Offene Briefe an Modersohn und Nagel
Autor: Ströter, Ernst F., Prof. | Kategorie(n): Allversöhnung, Apologetik, Lehre | 731 x gelesen1. An Herrn Pastor Ernst Modersohn, Bad Blankenburg
2. An Herrn Prediger Gustav Nagel, bzgl. “Die Wiederbringung aller Dinge”, 1921
3. An Herrn Prediger Gustav Nagel, bzgl. “Der Zusammenbruch gegen die Wahrheit der Allversöhnung”, 1921
1. Offener Brief an Pastor Ernst Modersohn:
Teurer Bruder!
Ein Freund sandte mir die Nr. 16 Ihres Blattes “Heilig dem Herrn”, in welcher Sie nachzuweisen versuchen, dass die Ihnen “in verschiedenen Briefen entgegengehaltenen Schriftstellen”, wie Eph. 1, 10; 1. Kor. 15, 22; Kol. 1, 19.20 u. a. m. nicht nur der Lehre von der endlosen Verdammnis nicht widersprechen, sondern dass keine einzige von ihnen die Wiederbringungslehre ergebe.
Wenn ich hier diese Ihre Stellungnahme zu den betreffenden Schriftworten auf ihre Stichhaltigkeit untersuche, so geschieht das, weil ich glaube, das der von mir vertretenen herrlichen Wahrheit, dann aber auch Ihnen und Ihren Lesern vor dem Herrn schuldig zu sein.
Zum ersten ziehen Sie aus Eph. 1, 10 die Folgerung: “Weil alles in Christo zusammengefasst wird, beides, das im Himmel und auf Erden ist, eben deshalb muss diese Zusammenfassung unter sein Haupt, unter seine Herrschaft für die entschiedenen Gottlosen ewige Qual bedeuten.” Ist diese Deutung und Folgerung der Analogie der Schrift gemäß? Dieselbe redet öfters von dem “Haupt” in einem allen ganz verständlichen Bilde. Wird ein einfacher Mensch, der die gottgewollten Beziehungen seines Hauptes zum eigenen Gesamtorganismus begreift, je auf den Gedanken geraten, in seinem Organismus gäbe es Teile oder Gliedmaßen, die dem Haupt widerwillig unterworfen seien? Wo die Schrift den Mann das Haupt des Weibes nennt, ist da Raum für die Vorstellung qualvoller Unterwürfigkeit? Wo sie Christum als Haupt seines Leibes, seiner “Fülle” darstellt, ist da nicht die einzig mögliche Vorstellung die einer vollkommenen, organischen Harmonie und eines unlöslichen Zusammenschlusses? Mit welchem exegetischen Recht missachten Sie diese lückenlose Analogie der Schrift im Gebrauch des Begriffes “Haupt” da, wo dieser so einfache und fassliche Begriff auf “alles im Himmel und auf Erden” angewendet wird? Sie vollziehen damit eine Zerstörung dieses kostbaren biblischen Symbols und setzen eine Hauptschaft Christi über das All, die das Gegenteil dessen wäre, was in dem übrigen Schriftgebrauch darunter verstanden sein will und kann.
Zugleich geraten Sie in unlöslichen Widerspruch mit einer der hellsten biblischen Darlegungen, wie diese Hauptschaft Christi über das All zu denken sei, nämlich mit Phil. 2, 11, wo Paulus erklärt, dass alle Zungen (im Himmel, auf Erden und unter der Erde) bekennen werden, dass Jesus Christus der Herr sei, zur Ehre Gottes, des Vaters. Auch hier ist die exegetische Lage überaus einfach. Das vom Apostel gebrauchte, durch “ex” verstärkte “homologein” kommt (verstärkt und einfach) im Neuen Testament, außer hier, noch 36-mal vor. Das ist häufig genug, um mit großer Sicherheit feststellen zu können, in welchem Sinn das Zeitwort vom Heiligen Geist gebraucht wird. An der Hand einer griechischen Konkordanz können Sie sich bald überzeugen, dass in keinem einzigen Fall diesem Wort die Vorstellung eines widerwilligen, gar erzwungenen Bekennens eignet. Diese Vorstellung muss, entgegen der geradezu zwingenden Analogie, in Phil. 2, 11 erst hineingetragen werden.
Unsere “Lehre” beugt sich dieser Analogie keusch und gehorsam. Die von Ihnen verteidigte kirchliche Lehre von endloser Qual widerstreitet ihr.
Haben Sie es sich zum zweiten mit der Abfertigung von Kol. 1, 19.20 nicht gar ein wenig leicht gemacht? Gewiss, Sie sind ein vielbeschäftigter Mann. Aber wer sich unterwindet, ein Lehrer der biblischen Wahrheit für Tausende zu sein, der darf nicht ein so gewaltiges Wort von unermesslicher Tragweite mit fünf Halbzeilen abtun.
Sie behaupten, da muss nicht das Wort “alles”, sondern “durch ihn” betont werden. Und das wagen Sie denkenden, prüfenden Lesern zu bieten angesichts der Tatsache, dass der Apostel eben in diesem Zusammenhang von V. 15 ab das Wort “alles” in sechs- bis siebenfacher Häufung gebraucht? Er legt sehr ausführlich dar (V. 16), dass unter diesem “ta panta” das, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne, Herrschaften, Fürstentümer, Gewalten, kurz, das ganze geschaffene All begriffen sei. Unter den besonders aufgeführten überirdischen Thronen, Herrschaften und Gewalten können nur gottfeindliche gemeint sein, da bei der ungefallenen Engelwelt von einem Versöhnt- und zum Frieden Gebrachtwerden keine Rede sein kann.
Und das alles ist durch ihn versöhnt und so gewiss rechtskräftig und endgültig zum Frieden gebracht worden auf Golgatha wie Sie und ich! Dabei macht es nicht das geringste aus, dass jene feindlichen Mächte noch heute nichts davon wissen wollen oder können. Das war bei uns auch mal so. Das ist heute mit Israel als Volksganzem auch noch so, von dem bezeugt ist, ganz Israel wird gerettet werden. Für den Glauben schon eine vollendete Tatsache, Ihre und meine Gläubigkeit tragen ja doch zur Rechtskräftigkeit und Vollwirksamkeit der in Christo ein für allemal vollendeten Erlösung der ganzen Welt nichts bei. Lieber Bruder, stellen Sie doch Ihren ganzen Apparat einmal nicht mehr subjektiv ein, sondern göttlich real, und glauben Sie restlos an die hier deutlich verkündigte Erlösung des ganzen All auf Golgatha — dem Augenschein zum Trotz — allein aufs bloße, sonnenhelle Wort. Dann wird Ihre Seele noch ganz anders jauchzen als nur über das eigene persönliche Heil; dann haben Sie ein Evangelium zu verkündigen, das den Namen verdient, nicht nur ein theologisches Fragment.
Immerhin kann eine ehrliche Exegese niemals an der Tatsache vorbei, dass Kol. 1, 19.20 ein Versöhntwerden und zum Frieden bringen von heute noch unleugbar verbittert feindlichen Bosheitsmächten ins Auge gefasst ist. Von der heilig und selig gebliebenen Engelwelt sind solche Worte gegenstandslos. Und versucht man einzuwenden: Ja, aber es steht nichts da, dass die wohl ausgesprochene göttliche Absicht auch jemals verwirklicht wird!, so muss der Einwand fallen. Denn das “apokatallaxai” und “eirenopoiesas” von Vers 20 haben nach allen Regeln nüchterner Exegese das gleiche Gewicht vollendeter Tatsachen, wie das V. 22 folgende “apokatellaxen hümas”. Steht das eine nicht, so fallen beide. Vor vier- und sechstausend Jahren hatte auch noch kein Mensch ein Wissen oder eine Erfahrung von dem, was das Blut Christi einmal für eine verlorene Welt bedeuten sollte.
Nun zum dritten nur ein kurzes Wort zu 1. Kor. 15, 22. Sie behaupten, das Wort “kann sich selbstverständlich nur auf Gläubige beziehen”. Wieso selbstverständlich? Auf welcher gesunden exegetischen Grundlage? Etwa darauf, dass des Apostels ganzes Argument in Vers 12-16 für die Auferstehung Christi offenkundig auf der für ihn selbstverständlichen Auferstehung der Toten überhaupt beruht, und nicht umgekehrt? Oder darauf, dass er eben erst in Vers 21 deutlich die Parallele gezogen hat: da durch einen Menschen der Tod, so kommt auch die Auferstehung der Toten durch einen Menschen? Heißt das etwa, dass der Tod durch Adam “nur auf die Gläubigen” kam? Und wo bleibt Jesu Wort Joh. 5, 28.29? Und wo die paulinische Parallele Röm. 5, 12.14.17?
Es ist ja verständlich, wie sehr unbequem solch ein einfacher, durchschlagender Satz: “Gleichwie in Adam alle sterben, also werden in Christo alle lebendig gemacht werden” der hergebrachten Lehre sein muss. Glauben Sie wirklich, die Wucht desselben mit Ihrer völlig haltlosen, aller gesunden Auslegung widerstreitenden Behauptung entkräftet zu haben?
Zum vierten ist Ihre Erwähnung von 1. Kor. 15, 28 zu sehr verflochten mit einer Anzahl anderer Stellen, als dass ich ohne ermüdende Weitschweifigkeit die Unhaltbarkeit Ihrer ganzen Beweislegung hier darlegen könnte. Eins aber wird dem prüfenden Leser Ihres Artikels nicht entgehen, nämlich Ihr Schweigen über die Hauptsache, die eigentliche Bedeutung des gewaltigen Wortes, das das letzte Endziel Gottes als Ergebnis von Golgatha bezeichnet: “Gott alles in allen!” Nur da, wo Sie sich (S. 252, 2. Spalte unten) mit Eph. 1, 10 befassen, bekommt man eine Vorstellung davon, wie Sie sich den dauernden, durch nichts mehr zu ändernden Zustand der Dinge im großen göttlichen All für die Ewigkeit denken. Da sagen Sie: “Sie, die zu ewiger Qual verdammten Gottlosen, bilden ja nicht etwa in der Ewigkeit ein selbständiges Reich für sich unter der Herrschaft des Teufels, das nun neben dem Reich des Lichts und der Seligkeit in Ewigkeit besteht; sondern sie sind und bleiben Unterworfene; aber weil sie sich gegen die Wahrheit entschieden haben, qualvoll Unterworfene.”
Das würde heißen: Sämtliche von Gott abgefallene Engel, Teufel und Dämonen, deren Unerlösbarkeit Ihnen a priori feststeht, (nach Offb. 12, 4 vielleicht nicht weniger als ein volles Drittel aller Himmlischen), dazu die überwältigende Mehrzahl aller Menschen, deren kleinster Teil nach orthodoxer Darstellung nur gerettet wird, — werden gewaltsam dem ganzen, einheitlichen, großen Herrlichkeitsreich unseres Gottes und seines Christus einverleibt und müssen, nolens, volens, in alle Ewigkeit einen integrierenden, organischen Bestandteil (denn das fordert der Begriff des “Hauptes über das All”) desselben bilden! Und eine solche Situation soll sich decken mit der schlichten, königlichen Erklärung: Gott alles in allen!
Lässt sich mit gutem exegetischen Gewissen irgendwelche Übereinstimmung nachweisen zwischen Ihrer Darstellung des Endzustandes in der Ewigkeit und dem einfachen Wortinhalt von 1. Kor. 15, 28, der mit seinem “alles in allen” jeden Versuch einer Einschränkung verbietet? Und könnte man dabei den anderen exegetischen Gewaltstreich vermeiden, dass das gleiche Wort hypotasso (unterwerfen), das Paulus in den beiden Versen 27 und 28 sechsmal verwendet, in zwei einander diametral entgegengesetzten Bedeutungen verstanden werden müsste? Bei solcher Doppelsinnigkeit könnte das Ergebnis niemals lauten: Gott alles in allen, sondern nur: Gott alles in einer verschwindenden Minderheit seiner Geschöpfe! Das geht allein darum schon nicht, weil nach Vers 24 die völlige Aufhebung (katargese) aller Feindseligkeit, alles Widerstandes von Seiten gottfeindlicher Herrschaften, Gewalten und Mächte das bestimmte Ziel der Königsherrschaft des Christus Gottes ist, der ja auch auf Golgatha alle diese Fürstentümer an den Pranger gestellt und aus ihnen einen Triumph gemacht hat. Jetzt aber sehen wir noch nicht, dass ihm alles unterworfen ist.
Und nun, lieber Bruder, was wollen Sie tun? Die Sachlage ist ernst. Die Verantwortung als Haushalter über Gottes Geheimnisse ist groß. Der Herr ist nahe. Die wahre Gemeine sehnt sein Kommen herbei. Wenn nun die Lehre von der Allversöhnung in Christo festen biblischen Grund haben sollte, wo ist dann die “Irrlehre”? Wer schmäht dann den Charakter des Heiligen und Allerhöchsten? Wer verkürzt und verstümmelt dann das herrliche, weltumfassende Erlösungswerk von Golgatha? Wer lehrt, dass Gottes vollkommener, ewiger, aus vollendeter Weisheit geborener Liebesrat durch den hartnäckigen Widerstand staubgeborener Menschlein in alle Ewigkeit vereitelt und zuschanden gemacht werden könne? Wer stellt dann den Mörder und Lügner von Anfang dar als den schließlichen Sieger über den Fürsten des Lebens, da es dem Teufel ja gelingen werde, die überwältigende Mehrheit der Menschheit endgültig in ewiges Verderben zu stürzen und die Frucht des Todes Christi auf ein schier verschwindendes Mindestmaß zu beschränken? Wer entleert dann eine ganze Reihe einfacher, unzweideutiger Schriftaussagen, wie z. B. “Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit sich selber”, “Gott hat alle (Juden und Heiden) eingeschlossen unter den Unglauben, auf dass er sich aller erbarme”, oder “Gott ist der Retter aller Menschen, vornehmlich (aber nicht ausschließlich!) der Gläubigen” u. a. m. — ihres kostbaren Inhalts?
Sie haben gemeint, einen tüchtigen Trumpf auszuspielen gegen die Lehre von der Allversöhnung mit Ihrer einleitenden “praktischen” Erwägung. Da stellen Sie sich und mit sich Ihre ganze Leserschaft auf den heute leider in der ganzen Gemeinschaftstheologie vorherrschenden Ich-Standpunkt. Die Frage: “Wie steht es um mich und meine Seligkeit?” ist das kümmerliche Maß aller Dinge geworden. Da doch die einzig berechtigte Frage die ist: Was wird aus Gott, aus seinem Christus, aus seinem Liebesrat für die Erlösung seiner ganzen verlorenen Schöpfung? Jener ganze Lehrapparat ist falsch, d. h. einseitig subjektivistisch eingestellt. Da setzt man sich über solche Fragen wie die oben angeführten mit erschütternder Leichtigkeit hinweg: Wir sind ja gerettet, — die andern haben ja nicht gewollt! Punktum! Und wo bleibt der große, allmächtige Herr, dessen ausgesprochener Liebeswille gründlich vereitelt wird? Nun, der muss eben mit uns Geretteten vorlieb nehmen, — der Teufel und die Gottlosen wollten eben einfach nicht anders!
An Sie, lieber Bruder, ist eine große Gelegenheit herangetreten. Sie sind ein begabter und vielgeübter Schreiber. Ihre erbaulichen Schriften haben eine willige Lesergemeinde, wie wenig andere. Sie sind durch zahlreiche Briefe veranlasst worden, zu dieser großen Frage von der Allversöhnung Stellung zu nehmen. Da waren alle Bedingungen gegeben, nun einmal eine großzügige, weit und gründlich geplante und mit gebührender exegetischer Sorgfalt durchgeführte Arbeit zu liefern, für welche Sie nicht lange nach einem Verleger zu suchen brauchten. Und was tun Sie? In fünf Halbspalten Ihres Briefkastens schließen Sie endgültig — wie Sie meinen — mit einer Frage ab, deren gewaltige Tragweite Sie nicht bestreiten. Das ist, wenn Sie gestatten, von Ihrem eigenen Standpunkt aus nicht zu verantworten. Um so weniger, da sämtlichen bisher von Vertretern der herrschenden Lehre von endloser Qual gemachten Versuchen einer biblischen Rechtfertigung jener Lehre, bzw. einer wirksamen Abwehr der vermeintlichen “Irrlehre” von der Allversöhnung in Christus der Charakter des Fragmentarischen und Ungenügenden, zum Teil sogar des Seichten und Oberflächlichen zu sehr anhaftet. Hat die von Ihnen verteidigte Lehre wirklich nicht nur den Vorzug der orthodoxen Legitimation, sondern auch den der unantastbaren biblischen Begründung, dann sollte es wahrlich ein Leichtes sein, das in fasslicher und gemeinverständlicher Form, in der Sie eine Meisterschaft besitzen, mit durchschlagender Kraft darzutun.
