Die Entrückung der Gemeinde des Herrn
Autor: Ströter, Ernst F., Prof. | Kategorie(n): Entrückung, Gemeinde, Lehre | 766 x gelesenDie Entrückung der Gemeinde des Herrn ihm auf den Wolken entgegen in die Luft steht heute mehr im Vordergrunde der Erwartung bei den Kindern Gottes, als es wohl in allen Jahrhunderten nach der Apostelzeit der Fall war. Dieselbe verdient auch alles Interesse, das man ihr zuwendet. Sie wird ein Ereignis von der allerhöchsten Tragweite sein. In ihr gipfelt das tiefste Sehnen zugleich des erhöhten Herrn und Hauptes, und das seiner wartenden Glieder. Sie hat, wie alle große Gottestat, ihre alttestamentlichen Vorbilder, — Henoch und Elias. Zugleich ist sie Gegenstand sehr bestimmter Lehroffenbarung.
Zwei Aussagen Pauli, des Apostels der Gemeinde im engeren Sinn, kommen vornehmlich in Betracht[1]. Sie lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die ausführlichste und der Zeit nach zuerst verfaßte Beschreibung des wunderbaren Vorgangs gibt uns 1. Thess. 4, 13-18:
“Wir wollen euch aber, Brüder, nicht in Unwissenheit lassen in Betreff der Entschlafenen, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben. Denn wenn wir glauben, daß Jesus gestorben und auferstanden ist, also wird Gott auch die Entschlafenen durch Jesum mit ihm führen. Denn das sagen wir euch in einem Worte des Herrn, daß wir, die wir leben und überbleiben bis zur Ankunft des Herrn, den Entschlafenen nicht zuvorkommen werden. Denn er selbst, der Herr, wird mit Getümmel (Kommandoruf), bei dem Schall der Stimme des Erzengels und der Posaune Gottes, herniederfahren von dem Himmel und die Toten in Christo werden auferstehen zuerst, danach werden wir, die lebend überbleiben, zugleich mit ihnen hingerückt werden in den Wolken dem Herrn entgegen in der Luft, und werden also bei dem Herrn sein allezeit. So tröstet euch nun untereinander mit diesen Worten.”
Eine wertvolle Bestätigung und Ergänzung dieses Berichtes enthält 1. Kor. 15, 51-53:
“Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen, und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden. Denn dies Verwesliche muß anziehen Unverweslichkeit und dies Sterbliche muß anziehen Unsterblichkeit.”
Wir wollen den Inhalt dieser so reichhaltigen Offenbarung unter vier Gesichtspunkten ins Auge fassen und fragen:
- Was bedeutet die Entrückung?
- Wem gilt dieselbe?
- Wie geschieht sie?
- Wann steht sie zu erwarten?
1. Was bedeutet die Entrückung?
Die Bedeutung der Entrückung ist so umfassend und gewaltig, daß sich mit ihrer Erwägung allein Bände füllen ließen. Der bloße Gedanke an den Reichtum und die Großartigkeit ihrer Beziehungen hat etwas Überwältigendes und fast Erdrückendes. Man steht vor einem Bergriesen, dessen Gipfel die höchsten Wolkenschichten überragt. Doch wird ein kurzer, wenn auch sehr unvollkommener Hinweis und Überblick lohnen.
A) In erster Linie bedeutet die Entrückung der Gemeinde ihm entgegen für unsern erhöhten Herrn selbst die Vollendung seines eigenen Ich, d.h. seines Leibes, seiner Fülle, die zur vollkommenen Darstellung und seines Wesens unentbehrlich ist. Uns ist das einer der liebsten und köstlichsten Gedanken, daß er dann endlich in den ungehinderten Besitz und zu unbeschränkter Verfügung kommt von Organen (Gliedern des Leibes), auf deren Vollendung er diese langen Jahrhunderte sehnlichst gewartet und an welchen sein Geist mit unermüdlicher Geduld gearbeitet hat. Es bedeutet gewissermaßen die erste Anzahlung im großen Stil und Umfang von alle dem, das der Vater der Herrlichkeit ihm als Lohn des Kreuzes und als Frucht des Todes, — als den Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes an seinen Heiligen zugesagt hat. Es bedeutet einen der gewaltigsten Triumphe seines herrlichen Lebens, wenn er endlich, all unsrer Torheit und Trägheit ungeachtet, allen Listen und Ränken des Feindes zum Trotz, das Meisterwerk aller Jahrtausende vollbracht und seine Gemeinde dargestellt haben wird ohne Flecken oder Runzel oder des etwas, unsträflich in Heiligkeit vor unserm Vater Gott.
Und nun erst kann und wird es auch an die endgültige Durchführung, Herstellung und Ausrichtung alles dessen gehen, davon Gott geredet hatte durch den Mund aller heiligen Propheten von der Welt her. Denn nun erst verfügt er frei und völlig über eine Körperschaft ihm gleichgearteter und gleichgestalteter, ebenbürtiger Söhne Gottes, die nie mehr weichen, erlahmen oder zukurzkommen. Jetzt kann die große Arbeit der Erlösung und Befreiung des ganzen All erst in voller Kraft beginnen. Was für ein Jubel wird sein Herz durchtönen! Was für ein Halleluja durch die Himmel jauchzen!
B) Für die erhöhte Gemeinde bedeutet die Entrückung das Ende ihrer Prüfungen und Leiden; ihrer Unvollkommenheit; ihrer Zerrissenheit und Schmach: ihrer Knechtsgestalt. Das Ende aller Fehlgriffe und Mißverständnisse; aller Täuschungen und Irrgänge; aller Mischungen von Wahn und Wahrheit; aller Trübungen und Verdunkelungen des herrlichen Wortes durch Priesterlist und Wissensdünkel. Den Anfang dagegen einer ganz neuen, kaum vorstellbaren Daseinsform. Wie wir getragen das Bild des irdischen, so dann des himmlischen. Den Übergang plötzlich. In einem Nu, in den ungestörten, ungeminderten Vollbesitz, die vollendete Darstellung ihres bisher mit Christo in Gott verborgenen Lebens. Die Befreiung für immer von allem Todeswesen, von jeder fernen Möglichkeit zu irren, zu sündigen, zu ermüden, zu kranken, zu sterben. Die Erhebung auch in der äußeren Erscheinung in die Gleichgestaltung seiner herrlichen Leiblichkeit den Abglanz seines göttlichen Ebenbildes. Nachdem sie offenbar geworden vor dem Richtstuhl Christi, wo eines jeden einzelnen Lohn und Stellung (für die zukünftige Reichsverwaltung und Gerichtsvollziehung an Welt und Engeln) entschieden und bestimmt wird, erfolgt die Erhebung mit ihm zugleich zur Rechten der Majestät weit über alle Himmel, — die Darstellung vor dem Vater. Sie wird sich kaum wiedererkennen. Und o, wie wird sie sich schämen ihres Kleinglaubens, ihrer Torheit und Jämmerlichkeit!
C) Für die ungezählten Legionen himmlischer Heerscharen, Fürsten, Gewaltigen und Herrlichen, Engeln und Erzengeln, bedeutet die Entrückung der Gemeinde eine erhebliche Vermehrung ihrer Reihen, und zwar auf den allerhöchsten Stufen. Nicht eine Mehrung der dienstbaren Geister, wohl aber eine vielleicht für sie selbst schier unfaßbare Vervielfältigung der unerreichten Majestät und Herrlichkeit des “Erstgeborenen” unter vielen Brüdern. Eine Mehrung der über alle Himmel und Welten zu herrschen berufenen, zu Richtern selbst der (gefallenen) Engel bestellten Familie von echten Söhnen Gottes, geschaffen und vollendet nach dem Ebenbilde des Sohnes seiner Liebe. Als dieser zu seiner Zeit in der Wolke emporgehoben ward von der Erde und dann hinaufstieg über alle Himmel und sich setzte zur Rechten der Kraft, da haben alle jene Gewaltigen und Herrlichen ihm gerne Raum gegeben. Keiner hat es gewagt, ihm den Weg zu verlegen. Anbetend folgten sie seiner strahlenden, einzigartigen Spur. Sie werden auch der Gemeinde, die ein Geist und ein Leib mit ihm ist, den Weg nicht verlegen, den willigen Dienst nicht verweigern. Aber was wird es für eine gewaltige Bewegung sein von einem Ende der Himmel zum andern, wenn die Botschaft ertönt: Da ist sie, die vollendete Gemeinde — seine Fülle!
