Ein offenes Wort zu Pastor Thimme’s Kritik meines Buches von der Allversöhnung in Christus
Autor: Ströter, Ernst F., Prof. | Kategorie(n): Allversöhnung, Apologetik | 613 x gelesenZur Erklärung dieser Veröffentlichung
In Nr. 47 und 48 (1916) des Gemeinschaftsblattes “Auf der Warte” erschien eine Kritik meines Buches von der “Allversöhnung in Christus” aus der Feder von P. Thimme, Marburg, unter dem Titel “Ein neues Evangelium”. Da diese die Schranken einer sachlichen Rezension nicht beobachtete, richtete ich gleich nach Erscheinen des ersten Teils, Nr. 47, die Anfrage an die Schriftleitung, wieviel Raum man mir zu einer Antwort auf diese Angriffe gestatten werde. Darauf erhielt ich folgenden Bescheid:
Neumünster, 23. November 1916
“Wir danken ihnen bestens für ihre wertvolle Anfrage,
müssen Ihnen aber zu unserm Bedauern mitteilen,
dass es uns aus gewissen Bedenken nicht möglich ist,
eine Entgegnung in unserm Blatt zu gestatten.”
Inzwischen schrieb ich das “Offene Wort zu P. Thimme’s Kritik”, da ich es für selbstverständlich hielt, dass “Auf der Warte” dasselbe aufnehmen werde.
Als ich aber den abschlägigen Bescheid erhalten hatte, sandte ich das Manuskript an P. Thimme, appellierte an sein Billigkeitsgefühl und bat ihn, die Redaktion zu veranlassen, mich zu Wort kommen zu lassen. Falls diese auf ihrer Weigerung beharre, würde ich einen andern Weg finden, meine Entgegnung vor das christliche Publikum zu bringen. Im gleichen Sinn benachrichtigte ich auch die Redaktion und ersuchte sie, das Manuskript an das Traktathaus, Bremen, zu befördern, von wo aus dasselbe vor die Öffentlichkeit gebracht werden würde.
Zu meinem Bedauern hat “Auf der Warte” endgültig abgelehnt, mir seine Spalten zu öffnen, und im folgenden haben die Leser genau und unverkürzt vor sich, was ich durch P. Thimme der Redaktion zur Veröffentlichung zugedacht hatte.
Ein Kommentar zu solchem Verfahren eines führenden Gemeinschaftsblattes ist überflüssig.
Kilchberg, Zürich
E. F. Ströter
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Offenes Wort
Die ziemlich umfangreiche Kritik des hochgeschätzten Bruders hat nicht nur mich enttäuscht, sie muss auch viele überzeugte Vertreter der von mir abgelehnten und bekämpften Lehre von der endlosen Höllenqual enttäuscht haben. Die von ihm selbst unbestrittene Wichtigkeit des Gegenstandes erheischte eine gründliche, sachliche Behandlung namentlich der biblischen Fragen. Statt dessen überwiegt in den Ausführungen des Bruders das formale und persönliche Moment. Die wirklich sachliche Beleuchtung steht dazu in keinem richtigen Verhältnis.
So werde ich bezichtigt, meine Arbeit sehr hoch einzuschätzen. Drei volle Spalten bringen Stichproben meiner Leidenschaftlichkeit und Schwarzfärberei in der literarischen Darstellung, meiner Unkeuschheit in der Exegese u. a. m. Es wird behauptet, das sei der allgemeine Charakter des Buches. Es sei geschrieben im hochgespannten, um nicht zu sagen im überspannten Bewusstsein einer reformatorischen Tat. Eine ganze Spalte dient trüben Voraussagen über die unheilvollen Wirkungen, die mein Buch, das Schule machen werde, wie einst Pastor Pauls Fündlein, im Gefolge haben müsse. Der Schwerpunkt christlicher Reichgottesarbeit werde von der Mission und Evangelisation auf Pflege der Erkenntnis der Gemeine Gottes verlegt. Eine Erlahmung der Evangelisation sei unausbleiblich. Ich selbst werde als Belegexempel vorgeführt, ich sei meiner eigentlichen Aufgabe verloren, vom Satan auf ein totes Geleise gelockt und unschädlich gemacht.
