Eine normale Bekehrung
Autor: Ströter, Ernst F., Prof. | Kategorie(n): Gemeinde, Lehre | 434 x gelesen“Von euch ist ausgegangen das Wort des Herrn, nicht nur in Mazedonien und Achaja, sondern an jedem Ort ist euer Glaube an Gott ausgebreitet worden, so daß wir nicht nötig haben, davon zu reden. Denn sie selbst erzählen von uns, wie wir bei euch Eingang gefunden, und wie ihr euch bekehrt habt, zu Gott von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und zu erwarten Seinen Sohn vom Himmel, welchen Er auferweckt hat von den Toten: Jesum, der uns von dem kommenden Zorn errettet hat” (1. Thess. 1, 8-10).
Wo wirklich gesundes, frisches Geistes- und Glaubensleben pulsiert, kann es einfach nicht verborgen bleiben. Daß von den Thessalonichern Gottes Wort ausgegangen war, war nicht das Ergebnis besonderer Reklame, die sie veranstaltet hatten. Einer solchen bedurfte es wahrlich nicht. Die hell strahlende Sonne bedarf keiner Anzeigen. Und wo heute noch in einem Menschenleben oder in einer Gemeinde das wahre Licht aufgegangen ist, da bekundet es seine Leuchtkraft und seine lebenzeugende Wärme ohne Trompetenschall oder Zeitungsreklame. Ein echtes Kind der Wahrheit braucht nur sein Licht leuchten zu lassen, so werden lichthungrige Seelen schon angezogen und vom Leben berührt.
In weiten Kreisen war eine solche Betätigung ihres frischen, kraftvollen Glaubenslebens erfolgt, daß Paulus sagen darf: wir haben nicht nötig, davon zu reden. Was sind das alles für erfreuliche Kennzeichen und Merkmale! Da ist kein banges Fragen, kein Zweifeln und Bedenken, ob die Erweckung wohl auch echt gewesen und bleibende Früchte gezeitigt habe. Wie oft kommt es in unseren Tagen vor, daß Prediger und Evangelisten der Erweckungen, die sie gehabt, gar nicht recht froh werden können. Und das mit gutem Grund. Es lassen sich eben viele Menschen wohl erschüttern, anfassen, auch in einem gewissen Sinne bewegen, ihr altes Wesen dranzugeben. Aber die Frage ist: Was tritt an die Stelle des Alten? Bekehrungen — ja! Aber wozu?
Worin eine normale Bekehrung besteht, darauf geht nun der Apostel Paulus im 9. und 10. Verse näher ein. Zunächst aber bringt er im 8. Vers alles auf die einfache Formel: euer Glaube. Es ist für uns wertvoll, das zu erkennen und diese einfachste Formel recht zu begreifen. In dem einfachen Wort “euer Glaube” trat für diese Gläubigen aus dem Heidentum der ganze tiefe Abstand und Gegensatz zu früher klar hervor. Darin liegt im Grunde alles. Denn an der Wurzel allen Sündenjammers und allen Todeswesens in der Menschheit liegt die entsetzliche Gottesferne und Gottesfeindschaft, in die wir geraten sind. Das Wesen der Welt ist Feindschaft gegen Gott. Nur im Glauben, im wiederkehrenden Vertrauen und Gehorsam gegen Gott kann die Rettung und Gesundung liegen.
Darum muß aller gesunden und heilbringenden Evangelisation unter allen Umständen das Wort Gottes in seiner unbeugsamen Majestät, mit seinem unbedingten Anspruch auf völlige Unterwerfung der Sinne und Gedanken zugrunde liegen. Gottes alleiniges Recht an uns, Seine unbeschränkte Souveränität über uns in Gericht und Gnade müssen die Grundpfeiler aller Heilsverkündigung bilden. Gott muß wieder allein anerkannt werden. Er muß ausschließlich zu Wort kommen und unbedingt recht behalten.
Was macht nun im einzelnen eine normale Bekehrung aus? Unser Text nennt
- den Eingang, den wir bei euch gefunden haben;
- eine gründliche Abkehr von den Abgöttern;
- die rechte Hinkehr, dem lebendigen und wahren Gott zu dienen;
- die Erwartung des Sohnes Gottes aus dem Himmel.
a) Grundlegend ist der “Eingang, den wir bei euch gefunden haben” mit dem Wort göttlicher Verkündigung. Ohne ein solches kann es zwar auch Bekehrungen geben, aber keine normalen, gottgewollten, gesunden und dauernden. Man kann mit allerlei Rede- und Darstellungskünsten so auf das Gefühl oder den Verstand oder beides wirken, daß Menschen nicht nur sehr ernste Entschlüsse fassen, sondern sie auch ausführen und sich dabei für das urteilende Auge als umgewandelt erzeigen. Es kann sogar zu durchgreifenden moralischen Umwälzungen kommen, die für das ganze fernere Leben ihre Bedeutung behalten. Und doch sind es nicht Bekehrungen, wie die Schrift sie hier kennzeichnet.
