Der Sieg des Geistes über das Fleisch
Autor: Ströter, Ernst F., Prof. | Kategorie(n): Gemeinde, Heiligung, Lehre, Paulusbriefe | 629 x gelesen(Nach Römer 8, 1-18)
1. Keine Verdammnis für die in Christo Jesu
“So gibt es nun keine Verdammnis für die, welche in Christo Jesu sind” (Röm. 8, 1)
Das Kapitel beginnt mit einer großartigen, königlichen Proklamation, zu welcher hinan der Geist den Apostel geführt hat durch die ernsten und ergreifenden, aber auch kostbaren Ausführungen der beiden vorhergehenden Kapitel 6 und 7. Dort sind die klaren Grundlinien gezogen, ist das feste Fundament sicher gelegt, auf dem die Gerechtigkeit Gottes eine solch wunderbare, erhebende und befreiende Proklamation in Worte fassen und in die weite Welt hinaus ergehen lassen kann. Es ist der oberste Weltenrichter selbst, über den hinaus es keine Instanz mehr gibt noch geben kann, dessen Thron in Heiligkeit und Wahrheit steht, dessen Urteil ungetrübt und makellos ist, der hier unzweideutig verkündigen läßt, es gebe nun, aufgrund des Todes und der Auferweckung Christi aus den Toten, keine Verdammnis für alle, die in Christo Jesu seien.
Es ist von höchster Bedeutung, daß wir uns über den wahren Wortlaut dieser göttlichen Ankündigung sorgfältig vergewissern. Darauf kommt für den ungetrübten Frieden unseres Herzens auch angesichts von Sündhaftigkeit und Fleischlichkeit alles an. Es steht nicht da, wie man es in den meisten früheren Übersetzungen — nach Luther — zu drucken pflegte, daß es “nichts Verdammliches” mehr gebe an denen, die in Christo Jesu sind. Denn das entspricht weder der Lehre der Schrift noch auch der übereinstimmenden Erfahrung aller aufrichtigen Gläubigen in Christo Jesu. Wir wissen nur zu gut, daß es an uns, d. h. an unserer natürlichen Beschaffenheit und Art noch sehr vieles gibt, das vor der heiligen und unbestechlichen Gerechtigkeit unseres Gottes niemals bestehen könnte, hätte Gott nicht einen Weg gefunden, auf dem von einer tatsächlichen Verdammnis und Verwerfung von Seinem Angesicht gleichwohl niemals mehr die Rede sein kann, so wir anders in Christo Jesu erfunden werden. Mit anderen Worten, diese Proklamation will uns gar nicht zu einer peinlich genauen Selbstuntersuchung veranlassen, zu einem strengen Selbstverhör vor Gott, ob oder was noch Verwerfliches sich an oder in uns rege oder betätige. Es geht hier nicht um meine sittliche oder religiöse Beschaffenheit, Heiligkeit oder Sündhaftigkeit. Nicht was ich bin oder gar geleistet habe in frommen Bestrebungen, in reichen, gesegneten Erfahrungen, Diensten oder Errungenschaften, steht hier im Blickfeld. — Von all diesen Dingen ist an anderen Stellen der Schrift deutlich die Rede. Etwa wenn in 2. Korinther 5, 10 gesagt ist, daß wir (Gläubigen) alle offenbar werden müssen vor dem Richtstuhl des Christus, wo ein jeglicher empfangen wird, je nachdem er im Leibe gewirkt hat, es sei gut oder böse. Bei jenem Gericht handelt es sich lediglich um die Frage nach dem gerechten Lohn für die bei Lebzeiten erwiesene Treue oder Untreue im Dienst, niemals geht es dabei um die Frage nach meiner Verdammnis oder meiner Annahme zum ewigen Leben. Es sind von vornherein nur Gerettete, zum ewigen Leben bereits Gelangte, die dort belohnt oder auch bestraft und scharf getadelt werden, ja die unter Umständen ihre ganze, als Gläubige getane Lebensarbeit im Feuer des Gerichts verzehrt sehen werden, wobei sie selbst aber gerettet werden, doch so als durch Feuer (1. Kor. 3, 12-15).
Hier in unserem Textwort jedoch haben wir es mit solchen Fragen nicht zu tun. Das muß klar verstanden und festgehalten werden, sonst geraten wir in eine gefährliche Unsicherheit und Unruhe, die gewiß der göttlichen Absicht nicht entspricht. Tatsächlich keine Verdammnis, keine Verurteilung und Verwerfung mehr von seiten Gottes, das ist das wunderbare Werk unseres Gottes in Christo Jesu. Dabei ist es ganz einerlei, wie traurig meine bisherige Vergangenheit, wie schändlich, verbrecherisch und lasterhaft mein Wandel, meine noch so tiefe Versunkenheit gewesen sein mag; ganz einerlei ist es auch, wieviel mir aus meiner furchtbaren Vergangenheit an inneren Gebundenheiten und Verkehrtheiten noch anhaften mag, wieviel mir mein alter Mensch Tag für Tag noch zu schaffen macht, wovon wir ja im weiteren Verlauf dieses Kapitels noch öfter zu reden haben.
Welches ist aber nun die einzige Voraussetzung zu dieser befreienden göttlichen Erklärung? Auf was allein kommt es dabei an? Was wird von mir erwartet, gefordert? Was ist mir auferlegt? Auf alle diese Fragen gibt es nur eine Antwort: Gar nichts wird gefordert, gar nichts wird erwartet als Leistung oder nur Bemühung. Gott ist mit dem Gesetz der Gebote in Forderungen (”Du sollst …”) endgültig fertig. Das Gesetz hat seine ganze Schuldigkeit getan im göttlichen Handeln mit der sündigen Menschheit. Es hat ihr völliges Unvermögen, ihren gänzlichen Bankrott gegenüber den Forderungen der göttlichen Heiligkeit und Gerechtigkeit erschütternd herbeigeführt. Die gesetzeseifrigsten und peinlich frömmsten Menschen sind durch das Gesetz als die erbittertsten Feinde Gottes erwiesen worden, da sie den Herrn der Herrlichkeit, den Fürsten des Lebens, den Heiligen und Gerechten nach dem Gesetz und durch das Gesetz zum schmachvollsten, fluchwürdigen Tode verdammt haben. Nie wieder wird nun von Gottes Seite der Versuch gemacht werden, der Menschheit den Weg des Gesetzesgehorsams als den Weg des Lebens zu empfehlen.
Nein, und tausendmal nein, gefordert wird hier nichts, als nur das eine, daß man alle und jede Bemühung und Bestrebung, selbst vor Gott etwas leisten und fertigbringen zu wollen, als einen Raub an der Ehre dessen verurteilt, der am verfluchten Holz gehangen und durch Seinen Tod all unsre Schmach und Schande auf Sich genommen hat. Er hat unsere Sünden ein für allemal hinweggetragen, alle Schuld getilgt und uns restlos allein für Sich und für Gott erkauft und erworben. In Ihm erfunden werden, das ist alles, was hier vorausgesetzt wird.
Aber was heißt denn das? Und wie macht man das? Wie kann denn ein verlorener, sündiger Mensch auf dieser armen Erde, rings umgeben nicht nur mit Schwachheit, sondern in seinem ganzen Naturwesen verderbt und von Haus aus unter die Sünde verkauft, wie kann er zu einer Stellung in Christo Jesu gelangen? Ist da Gott nicht doch ein harter Mann, der Unerschwingliches erwartet und voraussetzt? Das wäre allerdings der Fall, wenn Gott von uns verlangen wollte, daß wir sollten hinauf gen Himmel fahren, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Aber dem ist nicht so. Vielmehr erklärt die Schrift in bündigen, klaren Worten, nicht allein daß Christus um unserer Sünde willen gestorben und um unserer Gerechtigkeit willen auferweckt worden sei, sondern sie geht noch viel, viel weiter und tut uns kund, daß wir mit Christus gekreuzigt seien, mit Ihm zu gleichem Tode gepflanzt, damit wir auch Seiner Auferstehung gleich seien (Röm. 6, 5). Damit ist uns der Weg gewiesen, der nicht nur bis zum Kreuze oder unter das Kreuz führt, wie man gern in frommen Liedern singt, sondern er führt unerbittlich an das verfluchte Holz. Dort ist uns in Ihm unser Recht geschehen, dort sind wir verurteilt, gerichtet, abgetan worden ein für allemal. Das ist das gewaltige Argument unseres Apostels im sechsten Kapitel dieses Briefes: “Wir wissen, daß unser alter Mensch mitgekreuzigt wurde, auf daß der Leib der Sünde abgetan sei, so daß wir der Sünde nicht mehr dienen; denn wer der Sünde abgestorben ist, der ist von ihr gerechtfertigt (freigesprochen)” (Röm. 6, 6.7). Wer nur erkennt und bezeugt, daß Christus für uns, an unserer Statt gestorben sei, der bleibt auf halbem Wege stehen. Es gilt im Gehorsam des Glaubens voll und ganz damit Ernst zu machen, daß wir mit Christus der Sünde gestorben sind, daß uns in Ihm die Welt gekreuzigt ist und wir der Welt. Da kommt man mit halben Maßregeln nicht durch. Sterben geht aufs Ganze. Und das darauf folgende Auferstehen auch. Halleluja!
Weiter lehrt nun derselbe Apostel: “Uns, die wir tot waren durch die Sünden, hat Gott mit Christo lebendig gemacht, mit Ihm auferweckt und mit Ihm in das Himmlische versetzt” (Eph. 2, 5.6). Darauf fußend bezeugt er den Philippern (3, 20.21): “Unser Bürgerrecht ist im Himmel, von woher wir auch den Herrn Jesum Christum als Retter erwarten, der den Leib unserer Nichtigkeit umgestalten und Seinem Herrlichkeitsleibe gleichgestalten wird.”
So stehen wir bei der Frage “Wie kann ich in Ihm erfunden werden?” nicht vor hohen, unerreichbaren, an unser frommes Streben gerichteten Forderungen, sondern — wie überall, wo es um das wahre Evangelium Gottes geht — vor vollendeten Gottestaten, die alle schon vor Jahrhunderten geschichtliche Wirklichkeit geworden sind und denen von unserer Seite gar nichts mehr hinzuzufügen ist, um sie rechtskräftig und heilswirksam zu machen. Es läuft ja meinem natürlichen Denken und Empfinden sehr zuwider, daß Gott wirklich alles ganz allein bewirkt und vollbracht haben sollte, auch dieses unfaßbare Geheimnis unseres Lebens in Christo und Seines Lebens in uns — denn das beruht auf vollständiger Gegenseitigkeit —; es beugt meinen Stolz, mein frommes Selbstbewußtsein tief hinab in den Staub; ich komme dabei gar nicht auf meine Rechnung. Aber das ist es ja gerade, was Gott will, daß sich vor Ihm kein Fleisch rühme. Er allein will und muß die ganze Ehre, den unverkürzten Ruhm haben. Und wenn ich mich recht besinne, ist es ja auch so allein am besten. Denn wenn irgendeine noch so bescheidene Mitwirkung von meiner Seite erforderlich wäre zum Zustandekommen dieses wunderbaren Verhältnisses: “Christus in uns und wir in Ihm”, dann stünde die ganze Sache ja doch wieder in Frage, und von einer wirklichen Ruhe könnte niemals die Rede sein. Man käme aus dem bangen Fragen nie heraus: Habe ich denn auch mein Möglichstes getan, habe ich es an nichts fehlen lassen? Dem hat Gott wirksam und für immer vorgebeugt. Dafür sei Ihm in Ewigkeit Dank und Anbetung gebracht.
2. Zweierlei Gesetz
“Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christo Jesu hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.” (Röm. 8, 2)
In den nun folgenden Worten begründet der Apostel die kostbare Tatsache, daß es keine Verdammnis gibt für die, welche in Christo Jesu sind. Er redet die Sprache des Gesetzeskundigen, wie er denn auch solche unter seinen Lesern weiß (Kap. 7, 1). Und zwar spricht er zunächst von zweierlei Gesetz, die in einem wunderbaren Gegensatz zueinander stehen. Auf der einen Seite das Gesetz des Lebensgeistes in Christo Jesu, erlösend, befreiend, beseligend, umgestaltend zur Gottähnlichkeit. Auf der andere Seite das Gesetz der Sünde und des Todes in unseren Gliedern, dessen schmachvolle, erniedrigende, tötende Macht uns allen schmerzlich genug bewußt ist, soweit wir wirklich neue Kreaturen geworden und den alten Menschen abgelegt haben.