Vorab möchte ich dem lieben Kritiker die Versicherung geben, dass seine persönlichen Verurteilungen mich ihm immerhin zu brüderlichem Dank verpflichten. Ich kenne mein altes tückisches Herz lange genug, um ihm alles zuzutrauen, was der Bruder gefunden haben will. Dass mir das alles bewusst in den Gedanken gelegen, als ich das Buch schrieb, könnte ich der Wahrheit gemäß nicht sagen. Da hat der Herzenskündiger wohl allein das Wort.
Auch haben mich die Unterstellungen des lb. Bruders lebhaft erinnert an Erfahrungen, die ich vor bereits 35 Jahren als Methodistenprediger in Amerika auch an Brüdern machen durfte. Damals wagte ich es, die in den großen amerikanischen Freikirchen (leider bis heute noch) vorherrschende Anschauung von der Aufgabe der Kirche, durch das Evangelium in diesem Zeitalter die Welt zu bekehren, offen zu befehden und in meinen Gemeinden die Hoffnung der Gläubigen, auch für die Welt, auf die baldige Zukunft des Herrn zu richten. Da war ich denn auch ein “selbsterwählter Reformator”. Da kam man an die Jahreskonferenz mit der schwarz auf weiß ausgerechneten Anschuldigung, meine Predigt lähme und unterbinde den Missionseifer in den Gemeinden, wobei sich meine Ankläger nur der etwas unbequemen Tatsache gegenüberfanden, dass meine Gemeinde eben in jenem Jahr die größten Missionsgaben in ihrer bisherigen Geschichte geleistet hatte. Mein nächster kirchlicher Vorgesetzter erklärte mir, es sei ihm ein psychologisches Rätsel: wenn er glaube, was ich predigte, dass die Welt, statt immer besser, nur immer reifer zum Gericht werde, dann würde er die Hände in den Schoß legen, die Flinte ins Korn werfen und die Dinge laufen lassen, wie sie wollten. Aber von dem allen sähe er mich das Gegenteil tun.
Die Familienähnlichkeit der Thimme’schen Anklagen mit jenen ist unverkennbar. Es fällt mir sogar ein, dass man drüben s. Zt. sogar genau gewusst hat, ich sei darauf aus, eine neue Ströter’sche Kirche zu gründen! Also wirklich, nichts Neues unter der Sonne. Darüber sind nun etliche Jahrzehnte hingegangen. So wird es mir der lb. Bruder nicht verdenken, wenn ich seine Besorgnisse nicht so sehr tragisch nehme. Andere tun das hoffentlich auch nicht.
Aber das sind ja Nebendinge und gar nicht das, worauf es ankommt. Denn wenn es sich in meinem Buch um so große Dinge handelt, wie der Charakter Gottes und seines Christus, um die endliche Lösung oder Nichtlösung des denkbar größten Problems, der Weltversöhnung, und darum, welchen Anteil die Gemeine als sein Leib daran hat, dann ist der dazu Berufene verpflichtet, die Lärmtrompete so laut zu blasen und es mit der sachlichen Beleuchtung dieser Fragen recht gründlich und sorgfältig zu nehmen.
War z. B. die Wahl der Bezeichnung “Ein neues Evangelium”, unter welcher der Bruder schrieb, eine glückliche? Wenn es sich für ihn nur darum handelte, von vornherein das Abschreckendste zu sagen, dann ja. Denn etwas Schlimmeres konnte kaum getan werden, als das Buch sofort als ein “verfluchtes” Machwerk nach Gal. 1, 8.9 zu brandmarken. Wäre es nicht sachlicher und würdiger gewesen, zuerst zu prüfen, ob etwa der Verfasser das Wort Evangelium gar nicht im exklusiven Sinn gebraucht haben möchte? Das heißt, ob das Buch etwa nur ein entschiedener Protest sein wolle gegen die leider auch unter uns beliebt gewordene Verkürzung und Verkümmerung des großen Evangeliums Gottes durch einen ungebührlichen Subjektivismus, d. h. eine einseitige, fast ausschließliche Hervorhebung des rein persönlichen Heilslebens?