D) Für den Fürsten und Gott dieser Welt, der in der Luft herrscht, den Weltbeherrscher dieser Finsternis bedeutet die leibhaftige Erhebung der Gemeinde von Überwindern in die himmlischen Regionen und ihre Begegnung und Verbindung mit ihrem Herrn und Haupt in der Luft, seinem bisherigen Reichsgebiet, den Anfang vom Ende seiner von jenen Regionen ausgeübten Weltherrschaft. Durch lange Jahrhunderte war sein eifriges Bestreben, die Sammlung, Zubereitung und Vollendung dieser Erstlingsgemeine zu hintertreiben oder doch möglichst hinauszuziehen. Mit großem Geschick hat er es verstanden, selbst gläubigen Schriftforschern und -lehrern gerade diese Wahrheit zu verschleiern oder zu verdächtigen als eine der gefährlichsten “Schwärmereien”. Gar fein hat er es dahin gebracht, daß weit und breit gelehrt wurde: Nur selig sterben und in den Himmel kommen! Aber alles vergeblich Jesus und der Geist der Weissagung behielten das Feld. Mit der Erhöhung der Gemeinde an ihren Ort, zur Rechten der Kraft, geschieht ein gewaltiger Durchbruch von solchen, an denen er nichts mehr hat, an denen alle seine Ränke, List und Bosheit zuschanden geworden sind. Auch er kann dieser Schar bei ihrem Triumphzug mit ihrem Haupt über alle Himmel nicht mehr verlegen. Es ist jetzt nur noch eine Frage ganz kurzer Zeit, bis Michael und seine Engel ihn, den Drachen und sein Heer endgültig aus den himmlischen Regionen zunächst auf die Erde werfen werden, wo er mit entsetzlicher Wut und schrecklicher Machtentfaltung hausen wird, da er nur wenig Zeit hat. Daher wehe der Erde und dem (Völker-)Meer! (Offb. 12, 7-12).
E) Für Israel, das zum Teil in blinder Stumpfheit dahingeht, dabei aber dennoch auf einen unverstandenen Messias wartet, zum Teil rastlos umgetrieben von allerlei Geistern sich in Plänen und Projekten von Selbsthilfe und eigener Erlösung verzehrt, und zum Teil sein angestammtes Erb- und Bürgerrecht einfach mit Füßen tritt und gar nicht mehr als Israel gelten will, sondern sich am liebsten unter den Völkern ganz verlieren möchte, — für Israel wird die Entrückung der Gemeinde, dieser unberechenbaren Vollzahl aus allen Nationen (Israel inbegriffen) ebenfalls den Anfang vom Ende seines langen Verblendungsgerichtes bedeuten. Dann hat ja das Geheimnis der Verstockung, die ihm “zum Teil” widerfahren ist (Rö. 11, 25), sein gottgewolltes Ziel gefunden. Denn aus ihrem Fall entsproß ja uns Heiden solch ein Heil, aus ihrem Verlust solcher Reichtum.
Ihre Vermessenheit, Gott diktieren und die Hände binden zu wollen, d. h. seine großen Liebesgedanken mit den Heiden zu hintertreiben, haben sie dann bitter gebüßt. Die Letzten sind zu ersten geworden; die Ersten zu Letzten.
Aber auch Israel hat seine Vertreter, seine Erstlinge in der nun vollendeten Gemeinde der Erstgeborenen. Das ist nicht ohne köstliche Bedeutung. Denn ist der Anbruch heilig, so ist der Teig. Sind es die Zweige, dann auch die Wurzel. Nachdem diese “Erstlinge” zu einem herrlichen Durchbruch gelangt sind, kann und wird es auch mit den Übrigen aus Israel, dem Überrest des ganzen Hauses Jakobs, weitergehen auf der Linie der Erfüllung der unberechenbaren Gedanken Gottes mit dem Volk seiner Wahl.
Ohne schwere, heftige Wehen wird ja auch das neue Volk nicht geboren werden. Noch eine kurze Periode heißester Drangsal, heftigster Bedrückung und Verfolgung, — die Hefen des Zorneskelches Jehovas, — dann wird die Hilfe aus Zion erscheinen. Die Decke wird von ihrem Herzen genommen. Ihr Verschlossensein unter den Unglauben (Röm. 11, 32) findet ein Ende. Der “Prophet” (d. h. die Gemeinde Gottes) wird abermal weissagen und der Geist des Lebens des Herrn, der durch die Auferstehung der Erstlinge in zweifacher Weise flüssig geworden, wird in die bereits (äußerlich) wieder vereinigten toten Gebeine fahren, und sie werden sich auf die Füße richten, ein großes Heer für Jehova (Hes. 37, 10). Denn ihre Annahme wird nichts andres sein als Leben von den Toten (Röm. 11, 15).
F) Für die zurückbleibende “christliche Welt”, oder besser, weltselige Christenheit, für diesen großen, religiösen Mischmasch, der Gott ein solcher Greuel ist, bedeutet die Hinwegnahme der wahren Gemeinde Gottes aus ihrer Mitte heraus ein entsetzliches Erwachen. Man hatte noch kurz zuvor — gerade wie seiner Zeit Jerusalem und Israel, — die großartigsten Erweckungen und Erweisungen des lebendigen Herrn durch den Geist erlebt und “mitgemacht”. Zum “Mitmachen” war man sehr geneigt. Man hatte geglaubt, und sich sogar gefreut, diese Gotteskräfte wenigstens zum Teil den verschiedenen Plänen und feinen Systemen zur Welt-, Gesellschafts- und Staatsreform, namentlich aber zur Wiederverchristlichung der Massen — der sogenannten “Volksseele” — dienstbar machen zu können. Besondere Leitgräben und Kanäle waren dazu schon gebaut worden. Ja, man wähnte, genau wie Israel vor 1900 Jahren, den Geist Gottes in gewisse “historisch gewordene” Schranken bannen zu können. Den Ruf: Hier ist des Herrn Tempel! — hatte man getreu ins Christliche umgesetzt. Allein das nahende Gericht, die große, gewaltige Scheidung und Sichtung, — sah man nicht. Man konstatierte mit steigender Befriedigung eine Zunahme der Missionstätigkeit nach innen und außen. Nie wurde mehr erbauliche, christliche Literatur verbreitet; nie gab es mehr christliche Vereine; nie wurde mehr “getan” auf allen Gebieten. Kurz, man war ganz sicher: das Ende kann unmöglich nahe sein.
Und nun war wirklich geschehen, was ein gewisser Kreis von Gläubigen allerdings viel besprochen und stark betont, was man ja auch deutlich in der Schrift gelesen hatte; aber — die Apostel sollten sich darin ja auch schon geirrt haben! Jedenfalls hatte man es damit nie recht ernst genommen, — man wollte ja selig sterben, mehr nicht! Und die “nüchternsten” Gottesmänner hatten doch auch gemeint: das erleben wir ja doch nicht!
Nun aber kommen die Botschaften von allen Seiten, brieflich, mündlich, telegraphisch, — ja sogar die Zeitungen haben’s! Immer deutlicher und bestimmter treten sie auf, — unheimlich deutlich und bestimmt. Da hilft kein Leugnen und kein Zweifeln. Es muß wirklich geschehen sein wie geschrieben stand. Und wir haben es verachtet, versäumt, verträumt — verloren! Der Kampfpreis ist verscherzt; man hat gekämpft — aber nicht “recht”. Das Erstgeburtsrecht unwiederbringlich dahin, — um ein Linsengericht von Genuß, Stellung, Ehre oder Ansehen bei den Menschen!
Wie werden da die Vorwürfe und Anklagen hin und wieder fliegen zwischen Predigern und Gemeinden, — heiß, heftig, bitter, gerecht und ungerecht! Ihr hättet — denn ihr wußtet! Warum habt ihr nicht gewarnt?
Aber auch zu tiefen Beugungen und Zerknirschungen wird es kommen. Denn aus der großen Trübsal, die nun mit Macht hereinbricht, wird eine unzählbare Schar aus allen Völkern, Sprachen und Zungen hervorgehen, die ihre besudelten Kleider helle gemacht und gewaschen haben in des Lammes Blut. Herrschende, auf Thronen sitzende, Kronen tragende Überwinder sind sie ja nicht. Wie hätte sonst Johannes sie nicht kennen sollen? Aber Gereinigte, Gerettete! Ehre sei dem Lamm!