Sie sagen wie einer, der “fertig” geworden ist: “Wenn es bisher nicht gelungen ist, mich davon zu
überzeugen, dass diese Lehre biblisch ist, wird es wohl auch weiter nicht gelingen.” Den Standpunkt kann ich nie teilen. Es hat mich heiße innere Kämpfe gekostet, die über ein Jahrzehnt zurückreichen, bis ich mich zu meiner jetzigen Erkenntnis durchgerungen hatte; zu schweigen davon, was es mir an “brüderlicher Behandlung” eingebracht, als ich davon den Mund aufzutun wagte. Aber ich bezeuge frei: wenn mir z. B. aus der Schrift allein der Beleg erbracht würde, dass den biblischen Ausdrücken, die man meistens (aber keineswegs immer) mit ewig und Ewigkeit übersetzt hat, lückenlos im Wort Gottes der Begriff der Endlosigkeit eignete, so würde ich sofort dieses Grabenstück meiner Frontstellung räumen und die ganze Frage einer sorgfältigen Wiedererwägung unterziehen. Hier liegt Ihre Gelegenheit — auch heute noch.
Dass ich aber vor solchen Versuchen, wie der in Ihrem Briefkasten gemachte, sich unbequemer Schriftworte zu entledigen, gleich den Rückzug antreten sollte, werden Sie doch kaum erwarten.
Die Gemeine Gottes, der auch Sie dienen, hat ein Recht, sich zu Ihnen eines Besseren zu versehen, als einer Reihe von exegetisch unhaltbaren Abwehrversuchen und bloßen Behauptungen, die ich als solche in sachlicher Form oben nachgewiesen habe. Sie würden sich einer bedenklichen Täuschung hingeben, wenn Sie meinen sollten, dass durch Ihre Erklärung, Sie wollten die “Erörterung schließen”, die Sache abgetan, die Gemüter beruhigt, die ernsten Frager befriedigt seien.
Die Gemeine Gottes hat ein Recht, von ihren Lehrern nicht länger wie unmündige Kinder mit Milch abgespeist zu werden. Sie hat ein Recht, ihre hohe himmlische Berufung, d. h. Aufgabe, als der Leib, als die Fülle des Christus, voll und ganz zu erfassen. Sie hat ein Recht, den zu kennen, der von Anfang ist. Sie soll und muss wissen, dass sie den Christus Gottes als das Haupt über das All empfangen und zu nehmen hat. Es gibt für sie keine Tiefen Gottes, auch nicht “jenseits der Äonen von Äonen”, die uns nichts angehen. Gott hat dem Heiligen Geist keine Schranken gesetzt, über die hinaus er echte Kinder Gottes nicht in die ganze Wahrheit leiten dürfte. Sie muss solche rein subjektivistisch bestimmten Bevormundungen ablehnen.
Nochmals, lieber Bruder, was wollen Sie tun?
Mit brüderlichem Gruß Ihr
Ernst F. Ströter
Kilchberg, Zch.
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2. Offener Brief an Herrn Prediger Gustav F. Nagel
In Beantwortung seines Mahnwortes zur Lehre von der Wiederbringung aller Dinge in Nr. 5/6 des Blankenburger Allianzblattes vom 30. Jan. 1921
A) Die Veranlassung zu diesem “Offenen Brief”
Im Evangelischen Allianzblatt erschien aus der Feder des Schriftleiters, Prediger Nagel, das folgende “Mahnwort zur Lehre von der Wiederbringung aller Dinge”, das wir mit einigen unwesentlichen Kürzungen hier wiedergeben, damit unsere Leser, die den Artikel nicht gelesen haben, wissen und beurteilen können, um was es sich in dem “Offenen Brief an Prediger Nagel” handelt:
“Wieder und wieder sind aus dem Kreis unserer Leser Anfragen an uns ergangen, die sich auf die Lehre von der Wiederbringung aller Dinge beziehen, insbesondere auf die Art, wie dieselbe heute von manchen Seiten betrieben wird. Nun bleibt es dabei, dass es nicht Aufgabe unseres Blattes ist, innerhalb der Gemeinde strittige Lehrpunkte in seinen Spalten zu schlichten. Es gibt … eine ganze Reihe von Meinungsverschiedenheiten, um die seit Jahrhunderten gerungen wird … Männer, deren Treue Gott und seinem Wort gegenüber über jeden Zweifel erhaben ist, gehen dennoch in ihren Meinungen über einzelne Lehrpunkte scharf auseinander … Die uns in unserm Blatt zugewiesene Aufgabe ist die, das Wesentliche zu betonen, das eint … Es gilt, dahin zu wirken, dass jene Meinungsverschiedenheiten, die auch unter Treuen möglich sind, ihre trennende Wirkung verlieren. Und es gilt darüber zu wachen, dass nicht etwa neben den alten Gegensätzen neue auftauchen, dass nicht Sonderlehren so betrieben werden, dass dadurch die wesentlichen Grundlagen des Heils geschwächt und neue zertrennende Keile in die Gemeinde hineingetrieben werden.
“… Mit ernster Sorge blicken wir auf die Art und Weise, wie heutzutage vielfach die Lehre von der Wiederbringung aller Dinge betrieben wird, und wir können und mögen nicht mehr der Notwendigkeit aus dem Wege gehen, ein mahnendes und warnendes Wort öffentlich auszusprechen … Es ist diese Lehre seit einer Reihe von Jahren von verschiedenen Seiten in der breitesten Öffentlichkeit mit aller Kraft verbreitet worden … Eine unausbleibliche Folge dieses Vorgehens ist die, dass es zu einer Abschwächung derjenigen Wahrheiten kommt, die allezeit den unveräußerlichen Felsengrund der Gemeinde bilden …
“Klar zeigt die Heilige Schrift, welche Wahrheiten allezeit Grundlage und Mittelpunkt für Lehre und Leben bilden sollen. Hellauf lässt sie leuchten, was zu aller Zeit das Entscheidende ist: das Kreuz mit seiner Forderung der Selbst- und Weltverleugnung in der Nachfolge Christi. Dieses Entscheidende muss in den Gefahren dieser Zeit stark im Mittelpunkt bleiben. Es darf seine durchschlagende Kraft nicht durch irgendwelche Nebendinge abgelenkt werden. Das geschieht aber, wenn man mit großer Begeisterung Sonderlehren auf den Schild hebt. Solche stürmische, vor aller Welt getriebene Propaganda muss namentlich dann auf Abwege führen, wenn es sich um strittige Lehrpunkte handelt. Dass die Frage der Wiederbringung aller Dinge strittig ist, dass sie es seit Jahrhunderten war und bis heute ist, wird kein noch so lauter und noch so begeisterter Vertreter dieser Lehre zu bestreiten wagen … Es darf diese strittige Lehre nicht derart zum Kampfobjekt werden, dass Unruhen entstehen und Bewegungen, wodurch die Aufmerksamkeit von den Grundwahrheiten hinweg auf diesen Streit gelenkt wird. Und es darf ein strittiger Lehrpunkt nicht zum “Schibboleth” für neue Richtungen werden.
“Wenn Männer mit solchem Einsatz von Mitteln auf dem Plan erscheinen, dann hält die christliche Front von heute dem nicht stand. Es entstehen notwendigerweise Verwirrung, Risse, Einbrüche, Sonderbildungen. Schon hören wir von Neubildung von “Wiederbringungsgemeinschaften” … Eine begeisterte Kerntruppe wird für die Propaganda herangebildet … Männer treten auf, die nicht nur die schließliche Seligkeit aller Menschen, sondern auch des Teufels und seines Anhangs öffentlich proklamieren.
“Es kann und wird ja der Widerspruch solchen Aufstellungen gegenüber nicht ausbleiben. So ist dann der Streit da, und bei der fleischlichen Art, mit der hüben und drüben vielfach gekämpft wird, sind Zersprengungen und Zertrennungen bisher einheitlicher Kreise unvermeidlich.
“… Man stellt von Seiten der Anhänger dieser Lehre die Forderung, das Feld im Gemeinschaftsleben für diese Lehre freizugeben. Wir glauben nicht, dass das möglich und heilsam ist … Mit großer Sicherheit treten zwar manche der Anhänger dieser Lehre auf … Es gibt in der Schrift gewisse Grundlehren, über die eine Meinungsverschiedenheit unter Geistlichen und Gläubigen gar nicht möglich ist. Wenn jemand in einer christlichen Gemeinschaft auftritt und bezeugt, dass, wer das Opfer Christi bewusst verwerfe, unter dem Zorn und im Tode bleibe, so kann er sich dabei auf Schriftstellen berufen, und keiner kann ihm widersprechen … Wenn aber jemand auftritt und verkündet, dass auch der Teufel mit seinen Dämonen schließlich selig werde, so kann jeder erwidern: Wo steht das? …”
Weiter wird darauf aufmerksam gemacht, dass die früheren Vertreter dieser Lehre sie nicht nur nicht so betrieben hätten, wie das heute geschehe, sondern dass Männer wie Bengel, Zinzendorf u. a. es für bedenklich und gefährlich gehalten, das in der Öffentlichkeit vorzutragen, und es wird der Vorwurf erhoben, dass man sich heute über diese Warnungen als “rückständig” ohne jede Rücksichtnahme hinwegsetze.
“… Ernste, schwere Sorge um die Sache des Herrn und um das wahre Wohl der Gemeinde veranlasst uns, obigen Bedenken Ausdruck zu geben. Und wir können nur hoffen und wünschen, dass sie nicht vergeblich ausgesprochen, sondern von allen, die hier beteiligt sind, gehört und beherzigt werden … Möge hier unter der Leitung des Hauptes der Gemeine zur rechten Zeit das Rechte geschehen!”
Nagel
B) Der Brief
Teurer Bruder! Endlich einmal, nach mehrjährigem, vergeblichem Warten, eine maßvolle, verständige Stimme aus gegnerischen Kreisen zur brennenden Allversöhnungsfrage. Obwohl nicht frei von Einseitigkeit und Parteinahme, ist sie doch fern von jener ketzerrichterlichen Unbrüderlichkeit, mit welcher bisher namhafte Gegner der Allveröhnungslehre in ihrer unsachlichen Verurteilung derselben vorgegangen sind. Leider ist mir Ihr Mahnwort erst so spät zugegangen, dass eine frühere Antwort in meinem Blatt nicht möglich war.
Zunächst ein offenes Wort zu Ihrer scharfen Kritik an der Art des Werbens für die Lehre von der Allversöhnung. Wohl nennen Sie — und ich weiß das wohl zu würdigen — keine Namen, aber ich darf wohl sagen, ohne mir zuviel herauszunehmen, dass der unvermeidliche Eindruck Ihrer Kritik bei den meisten Lesern des Allianzblattes der sein wird, das alles gelte mir, dem Hauptsünder. Nun habe ich, lange ehe mir Ihr Mahnwort bekannt wurde, in Nr. 3 meines Blattes, den Finger sehr ernst warnend erhoben gegen jede sektiererische Neigung, gegen jeden Versuch, besondere Zirkel oder gar Gemeinschaften zu bilden, in denen man aus der Allversöhnung ein “Schibboleth” macht. Ich weiß mich vor dem Herrn völlig frei von jeder Beeinträchtigung des aufrichtigen Bekenntnisses zur wahren Einheit aller Kinder Gottes, auch Brüdern gegenüber, die glauben, mich in der schroffsten Weise ablehnen und als seelengefährdenden Irrlehrer brandmarken zu sollen. Niemand wird aus meinen Schriften oder Vorträgen den Beweis erbringen können, dass solche traurige und fleischliche Sektiererei von mir auch nur die leiseste Ermutigung erfahren hätte. Was Sie z. B. schreiben: “Eine begeisterte Kerntruppe für die Propaganda wird herangebildet” — ist mir nicht nur als Tatsache unbekannt, sondern hat meine äußerste Missbilligung.
Allerdings hat die Sache von der “stürmischen Propaganda” noch eine andere Seite. Der Gedanke will nicht weichen, ob nicht Ihre wohlgemeinte und nach mancher Seite wohl auch berechtigte Mahnung ganz unnötig gewesen wäre, wenn man sich gegenüber den Gläubigen und Bekennern zur Allversöhnung gegnerischerseits auf Ihren Standpunkt gestellt hätte, wonach “Männer, deren Treue Gott und seinem Wort gegenüber über jeden Zweifel erhaben ist”, in dieser, wie in manchen anderen Lehrfragen scharf auseinandergehen können. Haben Sie wohl eine deutliche Vorstellung davon, wie vielen teuren Brüdern, älteren und jüngeren, in verschiedenen Gemeinschaften, Freikirchen und Freien Gemeinden der Stuhl vor die Tür gesetzt wurde, weil sie es wagten, nicht nur zu glauben, sondern auch zu bezeugen, was geschrieben steht, dass Gott wirklich der Retter aller Menschen ist, und nicht nur den frommen Wunsch habe, es zu werden? Aus meiner großen Korrespondenz könnte ich Beiträge liefern zu diesem schmerzlichen Kapitel von fast mehr als römischer Unduldsamkeit, Tyrannei und Gewissensknechtung aus den ernstesten Gemeinschaftskreisen. Ist es zu verwundern, wenn eine solche Behandlung abfärbt auf die von also behandelten Brüdern geübte Propaganda.
Ich darf Ihnen gegenüber wohl eine Parallele gebrauchen, die mir hier angebracht erscheint. Zugegeben, des Argumentes wegen — wiewohl das ja nicht meine Auffassung ist —, dass die Allversöhnungslehre nur eine sogenannte Sonderlehre bilde, wie etwa die Lehre von der Großtaufe allein für Gläubige durch Untertauchen, oder auch das Gegenstück, die kirchliche Lehre von der biblischen Berechtigung der Besprengung von Säuglingen. Nun hat z. B. jene baptistische “Sonderlehre” zur historischen Ausgestaltung und Entwicklung von großen, fruchtbaren Gemeinden — nur auf den Glauben getaufter Christen — geführt. Unter ihnen sehr viele, die allen nicht in gleicher Weise wie sie getauften Kindern Gottes, die sie als solche anerkennen, die Gemeinschaft am Tisch des Herrn versagen. Auch wird wohl nicht bestritten werden können, dass es dabei mitunter recht stürmische und recht fleischliche Propaganda gegeben hat. Und doch haben wir erlebt und erleben heute noch mit dankbarer Freude, dass die lieben Großtaufenbrüder ganz gern nach Blankenburg und zu anderen Allianzversammlungen gehen und dort auch mit Recht gern gesehen werden. Als mir aber vor zwei Jahren das lebhafte Verlangen wuchs, einmal wieder einer Blankenburger Konferenz beizuwohnen, in der (verfrühten) Hoffnung, die Wellen der Unduldsamkeit würden sich gelegt haben, wagte ich es, mich als stillen Besucher anzumelden, der gern sein Quartier selbst draußen vor der Stadt besorgen wollte, da wurde mir sehr bestimmt zu verstehen gegeben, ich bliebe besser fort. Ist es unberechtigt zu fragen, ob das nicht zweierlei Maß sei? Wenn ich es nun wagen wollte zu betonen, dass man den Vertretern jener “Sonderlehren” von der Großtaufe oder der Säuglingsbesprengung das Feld für diese Anschauungen im Gemeinschaftsleben nicht freigeben dürfe — um mich Ihrer eigenen Sprache zu bedienen — nicht wahr, Sie erlassen es mir gern auszumalen, was ich dann wohl zu hören bekäme. Finden Sie es ungebührlich, wenn ich mir die Frage erlaube, ob nicht ein großer, wenn nicht gar der größte Teil Ihrer Mahnungen an die Adresse von Blankenburg und all jener Gemeinschaftskreise gerichtet sein dürfte, die mit Ausschließen und Verketzern von treuen Männern Gottes so sehr freigebig gewesen sind. Dass Sie in Ihrem Mahnwort nach Sachlichkeit und Unparteilichkeit ringen, gestehe ich Ihnen gern zu. Aber das Ergebnis ist nicht gerade befriedigend, wie sich noch deutlicher zeigen wird, wenn wir zu der Frage weitergehen, welche Berechtigung in der Gemeine Gottes auf Erden die Zuversichtlichkeit und Entschiedenheit des Bekenntnisses zur Allversöhnung in Christo nach der Schrift habe.
