernte einheimsen wird als einst Israel?
e) Du trägst nicht die Wurzel, sondern die Wurzel dich!
Wenn es auch organische Beziehungen zu “natürlichen Zweigen”, d. h. zu lebenskräftigen Gemeinden gläubiger Judenchristen nicht mehr gibt, weil letztere verschwunden sind, kommt doch die Christenheit nie über das organische Abhängigkeitsverhältnis zur “Wurzel” hinaus. Dieses besteht und wird bestehen bleiben. Sie wurde “mitteilhaftig” alles dessen, was Gott Israel je anvertraut und gegeben hat. Soweit sie gläubig ist, erschließt sich ihr die ganze Gottesfülle, unbeschadet ihrer Herkunft. An großen, geistgesalbten, begabten Gottesmännern hat es ja auch der Völkerchristenheit nicht gefehlt. Aber Apostel und Propheten, Vermittler und Verkündiger ursprünglicher Gottesoffenbarung an die Menschheit — hat sie nicht einen aufzuweisen. (Auch der Arzt Lukas war, wiewohl geborener Heide, wohl sicherlich Proselyt des Judentums gewesen, ehe er an Christum gläubig wurde.) Israel, nicht den Nationen, nicht einmal einer Auswahl aus den Nationen, ist anvertraut, was Gott geredet hat.
Wenn man nun bedenkt, wie man heute vor allem in der protestantischen Christenheit, und zwar offiziell, d. h. auf Kanzel und Katheder, mit dem geoffenbarten Worte Gottes Alten Testaments, der Bibel Jesu und Seiner Apostel, umgeht, so fühlt man sich berechtigt, wenigstens dafür zu danken, daß nicht dem gegenwärtigen Geschlecht von Heidenchristen anvertraut ward, was Gott geredet hat. Doch gottlob, es bleibt dabei, — die Wurzel trägt uns, auch wenn die Maulwürfe noch so sehr wühlen und graben.
11. Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich!
“Du wirst nun sagen: Die Zweige sind ausgebrochen, auf daß ich eingepfropft würde. Recht; sie sind ausgebrochen worden durch den Unglauben, du aber stehst durch den Glauben. Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich; denn wenn Gott der natürlichen Zweige nicht geschont hat, daß Er auch deiner etwa nicht schonen werde” (Verse 19-21).
Paulus sieht weitere Einwendungen der Heidenchristen voraus. Die in Vers 19 ihnen in den Mund gelegte Auffassung des Verhältnisses zwischen dem ungläubigen Israel und der eingepfropften Völkerchristenheit wird tatsächlich in den breitesten Schichten, bei Gelehrten und Laien, vertreten. Man sagt: Israel hat für immer alle seine nationalen Vorrechte verscherzt; das an ihm vollzogene Gericht ist endgültig und unwiderruflich; sie sind und bleiben enterbt; die neutestamentliche Gemeinde tritt als das “wahre Israel” vollständig in Israels Erbe ein, wobei nur das, was Israel an irdischen und diesseitigen Segnungen verheißen ist, auf das Himmlische und Jenseitige zu beziehen ist.
Daß im göttlichen Heilswalten Raum und Verwendung — auch in den künftigen Zeitaltern — für beide Körperschaften ist, für Israel sowohl als die Gemeinde, will nur wenigen einleuchten. Unter dem starken Eindruck der schon fast 2000 Jahre währenden Beiseitesetzung Israels will man dem Gedanken an eine Wiederaufnahme der abgebrochenen Beziehungen Gottes zu dem Volk Seiner Wahl (nach Vollendung der Zubereitung der Gemeinde) nicht Raum geben. Man besteht ferner darauf, daß alle Ziele Gottes mit der Menschheit in und mit diesem Zeitalter erreicht werden müßten. Was man in diesem Rahmen nicht unterbringen kann, das muß eben draußen bleiben. Und weil die Völkerchristenheit bisher den Juden in der Kirche nicht hat unterbringen können und auch wenig Lust und Geschick zeigte, das zu unternehmen, so findet sie es viel einfacher, ihn ohne weiteres hinauszutun und sich ruhig an Israels Stelle zu setzen. Ein etwas drastisches, aber bei der herrschenden Stimmung gegen den Juden durchaus populäres Verfahren.
Wie begegnet nun Paulus dem Einwand: “Die Zweige sind ausgebrochen, auf daß ich eingepfropft würde”? Daß dieser eine Berechtigung hat, leugnet der Apostel keineswegs. Einfach und nüchtern, ohne Umschweife oder Bemäntelung, spricht er auch hier das göttlich gefällte und vollzogene Urteil aus: “Recht, sie sind ausgebrochen worden durch den Unglauben.” Daraus aber folgert er keineswegs, was man fast überall in der Völkerchristenheit daraus zu folgern sich erlaubt hat, daß es sich bei Israels Verwerfung lediglich darum gehandelt habe, für uns, das “wahre Israel”, Platz zu Machen. Er folgert ganz anders: “Sie sind ausgebrochen durch den Unglauben; du aber stehst durch den Glauben”. Die Richtigkeit des ersten Gliedes dieser Aussage ist nicht anzutasten. Der hartnäckige, trotzige Unglaube Israels, der sich ärgerte an der Predigt von der Glaubensgerechtigkeit allein aus Gnade, ohne Verdienst der Werke des Gesetzes, war der Anlaß ihres Ausgeschiedenwerdens. Daß die Christenheit aus den Nationen auf keinem anderen Grunde steht und stehen kann, insofern sie überhaupt steht, als auf dem des Glaubensgehorsams, bedarf keines Beweises. Wohl aber wäre in der evangelischen Christenheit eine viel ernstere Beherzigung dieser Grundwahrheit angebracht.
“Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich!” warnt der Apostel. Das klingt nicht sehr beruhigend für die Christenheit unserer Tage, angesichts der unleugbaren Tatsache, daß der Unglaube immer weitere Schichten gerade der Völker durchsäuert, bei welchen das Licht des Evangeliums am hellsten geleuchtet und am meisten der großen Taten Gottes geschahen. Dabei ist es das bedenklichste, daß eben die, die in der Kirche zu Hütern und Wächtern gesetzt sind, vielfach ungestraft den Offenbarungsgrund untergraben dürfen, auf dem das Gebäude unseres Glaubens beruht.
Es gibt im menschlichen Organismus eine erhöhte und gesteigerte Herztätigkeit, die nur den Unkundigen täuscht; der kundige Arzt erkennt und fürchtet das zehrende Fieber. Und auf den Wangen gewisser Patienten gibt es eine Röte, die der Volksmund treffend “Kirchhofsrosen” nennt. Der Kranke selbst erklärt wohl, ihm sei nie wohler gewesen; er sei bei guter Besserung, während die Füße derer, die ihn hinaustragen, schon vor der Tür sind. Die eifrige, hier und da fast fiebernde Vielgeschäftigkeit der heutigen Christenheit darf uns nicht täuschen. Ihr inneres Leben ist nicht gesund. Ihre edelsten Organe, Familie, Kirche und Schule, kranken in bedenklichster Weise. Im Lager ihrer Führer herrscht auf der einen Seite ein starrer, verknöchernder Orthodoxismus, auf der anderen ein zersetzender, immer frecher werdender Sadduzäismus. Daneben ist an modernen Herodianern kein Mangel, die alles “christlich” nennen, was den Purpur trägt, und durch Dick und Dünn gehen mit der herrschenden Weltmacht.
Soviel ist gewiß: Die ernste Warnung des Apostels “Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich!” hat man in der Völkerchristenheit nicht zu Herzen genommen. Wohl stehen Buß- und Bettage in den Kalendern der Christenheit, und sie werden mit Eifer und Strenge gehalten. Aber wo ist der Geist wirklich ernster, aufrichtiger Reue und Umkehr?
Der Warnung des Apostels folgt die Ankündigung: “Wenn Gott der natürlichen Zweige nicht geschont hat, (mag es sein) daß Er auch deiner etwa nicht schonen werde!” Die “natürlichen Zweige” können wieder nur das natürliche, und zwar das dem Unglauben und der Verwerfung verfallene Israel sein. Daß Gott ihrer nicht geschont hat, muß Ihm nicht allein die Christenheit, sondern Israel selbst und die ganze Völkerwelt bezeugen, die Israels Geschichte miterlebt hat. Aber denkt man im Ernst daran, daß es eben dieser Christenheit, die sich berufen glaubt, Israel seinen Unglauben vorzuhalten, einmal geradeso ergehen könne und werde, wie es seiner Zeit Israel und Jerusalem erging? Wer denkt daran, daß unsere stattlichen Kirchen und Kathedralen, mit ihren himmelanstrebenden Türmen, ihren geweihten Glocken, ihren geschmückten Altären und Chören, ihren volltönenden Orgeln auch in Trümmer sinken, daß unsere gepriesene christliche Kultur ein Raub der Verheerung, unsere christlichen Haupt- und Residenzstädte in Schutt und Asche gelegt werden könnten? Oder sind sie etwa heiliger, würdiger, unantastbarer als jener Tempel zu Jerusalem, den der Sohn Gottes selbst “meines Vaters Haus” nannte? Sind sie höheren Adels, unsere Hauptstädte, als Jerusalem, die “Stadt des großen Königs”, die heilige und geliebte Stadt?
Israel, das Volk der Wahl, kam mit all seinen Vorzügen und Vorrechten in einen Zusammenbruch hinein. Wird die “Zeit der Heiden”, während welcher den Völkern das Evangelium anvertraut ist, einen wesentlich anderen Ausgang nehmen? Soweit wir sehen können, hat es nicht den Anschein.
12. Sonst wirst auch du ausgeschnitten werden
“Siehe nun die Güte und die Strenge Gottes: gegen die, welche gefallen sind, Strenge; gegen dich aber Güte Gottes, wenn du an der Güte bleibst; sonst wirst auch du ausgeschnitten werden” (Vers 22).
Gewiß hätte Gott die Züchtigung Seines Volkes in einer Weise vornehmen können, daß die übrigen Nationen davon nicht ständig Zeugen zu sein brauchten. Israel hätte z. B. aus den Augen der Völker irgendwo im Innern Afrikas oder Asiens verschwinden und verborgen bleiben können und dabei doch behalten bleiben können auf die Zeit seiner gnädigen Heimsuchung. Aber Gott hat es anders geordnet. Es ist kein Zufall, hat auch nicht nur für Israel seine Bedeutung gehabt, daß dieses Volk der Juden seiner Mehrzahl nach über fünfzehn Jahrhunderte lang seine Hauptwohnsitze unter den christianisierten Kulturvölkern Europas haben mußte. Und was ist das für eine Geschichte gewesen, die sie dort erlebt haben und noch erleben! Es ist buchstäblich in Erfüllung gegangen, was der Herr durch den Propheten Sacharja schon den “stolzen Nationen” zurufen ließ: “Ich habe ein wenig (über Israel) gezürnt; sie aber (die Nationen) haben zum Unglück geholfen” (Sach. 1, 15). Israel darf sich freilich nicht darob beschweren. Gegenüber seinem entsetzlich vermessenen Ruf: “Sein Blut komme über uns und unsere Kinder”, den die Väter ausgestoßen und den die Kinder durch ihren fortgesetzten Ungehorsam noch immer zu Recht bestehen lassen, behält Jehova recht, wenn Er spricht: “Ich habe nur ein wenig gezürnt!”
“Gegen dich aber Güte Gottes, wenn du an der Güte bleibst; sonst wirst du auch ausgeschnitten werden.” — Aus dem ganzen Zusammenhang ergibt sich unschwer, was unter der “Güte Gottes” hier zu verstehen ist. Es ist der kurze, aber entsprechende Ausdruck für die hohe Stellung, welche der Völkerchristenheit gegenüber dem verworfenen und verblendeten Israel von Gott zugewiesen worden ist.
Daß diese hohe Auszeichnung und Bevorzugung keine unbedingte, noch weniger aber eine unwiderrufliche ist, macht der Zusatz deutlich: “… wenn du an der Güte bleibst”. Israels derzeitige Vorzugsstellung im göttlichen Haushalt währte, von seinem Entstehen an gerechnet (d. h. vom Auszug des Volkes aus Ägypten) bis zur Zerstörung von Stadt und Tempel durch die Römer im Jahre 70 n. Chr., im ganzen etwa fünfzehn Jahrhunderte. Das gegenwärtige Zeitalter währt nun schon vier Jahrhunderte länger, so daß auch in dieser Hinsicht unsererseits kein Anlaß besteht zu dem Vorwurf, Gott habe uns nicht so lange Zeit und Gelegenheit gegeben wie Israel, unseren Glauben und Gehorsam unter Beweis zu stellen.
