Die Gaben des Geistes
Autor: Thiessen, John, Dr. | Kategorie(n): Gemeinde, Heiliger Geist, Lehre | 820 x gelesen“Über die geistlichen Gaben will ich euch, liebe Brüder, nicht ohne Erkenntnis lassen” (1. Kor. 12, 1).
Daß es in einem Gottesdienst der ersten Christen ganz anders zuging als in einer streng orthodoxen, abendländischen Kirche oder in einer tumultartigen schwarmgeistigen Versammlung, steht fest. Die ganze Gemeinde und jedes Glied beteiligte sich an dem Gottesdienst, und wenn alles schriftgemäß zuging, war eine vom Geist Gottes durch die Ehrfurcht gewirkte Ordnung da. Der eine hatte ein Gebet, der andere eine Danksagung, der dritte einen Lobgesang, der vierte eine Offenbarung. Und wo der eine den anderen höher achtete als sich selbst, war ein wunderbares Zusammenwirken da zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Gemeinde. Die Wortverkündigung oder die Schriftauslegung waren die Hauptsache, und das Wachstum der Gemeinde ein Bedürfnis.
Daß es aber nicht immer so gut ging und auch Überheblichkeit unter den Dienern vorkam, wie auch Überbewertung der geistlichen Gaben über das Wort, beweisen uns die paulinischen Briefe. Es ist im Grunde einer dieser ungesunden Gemeindezustände gewesen, der die Ursache war, daß der Apostel Paulus den ersten Korintherbrief schrieb an die an Gaben und Kräften reiche Gemeinde.
Und wir sehen, daß es auch heute wie damals in Korinth nicht der böse Wille ist, das Wirken des Geistes zum Eigennutz anzuwenden, sondern vielmehr die Unkenntnis. Darum bemüht sich auch der Apostel in den drei wunderbar aufeinanderfolgenden Kapiteln 12, 13 und 14 des 1. Korintherbriefes, hierauf hinzuweisen; ja, er will nichts zurückhalten, was einigermaßen von allgemeinem Nutzen sein kann.
Er zeigt uns, daß das geistliche Material in Kap. 12 in den Schmelzofen von Kap. 13 muß, auf daß es an den Werten von Kap. 14 geprüft werden kann.
Was sind nun geistliche oder Geistesgaben?
Das ist eine sehr wichtige und grundlegende Frage. Denn es gibt noch immer Bibelausleger, die “Geistesgaben” ansehen als Gaben des menschlichen Geistes. So etwas wie eine bei der Geburt mitgegebene Begabung für etwas Besonderes. Sie vergessen, daß Geistesgaben nur da sind für die Kinder Gottes, die Jesus Christus als ihren Herrn angenommen haben (1. Kor. 12, 2.3).
Geistesgaben haben nichts zu tun mit einer natürlichen Begabung. Ein “Hellseher” ist etwas ganz anderes als ein Prophet. — Geistesgaben haben auch nichts zu tun mit der gepflegten Erziehung unseres Geistes. Durch Übung und Anstrengung kann jeder Mensch sich in einer besonderen Linie entfalten, dies hat aber nichts mit dem Charisma des Geistes zu tun.
Geistesgaben sind nach 1. Kor. 12, 8 Geschenke des Heiligen Geistes, und Er “teilt einem jeglichen das Seine zu, wie Er will” (1. Kor. 12, 11). Der Gläubige hat nichts anderes zu tun, als dies Geschenk, dies Charisma (Gnadengeschenk) anzunehmen. Selbstverständlich kann es auch abgelehnt und andererseits mißbraucht werden. Es bleibt immer dem Betreffenden überlassen, wie er damit umgeht. Dies müssen wir klar erkennen. Es ist wichtig für den richtigen Empfang und Gebrauch der Geistesgaben.
Die meisten Fehler — auch in Pfingstkreisen — werden dadurch gemacht, daß man nicht auf das Wort achtet. Durch diesen Fehler ist es dem Bösen gelungen, das ganze Gebiet der Geistesgaben in Mißkredit zu bringen. — Viele sagen: “Wir wollen nichts damit zu tun haben, das war für die erste Christenzeit, wo die Wissenschaft und das Schriftstudium noch nicht so weit vorgeschritten waren.” Andere wieder versuchen mit Kunstgriffen etwas herauszufordern, was mit Gottes Geist nichts zu tun hat. Wo liegt nun hier die goldene Mitte? Nur da, wo wir uns an Gottes Wort halten! Und dies bezeugt uns klar, daß auch heute noch der Heilige Geist, genau wie damals, Seine Gaben, Seine Geschenke austeilt.
Paulus sagt deutlich (1. Kor. 13, 9): “Unser Wissen und Weissagen ist Stückwerk”, wenn aber der Herr kommt, wird das Vollkommene da sein. Er wußte, daß die Geistesgaben bleiben werden, bis Jesus kommt. Der Apostel zeigt uns, daß diese “Geistesgaben” von geistlich erzogenen Menschen geistlich — das ist zur Ehre Gottes — gebraucht werden müssen, sonst verlieren sie ihren Inhalt und Wert.
Ehe wir nun dazu übergehen, die einzelnen Geistesgaben zu betrachten, sei noch auf das Besondere dieser Gaben hingewiesen. Paulus weiß davon und schreibt in 1. Kor. 12, 7: “In einem jeglichen offenbaren sich die Gaben des Geistes zu gemeinem Nutzen.” Die geistlichen Gaben werden also nicht gegeben, um damit eine Rolle zu spielen (Apg. 8, 18-23), sondern zum “Nutzen” für die Allgemeinheit. Diese Geschenke des Heiligen Geistes sind keine Geschenke an uns, sondern Geschenke in uns; — sie sind vom Heiligen Geist hineingegeben in unsern Geist. Daher sagt Paulus (1. Kor. 14, 14): “Denn wenn ich in Zungen bete, so betet mein Geist …” und (Vers 32): “… die Geister der Propheten sind den Propheten untertan.” Jeder Mensch hat seine besondere Persönlichkeitsprägung, die von Gott für sein Gnadengeschenk benutzt wird (2. Petr. 1, 21).
Wir halten es für töricht, mit “Fasten und Beten” eine bestimmte Gabe zu suchen und sie sozusagen von Gott erpressen zu wollen. Die Gabe bezieht sich auf unsere ganze Person; Leib, Seele und Geist haben Nutzen davon. Da diese Gaben sehr eng mit dem Leben und Streben der Gabenträger verbunden sind, brauchen sie eine sorgfältige Pflege und Anwendung.