Eine schmerzliche und handgreifliche Probe davon, wie traurig es damit schon steht, hat vor etlichen Jahren die führende deutsche Gemeinschaftskonferenz selbst geliefert. Da waren zwei berufene Gemeinschaftstheologen damit beauftragt, über das Thema zu referieren: Die Versöhnung in Christus. Weder von den Referenten, noch von den vielen anwesenden Pastoren und Lehrern wurde in den zwei Tagen eingehender Besprechung auch nur ein Gedanke geäußert über das große Gebiet der auf Golgatha vollbrachten Versöhnung der beiden Menschheitsgruppen, Juden und Heiden, zu einem neuen Menschen durch das Blut Christi, dem einen Leibe des Christus selber. Das ging eben auch über das sog. einfache Evangelium hinaus, weil es dabei nicht um persönliches Heilsleben ging, sondern um die durch jenes einige Opfer vollbrachte und nun für immer garantierte Heilung der furchtbarsten Zerspaltung der menschlichen Familie. Dass davon selbst bei den Menschen in Christo heute noch wenig zu sehen ist, tut der vollendeten Tat Gottes ebenso wenig Abbruch, als der Umstand, dass in der gefallenen Engelwelt von einem Nachlassen der wahnsinnigen Feindschaft gegen Gott auch noch nichts zu spüren ist. Gott kann warten.
Als sich damals der Schreiber als letzter Redner zum Wort meldete und die Frage aufwarf, ob denn Eph. 2, 14-18 nicht auch zum Evangelium von der Versöhnung in Christo zu rechnen sei, da wollte man ihn kaum verstehen. Dieses tatsächliche Versagen des Sehvermögens ist auch, so weit mir bekannt, bis heute niemals öffentlich beklagt oder verurteilt worden. Ob wohl etwas daran ist, dass Schultheologie heute noch blind macht wie vor 1900 Jahren?
An diese Probe subjektivistisch orientierter Unfähigkeit oder Unwilligkeit, zu sehen, hat der Schreiber oft gedacht, als er das Buch verfasste. Sein Kritiker hätte davon auch etwas wissen können, denn das geschah nicht im Winkel. Nein, teurer Bruder, die “Besonderheit der Wiederbringungslehre ist es nicht, was das Evangelium zum Evangelium macht”. Wohl aber ist die Ablehnung der köstlichen Wahrheit, dass Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnte, dass Christus das Sühnopfer ist nicht allein für die Sünde der Gläubigen, sondern aller Menschen — eine Verstümmelung des herrlichen Evangeliums Gottes. Dagegen darf und muss ich mit aller mir zu Gebote stehenden Kraft die Stimme erheben. Wehe mir, wenn ich dieses Evangelium nicht predige.
Das sog. einfache Evangelium, über das man um keinen Preis hinaus will, ist genau besehen, nur ein sehr wesentlicher Sektor des Evangeliums, niemals aber das ganze volle Evangelium von der Erlösung und wirksamen Versöhnung der ganzen verlorenen Schöpfung. Der Vorwurf eines “neuen Evangeliums” ist nichtig.
Worin besteht nun die sachliche Kritik des lb. Bruders an meiner Behandlung des von ihm selbst als sehr reichhaltig anerkannten und von mir bearbeiteten biblischen Stoffes? Sie beschränkt sich im wesentlichen auf drei Stücke:
- Ich soll einer Reihe biblischer Aussagen über den Willen des Menschen, über Glauben, Unglauben und über das Gericht nicht gerecht geworden oder ihnen aus dem Weg gegangen sein.