Die einzige Frage, welche hier zu beantworten ist, lautet: Ist die völkerchristliche Gemeinde dieses Zeitalters geblieben in der Güte Gottes? Davon allein hängt es ab, ob sie in ihrer Stellung belassen wird, oder ob an ihr gleichfalls das Gericht der Ausschneidung vollzogen wird. Denn daran, daß Gott, der der “natürlichen Zweige nicht geschont”, im schuldigen Falle auch unser nicht schonen werde, ist nach Vers 21 nicht zu zweifeln.
Diese Frage ist eine doppelte. Einmal kann man fragen: Hat die Gesamtheit der Völkerkirchen in ihrem großen geschichtlichen Werde- und Entwicklungsgang diese Probe bestanden? Oder man kann auch fragen: Gibt es unter den großen geschichtlich gewordenen Gruppen von Landes-, Volks-, Staats- und Freikirchen die eine oder andere, welche in hervorragender Weise in dem geblieben wäre, was ihr durch die Güte Gottes als Ausrüstung mit auf den Weg gegeben wurde? Gibt es nennenswerte Ausnahmen an Kirchengemeinschaften, die durch Jahrhunderte (oder Jahrzehnte) die “erste Liebe” nicht verlassen, mit der Welt in keinerlei Form gehurt, sondern sich von ihr “unbefleckt erhalten” hätten? Ist wenigstens unter all den evangelischen Kirchenkörpern aller Länder ein einziger, der “ohne Sünde” sei, keines Abfalls, keiner Buhlerei mit den Mächten dieses Zeitlaufs schuldig? — Wir möchten nur an zwei Punkte besonders erinnern, nicht um zu richten oder zu verdammen, wohl aber, um zur Einkehr, zur Beugung und zur Buße zu mahnen. Was ist aus der Einheit des Leibes Christi unter unseren Händen geworden? Was für eine Antwort bekäme z. B. ein an Christum gläubig gewordener Israelit aus dem Innern Polens, der die Gemeinde Jesu nur aus den Schilderungen des Neuen Testaments kennte und nun zum erstenmal unter die bekennende evangelische Christenheit träte und nun fragen würde: Wo ist sie denn, diese Gemeinde meines Herrn und Heilandes, der Tempel des lebendigen Gottes, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit? — Oder das andere. Was hat man in denselben Kreisen aus dem Wort des lebendigen Gottes gemacht? Die Greuel, die allein hier zu verzeichnen sind, bringen uns die alttestamentliche Parallele lebhaft ins Gedächtnis. Dort stand es mit Israel, dem Zehnstämmereich, traurig genug. Doch von der höher begnadigten (protestantischen) Juda müssen die Propheten bezeugen, sie habe ihre Schwester geradezu als fromm erscheinen lassen durch ihre Abgötterei. Fürwahr, weder die oströmische noch die weströmische Kirche hat je so schändlich an der Herrlichkeit der uns gewordenen Gottesoffenbarung gefrevelt, als das auf Kathedern und Kanzeln der evangelischen Christenheit offenkundig – “unter allen grünen Bäumen und auf allen hohen Hügeln” — geschehen darf im Namen einer stolzen Wissenschaftlichkeit. Es ist eine unverzeihliche Selbsttäuschung, wenn man in unseren Tagen auf Erweckungen, Neubelebungen und andere köstliche Gnadenerweisungen eines unendlich langmütigen Gottes hinweist, — nur um sich den Gedanken an die ungeheure, sich stetig häufende Schuld und die solidarische Haftbarkeit für überkommene wie zeitgenössische Greuel auf diesem Gebiet fernzuhalten.
Unser Urteil ist gefällt und hier deutlich zu Protokoll gegeben. An unserer Schuld kann kein ehrlicher Zweifel bestehen. O daß es unter uns Protestanten mehr Beter gäbe vom Schlage eines Daniel und Esra, die beide, wiewohl persönlich schuldlos, in demütigem Bekenntnis sich unter die klar erkannte und deutlich bekannte Verschuldung ihres Volkes stellten! (Dan. 9 und Esra 9.) Daß doch nur die Wahrheit Gottes zu ihrem Recht kommt, wenn es auch durch Gerichtswege gehen muß.
13. Die Wiedereinpfropfung der natürlichen Zweige
“Und auch jene, wenn sie nicht im Unglauben bleiben, werden eingepfropft werden; denn Gott vermag sie wiederum einzupfropfen. Denn wenn du aus dem von Natur wilden Ölbaum ausgeschnitten und wider die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, wieviel mehr werden diese, die natürlichen Zweige, in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden” (Verse 23.24).
Der Vergleich zwischen Israel und der Christenheit aus den Nationen ist zu einem prophetischen Abschluß gekommen. Die Parallele ist bis zum letzten Ende — dem Gericht der Ausschneidung — vollständig. Daß man in der Völkerkirche einem solchen Ausgang der Dinge, wie ihn die Schrift hier klar voraussagt, dennoch nicht entgegensieht, daß man fast allgemein eine gedeihliche Entwicklung und ein Anwachsen des Bestehenden fest erwartet und Folgerungen wie die eben geäußerten geradezu als Verrat an der sieghaften, triumphierenden Zukunft der Kirche auf Erden ansieht, all das kann einen nüchternen Forscher im Worte der Weissagung nicht wundern. Das ist auch alles schon dagewesen. Dem Propheten Jeremia wurde seiner Zeit wegen eben solcher “hochverräterischer” Aussagen der Prozeß gemacht. Und wenn Jesus Seine Weissagung vom nahen Ende und Zusammensturz der Dinge damals der höchsten kirchlichen Behörde, den theologischen Sachverständigen Seiner Tage zur Begutachtung unterbreitet hätte, es würde wohl nichts anderes darauf erfolgt sein als ein wiederholtes: Dieser Mensch ist unsinnig, er hat den Teufel! Die Parallele wäre nicht vollständig, wenn es in unserer Zeit anders stünde.
Aber, so wird man entgegnen, hat nicht Jesus selbst der Gemeinde, die Er auf den Felsen des Bekenntnisses Petri gegründet, eine sieghafte Dauer verheißen, da Er ihr zugesagt, daß “die Pforten des Hades sie nicht überwältigen” sollten? Allerdings hat Jesus deutlich diese Zusage gemacht. Er ist aber nicht verantwortlich für die schiefen und unbegründeten Folgerungen, die man daraus gezogen, noch weniger für den Mißbrauch, dessen man sich in der Christenheit schuldig gemacht hat mit der Bezeichnung “meine Gemeinde”. Wo man der Meinung ist, daß alles, was in oder mit Wasser getauft ist, “die Gemeinde” darstellt, da ist freilich die Tür weit offen für maßlose Willkür der Auslegung. So sollte auch der Rückblick auf das Los der von den Aposteln und Apostelschülern gegründeten Gemeinden von Syrien, Kleinasien und Nordafrika ausreichend dartun, daß Jesu Wort keinesfalls dahin gedeutet werden darf, daß irgendeine oder gar alle historischen Formen der Kirche auf Erden von unvergänglicher Dauer sein sollten. Wie großartig und herrlich die Zusage des Herrn in Wahrheit ist, das wird erst der Tag offenbar machen, da dies Sterbliche wird Unsterblichkeit anziehen und dies Verwesliche Unverweslichkeit (wenn nämlich bei der Ankunft des Herrn die Toten in Christo auferstehen werden zuerst, und die Lebenden verwandelt werden). Dann erst wird, nach 1. Korinther 15, 54, der Tod verschlungen sein in den Sieg und die wahre Gemeinde des Herrn ihren Triumph feiern über des Hades Pforten.
Daß man in der Christenheit so wenig Verständnis hat für den göttlichen Plan der Zeitalter und für die Verschiedenheiten der einzelnen Perioden und der Ordnungen, welchen sie unterstellt sind, ist sehr zu beklagen, aber nicht so leicht zu entschuldigen. Denn wir sind das Geschlecht, auf welches die “Enden der Zeitalter” gekommen sind, d. h. die Offenbarung aller großen, gewaltigen Ziele göttlichen Wirkens in der Menschheit. Erst in diesem unserem Zeitlauf wurde das Geheimnis des “Leibes Christi” enthüllt, wovon Paulus erklärt, es sei “von der Welt her und von den Zeiten her in Gott verborgen” geblieben, bis es ihm enthüllt wurde für uns. Im Besitz solcher Lichtquellen haben wir wahrlich weniger Entschuldigung als Israel, wenn wir entweder in selbstgenügsamer Unwissenheit dahingehen oder in unserem Wirken selbsterwählte Wege einschlagen. Das eine ist so verhängnisvoll wie das andere.
Der Geist der Weissagung aber richtet den Blick unseres Apostels fest und bestimmt auf “jene”. Nach dem Zusammenhang kann damit niemand anders gemeint sein als das heute noch dem Gericht der Verblendung überlieferte Volk Israel. Danach ist es der unleugbare Gedanke Gottes, wenn die Völkerchristenheit spruchreif geworden sein wird zum “Ausgeschnittenwerden” von fernerer Verwendung im göttlichen Verwaltungsplan, die offiziellen Beziehungen zu Israel als Volk wieder aufzunehmen.
Wir stehen da an einem Wendepunkt der Zeitalter. Gott hat recht behalten. Er hat das Geheimnis der Gemeinde, des Leibes Christi, mitten unter den Irrwegen und Verkehrtheiten der großen Völkerkirchen vollendet. Die stolze, christianisierte Völkerwelt aber ist mit ihrem Selbstruhm gründlich zuschanden geworden. Das Gericht ereilt sie, sicher und unabwendbar, wie einst Israel.
Wer soll nun ferner Gottes Bote und Zeuge auf Erden sein? Die himmlische Gemeinde ist vollendet und an ihren Ort erhoben. Die große ruhmredige Christenheit aus den Völkern ist untauglich, — dumm gewordenes Salz, weder kalt noch warm, darum zertreten und ausgespieen. Da ruht der Blick des Geistes im neutestamentlichen Propheten auf “jenen”, — so sie “nicht bleiben im Unglauben”.
Aber ist denn in der Schrift irgendwo in Aussicht gestellt, daß Israel als Volksganzes nicht in seinem Unglauben beharren wird? Allerdings, und zwar aufs deutlichste. Hier wollen wir indessen noch nicht auf diese Frage eingehen, sondern ihre Erörterung bei der Besprechung von Vers 26 vornehmen, wo Paulus mit klaren Worten die zukünftige Errettung von “ganz Israel” ankündigt.
Hier stehen wir zunächst vor der Möglichkeit einer Wiedereinsetzung Israels als Volk (wobei immerhin an eine Verwerfung einzelner gedacht werden kann) in seine frühere bevorzugte Stellung als Träger und Vermittler der göttlichen Wahrheit an die Menschheit.
Wenn gefragt wird, an was für eine Menschheit Israels Dienst und Auftrag im zukünftigen Zeitalter gerichtet sein wird, so antworten wir, an die Menschheit, die in den bevorstehenden schweren Gerichten übrigbleibt. Wir meinen nicht, daß am Abschluß dieses Zeitalters der Weltuntergang stehen werde, sondern daß trotz der gewaltigen Krisen und Katastrophen, die über den Erdkreis kommen werden, nach der Schrift die Menschheit auf Erden fortbestehe. Es wird auch nachher noch Völker und Nationen geben, an denen das wiedereingepfropfte Israel wohl eine große Aufgabe zu lösen haben wird und auch lösen wird.