Denn es kann keine gottgewollte, gesunde Bekehrung geben, ohne daß das Wort Gottes, die Botschaft von Christo, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, Eingang gefunden hat. Das Wort Gottes allein ist der Same des neuen, unvergänglichen, ewigen Lebens. An das Wort allein bindet sich der Heilige Geist mit Seinen erneuernden, erlösenden, umgestaltenden Wirkungen. Er kann alle unsre Redekunst, alle unsre trefflichen, packenden Bilder, Anekdoten und Beispiele entbehren. Aber das Wort Gottes kann Er nicht entbehren. Das ist und bleibt für Ihn und Sein Wirken unerläßliche Grundbedingung.
b) “Bekehrt zu Gott von den Abgöttern”, so heißt es nun weiter. Unser deutsches Wort Abgott und Abgötterei kommt uns da sehr zustatten. Es drückt so präzis aus, um was es sich handelt. Alles das ist Abgott und Abgötterei, was mich von Gott abziehen will. Das können an sich ganz harmlose, sogar sehr nützliche und wertvolle Dinge, Gaben Gottes, edle Besitztümer sein, für welche ich Gott wohl von Herzen danken kann, wenn ich sie recht habe und gebrauche. Es wäre weit gefehlt, wollte man dabei nur an greuliche Götzenbilder, an tote Klötze von Gold, Silber, Stein oder Holz denken. Gewiß sind auch diese alle mit einbegriffen. Aber noch vieles andere mag mir zur Abgötterei dienen.
Wie manches Weib wird von ihrem Manne vergöttert, und umgekehrt. Wie oft bedeuten Kinder, unsre eignen Kinder, eines der größten Hindernisse auf dem Wege einer gründlichen Bekehrung zum Herrn. Mein irdischer Beruf, mein Stand im Leben und in der Gesellschaft, ja mein Dienst am Evangelium Gottes selber kann mir zur Abgötterei werden, d. h. eins der gewaltigsten Hindernisse zu einer rückhaltlosen Hingabe an Gott. Es ist wohl nichts zu denken, das uns nicht zum Abgott werden könnte.
Das gehört also zum Wesen einer echten Bekehrung, daß sie mit allen Abgöttern aufräumt, soweit man solche erkannt hat. Im gleichen Sinne redet unser Apostel da, wo er durch den Geist einen Rückblick auf seine frühere Stellung zum Evangelium Gottes in Christo Jesu tun durfte. Er sagt: “Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden gerechnet” (Phil. 3, 7). Und seine grundsätzliche Haltung bekundet er in den Worten: “Ja, ich achte nun auch alles für Schaden gegenüber der alles übertreffenden Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um des willen ich alles eingebüßt habe und achte es für Unrat, auf daß ich Christum gewinne” (V. 8).
c) Nicht allein aber eine gründliche Abkehr, sondern auch eine rechte Hinkehr ist wesentlich bei einer gesunden Bekehrung. Es gilt zu dienen dem lebendigen und wahren Gott.
Was ist das doch für ein herrliches Wort, das Wort von dem lebendigen Gott! Das ist nicht ein unbestimmtes Etwas, eine bloße Kraft, noch weniger eine Idee oder ein Ideal, d. h. eine Schöpfung des menschlichen Geistes! Nein, Er ist ein lebendiges, persönliches Wesen, das denken, reden, hören und mich verstehen kann und in welchem der Quell und die Fülle allen Lebens ist. Ein Gott, der helfen und erretten kann bis aufs äußerste, auch vom Tode und aus der Hölle Gewalt.
Einem solchen Gott zu dienen, welch ein Vorrecht, welch eine Ehre und Auszeichnung! Zu wissen, Er merkt auf alle meine Gedanken, Ihm ist nichts verborgen. Wenn niemand mich versteht, Er versteht mich immer. Und Er hat Seine Freude an meinem noch so unvollkommenen Dienst, weil Er das Herz ansieht und nicht die äußere Leistung und ihren Aufwand, wie das die Menschen tun. Er behandelt mich nie mit Ungerechtigkeit, mit Parteilichkeit, mit Kälte oder Abneigung, denn Er ist der lebendige, d. h. der liebende Gott. Sein Leben ist Liebe.
Für Ihn da zu sein, und für Ihn allein, das erst gibt einem armen Menschenleben seine Füllung, seinen Wert und Gehalt. Da darf es denn auch keine Teilungen, keine Halbheiten geben. Dienen heißt eben nicht mehr für sich da sein, sondern nur noch für Ihn. Alle Seine Interessen sind die meinigen. Meine ganze Zeit und Kraft steht ihm und nur Ihm zur Verfügung. Alles Verfügungsrecht über mich und die Meinen und das Meine an irdischem Gut und Besitz ist in Seine Hand übergegangen.