- Der Hauptangriff richtet sich gegen meinen Fehler, das Wort “alle” als eine mathematische Größe anzusehen und nicht vielmehr als eine organische oder lebende.
- Der dritte Einwand ist gegen meine unberechtigten Schlussfolgerungen auf meine Lehre aus alttestamentlichen Vorbildern sowie aus Worten des Herrn erhoben. Das alles unter dem Sammelbegriff unkeuscher Exegese.
Zu 1. möchte ich sagen, dass jeder, der sich die Mühe geben will, mein Buch mit Sorgfalt und gründlich zu studieren — nicht nur kursorisch durchzumustern — sich überzeugen kann, dass die Anschuldigung nicht zutrifft. Jedenfalls ist unser Bruder den Nachweis dafür schuldig geblieben. Allerdings würde sein Urteil kaum anders lauten, auch wenn ich noch zehn Kapitel über den menschlichen Willen, über Glauben und Unglauben und über Gericht beigefügt hätte, solange ich nicht aus dem kreatürlichen Willen dasselbe unübersteigliche Hindernis machte, das er in demselben für den allmächtigen göttlichen Liebeswillen erblickt, oder solange ich nicht das Gericht ebenso wertete, wie die herrschende Lehre von endloser Qual und Pein.
Zum zweiten Hauptpunkt ist etwas mehr zu sagen. Mir scheint, als ob der lb. Bruder da mehr beweisen will, als ihm selbst lieb ist. Er behauptet — und sucht das durch eine Anzahl Beispiele zu stützen, die sehr nach Vernunftschlüssen schmecken, wie er sie bei mir tadelt — dass das Wort alle, im organischen Sinn verstanden, die Ausnahme zulässt oder gar fordert. Dem Einwand ist eine gewisse Richtigkeit nicht abzusprechen, sie ist aber sehr begrenzt. Macht man die Probe aufs Exempel, dann wird die Sache schwierig. Wenn Br. Thimme predigt: der dir alle deine Sünde vergibt, und heilet alle deine Gebrechen, gebraucht er dann die Vorsicht, bei seinen Hörern sich zu verwahren, im mathematischen Sinn von wirklich ausnahmslos jeder Sünde verstanden zu werden? Oder wenn geschrieben steht: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, erlaubt oder fordert da die “organische Fassung” von “alle” auch Ausnahmen? Als exegetischer oder hermeneutischer Kanon ist seine Regel doch wohl kaum zu verwenden. Ich bin sicher, er denkt nicht daran, ihn selbst zu gebrauchen in solchen Fällen. Hier aber passt es ihm, diese Spitze gegen mich zu kehren. Es kann natürlich hier nicht untersucht werden, worin das Ungenügende seiner Aufstellung liegt. Gottlob, wir sind in Sachen der Allversöhnung ganz unabhängig von diesen subtilen Unterscheidungen, wie wir sehen werden.
Er gesteht ganz offen, dass ich mich für den Ratschluss Gottes zur Allversöhnung auf die Worte des Apostels Eph. 1, 10; Phil. 2, 9-11 und Kol. 1, 15-20 berufe. Also doch zugestandene feste biblische Grundlage. Nun hat der Heilige Geist namentlich in den beiden letztgenannten Stellen ausreichend dafür gesorgt, dass auch für den einfachsten Leser jeder ehrliche Zweifel ganz ausgeschlossen ist über den Umfang der Bedeutung von “alle” und “jeder”.
Man dürfte getrost irgend einem Sprachkundigen die Aufgabe stellen, in noch deutlicheren Worten zum Ausdruck zu bringen, dass wirklich jede Zunge, jedes Knie im ganzen geschaffenen All gemeint sei. Gewundert hat mich freilich, warum der Bruder gerade hier diesen ungangbaren Weg versuchen sollte. Doch hat es mich gefreut, dass er es verschmäht hat, die beliebte Weise zu wählen, aus dieser Unterwerfung und Anbetung des Sohnes eine nur erzwungene, unter wütendem Zähneknirschen geschehende zu machen.