G) Auch für die breiten Volksmassen aller Länder der Erde, die vom Evangelium bis dahin gar nicht oder kaum berührt wurden — und sie bilden die überwältigende Mehrheit aller Menschen, die in diesem Zeitalter gelebt haben — ist die Entrückung der Gemeinde von großer Bedeutung. Denn zunächst werden ja die altehrwürdigen, teils pharisäisch erstarrten, teil sadduzäisch durchsäuerten großen Kirchensysteme, ihres eigentlichen Salzes nun beraubt, dem wütenden Anprall der von Satan selbst geleiteten antichristlichen Verfolgung keinen Widerstand leisten können. Sie haben ja auch als Bauhütten, in denen die (nun vollendeten) lebendigen Steine des “Hauses Gottes im Geist” zubereitet wurden, ihren Zweck erfüllt. Sie kommen zum Abbruch. Denn das Tier (die heidnische Weltmacht) haßt die Hure (die weltselige “Kirche”) und wird ihr Fleisch fressen. Alles Kirchengut wird eingezogen. Alle staatliche Unterstützung der Diener der Kirchen hört auf. Das offizielle Christentum, das seine Würze verloren, wird unter die Füße der Leute getreten. Das wird ja in den davon betroffenen Kreisen unsägliche Not und Jammer verursachen, — gerade wie “eine große Not und ein Zorn” (Luk. 21, 23) über Israel hereinbrach, als im Jahre 70 n. Chr. der Tempel zu Jerusalem mit Feuer verbrannt, die heilige Stadt gänzlich zertrümmert, und die ganze von Gott verworfene Priesterwirtschaft hinweggefegt wurde. Das alles ist an jenen geschehen — uns zur Warnung. Und gerade Paulus hat Röm. 11, 21 der Völkerchristenheit auf das Deutlichste vorgehalten, es möchte ihr nicht anders ergehen, als den “natürlichen Zweigen”. Wieviel tausendmal hat man über Israel und sein Gericht gepredigt! Wie deutlich hat man es den ganzen Tag vor Augen gehabt! Aber — man hat die Warnungen des Apostels einfach in den Wind geschlagen, in unglaublicher Verblendung. Nun kommt es genau, wie geschrieben stand: “… sofern du an der Güte bleibst, sonst wirst du auch abgehauen werden.”
Aber auch dieses furchtbare Gericht, dessen Maßstab jeder aus dem Wort richtig erkennen kann, der sehen will, ist schließlich zum Heil für die Völkerwelt. Denn gleichwie vor 1900 Jahren Israel sich eingebildet hatte, für Gott unentbehrlich zu sein, so stehen heute die historischen Kirchenkörper der ganzen Erde in dem Wahn, ohne sie ginge es nicht. In Wirklichkeit sind sie mit ihren eigenen Plänen und Machenschaften das gewaltige Hindernis für das wirkliche Kommen des Königreichs Gottes auf Erden. Dieses aber soll nun bald wirklich erscheinen. Da muß der Völkerboden erst von all dem Bauschutt gründlich gesäubert werden. Dann kann und wird den (aus den Trübsalen und Gerichtswehen) Übrigen unter allen Nationen das eigentliche Evangelium von dem wirklich nahe gekommenen Reich (da Israel sich inzwischen bekehrt) verkündigt werden. Und dann erst wird das eigentliche Ende des Zeitalters kommen, das der Aufrichtung des messianischen Friedensreiches auf Erden vorangeht; und in welchen der Haushalt der Gemeinde eine seiner Länge und Dauer nach ganz unberechenbare Einschaltung bildete.
Das heißt, dann kommt in der ganzen Welt, in historischer, aber beschleunigter Folge und Ordnung, das “Ende” aller politischen, kirchlichen und sozialen Mißwirtschaft; das Ende aller Tyrannei und Zwingherrschaft auf Erden; das Ende auch aller Verführungskünste des Feindes. Alsdann wird auch der jetzt wieder unheimlich anwachsende Islam seinen gottgewollten Zweck erfüllt haben als eine scharfe Zuchtrute für ein verderbtes Christentum, und es wird geschehen, daß die Herden Kedars und die Widder Nebajots (der Söhne Ismaels, die die Hauptträger des Islam sind) als angenehmes Opfer auf Jehovas Altar kommen werden (Jes. 60, 7).
So wird mit allen historischen Religionssystemen, den namenchristlichen, wie mohammedanischen und heidnischen, alsdann gründlich aufgeräumt werden. Die werden den Völkern dann nicht mehr als unerträgliches Joch auf den Nacken gelegt werden. Denn das Königreich wird des Herrn sein.
So wird durch die Entrückung der Gemeinde der Zeiger auf der großen Weltenuhr unsres Gottes in jeder Beziehung um ein Bedeutendes vorwärts gerückt. Das Alte weicht; es kommt ins verdiente Gericht. Aber neue, bisher nur von Wenigen erkannte Lebensmächte werden flüssig. Die großen Gedanken Gottes schreiten über Gericht und Verheerung weiter zur Befreiung und Vollendung. Denn — wie hat der Herr die Leute so lieb!
2. Wem gilt die Entrückung?
Die richtige Beantwortung dieser Frage ist für ein jedes Kind Gottes von der höchsten praktischen Bedeutung. Es ist daher sehr notwendig und wichtig, daß wir festhalten, um was es sich bei der Entrückung eigentlich handelt. Darum haben wir der Beantwortung dieser Frage im Obigen vorausgeschickt, was sich uns aus der Schrift über die Bedeutung der Entrückung ergab. Es ist nämlich Gefahr vorhanden, daß man unbewußt von althergebrachten Anschauungen beeinflußt wird, die im Licht der Schrift nicht bestehen können, die aber gleichwohl einen sehr weiten Kurs haben auch noch in gläubigen Kreisen. Eine der sehr volkstümlichen Anschauungen dieser Art, welche heute noch einen großen Teil der kirchlichen Theologie beherrscht, ist die, daß mit der Zukunft Christi überhaupt das “Endgericht” oder das sogenannte “Jüngste Gericht” eintrete. Was nun bis zu diesem Ereignis auf Erden überhaupt nicht vom Heil in Christo ergriffen oder erreicht worden sei, das falle dann hoffnungslos dem “Gericht” anheim, welches gewöhnlich ebenso ausschließend als “Verdammnis” gefaßt wird.
Eine solche Auffassung der Zukunft des Herrn kann natürlich nicht verfehlen, daß man den Bereich dessen, was ihm dann angehören soll, möglichst weit ausgedehnt, da man ja jenseits der “Zukunft zum Gericht” überhaupt keinerlei Möglichkeit mehr erblickt zur Erlösung für irgend jemand. Wie wenig eine solche Auffassung mit der Schrift stimmt, beweist allein Eph. 2, 7. Doch hier ist nicht der Ort, uns mit dieser Frage eingehend zu beschäftigen. Das mag ein andermal geschehen.
Ist uns aber klar geworden, wie wir im ersten Abschnitt zu zeigen versucht haben, daß es sich bei der Entrückung noch keineswegs um den endlichen Abschluß des großen Erlösungswerkes Christi handelt, sondern zunächst nur um die Zusichnahme einer auserwählten Schar von Erstlingen, um die Vollendung und Ausgestaltung in Herrlichkeit der Glieder seines eigenen Leibes, d. h. der berufenen Organe für seine zukünftige Betätigung im großartigsten Stil, dann liegen die Dinge ganz anders. Dann braucht uns der Gedanke nicht zu stören oder aufzuhalten, als ob alles, was nicht mit entrückt wird, darum rettungslos verloren sei. Denn dann steht uns fest, daß Christi herrlichste Erweisung als Weltenheiland erst damit recht einsetzen und eigentlich anfangen kann, daß er in Besitz der dann verklärten Glieder seines Leibes gekommen ist.
Es gilt also hier zunächst festzustellen, ob uns die Briefe des Apostels Paulus, dem die Verwaltung des “Geheimnisses” vom Leibe Christi in besonderer Weise anvertraut war, deutliche Unterweisung geben, daß es auf dem Boden des Gläubig- und Gerettetseins gleichwohl ein Dahintenbleiben, ein Verlieren des Kampfpreises, ein Verscherzen der Krone gibt, ohne daß damit ein Verlust des (ewigen) Lebens gesetzt ist. Diese Unterweisung ist allerdings vorhanden und läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.
Er schreibt an die Korinther (1. Kor. 9, 24.25): “Wisset ihr nicht, daß die, so in der Rennbahn laufen, zwar alle laufen? Aber nur einer erlangt den Preis. Laufet so, daß ihr ihn erlanget! Jeder aber, der sich am Wettlauf beteiligt, enthält sich von allem; jene, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen.” Daran schließt sich sachlich an das Wort 2. Tim. 2, 5: “Und auch, wenn jemand sich am Wettkämpfen beteiligt, wird er nicht preisgekrönt, wenn er nicht regelrecht (ordnungsgemäß) kämpft.”