Sie sagen ganz richtig, dass es nicht “erste Aufgabe unseres Blattes sei”, die Unterschiede in dem Streit der Meinungen auszugleichen, können aber doch nicht umhin, in entschiedener Weise Stellung zu nehmen gegen die Allversöhnung, wozu Sie natürlich ein unbestrittenes Recht haben. Gibt es aber, wie Sie zugeben, auch bei uns eine Treue gegen die Schrift, dann dürfen wir doch auch erwarten, dass man unsern Gewissensstandpunkt entsprechend würdige und unsere Verkündigung nicht nach der eigenen subjektiven Auffassung der Frage, sondern mit Berücksichtigung der von uns nach heißen Kämpfen errungenen Überzeugung einschätze. Ist es zuviel verlangt, dass Sie sich fragen, wie Ihnen zumute sein würde, wenn Sie nach vieljähriger, ernstester Prüfung in tiefster Seele überzeugt worden wären, dass man seit Jahrhunderten den Namen und Charakter unseres großen Rettergottes in bedenklicher Weise verdunkelt und verunehrt, dem herrlichen Werk von Golgatha unverantwortliche Schranken gesetzt, der mit unerschöpflicher Liebe gepaarten Allmacht Gottes die kreatürliche Verderbtheit und Verblendung zum unüberwindlichen Hindernis aufgebläht hätte? Dann wäre das ganze, große, das All umfassende Evangelium seines strahlendsten Glanzes, seiner absoluten Unbezwinglichkeit und Sieghaftigkeit mit allen erdenklichen theologischen und philosophischen Kunststückchen entkleidet. Es wäre daraus ein ziemlich kümmerlicher Apparat gemacht, der im günstigsten Falle einen verschwindend kleinen Bruchteil der von Gott für Christum geschaffenen Menschheit schließlich auf die Seite des Sohnes Gottes gebracht hätte, während die großen Massen hoffnungslos endlosem, zweck- und ziellosem Gequältwerden anheimfielen. Ich möchte einmal sehen, — nein, ich werde es sehen —, wie Sie und die andern teuren Brüder einmal “stürmische Propaganda” treiben werden, wenn Ihnen nur einmal die Augen aufgegangen sein werden über das, was man uns seit Jahrhunderten durch die mannigfaltige Arglist des Feindes vorenthalten hat! Aber sich ein wenig mehr in unsere Lage versetzen zu wollen ist doch wohl keine zu große Bitte an die teuren Brüder, wenn sie auch noch nicht mitkönnen. Und dass wir am Ende Recht haben könnten, werden Sie doch nicht ganz von der Hand weisen können. Niemand weiß besser, wie furchtbar schwer es ist, aus dogmatischen Gebundenheiten loszukommen, als wer die Fesseln Jahrzehnte lang getragen. Auch ist es ja nicht das erste Mal, dass sehr fromme Schriftlehrer einen Menschen nur deshalb aus der Synagoge stießen, weil er nicht aufhören wollte zu bekennen, er sei ganz blind gewesen, und nun sei er sehend.
Sie sind auch nicht der erste Bruder, der mir den herben Vorwurf macht, ich setzte mich bewusst über alle ernsten Warnungen frommer Männer wie Bengel, Zinzendorf u. a. m., die auch Anhänger der Wiederbringungslehre gewesen seien, als rückständig hinweg. Vorausgesetzt, Sie hätten die geklärte, tiefinnerste Überzeugung, dass das Evangelium von der Allversöhnung in Christo, wie ich es verkündige, das wirkliche, volle, ganze, unverkürzte Wort göttlicher Offenbarung sei, das ihnen nun mit steigender Klarheit von jeder Seite der Schrift entgegenstrahlt, und Sie wüssten sich vom Herrn berufen zu einem Haushalter über seine Geheimnisse, und Sie hätten die volle Überzeugung, das sei Speise zur rechten Zeit für die wartende Gemeine des Herrn — würden Sie sich erst lange mit den allerfrömmsten Brüdern beraten müssen, was Sie zu predigen hätten? Wem bin ich denn verantwortlich für den Inhalt meiner Wortverkündigung? Wem muss ich dafür Rechenschaft ablegen an jenem Tage? Vater Bengel? Dem würdigen Zinzendorf? Oder wem? Natürlich, solange man in der Frage zwischen zwei Feuern steht und im günstigsten Fall strenge Neutralität — die aber oft der amerikanischen verzweifelt ähnlich sieht, die wir erlebt haben — bewahren möchte, solange ist es ja sehr unbequem und störend, wenn andere anders urteilen und demgemäß handeln, handeln müssen, weil sie für immer gebunden sind an die unerbittliche Autorität des ganzen ungebrochenen Wortes des lebendigen Gottes; selig gebunden, weil unbeschreiblich befreit von aller Tyrannei der “Schule” und des Herkommens. Wie ich seinerzeit im Jahre 1911 meinem unvergesslichen, teuren Bruder Stockmayer zur Antwort geben durfte, der auch glaubte, mir den Vorwurf machen zu sollen, ich hätte diese Wahrheit zu früh in die Gemeine, die dazu noch nicht reif sei, hinausposaunt. “Bruder, wenn Gott seiner Gemeine nach Eph. 1, 22 seinen Christus in der Eigenschaft als Haupt über das ganze All gegeben hat, wie soll sie ihn als solchen erkennen und annehmen, wenn er ihr nicht in dieser Eigenschaft dargeboten wird? Und wo hat der Apostel einen besonderen Termin gesetzt, von dem ab das erst geschehen dürfe?” Und mit der ihm eigenen keuschen Unterworfenheit unter jede erkannte Wahrheit der Schrift beugte Stockmayer sich sofort und nahm den unbilligen Vorwurf zurück.
Daneben bin ich der festen Überzeugung, dass unser königlicher Herr im Himmel seiner wartenden Gemeine im Lauf der letzten Jahrhunderte seit der Reformation, besonders der letzten fünf oder sechs Jahrzehnte, in zunehmendem Tempo die Schätze der Erkenntnis in seinem Wort immer reicher erschlossen hat, allem Widerstand und aller Herzensträgheit ungeachtet. Es geht unaufhaltsam aufwärts, angesichts der nahenden Vollendung seines eigenen Leibes, der Gemeine, seiner “Fülle”.
Doch nun zu Ihren wichtigen und wertvollen Leitsätzen. Als erstes heben Sie mit Recht hervor, dass “es gilt, dahin zu wirken, dass jene Meinungsverschiedenheiten, die auch unter Treuen möglich sind, ihre trennende Wirkung verlieren. Und es gilt, darüber zu wachen, dass nicht etwa neben den alten Gegensätzen neue auftauchen, dass nicht Sonderlehren so betrieben werden, dass dadurch die wesentlichen Grundlagen des Heils geschwächt und neue zertrennende Keile in die Gemeine hineingetrieben werden”. Ich danke Ihnen aufrichtig, namentlich für die Worte, die ich unterstrichen habe. Das ist gemeinsamer Boden zur Verständigung. Und wenn Sie es unternehmen wollen, in Ihrem Blatt darauf hinzuwirken, dass es mit der bisherigen unbrüderlichen Verketzerung der Treuen, die anderer Überzeugung sind, ein Ende nehme, dass Blankenburg sich nicht mehr hermetisch verschließe gegen die vermeintlichen “Irrlehrer”, dass man in Gemeinschaftskreisen, die Sie erreichen, den redlichen Versuch macht, sich wenigstens soweit in unsere Anschauung hineinzudenken, dass man unsere Verkündigung nicht mehr von vornherein als “Umsturz der Grundwahrheiten des Evangeliums” brandmarkt, — dann verspreche ich Ihnen gern, dass ich noch kräftiger als bisher meinen ganzen Einfluss in die Waagschale werfen werde, dass die Verkündigung der Allversöhnung eine möglichst maß- und taktvolle, nüchterne und würdige bleibe oder es werde, wo sie es noch nicht ist oder war.
Warum aber nicht noch einen Schritt weiter gehen? Es sind mir in letzter Zeit von verschiedenen Seiten in Deutschland und der Schweiz vertrauliche Besprechungen im engeren Kreis nahe gelegt worden. Ich habe das nicht gesucht und habe auch keine Veranlassung, mich aufzudrängen oder mir selbst Türen aufzustoßen. Dass die Frage sich nicht mehr totschweigen lässt, sehen Sie so deutlich wie ich. Nur sehe ich die Sachlage natürlich nicht so bedenklich an wie Sie. Ich erblicke in einer eingehenden brüderlichen Besprechung und Beschäftigung mit dieser großen Frage eine Förderung des inneren Lebens der Gemeine des Herrn. Warum könnte man nicht ohne Groll und Bitterkeit, ohne Voreingenommenheit, unter gegenseitiger Anerkennung als “Treue” gegen die Schrift, unerschütterlich zum ganzen, ungebrochenen Wort Gottes stehend, zusammenkommen und die Sachlage nach allen Seiten vor dem Herrn bewegen? Ich habe für die vier Monate Mai bis und mit August ein sehr volles Reise- und Arbeitsprogramm im deutschen Vaterlande, aber für eine oder etliche solcher Zusammenkünfte würde ich gern von meinen Ruhetagen welche opfern, wenn es gewünscht wird. Drei Orte in Deutschland haben eine solche bereits gewünscht, und hier in Spiez hat uns der Herr neulich eine geschenkt, die sehr erfreulich verlief, ohne irgendwelchen unangenehmen Beigeschmack, und an der sich Brüder aus verschiedenen Lagern beteiligten.
Doch nun noch etliche Worte zu Ihrem zweiten Leitsatz. Sie schreiben: “Klar zeigt uns die Schrift, welche Wahrheiten allezeit Grundlage und Mittelpunkt für Lehre und Leben bilden sollten. Hellauf lässt sie leuchten, was zu aller Zeit das Entscheidende ist: das Kreuz mit seiner Sühne, mit seiner Forderung der Selbstverleugnung und Weltverleugnung in der Nachfolge Christi. Dieses Entscheidende muss in den Gefahren dieser Zeit stark im Mittelpunkt bleiben. Es darf seine durchschlagende Kraft nicht durch irgendwelche Nebendinge abgelenkt werden. Das geschieht aber, wenn man mit großer Begeisterung Sonderlehren auf den Schild erhebt.” Das haben Sie mir wieder ganz aus der Seele geredet. Nur erhebt sich die Frage: Was sind “Nebendinge”, was sind “Sonderlehren”? Wer soll diese wichtige Grundfrage entscheiden? Sind die dazu berufen und geschickt, die von vornherein die Möglichkeit der Allversöhnung entschieden verneinen, denen das überhaupt keine Frage ist, die “fertig” sind in ihrer herkömmlichen Anschauung von einer endlosen Höllenpein für alle, die hier das Wort des Lebens nicht erfasst haben, weil sie nicht wollten, viele sogar nicht konnten, da es ihnen nie geboten wurde? Dem könnten Sie doch kaum zustimmen. Oder sind es die, die wohl wissen und anerkennen, dass unzweideutig klar geschrieben steht, dass Gott der Retter aller Menschen nicht nur gern wäre, wenn er nur könnte, sondern ist, die es aber nicht fertig bringen, das ohne Abstrich zu glauben, weil sie vor sich einen ganzen Berg von vermeintlich biblischen Fragezeichen erblicken, die es ihnen unmöglich machen, sich jener bündigen Erklärung des wahrhaftigen Gottes unbedingt zu unterwerfen, — als ob die Schrift, das Wort der Wahrheit, sich jemals irgendwie selbst widersprechen, d. h. einen unbestritten klaren Ausdruck mit andern Aussagen verdunkeln, entkräften, zunichte machen könnte? Eine solche grundsätzliche Stellung zur Schrift ist uns von vornherein eine gebrochene und damit unerträgliche. Sie bedeutet für uns das Ende jeder absoluten Gewissheit in Dingen göttlicher Offenbarung. Wir lehnen eine solche Haltung ab. Wir bezeugen in tiefer Beugung, aber mit unbeschreiblicher Dankbarkeit und Freude, dass es für uns grundsätzliche Widersprüche oder Gegensätze eines Teiles der Schrift mit anderen Teilen einfach nicht mehr geben kann. Unsere rückhaltlose Glaubensstellung zur Tatsache der Allversöhnung bedeutet für uns einen Einblick und Durchblick in die vollendete Harmonie aller Schriftoffenbarung, wie wir sie bei unserer früheren Erkenntnis niemals für möglich geahnt oder gehabt haben. Sind wir nun schuld, wenn das andere teure Brüder einfach nicht sehen können, gerade so wie wir es auch einmal nicht konnten? Sollen wir, dürfen wir um des Unvermögens anderer willen das verneinen oder uns anzweifeln lassen, was wir als unbeschreiblich köstliche, erlösende Wahrheit so klar erkannt haben? Wer hat das Recht, das von uns zu fordern? Gewiss, tragen und Geduld haben, im Bewusstsein eigener unvergesslicher Gebundenheit und großer Arbeit, die wir unserm großen und geduldigen Herrn mit der Trägheit unseres Herzens gemacht haben, allem zu glauben, was geschrieben steht, das wollen wir gern, zumal wir wissen, dass unser Herr ja doch mit allen seinen Kindern restlos zu seinem Ziel kommen wird. Aber ich kann und darf mich doch nicht mehr blind stellen, wenn ich wirklich sehend geworden bin, aus Furcht, meinen Bruder zu beleidigen, der eben noch nicht sehen kann — vor lauter Fragezeichen? Hätten wir uns selbst die Augen aufgetan, dann hätten wir Ruhm. Aber den haben wir nicht. Aber zuzugeben, dass wir eben auch keine klare, zuversichtliche Einsicht hätten in den großen göttlichen Liebesrat und -willen, nachdem er uns doch geworden ist, das hieße unsern herrlichen Herrn verleugnen. Das kann man nicht von uns verlangen. Also den Boden der Unklarheit und Unsicherheit wieder zu betreten und dessen Berechtigung anzuerkennen, ist für uns einfach ein Ding der Unmöglichkeit. Ich hoffe, dass das einleuchtend sein wird. Und wir glauben, darum reden wir und wenn wir auch sehr geplagt werden. Dafür kommt unser herrlicher Herr auf. Und alle Wahrheit muss den Sterbensweg zur triumphierenden Auferstehung gehen. Das wird die Wahrheit der Allversöhnung auch. Und der “dritte Tag” ist sehr nahe.
Und wenn wir nun wirklich recht hätten, was Sie doch als möglich anerkennen werden, würde dann die Kraft und Herrlichkeit des Kreuzes von Golgatha irgendwelche Beeinträchtigung oder Schwächung erfahren? Und wenn wir sogar darin recht hätten, dass es unserm herrlichen Herrn gelingt, kraft seines ewigen Opfers auf Golgatha sogar den Erzfeind nicht nur mit äußerem Zwang, sondern mit seiner verzehrenden Liebeshöllenglut innerlich ganz auf seine Seite zu bringen, wäre das eine Minderung der Kraft des Kreuzes? Wäre das ein “Nebending”? Hätten Sie, hätte irgendein gesund denkender Christ, in dem die Ehre des Herrn das höchste Ziel seines Denkens und Strebens ist, nicht nur das eigene Seligseinwollen, etwas dagegen zu sagen? Könnte es etwas Erwünschteres geben? Einen strahlenderen Edelstein in der Ruhmeskrone des “Erstgeborenen unter vielen Brüdern”? Ein Vorstandsmitglied von Blankenburg gestand mir schon vor Jahren, “das ist gewiss wahr, wenn man Sie hört, dann wird einem das Kreuz unendlich viel größer”. Und eine solche Stellung zum Kreuz soll mit der Marke “Nebendinge” und “Sonderlehre” abgetan werden? Das wäre hundertmal ungereimter und unvernünftiger, als wenn man in der Naturwissenschaft den Lehrsatz von der physikalischen und chemischen Einheitlichkeit des ganzen sichtbaren Weltenstoffs als ein “Nebending” oder eine kleinliche “Sonderlehre” bezeichnen wollte. Wo bleibt da das richtige Maß der Dinge?
Darf ich Ihnen, ehe wir weitergehen, noch folgende Sätze zur sorgfältigen Prüfung auf ihre Stichhaltigkeit und zur Beherzigung empfehlen? Sie werfen helles Licht auf die Frage, die uns gerade bewegt:
1. Wenn Sünde, Feindschaft, Bosheit, Trotz und Empörung in denkbar höchster Potenz, wenn Tod, Verderben, Hölle und Verdammnis nicht unter allen Umständen unserm Gott restlos dienen müssen zur Erreichung und Vollendung seiner triumphierenden Liebesgedanken und -ziele, dann ist das unbedingte Vertrauen auf Gott unmöglich.