Nicht minder klar ist der Zusammenhang von Kol. 1, 20. Dort greift der Geist der Weissagung zurück auf den Umfang der Gesamtschöpfung, die er in Vers 16, 17 so darstellt: Denn in ihm ist alles erschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten, alles ist durch ihn und für ihn geschaffen. Und er ist vor allen (zeitlich und rangmäßig), und alles besteht in ihm. Kann hier die organische Fassung des Wortes “alle” eine Ausnahme gestatten? Doch wohl nicht. Kann es ferner, da wir einmal dabei sind, in Abrede gestellt werden, dass unter den Thronen, Herrschaften, Fürstentümern und Gewalten die gesamte Geister- und Engelwelt eingeschlossen sei, des Lichts wie der Finsternis? Oder sind sie etwa nicht ursprünglich durch den Sohn, in ihm und für den Sohn geschaffen worden?
Ist es nun eine “unkeusche Exegese”, ist es eine ganz unberechtigte Folgerung, zu beanspruchen, dass bei Vers 20 das Wort in genau dem gleichen Umfang verstanden werden soll, wie ihn der Heilige Geist selbst mit größter Klarheit im engsten Zusammenhang festgestellt hat? Und dann kann unser Bruder behaupten, es gebe in der ganzen Heiligen Schrift kein einziges klares Wort davon, dass auch die gefallene Engelwelt in den großen göttlichen Versöhnungsrat in Christo einbegriffen sei?
Ich bitte, noch ein Beispiel aus der unfehlbaren Heiligen Schrift ins Auge zu fassen. Hernach das Ende, wenn er das Reich dem Gott und Vater übergibt, wenn er abgetan haben wird jede Herrschaft, Gewalt und Macht. Denn er muss herrschen, bis er alle seine Feinde unter seine Füße gelegt hat. Als letzter Feind wird der Tod abgetan. Denn ihm — seinem Christus — hat der Vater alles unter die Füße getan. Wenn er aber sagt, dass ihm alles unterworfen sei, so ist offenbar der ausgenommen, der ihm alles unterworfen hat (1. Kor. 15, 24-27). Hier nur der Hinweis darauf, dass der Heilige Geist meisterhaft dafür gesorgt hat, dass wir genau wissen, welche Ausnahme zu machen sei, und welche nicht. Denn wenn er nur eine macht, dann gibt es keine andere.
Nein, teurer Bruder, Ihr Maßstab versagt. Er ist weit davon entfernt, eine keusche Exegese zu sichern. Wohl aber ist es angesichts dieses von jedem einfachen Leser der Schrift zu kontrollierenden Tatbestandes unhaltbar zu behaupten, meine Auslegung “buhle mit menschlicher Weisheit”, beruhe auf “bloßen Vernunftschlüssen”, nicht auf klaren Aussagen der Schrift.
Nun ein Wort zur dritten Hauptanklage, der der Voreiligkeit der Schlussfolgerungen bei der Anwendung alttestamentlicher Vorbilder und der Worte des Herrn. Zunächst glaube ich, in diesem Stück in einer guten Schule gewesen zu sein. Mir sind die Methoden des Meisters und seiner Apostel maßgebend und mustergültig. So, wenn ich den Herrn folgern höre: dass aber die Toten auferstehen, hat auch Moses bei dem Busch angedeutet, wo er den Herrn nennt: Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs; er ist aber nicht der Toten, sondern der Lebendigen Gott, denn ihm leben alle (Luk. 20, 37.38). Was ist das anders als eine der kühnsten Schlussfolgerungen aus dem einfachen Namen Gottes, wobei Moses nicht ein Wörtchen von Auferstehung gesagt hatte. Ist das auch eine Grenzüberschreitung des Herrn Jesu über das klare Wort der Schrift hinaus? Oder, wenn Paulus sich aus dem Verfahren Abrahams mit Hagar und Ismael die gewaltige Folgerung für Gesetzeschristen erlaubt: der Magd Sohn soll nicht erben mit dem Sohn der Freien (Gal. 4, 30). Sind das etwa Proben “jüdischer Rückständigkeit” bei Jesus oder paulinischer Rabbinismus, wie es moderne Theologie haben will?