Aus dieser Sprache des Apostels, deren Bilder den griechischen Wettkämpfen entlehnt sind, geht deutlich hervor, daß es sich hier gar nicht um eine Lebensfrage handelt, sondern lediglich um die Krönungs- oder Belohnungsfrage. Nicht das aus freier Gnade geschenkte Leben steht auf dem Spiel, sondern nur der Kampfpreis, der nicht aus Gnaden, sondern nach den Regeln des Kampfes zuerteilt wird, und der demgemäß gar wohl verscherzt oder verloren werden kann, ohne Einbuße des erlangten Lebens. Denn es wurden ja doch auch bei den griechischen Spielen und Kämpfen die Geschlagenen, d. h. die Zurückgebliebenen im Wettlauf, nicht erschlagen oder ihres Bürgerrechtes beraubt, sondern sie wurden einfach nicht bekränzt oder preisgekrönt.
Dieselbe Wahrheit tritt uns sehr bestimmt entgegen aus dem eigenen Leben des Apostels. In seinem Brief an die Philipper schreibt er Kap. 3, 9 ff. deutlich von den hohen Zielen, zu deren Erlangung er sich von Christo Jesu ergriffen wußte, nämlich (V. 10.11) zu erkennen ihn und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden, indem ich seinem Tode ähnlich werde, ob ich vielleicht zur (Aus-)Auferstehung aus den Toten gelangen möchte. Wer hier den Apostel nur verstehen wollte von dem Erlangen des ewigen Lebens oder dem Besitze des bewußten Kindesrechtes bei Gott, der bliebe sehr weit von der Wahrheit. Als einer, der bereits alles, was ihm bis dahin Gewinn war, für Schaden geachtet hat, um der überschwenglichen Erkenntnis Jesu Christi willen, weiß er sich zu noch höheren Dingen berufen in Christo. Und davon sagt er damals noch, er achte nicht, daß er es schon erlangt habe, oder darin schon vollendet sei, er jage aber danach, das zu ergreifen, wozu er von Christo ergriffen worden sei. Er vergesse, was dahinten ist, und strecke sich nach dem aus, was vorn ist, und jage nach dem Ziel, dem Kampfpreis der himmlischen Berufung in Christo Jesu (V. 14).
Hören wir ihn nun später, wie er an seinen Sohn Timotheus aus seinem letzten Kerker in Rom schreibt, kurz vor seinem Hingang (2. Tim. 4, 7.8): “Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt; hinfort liegt für mich bereit die Krone der Gerechtigkeit, welche mir der Herr an jenem Tage, der gerechte Richter zuerkennen wird; nicht aber mir allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung liebgewonnen haben.” Da ist aus dem “vielleicht” in Phil. 3, 11 eine gar köstliche Kronengewißheit geworden, die er nicht herleitet aus der erbarmenden Gnade und Liebe, sondern aus der Gerechtigkeit des Preisrichters, in Anbetracht, daß er richtig gelaufen, den Kampf ordnungsgemäß gekämpft, den Glauben bewahrt habe. Das ist gebührender Lohn, nicht unverdiente Gnade.
Es muß eben bestimmt unterschieden werden zwischen Berechtigung und Bereitschaft. Niemand ist berechtigt, in dem verordneten Kampf überhaupt um den Preis zu laufen, als der aus lauter Gnade dazu von Christo ergriffen worden ist, und dem dazu die Kräfte des neuen Lebens und der zukünftigen Welt zur Verfügung gestellt worden sind. Aber es ist eine ganz andere Sache, ob er dementsprechend auch auf seine Bereitschaft bedacht gewesen ist. Wenn ich eine Reise machen will, muß ich mir zuerst eine Fahrkarte beschaffen, d. h. die Berechtigung überhaupt mitzufahren. Damit kann ich durch die Schranken und habe freien Zutritt zu dem richtigen Zuge. Ob ich aber nun mitkomme, ist im letzten Grunde immer noch eine Frage meiner Bereitschaft. Ich mag die beste Fahrkarte haben, das unbestrittene Recht zur Mitfahrt, aber, wenn ich die Zeit vertrödele, oder mich von andern Dingen anziehen lasse, dann kann es geschehen, daß ich meinen Zug einfach verpasse und zurückbleibe. Ich verliere damit weder mein Leben noch meine Freiheit. Aber, wenn es für mich nur den einen Zug gab zur Erreichung meines eigentlichen Zieles, dann habe ich das unwiederbringlich verscherzt.
Das sind so einfache Wahrheiten, daß sie sich dem erleuchteten Gewissen jedes Kindes Gottes von selbst erweisen. Es ist offenkundig, daß die ganze Denk- und Lehrweise des Apostels durchaus von diesen Grundanschauungen getragen ist. Bei aller kräftigen Betonung des “allein aus Gnaden des Berufers” hebt gerade Paulus die große und ernste Verantwortung des Berufenen bestimmt hervor. Es ist mehr als bedenklich, die eine Wahrheit auf Kosten der andern zu betonen. Beide müssen in gleicher Weise beherzigt werden. Aber beide müssen auch wohl von einander unterschieden werden.
Der nächste Schritt in unsrer Untersuchung ist der, daß wir klarstellen, was die in 1. Thess. 4, 13-18 und 1. Kor. 15, 51.52 vom Apostel gebrauchten Bezeichnungen der bei der Entrückung Beteiligten uns besagen. In der Thessalonischerstelle lauten dieselben wie folgt: die “Entschlafenen durch Jesum” (V. 14); “wir, die wir lebend übrigbleiben” (V. 15); die “Toten in Christo” (V. 16); “wir, die lebend überbleiben, zugleich mit ihnen” (V. 17).
In der Korintherstelle heißt es V. 51.52 einfach: “Wir werden nicht alle entschlafen, aber verwandelt werden.” Alle diese Bezeichnungen sind so allgemein gehalten, daß sich aus ihnen kaum feste Folgerungen ziehen lassen über die Frage, welchen besonderen Charakter sowohl die “Entschlafenen durch Jesum” oder die “Toten in Christo”, als auch “wir, die lebend Überbleibenden”, tragen oder getragen haben mögen. Ob die also Genannten regelrecht gekämpft, den Glauben gehalten, die Erscheinung des Herrn wirklich liebgewonnen, ist aus der dort geführten Sprache nicht ersichtlich. Anscheinend werden an beiden Orten derartige Unterschiede nach Treue, Sieghaftigkeit und Beharrlichkeit gar nicht gemacht. Wenigstens tritt das nicht hervor. Berechtigt uns dieser Umstand aber dazu, anzunehmen, es käme auf solche Dinge überhaupt nicht an? Wir achten nicht. Vielmehr sind wir überzeugt, daß kein Schriftwort je in einem Sinne gelesen werden darf, der sich nicht mit Wahrheit deckt, die in der übrigen Schrift auf das Klarste und Bestimmteste hervorgehoben werden. Wiederum müssen Schriftausdrücke allgemeinen Charakters, wie z. B. der Ausdruck “die Christo angehören”, oder “die Toten in Christo”, ihre besondere Bedeutung aus dem sachlichen Zusammenhang bekommen.
Man braucht ja nur eine Probe des Gegenteils zu machen, um zu sehen, was wir meinen. Wir lesen 1. Kor. 15, 23 von solchen, die “Christo angehören”, und die bei seiner Zukunft auferstehen werden. Sind das alle Toten, die überhaupt im allerweitesten Sinn “Christo angehören”, etwa wie Ps. 8, 7 und Hebr. 2, 7.8 oder Phil. 2, 10.11 davon reden? Doch gewiß nicht. Nun aber ist diese Beschränkung des Ausdrucks nur aus dem ganzen Schriftzusammenhang zu erkennen und zu ergänzen. Und die gleiche Berechtigung, ja Nötigung liegt dazu hier vor. Dies zu übersehen oder abzuweisen, hieße nach unsrer Erkenntnis, den Apostel mit sich selbst in Widerspruch bringen.
Denn wir haben oben gezeigt, wie Paulus auf das Deutlichste lehrt, daß es bei der Erlangung des Kampfpreises, der Krönung, d.h. also bei der Einführung in die königliche, herrschende Stellung und Würde im künftigen Reichshaushalt nicht nur darauf ankommt, daß man sich als ein vom Herrn Ergriffener und wirklich Erlöster wisse, sondern daß man jage nach dem Ziel und Kleinod der himmlischen Berufung Gottes in Christo Jesu, daß man es auch ergreife und Kronengewißheit erlange, nach des Apostels eigenem Beispiel und Vorbild. Daher können wir uns der Auffassung nicht anschließen, die allen Bekehrten und Wiedergeborenen als solchen, ohne Unterschied der Führung und Bewährung im verordneten Kampf, die Beteiligung an der Entrückung, d. h. an der Erhebung in die königliche Stellung bei dem Herrn zuspricht, lediglich auf Grund der allgemein gehaltenen Ausdrücke, die dort gebraucht sind.