Und wie können wir nun die geistlichen Gaben in richtiger Art und Weise zur Entfaltung bringen? — Wenn wir uns bestimmen lassen von der Liebe Christi und uns richten nach dem Wort Gottes. Liebe und Wahrheit sind die Voraussetzung für die rechte Entfaltung der geistlichen Gaben.
Wie viele Geistesgaben es genau gibt, ist nicht bekannt. Und daß der Heilige Geist aus Seiner Fülle immer wieder andere Gaben gibt, wollen wir nicht bezweifeln. Weiter gibt Er nicht nur für jeden Gläubigen eine Gabe, sondern auch mehrere. In dem Leben des Paulus können wir mehrere Geistesgaben entdecken, und es gibt bestimmt eine Weiterentwicklung, ein Vorwärtsschreiten auf diesem Gebiet in bezug auf die Qualität und Quantität der Gaben. Das Geistesleben pulsiert darin, wenn es gesund ist.
Wir wollen uns nun hier im einzelnen mit den neun Geistesgaben befassen, wie sie in 1. Kor. 12, 8-11 aufgeführt sind. Sie sind charakteristisch für das Gemeindeleben. Wir können sie vergleichen mit dem Bau und der Einrichtung eines Tempels. Darum nennen wir etwa
- die Gaben, “zu reden von der Weisheit” und “zu reden von der Erkenntnis” grundlegende Gaben;
- die Gaben, die dann folgen: der Glaube, Gesundmachen, Wunder tun, Unterscheidung der Geister, erbauende, oder aufbauende Gaben;
- die drei übrigen: die Gabe der Weissagung, der Zungenrede und Zungen auszulegen sind ausgestaltende Gaben.
Es herrscht jedoch im Hause Gottes nur ein Geist: der Heilige Geist.
Was ist die Gabe “zu reden von der Weisheit”?
Es handelt sich hier um die wahre Sophia, die nicht aus einer scholastischen oder gnostischen Schule stammt. Das Besondere an dieser Gabe ist, daß sie uns die Geheimnisse Gottes in bezug auf Gott und Universum, Gott und Menschheit, Gott und Weltvollendung durch Christus offenbart.
Der Apostel Paulus hatte diese Gabe in besonderer Weise, die, wie Petrus anmerkte (2. Petr. 3, 15), auch allgemein anerkannt wurde. Denn keiner der Apostel hätte uns die tiefen Wahrheiten so erschließen und das Handeln der Weisheit Gottes mit dem einzelnen Menschen wie mit der gesamten Menschheit, der Christenheit und Israel und dem ganzen Universum so enthüllen können, wie es der Apostel Paulus in seinen Briefen getan hat. Das war keine hellenistische Sophia, keine griechische Gelehrsamkeit, sondern Weisheit von Gott. Wir wissen, daß die personifizierte Weisheit nach 1. Kor. 1, 30 Christus ist. Die Gabe “zu reden von der Weisheit” wird sich mehr konzentrieren um Christus als den König, im Gegensatz zu der Gabe “zu reden von der Erkenntnis”, die uns Christus als den Erlöser zeigt. Darum sind dem Apostel alle diese Gaben zugeteilt worden. Sie sind grundlegend für die Pionierarbeit im Evangelium. Es geht dabei um das Klarstellen der großen Heilslinien in dem Plan Gottes.
Es handelt sich bei dieser Gabe “zu reden von der Weisheit” nicht um die allgemeine Weisheit, die wir alle brauchen und nach Jak. 1, 5 von Gott erflehen sollen, die Gott auch jedermann reichlich geben wird. Es handelt sich auch nicht um eine Gelehrsamkeit, die durch jahrelanges Studium erworben wird, sondern es geht um die Einsicht in Gottes Heilsplan (1. Kor. 2, 6-8).
Die Gabe “zu reden von der Erkenntnis”
Es geht hier nicht um die Gabe, zu reden von Gottes Vorsehung, Seinen Plänen und Seinem wunderbaren Wirken, sondern um die Gabe, Menschen zur Gotteserkenntnis und persönlichen Heilserfahrung zu führen.
Diese Gabe ist sehr wichtig in bezug auf die Grundlegung der Gemeinde sowie auf das Fundieren der Heilswahrheiten: Rechtfertigung, Heiligung und Leibeserlösung.
Die Gabe des Glaubens
Im Grundtext steht nicht “der Glaube”, sondern “Glaube”. Es handelt sich hierbei nicht um den allgemeinen, seligmachenden Glauben, sondern um eine besondere Gabe, im Glauben Berge zu versetzen (1. Kor. 13, 2). Diese Gabe wird charakterisiert durch ein unerschütterliches Vertrauen auf Gott und Seine Verheißungen. Männer und Frauen, die diese Gabe hatten, haben Gebetserhörungen erlebt wie Elia im Alten Bund. Sie haben die Kräfte des Himmels bewegt und die Elemente bezwungen. Was menschlich unmöglich war, ist ihnen durch den Glauben geschenkt worden. Männer, die diese Gabe hatten, waren u. a. Georg Müller in Bristol und Christoph Blumhardt in Möttlingen.
Die Gabe, gesund zu machen
Im Grundtext steht hier auch wieder eine wunderbare Verdeutlichung: “Gaben des Gesundmachens” — also Plural. In der Praxis hat sich dies auch bestätigt, nämlich daß es Menschen gibt, die von Gott eine Gabe haben, Kranke zu heilen, und manchmal für bestimmte Krankheiten. Also nicht Krankheit im allgemeinen Sinn, sondern Krankheiten, die, menschlich gesprochen, unheilbar sind. Wie viele, die vorgeben, diese Gabe zu haben, und sich als “Glaubensheiler” ausgeben, besitzen jedoch nichts von dieser Gabe! Ihr Auftreten ist im Gegensatz zu dem echten Gabenträger provozierend, herausfordernd und marktschreierisch, sie probieren durch Suggestion und Auto-Suggestion — was auch eine Wirkung hat — den Menschen, die vor dem Podium Schlange stehen, die Heilung einzureden. Nun bilde dir ein, daß du gesund bist, und dann bist du gesund! Wenn dann noch die Massen-Suggestion dazukommt und ein paar Leute anfangen, mit aufgehobenen Händen durcheinander zu singen und zu beten und zu schreien, so kann eine Atmosphäre der Ekstase eintreten, wobei sich Seelenkräfte entfalten, die in dem Körper Impulse entstehen lassen, die Schmerzen und Nervenkrankheiten, besonders eingebildete Neurosen, “zeitlich” vertreiben. Wir wollen noch gar nicht reden von “teuflischen Heilungen”, die auch bestehen, und satanischen Einflüssen, die ganz gewiß sich offenbaren, wenn wir uns nicht eng an das Wort Gottes halten. Professor Köberle sagt: “Manche ausposaunte Wunderheilung ist eine starke seelische Erschütterung, die die Schmerzempfindung vorübergehend gemildert hat oder ganz verschwinden ließ — während der zerstörende Prozeß im Innern des Leibes unverändert weitergeht.” (Adolf Köberle: “Der Herr über alles”, S. 132).