2. Wenn der göttliche Vorsatz der Ewigkeiten, alles (d. h. das ganze geschaffene All, Sichtbares und Unsichtbares) unter ein Haupt zu bringen in Christus, durch den erfolgreichen Widerstand irgend einer Kreatur vereitelt oder gehindert werden kann, dann ist die unerschütterliche Heilsgewissheit auch für uns Gläubige unmöglich, denn dieselbe beruht nun und nimmer nicht auf unserer subjektiven Gläubigkeit, wie wohl die meisten heutigen Gemeinschaftschristen wähnen, sondern allein auf Gottes unwandelbarem und unbereubarem Ratschluss vor Grundlegung der Welt.
3. Jedes menschliche Bedenken gegenüber einer klaren, unzweideutigen Aussage der Schrift, wie z. B. die, dass Gott der Retter aller Menschen ist, einerlei, woher entnommen, trägt das Symbol der “gewundenen Schlange”, das Fragezeichen, das stolze Abzeichen der Vernunftkritik, des groben oder feinen, des gottlosen oder frommen Rationalismus an sich.
4. Hinter jedem Einwand gegen die restlose Umwandlung auch der verbissensten und wahnwitzigsten Feinde Gottes in jubelnde Anbeter durch Gericht und Gnade versteckt sich der uns allen tief eingefleischte Pharisäismus: Ich danke Gott, dass ich es doch nicht so schlimm gemacht habe wie z. B. — der Teufel!
Dass diese Sätze zur Sache gehören, werden Sie erkennen. Dass diese Positionen in der Lehre von der Allversöhnung allein ihre klare Lösung und Festigung haben, wird auch einleuchten. Dass sie helles Licht werfen auf die Frage nach “Nebendingen” und “Sonderlehren”, brauche ich nicht zu wiederholen.
Das große Manko an Ihren mir sonst so willkommenen und lieben Ausführungen über die zentrale und entscheidende Bedeutung des Kreuzes von Golgatha ist eben auch der leidige, subjektive Gesichtswinkel, unter dem sie eingestellt sind, wie ja fast das ganze heutige Gemeinschaftschristentum. Es dürfen nur ja keine Unruhen entstehen bei den Gläubigen, die sich ungestört ihres Heils erfreuen müssen. Das sorgsam bewachte Wohl der Gemeinden besteht darin, dass denselben alles fern gehalten wird, was sie auf den Gedanken bringen könnte, es gäbe am Ende noch höhere und wichtigere Dinge als die ernsteste Ausschaffung des eigenen Seelenheils, die sorgfältige Pflege tiefster persönlicher Frömmigkeit. Solche Dinge müssen unbedingt als Nebendinge abgetan werden. Ich darf getrost sagen, dass ich für lautere Besorgtheit um das wirkliche Wohl der Gemeinden ein tiefes Verständnis habe. Ich darf noch weiter gehen und betonen, dass ich keinem der teuren Brüder nachstehe in dem aufrichtigen Bestreben, dass die wahre Gemeine des Herrn, der Leib Christi wirklich gebaut, dass sich die überschwängliche Erkenntnis Jesu Christi, des Sohnes Gottes, die Gemeinschaft seiner Leiden, die Umgestaltung in sein Bild in den Gläubigen gedeihlich vollziehe und aufs äußerste gefördert werde. Was aber den Weg zu diesem gottgewollten Ziel betrifft, so darf ich darüber auch wohl ein offenes Wort mitreden. Ich glaube, denselben in großer Klarheit deutlich erkannt zu haben, bin auch der gewissen Überzeugung, dass niemand denselben aus der Schrift als einen Irrweg erweisen können wird. Wie viele aber bereit sein werden, denselben getrost einzuschlagen und beharrlich zu verfolgen, ist eine andere Frage. Oben habe ich bereits andeuten dürfen, was für ein unbezwinglicher Optimismus mich beseelt, dass unser großer, herrlicher Herr trotz aller Hindernisse und Widerstände als der lebendig machende Geist sein volles Ziel mit seiner wartenden Gemeine erreichen wird. Solches Vertrauen eignet eben nur, soweit ich Erkenntnis habe, der Zuversichtlichkeit, dass unser Gott, durch Sterben und Zermalmen, durch Hölle und Verderben, durch tiefste Beugung hindurch, ja durch Abgrundtiefen der Zerschmetterung, mit allem und jedem Widerstand, Unglauben, Gebundenheit, Starrsinn, Eigenliebe, Trägheit, Dünkel und was da sein mag, schließlich restlos fertig wird. Man kann gar nicht anders, als glühender Optimist werden, wenn man die Allversöhnung einmal erfasst hat, oder besser, sich davon hat erfassen lassen.
Ich erzählte oben von einer kleinen Brüderkonferenz, die sich hierher zu mir nach Spiez einlud, am Fuße des einzig schönen Bergkegels des Niesen. Auch uns bewegte tief und lange der Gedanke des Hinankommens zu einerlei Glauben und Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu dem Maß seines vollen Wuchses als Christus Gottes, Haupt und Glieder. Der selten gleichmäßige, pyramidenförmige Niesen bot uns eine treffliche Illustration. Da machen sich zwanzig und mehr verschiedene Gruppen auf, den Gipfel zu erklimmen. Jede Gruppe glaubt, den besten Weg zur Spitze zu kennen und verfolgt den treulich. Lange, sehr lange sind die Gruppen von einander getrennt, oft so weit, dass sie sich einander nicht verständlich machen können. Aber alle steigen höher und höher, und mit unfehlbarer Sicherheit, ohne irgendeine andere Möglichkeit des Ausgangs, nur beharrlichen Aufstieg vorausgesetzt, kommen alle oben zusammen auf dem bestrahlten Gipfel. Wer nur nicht unterwegs stehen bleibt, sich mit der gebotenen Aussicht begnügt, das behagliche Ruheplätzchen nicht verlassen mag, oder gar den Rückweg bequemer findet als ferneren, steilen Aufstieg! Das Erreichen der höchsten Höhe sichert die vollständige Gemeinschaft aller mit untrüglicher Sicherheit.
Meine ernsteste Anklage gegen das heutige Gemeinschaftschristentum ist eben die, dass man nicht auf die Höhen steigen mag noch geführt wird. Man treibt mit großem Eifer persönliches Heilsleben. Man verherrlicht aufrichtig das Kreuz als die Sühne für unsere Sünden. Man erlabt sich stets aufs neue in dem seligen Bewusstsein, der Lohn seiner Schmerzen zu sein, man ist ganz zufrieden, wenn man sich nur ungestört mit dem sogenannten “einfachen Evangelium” beschäftigen kann, mit der vernünftigen, lauteren Milch des Evangeliums. Mit starker Speise darf man uns aber nicht kommen, die könnte unbehaglich werden. Was gehen uns die großen Gedanken und Ziele Gottes an, wenn wir nur des Zieles der eigenen himmlischen Herrlichkeit nicht verfehlen. Wir denken so ganz und gar egozentrisch. Das eigene, geheiligte, fromme und wohlgepflegte ICH steht mit drei großen Buchstaben im Mittelpunkt all unserer Wortverkündigung und Seelenpflege, aller Erbauung und Tätigkeit. Man ahnt gar nicht, dass auch hier das ernste Wort des Herrn mit unerbittlicher Treue zur Geltung kommt: Wer sein eigenes Leben sucht, der wird es verlieren, wer es aber verliert um meinetwillen, der wird es finden. Nie hätte der unselige Pfingstbetrug in deutschen Gemeinschaften solch festen Nährboden gefunden, wenn wir nicht so einseitig subjektiv orientiert, erzogen und belehrt worden wären. Denn das ist potenzierter und noch dazu dämonisierter Subjektivismus, d. h. das eigene Erleben das Maß aller Dinge, auch der Schriftauslegung.
Es ist mir noch in lebhafter Erinnerung, wie vor mehr als zwanzig Jahren meine geringen Versuche aufgenommen wurden, den Blick der Gläubigen mehr von sich selbst weg auf die großen Gedanken und Pläne unseres Gottes mit Israel zu lenken: “Der nimmt uns ja alles und gibt es seinen alten Juden!” So tönte es von vielen Seiten in allen Tonarten, grob und fein. Heute ist jene törichte Rede fast verstummt, wiewohl noch Raum ist zur Besserung und Vorsicht, angesichts der unausbleiblichen Verschärfung der Judenfrage in unsern kritischen Tagen.
Als 1908 an der Gnadauer Tagung die von Pastor Krawielitzki vorgetragenen Thesen über das paulinische Geheimnis vom Leibe Christi abgelehnt und nachher in “Licht und Leben” nach allen Regeln der Schultheologie abgeschlachtet wurden, da hat sich jene bedeutende und führende Vertreterin des deutschen Gemeinschaftschristentums von der unglücklichen Parole: “Wir wollen kein Elite-Christentum” verleiten lassen, die einzig wirksame Waffenrüstung auszuschlagen, die ihr in dem nahenden Kampf mit dem Pfingstbetrug zum Siege hätte verhelfen können. Sie hat den Aufstieg verpasst. Sie hat denn auch im Kampf mit der Pfingstbewegung den Sieg nicht errungen, d. h. dieselbe ist innerlich nie überwunden worden, sondern wuchert weiter und frisst tiefer. Der darin waltende Geist spottet papierener Paragraphen, scharfer Statuten und Disziplinarmaßnahmen, er spottet der gutgemeinten aber fast knabenhaften Warnungstafeln an den Eingangstüren der Gemeinschaftslokale und -säle. Die innere Kraft zum sieghaften Bestehen lag in dem zielbewussten Aufstieg auf eine höhere Stufe der überschwänglichen Erkenntnis des Sohnes Gottes. Man konzentrierte sich bewusstermaßen nach rückwärts und legte sich fest auf die Positionen der Reformatoren, baute noch mehr Lutherkirchen und -denkmäler und feierte Reformationsfeste. So brachte man es denn im Jahr 1909 auch fertig, zwei volle Tage zu verhandeln über “die in Christo geschehene Versöhnung”, ohne auch nur mit einer Silbe den großen Akt der Versöhnung, auch auf Golgatha geschehen, zu streifen, durch welchen etwas gewirkt wurde, was mit persönlichem Heilsleben gar nichts zu tun hat, sondern mit der Erschaffung des Einen neuen Menschen aus Juden und Heiden. Dieser macht den ganzen, vollen Christus Gottes aus, Haupt und Leib, den vollendeten Organismus, in den wir einfach hineingeboren werden, ohne gefragt zu werden, ob wir dazu auch unsere individuelle und sehr persönliche Einwilligung geben, so wie ich in die Familie Ströter und Sie in die Familie Nagel. Ein Organismus, in dessen Zusammensetzung die absolute Gewähr liegt für die restlose Lösung aller Trennungsfragen der ganzen Menschheit für alle Zeiten: auf dass sie zur vollendeten Einheit gelangen und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast. Und als dann der große Zusammenbruch geschah, da offenbarte sich das schmerzliche Versagen nur zu deutlich: man tagte und fragte, man beriet und verschrieb ganze Stöße Papier, die Berge kreißten, und geboren ward — man höre und staune — das saft- und kraftlose Phantom der “Volkskirche”. So, du zerfahrene deutsche Christenheit, nun sammle dich um dies begeisternde Panier — auf Papier! Gnadau hat versagt, es hat den Aufstieg verpasst. Unser Gott aber lässt sich auch durch Gnadau nicht aufhalten, weiter zu gehen, königlich, unentwegt, zielbewusst und siegesgewiss.
Wo liegt das Heilmittel gegen alle jammervollen Zerklüftungen und Spaltungen? Wie kann und wird uns geholfen werden aus den traurigen Tiefen dogmatischer Gebundenheit und Versklavung unter das Hergebrachte? Wo erblüht der ganzen Gemeine Gottes die Herrlichkeit der Freiheit der Söhne Gottes? Nur im zielbewussten, unentwegten Aufstieg auf die Höhenlagen der göttlichen Offenbarung in der Erkenntnis und Liebe Gottes. Hinan auf den scharf umrissenen, klaren, strahlenden Gipfel, heraus aus allem beengenden theologischen und philosophischen Gestrüpp und Gesträuch. Droben ist der Blick ganz ungehindert und frei, nicht nur auf die festgegründeten Berge Gottes ringsumher, sondern in die blauen Tiefen göttlicher Liebesgedanken unseres herrlichen Rettergottes, der eine ganz verlorene, unter Tod und Sünde verkaufte Schöpfung machtvoll zu sich emporhebt. Gibt es denn nun auch, nein, kann es geben, höhere Höhen solcher Erkenntnis, als sie in den Worten des Herrn liegt: “Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, will ich sie alle zu mir ziehen?” Oder in der kühnen paulinischen Prophetie: “… auf dass Gott sei alles in allen?” In der Natur der Dinge kann es keine geben. Gott hat seine heutige Gemeine bis dicht unter den höchsten Gipfel, der erreichbar ist, geführt. Wird sie den Aufstieg wagen?
Wir haben einigermaßen gelernt, was es heißt, Christus ist eines jeglichen Mannes Haupt, wie der Mann ist seines Weibes Haupt, und Gott ist Christi Haupt. Kein sklavischer Zwang, keine knechtische Gebundenheit — freie Hingabe zu seligster Gemeinschaft und Einheit. Viele sind noch weiter gekommen und haben mit Wonne das kostbare Geheimnis ergriffen, nicht einer porzellanenen “Allianz”, die im Weltkrieg an den Felsen des Nationalismus und beutehungrigen Imperialismus zerschellt, sondern Christus, das Haupt seines ganzen Leibes, der Gemeine, seines Leibes Heiland, ein Geist und ein Leib, einerlei Hoffnung unseres Berufes. Wie hat uns solche Erkenntnis schon über unser enges Ich hinausgehoben auf zuvor unerkannte Höhen freiheitlicher Entfaltung der empfangenen Gaben zur gegenseitigen Handreichung und Auferbauung durch alle Gelenke, aus aller dogmatischen Kleinlichkeit und Engherzigkeit heraus! Haben wir das zu bereuen gehabt? Nun stehen wir vor der letzten und höchsten Stufe auf dieser Bahn: Christus, das von Gott verordnete Haupt über das ganze All, das Sichtbare und Unsichtbare, die Throne, die Fürstentümer und Gewalten, die Herrschaften in den himmlischen Regionen, die ja doch alle von ihm und durch ihn und zu ihm geschaffen sind, die er auch alle durch das Blut seines Kreuzes, durch sich selbst rechtskräftig versöhnt und zum Frieden gebracht hat, — einerlei, ob wir das schon verwirklicht sehen oder noch nicht. Also steht es geschrieben, und die Schrift kann nicht gebrochen werden! Und da können Sie noch fragen: Wo steht das geschrieben, dass auch der Stärkste der Starken noch seine frohe Beute wird, weil Seine Seele gearbeitet hat und gesättigt werden soll nach der Schrift? Und wir sollten ihn abspeisen wollen mit dem kleinen Häuflein von uns paar jetzt schon gläubig gewordenen und ihn umsonst schmachten lassen nach den großen Mengen? Hinweg mit solchen Schranken! Von allem im ganzen Bereich Himmels und der Erde und Unterwelt ist auch nicht ein einziges Wesen ausgenommen, das ihm nicht willig huldigen wird zu seinen Füßen, als nur der, der ihm alles unterworfen hat. Sonst sieht der Heilige Geist in der Schrift keinen unerlösten, unversöhnten Rest in irgend einem Höllenwinkel.
Auf den uns allen erreichbaren Höhen des Glaubens an diese klaren, unzweideutigen Aussagen des wahrhaftigen Gottes, der uns seinen Christus in dieser alles umfassenden Eigenschaft als das Haupt über das All gegeben hat, liegt die vollendete Gemeinschaft und Übereinstimmung aller wahren Kinder Gottes aller Zeiten. Steigen Sie nur getrost mit hinan, teurer Bruder. Es ist alles der festeste Granitboden. Die trüben Sümpfe und Lachen sind alle in der Tiefe. Die Luft ist sonnenhell, die Schatten weichen vor der überschwänglichen Klarheit. Alle Trennung ist hier oben für immer überwunden und beseitigt. Die Erfüllung seines sehnlichsten Begehrens, dass sie alle eins seien, wie du, Vater, in mir und ich in dir, ist vorhanden. Sein Gebet ist gewisslich erhört, wenn auch geschichtlich noch nicht erfüllt. Wollen wir die Erfüllung noch länger hinauszögern? Gott helfe uns! Amen.