Wir geben gern zu, daß alle Erlösten die volle Berechtigung haben, mitentrückt zu werden. Ob sie aber auf Grund dieser Berechtigung, die allein aus Gnaden geschieht, für ihre wirkliche Bereitschaft Sorge getragen, dass ist eine ganz andere und sehr wichtige Frage, die wir hier nicht ausschalten können. Denn es ist ganz offenkundig, dass es wahrhaft gläubige, unzweifelhaft bekehrte Kinder Gottes in großer Zahl gibt, die tausend Dinge viel lieber gewonnen haben, als des Herrn Erscheinung. Daß solche verloren seien, ist für uns ausgeschlossen. Ebenso aber auch, dass sie sollten zu den Stufen der Überwinder, zu wirklicher Mitherrschaft mit Christo zugelassen werden, da sie ja nicht überwunden haben, sondern Geschlagene sind.
Daß es sich aber bei der Entrückung nur um die Sammlung des eigentlichen Leibes Christi handelt, nicht aber um die Einbringung aller Früchte seines Todes und seiner Auferstehung, das ist uns längst zur tiefsten Überzeugung geworden. Demgemäß können wir nicht anders urteilen im Bescheid auf die Frage: Wem gilt die Entrückung? — als wir es hier getan.
3. Wie geschieht die Entrückung?
Die Frage ist keine müßige, denn die Schrift geht darauf ein. Paulus darf uns den Vorgang mit großer Deutlichkeit schildern:
A) Es ist eine persönliche Einholung der Seinigen durch den Herrn selbst. Es wäre eine hohe Ehre und Auszeichnung, wenn der Herr die Seinen bei dieser Gelegenheit durch eine glänzende Abteilung seiner gewaltigsten Engelfürsten von der Erde abholen ließe. Sind sie doch allzumal dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die ererben sollen die Seligkeit (Hebr. 1, 14). Sie würden es sich gewiß zur Ehre anrechnen, dazu verwandt zu werden. Aber wenn Majestäten abzuholen sind, dann schickt der Kaiser weder Hofmarschall noch den Reichskanzler, — dann kommt er selber. Dies eine Wort — Er selbst, der Herr — tut uns einen wunderbaren Blick auf in den Reichtum seiner Herrlichkeit seines Erbes an seiner mit Blut erkauften Gemeinde. Auch steht dies in vollendeter Harmonie mit allem, was die Schrift über die unbegreifliche Hoheit unsrer himmlischen Berufung in Christo Jesu sagt. Was wird das für eine Bewegung geben in den himmlischen Regionen, wenn bis in ihre fernsten Fernen die Kunde erschallt: Nun kommen sie, die berufenen und auserwählten Miterben seiner königlichen Majestät und Herrlichkeit, die ganze Familie von Gottessöhnen, allesamt Ebenbilder seines Wesens. Ein solcher Aufgang von überschwenglicher Klarheit war im Himmel nicht seit dem Tage, da ihn die Wolke vom Ölberge aufnahm und er sich über alle Himmel setzte zur Rechten der Majestät.
B) Die gegebenen Signale oder Zeichen sind von großer Bedeutung. Gebieterischer Zuruf (Kommandowort), Stimme des Erzengels, Posaune Gottes. Eine Dreizahl göttlicher Vollkommenheit.
Zunächst ist zu beachten, dass alle drei Signale nicht sichtbare, sondern nur hörbare sind. Auch darin zeigt sich wieder die unvergleichliche Vollkommenheit und Harmonie der Offenbarung. Das Wort Gottes ist ganz vollkommen. Auf den ersten Blick ist hieran deutlich zu erkennen, dass diese ganze Begebenheit nur solche angeht, die ein geöffnetes und geübtes Ohr haben. Die ganze Erziehung und Heranbildung Israels geschah — (und wird nach den Schriften der Propheten auch in Zukunft geschehen, wie aus Hes. 40-48; Jer. 33, 17-21 hervorgeht) — durch das Auge, d. h. durch Anschauungsunterricht in göttlichen Dingen. Die der Gemeinde hingegen ganz durch das hörende Ohr, d. h. durch das verkündete Wort, unabhängig von aller Sichtbarkeit. Wie geschrieben steht: Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Dem entspricht es durchaus, wenn das Kommen des Herrn für Israel stets durch großartige augenfällige Erscheinungen gekennzeichnet ist, wie z. B. Matth. 24, 27-30; Offb. 1, 7; Sach. 12,1 0-14 u.a.m. Das Festhalten dieser einfachen Unterscheidung dient sehr zur sofortigen Orientierung über alles, was bei der Zukunft des Herrn auf Israel Bezug hat und was auf die Gemeinde. Auch wird dadurch verständlich, warum das Buch vom “großen und offenbarlichen Tag des Herrn”, die Apokalypse, der Entrückung der Gemeinde, die doch den eigentlichen Höhepunkt ihres Lebens bildet, keine besondere Erwähnung tut. Denn dies ganze Buch hat es, nach unserm Urteil nicht mit dem Leibe Christi, der Gemeinde aus den Völkern (Israel mit unter die Völker gezählt), sondern nur mit Israel und dessen Endgeschichten in dem (nach diesem) folgenden Zeitalter zu tun[2].
In Übereinstimmung mit jener Tatsache, von deren Richtigkeit sich jeder sorgfältige Bibelforscher bald überzeugen kann, wird die auf ihren Herrn wartende Gemeinde durch ihren Apostel angewiesen, nicht auf Erscheinungen am Himmel und dergleichen zu achten, sondern auf Signale für das geübte und geöffnete Ohr.
Beiläufig sei in diesem Zusammenhang auch darauf hingewiesen, dass beim Warten Israels auf seinen künftigen Messias stets der Name “Menschensohn” gebraucht wird; bei der Gemeinde niemals, sondern nur der Ausdruck “Sohn Gottes”.
Dies führt zu einer andern oft gestellten Frage: Wie ist es denkbar, dass ein solcher Vorgang sich sollte still und geräuschlos in der Welt vollziehen? Nun, wir denken uns das keineswegs still und geräuschlos. Aber als einmal (Joh. 12, 28 ff.) eine Stimme aus dem Himmel an den Sohn kam, da sprachen einige: Es donnerte. Also die hatten wohl etwas gehört. Andere sagten: Es hat ein Engel mit ihm geredet. Die hatten ein gewisses Verständnis sogar für Überirdisches. Er allein aber vernahm “die Stimme”. Es ist eben ein Unterschied zwischen hören und vernehmen. An eine Heimlichkeit der Entrückung in dem Sinne, dass kein anderer Mensch, als die Beteiligten überhaupt etwas davon erführe, bis es alles vorüber sei, ist wohl nicht zu denken. Wozu auch? Die Feinde Christi wurden durch die römischen Soldaten, die das Grab sorgfältig bewacht hatten, deutlich genug gewahr, dass da draußen etwas vorgegangen sei. Aber den Auferstandenen selbst bekamen sie nicht zu Gesicht. Den sahen nur seine auserwählten Jünger und Jüngerinnen.
Eine weitere Frage, wie man sich die dreifache Zahl der Signale deuten solle, führt uns über zu dem nächsten Punkt:
C) Die Reihenfolge der Ereignisse. Wir glauben nämlich, dass die Dreizahl hier nicht bloß eine ideale und symbolische Bedeutung hat, sondern eine sehr reale und praktische. Wir folgern das aus einem Wort desselben Apostels in 1. Kor. 15, 23, wo von demselben Gegenstande die Rede ist, nämlich von der Auferstehung derer, “die Christo angehören, wenn er kommt”. Da heißt es: ein jeglicher in seiner Ordnung. Das mit “Ordnung” übersetzte Wort bedeutet aber eine militärische Abteilung. Dieses Bild des Apostels führt uns also ganz bestimmt darauf, hier an Vorgänge zu denken, wie sie im militärischen Leben, z. B. bei einem Feldlager oder Biwak ganz geläufig sind: Der Morgen dämmert. Da ertönt das erste Signal: Aufstehen! Bald darauf ein zweites: Alles fertig machen zum Abmarsch! Nach kurzer Frist das dritte: Vorwärts, marsch!