“Denn wenn du aus dem von Natur wilden Ölbaum ausgeschnitten und wider die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, wieviel mehr werden diese, die natürlichen Zweige, in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden!” — Das ist eine tief beschämende Zurückweisung unseres chronischen Zweifels an der nationalen Zukunft Israels. Wir waren die Wildlinge von Natur, d. h. ohne erblichen, genetischen Zusammenhang mit dem Volk des Bundes und den Testamenten der Verheißung. Zu unsern Gunsten stellt Gott die natürliche Ordnung, den genetischen Prozeß auf den Kopf. Denn beim Pfropfen in der Obstkultur kommt es in erster Linie auf gute, edle Reiser an. Solche waren wir nicht. Wer wilde Zweige, etwa von Schlehen oder Holzäpfeln, einpfropfen wollte, und wäre es in die alleredelsten Obstbäume, würde erfahren, daß aus den eingesenkten wilden Reisern nie andere als wilde, ungenießbare Früchte kommen würden. Da hat Gott an uns, den Heiden, dieses Gnadenwunder vollzogen und durch Einsenkung von uns Wildlingen in den edlen Ölbaum der ursprünglich rein israelitischen Gemeinde göttlicher Pflanzung es fertiggebracht, auch aus Wildlingen edle Früchte für das Reich Gottes hervorzubringen.
“Wieviel mehr”, fährt Paulus fort, “werden diese (die natürlichen Zweige) in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden.” Das heißt: Wenn uns Heiden ein so großes Wunder widerfahren konnte, dann ist es tatsächlich ein geringeres und näherliegendes, weil natürlicheres Verfahren Gottes, wenn die “natürlichen Zweige”, die bisher ausgebrochen, dürr und unfruchtbar dagelegen, wieder eingepfropft werden. Damit stopft die Schrift in ebenso wirksamer Weise uns Heiden den Mund, wie es in Kapitel 9 und 10 dieses Briefes mit Israel geschah, das sich gegen Gottes Verfahren mit uns Heiden damals auflehnte.
Wenn gesagt wird, daß die Möglichkeit bestehe, daß die “natürlichen Zweige” in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden sollen, dann scheint uns darin auch dies ausgesprochen zu sein, daß Israel in diesem Zeitlauf keinesfalls von der völkerchristlichen Gemeinde aufgenommen oder absorbiert werden soll. Selbst eine viel ernstere und treuere Evangelisation unter Israel würde nie dazu geführt haben, daß der israelitische Volksbestand in der Völkerkirche auf- bzw. untergegangen wäre.
Ferner gibt uns dieser Ausdruck einen deutlichen Hinweis darauf, wie gegen das Ende dieses Zeitlaufs die göttliche Wiedereinpfropfung Israels tatsächlich geschehen wird. Sie werden nicht in die eine oder andere Abzweigung der christlichen Völkerkirche einverleibt und aufgenommen werden, sondern in “ihren eigenen Ölbaum”. Das heißt, es wird gegen das Ende dieses Zeitlaufs wieder zur Bildung und Ausgestaltung einer nationalen jüdisch-christlichen Gemeinde oder Synagoge kommen. Das Ende wird zum Anfang zurückkehren. Alle großen national-israelitischen Verheißungen Gottes an Sein Volk, wie sie die rein jüdisch-nationale Gemeinde in Jerusalem besaß, sind ja nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben. Die ganze Periode aber, in welcher die Christenheit überwiegend oder ausschließlich im Zeichen der Nationen (im Gegensatz zu Israel) gestanden hat, darf im Grunde als eine große Parenthese — ein Einschub, etwas in Klammern Eingeschaltetes — angesehen werden, die in der alttestamentlichen Prophetie weder geschaut noch erwartet wurde. Nach ihrem Abschluß wird Jehova die ursprünglichen Beziehungen zu dem Volk Seiner Wahl da wieder aufnehmen, wo sie abgebrochen wurden.
14. Das Geheimnis bei Israels Verstockung
“Denn ich will nicht, Brüder, daß euch dieses Geheimnis unbekannt sei, auf daß ihr nicht euch selbst klug dünket: daß Verstockung Israel zum Teil widerfahren ist, bis daß die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird” (Vers 25).
Dieses Geheimnis ist ein doppeltes. Zunächst: Die Verstockung Israels ist ihrem Umfang nach beschränkt: “zum Teil”. Ferner ist sie auch der Dauer nach scharf begrenzt: “bis daß”.
Die zuerst ausgesprochene Beschränkung kommt uns nicht unerwartet. Der Apostel hat uns oben (Vers 5) schon gezeigt, daß aus der breiten Masse des ungläubigen Volkes ein Überrest im Gehorsam des Glaubens geblieben und damit ein Erweis der Treue Gottes gegen Seine Verheißungen geworden sei. Weiter hat er in Vers 17 angedeutet, daß nicht sämtliche, wohl aber “einige” der Zweige ausgebrochen sind. Wir erkannten, daß damit allerdings die große Mehrheit, immerhin aber nicht die absolute Gesamtheit des Volkes gemeint sei.
Der andere Teil des Geheimnisses ist die bestimmte Erklärung, daß das über Israel verhängte Verstockungsgericht nur bis zu einem gewissen Termin, nicht aber für alle Zeiten andauern werde, nämlich “bis daß die Fülle (Vollzahl) der Heiden (Nationen) eingegangen sein wird”. Was will uns der Apostel damit sagen? Was ist das für eine Fülle oder Vollzahl der Heiden, und wohin soll diese zuvor eingegangen sein, ehe Israels Verblendung ihr Ende erreichen soll?
Über die Tatsache, daß Israel eines Tages aus seiner Verstockung heraustreten wird, kann es keinen Zweifel geben. Aber wann dies eintreten wird, ist für uns unberechenbar. Selbst wenn wir erklären können, was mit dem Ausdruck “Fülle der Heiden” gemeint sei, bleibt immer noch eine gewisse Unsicherheit bezüglich der genauen Zeitbestimmung. Es ist eben nicht unsere Sache, Zeit oder Zeiten zu wissen, nach der Schrift; ja, uns wird sogar gesagt: “Es ist nicht nötig, daß euch davon geschrieben werde” (1.Thess. 5, 1). Warum denn nicht?
Die Gemeinde Gottes ist samt ihrem Haupt in die “Epourania”, d. h. die himmlischen Gebiete, Örter, Beziehungen, Stellungen (oder wie man hier übersetzen mag) versetzt (Eph. 2, 6). Sie ist kein Zeit-, sondern ein Ewigkeitskörper. Ihre Ziele und Aufgaben ragen, wie die ihres Hauptes, durch und über alle Himmel, keinem Wechsel der Zeiten unterstellt. — Für ein Volk mit irdischer Berufung, mit irdischen Aussichten, Segnungen und Verheißungen, die sich alle unter den Ordnungen und Bahnen der Himmelskörper (Sonne und Mond) vollziehen und erfüllen werden, das heißt für Israel als Volk, liegt die Sache ganz anders. Israel war und wird bleiben (wenigstens für das nächste Zeitalter Gottes) ein irdischer, für die Zukunft der Erde und ihrer Bewohner maßgebender, leitender Körper, das “Haupt der Nationen”. — Daher auf dem Offenbarungs- und Weissagungsboden für Israel (im Alten Testament und wieder in der Apokalypse des Neuen Testaments) überall Zahlen und Maße; auf dem Boden der Gemeinde, d. h. in den paulinischen Briefen, nirgends.
Doch zurück zu unserer Frage nach der “Fülle der Heiden”. Wir begegnen bei Lukas einem Wort des Herrn, das sich in mehr als einer Hinsicht mit dem, was Paulus hier sagen will, zu decken scheint. Dort skizziert der Herr vor Seinem Hingang Seinen Jüngern das vor ihnen liegende (also unser gegenwärtiges) Zeitalter im Blick auf die “Stadt des großen Königs”, den Sitz der Gottesherrschaft auf Erden, Jerusalem, folgendermaßen: “Jerusalem wird von den Nationen zertreten werden, bis daß die Zeiten der Nationen erfüllt sein werden” (Luk. 21, 24).
Mit dem Ausspruch “Jerusalem wird von den Nationen zertreten werden” bezeichnet der Herr unverkennbar dieselbe schmerzliche Periode israelitischer Volksgeschichte, von der uns Paulus die andere Seite zeigt, wenn er sagt: “Durch ihren Fall den Nationen das Heil” und “Ihr Verlust der Reichtum der Nationen” (V. 11 und 12). Somit glauben wir zu dem Schluß berechtigt zu sein, daß jene Aussage Jesu: “… bis die Zeiten der Nationen erfüllt sein werden” genau denselben Zielpunkt ins Auge faßt, den Paulus hier vom geistlichen, religiösen Standpunkt aus so formuliert: “bis daß die Fülle der Heiden eingegangen sein wird”.
Mit anderen Worten: “Die Zeit der Heiden” ist derselbe Zeitlauf, währenddessen das dargestellt oder zubereitet werden soll, was Paulus die “Fülle” oder “Vollzahl” der Heiden nennt. “Die Fülle der Heiden” ist also das volle, unverkürzte Ergebnis des verborgenen göttlichen Waltens unter den Heiden während der Verblendung Israels. Sie ist, nach Pauli eigener Darlegung über das “Geheimnis”, das diesen Äon beherrscht und umschließt, das Geheimnis des Leibes Christi, der Gemeinde, welche auch genannt wird “die Fülle dessen, der alles in allen erfüllt” (Eph. 1, 23). Das ist es, was er Epheser 3, 2 die “Verwaltung der Gnade Gottes” (also die göttliche Heilsökonomie) nennt, “die mir für euch (die Heiden) gegeben ist”. Weiter legt er (V. 6) dieses “Geheimnis des Christus” dahin aus, daß er bezeugt, daß “die aus den Nationen Miterben seien und Miteinverleibte und Mitteilhaber Seiner Verheißung in Christo Jesu durch das Evangelium”. Hier ist weder von Weltbekehrung die Rede noch davon, daß alle Nationen in diesem Zeitalter dem Zepter Christi unterworfen werden sollten. Vielmehr geht es darum, daß die durch Pauli Evangelium zu sammelnde und vollzubereitende Gemeinde gleichgestaltet wird dem Ebenbild des Sohnes Gottes, auf daß dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Ein solches Evangelium ist nicht für die Masse. Es waren niemals und sind heute nicht die großen Massen, die das erkannt haben und sich davon haben ergreifen lassen. Aber zu allen, auch den dunkelsten Zeiten hat es nicht an auserwählten Seelen gemangelt, die in Einfalt des Glaubens Gott recht gegeben haben in Seinem Wort, die den Geist der Sohnschaft empfingen und versiegelt wurden auf den Tag der Erlösung.
Das in den Briefen Pauli immer wieder mit großer Ausführlichkeit angewandte Bild von dem “Leibe”, d. h. einem in sich vollendeten, abgerundeten Organismus, der für das Haupt als künftiges Betätigungsorgan jetzt zubereitet wird, gibt uns somit wohl den richtigen Schlüssel zum Verständnis dessen, was mit dem Ausdruck “Fülle” oder “Vollzahl” bezeichnet werden soll.
Wie groß diese Vollzahl ist, ist uns natürlich verborgen. Auch darin zeigt sich die göttliche Weisheit. Wir haben wiederum dasselbe Kennzeichen des göttlichen Verfahrens vor uns: die größte Bestimmtheit (auf seiten Gottes) gepaart mit absolutem Unvermögen unsererseits, Statistiken oder Kalender zu machen.
Der Ausdruck “Fülle der Heiden” soll nicht etwa bedeuten, daß Juden von der Teilnahme am Geheimnis des Leibes Christi ausgeschlossen seien. Es ist aber wohl zu beachten, daß Paulus, der Verwalter dieses Geheimnisses, immer wieder betont, daß auch die Juden nicht, weil sie Juden sind, d. h. nicht aufgrund irgendwelchen Sondervorrechte, die sie sonst den Heiden gegenüber in der göttlichen Verwaltung anderer Zeiten unverkennbar besitzen, “in Christo Jesu” seien. Mit anderen Worten: Ein Jude genießt als solcher nicht den mindesten Vorzug, steht auch nicht auf einer anderen Grundlage “in Christo Jesu”, d. h. in der Lebensgemeinschaft mit dem Herrn und Haupt, als der ärmste, versunkenste Heide, der “in Christo Jesu” eine neue Kreatur geworden ist.
Auch der verzehrende Eifer, mit dem Paulus die Judenchristen seiner Tage davon abzuhalten suchte, den Gläubigen aus den Heiden irgendeinen jüdischen Stempel aufzudrücken oder sie unter das Gesetz Moses zu stellen, entsprang der tiefen Erkenntnis, daß es sich bei diesem Geheimnis um die besonderen Gedanken Gottes mit den Heiden handelte, — wie sie weit vor Mose und Abraham zurückdatieren und in Gott verborgen geblieben waren während der ganzen israelitischen Offenbarungs- und Bundesperiode.