Jemand, der die Gabe hat, gesund zu machen, erfährt meistens erst in der Praxis, wie Gott durch seinen Dienst Kranke heilt. Und gerade die demütige Haltung und die Abscheu vor dem Sensationellen kennzeichnen ihn. Er wird auch nie “Demonstrationen” mit seiner Gabe geben, aber wen er im Namen des Herrn anspricht oder anrührt — denn die Handauflegung ist gar kein “Muß” — wird geheilt. Für einen Mann oder eine Frau, die diese Gabe besitzen, ist es wichtig, daß sie sich leiten lassen von dem Heiligen Geist. Sonst kann die Gabe sich gegen ihn selbst richten, und anstatt andere zu heilen, lädt er anderer Krankheit und Leiden auf sich.
Manchmal ist ein evangelistischer Dienst mit dieser Gabe verbunden. Wir sehen das bei Philippus in Samaria (Apg. 8, 5.7). Damit soll nicht gesagt sein, daß Philippus besondere “Heilungsversammlungen” gehalten hat, wie diese nun von den “Glaubensheilern” in aller Welt veranstaltet werden, sondern bei Philippus wurde die klare Predigt des Evangeliums mit Wundern und Zeichen bestätigt, die er nicht propagierte, die aber einfach darauf folgten.
Die Gabe, gesund zu machen, schließt die ärztliche und mittelbare Behandlung nicht aus. Sie hat einen ganz anderen Boden, von dem sie herkommt; sie hat zu tun mit einem unmittelbaren Eingreifen Gottes aufgrund der Erlösung durch Jesus Christus. Die mittelbare Heilung — durch Heilkräuter und Heilmittel — steht für den Gläubigen auch unter dem Segen Gottes, und wir können Gott dankbar sein, daß es Ärzte und Mediziner gibt, die ohne Unterschied mehr Erfolg in der Behandlung der Kranken haben als die Heilungskünstler, die im voraus sagen: “Alle Krankheit ist vom Teufel, auch alle Medizin”, sich aber, wenn der Erfolg ausbleibt, fortmachen und die auf sie vertrauenden Kranken mit den bitteren Worten allein lassen: “Der Patient wurde nicht gesund, weil er nicht geglaubt hat!”
Die Gabe, gesund zu machen, verlangt ein gänzliches Hingegebensein an den Willen Gottes. Die Gabe soll nicht aus nur menschlichem Mitleid angewandt werden, sonst kann es sein, daß man durch diese Gabe Heilungen heraufbeschwört und Leute heilt, die dann doch von Gott abfallen, abtrünnig werden vom Glauben, so daß man schließlich sagen muß: “Es wäre besser gewesen, der Betreffende wäre im Glauben gestorben.” Da steht man manchmal vor großen Problemen in dem Ratschluß Gottes und hat nötig, sich in demütigem Gehorsam von dem Willen Gottes allein leiten zu lassen.
Die Gabe, Wunder zu tun
Das Wunder ist immer ein direktes Eingreifen Gottes, das die Gesetze der Natur überhöht, beschleunigt oder aktiviert. Gerade das “Unmögliche” ist die Grundlage für das Wunder.
Diese Gabe wird meistens den Aposteln gegeben oder dem Pionier des Evangeliums. Petrus z. B. hatte diese Gabe. Er richtete den Gelähmten an der schönen Pforte des Tempels, den gichtbrüchigen Aneas auf und erweckte die verstorbene Tabea (Apg. 3, 1-8; 9, 32-43).
Daß diejenigen, die diese Gabe haben, auch achtsam sein müssen, beweist wohl sehr deutlich das Leben des Mose. Er hatte die Gabe, Wunder zu tun, das Wasser des Roten Meeres aufzuhalten und Wasser aus dem Felsen hervorzurufen. Aber als er zum zweitenmal nicht auf den Felsen schlagen, sondern den Felsen anreden sollte, tat er das nicht, sondern handelte wie früher: Er schlug zweimal mit seinem Stabe. Wasser kam, aber Gottes Willen hatte er in diesem Falle doch außer acht gelassen (4. Mose 20, 6-12). Das wurde Mose zum Gericht; er durfte nicht in das Gelobte Land eingehen. Wir können uns deswegen auch nie mit dem Erfolg, den uns die Gaben gebracht haben, vor Gott rechtfertigen. Der Glaube sucht immer Gottes Willen zu tun. Hierbei hat man zu achten auf die Führung des Heiligen Geistes, sonst kann man mit seiner Gabe zwar Wunder tun, bleibt aber selbst vor dem Ziel stehen.
Die Gabe der Weissagung
“Wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse …”, sagt Paulus in 1. Kor. 13, 2. Damit hat er eigentlich in einem Satz gesagt, was das Wesen der Weissagung ist, nämlich das Enthüllen von Geheimnissen. Und zwar:
- Geheimnisse im persönlichen Leben,
- Geheimnisse im nationalen Leben,
- Geheimnisse im Gemeindeleben,
- Geheimnisse im geistlichen Leben,
- Geheimnisse in bezug auf das Zukünftige.
Diese Gaben enthüllen also die Verborgenheiten, wodurch wir tiefer in die Gnade hineingeführt werden. Sie erleuchten die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft und haben auch einen dreifachen Segen. Sie bringen Besserung, Ermahnung (Erziehung) und Tröstung.
1. Kor. 14, 3: “Wer weissagt, der redet den Menschen zur Besserung (Erbauung) und zur Ermahnung und zur Tröstung.” Wo diese drei Elemente der Weissagung fehlen, da kann man ruhig sagen, daß die Weissagung nicht vom Geiste Gottes war, sondern aus dem eigenen Menschengeist oder aus der Seele stammte.