Daß Paulus von einem Gesetz des Lebensgeistes reden darf, ist für uns eine Quelle unbeschreiblichen Trostes, ein unerschütterlicher Grund für unsere frohe Zuversicht. Es liegt darin die feste Bürgschaft, daß es sich in diesen Erweisungen unseres lebendigen Herrn nicht um bloße Stimmungen, Gefühle oder Anregungen handelt, die flüchtig und unbeständig sind. Es handelt sich vielmehr um das Festeste und Zuverlässigste im ganzen Bereich göttlicher Allmacht, um das Gesetz, infolge dessen Gott Sein Kind Jesum aus den Toten auferwecken mußte, wenn anders Sein eigener ewiger Liebesrat nicht fehlschlagen und zunichte werden sollte; wenn Er, der Lebendige, nicht die Waffen strecken wollte vor dem, der des Todes Gewalt hatte, dem Teufel. Denn wenn Christus nicht auferweckt ist, dann ist alle Predigt vergeblich und eitel, dann ist auch unser Glaube vergeblich, dann sind wir noch in unseren Sünden. So gewiß Christus sterben mußte um unserer Sünden willen, so unmöglich war es, daß Er vom Tode sollte festgehalten werden.
So gibt es für das Heilswalten unseres Gottes allerdings ein Gesetz des Geistes des Lebens, dem Er sich niemals entzieht, sondern das unfehlbar in Wirkung bleibt bis an das Ende der Weltzeiten. Denn es ist das Gesetz Seines eigenen unvergänglichen Wesens. Denn Gott ist Geist. Nach diesem Gesetz läßt Er alle, die Ihm vertrauen, niemals im Tode und Todeswesen stecken. Er kann und darf sich ihnen ebensowenig entziehen, wie Er den Sohn, der Ihm vertraut hatte bis in den Tod, im Tode steckenlassen konnte.
Damit hat Gott einen ganz neuen Rechtsboden geschaffen für alle Erweisungen Seiner Gnade, Liebe und Huld an allen denen, die mit Christo gestorben und auferweckt sind. In Seinem lebendigmachenden Geiste selbst ist die herrliche Proklamation unserer Verdammungslosigkeit in Christo Jesu begründet und verankert. Gottes eigenes Sein und Leben ist es, das die erfolgreiche Durchführung Seines Heilswerkes in den Glaubenden gewährleistet, die wahrhaftig in Christo Jesu sind und mit Paulus sagen können: “Ich lebe, aber doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir” (Gal. 2, 20). Über ein solches Gesetz, an das wir unseren großen, herrlichen Gott gebunden wissen, dürfen wir nur jauchzen und anbeten. Wem das köstliche Geheimnis dieses Lebensgesetzes aufgegangen ist, der seufzt und jammert nicht länger, weder unter dem schmachvollen Joch seiner eigenen Lüste, Triebe und Begierden — dem Gesetz der Sünde und des Todes in seinen Gliedern — noch unter dem Gesetz der Gebote in Satzungen und unerreichbaren Forderungen, das nur verdammen, nimmermehr aber befreien und retten kann.
Denn eben jenes Gesetz des Lebensgeistes in Christo Jesu hat die unbeschreiblich kostbare Wirkung, uns als Gläubige der sklavischen Gewalt und Tyrannei des in unseren Gliedern wirksamen Gesetzes der Sünde und des Todes zu entheben und uns die herrliche Freiheit von echten Söhnen Gottes zu erwirken. Keine irdische Macht, keine Religion, keine Morallehre, keine noch so entschiedenen Vorsätze oder Gelöbnisse sind imstande, irgendeinen Menschen wahrhaftig und dauernd frei zu machen von dem Gesetz des radikalen Bösen in unserem Naturwesen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch und verwandelt sich niemals in Geist.
Auf der andern Seite liegen die Dinge auch wieder nicht so, daß jede Spur meines eigenen Wesens nun gänzlich aus meiner Persönlichkeit verschwunden sei und ich einen persönlichen Stand der Heiligung erreichen könne, bei dem selbst von Versuchlichkeit kaum noch die Rede sei. Wohl hätte unser Gott ohne Zweifel in unserem Wesen in einer so radikalen Weise wirklich aufräumen können, daß jede leise Neigung, jeder kleinste Hang zur Ungöttlichkeit, zur Eigenliebe, zur feinsten Selbstsucht spurlos verschwunden wäre. Auch ist einleuchtend, daß sich unser Gott damit die Arbeit an Seinen Kindern um ein Bedeutendes erleichtert haben würde. Aber bei nüchternem Nachdenken erkennen wir, daß das Werk der errettenden und bewahrenden Gnade Gottes wahrlich an Großartigkeit und Herrlichkeit nichts verliert, wenn wir dem Gesetz des Lebensgeistes in uns das unbedingte Zutrauen schenken, daß es auch unter den größten Schwierigkeiten meines Innenlebens — bei stets vorhandenem Hang, den Irrweg zu gehen und von Gott abzuweichen, dem Fleische wieder Raum zu geben, lau und träge zu werden im Nachjagen der himmlischen Berufung Gottes in Christo Jesu — mit all den bösen Trieben und fleischlichen Neigungen restlos fertig wird bis zur Vollendung des angefangenen Werkes, wenn wir nur im Glauben wandeln und nicht im Gefühl oder im Bewußtsein erlangter hoher Heiligkeit.
Worin besteht nun dieses Befreitsein von dem Gesetz der Sünde und des Todes in meinen Gliedern?
Die Antwort wird uns wesentlich dadurch erleichtert, daß im gleichen Zusammenhang nicht nur die Freiheit vom Gesetz der Sünde, sondern auch von dem des Todes ausgesagt ist. Das letztere Gesetz ist uns bekannt aus den Worten des Hebräerbriefes: “Es ist dem Menschen gesetzt, einmal zu sterben, danach aber das Gericht” (9, 27). Niemand in der Christenheit denkt im Ernst daran, daß es von diesem unerbittlichen Gesetz etwa Ausnahmen gäbe. Man ist im Gegenteil so fest davon durchdrungen, daß alle Menschen sterben müssen, daß man für jenes andere Geheimnis der Schrift: “Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden” (1. Kor. 15, 51) kaum mehr Raum hat. Man gilt als unnüchtern, wenn man mit der Möglichkeit rechnet, das tatsächlich erleben zu dürfen. Die uns vorliegenden Worte des Apostels können aber doch gewiß nicht weniger bedeuten als dies, daß für die wahren Söhne Gottes das Sterbenmüssen ebensowenig eine unabwendbare Notwendigkeit ist wie das Sündigenmüssen. Dabei bleiben wir aber sowohl sterbliche wie sündige Menschenkinder, denen beide Möglichkeiten, das Sterben wie das Sündigen, allezeit gegenwärtig sind.
Nun hätte ja unser großer Rettergott — das sei nochmals betont — allen wahrhaft Wiedergeborenen und mit dem Heiligen Geist der Verheißung Versiegelten jeden noch so verborgenen, tiefwurzelnden Hang oder Reiz, je wieder zu sündigen, träge oder säumig zu werden, gründlich bis auf die feinsten Keime oder Spuren aus ihrem Wesen entfernen können, ja, Er hätte uns von Stund an, da wir bewußte Gotteskinder und Erben des ewigen Lebens wurden, auch körperlich unsterblich machen können. Dies hätte, wenn wir einmal “nach menschlicher Weise” davon reden, wie sich Paulus öfter ausdrückt, für unseren großen Retter und Bewahrer tatsächlich eine große Erleichterung bedeutet, uns unter allen Umständen heilig und unsträflich zu bewahren. Und für die Heiligen selbst wäre es ungemein viel leichter, unbefleckt zu bleiben in der bösen und gottentfremdeten Welt um uns her, wenn weder Reiz noch Drohung, weder Versuchung noch Anfechtung in uns irgendeine Resonanz, irgendein noch so schwaches Echo fänden, das darauf antworten könnte oder möchte.
Ebenso wäre es eine höchst erwünschte und ungemein erfreuliche Sache, wenn alle echten Kinder Gottes niemals mehr krank, siech, müde oder matt werden könnten im Dienst ihres herrlichen Herrn. Was könnte man da für Ihn und Seine Sache leisten, und welch gewaltigen Eindruck würde es doch machen, wenn man uns Gläubigen weder mit Feuer noch Schwert noch mit irgendeiner anderen Art leiblicher Schädigung beikommen könnte!
Es ist so gut zu verstehen, daß entschiedene, der Heiligung mit Ernst nachjagende Kinder Gottes sich nach einem dauernden Zustand untadeliger Heiligkeit, die durch keinen Rückfall mehr getrübt werden kann, aus tiefstem Herzen sehnen. Solche Kinder Gottes mögen durchaus die Ehre und den Ruhm unseres herrlichen Herrn im Himmel im Auge haben, wenn sie so weit gehen, Ihm nicht nur das Vermögen, sondern auch die Absicht zuzusprechen, alle Seine Kinder zu einem solchen Zustand ungetrübter Heiligkeit in Wort und Wandel hinanzubringen, daß alles Sündigen bei ihnen ganz und gar ausgeschaltet wäre, so daß sie nicht nur nicht mehr sündigen müßten, sondern auch gar keinen Reiz oder Trieb oder Hang dazu mehr empfänden, d. h. tatsächlich ein Leben ohne Sünde führen könnten.
Bei ruhiger, nüchterner Überlegung wird sich indessen jedes einsichtige Kind Gottes sagen müssen, daß die Herablassung des Heiligen Geistes, des Geistes der Gnade und Herrlichkeit, uns allerdings unbeschreiblich viel anbetungswürdiger wird, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß dieser Geist es nicht verschmäht, sterbliche, dem Siechtum und der Hinfälligkeit sowie der Torheit und Trägheit beständig ausgesetzte Leiber erlöster Menschen in Christo als Seine Tempel zu bewohnen. Er selbst, der Herr, der lebendig machende Geist, unternimmt es, in Gefährdeten, Versuchlichen und Sündigen persönlich gegenwärtig zu sein, sie allezeit in Seiner Zucht zu halten und sie ohne Zuhilfenahme des Gesetzes, allein durch Gnade und Wahrheit, die köstliche Freiheit von dem Gesetz der Sünde und des Todes in ihren Gliedern erleben zu lassen.
3. Nicht Sinai, sondern Golgatha!
“Denn was das Gesetz kraftlos machte — indem es geschwächt wurde durch das Fleisch —, das hat Gott verdammt, nämlich die Sünde im Fleisch, indem Er Seinen Sohn sandte in der Ähnlichkeit des sündlichen Fleisches und um der Sünde willen, auf daß die vom Gesetz erforderte Gerechtigkeit in uns erfüllt würde, die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist.” (Röm. 8, 3.4)
In diesen Worten setzt sich nun der Apostel ganz offen auseinander mit dem heiligen, gerechten und guten Gesetz, das in Geboten bestand und in dessen erzieherische Vorschule Jehova Sein auserwähltes Volk Israel genommen hatte. Dabei spricht er ohne jedes Bedenken von vornherein das Urteil aus: “kraftlos”. Das bedeutet: jeder Versuch, durch das Gesetz frei zu werden von dem Gesetz der Sünde und des Todes, muß schlechthin fehlschlagen. Nicht weil das Gesetz an sich untauglich oder schädlich gewesen wäre, sondern wegen des völligen Unvermögens unserer fleischlichen Art, Ihm und Seinen Forderungen jemals Genüge zu leisten. Wohin es führt, wenn ein Gläubiger neben Christo auch noch Mose in Anspruch zu nehmen sucht, um sein Heil auszuwirken, zeigt in ergreifender Weise das siebte Kapitel unseres Briefes. Eine der häufigsten Ursachen eines unfreien, geknechteten (und dann auch zur Knechtung anderer geneigten) Christenlebens ist der unheilvolle Wahn, man tue Gott und Menschen einen besonderen Dienst mit der ausgiebigen Verwendung des Gesetzes im praktischen Leben, teils um eine tiefe und gründliche Sündenerkenntnis zu wecken und zu pflegen, teils um am Gesetz eine Stütze und einen Halt zu gewinnen gegenüber Versuchung zur Sünde. Demgegenüber gilt, daß Golgatha eine viel tiefere und wirksamere Erkenntnis der Sündhaftigkeit der Sünde bewirkt, als es Sinai je tun konnte und sollte, und daß Mose von der Herrlichkeit der Freiheit der Söhne Gottes gar nichts weiß. Hagar kann nur zur Knechtschaft gebären (Gal. 4, 21-31). Damit werden weder Mose noch Hagar als solche verworfen, wohl aber wird ihnen jede Berechtigung abgesprochen, neben Christus Gehilfen unserer Freiheit zu werden. Wer sich noch frommer Handlungen, wie sie das Gesetz vorschreibt, bedienen will, um sein Heil zu schaffen und auszuwirken, der begeht einen Raub an der Ehre unseres herrlichen Herrn, des “lebendig machenden Geistes” in uns. Es ist eitel Torheit, wenn wir wieder mit Vorschriften, Satzungen, Gelübden und allerlei frommen Werken hantieren wollen, denen wir ebenso wirksam abgestorben sind, als wir dem Gesetz der Sünde mit Christo gekreuzigt wurden. Leider sind Kirchen und Gemeinschaften weithin voll von “Ismaels”, d. h. von Söhnen Hagars, die sich nie zur Freiheit von Söhnen bringen lassen, weil sie ohne Gesetz meinen nicht fertig werden zu können.