So wird 1. Thess. 4, 16.17 ganz deutlich ein Zeitabstand markiert zwischen der Auferweckung der Toten in Christo und der “danach” erfolgten Verwandlung der lebendig Übrigbleibenden. Unsere Deutung findet also ihre Bestätigung. Wie lange dieses “danach” sich ausdehnen mag, ist nicht zu sagen. Soviel ist gewiß, dass es ganz mit biblischem Sprachgebrauch übereinstimmt, dass auch diese “Posaune” oder “Stimme” sich in ihrer Wirksamkeit über einen bestimmten, wohl nicht zu langen Zeitraum auswirken wird. Aus Offb. 9, 5 ist ersichtlich, dass die Ereignisse der dortigen 5. Posaune sich über mindestens fünf Monate ausdehnen. Ähnlich mag es hier sein. Dem widerstreitet nichts in der übrigen Darstellung der Vorgänge. Denn es kann dabei doch die Verwandlung der Einzelnen unter den Überlebenden sehr wohl ganz plötzlich, “in einem Nu” geschehen, ohne dass alle in demselben Nu verwandelt werden müßten. Im Text ist nichts, das zu einer solchen Annahme zwänge.
Wenn nun gefragt wird: Was machen dann in dieser Zwischenzeit die schon beim ersten Signal aus den Gräbern Gerufenen? So antwortet die Schrift auch hierauf. Der Erstgeborene von den Toten, Jesus Christus, verweilte nach seiner Auferstehung ebenfalls (ab und zu) noch vierzig Tage unter seinen Jüngern auf Erden und handelte mit ihnen von den Dingen des Reiches Gottes, d. h. er gab ihnen Unterweisungen und Aufschlüsse, die nur der Auferstandene geben konnte. Warum sollte nicht etwas Ähnliches stattfinden zwischen den vorher Auferweckten und den Überlebenden der letzten Tage? Wir können in der Schrift nichts finden, das dem zuwider wäre. Vielmehr gingen auch jene, die bei der Auferstehung Jesu mit auferweckt wurden, aus ihren Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen (Matth. 28, 52.53). Was sie da getan, wird uns nicht gemeldet. Aber die Tatsache wird berichtet. Und was damals geschah, darf wieder geschehen. Jedenfalls bewegt sich unsre Annahme ganz auf den Linien biblischer Vorgänge und Beispiele, Auch sähe es unserm großen und freundlichen Herrn so ganz ähnlich, dass er die allerletzten Zubereitungen der Seinen in einer derartigen Weise beschleunigen ließe durch Besuche der Heiligen, die der “Ausauferstehung aus den Toten” teilhaftig geworden (Phil. 3, 11).
Vielleicht fällt auch noch Licht auf diese Annahme durch den Spiritismus, d. h. das gottwidrige Bestreben der Menschen (und Dämonen) einen unerlaubten Verkehr herzustellen zwischen Menschen und Geistern von Abgeschiedenen. Denn es ist eine beliebte Taktik des Feindes, Dinge, die Gott tun will, vorher durch Fälschungen und Nachäffungen in Mißkredit zu bringen.
D) Der Ort der Begegnung mit dem Herrn. Derselbe ist nicht Jerusalem, noch der Ölberg, noch irgend ein anderer Punkt auf dieser Erde. Die Gemeinde ist nämlich kein irdischer, sondern ein himmlischer Körper. Diesem Charakter gemäß wird sie von der Erde hinweg in den (Luft-)Himmel erhoben, wohin ihr der Herr entgegenkommt. Und zwar geschieht ihre Erhebung genau in derselben Weise, wie s. Z . die Seinige, d. h. auf Wolken. Die Gemeinde hat also auch in dem Stück auf volle Gleichstellung mit ihm zu rechnen. Alles steht in vollendeter Harmonie. Wie er war: verachtet, verworfen, gekreuzigt, so ist auch sie in dieser Welt. Ebenso ist sie im Glauben samt ihm auferweckt und schon (rechtlich) in die himmlische Region versetzt. Darauf folgt die ganz natürliche und selbstverständliche Himmelfahrt als würdiger Abschluß ihrer Laufbahn. Es ist wieder auf eine Verkennung dieser harmonischen Übereinstimmung aller Züge in dem Bilde, das die Schrift von der Gemeinde entwirft, zurückzuführen, dass man z. B. nach Palästina ausgewandert und sich dort niedergelassen, um daselbst den ankommenden Herrn zu erwarten. Das ist Israels durchaus berechtigte Hoffnung. Aber die Gemeinde hat mit diesen Lokalitäten nichts zu tun. Jenen gilt, was geschrieben ist durch den Propheten: Seine Füße werden stehen an jenem Tage (dem großen “Tage des Herrn”) auf dem Ölberge, der östlich von Jerusalem liegt (Sach. 14, 4). Die Gemeinde erwartet seine Begegnung im Lufthimmel, über und außerhalb des Erdkreises.
Es ist der Ort, an welchem bisher der Fürst dieser Welt und seine Engel ihr Wesen gehabt, und von wo aus sie den Lauf dieser Weltzeit beherrscht haben. Die Begegnung des Herrn mit den Seinen gerade auf diesem Gebiete steht daher wohl im ersten Zusammenhang mit einem vollständigen Wechsel und Umschwung, der in der Regierung der Welt nun bald eintreten wird. Auch liegt wohl hier eine sehr deutliche Anerkennung der Tatsache, dass die Entrückten allesamt “Überwinder” seien, die dem Feinde nun auf seinem eigenen Gebiet begegnen dürfen und er hat nichts an ihnen. Denn bald wird jener “Starke” zunächst auf tausend Jahre gebunden werden. An diesem (vorläufigen) Gericht über ihn wird die verklärte Gemeinde kraft ihrer Sieghaftigkeit gewiß einen hervorragenden Anteil haben.
E) Das Endresultat — allezeit bei dem Herrn! Dann endlich wird das tiefste beiderseitige Sehnen gestillt. Das Haupt ist in unbeschränktem Vollbesitz all seiner Glieder. Die Glieder sind, ein jegliches an seinem Ort, in ununterbrochener, nie mehr zu störender Gemeinschaft mit ihm, dem Haupt, und untereinander. Das Wort: Unser keiner lebt ihm selber — wir sind des Herrn, ist in höchster Weise erfüllt. Was immer die großen, gewaltigen Aufgaben sein werden, die der Vater dem Sohne zu lösen geben wird, nach der Schrift, in der Vollstreckung des Gerichts, in der Verwaltung des Reichs, in der Neugestaltung aller Dinge und Verhältnisse, die Gemeinde hat den allerinnigsten Anteil an allem. Er kann und wird kein einziges Werk tun, ohne sich zur Ausführung desselben derer zu bedienen, die eben dafür zu ihm geschaffen und mit seiner Fülle erfüllt sind, dass sie zu jedem Dienst tauglich und ihm allein zur Verfügung seien. Das wird dann vollendete “Ruhe” sein in der großartigsten Bestätigung aller Kräfte eines verklärten Geistes in einem Herrlichkeitsleibe. Jeder Wunsch, das auszumalen, muß scheitern an unsrer stückweisen Erkenntnis, unserm stückweisen Weissagen. Dann erst kommt das Vollkommene, und alles Stückwerk hat ein Ende.
4. Wann ist die Entrückung zu erwarten?
Von chronologischen Rechnungen kann hier keine Rede sein, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil die Gemeinde kein irdischer Körper ist wie Israel, sondern ein himmlischer Körper. Sie untersteht den Gesetzen von Zeit und Raum in keiner Weise. Ihr Platz ist droben, da Christus ihr Herr und Haupt ist, hoch über Sonne, Mond und Sternen, von welchen die Zeitläufe dieser Welt beherrscht werden, und nach denen sie berechnet und geordnet sind. Wo wir in der Schrift Zahlen und Berechnungen begegnen, haben wir es stets mit Israel, niemals mit der Gemeinde zu tun. Hätte man das beachtet, so hätte man sich viel eitles Kalendermachen erspart.
Biblische Chronologie ist unter allen Umständen die exakteste und zuverlässigste. Aber alle bisherigen Versuche, diesen gegenwärtigen Äon richtig zu berechnen, sind fehlgeschlagen. Das ist nicht von ungefähr, sondern unverkennbar göttliche Absicht. Die Uhr, nach welcher Gott früher gemessen hat, als er noch mit Israel rechnete, steht stille. Sobald Gott die mit seinem Volke abgebrochenen Beziehungen wieder anknüpfen wird, kann man in Israel wieder rechnen.