Manche meinen irrtümlich, daß man nur dann von Prophetie reden kann, wenn die Weissagung sich auf die Zukunft bezieht.
Die Weissagung kam viel vor in der ersten Christenheit, und in 1. Kor. 14 haben wir sehr klare Richtlinien, wie diese Gabe sich gut entfalten kann und praktisch in dem Dienst der Gemeinde anzuwenden ist. Zu einem gewissen Grad soll das ganze Volk Gottes ein prophetisches Volk sein, das will sagen: ein Volk, das in die Geheimnisse Gottes eingeführt ist und wird. In diesem Sinne meint auch Paulus in 1. Kor. 14: “Befleißiget euch der geistlichen Gaben, am meisten aber, daß ihr weissagen möget.”
Die Weissagung kann in einzelnen Botschaften zum Ausdruck kommen, aber auch eine prophetische Rede sein, wie die des Petrus am Pfingsttage. Die Weissagung kann von einer Offenbarung (Vision — Gesicht) begleitet werden oder von einer symbolischen Handlung, wie bei Agabus, der den Gürtel des Paulus nahm, sich Hände und Füße band und sprach: “Das sagt der Heilige Geist: Den Mann, des der Gürtel ist, werden die Juden also binden zu Jerusalem und überantworten in der Heiden Hände” (Apg. 21, 11).
Paulus stellt die Weissagung höher als das Reden in anderen Zungen und gibt einen klaren Einblick in das Wesen dieser Gabe. Das ist sehr wichtig; denn wenn auch die Weissagung in allen vom Geist Gottes gewirkten Erweckungen vorkam, hat sie zuletzt fast ganz aufgehört, weil sie durch Mißbrauch unglaubwürdig geworden ist, oder weil diejenigen, die diese Gabe hatten, nicht genau wußten, wie sie damit umgehen, wie sie diese pflegen und anwenden sollten, und vor allen Dingen, weil die Gemeinde die Weissagungen ungeprüft hingenommen hat (dagegen 1. Kor. 14, 29; 1. Thess. 5, 21).
Es ist darum zu beachten: Der Weissagende ist kein “Medium”, das nun langsam oder plötzlich von einem Geist oder Gottes Geist “besessen” wird, so daß er von einer außer ihm existierenden Macht überwältigt wird und orakelartige Aussprüche von sich gibt, von denen er selber später nichts mehr weiß. Wenn auch die Schriftstelle 2. Petr. 1, 21 von einem “Getriebenwerden von dem Heiligen Geist” redet und die alttestamentliche Offenbarung des Geistes gebunden war an einen zeitlichen Auftrag und ein zeitliches Amt, so war doch nie eine Entthronung der Person damit verbunden. Es war kein “ekstatisches” aus dem Mittelpunkt Gerücktwerden, sondern der Betreffende war sich immer seines Personseins bewußt. Es war aber auch im Alten Testament ein “charismatisches Dienen”. — Wir müssen dies gut unterscheiden, da hier der wesentliche Unterschied liegt zwischen dem Magischen, Okkulten, Spiritistischen, Satanischen — und dem Göttlichen. Bei allem Nichtgöttlichen ist der Trancezustand, wobei das bewußte menschliche Denken ausgeschaltet ist, immer die Vorstufe der Ekstase. Man kann solch einen Zustand künstlich durch längeres Fasten oder ständig wiederholte Gebetsformeln herbeiführen.
Es ist sehr wichtig, daß man das Wirken des Heiligen Geistes klar unterscheiden kann von dem des Menschen, vom Seelischen oder gar Dämonischen. Und das kann man nicht an den Randerscheinungen, sondern nur in dem Kern der Sache, oder wie Jesus sagt: “An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen” — also nicht an ihren Gaben.
Nicht alles, was einem beim Beten, Loben und Danksagen einfällt, ist direkt vom Geist eingegeben. Jeder sollte sich immer bewußt vor Gott stellen und prüfen: Ist das nun Illumination (Beleuchtung) oder Inspiration (Erleuchtung)? Ist es — auch wenn vom Geist Gottes erleuchtet — zuletzt doch meine eigene Sphäre, mein “nous”, der dies produziert? Oder ist es eine klare Inspiration des Heiligen Geistes, der an mein Inneres appelliert und mich beauftragt zum Reden oder zum Handeln oder auch — wie bei Philippus — irgendwohin zu gehen? Kann man denn überhaupt in sich selbst einen deutlichen Unterschied erkennen zwischen Erleuchtung und Beleuchtung? Sicherlich, denn wo bliebe sonst die Verantwortung gegen Gott und Menschen? Daß diese Sache nicht so ohne weiteres vor sich geht, beweist wohl der Rat, den uns der Schreiber des Hebräerbriefes gibt, wenn er (5, 12) sagt: “Denn die ihr solltet längst Meister sein, bedürfet wiederum, daß man euch den ersten Anfang der göttlichen Worte lehre und daß man euch Milch gebe und nicht feste Speise.” Wörtlich: “Denn während ihr der Zeit nach solltet Lehrer sein, habt ihr vielmehr nötig, daß man euch das ABC der Offenbarungswahrheit Gottes beibringe.”
“Feste Speise aber” — Vers 14 — “gehört den Vollkommenen” (die die geistliche Reife erlangt haben); “sie haben durch steten Gebrauch geübte Sinne und können Gutes und Böses unterscheiden.” Sie können unterscheiden, was von Gott gewirkt oder aus eigenem Antrieb hervorgegangen, was “seelisch” und was “geistlich” ist. Genau wie ein Musiker sein Ohr üben muß, um die Töne deutlich und sauber voneinander unterscheiden zu können, um aus seinem Instrument den reinsten Ton herauszuholen, so darf das Kind Gottes seine geistlichen Sinne üben, um klar unterscheiden zu können, was vom Geist Gottes inspiriert ist und was aus dem eigenen Geist stammt, ob es überhaupt etwas reden oder tun, und wann es dies tun und wie es dies ausführen soll.
Wie viele Gabenträger brauchen auf diesem Gebiet eine Belehrung, auf daß etwas Gutes bei ihrem Dienst herauskomme und das Ganze nicht verläuft in ein unwahres Wesen, in krankhafte Phantasien und Exzesse. Wie nötig, daß jede Gabe gepflegt und angewandt wird zum allgemeinen Nutzen. Aber wer soll ihnen diese Unterweisung geben, wenn oft auch führende Männer in der Gemeinde selber nichts wissen von dem Wirken des Heiligen Geistes in bezug auf die Gaben, weil sie das diesbezügliche Wort Gottes nicht gebührend beachten? Weiter kommt es vor, daß gerade die Weissager sich wenig oder nichts sagen lassen und manchmal mit ihrer Gabe die Gemeinde beherrschen und ihren Fortschritt abdrosseln.