(Veröffentlicht in: “Das Prophetische Wort”, 1921)
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3. Offener Brief (2) an Herrn Prediger Gustav F. Nagel, 1921
Der Zusammenbruch des Ansturms gegen die Wahrheit der Allversöhnung
Dieser Aufsatz dient als Entgegnung auf die von Prediger Nagel erschienene Broschüre: “Lehrt die Schrift die Allversöhnung?” Der Wahrheit kann kein besserer Dienst geleistet werden, als jene Broschüre sorgfältig zu lesen, denn sie richtet sich selbst.
Das Erscheinen der Nagel’schen Broschüre hat in mir neben tiefem Weh überwiegende Freude und Dankbarkeit gegen Gott ausgelöst. Denn nach meinem Erkennen bedeutet sie nichts Geringeres als den gänzlichen Zusammenbruch des wuchtigen und mit bedeutenden Machtmitteln durchgeführten Sturmlaufs gegen die Lehre von der Allversöhnung. Seit Jahren habe ich nach einem berufenen Gegner ausgeschaut, der einmal möglichst fachlich, in brüderlichem Geist das mögliche leisten würde, unsere Stellung zu erschüttern. Über den Ausgang hatte ich nie den geringsten Zweifel. Die Wahrheit würde und musste triumphieren, endgültig und entscheidend. Das ist nun geschehen. Unser großer Gott, der Licht ist ohne Finsternis, hat seine eigene Weise, “Licht aus der Finsternis hervorleuchten zu lassen.” Die hat er auch diesmal wieder erwiesen und bewährt aus dem Munde der Gegner.
Wir stehen heute auf allen Gebieten des Lebens im Zeichen des Zusammenbruchs, d. h. der Selbstoffenbarung innerer Unwahrhaftigkeit und Scheinstärke. Das unwiderrufliche göttliche Urteil über die ganze verblendete, aufgeblähte Völkerchristenheit steht schon von lange her verzeichnet, wie geschrieben steht: “… sofern du an der Güte bleibst, sonst wirst auch du abgehauen werden” (Röm. 11, 22). Von allen großen und kleinen historischen Kirchenkörpern, Rom, Byzanz, Protestantismus in seinen zahllosen Verzweigungen, Landes-, Staats-, Volkskirchen, Freikirchen, Gemeinden und Gemeinschaften ist nicht einer, der geblieben wäre in der Güte Gottes. Ihr Schicksal ist unabwendbar besiegelt, die Axt liegt allen an der Wurzel wie vor zweitausend Jahren bei Israel. Warum sollte die bisher stramm geschlossene Schlachtordnung der Orthodoxie auf dem Gebiet der Zukunftslehre eine Ausnahme bilden und nicht ebenfalls ihre innere Haltlosigkeit offenbaren? Darüber wird niemand, der biblisch-prophetisch orientiert ist, unruhig werden oder den Mut verlieren. Das Gericht muss ja doch am Hause Gottes beginnen, ehe Gottes große Gedanken zur Durchführung gelangen können. Die nervöse Ängstlichkeit des Verfassers und der Befürworter jener Broschüre ist kein gesundes Zeichen. Unser Gott ist offenbar daran, die Menschheit tüchtig zusammenzuschütteln, ehe sie zur Vernunft zu bringen ist. Da kann doch keine Rede davon sein, dass die Kinder Gottes nur ja nicht beunruhigt werden dürfen. Warten wir denn nicht eines neuen Himmels und einer neuen Erde, nach seiner Verheißung? Und bei einer so grundstürzenden Neuordnung aller Verhältnisse im Himmel, auf Erden und unter der Erde, wie wir sie zu erwarten bekennen, sollten Erschütterungen ausbleiben? Davon aber wird die wahre Gemeine, die nicht egoistisch eingestellt ist, gar nicht beunruhigt oder berührt. Sie weiß, dass die Zügel des Welt-, Kirchen- und Reichsregiments in sicheren Händen sind, ob auch alles drunter und drüber ginge. Es geht doch täglich nur nach seinem Wort, denn ihm muss alles dienen.
Die verhängnisvolle Taktik, d. h. Angriffsmethode der Gegner ist ersichtlich aus einem prüfenden Blick in das Inhaltsverzeichnis der Broschüre. Die ganze Einstellung ist verkehrt und musste mit innerer Notwendigkeit versagen und zur Niederlage führen. Der erste Abschnitt der Broschüre handelt von dem, was die Schrift lehrt “über das ewige Geschick der endgültig Unbußfertigen”. Damit ist die große Frage am unrechten Ende angefasst, d. h. sie wird, wie fast alles heutige christliche Denken und Lehren auf den leidigen subjektiven Boden herabgedrückt. Die oberste Frage ist aber niemals die, was am Ende aus den Geschöpfen wird, sondern: was wird aus dem Charakter und Wesen Gottes? Denn wenn es unserm Gott nie gelingt, wie gegnerisch behauptet wird, seinen in der unzweideutigsten Weise erklärten Liebeswillen zur Errettung aller Menschen und zur Versöhnung des ganzen Alls restlos durchzusetzen, dann bedeutet das einfach seinen Bankrott, man mag die Sache noch so geschickt wenden, wie man will. Wer aber auf dieser Linie ruhig zu Ende denkt, muss zugeben, dass es dann vollständig einerlei ist, was aus uns gefallenen und verlorenen Geschöpfen wird. Denn dann zerfällt das ganze All in ödestes, hoffnungsloses Nichts. Dann ist an eine endgültige, unerschütterlich garantierte Errettung irgend eines noch so gläubigen Geschöpfes überhaupt nicht zu denken. Dann bekommt alle Heilsgewissheit den unerbittlichen Todesstoß. Denn dieselbe beruht niemals auf meiner noch so tiefen Gläubigkeit, sondern einzig und allein darauf, ob Gott imstande ist, seinen heiligen souveränen Liebeswillen über alle und jede Feindschaft hinweg durch völlige Überwindung und Beseitigung alles kreatürlichen Widerstandes sieghaft durchzuführen. Gelingt ihm das bei einem einzigen seiner Geschöpfe nicht oder niemals, dann hat kein einziges Geschöpf irgend welche absolute Gewähr, dass es Gott mit ihm letzten Endes gelingen wird, seinen Liebeswillen durchzuführen.
Nun geht das Angriffsverfahren Br. Nagels zunächst dahin, mit bedeutendem Aufwand von Scharfsinn und mit großer Schlagfertigkeit den Blick des Lesers mit den kräftigsten Belegstellen für das (angeblich) endlose Verderben der endgültig Unbußfertigen dergestalt zu erfüllen, dass ihm alles folgende, was in der Schrift gesagt ist von dem erklärten Liebesrat Gottes zur Allversöhnung von vornherein fraglich und zweifelhaft werde.
Dass dem lieben Bruder dabei das arge Missgeschick widerfahren ist, etwas als ausgemacht und erwiesen auszugeben, was erst noch zu beweisen seine Aufgabe gewesen wäre, war auch unvermeidlich bei der von ihm eingeschlagenen Taktik. Er redet in der ersten Hälfte seiner Broschüre vom “ewigen” Geschick der Unbußfertigen, als ob das nur endlos bedeuten könnte. Erst im dritten Abschnitt berührt er im Vorbeigehen den Umstand, dass allerdings auch behauptet werde, dass das Wort “ewig”, soweit es sich auf die Geretteten beziehe, selbstverständlich endlos bedeute, aber soweit es sich auf die Gerichteten beziehe, bedeute es nicht endlos. Der Bruder findet es nicht angezeigt, seinen Lesern meine Begründung für eine solche Behauptung zu bringen, und so wird aus seiner Darstellung eine tatsächliche Entstellung meiner Erklärung. Ein solches Verfahren richtet sich ebenfalls selbst.
Im zweiten Abschnitt handelt die Broschüre davon, ob es Schriftworte gebe, die die endliche Errettung aller Geschöpfe lehren. Dabei kommt der Verfasser zu dem bisher unerhörten Schluss, den meines Wissens noch kein Gegner der Allversöhnungslehre zu ziehen wagte, dass es nämlich in der ganzen Heiligen Schrift ein solches Wort überhaupt nicht gebe.
Der dritte Abschnitt der Broschüre kommt hier für uns nicht in Betracht, insofern sich unser Bruder da auf einem außerbiblischen Boden bewegt, auf den zu folgen wir ablehnen müssen. Denn er redet darin von etwas, das die Schrift nicht kennt, von einem “ewigen” Tode und gibt darüber eine rein philosophische Abhandlung, die sich selbst erledigt.
Worin bestünde nun der von uns angesagte vollständige Zusammenbruch des gegnerischen Angriffs auf unsere Stellung? Und inwiefern hat Bruder Nagel die innere Unhaltbarkeit der gegnerischen Stellungnahme geoffenbart?
Es ist ganz selbstverständlich, dass die einzig mögliche Angriffsmethode nur die sein konnte, die der Verfasser der vorliegenden Broschüre mit viel Geschick, Nachdruck und Beharrlichkeit eingeschlagen und verfolgt hat. Es wäre aussichtslos gewesen, uns mit rein philosophischen Argumenten beizukommen. Es war sein Verhängnis, dass er die wuchtigsten Stellen der Schrift von Verderben, Gericht und Verdammnis als Geschütze auffahren musste, um damit was zu erreichen! Nichts anderes, als andere, ebenfalls nur der Schrift entnommene, ebenso wuchtige, inspirierte Worte nach Vermögen zu entkräften und zu verhindern, dass sie sagen, was sie in Abwesenheit anderer Schriftworte, d. h. an sich betrachtet, unleugbar sagen wollen! Wir wussten, dass das niemals anders geschehen konnte, und daher unsere tiefe Freude, dass es jetzt einmal gründlich geschah, so erschütternd auch das tief tragische Schauspiel ist, das sich damit vor den Augen der Welt entrollt, nämlich, dass Verteidiger der göttlichen Offenbarung diese mit sich selbst bewussterweise in eine Zwiespältigkeit und Zweideutigkeit bringen, die sie selbst als unvermeidlich und unlösbar erklären, womit sie natürlich der Zuverlässigkeit eben der von ihnen verteidigten Offenbarung den Todesstoß geben. Denn Br. Nagel besteht gegen das Ende seiner Broschüre darauf: “Nun aber handelt es sich hier um einen Lehrpunkt, von dem man weiß, dass trotz jahrhundertelanger Auseinandersetzungen Meinungsverschiedenheiten bestehen. Diese waren bisher nicht auszugleichen, und sie werden es allem menschlichen Ermessen nach auch durch die gegenwärtigen Kämpfe hindurch nicht sein.” Da glauben wir dem festen prophetischen Wort mehr als dem menschlichen Ermessen. Die Gemeine Jesu Christi wird hinankommen zu einerlei Glauben und Erkenntnis des Sohnes Gottes, wie geschrieben steht. Den Weg dazu glauben wir sicher erkannt und eingeschlagen zu haben. Aus dem Chaos wird Licht und Ordnung, das trauen wir unserm herrlichen Rettergott unbedingt zu. Darum erschrecken wir auch nicht vor dem tief betrübenden Schauspiel, das uns die Kampfesweise der Gegner bietet. Es dient zur Klärung.
Denn was ist diese Kampfesweise, genau besehen, anders als das gleiche Verfahren, nach welchem vor mehr als 1900 Jahren das im Fleisch erschienene Wort, der Eingeborene vom Vater, von den berufenen und von ihm selbst als durchaus rechtgläubig anerkannten Schriftgelehrten des auserwählten Gottesvolkes Israel zum Tode verdammt und wirksam mundtot gemacht wurde. Denn man hat den Sohn Gottes, das liegt klar zutage, durch das Gesetz, d. h. durch die mit peinlicher Strenge behütete geschriebene Offenbarung des Vaters gemordet. Ob das so hat geschehen müssen? Ganz unzweifelhaft und unerbittlich! Wie hätte sonst die Schrift erfüllt und der Welt das Heil gebracht werden können? Macht dieses göttlich unerbittliche Muss jene Schriftgelehrten weniger zu Mördern? Niemals. Hat aber Gott sie dazu gezwungen, sie dabei sittlich vergewaltigt? Die Frage richtet sich selbst. Aber dahin geführt hat er sie mit unfehlbarer Treffsicherheit, damit sie selbst ihren vollständigen Bankrott als verordnete Hüter und Pfleger des ihnen anvertrauten Wortes offenbaren sollten, wie es am Tage ist. Und eben damit hat der verborgene Gott Israels, der Heiland, ohne dass es jene ahnten, gerade aus dem entsetzlichsten Mord der Wahrheit denselben so furchtbar verblendeten Führern samt dem von ihnen irregeleiteten Volk und aller verblendeten Menschheit das verheißene Heil erstehen lassen. Das ist der große Wiederbringer-Gott, den wir erkannt haben und verkündigen, der auch die schnödesten Zusammenbrüche, die tiefsten Machenschaften des Fürsten der Finsternis und die unvermeidlichen furchtbarsten Höllengerichte seinen königlichen Liebes- und Heilsgedanken unumschränkt dienstbar zu machen versteht. Das war und ist seine eigene Weise, mit allen seinen Feinden restlos fertig zu werden. Wodurch? Etwa dadurch, dass er ihnen die verdiente Verdammnis erspart? Niemals! Sondern dass er sie schonungslos mit unauslöschlichem Feuer richtet und vollständig zunichte macht, nur um sie ohne Ausnahme wieder in seine Hand zu bekommen zur Umgestaltung ihres ganzen verderbten Wesens. Es ist das tiefste Verkennen der wahren biblischen Wiederbringung, dass man sie bezichtigt, sie ginge um den furchtbaren Gerichtsernst Gottes herum. Die das sagen, bezeugen damit, dass sie gar nicht wissen, wovon sie reden. Sie richten einen selbstverfertigten Popanz auf, um ihn dann mit einer gewaltigen Attacke über den Haufen zu rennen. Werden nun aber jene, die ihn zum Tode verdammten, die ihn zerstochen haben, die ihn gehöhnt, gelästert, verspottet, angespieen haben, werden sie ihn einst sehen, wenn er kommen wird zum andern Mal seinem heute noch verblendeten, verstockten Volke von Christushassern zum Heil? Werden sie mit einstimmen in den Jubelruf: Hosianna, gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn? Ganz unzweifelhaft werden sie, denn auch diese Schrift kann nicht gebrochen werden. Das ist es, was wir unter Wiederbringung verstehen, nichts anderes. Unser Gott behält recht, und wenn er dazu sein geliebtes, nie endgültig verstoßenes, auserwähltes Volk auf ein paar Jahrtausende (Äonen) in die äußerste Finsternis legt. Dass das nur durch die unterste Hölle geschehen kann und wird, ist uns oberster Grundsatz, denn es steht geschrieben: “Ein jeglicher muss durch Feuer gesalzen werden” (Mark. 9, 49). Einen anderen Weg als durch die Feuerhölle zur Rettung und Vollendung gibt es niemals, auch nicht für die Gläubigen, die echten Söhne Gottes. Es ist offenkundige Entstellung der Tatsachen, unserer Auffassung (deutlich genug in all meinen Schriften dargelegt) das Brandmal der entsittlichenden Leichtfertigkeit bzgl. des Gerichtsernstes Gottes aufzudrücken. Es ist unverantwortlich, da von einem “Rationalismus des Gefühls” zu sprechen. Ein solches Verfahren richtet sich selbst.