15. Und also wird ganz Israel errettet werden
“… und also wird ganz Israel errettet werden, wie geschrieben steht: Es wird aus Zion der Erretter kommen, Er wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden; und dies ist für sie der Bund von mir, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde” (Verse 26.27).
Mit diesen Worten erreichen wir den Höhepunkt dieser prophetischen Darstellung. Von Stufe zu Stufe wurden die Umrisse klarer, bestimmter. Nun liegt es wunderhell vor unserem staunenden Blick: “Ganz Israel wird errettet werden!” Hier ist nicht mehr — wie in den vorhergehenden Versen des Kapitels — die Rede von Möglichkeiten, von großer und immer größerer Wahrscheinlichkeit, sondern hier treibt der Geist den Apostel zu einer bestimmten, positiven Erklärung. Gott hat die Erlösung ganz Israels unzweifelhaft in Aussicht genommen!
Beachten wir zunächst die Verbindung, in welche Paulus diese Erklärung mit dem Vorhergehenden bringt. Er sagt: “und also”. Vorher hatte er angekündigt, Israels Verblendung werde dauern, “bis daß”. Darauf folgend hätte hier ein einfaches und “alsdann” genügt. Aber sein Blick ruht nicht auf bloßer Zeitbestimmung, sondern auf einem weiteren großen Gottesgedanken, den der wunderbare und verborgene Gott — der nicht allein der Juden Gott ist, sondern auch der Heiden Gott — gerade in der Zeit durchführen will, in der Sein Volk sich unter Zorn und Gericht befindet: der Zubereitung der “Fülle der Heiden”. Dieses Werk Gottes sowie die in Aussicht gestellte Errettung ganz Israels sind zusammenhängende Glieder einer großen, geheimnisvollen Kette von göttlichen Ratschlüssen, die Zeitalter umspannen. Da gibt es kein bloßes chronologisches “und dann”, sondern es besteht ein reichsorganisches, folgerichtiges “und also”. Damit soll uns gesagt werden: Es besteht zwischen den verschiedenen Heilsökonomien, den Verwaltungen der Gedanken Gottes mit der Menschheit, ein innerer, wesenhafter Zusammenhang. Gott war nicht eher in der Lage — aus inneren, sachlichen Gründen —, sich von Israel abzuwenden und den bis dahin zurückgesetzten Heiden zuzuwenden, als bis sich Israel als Volk Ihm beharrlich verschlossen und alles fernere Wirken an ihm — außer durch Gericht — sittlich unmöglich gemacht hatte. Ebenso ist es auch hier mehr als nur ein äußeres Abwarten, bis ein gewisser Zeitabschnitt abgelaufen, ehe sich Gott in unbeschreiblicher Gnade wieder zu dem gerichteten Israel wenden kann. Der “Heiden Fülle” muß zuvor eingegangen sein, d. h. auch die Heiden müssen zuvor Raum und Gelegenheit gehabt haben, zu dem unbeschreiblich hohen Angebot echter Gotteskindschaft und Gemeinschaft mit Seinem Sohne Stellung zu nehmen. Es muß sich erst herausgestellt haben, daß auch die Völker — sogar als organisierte Christenheit, als berufene Träger und Zeugen des vollen Evangeliums Christi — nicht gewillt waren, Gott recht zu geben. Zugleich muß, mitten unter dem allgemeinen Unglauben, Halbglauben, Formwesen und Abfall der Völkerkirche, der Leib Christi, das Geheimnis der Gemeinde, ausgebaut und zubereitet werden, ehe es in den großen Wegen Gottes einen epochemachenden Schritt weitergehen kann. Darum sagt der Apostel nicht nur “und dann”, sondern “und also”.
Dieser Gedanke von der Errettung ganz Israels ist keineswegs etwas Neues, Unvorhergesehenes. Gott selbst hat uns in den Anfängen der Geschichte Israels darüber einen so deutlichen Anschauungsunterricht gegeben, daß Mißverständnisse ausgeschlossen sein sollten.
Ist auch je ein Volk geboren worden wie dieses Volk? Trotz aller Bedrückung durch Pharao und die Ägypter wächst der verachtete Haufen stetig heran zu einem großen Volk. Sein Elend steigert sich indessen ins Unerträgliche. Da sendet Gott den Mann, der schon einmal zu seinen Brüdern kam und meinte, “sie würden verstehen, daß Gott durch seine Hand ihnen Rettung gebe; sie aber verstanden es nicht” (Apg. 7, 25). Eben diesen Mose sendet Jehova nun zum zweitenmal, um ganz Israel aus dem Diensthause, aus Ägypten zu erlösen. Und was geschieht? “Das Volk glaubte” (2.Mose 4, 31). In welchem Umfang? Ganz Israel ist dem Wort des Herrn durch Mose im Glauben gehorsam, mit dem Blut unschuldiger Lämmer die Pfosten und Schwellen ihrer Hütten zu bestreichen. Es sucht und findet Deckung und Sicherheit vor dem Würgeengel unter dem Blut des Lammes. Auch nicht ein Erstgeborener aus Israel ward getötet. Denn ganz Israel war gläubig. Und so geschah es auch, daß das ganze Israel, 600.000 Mann ohne die Kinder, vollzählig aus Ägypten zog und nicht eine Klaue dahintenblieb. Ebenso zieht wenige Tage später das ganze Heer Israels trockenen Fußes durch die Tiefe des Roten Meeres.
Wenn diese göttliche Zeichensprache etwas zu bedeuten hat — und daran halten wir fest —, dann ist es gewiß, daß wir auch hier das Wort des Apostels unverkürzt stehenlassen dürfen. Das ist auch klar ausgesprochen in Jeremia 16, 14.15 und 23, 7. Da ist eine soviel großartigere und herrlichere nationale Errettung ins Auge gefaßt als jene aus Ägypten, daß man der früheren (schattenhaften) nicht mehr gedenken wird. Auch wenn dabei das Hauptgewicht auf dem ungleich herrlicheren Charakter dieser noch zukünftigen, nicht nur schattenhaften und vorübergehenden Erlösung liegt, geht es doch nicht an, dabei an einen geringeren Umfang zu denken, als bei jener Befreiung aus Ägypten.
Gewiß, wir kennen nationale Errettungen und Bekehrungen erfahrungsmäßig bis auf den heutigen Tag noch nicht. Nie und nirgends ist in diesem Äon eine ganze Stadt, eine ganze Provinz, ein ganzes Volk von Herzen an Christum gläubig geworden. Wir haben aber auch von vielen anderen Erweisungen göttlicher Macht und Herrlichkeit keine erfahrungsmäßige Kenntnis. Das beweist aber doch nicht, daß Gott in einem anderen Zeitalter, nach einem ganz anderen Verfahren als heute, es nicht zu wirklich dauerhaften Völkerbekehrungen kommen lassen könnte.
Noch ernster und weitreichender aber ist eine andere Frage: Wird sich diese nationale Errettung ganz Israels, wenn sie eintritt, nur auf die dann auf Erden lebende Generation erstrecken, oder wird sie rückgreifende Kraft und Bedeutung haben? Das heißt: Werden auch die im Unglauben und unter dem Gericht der Verblendung gestorbenen Geschlechter des ganzen Hauses Israel daran teilhaben?
Es ist uns wohl bewußt, daß wir da ein Gebiet betreten, auf dem es besonderer Vorsicht und Nüchternheit bedarf. Zugleich haben wir das schmerzliche Empfinden, daß es hier noch sehr viel dogmatische und konfessionelle Gebundenheit zu überwinden gilt. Unsere ganze evangelische Theologie und Schriftauslegung trifft der Vorwurf, daß sie diesen Fragen kaum die gebührende Sorgfalt, Mühe und Voraussetzungslosigkeit entgegengebracht hat.
Wir glauben, daß der Umfang der hier geweissagten zukünftigen Errettung Israels als Nation nicht auf die Generation beschränkt werden kann, die zu jener Zeit auf Erden leben wird, sondern daß sie sich in ihrer Ausdehnung ebensoweit zurück erstreckt wie das nationale Verblendungsgericht.
Würde Gott Sein Gnadenwalten auf die eine zu jener Zeit gerade lebende Generation beschränken, so würde das bedeuten, daß Gott in der Vollstreckung Seines gerechten Gerichts der Verblendung einen ganz anderen Maßstab angewendet habe als bei der herrlichen Erweisung Seiner rettenden Gnade. Sein Zorn brannte unausgesetzt über alle Generationen Israels von den Tagen des verworfenen bis zu denen des wiederkehrenden Messias. Seine Gnade aber würde sich nur über jenen kleinen Bruchteil des Ganzen erstrecken, der den rein zufälligen Vorzug genießt, später geboren zu sein? Das sähe wahrlich nicht so aus, als ob in diesem Falle die Barmherzigkeit sich rühmen könnte wider das Gericht.
Doch wir können der Sache noch näher kommen, wenn wir statt solcher Folgerungen auf die Schrift selbst zurückgehen. Zunächst achten wir auf den Zusammenhang dieses 11. Kapitels. In Vers 12 führte der Apostel aus: Wenn aber “ihr” Fall der Reichtum der Welt ist und “ihr” Verlust der Reichtum der Nationen, wieviel mehr “ihre” Vollzahl! Ist hier sein Blick auf den Fall und Verlust nur einer einzigen, etwa der gleichzeitig mit ihm lebenden Generation von Juden gerichtet? Oder nicht vielmehr auf den ganzen Volksbestand während des gegenwärtigen Zeitalters? Geschichte und Offenbarung bekräftigen das letztere. Wer gibt uns aber das Recht, im zweiten Gliede seines Satzes, wo von “ihrer” Vollzahl die Rede ist, den Inhalt desselben Fürwortes – “ihrer” — derart zu beschränken, daß dabei nur an eine, die letzte lebende Generation gedacht sein sollte? Eine gesunde Auslegung gewiß nicht. Das Ergebnis wäre dann auch keineswegs die vom Apostel in Aussicht gestellte “Vollzahl”, d. h. Vollzähligkeit, sondern wieder nur ein kleines Bruchstück des ganzen Volkes, ein abermaliger “Überrest”. Damit aber wäre der Fortgang in der Ausführung des Apostels zerstört, dem Gipfel seines Arguments die Spitze abgebrochen.
Im 15. Vers wird ebenfalls “ihre” Verstoßung “ihrer” Annahme gegenübergestellt. Wenn “ihre” Verstoßung sich über sämtliche Generationen erstreckt hat, mit welchem Recht lassen wir “ihre” Annahme zusammenschrumpfen auf eine einzige, die letzte einer langen, schmerzlichen Reihe?
Noch deutlicher redet Vers 16: “Wenn aber der Erstling heilig ist, so auch die Masse.” Der “Erstling” wurde zu Pfingsten aus der ersten, damals lebenden Generation genommen. Wenn es nun je in dem Erleben der “Masse” zum Ausdruck kommen soll, was durch den “Erstling” vorgebildet ist, dann muß das unwidersprechlich noch in der Zukunft liegen und kann also durch das Gestorbensein jener Generation nicht in Frage gestellt werden. Denn bei ihren Lebzeiten, das ist offenkundig, hat jene “Masse”, aus welcher der “Erstling” genommen ward, nur die furchtbar ernste Kehrseite ihres “Geheiligtseins”, nämlich das Verflucht- und Verbanntsein erfahren. Damit aber kann die Verheißung des Apostels unmöglich erschöpft sein, die das, was der Erstling im voraus hat, für die Masse folgen läßt.
Wir denken auch an die letzten Worte des Herrn Jesu in den Straßen von Jerusalem, mit denen Er sich für lange Zeit von Seiner Stadt verabschiedete, die in derselben bemerkenswerten Weise wie in unserem Text dem ernsten Gericht die wunderbare Begnadigung und Errettung folgen lassen: “Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt! Siehe, euer Haus wird euch wüst gelassen; denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!” (Matth. 23, 37-39).