Das eigentliche Evangelium — so betont nun der Apostel mit Nachdruck — ist deshalb nicht eine menschliche Religion besonderer Gattung, sondern eine einfache, aber wirkungsvolle Tat Gottes. Wem dieses große und doch so schlichte Geheimnis einmal aufgegangen ist, der kann jauchzen, dem fällt es wie Schuppen von den Augen, der schämt sich wie ein Schulbub, der seine Aufgaben nicht gelernt hat, daß er seinem großen Rettergott je so töricht im Wege gestanden und sich selbst im Licht. Ist das Evangelium von unserer Sohnschaft Gottestat, dann ist es die Summe menschlicher Vermessenheit, Ihm dabei helfen zu wollen oder auch nur das geringste beitragen zu wollen, wenn auch nur in Form von guten Vorsätzen oder aufrichtigen Entschlüssen. Wenn die Sünde im Fleisch endgültig verdammt worden ist in und mit dem Verfluchten auf Golgatha, dann bedarf es keiner Kasteiungen oder anderer frommer Übungen mehr, um das dort vollzogene Urteil Gottes rechtskräftig und wirksam zu machen. Das Werk ist in jeder Hinsicht vollbracht. Dabei muß es bleiben. Und mir bleibt gar nichts übrig, als mich in tiefer Demut und Dankbarkeit unter diese vollendete Gottestat zu beugen und Gott allein recht haben zu lassen, unbekümmert darum, was aus meiner bisherigen Religion oder Frömmigkeit werden mag. Ist das Opfer Christi auf Golgatha meinem Gott genug, dann auch mir; wozu soll ich dann noch mit meinem längst gerichteten und abgetanen alten Menschen rechnen, als hätte ich ihn erst unterzukriegen und ihn jeden Tag aufs neue wieder totzuschlagen. Ich habe nur noch mit dem Auferstandenen und Ewiglebenden zu rechnen, und die Rechnung wird jedesmal stimmen und nie einen Fehlbetrag ergeben.
Das alles aber hat Gott so eingerichtet, auf daß die ursprünglich im Gesetz Gottes klar und präzise aufgestellten Forderungen restlos erfüllt werden. Die herrliche Freiheit vom Gesetz der Sünde und des Todes bedeutet also niemals Zuchtlosigkeit oder ein Sich-gehen-Lassen dem Fleische nach, sondern die allen Menschen erschienene heilbringende Gnade nimmt uns in ihre Zucht zur Verleugnung des (eigenen) ungöttlichen Wesens und der weltlichen Lüste, so daß wir besonnen, gerecht und gottselig leben in dieser Welt und erwarten die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Retters Jesu Christi, nicht als fromme Schwärmer, Träumer und Schwätzer, sondern als Erlöste von aller Ungerechtigkeit und als Befreite und Leibeigne Gottes (Tit. 2, 12).
So und nie anders kommt die tadellose Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes voll und ganz zu ihrem Recht. So allein werden ihre unantastbaren Forderungen: Gott über alles zu lieben und den Nächsten wie sich selbst, restlos in uns — aber nicht von uns als eigene fromme Leistung — erfüllt werden, die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist.
4. Die Gesinnung des Fleisches
“Denn die nach dem Fleisch sind, sinnen auf das, was des Fleisches ist, die aber nach dem Geiste sind, auf das, was des Geistes ist. Denn die Gesinnung des Fleisches ist der Tod, die Gesinnung des Geistes aber Leben und Friede. Ist doch die Gesinnung des Fleisches Feindschaft wider Gott, denn sie ist dem Gesetze Gottes nicht untertan, sie kann auch nicht. Die aber im Fleische sind, vermögen Gott nicht zu gefallen.” (Röm. 8, 5-8)
Den besten und zuverlässigsten Schlüssel zum richtigen Verständnis dessen, was unser Apostel unter “Fleisch” verstanden haben will, gibt uns das Wort des Herrn Jesu an Nikodemus (Joh. 3, 6): “Was aus dem Fleisch geboren wird, das ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren wird, das ist Geist.” Paulus führt überall in unserem Zusammenhang diesen grundsätzlichen Gegensatz mit großer Klarheit, Schärfe und Bestimmtheit durch. Es wird streng geschieden zwischen dem, was von unten her, und dem, was von oben her geboren ist und stammt. Dabei tun wir wohl, dessen eingedenk zu bleiben, daß es auf dem Boden dieser alten Schöpfung — der auch wir als Wiedergeborene dem Fleische nach immer noch angehören — eine reiche Abstufung und Mannigfaltigkeit in den Erscheinungsformen des “Fleisches” gibt, die uns aber nie dahin bringen darf, den fundamentalen Gegensatz zwischen Fleisch und Geist abzuschwächen oder gar auszuwischen. Die uns umgebende niedere Schöpfung liefert uns dazu eine Fülle von treffenden Illustrationen (vgl. auch 1. Kor. 15, 39).
So kennen wir bei den Menschen ganz rohes, schmutziges, ekelhaftes Hunde- und Schweinefleisch. Wir kennen schillerndes, verlockendes, bezauberndes Schlangen- und Reptilienfleisch. Wir kennen aber auch feines, edelblütiges, wohlerzogenes, hochherzig und großzügig veranlagtes Helden und Riesenfleisch, das zu imponieren versteht, aber unter Umständen auch schonungslos niedertreten kann, was sich ihm in den Weg zu stellen wagt. Auch an zartestem, liebenswürdigstem, gebildetem, künstlerisch und ästhetisch begabtem, mit poetischen Schwingen und hohem sittlichen Streben verbundenem Tauben- und Adlerfleisch ist kein Mangel. Ganz zu schweigen von einer großen Auswahl entschieden religiös gerichteten “frommen” Fleisches, das unsre Klöster und andere fromme Anstalten und Einrichtungen teils mit, teils ohne fromme Uniform füllt, das die Kanzel und die fromme Rednerbühne besteigt, Theologie studiert und amtlich patentiert und ordiniert wird. Aber bei allem hohen Schwung und Auftrieb ist und bleibt es — Fleisch, das niemals die Himmelssonne erreicht, so nahe es ihr zu kommen trachtet. Es muß stets wieder zur Erde hinab, denn es stammt von unten her und hat hier unten sein Nest und sein Wesen.
Welche von diesen verschiedenartigen Formen des Fleisches die verführerischste und gefährlichste sei, ist einem erleuchteten Menschen Gottes keine offene Frage. Der Meister erklärte bereits, daß die Zöllner und Huren eher in das Reich Gottes eingehen würden als die hochangesehenen Vertreter des frömmsten Fleisches, das wohl die Erde je getragen hat und trägt.
So verstehen wir Paulus nun auch, wenn er fortfährt zu lehren, daß, die nach dem Fleische sind, auch fleischlich gerichtet oder gesinnt seien. Das sind sie nach dem unentrinnbaren Gesetz ihres eigenen Wesens, von dem ein Mensch nun einmal nie loskommen kann, bis er unter die Herrschaft des Gesetzes des Lebensgeistes in Christo Jesu kommt. Eher verliert ein Pardel seine Flecken, ein Mohr die Schwärze seiner Haut, als ein vom Fleisch Geborener die fleischliche, d. h. auf sich selbst eingestellte Gesinnung und Richtung.
Diese Gesinnung des Fleisches bedeutet den Tod, und nur die Gesinnung, die vom Geiste Gottes in uns gezeugt und gewirkt wird, Leben und Frieden. So wird ja auch der wahre Wert all unserer Handlungen, seien sie nun religiöser oder allgemein menschlicher und irdischer Art, bedeutend oder unbedeutend, kostbar oder ganz schlicht, niemals durch die geschehene Leistung als solche an sich bestimmt, sondern ausschließlich durch die dabei herrschende Gesinnung des Herzens. So kann es geschehen und geschieht oft genug, daß dieselben Opfer, Geschenke und Gaben zu edlen, göttlichen Zwecken in dem einen Falle Gott geradezu ein Greuel sind, in dem andern, wo sie aus dem Geist entspringen, Ihm ein süßer Geruch, ein angenehmes Opfer.
Hier Leben und Friede, dort der Tod. Gewaltigere, ausschließlichere Gegensätze gibt es nicht. Da ist Halbheit und Mischung ausgeschlossen. Entweder ist mein eigenes Wesen, ungebrochen, unerneuert, wenn auch gebildet, religiös, edel, liebenswürdig und fromm, Kern und Inhalt meiner Gesinnung, dem ich nie das Urteil der Verneinung und schlechthinnigen Verleugnung gesprochen habe, — oder aber ich weiß mich gefangengenommen und bezwungen von der selbstlosen, hingebenden Liebe des Geistes, der nie das Seine sucht, sondern nur das, was Christi Jesu ist. Ein Zwischending kann und darf es nicht geben. Das wäre Seelenmarter und Zerrissenheit. “Ihr könnt nicht zwei Herren dienen.” Entweder — oder, so muß es lauten und gelten.
Die Gesinnung des Fleisches — fährt der Apostel fort — ist Feindschaft wider Gott. Mit welch erschütternder Deutlichkeit ist das doch hervorgetreten in den Tagen des Messias in Knechtsgestalt, als nicht etwa die sogenannten niederen Schichten und Klassen des jüdischen Volkes Seine bittersten Feinde waren, sondern gerade die wegen ihrer beispielhaften Frömmigkeit und religiösen Strenge so hoch angesehenen Führer und Lehrer des Volkes Israel! Weder Herodes, der feingebildete Träger der griechischen Geisteskultur, noch Pontius Pilatus, der Vertreter des gewaltigsten Rechts- und Militärstaates, den die Welt hervorgebracht, waren von so tödlichem Haß gegen den Nazarener beseelt wie die frommen Hohenpriester und Schriftgelehrten jener Tage. Und so geschah das Ergreifendste, das die Geschichte kennt, daß die Verteidiger und verordneten Diener der Religion das im Fleisch erschienene Wort des Lebens, das von Anfang bei Gott war, hinausstießen und dem Tode überantworteten. Feindschaft wider Gott. Mit welcher Treffsicherheit die Schrift doch überall redet! Ihr Urteil ist gerecht. Wohl dem, der sich ihm bedingungslos unterwirft und sich davon durchrichten und wiederherrichten läßt.
Der Tatbeweis ist im großartigsten Maß vollbracht, daß die Gesinnung auch des frömmsten Fleisches Feindschaft wider Gott ist und dem Gesetz Gottes nicht untertan zu sein vermag. Das fromme Fleisch hat seinen eigenen Bankrott nie und nirgends deutlicher erklärt als auf Golgatha, wo es den Fürsten des Lebens nach dem Gesetz und durch das Gesetz zum Tode bringen ließ, aber zuvor bat, daß man ihm den Mörder schenke. Den hat es dann auch bekommen, bis auf den heutigen Tag, da der Mörder von Anfang die ganze fromme, kulturstolze und bildungstrunkene Völkerwelt mit wahnwitzigster Verblendung geißelt und blutig peitscht.
Die im Fleische sind, können Gott nicht gefallen. Nicht an der edelsten Kultur, nicht an den allerhöchsten Errungenschaften menschlichen Geistes und menschlichen Fleißes und Strebens, sich die Welt und Schöpfung untertan zu machen, kann Gott Gefallen haben. Wann wird man im Ernst darangehen, diese “fremden Götter” von sich zu tun und sich allein, voll und ganz wieder auf den allein wahren und lebendigen Gott zu besinnen und sich Ihm zu beugen und zu gehorchen?
5. Hast du Christi Geist?
“Ihr aber seid nicht im Fleische, sondern im Geiste, wenn anders Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht Sein.” (Röm. 8, 9)
Allen denen gilt dieses Wort, die in Christo Jesu sind, allen, die nach Römer 6 dafür halten, daß unser alter Mensch in und mit Christo gekreuzigt, abgetan, hingerichtet wurde, daß wir der Sünde gestorben sind und leben Gott in Christo Jesu, der das Gesetz Seines eigenen Lebensgeistes in uns zur vollen und immer volleren Geltung bringt. Dabei bleiben wir sündige, der Versuchung, dem Irrtum, der Unwissenheit, der geistlichen Trägheit und Schläfrigkeit ausgesetzte, fehlbare Geschöpfe, in deren eigenem, wenn auch noch so wohl erzogenem, noch so christlich durchzogenem Wesen nichts Gutes wohnt, die getrennt von Ihm nichts, gar nichts vermögen, was Gott gefallen könnte. Aber mit Paulus können sie sprechen: “Ich lebe aber, doch nun nicht ich, Christus lebt in mir” (Gal. 2, 20). Darum sind sie im Geiste; denn gerade darin äußern sich die Lichts- und Kraftwirkungen des Heiligen Geistes, der uns als Gläubigen gegeben wird, daß wir die eigene Nichtigkeit, den vollständigen eigenen Bankrott und Tod in Sünden erkennen und anerkennen. Insofern ist bei ihnen das Alte vergangen, und alles ist neu geworden. Das Leben hat einen neuen Inhalt, eine ganz neue Füllung und Bedeutung gewonnen. Es ist nicht mehr mein Leben, sondern Sein Auferstehungsleben, das ich noch lebe im Fleisch, d. h. in meiner natürlichen, sterblichen, hinfälligen Leiblichkeit, die aber nun der Tempel des Heiligen Geistes geworden ist und deren Glieder Christi Glieder geworden sind (1. Kor. 3, 16; 6, 15).