Paulus gibt einige klare Linien an in bezug auf den praktischen Dienst der Weissagung in der Gemeinde. Nicht nur stellt er das Weissagen der Wirkung nach höher als das Zungenreden (1. Kor. 12, 2-4), er unterwirft die Weissagung auch dem Urteil der Gemeinde. Er sagt in Kap. 14, 29: “Propheten aber lasset reden zwei oder drei, und die andern lasset die Rede prüfen.”
Dieses Prüfen kann sich auf zwei Dinge beziehen:
- Ob das Gesagte vom Geist ist. Dies ist es nur dann, wenn es mit dem Worte Gottes übereinstimmt!
- Prüfen, was der Geist der Gemeinde zu sagen hat!
Zusammenfassend wäre hier festzustellen: Weissagen ist in seinem Dienst, Sinn und Ziel daran gebunden, daß es Besserung, Ermahnung, Erziehung und Tröstung bringt. Wird dieser Maßstab angewendet, dann fallen alle “Weissagungen” dahin, deren Inhalt bloß aus leeren Erbaulichkeiten oder wilden apokalyptischen Bildern besteht oder deren Sündenenthüllungen nicht vom Bewußtsein der Solidarität getragen sind.
Weiter will Paulus nicht, daß wenn einer weissagt, ein anderer, der auch eine Weissagung hat, dazwischen redet und womöglich ein dritter, der ebenfalls eine Weissagung hat; dadurch würde das Ganze unverständlich. Einer soll vielmehr auf den andern warten oder ihm den Vorrang geben. “Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens” (1. Kor. 14, 33). Das heißt, daß kein Gegensätzliches bei Gott ist, und so soll es auch in der Gemeinde sein.
Und wie geht das nun in der Praxis? — Ist der Weissagende nicht so voll Inspiration, daß er nicht mehr an sich halten kann, sondern eben sprechen muß? Ist es nicht blasphemisch, zu denken, daß der Weissagende den Heiligen Geist unter seiner Kontrolle hat? Läßt sich denn der Heilige Geist überhaupt etwas vom Menschen vorschreiben? Paulus hat dies sehr fein herausgefühlt und schreibt dann: “Die Geister der Propheten sind den Propheten untertan” (14, 32). Er sagt nicht: der Geist Gottes, sondern: die Geister der Propheten. Es ist also mein Geist, der unter der Inspiration des Heiligen Geistes weissagt, oder, wie es zu Pfingsten hieß: “Sie redeten, wie der Geist ihnen gab auszusprechen” (Apg. 2, 4). Es ist immer der verantwortliche, bewußte Mensch, der aktiv ist, nicht ein “Medium”, dessen Bewußtsein beschlagnahmt ist. Deswegen kann ich, wenn ich mich vom Geiste Gottes leiten lasse und nicht von meinen Gefühlen oder Sympathien, genau wissen, wie und wie lange mein Dienst sein soll. Je ruhiger dabei meine Person ist und je mehr ich in Demut und Glauben in der Gegenwart Gottes bleibe, um so klarer wird mein Dienst sein.
Gerade wenn in einer Gemeindeversammlung zwei oder drei Weissager an einer Offenbarung gemeinsam dienen, ist es so wichtig, daß der eine auf den andern wartet, auf daß die Einheit im Geist bewahrt wird.
“Darum,” sagt Paulus am Ende des 14. Kapitels im 1. Korintherbrief noch einmal, “liebe Brüder, befleißigt euch des Weissagens …”
Die Gabe der Geisterunterscheidung
Es handelt sich hierbei um etwas sehr Wichtiges, und mehr denn je sollten wir in dieser Endzeit, wo die Verführung so groß ist, dankbar sein für Männer und Frauen, die diese Gabe haben.
Jeder Christ sollte gewissermaßen eine Begabung haben, ein sogenanntes gesalbtes Auge (1. Joh. 2, 20.27; 1. Kor. 2, 15), um zu unterscheiden, was von Gott und was nicht von Gott ist. Auch gibt die Schrift den Menschen allgemeine Maßstäbe in die Hand (1. Kor. 12, 2.3; 14, 1; 1. Joh. 4, 1-7; Matth. 7, 16). Es gibt jedoch noch eine Geistesgabe, die die Geister unterscheiden kann. Unter diesem Wort “Geister” können wir vieles verstehen: Böse Geister, verführende Geister, den eigenen Geist, Menschengeist, vor allem aber Gottes Geist.
Das Besondere an dieser Gabe ist, daß durch die Gabe der Geisterunterscheidung enthüllt wird, aus welchem Hintergrund und unter welcher Tarnung das Nichtgöttliche sich offenbart. Die Gemeinde, die diese Gabe nicht besitzt, ist mancher geistlichen Gefahr ausgesetzt. Wie klar wußte Paulus in Philippi zu unterscheiden, daß der wahrsagende Geist bei dieser Frau, der sogar die Wahrheit in bezug auf Paulus und Silas ausrief, nicht von Gott war. Und er trieb diesen bösen Geist aus (Apg. 16, 16-18). Wie deutlich wußte Jesus aus dem Munde des Petrus die Stimme Gottes von der des Bösen zu unterscheiden! (Matth. 16, 23.) — Darum ist es notwendig, diese Gabe immer wieder neu zu erbitten.
Die Gabe des Zungenredens und der mancherlei Sprachen
Daß das Zungenreden keineswegs ein Kuriosum (etwas Seltsames und Seltenes) gewesen ist, sagt auch Professor Karl Heim in “Gemeinde des Auferstandenen”, Seite 207. Es ist vielmehr bei allen großen Erweckungen als ständige Erscheinung aufgetreten. So auch bei der Erweckung in Wales, bei den großen Erweckungen in Westdeutschland, dann im 19. Jahrhundert und besonders in unseren Tagen.
Paulus redete mehr in Zungen als alle andern und gibt große Segnungen an, die darin liegen, die wir später nennen wollen.
Was ist nun das echte Zungenreden?