Das Geschick, das der Messias hier Seinem verblendeten Volk in Aussicht stellt, deckt sich in den Grundlinien Zug um Zug mit dem, was Paulus in Römer 11 ankündigt. Wir fragen nun: Wen meinte denn der Herr, da Er sagte, “euer” Haus soll “euch” wüst gelassen werden, “ihr” werdet mich von jetzt an nicht sehen …? Ohne Zweifel das zeitgenössische Geschlecht jener Tage. Das hat die Geschichte bewiesen. Es ist geschehen nach Seinem Wort. Aber wenn Er nun in derselben Rede und vor den Ohren derselben Hörer fortfährt zu sagen: bis daß “ihr” sprecht: Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn! — wen meint Er da? Ist es wirklich nötig, nein, statthaft und mit ehrlicher Auslegung vereinbar, mit einemmal einen Sprung zu machen von den Zeitgenossen Jesu über alles Dazwischenliegende hinweg bis zu der Generation von Juden, die bei Seiner Wiederkunft in den Straßen Jerusalems gefunden werden wird? Was für einen seltsamen Sinn ergäbe es doch, wenn Jesus Seinen Zeitgenossen zugerufen haben sollte: Ihr werdet mich nicht mehr zu sehen bekommen, bis daß eure Nachkommen in etwa 2000 Jahren sprechen: Gepriesen sei, der da kommt!? Haben wir es hier mit einem Strafgericht zu tun — und das haben wir ohne Zweifel —, dann kann die Ankündigung vom Ende dieses Strafgerichts doch nur für die Bedeutung haben, die von diesem Gericht zunächst betroffen wurden. Wußte aber Jesus — und wir glauben fest, daß Er es wußte —, daß viele Generationen darüber hinsterben würden, ehe Sein Wort sich erfüllen konnte, dann war es müßig und überflüssig, denen eine solche Verheißung zu geben, die gar nicht davon betroffen waren. Mit andern Worten: Ohne die Voraussetzung, daß Jesu damalige Hörer wirklich Zeugen Seiner Wiederkunft sein und dann so sprechen werden, wie Er es ihnen in den Mund gelegt, haftet Seiner Rede der Makel des Unzutreffenden, wenn nicht des Ungereimten an.
Daß diese Voraussetzung aber richtig ist und bei Ihm lebendig und prophetisch gegenwärtig war, bezeugt uns die Offenbarung. Dort lesen wir gleich im Eingang (1, 7): “Siehe, Er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird Ihn sehen, auch die Ihn durchstochen haben, und wehklagen werden Seinetwegen alle Stämme des Landes.” Da ist es mit klaren Worten ausgesprochen, daß die damaligen Zeitgenossen des Messias — die Ihn durchstochen haben — Ihn sehen und an der nationalen Wehklage Seinetwegen teilnehmen werden. Den Einwand, das Wort beziehe sich auf das Endgericht und das Wehklagen sei veranlaßt durch die Verzweiflung der unrettbar Verlorenen, weisen wir entschieden zurück; wäre er berechtigt, so müßte es heißen: sie werden wehklagen ihretwegen, d. h. ihres Verderbens wegen; zudem ist es eine völlig grundlose und geradezu ungeheuerliche Annahme, alle Stämme des Landes Israel (geschweige denn alle “Geschlechter der Erde”, wie auch übersetzt wird) als unrettbar Verlorene zu stempeln, wenn Jesus wiederkommt. Vielmehr kann sich jeder einfältige Leser des Wortes Gottes durch einen Vergleich mit Sacharja 12,10-14 überzeugen, daß in Offenbarung 1, 7 nur zusammengefaßt ist, was der Prophet dort ausführlich schildert.
In unserem Text in Römer 11 gibt nun Paulus folgendes als Begründung an für die große Ankündigung, daß das ganze Israel gerettet werden soll: “Es wird aus Zion der Erretter kommen, Er wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden; und dies ist für sie der Bund von mir, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.” Mit der textkritischen Frage, wie diese allerdings merkwürdige Zusammenstellung mehrerer alttestamentlicher Weissagungen entstanden sein möge, wollen wir uns nicht aufhalten. Wir verweisen nur auf die Stellen, welche Paulus durch den Geist hier in eigenartiger Weise kombiniert. Es sind: Jesaja 27, 9; 59, 20; zu vergleichen mit Jeremia 31, 33; Psalm 110, 2 und Psalm 2, 6. Wir nehmen den Text, wie wir ihn finden. Er verkündet in deutlicher Weise die große Rettermission des wiederkehrenden Messias an Seinem Volk, dem Hause Jakob.
Daß hier an die zukünftige Wiederkehr des Herrn zu denken ist, sollte keiner besonderen Beweisführung bedürfen. Schon die Bezeichnung “aus Zion” würde mit dem ganzen Charakter der ersten Ankunft des Messias nicht harmonieren. Diese geschah aus Bethlehem und Nazareth, aus Armut, Schwachheit und Niedrigkeit, zum Leiden, zum Verworfenwerden, zum Sterben. Seine zweite Ankunft geschieht “aus Zion”, dem Thronsitz des davidischen Herrscherhauses.
Aber wie soll man sich erklären, daß der Anblick des in Herrlichkeit wiederkehrenden Jesus rettende und bekehrende Kraft haben soll? Widerspricht das nicht aller Erfahrung? Nun mag es ja wohl unserer Erfahrung widersprechen. Aber ist denn Gott in Seinem Heilswirken für alle Zeitalter an unsere Erfahrung gebunden? Zudem widerspricht es nicht “aller” Erfahrung. Der Mann, der dieses schrieb, hatte auch eine Erfahrung gemacht. Er sah den verherrlichten Christus persönlich auf dem Wege nach Damaskus, und das gereichte ihm zum Heil und zu einer herrlichen Berufung. Dem entspricht auch das Verfahren des Auferstandenen mit Seinem Jünger Thomas. Dieser weigert sich entschieden, dem bloßen Zeugnis seiner Mitjünger von des Herrn Auferstehung zu glauben. Darin ist Thomas ein echter Typus seines verblendeten Volkes. Und was geschieht? Wird Thomas verworfen, abgesetzt oder gar verdammt? Keineswegs. Acht Tage später tritt der Auferstandene selbst vor ihn hin und spricht: “Reiche deine Hand, deinen Finger her — und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!” Da bricht Thomas zusammen, und er bekennt: “Mein Herr und mein Gott!”
“Und dies ist für sie der Bund von mir, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.” Daß dies nicht, wie der vom Sinai, ein Bund der Werke und Leistungen, sondern gleich dem mit Abraham, Isaak und Jakob ein Bund freier, gnädiger, bedingungsloser Verheißungen sei, bedarf keines Beweises. Es ist der Herr allein, der verheißen hat, ihre Sünden wegzunehmen – “des ganzen Landes Sünde” (Sach. 3, 9), des ganzen Volkes Sünde (Jes. 33, 24), — alle ihre Sünden und Unreinigkeiten (Jer. 31, 34; Hes. 36, 25. 29. 33; Micha 7, 19). Und warum wird der Herr, Jehova-Jesus, solches an Seinem Volk tun? Er läßt es uns durch den Propheten sagen: “Nicht um euretwillen tue ich es, Haus Israel, sondern um meines heiligen Namens willen, den ihr entweiht habt unter den Nationen, wohin ihr gekommen seid” (Hes. 36, 22.32).
Der Charakter der Errettung, die für Israel als Nation hier geweissagt wird, unterscheidet sich durchaus von dem Verfahren Gottes mit der Gemeinde als dem “Leibe Christi”. Es ist sehr zu beklagen, daß man weithin keine anderen Unterscheidungen kennt als “ewig selig” und “ewig verloren”. Die Schrift aber kennt nach 1. Korinther 3, 15; 9, 24-27; 15, 40.41 auf dem Boden des Gerettetseins gewaltige Abstände und Unterschiede. (Man denke auch an Abraham und Lot!) In 1. Korinther 15, 40 lehrt Paulus: “Es sind himmlische Körper und irdische Körper.” Nun ist nach der Schrift die Gemeinde Jesu Christi, aus gläubig gewordenen und im Glauben (ohne Schauen) vollendeten Juden und Heiden bestehend, ein durchaus himmlischer Körper, das Ergebnis einer himmlischen Berufung, mit einem himmlischen Bürgerrecht, mit himmlischen Verheißungen und Aufgaben. Israel als Volk hingegen soll das verheißene Land erben, das Erdreich besitzen, das Volk göttlicher Pflanzung auf dieser Erde sein, Zentrum und Ausgangspunkt für alle ferneren reichsgeschichtlichen Vorgänge unter der Menschheit, Organ Gottes für die Vollstreckung Seiner weltgeschichtlichen Ziele hier unten. Gerettet wird ganz Israel. Aber auf einer ganz anderen Stufe als die Gemeinde. Es bekommt weder ein himmlisches Erbe (anstatt des verheißenen Landes Kanaan) noch einen Platz unter denen, die die Sohnschaft und damit verbundene Herrlichkeit erben werden. Das ist eine Bestimmung, die Gott nicht Schauenden, sondern nur Überwindern durch den Glauben zugedacht und zugesagt hat.
16. Feinde und doch Geliebte
“Hinsichtlich des Evangeliums sind sie zwar Feinde, um euretwillen, hinsichtlich der Auswahl aber Geliebte, um der Väter willen” (Vers 28).
Aus dem ganzen Zusammenhang der bisherigen Darlegung des Apostels ergibt sich, daß beide Bezeichnungen: “Feinde” und “Geliebte”, nur als Ausdruck der göttlichen Gesinnung oder Haltung Israel gegenüber zu verstehen sind.
Wir sahen, um was es sich im großen göttlichen Plan der Zeitalter handelte. Als der Eingeborene vom Vater das Werk vollbracht hatte, das Er auf Erden tun sollte, war Er aufgefahren über alle Himmel und eingegangen in die Herrlichkeit des Vaters. Ehe Er nun auf die Erde zurückkehren und den Thron Seines Vaters David einnehmen würde, sollte Er selbst erst eine “Fülle”, d. h. eine Vervollständigung erhalten, wie ein “Haupt” sie an seinem “Leibe” hat (Eph. 1, 23). Dieses Geheimnis hatte Gott von den Zeitaltern her nicht Israel zu verwalten gegeben, sondern bei sich verborgen gehalten (Röm. 16, 25; Kol. 1, 26). Denn auf dem Boden dieses wunderbaren Verhältnisses galt Israels Sonderstellung und Bevorzugung nichts. Israel war aber nicht gewillt, sich dieser neuen Ordnung im göttlichen Haushalt zu fügen. Nicht nur widerstrebten sie, wie ihre Väter, allezeit dem Heiligen Geist, sondern das Auftreten des aus ihrer Mitte stammenden Apostels Christi Jesu an die Heiden, der dieses Geheimnis unserer Teilhaberschaft an der Herrlichkeit Christi zu verwalten hatte, erregte ihren Neid und bitterste Feindschaft. So erfüllte sich — und mußte sich nach inneren Gesetzen erfüllen —, was geschrieben steht: “Da wandelte Er sich ihnen in einen Feind; Er selbst stritt wider sie” (Jes. 63, 10). Und seit jenen Tagen ist es ihnen nun schon bald zwei Jahrtausende lang nach dem Wort durch Jeremia ergangen: “Ich habe dich geschlagen mit dem Schlage eines Feindes, mit grausamer Züchtigung” (Jer. 30, 14).
Das ist geschehen, schreibt Paulus, “um euretwillen”. So weit ist Gott mit dem auserwählten Volk gegangen, in solche Tiefen des Schmerzes und der Züchtigung ist Er mit ihm hinabgestiegen, um Seinen wunderbaren Ratschluß mit der “Heiden Fülle” frei und ungehindert hinausführen zu können. Die Verstockung Seines Eigentumsvolkes ist der Preis gewesen, den es Ihn gekostet hat “um unseretwillen”. O welche Tiefen des “Leidens Christi” für Seinen Leib, die Gemeinde (Kol. 1, 24)! Denn nicht kalt und gefühllos hat Israels Gott Sein Volk von den Feinden bedrängen, peinigen und zertreten lassen. “Wer sie antastet, tastet Seinen Augapfel an” (Sach. 2, 8). Und der Tag der Abrechnung und Heimsuchung für die stolzen, sicheren Nationen wird kommen, wie geschrieben steht: “Darum sollen alle, die dich fressen, gefressen werden, und alle deine Bedränger sollen insgesamt in die Gefangenschaft gehen, und deine Berauber sollen zum Raube werden, und alle deine Plünderer werde ich zur Plünderung hingeben” (Jer. 30, 16).