Wenn es nun feststeht, dass die Schrift als ganzes nie gebrochen werden darf, so wenig wie in einzelnen ihrer Aussprüche, denn sie ist ein einheitlicher, unauflöslicher Organismus, dann ist hiermit im Prinzip die ganze Frage erledigt. Jede Schriftauslegung ist unerträglich, die sich diesem Grundgesetz nicht unbedingt unterwirft. Es kann niemals Aufgabe der gläubigen Schriftauslegung sein, Zwiespältigkeit und Zweideutigkeit in die Schrift hineinzutragen, wie das die verhängnisvolle Taktik der Nagel’schen Broschüre ist und gar nicht anders sein konnte. Es muss stets unsere einzige Aufgabe bleiben, die endliche harmonische Lösung aller vermeintlichen Schwierigkeiten und scheinbaren Widersprüche zu finden. Das wissen wir und haben es auf etlichen Gebieten auch fertig gebracht. Um so größer die Verschuldung heute, wo das Gegenteil geschieht, d. h. die äußersten Anstrengungen gemacht werden, um nachzuweisen, dass eben in der Heiligen Schrift selbst zwei Reihen von Aussagen enthalten seien, die sich niemals miteinander harmonieren ließen, die Meinungsverschiedenheit sei unentrinnbar usw. Das ist für uns von Anfang an als eine unerträgliche Haltung zur Offenbarung Gottes empfunden und bekämpft worden. Dass unsere Gegner keinen andern Ausweg finden konnten, ist ihr Verhängnis, ist ihr Gericht. Denn man wusste es anders, wenn man nur wissen wollte. Man wusste, dass es z. B. in der Frage nach der jungfräulichen Geburt Jesu nur eine einzige alttestamentliche Stelle gibt, in der davon geredet ist, und die gehört nicht zu den allerklarsten. Denn das hebr. Wort, das mit Jungfrau übersetzt ist, kann auch junge Frau bedeuten. Zudem reden eine Anzahl Stellen im Neuen Testament von Joseph als dem Vater Jesu. Der heiße Streit ist in gewissen Kreisen noch nicht ausgekämpft und wird genau nach der gleichen Methode geführt wie die von Br. Nagel gebrauchte, indem man ein Wort Gottes mit einem andern totschlägt. Wer aber den höheren Standpunkt gefunden, für den haben solche Streitigkeiten keine Bedeutung mehr.
So lächeln wir heute über die Not, die dem lieben Doktor Martinus Luther der Brief des Jakobus machte. “Strohern” nannte er ihn. Auf welcher Linie haben wir die Lösung leicht und glatt gefunden? Nur auf dem der unbedingten Beugung unter das unverbrüchliche Gesetz der unzerstörbaren Einheitlichkeit des gesamten Schriftorganismus, und zwar in allen seinen Teilen. Er muss gesucht und gefunden werden. Davon ist der Schreiber dieser Zeilen ein beglückter Zeuge. Auch ich war einst blind und kann nun sehen.
Die von uns grundsätzlich abgelehnte, von Br. Nagel zielbewusst verfolgte Taktik zur Befehdung der Lehre von der Allversöhnung kann nur die Wirkung haben, dass letzten Endes die unbedingte Zuverlässigkeit und Einheitlichkeit der ganzen Schriftoffenbarung, d. h. die absolute Wahrhaftigkeit Gottes bis in die Tiefen erschüttert wird. Die Frage wird nie sterben: Sollte Gott gesagt haben? Alle frechsten und vermessensten Angriffe einer dünkelhaften Bibelkritik bleiben an zerstörender Wirkung weit zurück hinter dem für unsere Gegner unvermeidlichen Verfahren, die Schrift gegen sich selbst ins Feld zu führen. Wie anders könnte man auch diese ganze Frage stets, wie das Br. Nagel in seinen früheren Mahnworten getan, als eine “strittige” bezeichnen? Damals ging allerdings unser Bruder darauf aus, einen Vermittlungsweg zu finden. In seiner jetzigen Broschüre aber sah er sich mit unerbittlicher Notwendigkeit dazu getrieben, ganz andere Töne anzuschlagen, d. h. unserer Stellung alle und jede Schriftstütze abzusprechen. Und so musste im zweiten Teil seiner Broschüre rücksichtslos ein klares Wort der Schrift nach dem andern von andern Schriftworten nach allen Regeln der “Schule” abgetan werden. Er selbst spricht den Satz unbedenklich aus, auf den er sich festlegen musste: “Gibt es demgegenüber” (was er im ersten Abschnitt über das ewige Geschick der endgültig Verlorenen gesagt hatte) “eine Stelle, die unzweideutig die endliche Beseligung aller Geschöpfe lehrt? Wir werden von vornherein sagen müssen: Nein.” Nie hat Br. Nagel ein wahreres Wort gesagt als dieses: Wir werden von vornherein sagen müssen. Jawohl, sagen müssen! — nach dem unverbrüchlichen Gesetz göttlicher Kausalität. Er selbst gibt später zu: “Wenn unsere Bibel lediglich aus einer Reihe solcher ganz gleichartiger Sprüche bestünde, wenn vom Gericht und ewigem Verderben der Unbußfertigen nirgends die Rede wäre, so würde die Annahme der Beseligung aller ja unabweisbar sein. Und wir würden nicht die geringste Neigung haben, mit irgendjemand darüber zu streiten.” Da unterschiebt der Bruder ruhig dem Wort vom “ewigen Verderben”, das ich voll und ganz unterschreibe, den Sinn von “endlosem Verderben”, und hält es gar nicht für nötig, das erst zu begründen und den Nachweis zu liefern, dass “ewig” in der Schrift stets die Bedeutung von “endlos” habe. Er merkt gar nicht, dass sein ganzes Argument in sich selbst zusammenbricht, weil er niemals nachweisen kann und wird, dass ewig endlos ist, ausgenommen da, wo es von Gottes eigenem Wesen, Leben und Herrlichkeit gebraucht wird, die aber nicht erst dadurch unendlich werden, dass jenes Wort äonisch dabei steht, sondern umgekehrt, die Bedeutung des Wortes äonisch erhält ihre Bestimmtheit durch den Hauptbegriff. Somit wird aus dem bedingten Zugeständnis des Bruders tatsächlich ein unbegrenztes. Denn nur die nachweislich ganz haltlose Annahme vom Vorhandensein solcher Schriftworte, die wirklich von unbezweifelt endlosem Verderben reden sollen, hindert ihn daran, jeden Widerstand gegen die Allversöhnungslehre aufzugeben und sie voll und ganz als biblisch berechtigt und begründet anzuerkennen.
Nun wollen wir an etlichen Stichproben seiner eigenen Exegese solcher Schriftworte, die für ihn und für viele unbezwingliche Hindernisse für das Bekenntnis zur Allversöhnung bilden, dem Bruder den Ausweg aus diesem Dilemma zeigen, also dass er sein Versprechen halten und sich “durch keine kirchliche und dogmatische Voreingenommenheit, durch keine hergebrachte Meinung abhalten” lasse, der Allbeseligung zuzustimmen. Es kann, das werden unsere Leser und auch unsere Gegner verstehen, nicht von mir erwartet werden, dass ich hier jedes einzelne seiner Beispiele untersuche und abtue. Es muss an etlichen ehrlichen Exempeln genügen.
Das erste von Br. Nagel angeführte Herrenwort aus Joh. 6, 39 erfährt folgende exegetische Behandlung: “Jesus hatte erklärt, das sei der Wille des Vaters, der ihn gesandt, dass er nichts verliere von allem, was der Vater ihm gegeben habe.” Dazu folgender Kommentar: “Dass hier mit denen, die der Vater dem Sohn gab, nicht schlechthin alle gemeint sind, ergibt sich auf das unleugbarste auch aus anderen Jesusworten: ‘Ich bitte nicht für die Welt, sondern für die, die du mir gegeben hast’ (Joh. 17, 9). Hier werden die, die der Vater dem Sohn gab, aufs bestimmteste unterschieden von der Welt, wie diese Unterscheidung denn durch das ganze Kapitel Joh. 17 hindurchgeht. Hierher gehören die Aussprüche in diesem Kapitel (V. 2, 6, 9, 11, 14, 24), und auch der bedeutsame Ausspruch des Herrn in V. 12: ‘… die du mir gegeben hast, die habe ich bewahrt’, gehört hierher (vgl. Kap. 18, 9)”.
Hier bringt es unser Bruder fertig, solche unzweideutige Erklärungen der Schrift, dass der Vater dem Sohn alles unter seine Füße gegeben habe, dass er nichts gelassen habe, das ihm nicht unterworfen sei, dass es davon nur eine einzige Ausnahme gebe, den Vater selbst, der ihm alles unterworfen (1. Kor. 15, 27.28; Hebr. 2, 7.8), als gar nicht vorhanden zu behandeln. Nicht nur das. Er bringt es fertig, in demselben Kap. 17 des Johannes-Evangeliums ausgerechnet sieben Verse zu benutzen, die in seine Theorie passen und zwei andere aus dem gleichen Kapitel gar nicht zu sehen, die das von ihm gefolgerte vollständig über den Haufen werfen. Denn in Vers 21 und 23 steht deutlich geschrieben, dass das ganze Gebet Jesu zum Vater den einen großen Zielpunkt hatte, dass auch die Welt erkennen werde, dass der Vater ihn gesandt habe, und sie liebe, gleichwie den Sohn. Und wenn es dahin gekommen ist, dann hat sie das ewige Leben (V. 3). Und dass es dahin kommen wird und muss, ist in Vers 2 garantiert.
Noch viel übler ergeht es dem teuren Bruder mit weiteren Zitaten seiner Broschüre. Er schreibt: “Schriftworte sagen, dass, wer dem Sohn nicht glaube, das Leben nicht sehen werde. Von Seiten der Wiederbringer wird großer Wert darauf gelegt, die Schriftworte ganz einfach und ganz wörtlich zu nehmen. Kann nun die ein Tadel treffen, die dem entsprechend (?) glauben, dass die Verächter des Lebenswortes Christi wirklich das Leben nicht sehen werden? Bleibt dieses Wort: ’sie werden das Leben nicht sehen’, seinem einfachen Wortsinn nach bestehen, wenn man daneben setzt, dass diese Menschen schließlich, wenn auch erst nach Äonen, das Leben doch sehen werden? Es ist gesagt, dass über den Nichtglaubenden der Zorn Gottes bleiben werde. Bleibt dieses Wort in seiner Geltung bestehen, wenn man daneben setzt: der Zorn Gottes bleibt nicht über ihnen, sondern wird nach Perioden des Gerichts wieder weggenommen?”
Schon lange hat mich nichts so tief schmerzlich bewegt wie diese geradezu erschütternde Probe gegnerischer Beweislegung. Und das von einem Knecht Gottes, der um das Wort Gottes eifert und darin von vier berufenen Führern und Lehrern der deutschen Gemeinschaftsbewegung sekundiert wird.
Wie steht es nun in Wahrheit mit diesem so plausiblen und scheinbar unwiderstehlichen Verfahren? Zunächst erlaubt sich Br. Nagel eine anscheinend geringfügige und harmlose, weder von ihm selbst noch wohl auch von vielen Lesern im gegnerischen Lager bemerkte Verwechslung zweier verschiedener Verneinungswörter, denn er schiebt unbedenklich da, wo die Schrift ein einfaches “Nicht” gebraucht, ohne weiteres ein “Niemals” unter, — ein höchst fataler Kunstgriff. Als Jesus seinen Brüdern erklärte: Ich gehe nicht auf das Fest (Joh. 7, 8), meinte er da, er werde niemals gehen?
Was diese Unterschiebung hier zu bedeuten hat, erhellt sofort, wenn wir die Schrift und die Geschichte fragen, was jenes Wort scharfer Drohung an Israel tatsächlich bedeutet hat, was wir mit unleugbarer Gewissheit feststellen können. Eben jenes hartnäckig ungläubige Volk, das nicht wollte, hat die buchstäblich wortgetreue Erfüllung jener furchtbaren Gerichtsdrohung vor den Augen der ganzen Christenheit dieser neunzehn Jahrhunderte in einer so unwidersprechlichen Weise erfahren, dass auch unser Bruder Nagel daran nicht zu rütteln wagen wird. Israel hat dem Sohn Gottes nicht geglaubt, und infolgedessen hat es seit neunzehn Jahrhunderten das Leben nicht gesehen, obwohl es rings umgeben war von lebendigen Zeugen dafür, dass Jesus lebt und das Leben gibt. Somit ist jene Schrift auf das allergewisseste und handgreiflichste erfüllt worden, dass an der Bedeutung jener Drohung ein ehrlicher Zweifel ganz ausgeschlossen ist. Wie geschrieben steht durch den Apostel, als Erfüllung der Prophetie: “Gott hat ihnen gegeben einen Geist des Schlafs, Augen, dass sie nicht sehen und Ohren, dass sie nicht hören.”
Derselbe Apostel Jesu Christi erklärt ferner von eben demselben verblendeten Israel (2. Kor. 3, 16): “Sobald es sich aber zum Herrn bekehrt, wird die Decke von seinem Herzen weggetan werden.” Will Br. Nagel behaupten, dass sie auch dann noch das Leben nie sehen werden? Und wollte man antworten: Ja, wenn! — dann fragen wir weiter, ob der Herr und seine Propheten und Apostel falsche — oder wahrhaftige und treue Zeugen der Wahrheit gewesen sind? Denn es steht geschrieben: “Blindheit ist Israel zum Teil widerfahren, so lange, bis … und also das ganze Israel gerettet werde.” Denn Gott hat sie alle unter den Unglauben eingeschlossen, warum? Etwa, auf dass er sie alle am Jüngsten Tage in die endlose Verdammnis schleudere, wie es die Orthodoxie haben will? Nein, sondern auf dass er sich aller erbarme. Die Schrift kann nicht gebrochen werden (Röm. 11, 25.26.32).
Die traurige Verstiegenheit unseres Bruders geht aber, wie gar nicht anders möglich, noch viel weiter, nach dem Gesetz der unerbittlichen Kausalität, dass Blinde sehend und Sehende blind werden. Er untersteht sich, den Meister zu meistern, in einer Weise, die aus dem größten Propheten Israels einen falschen macht. Jesus straft in seinen letzten Leidenstagen die hartnäckig Unbußfertigen seines Eigentumsvolkes: Wie oft habe ich wollen, — ihr habt nicht gewollt! Ist Jesu Sprache deutlich genug geredet von beharrlicher, hartnäckiger Ablehnung des dargebotenen Heils? Wer es besser kann, der zeige es. Wenn nun Jesus seine Theologie auf einer unserer ganz orthodoxen Predigerschulen gelernt hätte, was hätte er dann sagen müssen? “Euer Haus soll euch wüst gelassen werden, ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr mich erblicken werdet am Jüngsten Tage, wenn ich euch nach Verdienst in die endlose Hölle werfen werde, denn ihr habt nicht gewollt!” Und das wagen berufene Lehrer und Führer der deutschen Gemeinschaftsbewegung der gläubigen Gemeine zu bieten!
Wo bleibt nun aber angesichts dieser unleugbaren Sachlage das ganze unwahre Gerede von ewiger, d. h. endloser Verdammnis der hartnäckig Ungläubigen? Nicht ein Faden bleibt von diesem ganzen Gespinst einer an die Philosophie verkauften Theologie, die sich versteigt und vermisst, der Gemeine vorzuschreiben, was in ihr verkündigt werden darf. Das Misstrauen gegen die Orthodoxie ist nur zu berechtigt. Denn der ganze Unterbau dieser endlosen Höllenlehre ist morsch. Gottlob, dass die Gemeine Gottes beunruhigt wird von diesen Fragen, die ja den Führern sehr unbequem sind, weil sie sie unerbittlich zwingen, umzulernen und sich dem Wortlaut der Schrift in Wahrheit einfach zu beugen, einerlei, was aus der zünftigen oder bloß angelernten Theologie wird. Der Bann wird und muss gebrochen werden. Dazu hat unseres Bruders Broschüre ihr redlich Teil mit beigetragen, wenn auch unbeabsichtigt. Umso durchschlagender ist die Wirkung. Oder habe ich den Mund zu voll genommen, wenn ich von Zusammenbruch geredet habe? Ich achte nicht. Der musste ja kommen.
Nun darf ich aber meinen lieben Gegnern noch eine weitere, nicht minder ernste Auseinandersetzung um der verführten Gemeine Gottes willen nicht schenken, die ihrer baldigen Vollendung entgegenharrt. Sie betrifft jene gewaltigsten und wuchtigsten Worte der Schrift von dem “ewigen Feuer”, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln, dem Feuersee, in welchem Satan und sein Anhang gequält werden sollen Tag und Nacht in die Ewigkeiten (Äonen), von dem andern Tode, den Br. Nagel ganz willkürlich den “ewigen”, d. h. endlosen Tod nennt, was die Schrift nicht tut. An diesem Hauptfort der gegnerischen Stellung offenbart sich in ebenso handgreiflicher wie jedem einfachen Kenner der Schrift offenkundiger Weise die ganze Hohlheit und Haltlosigkeit der Sturmattacke gegen die Allversöhnung.