Neben vielen Beispielen dieser Art haben wir aber klare Unterweisung darüber, dass alles, was jenen im AT widerfuhr, ein Vorbild sei und geschrieben zur Warnung für uns, denen der Ertrag aller Zeitalter zugute kommen soll (1. Kor. 10, 11).
Was will nun aber unser Bruder uns sagen, wenn er gegenüber meinen “gewagten Folgerungen” aus dem Wort des Herrn: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden — seine eigene Deutung dieser Worte gibt: Er hat dieses Wort den Seinen gegeben, welchen bei der Evangelisation der Welt die größten Schwierigkeiten entgegenstanden. Dieser sollten sie Herr werden im Blick auf die unbeschränkte Macht, die ihrem Herrn und Meister gegeben war, mit der er hinter ihnen stehen wollte. So ist dieses Wort als Trost und Ermunterung der kleinen Schar gemeint, nicht aber als Grundlage für allerhand theosophische Spekulationen über Ursprung und Ende des Bösen.
Wenn ich den Bruder recht verstehe, dann ist die Berechtigung der Deutung von Worten des Herrn begrenzt durch das Maß der unmittelbaren, praktischen Verwendung, die davon zu machen ist. Das ist der Maßstab des ausgesprochenen Subjektivismus. Wenn auch Wahres darin zu liegen scheint, so ist eine solche grundsätzliche Stellungnahme zur Schrift doch bedenklich.
Nur beiläufig hier die Frage, wieviel Trost und Ermunterung den Jüngern wohl geblieben wäre, wenn sie nach dem von Br. Thimme empfohlenen Verfahren bei dem Wort “alle” Gewalt gleich den Teufel und sein ganzes Heer ausgenommen hätten. Denn nach der herrschenden Kirchenlehre, für die Br. Thimme eine Lanze bricht, wird der Herr Jesus ihn niemals hindern, ihm den weitaus größten Teil seiner teuer erkauften Beute endgültig abzujagen.
Jener Maßstab ist derselbe, der die verwirrendsten Auslegungen göttlicher Weissagungen Alten und Neuen Testamentes zu verantworten hat, weil er nur auf die vermeintlich alles überragende praktische Erbauung eingestellt ist. Er ist es, der den Blick der Kinder Gottes Jahrhunderte lang verschleiert hat gegen Gottes wunderbare Gedanken mit seinem Volk Israel. Er hat dazu verholfen, dass die Gemeine heute noch immer ihren eigentlichen himmlischen Beruf nur wie im Halbdunkel sieht, weil man ihr beharrlich wehrt, über das hinauszublicken, was zur unmittelbaren subjektiven “Tröstung und Aufmunterung” dient.
Demgemäß könnte man sogar den Eingang zum Evangelium des Johannes von dem Wort, das da von Anfang war, das bei Gott war und Gott war, als “theosophische Spekulation” abstempeln, womit wir im praktischen Heilsleben, namentlich bei der Evangelisation der Welt nicht viel anfangen könnten. Es gibt eine Theologie, die sich solche Kritik erlaubt. Will unser Bruder der das Wort reden? Soweit ich ihn kenne, gewiss nicht. Aber warum schlägt er denn hier solche Töne an, wo es sich um das verbriefte und versiegelte Recht der wahren Söhne Gottes handelt? Denn sie dürfen doch mit erleuchteten Augen des Herzens erkennen, welches die Hoffnung seines Berufes (als Welterlöser und Allversöhner) ist, und welches der Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes an seinen Heiligen ist, an der Gemeine, die da ist sein Leib, die Fülle des, der alles in allen erfüllt.