Die ganz selbstverständliche Voraussetzung dazu lautet: “wenn anders Gottes Geist in euch wohnt”. Paulus kennt und nennt keine anderen Kinder Gottes, als solche, in denen der Geist Gottes Wohnung genommen und sie zu einer Behausung Gottes im Geiste gemacht hat. Darin liegt auch das Geheimnis der höchsten Weihe aller noch so natürlichen und einfachen alltäglichen Geschäfte des Lebens, wie Essen oder Trinken oder die gewöhnlichsten Arbeiten und Betätigungen der Organe nach Gottes Willen. Darum gibt es für die echten Söhne Gottes auf Erden den künstlichfrommen Unterschied zwischen heiligen und profanen Handlungen oder Werken und Beschäftigungen nicht mehr. Ebensowenig wie einen grundsätzlichen Unterschied zwischen heiligen und gewöhnlichen Tagen und Zeiten. Denn alle meine Tage und alle meine Stunden, sei es wachend oder schlafend, gehören meinem hohen göttlichen Herrn und Gebieter und stehen Ihm allein und voll zur Verfügung. So ist auch Schuhputzen und Stallmisten ebenso “heilig” wie Versammlungen leiten und Predigten halten. Denn alle unsere Dinge geschehen nicht uns noch den Menschen, sondern allein dem herrlichen Herrn. Das ist eines der köstlichsten Stücke der Herrlichkeit der Freiheit der Söhne Gottes. Das ist eine Welt- und Lebensanschauung, die uns über alle Jämmerlichkeiten und Kleinlichkeiten hoch hinaushebt und uns beständig gestattet, himmlische Höhenluft zu atmen und in der beständigen Gegenwart des lebendigen Herrn zu bleiben, Sein Auge und Sein Wohlgefallen auf uns ruhen zu wissen. Das heißt Leben.
Anbetungswürdig und unbegreiflich ist die Langmut und Geduld des Heiligen Geistes angesichts der schnöden Zurücksetzung, der praktischen Verneinung und Verleugnung Seiner persönlichen Gegenwart, die Ihm von den Kindern Gottes selbst geboten wird. Da singt man recht andachtsvoll, besonders wenn das Pfingstfest wieder kommt, den frommen Choral: “O Heil’ger Geist, kehr bei uns ein und laß uns Deine Wohnung sein!” Und das singen nicht etwa vorpfingstliche israelitische Jünger, ehe der Heilige Geist erschienen, sondern das singen christliche Gemeinden und Kreise, die aus der Schrift wissen, daß sie der Tempel des Heiligen Geistes auf Erden sind, daß es eine andere Erklärung und Berechtigung für ihr Vorhandensein überhaupt nicht gibt als die große, kostbare Tatsache, daß sie eine Behausung Gottes im Geiste sind und nicht erst darum zu bitten haben, daß sie es doch werden möchten. Bei einer solch ungläubigen Haltung dem tatsächlich vorhandenen Geiste Gottes gegenüber ist es kein Wunder, daß die Wirkungen und Erweisungen dieses Geistes der Kraft und Herrlichkeit nicht heranreichen an das biblische Maß. Wie groß ist doch die Treue und Beharrlichkeit des Heiligen Geistes, daß Er trotz dieser fortgesetzten scheinfrommen Verneinung Seiner Gegenwart nicht entrostet Seine Behausung verläßt und sich ganz zurückzieht! Aber wie Er dadurch betrübt und gedämpft wird, ist kaum auszudenken.
“Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht Sein.” Mit diesem Wort krönt und beschließt der Apostel diese Darlegung. Für ihn sind nur die wahre Christen, die im bewußten Besitz des Heiligen Geistes sind. Das liegt ja eigentlich schon in dem wunderschönen Namen “Christ”. Denn Christ ist nur die deutsche verkürzte Form des ‘Wortes Christus, d. h. der Gesalbte. Es liegt also dieser überaus zutreffenden Bezeichnung die richtige Erkenntnis zugrunde, daß nur die in Wahrheit Christen sind, die mit dem Heiligen Geist gesalbt sind gleichwie Er, der Gesalbte Gottes. Wie leichtfertig und oberflächlich man heute mit diesem so inhaltsreichen und vielsagenden Namen umgeht, spottet jeder Beschreibung. Was nennt sich nicht alles “Christ” oder “christlich” oder wird ohne Bedenken so genannt! Das Wesen wahren Christseins besteht aber niemals in der Annahme und dem Bekenntnis gewisser Lehrsätze und Formeln, auch nicht in der Befolgung und Erfüllung gewisser christlicher Vorschriften, Verordnungen und Satzungen (die zwar im Rahmen des geschichtlich sich ausgestaltenden Christentums einen gewissen Raum beanspruchen können, aber niemals das Wesen, den eigentlichen Grund und Kern des neuen Gotteslebens ausmachen). Es erschöpft sich auch nicht in tatsächlich gemachten persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen, herrlichen Gebetserhörungen, Erquickungen, Tröstungen und Befreiungen durch die Begegnung mit dem lebendigen Herrn. Sondern es wird allein hieran erkannt: Wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht Sein!
Ist dies die einzig geltende Norm des echten Christseins, dann stellen uns Worte und Verheißungen wie 1. Korinther 15, 23: “Danach die dem Christus angehören, wenn Er wiederkommen wird”, doch sehr ernstlich vor die Frage, ob wir auch berechtigt sind, uns unter die zu zählen, die Ihm angehören. Andernfalls wartet unser eine furchtbare Enttäuschung.
6. Die Bedeutung der Geistesinnewohnung für unsern sterblichen Leib
“Weil aber Christus in euch ist, so ist der Leib tot um der Sünde willen, der Geist aber ist das Leben um der Gerechtigkeit willen. Wenn aber der Geist dessen, der Jesum von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird derselbe, der Christum von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen, um Seines in euch wohnenden Geistes willen.” (Röm. 8, 10.11)
Verschiedener Wendungen und Ausdrücke bedient sich der Apostel in diesem ganzen Zusammenhang, um das Wesentliche und Kennzeichnende des neuen göttlichen Lebens in den Gläubigen zu veranschaulichen und festzustellen. Nach dem Geiste sein, die Gesinnung des Geistes haben, im Geiste sein (V. 5-9a) deckt sich ganz mit dem, was er Vers 9b vom Wohnen des Geistes Gottes in uns und von dem Besitz des Geistes Christi aussagt. Genau dasselbe will er verstanden haben, wenn er nun von dem Christus in uns redet (V. 10) oder wiederum in Vers 11 davon, daß der Geist Gottes, des Vaters der Herrlichkeit, in uns wohne. So steht in siebenfacher Wendung und Beleuchtung vor unserm anbetenden Geist die erhebende Tatsache, daß die Gemeinde der Gläubigen dieses Zeitalters der einzig wahrhaftige Tempel des Heiligen Geistes, die allein von Ihm legitimierte Behausung Gottes im Geiste ist. Nicht himmelanstrebende Dome und Kathedralen, nicht prunkvoll ausgeschmückte Prachtbauten aus Marmor und Edelmetall hat sich der erhöhte Herr, der selbst der lebendig machende Geist ist, zu Seinem bleibenden Aufenthalt, zur eigentlichen Stätte Seiner verborgenen Lebens- und Herrlichkeitsoffenbarung ausersehen, sondern die sterblichen, hinfälligen Leiber sündiger, aber erlöster Menschenkinder. Die haben solchen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwengliche Kraft niemals die eigene, sondern nur Gottes sei. Unsere Leiber sind Tempel des allerhöchsten Gottes. Unsere Glieder Christi Glieder. Alle, auch die gewöhnlichen, alltäglichen Funktionen unseres Leibes wie Essen und Trinken — heilige Handlungen. Die allerniedrigste Tätigkeit, im Geiste Christi ausgeführt — ein wahrhaftiger Gottesdienst. Die bescheidenste, unscheinbarste Lebensstellung, und wäre es Sklavendienst oder Leibeigenschaft, geadelt und mit priesterlichem Schmuck geziert: Heilig dem Herrn! Was in der früheren Haushaltung Gottes unter dem Gesetz Empörung und Auflehnung, Vermessenheit und Raub am Heiligtum war (4. Mose 16, 3 ff.), das ist für die ganze Gemeinde der Heiligen heute das Normale und Gottgewollte. Alle die bedrückenden, die Gewissen bindenden und knechtenden Vorstellungen und Verordnungen, Unterscheidungen und Abstufungen zwischen “Geistlichen” (o daß sie es alle wären!) und “Laien”, zwischen heiligen und profanen Handlungen, Tagen, Zeiten und Diensten sind geboren aus dem Abfall von der Einfalt und Lauterkeit des köstlichen Evangeliums von der einen heiligen Gemeinde der Gläubigen, der Fülle des Christus, dem alleinigen Tempel des Geistes der Gnade und Herrlichkeit. Wie tief sind wir in Unfreiheit zurückgesunken! Wie schnöde hat man uns mit List um unser angestammtes Kindesrecht im Hause Gottes gebracht! Man braucht nur in fahrenden Gemeinschaftsblättern von der “brennenden” Abendmahlsfrage zu lesen, um ein Bild von der traurigen Gebundenheit zu bekommen, in der die ernstesten und geheiligtesten Kinder Gottes verstrickt sind. Wagte man es aber, mannhaft mit dem Schwert des Geistes diesen gordischen Knoten zu zerhauen und der Gemeinde Gottes zu erklären: “Warum brecht ihr nicht das Brot und teilt den gesegneten Kelch hin und her in den Häusern, wie es von Anfang an gewesen ist?”, dann bräche der Sturm los von allen Seiten. Die Hüter der kirchlichen “Ordnung” (?), die eifersüchtigen Wächter über die Unverletzlichkeit des “geistlichen Amtes”, sie würden die Lärmposaune blasen durch die Lande und prophezeien, nun ginge alles aus Rand und Band. Und so wird weiter “geamtet” und “verordnet”, und die Hungrigen verschmachten am Wege, und die Herrlichkeit der Freiheit der Söhne Gottes bleibt für Tausende ein schöner Traum, der sich vielleicht im “Jenseits” mal erfüllen wird, — wenn es da nicht auch “verordnete Hüter der Ordnung” gibt! — Auch der namenlos traurige Unfug, die verheerende Versklavung des “Sabbatismus” hätte nie so tief einreißen können, wenn man in Einfalt und Festigkeit in der apostolischen Lehre von Römer 14, 5 geblieben wäre: “Dieser (der gläubige Israelit) achtet einen Tag höher als den andern, jener (der gläubige Nichtjude) hält alle Tage gleich.” Aber da ist man seit Jahrhunderten im Sonntags-Gewissenszwang verstrickt gewesen, und nun kommen die Sabbatisten und wollen uns statt jenes hölzernen das eiserne Joch des Sabbatzwanges auflegen — aus dem Regen in die Traufe! Es wäre komisch, wenn es nicht so traurig wäre.
Doch zurück zu unserem herrlichen Kapitel, das uns die selige Tatsache zeigt, daß der Heilige Geist während dieses ganzen Zeitalters — da Er Christum zu verherrlichen unternommen hat in Seinen Gläubigen — Seine bleibende Wohnung in uns aufgeschlagen hat. Und mit einer uns unfaßlichen Geduld und Langmut trägt Er unzählige Kränkungen, Zurücksetzungen, Hemmungen und Dämpfungen Seiner gesegneten Wirksamkeit, Sünden- und Rückfälle der traurigsten Art — und bleibt wohnen! Wie der Heilige Geist bei bedenklichem, scharf zu rügendem Tiefstand des geistlichen Lebens dennoch in einer Gemeinde fortdauernd innewohnt, offenbart uns sehr anschaulich der erste Korintherbrief. Ich werde nie den tiefen Eindruck vergessen, den die Worte eines gottgeweihten und gesegneten amerikanischen Baptistenpredigers vor 30 Jahren auf mich machten. Es war im engeren Brüderkreis die Rede von den traurigen Zuständen in den Kirchen. Zunehmende Verweltlichung, praktische Zuchtlosigkeit, unverblümter Unglaube manchen Schriftwahrheiten gegenüber, Unversöhnlichkeit, Parteigeist und so vieles andere wurde namhaft gemacht. Und es wurden ernste Stimmen laut, ob es nicht an der Zeit sei, auszuscheiden und ein Neues zu beginnen auf den alten Linien der Schrift — ein vielfach angepriesenes und seit Jahrhunderten immer wieder versuchtes Heilmittel, das sich aber stets nur als Schraube ohne Ende erwiesen hat. Dann sagte jener Bruder: Liebe Brüder, solange es der Heilige Geist in meiner Kirche aushalten kann und sich nicht zurückzieht, kann ich es auch aushalten! Ich denke, der Bruder hatte tiefe Blicke getan in die Liebe des Geistes.