Ich schicke voraus, dass es die Gegner selber sind, die mich durch beständiges Pressen gerade dieses Punktes getrieben haben, meine frühere zurückhaltende Sprache aufzugeben, was das endliche Los des Erzfeindes, des Mörders von Anfang betrifft. Die Bezichtigung, ich habe die Lehre, dass auch der Teufel noch selig werde, in die breiten Massen hineingeworfen, ist falsch. In der ersten Auflage meines Werkes vom Evangelium von der Allversöhnung in Christo kommt eine solche Rede gar nicht vor. Erst durch die fortgesetzten Angriffe gerade an diesem Punkt habe ich mich genötigt gesehen, deutlicher davon zu reden. Die dritte Unterschrift unter dem Vorwort der Nagel’schen Broschüre, die von Vater Seitz (der, wie bekannt, die Wiederbringung aller Menschen glaubt), erklärt sich nur aus dem von Br. Nagel angeführten entschiedenen Protest des betagten Bruders gegen den ihm unleidlichen Gedanken auch einer Wiederherstellung Satans zu seiner ursprünglichen Schönheit, Majestät und Herrlichkeit. Alles, nur das nicht! Es ist geradezu erschütternd, wie ein gereifter Gottesmann “nichts anderes erwarten und wünschen kann, als dass diese in der Glut satanischen Hasses lästernde Gesellschaft unter dem Zorngericht Gottes eine Beute des ewigen Todes werde”. Und der Verfasser dieser Antwort auf Br. Nagels Broschüre hat vor zehn Jahren eben solche grauenhaften Lästerungen und Verfluchungen des Heiligsten neben Br. Seitz wochenlang mit angehört, weiß also genau, um was es sich handelt. Er hat aber auch in den 52 Jahren seines bewussten Glaubenslebens im Dienste seines Meisters unter Namenchristen und unter Juden ganz ebenso gräuliche und grausige Lästerungen, Verwünschungen und Verfluchungen des Heiligsten aus dem Munde von sogar fein gebildeten Menschen gehört. Bis auf diesen Tag ist er nicht imstande, darin eine solche wesentliche Verschiedenheit zu erkennen und gelten zu lassen, wie die philosophisch orientierte Theologie sie setzen zu dürfen glaubt zwischen gefallenen Engeln und Dämonen einerseits und gefallenen Menschen andererseits, aus der man dann nach allen Regeln der Schule die Erlösbarkeit der Menschen ableitet, dagegen die der gefallenen Engel grundsätzlich verneint. Er ist nicht imstande zu glauben, dass wir tatsächlich Grund haben, Gott zu danken, dass wir doch nicht ganz so schlecht sind wie der Teufel. Mir sieht das ganz genau wie Pharisäismus aus. Zumal die Schrift so majestätisch und echt göttlich erklärt: “Wo aber die Sünde mächtig geworden, da ist die Gnade überströmender geworden.” Oder ist auf dem Boden der Engelwelt etwa die Sünde nicht mächtig geworden? Oder wer gibt irgendeinem Menschen geschweige denn einem aus Gnaden Erlösten das Recht, eben diese allmächtige Gnade zu beschränken und ihre Wirksamkeit begrenzt sein zu lassen durch die Sündhaftigkeit in höherer oder allerhöchster Potenz? Da ist wieder die große Frage nicht: Was wird einmal aus dem Teufel? — sondern: Was wird aus dem Charakter des Gottes aller Gnade, wenn sie tatsächlich Halt und unverrichteterdinge Kehrt machen muss vor bloßen Graden und Abstufungen der Sünde? Mir kommt das alles als eine ungeheuerliche Verstiegenheit und Vermessenheit vor, dass man sich herausnimmt, seinem großen Vatergott Vorschriften zu machen, bis wie weit er retten dürfe!
Doch weiter. Was hat es denn nun nach der Schrift für eine Bewandtnis um das “ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln, den Feuer- und Schwefelsee, den anderen Tod”? Hier sollen gar keine sprachlichen und lexikalischen Fragen aufgeworfen und erörtert werden. Das ist geschehen und hat wenig gefruchtet. Hier soll ganz allein die Schrift zu Wort kommen, aber in ihrer Gesamtheit und organischen Einheitlichkeit, als ihr eigener und allein zuverlässiger Kommentar.
Zum ersten ist ganz unleugbar, dass der zweite oder andere Tod, der Feuersee, genau dasselbe ist, was in Matth. 25, 41.46 das ewige Feuer benannt ist, das bereitet sei dem Teufel und seinen Engeln, in welches die Verfluchten zur Linken des Richters von diesem verwiesen werden. Eine Verwechslung ist da ausgeschlossen. Die Annahme eines ganz anderen, viel heißeren oder heftigeren oder schrecklicheren Feuers für den Teufel und seinen Anhang im Unterschied von dem höllischen Feuer für die vom Herrn Verfluchten aus den Nationen in Matth. 25 ist unhaltbar. Ich habe auch nie von einem Versuch gelesen, einen solchen feststellen zu wollen.
Zum zweiten hat nach übereinstimmendem Zeugnis zweier Apostel des Herrn, Petrus und Judas, Jehova schon vor Jahrtausenden in den Tagen Abrahams, des Vaters aller Gläubigen, an zwei Städten, d. h. deren Bewohnern natürlich, ein furchtbares Feuergericht vollzogen, an Sodom und Gomorrha und den benachbarten Städten, Adama und Zeboim. Nach 2. Petr. 2, 6 und Jud. 7 sind jene so entsetzlich gerichteten Städte, also deren Bewohnern, “Exempel von des ewigen Feuers Pein oder Gericht oder Strafe”.
Nun steht aber schon seit mehr als 2500 Jahren auf den Blättern des festen prophetischen Wortes, im Buch des Propheten Hesekiel, folgendes geschrieben: “Ich will die Gefangenschaft Sodoms und ihrer Töchter (Städte), die Gefangenschaft Samarias und ihrer Töchter wenden, auch die Gefangenschaft deiner Gefangenen unter ihnen will ich wenden, damit du deine Schande tragest und dich alles dessen schämst, was du getan hast, wodurch du ihnen zum Trost dientest. Also werden deine Schwestern Sodom und ihre Töchter wieder in ihren vorigen Stand zurückkehren, und du und deine Töchter, ihr sollt auch in euren vorigen Stand zurückkehren” (Hes. 16, 53-55). Das Wort des Herrn geht noch weiter und höher, V. 61: “Alsdann wirst du an deine Wege gedenken und dich schämen, wenn du deine größeren und kleineren Schwestern (Samaria und Sodom) zu dir nehmen wirst, welche ich dir zu Töchtern geben will, aber nicht auf Grund deines Verhaltens im Bunde. Und ich will meinen Bund mit dir aufrichten, und du sollst erfahren, dass ich Jehova bin, auf dass du daran gedenkst und dich schämst und vor Scham deinen Mund nicht auftun darfst, wenn ich dir alles, was du getan hast, vergeben werde.”
Dass nun Sodom und Gomorrha allen späteren Gottlosen darin nicht ein Exempel von des ewigen Feuers Pein oder Gericht sein können, dass sie dieselbe materielle, reale Feuer- und Schwefelhölle wie jene durchzumachen hätten, ist ganz unwiderleglich klar aus den beiden Parallelen, Jerusalem und Samaria, deren Gefangenschaft eine ganz andere, nämlich ein politisches Exil war. Das kann der Vergleichspunkt unmöglich sein. Das Beispielhafte kann nur darin liegen, dass einmal allen Gottlosen ihre Hölle, einerlei in welcher Form und Gestalt, mit unfehlbarer Sicherheit gewiss ist, dass aber zum anderen dieses Gericht oder Hölle oder Gefängnis ebenso unfehlbar sicher gewendet werden wird und sie aus demselben wiederhergestellt werden, wie sie zuvor gewesen sind, denn das ist im vorliegenden Kapitel offenkundig die Hauptsache der ganzen prophetischen Darstellung.
Wer nun leugnen will, dass Sodom und Gomorrha aus ihrem “ewigen” Feuergericht wiederhergestellt werden in ihren vorigen Zustand, der kann ebenso wohl leugnen, dass Jerusalem und Samaria, d. h. das ganze Israel jemals eine Wiederherstellung nach allen Seiten, politisch und religiös, erfahren werden. Das heißt, er kann sich dann auf die Seite der Leugner der alttestamentlichen Weissagung stellen, die das ganze Alte Testament, die einzige Bibel unseres Herrn Jesu und seiner Apostel vor unsern Augen zerfetzen und wie König Jojakim ins Feuer werfen.
Wir wollen bei der Frage nicht lange verweilen, was nachher aus den gerichteten Sodomitern wird, nachdem der Herr ihr Gefängnis gewendet haben wird. Da genügt ja vollständig die Aussage Jehovas: “Ich will sie dir zu Töchtern geben in meinem Bunde.” Hier handelt es sich lediglich um die vermeintlich so feste Burg der Vertreter der endlosen Strafe oder Pein, die sich auf das äußerste weigern zuzugeben, dass es aus derselben jemals ein Entrinnen oder Entlassenwerden geben könne. Diese feste Burg ist, in moderner Kriegssprache zu reden, Camouflage, d. h. gemalter Schrecken!
Wer sich diesem klaren, ganz unzweideutigen Zeugnis der Schrift nicht unbedingt beugen oder das in Abrede stellen will, der mag das ja tun. Er soll aber aufhören, sich für einen Bibelgläubigen zu halten oder auszugeben — er ist ungläubig!
Und wer weiter prüfen will, was alles sonst noch zusammenhängt mit der Frage der Wiederbringung Israels, Sodoms und Samarias, der lese nach, was Jer. 31, 35ff. und 33, 19-26 geschrieben steht. Da wird der Bund Gottes mit Noah bzgl. Tag und Nacht, der Eidschwur Gottes an Abraham, den Besitz des verheißenen Landes und den verheißenen Samen betreffend, und auch noch die “gewissen Gnaden Davids” für den herrlichen Sohn und Erben aller Verheißungen in die innigste Beziehung mit dieser Angelegenheit gesetzt. Das alles wird in Mitleidenschaft gezogen und wird unsicher, wenn Sodom und Gomorrha nicht ebenso gewiss wiedergebracht werden wie Jerusalem und Israel. Keine Kette ist stärker als ihr schwächstes Glied.
Hätte man sich nur in Gemeinschaftskreisen mehr um den Propheten Hesekiel und alle Propheten gekümmert, nicht nur zur persönlichen Seelenpflege und Erbauung, sondern um Mehrung der gesunden Erkenntnis des herrlichen zukünftigen Christus Gottes, dem der Vater das All unterworfen hat, dann wäre ein so trauriges und beschämendes Schauspiel leicht zu vermeiden gewesen. Nun rächt sich der maßlose Subjektivismus, den man gepflegt hat.
Um nun nach Vermögen zu verhindern, dass diese Sache wieder totgeschwiegen werde, sehe ich mich veranlasst, hier öffentlich zu erklären, dass ich zu folgendem bereit bin: Wenn man mir nachweisen kann, dass ich in dem vorliegenden Beweis für die Haltlosigkeit und Nichtigkeit der herkömmlichen Lehre von endlosem Feuergericht, endloser Verdammnis, endlosem Fortbestande des zweiten Todes, des Feuersees die Grundsätze gesunder, nüchterner Exegese verletzt oder missachtet habe, dass ich irgendeines der angeführten Schriftworte verdreht, gebeugt, verstümmelt oder sonst vergewaltigt habe, dann bin ich bereit, nicht nur in meinem Blatt “Das Prophetische Wort”, sondern auf meine Kosten in allen namhaften deutschen Gemeinschaftsblättern dafür Buße zu tun und meine Versündigung am einfachen Wortsinn der Schrift zu bekennen. Ich gelobe ferner vor dem Herrn und seiner Gemeine, dass ich hinfort alle weitere Propaganda für die Lehre der Allversöhnung einstellen werde, meine bisherigen Schriften aus dem Handel nach Vermögen zurückziehen und dieselben verbrennen oder einstampfen lassen werde.
Kann man mir aber deren keines nachweisen, dann erwarte und fordere ich im Namen der irregeleiteten Gemeine Gottes, dass die Gegner der Allversöhnung ebenso öffentlich, wie sie gegen mich aufgetreten sind, auch ihre Niederlage, d. h. die Haltlosigkeit ihrer Stellung gegen die Allversöhnung zugestehen. Das ist doch wohl nicht zuviel verlangt angesichts dessen, was dabei für die Ehre und den Charakter unseres Gottes und seines Christus auf dem Spiel steht.
Noch darf meine Feder nicht ruhen. Den dritten Abschnitt der Broschüre unseres Bruders, der von dem “Wesen des anderen Todes” handelt, darf ich als oben erledigt betrachten, abgesehen davon, dass ich dem Bruder auf dem Gebiet rein philosophischer Spekulation nicht folgen kann und darf. Er versucht den Nachweis eines ewigen, d. h. endlosen Todes zu erbringen. Die Schrift kennt den Namen nicht, noch weniger die Sache.
Der vierte und vorletzte Abschnitt der Broschüre handelt “von der Allmacht Gottes und der menschlichen Verantwortlichkeit”. Mich hier wieder in die sehr philosophischen und theologischen Fragen einzulassen, habe ich weder Lust noch Zeit. Nur an den Pranger möchte ich kurz stellen, was sich die menschliche Weisheit oder Philosophie da wieder leistet gegenüber den klarsten und bündigsten Aussagen des Wortes Gottes. Dass menschliche, fromme und gelehrte Autoritäten dabei eine große Rolle spielen in unseres Bruders Abhandlung, ist selbstverständlich und wieder einmal sein Verhängnis.
Dass die gläubige (aber ganz philosophisch orientierte) Theologie die Gemeine des Herrn nur irreführen kann, steht jedem fest, der die Schrift in 1. Kor. 1 u. 2 glaubt und damit ernst macht. Gott hat die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht. Gott hat sich und seinen Liebesrat den Weisen und Klugen verborgen und ihn den Unmündigen offenbart. Das steht Matth. 11, 25 in enger Verbindung mit den Worten Jesu über Kapernaum und Sodom (V. 23.27). Uns hat die gläubige Theologie derart hinter das Licht geführt, dass wir alles Vertrauen in sie verloren haben, was uns natürlich als ein unverzeihliches Majestätsverbrechen angekreidet wird. Als demütige, einfältige Magd im Hause Gottes hatte die Theologie eine große Aufgabe. Sie ist aber früh zur “Herrin” geworden, und wehe dem Hause, wo das der Fall ist. Da sind Knechtungen des Geistes und tiefste Gebundenheiten unausbleiblich, wie es am Tage ist.
Hier wieder nur eine Stichprobe aus dem, was uns Bruder Nagel in seiner Broschüre aufs wärmste empfiehlt und wozu er sich voll und ganz bekennt. “Das Ergebnis Luthardts, zu dem wir uns völlig bekennen, lautet: Die sittliche Natur des Menschen fordert, dass die Aneignung des Heils ein sittlich vermittelter Prozess sei (also kein bloßer Machtakt Gottes) … Der Mensch ist ein agens liberum, d. h. ein frei handelndes Wesen, und diese Eigenart des Menschen muss die Gnadenwirksamkeit wahren, wenn sie in ihrem Wirken den Menschen als Menschen anerkennen will.” Soweit Luthardt, dem wir weder tiefe persönliche Gläubigkeit noch gründliche Gelehrsamkeit absprechen wollen. Wir haben allerdings seit längerer Zeit in dem Glauben gestanden, dass die erste und oberste Forderung nicht die sei, dass “der Mensch als Mensch anerkannt werde”, sondern dass unter allen Umständen Gott als Gott von uns Menschen anerkannt werde. Hier aber stellt sich der philosophische Mensch, d. h. der Mensch als solcher breitspurig dem allmächtigen Gott gegenüber und fordert, dass die Gnadenerweisungen Gottes sich nach seinen Anforderungen als vorgeblich “sittlich freies Wesen” richten sollen. Das ist die reife Frucht des all unser christliches Denken beherrschenden leidigen Subjektivismus: Der Mensch das Maß aller Dinge!
Nun weiß jeder, der etwas von Philosophie weiß, dass sie keine gefallenen Menschen kennt noch kennen will. Ihr ist der “Mensch als Mensch”, wie sie ihn findet, normal. Und echt heidnisch, wie sie darin orientiert ist, setzt sie ihn auch als die Norm für das göttliche Wesen, Denken und Wirken. Das heißt, das Heidentum ist von der wissenschaftlichen Theologie niemals innerlich überwunden, sondern, mit christlicher Verbrämung, sorgfältig gepflegt worden. Der “Mensch als Mensch” kommt dabei natürlich auf seine Kosten, so dass er sogar dem großen und heiligen und allmächtigen Gott seine Forderungen stellen darf, wie ihm das auch die allergläubigste Theologie nicht nur gestattet, sondern nahe legt. Wer aber die Philosophie darüber belehren wollte, die Menschheit sei als solche solidarisch unter die Sünde verkauft, alles hohe Gerede von natürlicher, sittlicher Freiheit sei lauter Wahn und Trug, der käme schön an. Und mit dieser innerlich verlogenen Philosophie hat sich auch die gläubigste Theologie unzertrennlich vermählt. Und aus einer solchen Ehe sollen geistlich gesunde Kinder gezeugt werden können?