“Hinsichtlich der Auswahl aber Geliebte, um der Väter willen.” Das ist die andere Seite derselben Sache. Aus jenem “um euretwillen” wurde uns klar, warum Gott so furchtbar ernste Maßregeln mit Israel ergreifen mußte, weil es sich sonst auf Schritt und Tritt der Ausführung Seines Ratschlusses mit der “Heiden Fülle” widersetzt haben würde. Aus diesem “um der Väter willen” leuchtet ebenso hell hervor, warum es niemals zu einem Aufgeben der göttlichen Liebesgedanken mit Seinem Volke kommen kann. Sie sind und bleiben “Geliebte”. Das ist der unversiegliche Born, aus dem die Propheten einerseits ihre ergreifendsten Klagen, aber auch ihre reichsten Verheißungen zukünftiger Erlösung und Wiederannahme geschöpft haben.
Unter der “Auswahl” ist hier nicht der “Überrest nach Wahl der Gnade” zu verstehen, von dem oben in Vers 2-5 die Rede war. Denn der Geist ist hier offenbar nicht mehr mit jener Phase dieser großen Frage beschäftigt. Sondern unter “Auswahl” ist hier das unserm Denken unergründliche Planen unseres Gottes zu verstehen, der alle Dinge umfaßt und lenkt nach dem Rat Seines Willens. Bei der bloßen Betrachtung der “Auswahl” und “Auserwählung” als eines abstrakten Begriffes kommt aber für uns nichts heraus als Ermüdung des Geistes. Darum folgt hier gleich der Zusatz: “um der Väter willen”. Damit werden wir wieder auf den Boden konkreter Tatsachen und lebensvoller göttlicher Erweisungen gestellt.
Als Jehova einst Mose aus dem feurigen Busch beauftragte, der Retter seines bedrängten Volkes zu werden, da geschah es mit dem Hinweis auf Seinen eigenen Charakter als “Gott der Väter, Gott Abrahams, Gott Isaaks und Gott Jakobs”. Und immer wieder begegnet uns an den großen Wendepunkten der Geschichte Israels diese Bezugnahme auf die Verheißungen, den Bund, den Eid mit “den Vätern” (2. Mose 2, 24.25; 2. Kön. 13, 23; 1. Chron. 16, 15-17; Micha 7, 20; Luk. 1, 54). Soll damit gesagt werden, daß Gott nicht eidbrüchig werden kann? Gewiß ist das mit ausgesprochen. Aber es muß noch mehr darin liegen, sonst wäre der einfache Hinweis auf die Ehre des göttlichen Namens hinreichend, das auszudrücken. Es heißt aber hier ganz bestimmt: “um der Väter willen”.
Aus dem parallelen Ausdruck “um euretwillen” ging hervor, daß Gott Sein geliebtes Volk als “Feinde” behandelt habe, um gewisse große Pläne mit uns Heiden durchzufahren. Ist es da nicht das Natürlichste, dem Ausdruck “um der Väter willen” dieselbe Deutung zu geben, dieselbe Anwendung zu machen? Dann würde dieser Ausdruck auf denselben Zielpunkt hinauslaufen, auf den wir schon Vers 26 hingelenkt wurden, als wir erkannten, daß zur erschöpfenden Ausführung der nationalen Verheißungen Gottes für Israel auch die bereits verstorbenen Geschlechter mit berücksichtigt werden müssen. Gott will und wird auch den Vätern und “um ihretwillen” ihrem Samen, Seinem ganzen Volk, den Geliebten die Treue halten und alles erfüllen, was Er ihnen durch den Mund Seiner Propheten von alters her zugesagt hat.
Nun hat aber, wie Stephanus in seiner letzten gewaltigen Rede an den Hohen Rat ausführte, z. B. Abraham im verheißenen Lande zu Lebzeiten kein Erbe erhalten, auch nicht einen Fuß breit (Apg. 7, 5). Das bestätigt uns der Hebräerbrief (11, 9), wo uns gesagt wird, “Abraham hielt sich auf im Lande der Verheißung wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung”. Unzweifelhaft hat Gott die ganz bestimmt und persönlich gehaltene Zusage an Abraham, ihm jenes Land zu geben, bis auf diesen Tag nach ihrem einfachen Wortlaut nicht erfüllt. Warum erinnert Stephanus daran? Geschieht es, um das Wort Gottes zu entkräften? Nimmermehr. Und theologische Kunstgriffe, mit denen man z. B. dem Abraham als Schadenersatz einen besonderen Ehrenplatz “im Himmel” zuweist und dafür dann auf eine wortgetreue Erfüllung jener Gottesverheißung verzichtet, waren damals noch nicht erfunden und in Umlauf gesetzt. Wer Apostelgeschichte 7 im Zusammenhang liest, findet unschwer darin den einfachen Grundgedanken ausgeführt, der alles göttliche Walten und Wirken beherrscht, daß nämlich Gott Sein eigentliches Ziel immer erst beim “zweitenmal”, d. h. durch Auferweckung hindurch, erreichen will und erreicht. (Man vergleiche an Vorbildern den “ersten” mit dem “zweiten” Adam, den “ersten” Menschensohn (Kain) und den “andern”, der erst der Schlange den Kopf zertritt, Joseph, der sich erst beim “zweitenmal” seinen Brüdern zu erkennen gibt, Mose, der erst “beim andernmal” das glaubende Volk aus Ägypten führte.) So wies der Herr auch den Sadduzäern gegenüber klar und kräftig darauf hin, daß Gottes Gedanken mit den “Vätern” erst durch Auferweckung erfüllt werden, indem Er ihnen entgegnete: “Daß aber die Toten auferstehen, hat auch Mose angedeutet in dem Dornbusch, wenn er den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt. Er ist aber nicht Gott der Toten, sondern der Lebendigen; denn für Ihn leben alle” (Luk. 20, 37. 38). Wer schließlich recht behält, ob jene einfältigen Väter, die Gottes Wort für bare Münze nahmen und, wenn Gott ihnen verhieß: “Das Land will ich euch geben”, nicht “geistlich” (?) genug waren, zu glauben, Er meine damit “den Himmel”, — oder unsere vergeistigenden Schriftdeuter, das wird die Zukunft lehren. Wir halten es einstweilen für das Sicherste und Gott am meisten Ehrende, Seinen Worten keinen anderen Sinn unterzulegen, als sie für das Verständnis des einfachen Laien haben.
17. Gottes Gnadengaben und Berufung sind unwiderruflich
“Denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar (unwiderruflich)” (Vers 29).
Offenbar sollen diese Worte das begründen, was uns der Apostel soeben über Israels Wiedereinpfropfung in seinen eigenen Ölbaum, von seiner nationalen Erlösung und Wiederverwendung gesagt hat.
Gott hat diesem Volke als Volk eine besondere “Berufung” und besondere “Gnadengaben” verliehen. Ist Er darin dem Manne gleich geworden, der einen Turm zu bauen anfing, den Grund legte, es aber nicht hinausfahren konnte? Muß Er die “Berufung” zurücknehmen oder auf andere übertragen? Muß Er die “Gnadengaben” außer Kraft setzen? Wir haben schon gesehen, wie gründlich Paulus mit solchen törichten Vorstellungen aufräumt.
Hier hebt er nun in besonderer Weise die Unwiderruflichkeit der “Berufung und Gnadengaben” hervor, die Gott diesem Volke verliehen. Das ist keine müßige Wiederholung. Ehe wir untersuchen, was mit dieser “Berufung und Gnadengaben” gemeint sei, wollen wir uns noch zweierlei vergegenwärtigen. Zunächst, daß hier nicht von Heilsbedingungen die Rede ist, also auch nicht von der “Berufung” zum Heil in Christo, das allen Menschen ohne Unterschied in diesem Zeitalter angeboten wird; ebensowenig sind “Gnadengaben” (Charismata) im engeren Sinne gemeint, von denen Paulus etwa in 1. Korinther 12 und 14 an die Gemeinde schreibt. Ferner sei daran erinnert, daß es sich hier nicht um Berufung oder Ausrüstung des einzelnen handelt, sondern um nationale und korporative, um solche von Völkern oder Körperschaften.
Eine zutreffende Beantwortung der Frage nach dem Umfang und Inhalt dieser unwiderruflichen “Berufung und Gnadengaben” finden wir im gleichen Brief an die Römer. In Kapitel 3, 1.2 hatte Paulus schon Anlaß gefunden zu der Frage: “Was ist nun der Vorteil der Juden? Oder was der Nutzen der Beschneidung?”, und er antwortet: “Viel, auf jede Weise. Denn zuerst — wohl im Sinne von: vor allem — sind ihnen die Aussprüche Gottes anvertraut worden.” Ein Blick auf die Abfassung der Bücher und Briefe des Neuen Testaments zeigt uns, wie unwiderruflich gerade diese “Gnadengabe” sei. Denn diese geschah (mit einer einzigen möglichen Ausnahme, der des Lukas, der aber unzweifelhaft vor seiner Nachfolge Jesu ein Proselyt des Judentums war) durch lauter jüdische Männer. Und sogar das “Geheimnis” von der Mitteilhaberschaft und Miterbschaft der Heiden an der Lebens- und Herrlichkeitsfülle “in Christo Jesu”, welches Gott den Propheten Israels nicht anvertraut hatte, übergab Gott einem Manne zur Verwaltung, der wiederholt mit Nachdruck betont: “Ich bin auch ein Israelit!” In derselben gegenwärtigen Heilszeit, da das Offenbarungsvolk Israel als ganzes brach und müßig daliegt, auf sich selbst beschränkt, mit sich selbst zufrieden, verblendet, ausgebrochen, unfruchtbar für die Völkerwelt, sind dennoch die maßgeblichen Lehrer und Verwalter Seines “Geheimnisses” an die Nationen, die uns Gottes Wort für diese Heilszeit gegeben haben aus — Israel. Deutlicher konnte Gott es gar nicht zeigen, wie unwiderruflich Seine “Berufung und Gnadengaben” an Israel seien.
In Kapitel 9, 4 unseres Briefes gibt uns der Apostel noch weiteren Aufschluß über Umfang und Ausdehnung der Berufung und Gnadengaben Israels. Er schreibt: “… welche Israeliten sind, deren die Sohnschaft ist und die Herrlichkeit und die Bündnisse und die Gesetzgebung und der (Gottes-)Dienst und die Verheißungen.”
Wir erkennen auf den ersten Blick, wie notwendig unsere oben ausgesprochene Warnung ist, nicht Dinge zusammenzuwerfen, die nicht zusammengehören. Die von Paulus dem jüdischen Volke zugesprochene “Sohnschaft” z. B. im Sinne von Römer 8 zu deuten und nicht zwischen einer nationalen und individuellen Sohnschaft zu unterscheiden, hätte nichts als Verwirrung zur Folge. Und wie mit der Sohnschaft, so steht es mit allen sechs Stücken: auch mit der Herrlichkeit, den Bündnissen, der Gesetzgebung, dem Dienst und den Verheißungen.
Die “Sohnschaft” ist dieselbe, von welcher Mose zum erstenmal dem Pharao gegenüber spricht: “Mein Sohn, mein erstgeborener, ist Israel” (2. Mose 4, 22; vgl. Hos. 11, 1 und Jer. 31, 9).
Die “Herrlichkeit” ist jene, die dem neugeborenen Volke in der Wolken- und Feuersäule voranleuchtete und sich deckend und schirmend zwischen Israel und das Heer des Pharao lagerte, die auf dem Sinai erschien, die Hütte des Zeugnisses und später den Tempel erfüllte, die dann beim Abbruch der offiziellen theokratischen Beziehungen Jehovas zu Seinem Volk demonstrativ die Stadt und das Heiligtum verläßt (Hes. 11, 22.23), — die aber, nach Jesaja 4, 5.6, der Herr wieder “schaffen wird über jede Wohnstätte des Berges Zion und über seine Versammlungen an dem Tage, da Er den Unflat der Töchter Zions abgewaschen und die Blutschulden Jerusalems aus dessen Mitte hinweggefegt haben wird durch den Geist des Gerichts und den Geist des Vertilgens”.