Das Leben der Gemeinde ist von der Kalendernähe oder ferne der großen Gottestaten, in denen es steht, ganz unabhängig, und muß es sein. Die Gläubigen von heute haben wahrlich nicht weniger vom Kreuz und von der Auferstehung Christi, weil es schon 1800 Jahre her ist, seit Jesus starb und wieder auferstand. Noch waren, umgekehrt, die Gemeinen der apostolischen Zeit in Bezug auf die Zukunft des Herrn gegen uns im Nachteil, weil wir dieser noch künftigen Gottestat chronologisch um 1800 Jahre näher leben, als sie. Vielmehr hat, wie wir schmerzlich wahrnehmen können, die heutige Gemeinde das noch lange nicht wieder, was jene davon hatte, an innerer Kraft und Hoffnungsfreudigkeit, an Heiligungstrieb und Geduld im Leiden.
Hieran wird es deutlich, dass in dieser Sache ganz andere Gesichtspunkte zur Geltung kommen, als chronologische. So wird denn auch die Frage, ob die Gemeinde, der Leib Christi, berufen sei, erst noch durch die große antichristliche Drangsalszeit zu gehen, ehe sie entrückt werde, vornehmlich aus inneren Gründen, d.h. aus der Betrachtung ihres Wesens, ihrer Stellung und Aufgabe im göttlichen Plan und Haushalt zu beantworten sein. Mit andern Worten, diese Frage ist keine Kalenderfrage, zu deren richtiger Lösung man große wissenschaftliche oder theologische Geschicklichkeit in der genauen Berechnung der biblischen Daten bedürfte. Dann wäre die Gemeinde allerdings in einer Weise abhängig von menschlichem Wissen und Können, die der ganzen apostolischen Darstellung entschieden widerspräche.
Wir möchten der wartenden Gemeinde die folgenden Erwägungen zu ernster und sorgfältigster Prüfung unterbreiten und bitten den Herrn, in diese schwache Bemühung, Klarheit zu bringen in eine Frage, die viele Gemüter beunruhigt, zu segnen.
A) Von grundlegender Bedeutung ist die Erkenntnis, dass die Gemeinde ein von Israel durchaus verschiedener Körper ist, der eine ganz andere Entstehung, Berufung und Stellung hat im göttlichen Haushalt. Die meiste Unklarheit stammt daher, dass man nicht klar genug unterscheidet, sondern immer noch Dinge, die auf Israel gesagt sind, auf die Gemeinde, deutet und anwendet.
B) Von gleicher Wichtigkeit ist die Erkenntnis, dass nach dem wiederholten Zeugnis des Apostels Paulus (man lese sorgfältig Röm. 16, 25.26; Eph. 3, 1-9; Kol. 1, 24-27) die Gemeinde ein in Gott verborgenes “Geheimnis” war, das weder Gegenstand alttestamentlicher Prophetie, noch Gegenstand der Lehre und Verkündigung Jesu, noch Gegenstand der apostolischen Predigt der Zwölfe an die Beschneidung war. Daraus folgt ganz selbstverständlich, was wir oben bereits ausgeführt haben, dass die Gemeinde weder in den Rahmen der alttestamentlichen, noch der neutestamentlichen Chronologie aufgenommen worden ist. Weder Daniel, noch Jesus in seinen letzten Reden (Matth. 24 und Luk. 21) noch der Seher Johannes rechnen mit der Gemeinde. Alle in diesen Propheten enthaltenen Zahlenangaben haben es nur mit Israel zu tun. Die Gemeinde bildet eine unberechenbare Einschaltung oder Parenthese, sowohl was ihren Anfang, als auch was ihr Ende und ihren Ausgang aus dieser Welt anbetrifft. Es ist ein sehr ehrwürdiger, aber darum nicht minder bedenklicher Irrtum zu meinen, die Gemeinde, in dem Sinne der paulinischen Verkündigung, habe ihren Anfang gehabt am Tage der Pfingsten in Jerusalem. Niemand ist imstande, aus den biblischen Berichten zu berechnen, wann dem Apostel das “Geheimnis” seiner Verwaltung durch Offenbarung kundgetan worden sei. Soviel ist ganz klar, als Petrus in das Haus des Kornelius gesandt wurde, war es den Zwölfen noch nicht bekannt. Ebenso unberechenbar ist der Abschluß, die Vollendung dieses Mysteriums, d.h. der Ausgang der Gemeinde durch Auferstehung, Verwandlung und Entrückung. Dass ihr Anfang in einem bestimmten inneren Zusammenhange stand mit Israels nationaler Verblendung, ist unverkennbar, und wird von Paulus selbst angedeutet (Röm. 11, 11.15). Gleicherweise wird wohl auch ihr Ausgang in sehr direkter Beziehung stehen zu der Wiederaufnahme der offiziellen Beziehungen mit Israel seitens des Herrn. Aber ein genauer Zeitpunkt für das eine oder für das andre läßt sich einfach nicht festlegen, soweit unsre Erkenntnis reicht. Wir erblicken darin keineswegs einen Mangel oder Nachteil, sondern achten diese beabsichtigte Ungewißheit und Unberechenbarkeit als durchaus entsprechend dem ganzen wunderbaren Charakter des Leibes Christi.
C) Es ist eine beachtenswerte Tatsache, dass Paulus in seinen sämtlichen Briefen an die Gemeinen nicht ein einziges Mal mit Zahlen oder chronologischen Daten umgeht. Das wäre ganz unverständlich, wenn es für die Gemeinde zum Verständnis ihrer Stellung im göttlichen Haushalt irgendwie auf richtige Berechnung des Endes ankäme. Es ist aber durchaus verständlich, ja selbstverständlich, wenn unsre Annahme richtig ist, dass die Gemeinde mit dem Kalender überhaupt nichts zu tun hat.
D) Bei den sehr häufigen Hinweisen des Apostels Paulus auf die nahe bevorstehende Ankunft des Herrn fehlen nicht nur genaue chronologische Angaben, aus denen man etwas berechnen könnte, sondern er erwähnt auch nicht ein einziges geschichtliches Ereignis, das der Herabkunft des Herrn in die Luft zur Begegnung mit seiner Gemeinde vorangehen müßte, und an dessen Eintreffen man die ungefähre Nähe der Entrückung ermessen könnte. Der hier gewiß von vielen erhobene Einwand, dies geschehe aber doch 2. Thess. 2, 2.3 in sehr bestimmter Weise, wird hinfällig, sobald man diese Stelle liest, wie sie gelesen werden will, d. h. wort- und sinngemäß und in ihrem Zusammenhang. Die gewöhnliche Übersetzung ist schuld an diesem Irrtum. Vers 1 macht klar, dass es sich um die Zukunft unseres Herrn Jesu Christi und um “unser Versammeltwerden zu ihm” (nach 1. Thess. 4, 13-18) handelt. Vers 2 zeigt, dass es schon damals Leute gab, welche die Gläubigen erschreckten und beunruhigten, als ob ihre Leiden und Drangsale die des großen und schrecklichen “Tages des Herrn” seien, der bereits hereingebrochen wäre. Daher beruhigt sie der Apostel sehr wirksam mit dem Hinweis (Vers 3) auf die Tatsache, dass diesem “Tage” der göttlichen Zornesoffenbarung allerdings der Abfall und die Offenbarung des Menschen der Sünde vorangehen müsse. Also sei nicht daran zu denken, dass sie etwa die Entrückung (vor diesem “Tage des Herrn”) verscherzt hätten und nun Gegenstand der göttlichen Zornesoffenbarung seien.
Solange man allerdings wieder nicht unterscheiden kann oder mag erstens zwischen dem 1. Thess. 4, 13-18 geschilderten köstlichen Vorgang bei der Ankunft und Begegnung des Herrn vom Himmel mit den Seinigen im Lufthimmel, und zweitens Seiner majestätischen Erscheinung und Offenbarung mit allen seinen Heiligen zur Eröffnung des großen “Tages des Herrn”, um Strafe zu geben mit den Feuerflammen denen, die Gott nicht anerkennen und dem Evangelium unseres Herrn Jesu nicht gehorsam sind (2. Thess. 1, 7.8), solange wird man auch hier nicht aus dem Wirrwarr und Dunkel kommen. Man lese doch nur sorgfältig, was in den Schriften der Propheten einstimmig über den finstern und schreckhaften Charakter des “Tages des Herrn” gesagt ist (Jes. 13, 6-13; 34, 1-10; Jer. 30, 7; Hes. 7; 30, 2.3; Joel 2, 1-11; 3, 4; Zeph. 1, 14-18; 2, 2.3; Mal. 3, 19.23), Es ist schier unbegreiflich, wie man je hat das in 1. Thees. 4, 13 ff. geschilderte Ereignis, die freudenreiche Begegnung des Herrn mit seiner ihm dann gleichgestalteten Gemeinde, verwechseln können mit dem grauen- und schreckenvollen “Tage des Zornes des Herrn”, von welchem 2. Thess. 2 die Rede ist. Aber dogmatische Fesseln sind sehr fest und schwer zu lösen.