Die Schrift erklärt aber: “Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht.” Und abermals erklärt der Sohn Gottes selbst: “Nur wen der Sohn freimacht, der ist recht frei.” Das reißt doch all der Großtuerei von natürlicher, menschlicher, sittlicher Freiheit die Maske schonungslos vom Gesicht. Freiheit zum Sündigen — Ja. Aber Freiheit zum Guten, auch nur dasselbe zu wählen — Nein. Das muss Gott erst schenken, zeugen, schaffen. Das ist Gottes Werk, dass ihr glaubet. Gott ist es, der in uns wirket beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen. Oder hat je ein Gläubiger zu seinem Gläubiggewordensein auch nur das geringste beigetragen? Dass das sehr unwissenschaftlich und unphilosophisch gedacht sei, ist mir nicht verborgen, aber ich überlasse es dem gesunden biblischen Denken und dem von keiner Philosophie getrübten Unterscheidungsvermögen der gläubigen Gemeine zu unterscheiden, ob ich die Schrift auf meiner Seite habe oder nicht. Der geistlich gerichtete Mensch in Christo kann das unterscheiden, der philosophisch und wissenschaftlich gerichtete niemals. Darum muss der Bruch mit der so orientierten Theologie in der Gemeine radikal vollzogen werden. Das ist eine der obersten Forderungen dieser gefährlichen Tage. Fort mit einer Gläubigkeit, die im Bunde mit rein menschlicher Vermessenheit die Gemüter und Gewissen der Gläubigen knechtet und ihnen die wahre Herrlichkeit der Freiheit der Söhne Gottes versperrt, die die großen das All umfassenden Gedanken Gottes in den engen Rahmen subjektivischer Auffassung spannen möchte, und die von da aus niemals den rechten Blick gewinnen kann und wird für das, was gilt. Unser Gott lässt sich von einer dünkelhaften “Menschheit als Menschheit” keine Vorschriften machen, wie er seine Heilsgedanken ausführen dürfe.
Der oberste Grundsatz der Luthardtschen Theologie, auf die sich Bruder Nagel und mit ihm vier der angesehensten Vertreter der deutschen Gemeinschaftsbewegung festlegen, ist eine glatte Verneinung der göttlichen Wahrheit von der grundsätzlichen, sittlichen Unfreiheit aller Menschen ohne Ausnahme. Und damit ist das ganze Angriffsverfahren gegen die Lehre von der Allversöhnung, auch von dieser Seite her gerichtet, erledigt.
Hier handelt es sich um Dinge, die können nie durch unsere noch so fein gesponnenen Systeme und Rubriken entschieden werden, sondern nur durch absolute Unterwerfung unter den Gehorsam des Christus, d. h. unter die massiven, konkreten und leicht fasslichen Taten Gottes selber. Lassen wir Gott reden in dem, was er gewirkt hat. Das wird doch wohl als bester Kommentar zu gelten haben auf allen Gebieten.
Die Stunde für Israels Befreiung und Entlassung aus dem “eisernen Ofen” Ägyptens (doch wohl ein entsprechender und vielsagender Ausdruck für echtes Gerichtsfeuer, und zwar äonisches, oder “ewiges”, das die Söhne Jakobs an ihrem Bruder Joseph verschuldet hatten, dessen Mörder sie doch waren, und er war der ihnen von Gott verordnete Retter, — im Schattenbilde), hatte geschlagen. Gott gedachte an seinen Bund mit Abraham und an seinen Eid mit Isaak. Wie macht er das? Hatten da zuvor zionistische Kongresse und Vorberatungen in Ägypten stattgefunden? War eine nationale Abordnung nach Midian gesandt worden, um die ersehnte Hilfe zu erflehen, um die Rückkehr des verordneten und schnöde verkannten Moses zu veranlassen? Nichts derart. Niemand war sein Ratgeber. Was tut er? Er sendet aus freiem Trieb denselben Erlöser, den das ungläubige Volk vierzig Jahre zuvor verschmäht und verworfen hatte, eben diesem inzwischen immer tiefer in heidnische Abgötterei verstrickten, gänzlich verkommenen Volk seiner Wahl, das sogar den Namen seines Gottes vergessen hatte, zum andernmal. Kann es auch ein vollkommeneres Vorbild und prophetisches Modell geben, als das hier entworfene und im kleinen Stil ausgeführte von Israels dereinstiger Ausführung aus seiner Hölle und Verstocktheit, wenn Jesus zum andernmal ihnen zum Heil kommen wird? Und siehe da, nun heißt es auf einmal: “und seine Brüder glaubten an ihn, ganz Israel glaubte den Worten Jehovas durch Moses.” Wie hat das Gott gemacht? Ein ganzes, sittlich aufs tiefste versunkenes Volk wie mit einem Schlage gläubig? Hat er vorher mit ihnen die ganze Angelegenheit sorgfältig beraten? Hat er ihnen vorher durch Evangelisten und Prediger nahe gelegt, sich darüber gründlich klar zu werden, ob sie auch auf diesem Wege gerettet werden wollten? Hat er ihnen die “sittlich freie” Entscheidung anheim gegeben? Und in welchem Umfang fand dann tatsächlich die nationale Befreiung aus dem ägyptischen Höllenfeuer statt? Nicht eine Klaue blieb dahinten, steht geschrieben. Warum tut denn derselbe Gott heute nicht mehr so etwas? Hat er nicht mehr dasselbe Vermögen? Ist er altersschwach geworden im Lauf der Jahrtausende? Warum lehnt es denn der Heilige Geist beharrlich ab, auf unsere Peitscherei und Treiberei einzugehen, dem Herrn Jesus jetzt schon die Massen zuzuführen (mit Anwendung der endlosen Höllenpeitsche), ohne welche Evangelisten, die ernst genommen werden wollen, heute nicht evangelisieren zu können behaupten? Liegt dem Geiste Gottes heute nicht mehr soviel an der Bekehrung ganzer Völker wie damals in Ägypten? Oder ist ihm das Experiment leid geworden? Was sind das für Unstimmigkeiten, die eine gläubige Theologie da geschaffen hat, ohne es zu merken oder nur zu ahnen? Oder sind solche Fragen müßig, verstiegen, frevelhaft, nicht zur Sache gehörig? Dann beweise man das.
Hat Gott sich damals groß gekümmert um die von der Philosophie geforderte “Anerkennung des Menschen als Menschen”, als er so majestätisch von seinem herrlichen souveränen Machtwillen an seinem Volk Gebrauch gemacht hat? Das braucht man doch nur zu fragen, um die ganze Verstiegenheit einer solchen Anmaßung zu erkennen. Und will jemand sagen, Gott werde sich nie wieder dazu verstehen, in solchem oder gar noch viel weiteren Umfang von seinem souveränen Liebeswillen zur Erlösung Gebrauch zu machen? Was waren und sind denn jene massiven handgreiflichen Großtaten Gottes anderes als bescheidene Modelle und Schattenrisse, deren Körper, d. h. großartigste geschichtliche Durchführung in seinem Christus beschlossen und garantiert ist für die Äonen der Äonen? Sind das auch irreleitende Folgerungen und Verstiegenheiten meinerseits, vor denen Br. Nagel sich berufen glaubt, so ernst warnen zu müssen? Oder sind das wahrhaftige Dinge Gottes? Dass man die in unseren dogmatischen Systemen und Schemata orthodoxesten Zustandes nicht gut unterbringen kann, brauche ich nicht erst zu beweisen. Einer Dogmatik, die das fertig bringen wollte, müssten alle Nähte platzen, wie das der meinigen passiert ist. Halleluja!
Wir fragen weiter, auch wenn das Fragen etwas unbequem empfunden wird. Aber es muss geschehen, damit das ganze Unwesen, das da eingerissen ist, gebührend bloßgestellt werde. Hat Gott damals die Kinder Israels gezwungen, widerwillig aus Ägypten zu gehen? Wohl hat er es erleben müssen, dass sie mitten im Verlauf der Vorbereitung auf ihre Befreiung lieber in Ägypten bleiben wollten, da es doch nur noch schlimmer werde mit ihren Plagen und Lasten. Hat Gott sich dadurch beirren oder gar abbringen lassen von seinem Rat und Plan? Wie orthodox wäre das doch gewesen, wenn er gesagt hätte: Nun ja, wenn ihr denn nicht wollt, dann bleibt noch im eisernen Ofen! Hat Gott sich damals eines “bloßen Gewaltaktes” an Israel, und zwar an ganz Israel, schuldig gemacht? Nach der Nagel-Luthardtschen Theorie allerdings, denn an der “Anerkennung des Menschen als freihandelndes Wesen” im Sinne der Philosophie hat es bedenklich gemangelt. Hat Gott sich nun damit einer “unsittlichen” Handlungsweise schuldig gemacht? Man braucht doch eine solche Frage nur zu stellen, dann ist sie auch beantwortet.
Noch ein konkretes Beispiel aus der Geschichte Gottes. Da ist ein blindwütiger Christushasser schnaubend und mordend auf dem Weg nach Damaskus. Hat der das selige Evangelium in Jerusalem nie gehört, nicht gekannt? Gewiss hat er. Hat er es abgelehnt, verworfen, mit Füßen getreten, die Bekenner desselben aufs Äußerste verfolgt? Alles das hat er getan. Und das Herz noch voll fanatischen Hasses und teuflischer Mordlust, ist er im Begriff, noch mehr Juden, die sich an diesen verfluchten Nazarener gehängt haben, bei Todesstrafe zum Lästern zu bringen. Da schmettert ihn der herrliche Herr vom Himmel ganz unversehens, plötzlich, ohne irgendwelche Anerkennung des “Menschen als Mensch” einfach zu Boden zur völligen inneren Zermalmung, Befreiung, Genesung und Gesundung, blendet ihm die Augen, zur völligen Erleuchtung über das unbeschreibliche Geheimnis des Christus Gottes und seines Leibes, der Gemeine, und macht aus dem Verfolger und Lästerer ein auserwähltes Rüstzeug, wie die Welt kein zweites erlebt hat, noch wohl je erleben wird. Hat Gott diesen Menschen auch vorher sorgfältig und eingehend vor die Wahl gestellt, ob es ihm recht sei, wenn er auf diese etwas plötzliche Weise zur Erkenntnis der Wahrheit in Christo gebracht würde? Ob ihm eine himmlische Erscheinung des Herrn Jesus auch entspreche? Ob ein solches Verfahren sich auch vereinigen lasse mit der “sittlichen Freiheit zu handeln”? Hat Gott ihm irgend welchen Zwang angetan, ihn mit einem “bloßen Gewaltakt” entwürdigt? Was bleibt angesichts solcher unleugbaren Tatsachen noch übrig von all dem hohlen, hochfahrenden, philosophischen Gerede der allerfrömmsten Theologie?
Dass die menschliche Vernunft dabei nicht auf ihre Kosten kommt, versteht sich von selbst. Dass man da alle menschlichen Gedanken gefangen nehmen und in den Augen einer falsch berühmten Wissenschaft und Theologie ein Narr werden muss, ist einleuchtend. Wer das nicht werden mag und sich lieber die Augen blenden lässt von solchen philosophisch-theologischen Verstiegenheiten, der trage die Verantwortung. Die Gemeine Gottes aber soll und muss gewarnt werden, dass sie sich nicht das Ziel verrücken lässt und wieder in ein knechtisches Joch gerät, d. h. in sklavische Abhängigkeit von klug erdachten Menschenfündlein, die dem natürlichen “Menschen als Menschen” schmeicheln und glatt eingehen, aber ausgesprochenes Heidentum sind, d. h. Selbstvergottung des Menschen, der an den allein wahren und lebendigen Gott Forderungen stellt und ihm Vorschriften macht, wie er seinen großen Errettungsplan mit der ganzen gefallenen Schöpfung ausführen darf und wie nicht.
Noch ein kurzes Wort über den fünften und letzten Abschnitt der uns vorliegenden Broschüre, betitelt: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.
Nun sagt die Schrift: “Setzet einen guten Baum, so wird die Frucht gut. Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen, und ein fauler kann nicht gute Früchte bringen.” Ob der von uns gepflanzte Baum einer allen großen Gottesverheißungen gerecht werdenden und keine seiner ernstesten Drohungen missachtenden oder abschwächenden Lehre und Schriftauffassung ein guter sei, überlassen wir getrost dem erleuchteten Urteil aller derer, die aus der Wahrheit sind und denen die Ungebrochenheit und Einheitlichkeit der Schrift über alles geht.
Den Beweis, dass der orthodoxe Baum einer mit allem Fleiß getriebenen Auslegung, die eine unlösliche Zwiespältigkeit und unerträgliche Zweideutigkeit in das geoffenbarte Wort hineinträgt und gar nicht umhin kann, hineinzutragen, die somit aus dem Worte Gottes nicht ein einheitliches und unzerstörbares “Ja” und “Amen”, sondern ein schreiendes “Ja” und “Nein” macht, kein guter Baum sein kann, glauben wir erbracht zu haben. Die gewaltigen Strafreden, die uns in der Broschüre ob der unausbleiblichen Folgen unserer gefährlichen Lehre gehalten werden, beruhen größtenteils auf Unkenntnis dessen, was wir in Wahrheit lehren, das entstellt und in ganz falsche Beleuchtung gesetzt wird.
Die teuren Brüder hätten weiser gehandelt, wenn sie uns den Tatbeweis geliefert hätten, dass die Kirchen und Gemeinschaften, die das Wort unbestritten durch eine genügende Anzahl von Jahrhunderten gehabt haben, in denen die Allversöhnung beharrlich abgelehnt worden ist, den sittlichen und religiösen Zusammenbruch der Kulturwelt, mit der sie allesamt gebuhlt haben und noch buhlen, wirksam aufgehalten hätten. Sie hätten den Nachweis liefern sollen, dass die mit dem Evangelium (?) von endloser Hölle erwirkten Bekehrungen, die in Zeltmission und Massenevangelisation statistisch in die Zehntausende gebucht worden sind, überwiegend echte, dauernde waren. Abgesehen davon, dass sie gut genug wissen könnten, wie vielen Tausenden sittlich ernsten und hochdenkenden Menschen aus allen Kreisen sie einen Gott verekelt und zum Abscheu gemacht haben, der es fertig bringt, Millionen seiner angeblich heißgeliebten Geschöpfe einer endlosen, ziel- und zwecklosen Qual zu überliefern!
Das schmerzliche aber unvermeidliche Los, dass auch unsere Verkündigung, die wir für echt paulinisch und festgegründet halten, von “Unwissenden und Unbefestigten verdreht wird zu ihrem eigenen Verderben”, teilen wir mit dem Apostel des herrlichen Geheimnisses vom Leibe Christi und von dem Gott, der der Retter aller Menschen ist. Aber wir lassen uns auch den Mund nicht verbieten, das zu verkündigen, was der Gemeine Gottes gehört. Denn wie soll die Gemeine, seine Fülle, ihn als das Haupt über das ganze versöhnte All erkennen, wenn er ihr so nicht dargeboten wird? Die teuren Brüder dürfen fortfahren, mich deshalb in den Bann zu tun. Das ist eine Ehre und Herrlichkeit. Aber die Verantwortung vor dem Herrn an seinem Tage tragen sie, nicht ich. Wie es denn dem Apostel Petrus nicht in den Sinn gekommen ist, auch nur anzudeuten, … und unser lieber Bruder Paulus hätte besser getan, von solchen Dingen zu schweigen, damit die Gemeinden nicht in ihrer erbaulichen Selbstpflege gestört werden (2. Petr. 3.15.16).
Dem aber, der überschwänglich tun kann, mehr als wir bitten oder verstehen nach der Kraft, die in uns wirkt, ihm sei Ehre in der Gemeine und in Christo Jesu in die Zeitalter der Zeitalter. Amen.
(Veröffentlicht in: “Das Prophetische Wort”, Nr. 6, 1921)
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Infos zu Gustav F. Nagel: a) Wikipedia; b) Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon
Infos zu Ernst Modersohn: a) Wikipedia; b) Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon


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