Zum Schluss. Woher hat unser Bruder das Recht und die Vollmacht, der Gemeine zu diktieren: Lasst die Hände davon, es tut euch nimmer gut, bleibt bei dem einfachen Evangelium von dem Gekreuzigten und Auferstandenen usw. Seit wann ist er oder sonst jemand beauftragt, der Gemeine das als Ersatz zu bieten für das apostolische: Prüfet alles und das Gute behaltet? Gibt es denn für die wahre Gemeine “Herren unsres Glaubens”? Haben wir nicht alles für Schaden und Kot zu achten gegen die überschwängliche Erkenntnis Christi Jesu, unsres Herrn? Und da sollen wir uns beirren lassen durch billige Schlagworte von Geistesaristokratie und vom einfachen Evangelium? Wir sind berufen zur Gemeinschaft des Sohnes Gottes, der größer ist als “mein persönlicher Heiland”, dessen Aufgaben und Interessen, Pläne und Ziele weiter reichen, als die engen Schranken meines subjektiven Heilslebens. Und alle seine Interessen sind die unsern, seine Aufgaben für die Fülle der Zeiten sind die unsern, denn wir sind ein Leib und ein Geist mit ihm.
Die Schrift ermahnt uns ausdrücklich, den Elementarunterricht von Christo zu verlassen und zur Reife und Mündigkeit überzugehen. Das können wir niemals auf dem Wege noch so tiefer Heilserfahrung, sondern nur auf dem der lebendigen Erkenntnis seiner Gottesfülle aus der Schrift, die von ihm zeugt. Ich kann den König der Könige, den Herrn der Herren niemals als solchen erleben und erfahren, wohl aber erkennen. Und eben sein Geist, aus dem wir gezeugt sind wie er, der kann und will uns in die ganze Wahrheit leiten. Dabei wird unser persönliches Innenleben nicht zu kurz kommen, das dürfen wir glauben.
Mag man über meine Anschauungen urteilen, wie man will, darauf kommt es nicht an. Ich frage nur, ob es nicht hohe Zeit sei, dass sich die Gemeine Gottes ernsthaft und ehrlich mit diesen Fragen auseinandersetze. Habe ich zur Lösung derselben nichts beigetragen, gut, ich will von meinem Herrn das Urteil tragen. Wenn aber meinem Buch nur die Hälfte von der Bedeutung zukommt, die Br. Thimme ihm zugesteht, dann hat — nicht sein Verfasser — wohl aber sein Inhalt, ein gutes Recht, eine andere Behandlung zu erfahren.
Einsichtige Theologen haben längst zugegeben, dass die letzten Dinge bei weitem nicht die Aufmerksamkeit und Durcharbeitung gefunden haben, die ihnen gebührt. Nun sind wir alle tief durchdrungen von der Überzeugung, dass die Zukunft des Herrn nahe sei. Da gilt es doch, dass wir als Haushalter Speise zur rechten Zeit darreichen. Und da sollten wir der Gemeine Gottes wehren wollen, sich mit diesen Himmel und Erde umfassenden, ihren eigenen Beruf betreffenden Fragen eingehend zu beschäftigen?
Wenn ich es verkehrt angegriffen habe, ist denn niemand, der es recht angreife? Mit bloßer päpstischer Verdammung eines unbequemen Buches ist da nichts getan. Ich kann die Hoffnung nicht fahren lassen, dass der Gegenstand dennoch eine andre Behandlung und Bearbeitung erfahren wird, als die gänzlich ungenügende Kritik meines lieben Bruders Thimme.
Oder will man wirklich die deutsche Gemeinschaftsbewegung festlegen aus Lehrtypen, die vor vierhundert Jahren genügen mussten? Man hört die Parole etwas zu laut und zu häufig: Zurück zu den reformatorischen Vätern! Das kann verhängnisvoll werden. Man sehe wohl zu, dass man unter dem Banner nicht unversehens nach — Rom kommt!
(Quelle: “Das Evangelium Gottes von der Allversöhnung in Christus“, 2. gekürzte Auflage, 1920)
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Info zu Pfarrer Thimme: a) Sprengel Hanau (pdf); b) Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon


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