Die “Bündnisse” sind nicht zu erblicken in jenem unvollkommenen, nur zeitweise zu pädagogischen Zwecken eingeführten Bund vom Sinai, der auf gehorsamer Gesetzeserfüllung beruhte und deshalb nie gehalten werden konnte; sondern es sind die mit den Vätern, die Gott selbst in bedingungslosen, freien, souveränen Zusagen zwischen sich und ihnen aufstellte und an die Er sich mit einem Eide gebunden hat, die aber von keines Menschen Verhalten abhängig gemacht sind; dabei geht es
- um den Besitz des verheißenen Landes und eine große Nachkommenschaft (Bund mit Abraham) und
- um das theokratische Königtum (Bund mit David).
Bei der “Gesetzgebung” haben wir ebenfalls nicht nur an den Sinai zu denken — obwohl, was dort geschah, typisch ist für das, was noch in der Zukunft liegt. Der Ausdruck “Gesetzgebung” umfaßt mehr als das damals gegebene Gesetz. Es hebt vielmehr die Tatsache hervor, daß es mit zu den besonderen Eigentümlichkeiten des israelitischen Volksbestandes gehört, daß seine Gesetzgebung für Familie, Kultus und Staat nicht menschlichen, sondern direkt göttlichen Ursprungs ist. Wie Psalm 147, 19.20 gesagt ist: “Er verkündigte Jakob Sein Wort, Israel Seine Satzungen und Rechte. Keiner Nation hat Er also getan.” Das ist das Einzigartige an der Gottesherrschaft (Theokratie), daß Er selbst, der große Gott vom Himmel, es unternimmt, nicht etwa den Gewaltigen und Herrlichen im Himmel, sondern einem sterblichen Volk von sündigen Menschenkindern auf Erden Gesetzgeber, Richter und König zu sein. Die Gemeinde Jesu hat nie einen ähnlichen Auftrag gehabt; sie war nie berufen, Reich-Gottes-Zustände in diesem Äon auf Erden herbeizuführen. Daß sie sich doch daran versucht und zerarbeitet hat, ist kein Beweis für ihre Berechtigung dazu. Es ist ihr ergangen wie Abraham, der wohl die Verheißungen von dem kommenden Samen glaubte, dem aber die Erfüllung zu lange dauerte, und so zeugte er — Ismael! So ist die Christenheit den Bund mit den Kräften des gegenwärtigen Äons eingegangen, mit Kunst, Wissenschaft, Politik usw., und hat ihren “Ismael” erzeugt, die hochgerühmte “christliche Kultur und Zivilisation”! Mit dieser werden nun die armen anderen Erdenvölker durch “christliche” Regierungen vermittels “christlicher” Kriegsheere und Panzerflotten “nolens volens” (ob sie wollen oder nicht) beglückt. Denn “Ismael ist ein wilder Mensch”. Ein Zerrbild des “Reiches Gottes” ist entstanden, verglichen mit dem vom Geiste der Weissagung entworfenen Bild. Gottlob wird auch die wahre Erfüllung der Weissagung durch den zukünftigen “Isaak Gottes” nicht ausbleiben.
Mit dem hier ferner genannten “(Gottes-)Dienst” steht es ähnlich. Auch dieses Wort hat nichts zu tun mit Gemeinde- oder Kirchenverfassung, liturgischer oder kultischer Ordnung für dieses Zeitalter. Dieses Wort blickt hinaus auf die Zeit, wo echtes Priestertum und wahres “Königtum von Gottes Gnaden” in vollendeter Harmonie auf einem Throne, dem des Sohnes Davids, vereint sein werden (Sach. 6, 13).
Und die “Verheißungen”? Was kann damit anders gemeint sein als die unerschöpfliche Fülle großartiger göttlicher Zusagen, daß Er selbst der Herr, solches in Seiner Weise und zu Seiner Zeit, durch Seinen Geist, unter dem Zepter Seines Gesalbten, an und mit eben dem ungehorsamen Hause Israel in Seinem Lande durchfuhren werde. Aus dem Reichtum solcher Verheißungen lese man nach: Hesekiel 11, 17-20; 36, 24-30; 37, 21-28. Ebenso, wie alle die großen Gottestaten in Bethlehem, Nazareth, Jerusalem und Golgatha in buchstäblicher Erfüllung des prophetischen Wortes geschehen sind, erwarten wir auch die Erfüllung aller dieser Weissagungen ihrem einfachen Wortlaut nach. Der Maßstab, wie Gott diese Verheißungen in der Vergangenheit schon erfüllt hat, ist auch für die noch unerfüllten gültig. Andernfalls hätte es uns Gott durch Jesus oder die Apostel in der unzweideutigsten Weise wissen lassen. Eine Schriftauslegung aber, die in selbsterwählter “Geistlichkeit” über das für den Herrn und die Apostel maßgebende Gesetz der Deutung hinausgeht, hört für uns auf, “christlich” zu sein. Sie hat kein Recht, gehört zu werden.
In dem, was Paulus in Römer 3, 1.2 und 9, 4 anführt, haben wir eine deutliche Zusammenfassung dessen, was er hier — in Römer 11 — Israels “Berufung und Gnadengaben” nennt. In jenen Stücken liegt unübertrefflich kurz und voll ausgedruckt, was Israels theokratisch-nationale Berufung und Ausstattung in der Ökonomie Gottes auf Erden ausmacht. Wenn Paulus nicht ausführlich das wiederholt und im einzelnen bekräftigt, was die Propheten von der nationalen und politischen Wiederherstellung Israels in seinem Lande bezeugt haben, so geschieht das nur, weil es für ihn ausgemacht und selbstverständlich war, daß es Gott an keinem fehlen lassen werde, was Er Seinem Volke je verheißen hat, wie auch seinen Lesern.
Gottes Gnadengaben und Berufung an Israel sind unwiderruflich. Deshalb blicken wir im Glauben hinaus in ein Zeitalter, da nicht einzelne aus Israel — wie bisher immer nur —, sondern das ganze Volk ein Träger und Kanal unbeschreiblichen Segens und Heils für die übrige Menschenwelt auf Erden sein wird. Eine Zeit, wie Sacharja sie geschaut hat, da er spricht: “Und es wird geschehen, gleichwie ihr, Haus Juda und Haus Israel, ein Fluch unter den Nationen gewesen seid, also werde ich euch retten, und ihr werdet ein Segen sein” (Sach. 8, 13). Kann es denn hier auch einen Zweifel geben, ob Gott dem verheißenen Segen, der vom “ganzen Hause Israel” über die Völker gehen soll, die gleiche Ausdehnung geben werde wie dem unleugbar geschichtlich gewordenen Fluch?
18. Ein zusammenfassender Rückblick
“Den gleichwie (auch) ihr einst Gott nicht geglaubt habt, jetzt aber unter die Begnadigung gekommen seid durch den Unglauben dieser, also haben auch jetzt diese an eure Begnadigung nicht geglaubt, auf daß auch sie unter die Begnadigung kommen” (Verse 30.31).
Der Apostel ist am Ziel seiner Ausführungen. Mit sicherer Hand durfte er uns aus den tiefen Gründen der Gerichtswege Gottes mit Seinem Volk hinaufführen auf die sonnigen Höhen der ewigen Liebesgedanken desselben Gottes mit demselben Volk. Nun wir die Höhe erstiegen haben, zeigt er unserem Blick den wunderbar verschlungenen, großartig verlaufenden Weg, den der große Gott mit den beiden Gruppen der Völkerfamilie — mit dem Erstgeborenen, Israel, einerseits, und mit den übrigen Völkern andererseits — gegangen ist und noch geht. Diese Verse enthalten nichts Geringeres als ein kurzes, aber umfassendes Schema des göttlichen Heilswaltens in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie sind uns der Schlüssel zum richtigen Lesen aller Religions- und Weltgeschichte. Alle Geschichts-Philosophie hat hier ihren Prüfstein.
Der vorliegende Abschnitt zerfällt auf natürliche Weise in vier Glieder, die wir in folgendem Schema gruppieren:
- Ihr (die Heiden) habt einst Gott nicht geglaubt.
- Jetzt seid ihr unter die Begnadigung gekommen — durch den Unglauben dieser (Israels).
- Also haben diese jetzt nicht geglaubt — an eure Begnadigung,
- Auf daß auch sie unter die Begnadigung kommen.
a) Ihr habt einst Gott nicht geglaubt
Dieses Wort blickt weit zurück. Es reicht über die Zeit hinaus, da Gott, durch Aussonderung des Samens Abrahams, der Geschichte der Menschheit eine doppellinige Bahn wies. Es umschließt die Zeiten von der Flut bis auf den Anbruch der gegenwärtigen Heilszeit. Wenn wir beherzigen, daß Noah, der durch seinen Glauben die damalige Welt verurteilt hatte (Hebr. 11, 7), das Flutgericht um 350 Jahre, Sem sogar um 500 Jahre überlebte, so wird uns klar, daß die damalige Völkerwelt nicht ohne gewaltige Zeugen Gottes war. Dasselbe wird uns bestätigt durch die Erscheinung eines Melchisedek, des Zeitgenossen Abrahams, unter den Königreichen der Kanaaniter. Die Väter Abraham, Isaak, Jakob und Joseph im Verkehr mit den Königen ihrer Tage bekunden gleichfalls, daß Gott sich jenen Völkern, obgleich sie ihre eigenen Wege gehen durften, nicht unbezeugt ließ. Später gibt Gott Sein eigenes Volk zur Strafe unter die Gewalt der Heiden. Juda läßt sich nicht warnen durch das Geschick Samarias. Jerusalem fällt. Nebukadnezar wird mit der Weltherrschaft belehnt (Dan. 2, 37.38). Die “Zeit der Heiden” beginnt. Daniel ist in Babylon unter drei Dynastien ein treuer Zeuge Jehovas gegen die abgöttische Vermessenheit der Könige der Heiden. Aber alles ist vergeblich. Der religiöse und sittliche Verfall der hochgradig kultivierten Völkerwelt vollzieht sich unaufhaltsam mit entsetzlicher Konsequenz.
b) Jetzt aber seid ihr unter die Begnadigung gekommen durch den Unglauben dieser
Also nicht “auf Probe” noch “unter Gesetz” steht die heutige Völkerwelt, sondern “unter Begnadigung” durch das selige Evangelium Gottes. Und zwar durch den Unglauben Israels. Es ist und bleibt eines der tiefsten Geheimnisse, daß wir Heiden tatsächlich dem hartnäckigen Unglauben Israels den gekreuzigten Christus zu verdanken haben und das Blut, das nicht nur von aller Sünde reinigt, sondern auch — nach Epheser 2, 13 — uns, die wir fern waren, nahe gebracht hat.
c) Also haben jetzt diese nicht an eure Begnadigung geglaubt
Eine merkwürdige Parallele. Eben hatte Paulus gesagt: “Ihr Heiden habt einst Gott nicht geglaubt.” Nun sagt er, daß gleicherweise Israel, das berufene Gottesvolk, das ihm gesandte Licht in Finsternis verkehrt habe und darum ganz finster geworden sei. Denn hellere Strahlen freier, unbegreiflicher Gnade Gottes hatten nie auf Erden geleuchtet, als da Gott uns Heiden, den Verlorenen und Fremdlingen, die ganze Fülle der Herrlichkeit in Christo Jesu auftat, und zwar vor den Augen Israels. Denn Petrus und seine Begleiter im Hause des Kornelius waren als jüdische Männer anwesend, als den ersten Heiden die Fülle des Geistes zuteil wurde ohne Beschneidung oder Gesetzesbeobachtung. Ebenfalls war ja Paulus, der Apostel Christi Jesu an uns Heiden, ein Israelit, wie er selbst betont. Also an der bisher größten Liebestat ihres Gottes kamen die berufenen geistlichen Führer des erwählten Volkes zu Fall.
d) Auf daß sie unter die Begnadigung kommen
Man möchte fast stutzig werden vor diesem “auf daß” und meinen, mit einem “so daß” wäre es auch genug. Aber Gott muß auch in diesen kleinen Worten recht behalten. Sie sagen uns oft so Großes. Hier drückt das “auf daß” in bestimmtester Weise das zielbewußte, planmäßige Verfahren Gottes in Seiner Verwaltung der verschiedenen aufeinanderfolgenden Zeitalter und Heilsökonomien aus. Es läßt gar keinen Raum für Täuschung, Fehlschlag, Notbehelf oder Flickarbeit.