Das, was Paulus “glossolalie” nennt und in der korinthischen Gemeinde viel vorkam, ist das deutliche Reden in einer nicht gelernten Sprache unter Inspiration des Heiligen Geistes. Diese Sprache kann eine menschliche oder Engelssprache sein (1. Kor. 13).
Dr. Friso Melzer sagt darüber in seinem Buch “Unsere Sprache im Lichte der Christusoffenbarung” auf Seite 383: “Zungenrede bleibt ein Ereignis zwischen dem Redenden und Gott. Nur der Redende, nicht aber der Hörer hat Gewinn: Wer mit Zungen redet, der bessert sich selbst (V. 4).” Auf S. 385: “Er redet in einer Sprache, die der Sünde enthoben ist, gleichsam in die Urverbundenheit des Kindes zurückgeht, das Worte der Liebe stammelt und sich darin selig fühlt.” Man muß also dieses Zungenreden streng unterscheiden von dem “Plappern der Heiden”, die im Trancezustand unartikulierte Worte und Laute ausstoßen oder auch ein und dasselbe Wort oder bestimmte Lautfolgen ständig wiederholen.
Es gibt viel sogenanntes Zungenreden in unseren Tagen, das überhaupt nichts zu tun hat mit dem Zungenreden, von dem Paulus in 1. Kor. 12 und 14 spricht. Gerade jetzt, wo wieder eine neue Welle des “Zungenredens” durch evangelische und katholische Kreise geht, wobei es sich meistens um künstlich angewandte Methoden handelt, die keinen wahren Grund in der Heiligen Schrift haben, müssen wir sehr vorsichtig sein! Denn es ist die List des Bösen, in unseren Tagen eine Mischung hervorzurufen von Fleisch und Geist, Seelischem und Geistlichem, Menschlichem und Göttlichem.
Wenn zuletzt eine solche Verwirrung entstanden ist, daß die Leute sagen: “Ich glaube nichts mehr” — dann hat der Böse sein Spiel gewonnen. Dr. E. Lubahn hat dies gut unterstrichen in seinem Büchlein “Fromme Verführungen” (Seite 56).
Wir begegnen jetzt verschiedenen Methoden, um den Leuten das “Zungenreden” beizubringen, da sie dies für das Kriterium für die Geistestaufe halten. Wir wollen einige davon nennen:
- “Christensen-Methode”: Pfarrer Christensen propagiert diese Art, wobei es folgendermaßen zugeht: Der Gläubige muß Gott in einer Sprache preisen und verherrlichen, die er selber nicht spricht. Man muß zuerst die persönliche Sprache ausschalten und nun einfach anfangen zu “lallen”. Am Anfang kommt es ihm fremd vor, aber dann muß er glauben, daß Gottes Geist dieses selbstgemachte Lallen in eine Zungensprache “umzaubert”. — Nach allen Seiten scheint hier das menschliche Element durch.
- Die “Papagei-Methode”: Man sagt: Einem Kinde muß man auch die Worte vorsagen und sie nachsprechen lassen. So haben diese Verführer eine Liste Wörter, die sie immerfort wiederholen lassen, bis dann im kollektiven unterbewußten Seelenleben das Schwungrad auf Touren kommt und sie von selber anfangen zu “plappern”. Von vielen wird hierzu das Wort “Halleluja” oder auch “Abba” (Vater) benutzt. Wenn Sie ein solches Wort schnell viele Male wiederholen, werden Sie verstehen, was ich meine, wenn ich hierbei an “Papageien” denke!
- Eine andere Methode ist die: “Brother, let go!” (Bruder, laß dich gehen!). Hierbei kommt ein wildes Treiben zum Ausdruck, angeregt durch Händeklatschen und rhythmische Chöre, die ständig wiederholt werden und durch ihren besonderen Effekt die Leute direkt in das seelische Wesen treiben. “Laß dich gehen”, heißt es dann, mach alle Bremsen los — und die Leute rollen sich auf dem Boden, und mit zitternden Händen und Schockbewegungen, weinend oder schreiend — aber manchmal auch heiter lachend — stammeln sie unartikulierte Laute, wie ein Betrunkener. Dies wird dann verdolmetscht als “trunken im Geiste” zu sein.
- Eine weitere Methode ist die “Handauflegungs-Methode”. Bestimmte Personen meinen den Heiligen Geist vermitteln zu können. Sie wollen den Platz des Herrn Christus — der doch allein der Täufer im Heiligen Geist ist — einnehmen. Dies geschieht z. B. in der sogenannten, “Spätregen-Bewegung”, und es scheinen mir hier okkulte Bindungen und Verbindungen vorhanden zu sein. Wenn die Leute unter Handauflegung sogenannter “apostolisch Begabter” anfangen zu zischen, aus ihrer geistlichen Balance fallen, manchmal in tiefe Bewußtlosigkeit, und dabei Laute stammeln, so ist dies doch sehr fragwürdig.
Wir könnten noch viele andere Methoden nennen, wobei sogar für Geld ein Zertifikat, daß man die echte Zungengabe besitzt, verkauft wird. Doch wir beschränken uns darauf zu sagen: Es ist möglich, einen Menschen, wenn er sich nur gehen läßt, so lange zu rütteln und zu schütteln und ein bestimmtes Wort im gesteigerten Tempo wiederholen zu lassen, bis er endlich in seinem unterbewußten Seelenleben nicht mehr Herr über sich selbst ist und dann — in einer Art Ekstase — mit ausgestreckten Händen, sich selbst berauschend, gewisse Laute hervorbringt.
Von dieser Art des sogenannten Zungenredens wollen wir uns gründlich distanzieren, denn das ist “Fleisch” und hat mit dem Geist Gottes nichts zu tun. Die “glossolalie” aber, die uns im 1. Korintherbrief ausführlich beschrieben wird und auch heute noch ihren Platz und guten Nutzen in der Gemeinde hat, ist tatsächlich eine Sprache. Und wenn man als Fremder diese Sprache auch nicht versteht, spürt man den artikulierten Wortlaut und entdeckt einen Satzbau mit bestimmten Betonungen, Intervallen und Pausen (siehe Karl Ecke: “Durchbruch des Urchristentums”). — Selbstverständlich muß auch hier wieder der geistliche Sinn geübt werden, denn wenn jemand zum ersten Mal in Zungen redet, so ist dies ein so gewaltiges Erlebnis für ihn, daß er ganz davon hingenommen ist.