Nun bringt unser Apostel dieses Wohnen des Geistes in den Gläubigen in eine bemerkenswerte Beziehung zu unserer sterblichen Leiblichkeit. Daß alle Gläubigen diese als eine Belastung empfinden, hat seine biblische Richtigkeit (vgl. Röm. 8, 23). Nur dürfen wir wohl auf der Hut sein, daß daraus keine Geringschätzung oder Verachtung der Leiblichkeit entstehe. Dagegen wendet sich der Apostel in 1. Korinther 3, 16.17; 6, 15 und 6, 20 mit deutlichen Worten.
Nach der anderen Seite begegnet er mit den Worten “So ist der Leib tot um der Sünde willen” jeder drohenden Neigung und Gefahr der Überschätzung unserer natürlichen Leiblichkeit oder der Züchtung von “frommem, heiligem” Fleisch. Diese Gefahr ist keineswegs gering. Sie wird außerordentlich begünstigt durch allerlei feierliche und weihevolle Zeremonien bei Ordinationen, Einsegnungen, Einkleidungen in “fromme” Trachten, Ablegung von Gelöbnissen usw., die sich auch in “evangelischen” Kreisen finden. Danebenher geht noch manche unnüchterne, übergeistliche und überstiegene Heiligungsbewegung, die es auf völlige Entsündigung auch des Fleisches, d. h. der angestammten Natur, abgesehen hat.
Dem allem setzt die Schrift das ernüchternde und befreiende “Der Leib ist tot um der Sünde willen” entgegen. Ohne Zweifel besäße unser großer Rettergott die Fähigkeit, schon jetzt bei Seinen Heiligen und Geliebten eine grundlegende Umwandlung ihrer sichtbaren Leiblichkeit zu erwirken und für schlechthin “heiliges Fleisch” zu sorgen. Aber Sein erklärter Wille lautet anders, und es hat sein Bewenden dabei: Der Leib ist eine regelmäßige Beute des Todes, auch bei den Geheiligten, um der in uns wohnenden Sünde willen. Alle frommen Reden, daß der Heilige Geist doch nur in einem Leibestempel wohnen könne, der fleckenlos rein und von jedem Hang und Trieb zur Sünde gründlich befreit und zu mindestens adamitischer, paradiesischer Reinheit und Unschuld zurückgebracht sei, müssen sich von diesem Urteil Gottes richten und abweisen lassen: Der Leib ist tot um der Sünde willen.
“Der Geist aber das Leben um der Gerechtigkeit willen.” Welcher Geist? Doch wohl der in uns wohnende Heilige Geist, der Geist der Kraft, der Liebe und der Zucht, der Geist der Gnade und Herrlichkeit. Er ist Urquell, Wurzel, Trieb und Geheimnis des neuen Auferstehungslebens, in uns gezeugt durch das schöpferische Wort, den Samen der Wiedergeburt.
Und zwar um der Gerechtigkeit willen. Wessen Gerechtigkeit? Gewiß auch unserer Gerechtigkeit, damit sie einen unantastbaren, unzerstörbaren Lebensgrund habe, ganz und gar abgesondert und unabhängig von eigenen guten Werken oder Leistungen. Doch im tiefsten Grunde wohl um der Gerechtigkeit Gottes willen, die ja den Hauptgegenstand dieses ganzen Briefes an die Römer bildet. Gott soll und wird eben darin gerechtfertigt werden, daß Er eben den Herrn Jesum, der durch Totenauferweckung als Sohn Gottes in Kraft erwiesen ist, zum alleinigen Träger und Inhalt des in uns gewirkten neuen Wesens und Lebens setzt, und zwar aufgrund des einigen und vollkommenen Opfers Christi, durch das in Ewigkeit alle Geheiligten vollendet werden. Nur dadurch bleibt Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit auf ewig unantastbar, auch wenn Er fluch- und todeswürdige Geschöpfe zu echten, vollwertigen Söhnen Gottes beruft und einsetzt, d. h. sie wesenhaft eins macht mit Seinem Eingeborenen, dem Abglanz Seiner Herrlichkeit, dem Ebenbild des unsichtbaren Gottes.
Was aber folgert Paulus weiter für unsere sterbliche Leiblichkeit, für die Hütte, die uns so beschwert und seufzen läßt nach Erlösung? So bestimmt und klar er den Leib dem Tode zuspricht, so kühn und zuversichtlich verheißt er ihm unsterbliches, unvergängliches Wesen und Leben aufgrund der wunderbaren Tatsache, daß eben diese hinfällige, sündige, fehlbare Leiblichkeit der erkorene Tempel, die Wohnstätte des Heiligen Geistes ist. Es lassen sich ja größere Gegensätze kaum denken, als der zwischen dem Heiligen Geist der Gnade, Kraft und Herrlichkeit und der von Ihm selbst erwählten Behausung, der staubgeborenen, schmachvollen, von Todeskräften durchsetzten, zerbrechlichen menschlichen Leiblichkeit. Aber unseres großen Gottes Gedanken überragen die unseren wie der Himmel diese Erde. Und die Gottes Geist völlig befriedigende Lösung dieses Gegensatzes ist längst gefunden und gewährleistet. Sie liegt nicht auf der Bahn menschlicher Veredlung und Vervollkommnung, noch auf dem Boden der Selbstkasteiung, Geißelung oder Zerfleischung unseres Fleisch- und Blut-Leibes. Vielmehr: Eben weil dieser Leib dem Tode geweiht und verfallen, darum kann und wird und muß er Gegenstand der leibhaften Auferweckung sein. Wie ja auch das Wort, das da von Anfang war, das bei Gott und Gott war, nur darum Fleisch ward, um gekreuzigt werden, sterben und begraben werden und dann triumphierend auferweckt und zur Rechten Gottes erhöht werden zu können. Das ist Kern und Ziel der ganzen unfaßbaren Herablassung des Geistes der Herrlichkeit, der uns als Wohnung und Tempel nicht verschmäht. Dadurch ist uns auf das festeste verbürgt und gewährleistet, daß auch unsere sterblichen Leiber werden lebendig gemacht werden an jenem Tage, wenn unser mit Christo in Gott verborgenes neues Leben des Geistes hervor- und hindurchbrechen und dieser Leib der Niedrigkeit umgestaltet werden wird in die völlige Übereinstimmung mit Christi eigenem Herrlichkeitsleibe nach der Kraftwirkung, mit der Er alle Dinge, auch Staub und Verwesung, Sich untertan machen kann (Phil. 3, 21).
Es ist wohl auch nicht von ungefähr, daß das Wort hier von “sterblichen”, nicht aber von bereits gestorbenen Leibern redet. Damit soll keinesfalls etwas gegen die Auferweckung auch der wirklich dem Tod und der Verwesung verfallenen Leiber gesagt sein. Wohl aber wird hierdurch der Gedanke an die Verwandlung noch bei Leibesleben (1. Kor. 15, 51) oder des Überkleidetwerdens (2. Kor. 5, 4) in den Vordergrund gerückt, der leider viel zu sehr von den Gläubigen vernachlässigt wird.
7. Nicht fleischgemäß, sondern geistgemäß!
“So sind wir also, ihr Brüder, dem Fleisch nicht schuldig, daß wir leben nach dem Fleisch. Denn wenn ihr nach dem Fleische lebt, so müßt ihr sterben. Wenn ihr aber durch den Geist die Geschäfte des Leibes tötet, so werdet ihr leben.” (Röm. 8, 12.13)
Es wäre eine Verirrung, wollte man aus den Worten des 12. Verses folgern, daß wir als Gläubige und von oben her geborene Gotteskinder dem “Fleisch” gegenüber gar keine Verbindlichkeiten hätten. Denn Vater und Mutter, denen ich nach dem Fleisch mein Dasein auf Erden zu verdanken habe, beanspruchen nach der Schrift meine Dankbarkeit, meinen Gehorsam, meine Ehrfurcht, ganz abgesehen von meiner oder ihrer Stellung zu Christo. Auch ganz ungläubigen und gottfeindlichen Angehörigen darf ein Kind Gottes diese Dinge niemals verweigern. So habe ich auch als eine neue Kreatur in Christo Aufgaben, Pflichten und Verbindlichkeiten gegenüber dem Staat und der weltlichen Obrigkeit, gegenüber meinen Berufsgenossen oder Geschäftsteilhabern, meinen Vorgesetzten oder Untergebenen, meinen rein irdischen oder weltlichen Nachbarn oder Freunden, deren Beziehungen zu mir lediglich dieser Schöpfung, d. h. dem “Fleisch” angehören, Beziehungen, die mit ihrem oder meinem Abscheiden aus dieser Welt für immer abgebrochen sind. So zahlreich, so wirklich und verbindlich aber auch alle diese berechtigten Ansprüche des Fleisches an das Kind Gottes sein mögen, eine deutliche und bestimmte Schranke ist ihnen hier mit fester, sachkundiger Hand gezogen: auch die Mutter, die mich gebar, die Kinder, die mir Gott selbst nach dem Fleisch gegeben, sie dürfen niemals erwarten oder fordern, daß ich um ihretwillen nach dem Fleisch lebe. Da tritt das scharfe, zweischneidige Wort Jesu in Kraft: “Wer nicht hasset Vater, Mutter, Weib und Kinder, Brüder und Schwestern, dazu aber auch seine eigene Seele, der kann nicht mein Jünger sein” (Luk. 14, 26). Wer als teuer erkauftes Eigentum des Herrn sich da zu irgendwelchen Rücksichtnahmen, Kompromissen oder Vermittlungsversuchen bereit findet, tut es allemal auf Kosten seines inneren geistlichen Lebens, Wachstums und Gedeihens. Und schon manches Kind Gottes, das durch fleischliche Nachgiebigkeit gemeint hat, jemand leichter auf die Seite des Herrn ziehen zu können, hat mit bitterer Enttäuschung oft zu spät den fatalen Irrtum erkennen und beklagen müssen, bei dem es selber unberechenbaren Schaden gelitten und der Sache des Herrn keinen Dienst, sondern Abbruch geleistet hat.
Andererseits ist es durchaus nicht “geistlich”, wenn man seinen Standpunkt — oder besser: seine Stellung in und zu Christo — mit herausfordernder Schärfe, Schroffheit und Überheblichkeit verficht. Auch ein mildes, in aller Demut und Sanftmut abgegebenes Zeugnis von der inneren, schlechthinnigen Gebundenheit an den Gekreuzigten und Erhöhten, die jedes Paktieren mit Weltwesen ausschließt, kann bestimmt, mannhaft und entschieden sein.
Das Wort “so müßt ihr sterben” ist weder im körperlichen Sinne gemeint, noch ist darunter ein plötzliches, völliges Erlöschen oder ein absoluter Verlust allen und jeden geistlichen Lebens zu verstehen. Das ergibt sich leicht aus dem parallelen Ausdruck im folgenden Satzglied: “so werdet ihr leben”. Daß hiermit nicht die Neugeburt, die Neuschöpfung nach dem inwendigen Menschen bezeichnet sei, bedarf keines Beweises. Jeder Christ weiß aus eigener, oft schmerzlicher Erfahrung, daß es Unterschiede und bedeutende Abstufungen gibt zwischen “leben” und “leben”. So ist nicht absoluter, plötzlicher Tod, wohl aber ein Herabsinken, ein Verkümmern, ein Versagen im geistlichen Leben die unausbleibliche Folge des Lebens nach dem Fleisch bei einem Kinde Gottes. So mahnt auch der Herr die Gemeinde in Sardes: “Sei wachsam und stärke das übrige, das sterben will” (Offb. 3, 3). Es kann da zu einem solchen Tiefstand des Lebens aus Gott kommen, daß nur durch die allerschärfsten Gerichte wieder neues Leben geweckt werden kann (1. Kor. 5, 5; 1. Tim. 1, 20).