Von diesem zukünftigen “Tage des Herrn”, der Gerichtsoffenbarung seines Zornes, hatte Paulus schon 1. Thess. 5, 4 die Brüder deutlich belehrt, derselbe werde sie überhaupt nicht wie ein Dieb ergreifen, da sie ja Kinder des Lichtes und des Tages seien; denn Gott habe uns (die gläubige Gemeinde) nicht zum Zorn bestimmt, sondern zum Besitz des Heils (in seiner Vollendung) durch unsern Herrn Jesum Christum (Vers 9). Ebenso deutlich spricht er aus: Euch aber, die ihr jetzt bedrückt seid, Ruhe mit uns, bei der Offenbarung unsers Herrn Jesu Christi vom Himmel herab samt den Engeln seiner Kraft, da er mit Feuerflammen Strafe geben wird (2. Thess. 1, 7.8). Uns dünkt, es könnte nicht schärfer und bestimmter geschieden werden zwischen uns (den Gläubigen) und denen, die von den Schrecken jenes “Tages des Herrn” betroffen werden sollen.
E) Dies alles hat seine tiefe Begründung in der weiteren Tatsache, dass die Gemeinde als sein Leib, d.h. als Vollstreckungsorgan des Hauptes, berufen ist zur “Gemeinschaft Jesu Christi”, zu “seinem eigenen Königtum und zu seiner eigenen Herrlichkeit” (1. Kor. 1, 9; 1. Thess. 2, 12). Diese Berufung wird viel zu wenig unterschieden. Man flacht das alles ab. Man redet nur von dem “Seligwerden” und dass man “in den Himmel komme” usw. Aber die eigentlichen Ziele unsrer himmlischen Berufung bleiben unerkannt. Man nimmt Gott nicht bei seinem Wort. Man wähnt sich dabei gar noch bescheiden, und ist einfach ungläubig. Paulus sagt deutlich genug: Wisset ihr nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden? Und abermals: Wisset ihr nicht, dass wir Engel richten werden? (1. Kor. 6, 2.3). Nun ist es durchaus selbstverständlich, dass die zu solcher Würde und solchem Dienst berufene Gemeinde an jenem Tage unmöglich weder auf der Anklagebank sitzen, noch Gegenstand des göttlichen Strafurteils sein kann! Ebenso selbstverständlich ist, dass ein Gerichtshof sich erst ordnungsmäßig zusammensetzen muß, ehe er eröffnet werden und seine Funktionen ausüben kann. Es ist also eine zwingende innere Notwendigkeit, die sich durchaus natürlich aus dem biblischen Begriff und der Stellung der Gemeinde in Christo ergibt, dass dieselbe eine gewisse — ihr selbst unberechenbare — Zeit vor der “Offenbarung” des Herrn mit ihr zur Gerichtsvollstreckung an der(zurückgebliebenen) ungehorsamen Völkerwelt und – Christenheit, zu ihrem Haupte versammelt werde, der dann genau einem jeden Gliede seines Leibes seinen Posten und seine Aufgabe für jenen “Tag” zuerkennen wird.
F) Man hat geglaubt, dieser Auffassung den Vorwurf der Leidensscheu machen zu dürfen. Auch das beruht wieder auf einem Mangel an richtiger Unterscheidung. Die “Leiden, welche in Christo sind”, und welche der Gemeinde als seinem Leibe durchaus eigen sind und sein müssen nach Röm. 8, 17, sind von ganz besonderer Art. Die Leiden Christi, an denen wir teilhaben dürfen, einerlei, wie es der Gemeinde auf Erden ergehen mag, waren weder verschuldete noch unfreiwillige, oder ihm aufgenötigte. Was Christus gelitten hat, hat er freiwillig gelitten. Er hat auf sich genommen, was er, ohne zu sündigen, hätte liegen lassen können. Er wäre dann immer noch ein vollkommener, makelloser Mensch, aber — allein geblieben. Nur durch freiwilliges Leiden des Todes wurde er der fruchtbare Urheber der Seligkeit für viele (Joh. 12, 24).
Die “Gemeinschaft seiner Leiden” besteht nun nicht darin, dass man büßt, was man selbst verschuldet hat (wie Israel tun muß); auch nicht darin, dass man überhaupt viel Schweres im Leben durchzumachen hätte. Sondern das ist sie, wenn man lernt, freiwillig das unverschuldete Leid und Elend anderer auf sich zu nehmen, priesterlich mit unterzustehen und zu tragen, wie er getragen hat. Es ist eine irrige Auffassung zu meinen, die Gemeinde Christi müsse erst durch Straf- und Zorngerichte Gottes zubereitet werden auf den Tag der Zukunft unsers Herrn Jesu Christi. Das trifft wohl zu auf die unzählbare Schar derer, die Kleider hatten, aber dieselben mit der Welt besudelten, und dann, durch das Feuer der “großen Trübsalzeit” geläutert, ihre Kleider helle machen werden in des Lammes Blut (Offb. 7, 14). Das sind aber weder Kronenträger noch Mitherrscher mit Christo; sondern Dienende in seinem Tempel. Dieselben mit der Gemeinde zu verwechseln geht wieder nicht an. Es wäre ja sonst gar nicht zu begreifen, wie Johannes diese Schar nicht sollte auf den ersten Blick erkannt haben.
Die Glieder des Leibes Christi haben das hohe Vorrecht, ihrem erhöhten Haupt auch darin gleichgesinnt zu sein, dass sie freiwillig das von ihnen selbst nicht verschuldete Weh und Leid, das sie umgibt, den Jammer der Welt, die Schäden der Gemeinde, die Schäden der Brüder, vor den Herrn tragen, und also ausgestaltet werden in sein Ebenbild. Das aber ist kein Zwangsverfahren und kein strafrechtlicher Prozeß, der sich an ihnen vollziehen müßte.
Nun ist es jedem aufmerksamen Leser der Offenbarung auf den ersten Blick einleuchtend, dass die Drangsale und Heimsuchungen der antichristlichen Zeit unverkennbar in den Rahmen dessen gehören, was Johannes von dem “großen und schrecklichen Tag des Herrn” und der Offenbarung seines Zornes vom Himmel geschaut hat. Es ist uns daher ganz unmöglich, die Gemeinde, den Leib Christi, uns auf der Erde zu denken, wenn z. B. Offb. 13 seine Erfüllung finden wird. Christenheit und Christentum wird es dann wohl noch geben. Aber die Gemeinde ist längst vollendet und hat vorher ihren Platz eingenommen auf seinem Stuhl als seine Fülle.
Wenn nun nach der Schrift Henoch “durch Glauben entrückt ward, dass er den Tod nicht sah”, so wird es wohl mit der Gemeinde Gottes, die in Christo Jesu ist, nicht anders gehen. Darum ist es eine große Freude, wahrzunehmen, wie in unsern Tagen Gotteskinder hin und her in allen Ländern der Erde, ohne Verabredung untereinander, sondern als Wirkung des einen Geistes, der in allen lebt und mächtig ist, anfangen, sich immer entschiedener auszustrecken nach den Möglichkeiten, die das feste prophetische Wort der Gemeinde entgegenhält in Bezug auf die völlige Überwindung alles Todeswesens auch in unsern sterblichen Leibern. Wir sind der festen Überzeugung, dass auf dieser Linie die Frage: Wann ist die Entrückung zu erwarten? Ihrer Lösung entgegengeführt wird. Das läßt sich menschlich nicht machen, aber gottlob, auch nicht verhindern. Der Herr geht unverkennbar weiter mit denen, die ein offenes Ohr haben, und die nicht träge sind zu glauben allem, das geschrieben steht. Eine größere Aufgabe haben wir heute nicht, als die war, die der Meister schon den Jüngern stellte, und die der Apostel den Gemeinen schärfte: Wachet und seid bereit!
[1] Bemerkenswert ist, daß keiner der Apostel der Beschneidung die Entrückung in ähnlicher, bestimmter und lehrhafter Weise wie Paulus erwähnt.
[2] Wir verstehen auch unter dem männlichen Sohne in Offb. 12 nicht den Leib oder Teil desselben, sondern nur eine rein israelische Körperschaft, die in der letzen Drangsal ausgestaltet werden wird.
(Quelle: Mir unbekannt; Schriften Johannes Ullmann)


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