Wie geht nun gewöhnlich die Mitteilung dieser Gabe vor sich? Das Kind Gottes, das sich ausstreckt nach geistlichen Gaben, sucht betend das Angesicht des Herrn. Es kann dies sein in einer Gebetsstunde oder auch allein im Kämmerlein. Gott ist nicht an Ort und Zeit gebunden. Die Hauptsache ist nur, daß das Herz durch den Glauben gereinigt ist und die Person ein Herz und eine Seele ist mit dem Volke Gottes, wie es von dem Pfingsttag heißt: “Sie waren da zum Eins-sein”, und “schnell” kam Gottes Geist, um diese Glieder am Leibe Christi zu erfüllen.
Der Betende soll keine bestimmte Gabe vom Herrn erflehen, sich aber offenhalten für das, was der Heilige Geist ihm geben will. Wenn es nun die Gabe der Zungen ist, so wird es meistens so erlebt, als ob plötzlich warme Ströme fließender Liebe den Beter durchströmen. Mehr und mehr wird das Herz des im Gebet vor Gott Verharrenden so mit göttlicher Liebe erfüllt, daß Schweigen bald unmöglich ist. Es drängt das Gotteskind von innen heraus zur lauten Anbetung. Und jetzt fängt der Betende an, Worte auszusprechen, die ihm zwar völlig fremd sind, aber vom Heiligen Geist eingegeben werden. Das jubilierende Herz füllt den Mund mit lautem Lobpreis Gottes. Die Folge ist ein nie gekannter Friede, eine tiefe, herzinnige Freude, redet er doch im Geist Geheimnisse (1. Kor. 14, 2). Bei all dem ist das Bewußtsein des Gläubigen keinen Augenblick ausgeschaltet. Das Ganze ist ein Erlebnis im Geist bei vollem Bewußtsein. — Anfangs mag das Reden in Zungen noch etwas “stammelnd” vor sich gehen, es wird sich aber immer mehr zu einer “Sprache” vervollkommnen, wenn der Betreffende als Gotteskind weiterhin im Gebet Umgang mit Gott pflegt und auch sonst in seinem Wandel geistlich gesinnt ist.
Paulus war geübt im Zungenreden und weiß diese Vorgänge fein zu deuten. Er sagt: der in “Zungen redet”, spricht im Geist Geheimnisse aus (1. Kor. 14, 2). Sein Verstand ist hierbei nutzlos, nicht wertlos. Nutzlos, weil er sich selber reden hört, aber nicht verstehen kann, was er sagt. Sein Verstand ist jedoch ganz klar und kann den hohen Wert dieses Erlebnisses erkennen. Sogar die Erinnerung ist wach und kann manchmal bestimmte, von dem in Zungen Redenden selbst ausgesprochene Worte behalten.
Hier kommen wir wieder auf den großen Unterschied zwischen dem “ekstatischen Reden der Heiden” und dem “charismatischen Zungenreden eines Kindes Gottes”.
Das Kennzeichen des biblischen Zungenredens ist immer: es ist vom Heiligen Geist in unserem Geist bewirkt. Denn in unserem Geist, nicht zu verwechseln mit Intellekt, knüpft der Heilige Geist an.
Leider herrscht auf diesem Gebiet eine große Unwissenheit — auch bei vielen Verkündigern des Evangeliums. Sie gehen dieser Materie aus dem Weg mit dem Spruch: “Früher hatten die Leute keine Schulen, um die verschiedenen Sprachen zu lernen und das Evangelium zu verkündigen, jetzt aber wohl!” und beweisen damit, wie schlecht sie ihre Bibel kennen. Andere sind wieder auf der anderen Seite in Irrtum verfallen und sagen: “Nun reden wir in Zungen … und ich vermute, meine Sprache ist chinesisch” — und sie gingen nach China und kein Mensch, auch kein Chinese, verstand sie.
Trotzdem ist es, wenn Gott es so wollte, tatsächlich vorgekommen, daß der Heilige Geist durch eine Person eine Botschaft gab in einer Sprache, die er selber nicht verstand, die aber von anderen Anwesenden verstanden wurde, genau wie es war am Pfingsttag, da sie sagten: “Wie hören wir diese Galiläer in unseren eigenen Dialekten die großen Taten Gottes preisen?” Aber die Pfingstpredigt des Petrus war dann doch in der für alle verständlichen Sprache gehalten, und das ging ihnen durchs Herz, und 3000 bekehrten sich. “Der Glaube kommt aus der Predigt” (Röm. 10, 17) und nicht aus der Zungenrede.
In den Stellen 1. Kor. 14, 2.4.13.14.15.16.22 führt uns Gottes Wort in die Mannigfaltigkeit des Zungenredens ein. — Es ist auffallend, daß das Zungenreden nach 1. Kor. 14, 22 ein Zeichen für die Ungläubigen ist. Denn in manchen Pfingstkreisen hat man diese Schriftstelle verdreht und gesagt, daß das Zungenreden ein Zeichen dafür ist, daß der Mensch mit dem Heiligen Geist erfüllt ist, was den Sinn dieses paulinischen Satzes gar nicht trifft. Sonst wäre Paulus mit sich selbst im Streit.
Weiter unterscheiden gewisse Pfingstkreise das Zeichen und die Gabe des Zungenredens. Das Zeichen soll sein: Wenn ein Mensch nur einmal wenige unbestimmbare Laute ausgestoßen hat, dann liege darin der Beweis, daß er getauft sei mit dem Heiligen Geist. Die Gabe jedoch sei dort, wo der Mensch immer in Zungen reden kann. Man sieht, zu welch merkwürdiger Begriffsspaltung man kommen kann, wenn man sich nicht an das Wort Gottes hält.
Das Zungenreden ist also eine Gabe, ein Charisma des Heiligen Geistes, und hat seinen großen Wert und guten Platz im Gemeindeleben, wenn diese Gabe geistlich gebraucht wird. Wird diese Gabe aber ungeistlich gebraucht, so entartet sie — wie alle anderen Gaben auch — in ein wildes Wesen, das lieblos, nutzlos, wertlos und kraftlos ist (1. Kor. 13, 1-7).