Was wollen uns aber die Worte sagen: “Wenn ihr aber durch den Geist die Geschäfte des Leibes tötet”? Diese wollen jedenfalls das Gegenteil von dem vorher genannten “Leben nach dem Fleisch” ausdrücken. In positiver Form und Fassung dürften sie einfach lauten: so ihr nach dem Geiste lebt. Aber es ist gewiß nicht zufällig, daß der Apostel hier die vorliegende Wendung gebraucht. Sie erinnert uns lebhaft an seine ganz ähnlichen Worte in Kolosser 3, 5: “Tötet nun eure Glieder, die auf Erden sind.” Oder inhaltlich an Römer 6, 13: “Auch stellet nicht eure Glieder der Sünde zu Diensten als Waffen der Ungerechtigkeit.” Oder an die noch vollständigere Gegenüberstellung in Römer 6, 16: “Gleichwie ihr eure Glieder (die Organe des Leibes, die dessen “Geschäfte” besorgen) in den Dienst der Unreinigkeit gestellt habt und der Ungerechtigkeit, um Unrecht zu tun, also stellet auch nun eure Glieder in den Dienst der Gerechtigkeit zur Heiligung.”
Alle diese Weisungen sind bestimmt für solche, die im Gehorsam des Glaubens die kostbare Tatsache apostolischer Belehrung erfaßt haben, daß unser alter Mensch mit Christo gekreuzigt worden ist, auf daß der Leib der Sünde abgetan sei (Röm. 6, 6). Ihnen gilt das Wort: “Ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott” (Kol. 3, 3). Und wiederum: “Haltet euch dafür, daß ihr der Sünde gestorben seid, aber Gott lebet in Christo Jesu, unserm Herrn” (Röm. 6, 11).
Das bewahrt uns davor, den vorliegenden Worten des Apostels etwa den Sinn beizulegen, es sei unsere Sache und Aufgabe, unseren alten Menschen oder die Sünde in uns wirksam zum Tode zu bringen und uns auf diese Weise selbst den Weg zu einem Leben rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit zu bahnen. Nein, tausendmal nein! Allein Christus ist uns von Gott geworden, wie zur Gerechtigkeit, so auch zur Heiligkeit und zur Erlösung (des Leibes) (1. Kor. 1, 30). Darum heißt es hier auch: durch den Geist die Geschäfte des Leibes töten, — nicht durch eigenes noch so heißes Ringen mit dem alten Menschen, mit der innewohnenden Sünde, sei es durch Fasten, Beten oder Kasteien des Fleisches, sondern im Gehorsam des Glaubens, d. h. im Geist und in der Kraft des Auferstandenen, hinwegblickend von uns selbst und nur noch mit den Kräften Seines Todes und Seiner sieghaften Auferstehung rechnend. Das Wort schiebt jedem Versuch einer Selbstheiligung durch fromme Übungen einen Riegel vor. Aber es bedeutet, daß wir mit vollem Bewußtsein und unter schonungslosem Selbstgericht das “Nicht ich” von Galater 2, 20 zur beständigen praktischen Durchführung bringen in der Kraft des in uns wohnenden Geistes Christi, der dazu jedes Vermögen, das Wollen und das Vollbringen darreicht.
8. Die Leitung des Heiligen Geistes
“Denn alle, die sich vom Geiste Gottes leiten lassen, sind Gottes Kinder.” (Röm. 8, 14)
Die hier genannte Geistesleitung macht vielen Kindern Gottes viel zu schaffen. Was versteht wohl hier der Apostel unter dem Sich-vom-Geiste-Gottes-Leitenlassen? Es ist schon lange unsere klare Überzeugung, daß die meisten ernsten Christen darunter etwas ganz anderes verstehen, als was die Worte besagen wollen.
Wenn in gläubigen Kreisen von Geistesleitung die Rede ist, so versteht man darunter im allgemeinen eine bestimmte Fähigkeit und Zuversichtlichkeit bei der Feststellung dessen, was in kritischen und wichtigen Fragen und Aufgaben, Entscheidungen und Entschließungen des Lebens der unzweifelhafte Wille Gottes sei. Nun wollen wir keineswegs bestreiten, daß Kinder Gottes unter allen Umständen und in allen Lebenslagen auf den guten und vollkommenen Willen Gottes achten sollen, ehe sie irgendwelche wichtigen Schritte tun. Ebensowenig stellen wir in Abrede, daß unser Gott vollkommen imstande ist, auch heute noch den Seinen die köstliche Zusage zu halten, die im Psalmbuch verzeichnet steht: “Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du wandeln sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten” (Ps. 32, 8). So empfiehlt auch unser Apostel den Christen zu Rom im 11. Kapitel dieses Briefes (V. 2 und 3), daß sie sich nicht dieser Welt gleichstellen, sondern durch Erneuerung des Sinnes das Vermögen wecken und stärken sollen, zu prüfen, welches der gute, heilige und vollkommene Gotteswille sei. Es geht uns also nicht um die Frage, ob es einem Kinde Gottes möglich sei, den Willen Gottes im Leben klar zu erkennen — daran zweifeln wir nicht. Sondern wir fragen, ob das, was Paulus hier im 14. Vers unseres Kapitels als charakteristisches und sicheres Kennzeichen jedes Gotteskindes herausstellt, sich mit dem deckt, was von so vielen für Geistesleitung angesehen wird, eben das Vermögen, den Willen Gottes in entscheidenden Lebenslagen feststellen zu können. Das möchten wir bestreiten. Und zwar weil der Apostel hier erklärt, daß alle, die sich vom Geiste Gottes leiten lassen, Gottes Kinder seien.
Aus dem soeben angeführten Psalmwort ging doch hervor, daß bereits die Frommen und aufrichtig Gottesfürchtigen des Alten Bundes das Vermögen besaßen, Gottes Willen für ihr Leben zu erkennen. Auf jenem Boden aber gab es noch keine “Kindschaft” im paulinischen Sinne. Alle jene Frommen waren treue und gewissenhafte, ihrem Gott ergebene Knechte, die aber alle noch den “Geist der Furcht” hatten und den “Geist der Kindschaft” gar nicht haben konnten, da Jesus noch nicht verklärt war. Der Sinn unseres Pauluswortes kann also nicht der sein, alle, die im Leben Gottes Willen klar erkennen, seien Söhne Gottes. Sonst hätten alle jene gottesfürchtigen Knechte und Mägde Jehovas echte, aus dem Geiste Christi gezeugte “Söhne Gottes” sein müssen. Denn sie standen unter einer göttlichen, sicheren, nie versagenden Führung. Die aus Ägypten erretteten und mit der Wolken- und Feuersäule geleiteten Kinder Israel hatten weiter nichts zu tun, als jeden Morgen aus der Tür ihrer Hütte zu schauen, um mit absoluter Sicherheit festzustellen, was für den Tag der ihnen von Gott gewiesene Weg war, ob sie lagern oder ziehen sollten, und wohin. War das aber “Geistesleitung” im paulinischen Sinn? Doch wohl gewiß nicht.
Auch die Erfahrung bestätigt diesen unseren Standpunkt. Jeder erfahrene Christ hat in seinem Leben schon ernste, gewissenhafte, fromme und gottesfürchtige Menschen kennengelernt, die in allen Lebenslagen aufrichtig danach trachteten, den guten und vollkommenen Gotteswillen auf ihrer Seite zu haben und in allen wichtigen Entscheidungen ihres alltäglichen Lebens nach bestem Wissen und Gewissen zu tun, sei es in der Familie oder im Geschäftsbetrieb oder in eigener Sache. Aber diesen guten und aufrichtigen Leuten deshalb ohne weiteres den Geist der Sohnschaft zuzusprechen, wäre doch ein sehr gewagtes Unterfangen.
Das sind auch nicht die Leute, die sich dafür ausgeben, daß sie im herkömmlichen Sinne unter “Geistesleitung” ständen. Einen solchen Anspruch zu erheben, liegt ihnen meist ganz fern. Das geschieht aber, bedenklich häufig sogar, von wirklich aus dem Geist gezeugten Kindern Gottes, die daraus etwas Besonderes machen und dafür angesehen sein wollen, daß sie sich in allerlei Fragen, auch in ganz trivialen Kleinigkeiten, direkt und nur vom Heiligen Geist bestimmen und leiten ließen, ja, die daraus gar nicht selten den Anspruch erheben, andern diktieren zu dürfen, was und wie sie handeln sollen. Der Heilige Geist habe es ihnen deutlich offenbart, dies und das sei der Wille Gottes. Auf diesem Gebiet wird in sehr entschiedenen und geheiligten Kreisen ungemein viel Unfug und Mißbrauch getrieben mit dem paulinischen Wort von der Geistesleitung, und hat doch damit gar nichts zu tun. Da wird gar nicht selten das Wort Gottes als eine Art Orakel gebraucht oder vielmehr mißbraucht. Einzelne Sprüche, durchs Los gezogen oder auf sonst rein mechanischem oder eigenwilligem Weg unter die Augen gebracht, sollen in gegebenen Fällen bestimmt den Willen Gottes bedeuten.
Nun soll wieder nicht in Abrede gestellt werden, daß unser großer Gott schon manchmal Seinen einfältigen Kindern auf eine solche Weise mit Bestimmtheit begegnet ist, in richtiger göttlicher Rücksichtnahme auf ihr unentwickeltes und ganz ungeklärtes inneres Erkenntnisvermögen. So finden wir z. B., daß sich die Apostel des Herrn selbst vor Pfingsten des Loses bedienten, um in der Wahl eines Ersatzapostels anstelle des Judas Gottes Willen klar zu erkennen. Das war aber auch das letztemal, daß wir solches von ihnen lesen. Und es ist keineswegs ein Zeichen von sehr gereifter Erkenntnis, wenn man heutzutage in gläubigen Kreisen immer noch auf die alttestamentliche Praxis des Loseziehens zurückgreift. Und doch hat diese Praxis, wie so manche andere, in der ernstesten Christenheit einen solchen Umfang angenommen und ist mit einem solchen Nimbus besonderer Frömmigkeit und Heiligkeit umgeben, daß man fast nicht wagen darf, daran zu rühren, aus Furcht, in den Geruch des Sakrilegiums (Vergehen gegen Heiliges) zu kommen. Wir vermögen aber nichts wider die Wahrheit, sondern nur für die Wahrheit. Und diese weist uns nach unserer tiefsten Überzeugung auf andere und bessere Bahnen.
Niemand ist wohl fester und tiefer überzeugt, als der Schreiber dieser Zeilen, daß unser Gott es auch heute noch meisterhaft versteht, uns in einer so überwältigend klaren und unzweideutigen Art Seinen Willen kundzutun, daß uns gar kein Ausweg bleibt, als entweder allen diesen Winken und Weisungen gehorsam Folge zu leisten oder in bewußter Weise Seine Leitung und Verordnung abzulehnen. Es ist aber seine Erfahrung gewesen, daß es dazu keineswegs aller erdenklichen Anstrengungen oder Bemühungen bedarf, um zur vollen Klarheit zu kommen, sondern nur eines ganz einfältigen Auges, d. h. einer völligen Bereitschaft, sich unter allen Umständen vom Vater weisen und leiten zu lassen, einerlei was es kosten mag. Dann wird man es erleben, daß man keines Loseziehens oder andern Orakelns mit der Bibel bedarf, sondern daß sich alles in der natürlichsten und einfachsten Weise “begibt”. Es handelt sich dabei viel weniger um unser Tun und Bemühen, als um unser Stillwerden vor Ihm, damit Er wirken kann. Sind einmal alle eigenen Wünsche, Pläne, Anschläge und Hoffnungen wirklich mit uns am Kreuz, dann ist die ganze Sache schon erledigt. Es kommt ja auch bei ruhiger Überlegung viel weniger darauf an, daß wir immer das Richtige treffen, als daß wir nie eigene Wege gehen wollen. Unser Erkennen und Urteilen ist und bleibt, auch bei der lautersten Gesinnung des Herzens, stückweise und unvollkommen, beschränkt und ungenügend. Und unser Gott hat uns nirgends verheißen, daß Er uns im Urteil unfehlbar machen und uns unter allen Umständen vor jedem Mißgriff bewahren wolle. Das scheinen aber viele liebe Kinder Gottes für fast ausgemacht zu halten, nach der Hartnäckigkeit zu schließen, mit der sie ihre vermeintlich direkt vom Heiligen Geist erhaltenen Weisungen meinen durchsetzen zu müssen. Manchmal ist es ohne Zweifel sehr gut und heilsam, wenn wir in unserem Urteil ganz gründlich irren; es ist dann der wirksamste Weg unseres Gottes, uns zurechtzubringen.
Doch was ist nun hier in Römer 8, 14 unter Geistesleitung zu verstehen? Die Antwort ist in der Verheißung des Herrn enthalten: “Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, so wird Er euch in die ganze Wahrheit leiten” (Joh. 16, 13). Wenn es doch den Kindern Gottes nur halb soviel darum zu tun wäre, dem Heiligen Geiste hierin freie Bahn zu lassen, wie es ihnen am Herzen liegt, immer korrekt und in Übereinstimmung mit Gottes Willen ihre Lebensangelegenheiten zu ordnen!