Dafür übernimmt Er auch alle meine Sorgen und macht sie zu den Seinigen. Ich darf um nichts mehr bekümmert sein. Der Erfolg oder Mißerfolg meines Dienstes geht nicht mehr mich an, sondern Ihn. Dafür hat Er aufzukommen und es zu verantworten. Wie weit oder wie eng Er mir meinen Wirkungskreis zieht, ist allein Seine Sache. Ich habe nur auf das eine bedacht zu sein, daß ich da bin, wo Er mich haben will, und das tue, was Er mich heißt. Daß ich nur gehe, wenn Er sendet, und mich bescheide, wenn Er sagt: Es ist genug.
So und nicht anders hat es unser Apostel verstanden, wenn er sich mit Vorliebe einen Sklaven Christi Jesu nennt, an Ihn allein gebunden und aller Menschen frei und ledig. “Wenn ich den Menschen noch zu Gefallen bin, bin ich Christi Sklave nicht” (Gal. 1, 10).
d) Nicht allein aber für das ganze gegenwärtige Leben bedeutet eine derartige normale Bekehrung eine vollständige Umgestaltung. Sondern, wie Römer 8, 24 es sagt, wir sind auf Hoffnung gerettet worden. Das neue Leben zielt auf ein großes, die gewaltigsten Gedanken Gottes umfassendes Ereignis. Unser Gebundensein an den Christus Gottes reicht über alle Schranken der Zeit hinweg. Wir erwarten den Sohn Gottes aus dem Himmel.
An diesem Punkt offenbart sich die weite Entfernung zwischen der apostolischen und der heutigen Heilsverkündigung am Schmerzlichsten. Seit Jahrhunderten ist die gläubige Christenheit gelehrt worden, ihre Hoffnung und Sehnsucht auf ein seliges Abscheiden aus diesem Erdenleben und die Erlangung der himmlischen Herrlichkeit zu richten. Man hat sie unterwiesen, das selige Heimgehen des einzelnen auf die gleiche Stufe zu stellen, gleich hoch zu bewerten wie die Wiederkehr des Sohnes Gottes vom Himmel. Dabei hat man gar nicht beachtet, daß man sich auf diese Weise in einen klaren Gegensatz gestellt hat zu der Zielrichtung der göttlichen Offenbarungsgedanken. Letztere gehen unverkennbar nicht von der Erde zum Himmel hin, sondern umgekehrt vom Himmel erdwärts.
Die übereinstimmenden Zeugnisse des Heiligen Geistes in allen Schriften der neutestamentlichen Propheten stellen uns den Sohn Gottes dar voll sehnlichen Verlangens, bald, recht bald wiederzukommen, um alles wiederherzustellen, wovon Gott durch den Mund Seiner heiligen Propheten von alters her geredet hat. “Siehe, ich komme bald!”, so tönt es uns aus dem Munde des erhöhten Herrn wieder und wieder entgegen.
Für solche Gedanken hat eine gläubige Christenheit das Verständnis fast verloren. Ihre Hoffnungen erschöpfen sich in lauter “Sehnsucht nach dem Himmel”. Sie hat sich selbst und ihr eigenes Heil so ganz in den Mittelpunkt ihres gläubigen Denkens gestellt, daß sie sich kaum noch vorstellen kann, wie es außer dem Ziel ihrer eigenen Seligkeit und glücklichen Vollendung noch andere Ziele geben könne. Sie empfindet es schier als eine Zurücksetzung und lehnt es ab, daß man ihr klarmachen möchte, sie sei wirklich nicht dazu bekehrt, um nur einmal “in den schönen Himmel zu kommen”.
Dem tritt mit erhabener Einfachheit und Bestimmtheit das Wort des Apostels entgegen: “zu erwarten Seinen Sohn aus dem Himmel”. Auf der Bahn liegt auch für uns die Gesundung.
Es sollte auch ohne Schwierigkeit verstanden werden, daß die im Glauben mit dem Sohne Gottes einsgewordene Gemeinde Ihn nicht in Seiner Eigenschaft als “des Menschen Sohn” aus dem Himmel erwartet. Denn der Menschensohn ist der Gegenstand aller alttestamentlichen Verheißungen von Mose an. Die Gemeinde aber ist als solche niemals in den Gesichtskreis der alttestamentlichen Seher getreten. Israel und die zu richtende Völkerwelt erwartet die Erscheinung des Menschensohnes in des Himmels Wolken. Wir erwarten den Sohn Gottes, den Erstgeborenen unter vielen Brüdern, aus dem Himmel, um Ihm aber im Lufthimmel (nach 1. Thess. 4, 13-18) zu begegnen.
Daß uns Jesus von dem zukünftigen Zorn errettet habe, wird hier mit besonderem Nachdruck hervorgehoben und ist in diesem Zusammenhang nicht bedeutungslos. Für die ganze übrige Welt bedeutet Sein Kommen die Offenbarung Seines Zornes, aber nicht für die Seinen, die im Glauben mit Ihm einsgeworden sind. Denn Gott hat uns nicht gesetzt zum Zorn, sondern zum Besitz der Errettung durch unseren Herrn Jesus Christus (1. Thess. 5, 9).
(Quelle: “Das Prophetische Wort”, Jahrg. 1911 sowie “Der Fürst des Lebens muß einst alles erben”, Paulus-Verlag; Heilbronn)


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