Wenn wir es nicht mit diesem zielbewußten göttlichen “auf daß” zu tun hätten, möchte uns wohl bange werden hinsichtlich der endlichen Ausführung der göttlichen Zukunftsgedanken mit dem Volk Seiner Wahl. Aber Er ist es ja, der aus dem Staube der Erde Sein Ebenbild schuf; der einen verachteten Nazarener zur Rechten Seiner Majestät erhöhte; der aus Kindern des Zorns echte, vollberechtigte “Söhne Gottes” macht. Es ist Sein Ruhm, aus dem verzweifeltsten Material das Herrlichste zu erzeugen.
19. Ein unergründlicher Gnadenratschluß
“Denn Gott hat (sie) alle zusammen in den Unglauben eingeschlossen, auf daß Er (sie) alle begnadige” (Vers 32).
Nicht persönliche Heilslehre, sondern Reichslehre wird uns hier gegeben. Gerade wie wir auf dem Gebiet der Rechtskunde unterscheiden zwischen Privatrecht und Völkerrecht. Gaben uns die beiden vorhergehenden Verse 30 und 31 das Schema des göttlichen Heilswaltens für die Zeitalter in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, so faßt Paulus nun das göttliche Leitmotiv für all Sein verborgenes und seltsam verwobenes Walten in diesem gewichtigen und köstlichen Worte zusammen.
Zunächst werden wir festzustellen haben, an wen der Apostel mit der Bezeichnung “(sie) alle” gedacht haben will. Der Zusammenhang zeigt es klar. Schon von Vers 11 ab bewegte sich seine ganze Darlegung in mannigfachen Vergleichen und Gegenüberstellungen von Israel als Volksgesamtheit einerseits und der “Welt” — oder den Nationen in ihrer Gesamtheit — andererseits. Die ganze Rede betrifft Gottes Walten nicht mit einzelnen Menschen, sondern mit der Menschheit im großen, wie sie aber heilsökonomisch in zwei an Umfang sehr verschiedene Gruppen zerfällt. Wir halten daher fest, daß das vorliegende Wort auf diese beiden Teile der Menschenfamilie anzuwenden sei, auf die Juden sowohl wie auf die Heiden.
Soeben war ja gezeigt worden, wie wir Heiden einst Gott nicht geglaubt hatten, obwohl es an Gelegenheit und wirksamer Bezeugung nicht mangelte. In jener Zeit heidnischer Verfinsterung ließ Gott Sein Offenbarungslicht in Israel aufgehen und leuchten. Aber Sein Volk erkannte die ihm gesandte Wahrheit nicht. Dadurch kamen wir Heiden “unter die Begnadigung”, — ihr Schade wurde unser Reichtum, ihr Fall unser Heil. Aber das heute noch verblendete Israel soll und wird auch “unter die Begnadigung kommen”; denn Gott hat (sie) alle zusammen in den Unglauben eingeschlossen, auf daß Er (sie) alle begnadige. So findet die scheinbare Parteilichkeit Gottes ihre befriedigende Erklärung. Es ist ein wunderbares Wechselspiel göttlicher Gerichts- und Gnadenerweisungen. Kein Teil der großen Menschheit kann auf den andern weisen und Gott den Vorwurf machen, vor jenem zurückgesetzt worden zu sein. In der Vollendung der Zeitalter klingen die scheinbaren Dissonanzen in eine vollendete Harmonie aus.
Auf die Frage, welchen Umfang und welche Ausdehnung dieses “(sie) alle” habe, können wir nicht anders antworten, als wir es oben bei Vers 26 getan, als wir vor der Frage standen, wie das Wort “ganz Israel” zu nehmen sei. Denn es ist unleugbar, daß der Parallelismus dieses Verses ein absoluter ist. Es geht einfach nicht an, aus dem “(sie) alle” im zweiten Glied des Verses etwas anderes machen zu wollen, als was es im ersten Glied bedeutet. Mit anderen Worten: Umfang und Ausdehnung der verheißenen Begnadigung decken sich voll und ganz mit den Grenzen des Verschlossenseins unter den Unglauben.
Wenn nun nach Hesekiel 16, 53 auch die Gefangenschaft Sodoms einmal gewendet werden soll — die nicht in einem politischen Exil bestand, sondern im Gefangensein im Hades (Totenreich) —, dann ist es unmöglich, an der populären Vorstellung festzuhalten, wonach eine dem Tod und Gericht verfallene Menschheit dem Bereich aller weiteren Heils- und Gnadenerweisungen Gottes entzogen sei. Dasselbe muß auch gelten für “ganz Israel”, wenn die Ausführungen des Apostels in diesem Kapitel ihrem vollen Wortlaut nach ohne Abstrich bestehen bleiben dürfen. Aus den Beispielen Sodoms und Israels ergibt sich, daß weder Feuergericht noch Verstockung — die denkbar schwersten und furchtbarsten Strafen Gottes für hartnäckigen Unglauben und Greueltaten — als abschließendes Endgeschick der davon Betroffenen angesehen werden müssen. Wenn gefragt wird, wie das zugehen könnte, so antworten wir, daß geschrieben steht, daß Christus “hierzu gestorben und wieder lebendig geworden ist, daß Er über Tote und Lebendige herrsche” (Röm. 14, 9); daß Er “durch den Tod den zunichte gemacht, der des Todes Gewalt hat — den Teufel” (Hebr. 2, 14); daß Er “tot war und lebendig ist in die Zeitalter der Zeitalter und hat die Schlüssel des Todes und des Hades” (Offb. 1, 18).
Daß schwere, vernichtende Heimsuchungen an den Heiden sehr häufig im Alten Testament mit dem bestimmten pädagogischen Zweck und Ziel dargestellt werden, daß die also Erschlagenen und in den Scheol hinabgesandten Nationen erkennen sollen, “daß sie nur Menschen sind”, daß sie “einen Meister haben”, daß “Jehova allein Gott ist” usw., ist klar aus einer Reihe von Schriftstellen, die der forschende Leser unschwer noch erweitern mag, zu erkennen (Ps. 9, 20.21 [Elbf. V. 19.20]; 22, 27-31; 59, 13; 83; Hes. 38, 16.23; Dan. 4, 17.25.26).
Und daß solche Gerichte den erwünschten Erfolg haben werden, versichert uns die Schrift an vielen Stellen (Ps. 72, 11.17; 86, 9; 102, 15; Jes. 25, 7; 60, 3; Hes. 39, 7.23; Micha 7, 16; Mal. 1, 11).
All das gibt uns Berechtigung genug, die göttlichen Begnadigungsgedanken rückwärts auf “(sie) alle” auszudehnen, die in der verborgenen Weisheit Gottes dem Gericht — denn ein solches ist es unverkennbar! — des Verschlossenseins unter den Unglauben anheimgegeben worden sind.
20. O Tiefe des Reichtums!
“O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unausforschlich sind Seine Gerichte und unausspürbar Seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist Sein Mitberater gewesen? Oder wer hat Ihm zuvorgegeben, und es wird ihm vergolten werden? Denn von Ihm und durch Ihn und für Ihn sind alle Dinge; Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen” (Verse 33-36).
Ein Ausruf anbetender Bewunderung und heiligen Staunens. Er ist nicht so sehr von hoher persönlicher Seligkeitsempfindung durchdrungen, wie sie ob der unbesiegbaren Gewißheit der Herrlichkeit eines berufenen und versiegelten Gotteskindes am Schluß von Römer 8 ihren Ausdruck findet, — sondern was uns hier vor Augen tritt, ist die Verwandlung der mit heiliger Leidenschaft geäußerten Wehklage des Apostels über seine Brüder nach dem Fleisch am Anfang dieses Abschnittes (Röm. 9, 1.2) in stille, ernste, heilige und tiefe Befriedigung des erleuchteten Geistes angesichts des gescheuten Ausgangs der Gerichtswege Gottes mit Israel. Es handelt sich hier ja nicht um Angelegenheiten des Empfindens oder Genießens oder des persönlichen Erlebens überhaupt. Allerdings ist bewußte, selige, sieghafte Sohnschaft — wie sie in Römer 8 dargelegt ist — die Voraussetzung für die Mitteilungen in Kapitel 9-11. Erst will Römer 8 geglaubt und erlebt sein, ehe wir fähig sind, dem Apostel in die Tiefen der Kapitel 9-11 zu folgen. Darin liegt der hohe Ernst der Berufung zu echter Gotteskindschaft, daß sie Teilnahme bedeutet an den Tiefen Gottes. Man muß bereit sein, Schmerz und Weh für andere zu empfinden und zu tragen, doch dabei unentwegt in Gottes unwandelbarer Treue zu ruhen, auch wenn der Weg Gottes Seine eigenen Auserwählten durch schaurige Gründe des Verlassenseins und der Verblendung führt. Gott kann und muß unter allen Umständen recht behalten. Ohne das kann es keine Seligkeit, keinen Himmel, keine Herrlichkeit, auch keine Sohnschaft geben. Sogar der “Erstgeborene unter vielen Brüdern” ist durch solche Tiefen zur Vollendung geführt worden (Hebr. 2, 10; 5, 7-9).
“Unausforschlich” nennt Paulus Gottes Gerichte und “unausspürbar” Seine Wege. Weder in dem einen noch in dem anderen Ausdruck liegt auch nur eine Anspielung auf Unklarheit oder Finsternis im göttlichen Rat und Plan. Gott hat keinerlei Veranlassung — wie wir so oft —, Seine tiefen Ratschlüsse in undurchdringliches Dunkel zu hüllen. Er braucht sich ihrer wahrlich nicht zu schämen noch die Kritik zu fürchten. Hat Er doch gerade eben Seinem Knechte Paulus den Blick wunderweit und helle aufgetan in diese Reichtumstiefen von Weisheit und Erkenntnis. Aber wie die wolkenlose Klarheit des Himmels über uns nicht etwa die Grenzen des Raumes uns offenbart, sondern nur dessen schrankenlose Ausdehnung, so lassen die hellsten Blicke, die der erleuchtete Geist in die Tiefen Gottes tun darf, nur um so klarer erkennen, daß da menschliches Forschen und Fragen allein nimmer zum Ziel der Erkenntnis führen kann. Das bedeutet aber keineswegs, daß Gott eifersüchtig darauf bedacht sei, Seine tiefen Gedanken bei Sich zu verschließen, sondern nur, daß Er vorgesorgt hat, daß kein geschaffener Geist ohne Offenbarung je das Ende Seiner Wege erkenne. “Uns aber hat es Gott geoffenbart durch Seinen Geist; denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes” (1. Kor. 2, 10). “Niemand aber weiß, was in Gott ist, als allein der Geist Gottes” (V. 11).
Der Apostel unterscheidet zwischen “Gerichten” und “Wegen” Gottes. Das ist bezeichnend. Ebenso ist die Reihenfolge beider Begriffe bedeutsam. “Gericht” steht voran. Denn wir sind alle “unter der Sünde”. Schuldlos ist keiner vor Gott. Daraus erhellt, daß alle Heilswege Gottes mit einer gefallenen Menschheit nur durch “Gericht” führen können. Aber in den “Gerichten” sind die “Wege” Gottes keineswegs erschöpft oder beendigt. Den “Gerichten” folgen hier die “Wege”. Sie weisen hin auf die großen Erlösungsziele, welche Gott, durch “Gerichte” hindurch, sich gesteckt hat.
“Denn von Ihm und durch Ihn und für Ihn sind alle Dinge.” Darin ist nicht nur die denkende, forschende und anbetende, die “gerichtete” und “begnadigte” Menschheit mit einbegriffen, sondern “alle Dinge”, das ganze geschaffene All. Denn Gott hat des Menschen Sohn alles — das All — unter Seine Füße getan. Und bei der “Offenbarung der Söhne Gottes” — des Erstgeborenen samt Seiner vielen Brüder — wird ja auch “die Schöpfung selbst frei gemacht werden von der Knechtschaft des Verderbnisses zu der Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes” (Röm. 8, 19-21). Für alles — vom ersten Plan und Ratschluß an, durch alle “Gerichte” und “Wege” hindurch, bis hinauf zum großen Ziel der Verherrlichung des Sohnes und des Vaters, — für alles ist Gott und Gott allein verantwortlich. Er hat Seine Ehre dafür eingesetzt, Seinen Namen zum Pfande gegeben, — ohne einem einzigen Seiner Geschöpfe Gewalt anzutun oder es in seiner sittlichen Freiheit zu beschränken.
Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.
— 1903 erstmals veröffentlicht —
(Quelle: “Der Fürst des Lebens muß einst alles erben”; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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