Das ist ein sicheres und untrügliches Kennzeichen echter Gotteskindschaft, wenn man sich vom Geist der Wahrheit ohne Rückhalt und Abstriche die ganze herrliche Fülle der Gottesoffenbarung vom Sohne aufschließen läßt und so in die organischen Zusammenhänge der Schrift einen Einblick bekommt, der dann vor aller Enge und Beschränktheit wirksam schützt und die Sorge nur um das eigene Heil unmöglich macht. Heraus aus dem lieben frommen Ich, und hinein in den großen, herrlichen Christus Gottes, der uns als das Haupt über das ganze All gegeben ist (Eph. 1, 22) und nicht nur als unser persönlicher “lieber Heiland”. Wer das eigene Leben sucht, wird es verlieren. Wer es aber verliert um Seinetwillen, der wird es finden. Nicht auf der Linie sorgsamster Pflege des individuellen Heils liegt die christliche Vollendung, das Maß des vollen Wuchses Christi, des vollkommenen Mannes, sondern nur auf den hier vom Apostel gezogenen Linien des einfältigen Sichleitenlassens hinein in die Schätze der in Ihm verborgen liegenden Weisheit und Erkenntnis Gottes. So nur werden wir verklärt in dasselbe Bild von Klarheit zu Klarheit von dem Herrn, dem lebendig machenden Geiste.
Es liegt eine ergreifende Tragik darin, daß man dem Heiligen Geist immer wieder zumutet, daß Er “aus Sich selber reden” soll (Joh. 16, 13), um unsere Urteile und Entschließungen zu beeinflussen, während Er beständig darauf wartet, daß man Ihm doch jede Gelegenheit gebe, uns in das Ganze der geschriebenen Offenbarung hineinzuführen. “Er wird es von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.” Und “das Seinige” sind eben die Schriften, die von Ihm zeugen, vor allem auch das ganze Alte Testament, das von den heutigen Christen so stiefmütterlich behandelt wird. “Denn es muß alles erfüllt werden, was von Ihm geschrieben steht im Gesetz Moses, in den Propheten und den Psalmen”. Glückselig, wer sich so vom Geist in die ganze Wahrheit leiten läßt!
9. Ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen
“Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, daß ihr euch wiederum fürchten müßtet, sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, in welchem wir rufen: Abba, Vater!” (Röm. 8, 15)
Warum glaubt man das so wenig in der gläubigen Gemeinde? Denn wenn man es in Wahrheit glaubte, würde man nicht beständig darauf aus sein, um den Heiligen Geist erst noch zu bitten, statt einfach mit Seiner Gegenwart und Innewohnung bei uns zu rechnen. Es kann aber kein echtes, wirkliches Christusleben in uns geben ohne durch den in uns wohnenden Heiligen Geist. Denn “wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht Sein”. Ist doch die ganze Gemeinde der Gläubigen und Heiligen auf der Erde weiter nichts als der zweite Band des Lebens unseres herrlichen Herrn im Himmel, da wir allesamt Glieder Seines Leibes sind. Und es ist ganz ungebührlich, um nicht einen schärferen Ausdruck zu gebrauchen, wenn aus der Mitte eben dieser von dem lebendig machenden Geiste, Christus, bewohnten und getragenen Gemeinde heraus der Heilige Geist mit Bitten bestürmt wird, Er solle doch kommen und Einkehr bei uns halten, da doch unser ganzes Dasein und Leben ein einziger Beweis dafür ist, daß der Heilige Geist wahrhaftig hier ist. Daß Er längst nicht in der Weise wirksam sein und Seine herrliche Tätigkeit unter uns entfalten kann, wie Er möchte, muß ja zugestanden werden. Aber das Hindernis liegt wahrlich nicht darin, daß Er überhaupt erst kommen müßte, sondern in unserer ungläubigen Haltung gegenüber Seiner unbestreitbaren Gegenwart. Da ist wahrlich tiefe Beugung und gründliche Umkehr am Platz und eine ausgesprochene Absage an all die ungläubigen Lieder und Reden, Gebete und Predigten, die es den Gläubigen in den Mund legen, um das Kommen des Heiligen Geistes zu beten, durch den sie ja schon längst “Abba, Vater” sagen gelernt haben.
Klar und kräftig kommt in dieser Aussage des Apostels der gewaltige Abstand und Gegensatz zum Ausdruck zwischen dem Dienst des Buchstabens und dem des Geistes, um es mit den Worten von 2. Korinther 3 zu sagen. Leider findet man vielfach bei wirklich Gläubigen noch die starke Neigung — wie bei den galatischen Christen der ersten Zeit —, wieder mit Gesetzeswerken umzugehen. Das hat seine Erklärung zum Teil darin, daß man aus der neutestamentlichen Gemeinde nur eine neue Auflage des Volkes Israel zu prägen versucht hat. Dieser Zauber der Gesetzlichkeit ist ein gar mächtiger, zumal er in dem natürlichen Streben unseres eigenen Ichs, etwas zu gelten und zu leisten, eine mächtige Stütze findet. Da gilt es sehr auf der Hut zu sein und sich nicht wieder in ein Joch der Knechtschaft spannen zu lassen, sondern zu bestehen in der uns um einen so teuren Preis erkauften Herrlichkeit der Freiheit der Kinder Gottes. Frei vom Gesetz, frei von dem Geist der Knechtschaft und der Furcht! Denn Furcht ist nicht in der Liebe. Die völlige Liebe treibt die Furcht aus.
10. Das Zeugnis des Heiligen Geistes
“Derselbe Geist bezeugt mit unserem Geist, daß wir Gottes Kinder sind.” (Röm. 8, 16)
Auch diese Worte zeigen uns, daß dabei von irgendwelchen frommen Leistung oder Betätigung unsererseits keine Rede sein kann. Wir sind dabei durchaus die Empfangenden, nicht die Bewirkenden, Erzeugenden.
Die genaue, buchstäbliche Übersetzung dieser Worte macht uns das noch deutlicher. Sie lautet: “Der Geist selbst mitbezeugt unserem Geiste, daß wir Gottes Kinder sind.” Da ist von einem Mitbezeugen des Heiligen Geistes die Rede. Es erhebt sich die Frage: Wer oder was ist dabei der andere Zeuge? Nicht wir selbst sind das, denn das Bezeugen geht wohl an unsere Adresse, aber geht in keiner Weise von uns aus. Die richtige Antwort finden wir wohl in dem schon oben angeführten Wort des Herrn, daß der Heilige Geist bei Seinem Kommen nicht aus Sich selbst oder von Sich selbst reden, sondern es von dem Seinen (von dem also, was des Herrn ist!) nehmen und uns verkündigen werde. Wenden wir dieses Wort getrost auch hier an, und wir gehen sicher nicht fehl. Das würde dann heißen, daß jenes kostbare Zeugnis von unserer wahren Kindschaft nicht dadurch zustande kommt, daß der Heilige Geist allein, durch unmittelbare Einwirkungen oder Eindrücke, Stimmungen oder Gefühle, uns diese kostbare Versicherung vermittelt, sondern anhand und vermittels des Wortes der Wahrheit, dessen Urheber Er selbst ist. Mit anderen Worten: Die Tätigkeit des Heiligen Geistes an und in den Gläubigen ist nach Seinem eigenen Wohlgefallen durchaus an das geschriebene Wort göttlicher Offenbarung gebunden und von ihm bestimmt und getragen. Das heißt, der Geist der Wahrheit tut uns beim Lesen und Hören der Schrift in einer Weise das Ohr und das Herz für die Wahrheit auf, daß wir eben darin die feste und unfehlbare Gewähr haben, daß wir von Gott für Christum Ergriffene sind, daß wir wirklich zu denen gehören, die der Vater dem Sohn nach dem Wohlgefallen Seines Willens aus der gegenwärtigen argen Welt als Sein Teil und Erbe geschenkt hat.
Es handelt sich also bei diesem Mitbezeugen des Heiligen Geistes gar nicht um ein mystisches, rätselhaftes, ungewisses Etwas, das in unserem Innern unmittelbar durch den Geist Gottes hervorgerufen würde, sondern um einen ganz naturgemäßen, schier selbstverständlichen Vorgang, wie wir ihn auf dem Boden des natürlichen Lebens in jeder gesunden Familie immer wieder beobachten können. Wie kommen die Kinder eines irdischen Vaters zur Gewißheit, daß das ihr Vater ist und sie seine geliebten Kinder? Nicht durch übernatürliche, mystische Beeinflussung, noch weniger durch irgendeine aus ihnen selbst stammende Naturfunktion, sondern allein dadurch, daß sie Tag für Tag die liebende Stimme des Vaters und der Mutter vernehmen und in sich aufnehmen und es so bestätigen, daß es Wahrheit und keine Lüge ist, daß jenes Elternpaar das ihrige ist und sie mit Recht seine Kinder nennt. Sie bringen den Eltern nichts als kindliches Vertrauen entgegen, und die Eltern lassen nicht ab, sich und ihre Liebe ihnen täglich neu zu offenbaren. Also auch hier. Wir bringen unserem Vater nichts als kindliches, vom Geiste uns geschenktes Vertrauen entgegen, das aus dem geglaubten Wort hervorgeht, und der Vater benutzt jede Gelegenheit, die wir Ihm — Seine Stimme hörend — geben, um uns zu beweisen und es zu bewahrheiten, daß Er uns gezeugt hat durch das Wort der Wahrheit und uns die Vollmacht gegeben, Seine Kinder zu werden, die an Seinen Namen glauben. Alles geschieht also hier aus dem Wort und durch das Wort aus Seinem Munde, das uns vom Heiligen Geist lebendig gemacht wird und sich uns in einer Weise erschließt, die unser eigener Geist nie erreichen oder nachmachen könnte.
Diese klare, durch den Geist vermittelte Zuversicht, daß wir wirklich echte Kinder des lebendigen Vaters sind, ist von hoher praktischer Bedeutung für unser Glaubensleben und für unseren Wandel in der Welt. Ohne solch klares Standesbewußtsein ist ein würdiger, standesgemäßer Wandel gar nicht möglich. Bin ich aber fort und fort getragen und durchdrungen von der gottgewirkten Überzeugung, daß Gott mich wahrhaftig aus dem Geiste gezeugt und mir Kindesrecht und Kindesvollmacht gegeben hat, dann habe ich große Freudigkeit und allezeit Zuversicht zum Eintritt in das Allerheiligste; ich bin auch imstande, Rechenschaft zu geben jedermann, der Grund fordert der Hoffnung, die in mir ist. Dabei bin ich allerdings dessen eingedenk, daß uns die Welt nicht kennt und anerkennt, sowenig sie Ihn bis auf diesen Tag erkannt hat, und daß unser Leben ein mit Ihm in Gott verborgenes ist. Aber wir wissen, was uns von Gott gegeben ist.
11. Sind wir Kinder, dann auch Erben
“Sind wir aber Kinder, dann sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi.” (Röm. 8, 17a)
Mit Vers 17 führt uns nun der Apostel auf den Gipfel seiner Darlegungen. Es ist eine kühne, aber durchaus richtige und gottgemäße Folgerung: “Sind wir Kinder, dann auch Erben.” Daran ist weder zu rütteln noch zu deuteln. Da will Gott einfach geglaubt sein, weiter nichts. Daß das unserem natürlichen Empfinden und Denken unfaßbar und unergründlich vorkommt, ist kein Beweis, daß es nicht wahr und zuverlässig sein könnte. Denn Seine Gedanken sind so viel höher als die unseren, wie der Himmel höher ist als die Erde.
Das also ist der Inhalt und die Tragweite des wunderbaren Angebotes unseres großen Rettergottes an eine Welt, die in dem Argen liegt, die aus Anstiften des Satans Seinen geliebten Sohn verworfen und an das verfluchte Holz geschlagen hat, die bis auf den heutigen Tag nur Gottentfremdung denkt und sinnt. Und einerlei, in welche Tiefen des Gotteshasses und der Christusfeindschaft ein verblendeter Mensch geraten sein mag, er kann und soll, allein aufgrund des Glaubens an die allen Menschen heilbringende Gnade, ohne weitere Vorbedingung, Leistung oder Bemühung, die Vollmacht erlangen zur Kindschaft, zur Teilnahme an der göttlichen Natur, zur Erbschaft bei dem allerhöchsten Gott, der Himmel und Erde besitzt, ja zur Miterbschaft mit dem Eingeborenen vom Vater, dem Erstgeborenen unter vielen Brüdern. Fürwahr, das ist frohe Botschaft, das ist überschwengliche Erkenntnis, überströmende Gnade, unergründliche Liebe.