Vergessen wir nicht, daß auch das Zungenreden eine Gabe, ein Geschenk des Geistes ist, das man auch zum “Eigennutz” gebrauchen kann, um damit zu prahlen, wie es bei den Korinthern vorkam, was aber dem Sinn dieser Gabe widerspricht. Der Zungenredner kann sogar auch dann noch in Zungen reden, wenn er nicht mehr treu ist in der Gemeinschaft des Geistes. Dasselbe gilt gewissermaßen für alle Gaben. Selbstverständlich wird ein Abtrünniger die Gabe nicht mehr suchen, aber das Geschenk kann er festhalten und ist vor Gott auch dafür verantwortlich. Der Mißbrauch der Gaben wirkt anstatt erbauend entmutigend, verwirrend und verklagend. Der Leitgedanke dabei wird sein: Du hast die Freundschaft mit Jesus gebrochen, aber das Geschenk von Ihm behalten.
Das Zungenreden soll nicht vernachlässigt, sondern betätigt und gepflegt werden. In der Gemeinde, in der Öffentlichkeit ist es aber nur mit Auslegung zuzulassen (1. Kor. 14, 28).
Die Gabe, die Sprachen auszulegen
Das Zungenreden in verschiedenen Sprachen bekommt erst Nutzen für die Gemeinde und ist nur dann zugelassen in der Gemeinde, wenn es auch ausgelegt wird. Wir wollen das gut beherzigen, denn in mancher Gemeinde kommt es vor, daß der eine oder andere in Zungen redet, und dann kommt eine peinliche Pause und man fährt einfach mit Gebet oder Predigt fort. Das ist nicht nach der Schrift. Wenn der Zungenredner selber keine Auslegung hat oder kein Ausleger da ist, also eine Person, welche die Gabe der Auslegung hat, so soll er schweigen.
Was ist nun das Auslegen? — Dies ist sehr wichtig, denn manchesmal, wenn man eine Auslegung hört, hat man eher das Gefühl, daß mehr hineingelegt wurde als ausgelegt.
Auslegen heißt nicht: dolmetschen oder interpretieren, wie manch einer gedacht hat und aufmerkte, da es nur eine kurze Zungenrede war, aber eine lange Auslegung. Das Auslegen ist vielmehr das Verständlichmachen einer Geistesmitteilung. Die Person, die die Gabe hat, vernimmt im Geist, welches die Meinung des Heiligen Geistes ist, und gibt nun unter Inspiration des Geistes in eigenen Worten wieder, was geoffenbart wurde. Wir sehen also, daß es hierbei auf drei große Momente ankommt:
- Die Botschaft im Geist empfangen.
- Die Botschaft im Geist verstehen.
- Die Botschaft im Geist auslegen, d. h. so aussprechen, wie der Geist es aussprechen läßt.
Der Geist Gottes schaltet den Menschen nicht aus, sondern vielmehr erst richtig ein. Der Mensch ist der Redende, der Auslegende; er ist dabei nicht passiv, sondern aktiv. An Pfingsten heißt es: “Wie der Geist ihnen gab auszusprechen.” Paulus sagt: “Wenn ich auch mit Menschen- oder Engelzungen reden könnte …” (1. Kor. 13, 1 ff.). Das ist das Wichtige, das Schöne, aber auch das Gefährliche. Der Mensch, der Gabenträger, soll deswegen eine Gott geweihte Person sein, der es nur um die Verherrlichung Gottes geht. Absolute Hingabe ist Vorbedingung, und wer das nicht will, soll schweigen.
Daß auch das Auslegen im Geist geübt werden muß, ist selbstverständlich. Genau wie der junge Samuel “noch nicht gewöhnt war an die Stimme Gottes”. Daß das Auslegen etwas “Besseres” ist als das Zungenreden und man noch viel achtsamer damit umgehen muß, ist begreiflich.
Wie sollen wir nun feststellen, was das Echte, Wahre, vom Geist Geoffenbarte und was das Menschliche ist? — Diese Frage stellten schon die Korinther dem Paulus, denn sie sahen, daß die heidnische Ekstase auch Auslegungen und Offenbarungen ergab, die sich erfüllten. Daran erkennen wir, daß die Sache nicht so einfach ist und die Weissagung nicht einfach deswegen von Gott sein muß, weil sie eingetroffen ist. Auch der Hellseher sagt Dinge, die bei Nachprüfung noch wahr sind, aber deswegen ist das, was er sagt, doch nicht von Gott. Denken wir an die Wahrsagerin von Philippi!
Paulus nennt als Kennzeichen den Inhalt des Gesagten und das Leben des Auslegers. Wenn die Auslegung nicht schriftgemäß und zur Ehre Gottes ist, so ist sie nicht vom Geiste Gottes gewirkt. Weiter, wenn das Leben des Auslegers fragwürdig ist und nicht mehr glaubwürdig für die Gemeinde, so soll man diesen nicht reden lassen. Dem gegenüber steht die Tatsache, daß die Auslegung so klar sein kann, so wortgetreu und sinngemäß, dabei so geistgefaßt, daß ein jeder hieraus die Stimme des Herrn vernimmt.
Paulus sagt, daß, wenn zwei oder höchstens drei eine Zungenbotschaft haben, sie nicht durcheinander reden sollen, sondern einer nach dem anderen, und einer soll es auslegen (1. Kor. 14, 27). Warum das? Paulus will die Meinung des Geistes durch die Einheit im Geist bewahren. Er will keine drei verschiedenen Anschauungen, sondern eine Auslegung. Weiter will er, daß der Zungenredner sich dem Ausleger unterstellt. Es soll ein gemeinsamer Dienst im Geist sein, erbauend, ermahnend, tröstend. Der Ausleger soll nicht immer der Prediger sein. Im Gegenteil: Es ist viel besser, wenn der Prediger sich nur an seinen Dienst als Evangelist, Leiter, Prophet, Lehrer oder Hirte hält und das Ganze überblickt. Er kann dann die Leitung in der Hand behalten und eingreifen, wenn es nötig ist. Die geistlichen Gaben sollen dem geistlichen Amt unterstellt sein.
Es gibt noch weitere Geistesgaben, wie die Gabe des Ermahnens, Gaben für Hilfsdienste, Verwaltungen usw. (Röm. 12, 6-8; 1. Kor. 12, 28).
Für alle Gaben gilt der Grundsatz (1. Kor. 12, 4): Es sind mancherlei Gaben; aber es ist ein Geist, der alles wirkt und einem jeglichen das Seine zuteilt, wie Er will (1. Kor. 12, 11).
Den Gotteskindern aller Zeiten gilt die apostolische Ermahnung: “Strebet nach der Liebe! Befleißiget euch der geistlichen Gaben, am meisten aber, daß ihr weissagen möget!” (1. Kor. 14, 1).
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 4/1971; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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