Da steht man nun vor einem gewaltigen Rätsel, wenn man liest, daß derselbe gnädige und herrliche Gott es Seinem erbittertsten Feinde, dem Widersacher, dem Vater der Lüge, dem Mörder von Anfang, gestattet, die Sinne der ungläubigen Menschen zu verblenden, daß sie nicht sehen das helle Licht der Klarheit Gottes im Angesicht Jesu Christi. Man fragt sich: Wie kann Gott, der doch allmächtig ist und das ganz gewiß auch hätte verhindern können (so gewiß Er einmal für tausend Jahre denselben Satan binden und hindern wird, die Völker zu verführen und zu betören), Seinem herrlichen Werk im Evangelium von der Sohnschaft ein so gewaltiges Hindernis bereiten? Denn daß man da nicht von einem bloßen Zulassen reden darf, leuchtet ein. Denn es steht dabei für die höchsten Interessen Seines eingeborenen Sohnes, um dessen eigenen “Leib” es sich ja handelt, zuviel auf dein Spiel, als daß Gott nicht in der umsichtigsten und wirksamsten Weise alles getan haben sollte, um den größtmöglichen Erfolg zu sichern und auch allen möglichen Hindernissen und Widerständen in erfolgreichster Weise zu begegnen.
Auf diese durch die ganze Sachlage berechtigte Frage kann es doch wohl nur die Antwort geben, daß unser großer Gott des endlichen Ausgangs dieses Seines Vorhabens mit dem Sohn (und den Söhnen) unfehlbar gewiß ist, und daß Er gerade diese Machenschaften der Finsternis und der Lüge, der Bosheit und des Hasses Seinen Zwecken unbedingt dienstbar macht, nicht zuletzt wohl auch im Hinblick auf die Fürstentümer und Gewalten in den himmlischen Regionen, denen Gott an der Gemeinde einen wunderbaren Anschauungsunterricht von Seiner mannigfaltigen Weisheit gibt. Gott ordnet solche gewaltigen Dinge nicht umsonst an, d. h. ohne daß Er wüßte, was schließlich für Ihn dabei herauskommt. Denn Ihm sind alle Seine Werke von Anfang bewußt.
“Wenn Kinder, dann Erben.” Dieser Grundsatz ist ja auch in allen menschlichen Rechtsordnungen als geradezu selbstverständlich anerkannt worden. Wo Kinder sind, erübrigt es sich, nach anderen Erben Umschau zu halten. Ihre Ansprüche an die Hinterlassenschaft sind unbestritten. So auch hier.
Was heißt nun aber Gottes Erben? Ist das etwa eine paulinische Überschwenglichkeit, eine gar zu kühne, nicht wörtlich zu nehmende Folgerung? Man könnte berechtigte Zweifel hegen, wenn es nicht gleich weiter lautete: Miterben des Christus. Damit ist die Sache unerschütterlich festgemacht. Denn Ihn hat Gott eingesetzt zum Erben über das ganze All, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne, Fürstentümer, Herrschaften, Gewalten; es ist alles nicht nur durch Ihn, sondern auch für Ihn und zu Ihm geschaffen und besteht alles nur in Ihm (Hebr. 1, 2; Kol. 1, 16.17).
Nun ist aber ein Erbe noch kein Besitzer, sondern hat nur die rechtskräftige Anwartschaft auf den dereinstigen Besitz. So liegt in dem herrlichen Wort vom Erben zugleich die höchste Gewähr zukünftiger Macht und Majestät, aber auch der feste Riegel gegen jeden Hang oder Trieb, sich schon jetzt auf irgendwelche Weise in den wenigstens teilweisen Besitz zu drängen. Dies ist leider in der weiten Christenheit Brauch geworden, seit man dem fatalen Wahne gehorchte als ob die Kirche Christi dieses Zeitlaufs bereits das verheißene Reich Gottes auf Erden sei.
In dem Begriff “Erbe” liegt aber noch mehr. Eine Erbschaft bedeutet immer eine große Aufgabe und Verantwortlichkeit, die sich steigert mit dem Wert und Umfang des Erbes. Der ist ein unwürdiger und verächtlicher Erbe, der das väterliche Gut nur zur Befriedigung der eigenen Lüste oder Begierden verwenden und das ganze Erbe nur zu einem Mittel gesteigerter Genußsucht machen sollte. Wenn nun geschrieben steht, daß Gott den Sohn gesetzt habe zum Erben über das All (Hebr. 1, 2) und daß wir als Kinder Seine Miterben sein sollen, dann bedeutet das, daß wir mit dem großen, herrlichen Sohne die ganze unfaßbar große Verantwortung für die zukünftige Verwaltung und Regierung im ganzen All zu teilen haben werden. Da muß jeder Gedanke an bloßes seelisches oder auch geistiges Genießen ausgeschaltet werden, wenn wir uns nicht von vornherein in den Augen der himmlischen Heerscharen verächtlich machen wollen, über die wir einst unter dem Oberhaupt, dem eingeborenen Sohne, das Gericht und die oberste Verwaltung haben sollen. Es ist wohl an der Zeit, daß man in gläubigen Kreisen einmal gründlich aufräumt mit all der Gefühls- und Genußträumerei und sich ganz ernstlich mit der großen Frage beschäftigt: Wie habe ich mich zu rüsten auf die Lösung der gewaltigen, auch mich zu meinem Teil angehenden, Himmel und Erde umfassenden Aufgaben im zukünftigen Königreich unseres erhöhten Herrn, dessen Miterbe auch ich sein darf? Zu diesem Zweck hat uns der Vater tüchtig gemacht zum Anteil am Erbe der Heiligen im Licht (Kol. 1, 12); Er hat uns das ganze großartige Inventar, die ganze allumfassende Bestandsaufnahme alles dessen, was zu dem dereinstigen Herrscher- und Verwalterbereich des “Erben über das All” gehört, schriftlich in aller Ausführlichkeit hinterlassen. Jeder würdige Erbe, der sich der hohen Verantwortung bewußt ist, die der Antritt seines Erbes in sich schließt, macht sich natürlich auf das sorgfältigste mit allen einzelnen Posten und Besitzstücken vertraut. So sollten auch wir uns nicht länger mit dem fromm klingenden Motto “Nur selig!” zufriedengeben, sondern mit dem göttlichen Anerbieten der Sohnschaft und Erbschaft vollen Ernst machen.
12. Durch Leiden zur Herrlichkeit
“So wir anders mit leiden, auf daß wir auch mit verherrlicht werden. Denn ich halte dafür, daß die Leiden der jetzigen Zeit nicht in Betracht kommen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll.” (Röm. 8, 17b.18)
Das ist die ernste Klausel (einschränkende Nebenbestimmung) zu dem hohen Wort von unserem Miterben mit Christo. Jedes erleuchtete Kind Gottes wird ohne Bedenken beipflichten, daß das durchaus so sein muß, ja nicht anders sein kann. Denn die Leiden des Christus waren die unerläßliche Vorbedingung Seiner Verherrlichung. Nur über Golgatha führte Ihn der Weg zu der Erhöhung über alle Namen, Gewalten, Mächte und Herrschaften (Phil. 2, 9-11). Da kann es für uns keine Umgehung geben. Wir sind nach dem göttlichen Liebesrat mit Ihm gepflanzt zu gleichem Tode, wir sind mit Ihm gekreuzigt. Und der Vater hat Sorge getragen, daß es der ganzen Gemeinde aller Jahrhunderte dieses Zeitalters an Gelegenheiten zum Mitleiden mit Christo nicht mangle. Dazu dient, daß für uns alle das Gesetz der Sünde und des Todes wohl außer Zwangswirksamkeit gesetzt ist — so daß kein Kind Gottes sündigen oder sterben muß —, wohl aber ist uns beides gegenwärtig, und diese beständige Gegenwärtigkeit der uns innewohnenden Sündhaftigkeit und Sterblichkeit ist eine nie versiegende Quelle tiefen Wehs bei einem jeden Kinde Gottes. Dazu dient auch die beständige Notwendigkeit der Wachsamkeit und Kampfesbereitschaft, die nie erlahmen darf, nicht gegenüber Fleisch und Blut, sondern gegenüber Herrschaften und Gewalten, den Weltbeherrschern dieser Finsternis, den geistlichen Bosheitsmächten in den himmlischen Regionen (Eph. 6, 12). Dazu dient die unausbleibliche Verkennung oder gar Anfeindung, die einem jeden echten Kinde Gottes von den Kindern der Welt widerfährt, insbesondere von den Frommen nach dem Fleisch, oft den eigenen nächsten Verwandten oder Freunden. Dazu dient besonders auch der Umstand, dass uns Gott nicht in der Absonderung und eigensüchtigen Absperrung gegen Andersdenkende zur Vollkommenheit erziehen will, sondern in der Gemeinschaft mit Heiligen, die zumeist nicht weniger wunderlich sind als wir selber, wo wir eins dem anderen gar viel zu tragen geben und es uns an Gelegenheiten nie mangelt, unverschuldetes Weh und Jammer und Nöte und Torheiten und Verkehrtheiten anderer priesterlich auf unsere Schulter zu nehmen und still vor Gott zu tragen und dafür einzustehen, als wären es eigene Verschuldungen. So ausgiebig hat der allweise Vater für Möglichkeiten gesorgt, am Leiden Christi teilzunehmen. Darum können wir gar nicht einsehen, wieso teure Brüder davon reden können, die letzte Generation der auf ihren Herrn wartenden Gemeinde aus der Völkerwelt müsse noch ein spezielles “Gethsemane und Golgatha” haben in den Tagen der Schreckensherrschaft des Menschen der Sünde, des Antichristen. Warum soll denn die letzte dann lebende Generation allein diese Auszeichnung genießen, wenn es eine ist? Hat sie aber gleichen Anteil an den wirklichen Leiden des Christus mit den Heiligen und Auserwählten aller Zeiten, dann bedarf es einer solchen Sonderstellung nicht.
Wenn dann der Apostel einen Vergleich zieht zwischen den Leiden der jetzigen Zeit und der zukünftigen Herrlichkeit, dann tut er das als ein Sachverständiger auf beiden Gebieten. Er ist es, der den Kolossern schreiben durfte (1, 24): “Ich freue mich in den Leiden für euch und erdulde stellvertretend das übrige der Trübsale Christi für Seinen Leib, welcher ist die Gemeinde.” Den Korinthern darf er bezeugen: “Wir werden allenthalben bedrängt, aber nicht erdrückt … wir werden verfolgt, aber nicht verlassen, niedergeworfen, aber wir kommen nicht um. Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserem Leibe herum, auf daß auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde” (2. Kor. 4, 8 ff.). Wiederum kann er in demselben Brief von Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn reden, da er bis in den dritten Himmel entrückt ward, in das Paradies, und unaussprechliche Worte hörte, welche keinem Menschen zu sagen vergönnt sind (2. Kor. 12, 1-4). Es war eben Gottes Wohlgefallen, in diesem kleinen, unscheinbaren Juden Seinen Sohn nach allen Seiten hin zu offenbaren. So trauen wir denn seinem Gutachten mit der nüchternen Gewißheit, daß dieser Mensch Gottes ganz und gar in der Zucht des Geistes der Wahrheit stand, der ihm nie erlaubte, eigenen Phantasien das Gewicht göttlicher Offenbarungen zu geben. Ein ähnliches Urteil des Paulus haben wir ja in 2. Korinther 4, 17.18: “Denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, verschafft uns eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare.” Von dieser Herrlichkeit hatte auch schon der Sohn Gottes mit Seinem Vater geredet (Joh. 17, 24). Und derselbe Johannes, der diesen heiligen Willen des Sohnes aufzeichnen durfte, daß die Seinen Seine Herrlichkeit schauen sollen, schreibt uns: “Meine Lieben, wir sind nun Gottes Kinder, und es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn Er erscheinen wird, daß wir Ihm gleich sein werden, denn wir werden Ihn sehen, wie Er ist” (1. Joh. 3, 2). Darüber hinaus kann es keine Herrlichkeit geben. Denn der Sohn ist der Abglanz des unsichtbaren Gottes, das Ebenbild Seines Wesens. In dieses Bild verklärt zu werden, Ihm gleichgestaltet zu sein — Höheres und Erhabeneres, Edleres und Majestätischeres kann es niemals geben. Diese Herrlichkeit aber hat der Vater denen zugedacht, die an den Sohn Gottes glauben. Sie tragen heute noch das Bild des ersten, gefallenen Adam. Ebenso gewiß aber werden sie das Bild des himmlischen tragen, Seine Herrlichkeit schauen und Ihm gleich sein.
(Quelle: “Das Prophetische Wort”, Jahrg. 1919 sowie “Der Fürst des Lebens muß einst alles erben”, Paulus-Verlag; Heilbronn)


Jeden Sonntag ab 10:00 Uhr von der 