Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Israels Verwerfung und Wiederannahme

Autor: Schumacher, Heinz  |  Kategorie(n): Heilsgeschichte, Israel  |  385 x gelesen

(Wortdienst auf der Bibelkonferenzstätte Langensteinbacherhöhe am 11.10.1977 anläßlich der Brüderfreizeit; vom Verfasser überarbeitet)

Mir wurde für heute das Thema gestellt: Israels Verwerfung und Wiederannahme. Wir betrachten zunächst

Israels Verwerfung

Über die Kapitel 9-15 der Apostelgeschichte könnte man die Überschrift setzen: die große Weichenstellung. Der “Zug des Heils”, der bis dahin nur israelitisches Gebiet durchfuhr, fährt von nun an in Richtung Nationenwelt. — Lassen Sie es mich noch an einem anderen Bild verdeutlichen, indem ich mich von der Schiene auf die Straße begebe: Die Apostelgeschichte, und darin namentlich die erwähnten Kapitel 9-15, berichten uns von einer gewaltigen Umleitung, die Gott vornimmt. Wenn vor dem Autofahrer plötzlich ein Schild mit der Aufschrift “Umleitung” auftaucht, dann gerät er leicht in eine gewisse Verlegenheit, wenn nicht gar in Ärger. Werde ich mich auf der fremden Strecke auch nicht verfahren? Werde ich mich verspäten? — Hier geht es um eine Umleitung, die Gott vornimmt, und die Umleitungsstrecke heißt Nationenwelt, Heidenwelt. Vorher befuhr der “Wagen des Heils” nur israelitisches Gebiet, und auch nach dem Ende der Umleitungsstrecke wird er wieder auf die israelitische Strecke zurückkehren.

Apostelgeschichte 9 berichtet uns, wie aus einem Saulus ein Paulus wird, wie der Sonderbeauftragte Gottes für die Nationenwelt bekehrt und berufen wird. Das 10. Kapitel der Apostelgeschichte zeigt, wie der Heilige Geist zum erstenmal Heiden, Nationen, zuteil wird. Und wenn ich vorhin davon sprach, daß Umleitungsstrecken Verlegenheit, ja Ärger mit sich bringen, so zeigt uns Apg. 10 die große Verlegenheit eines Petrus, und in Apg. 13-14 sehen wir sogar Ärger und Zorn ob diesem unerwarteten Handeln Gottes. Apg. 15 berichtet sodann von dem großen Apostelkonzil in Jerusalem, auf dem die neue “Fahrstrecke” offiziell erkannt und anerkannt wird: “Gott hat zuerst die Nationen heimgesucht, um aus ihnen ein Volk zu nehmen für Seinen Namen … Danach will ich zurückkehren und wieder aufbauen die Hütte Davids, die verfallen ist …” (V. 14.16).

An dieser Stelle muß zunächst ein Begriff geklärt werden:

Was heißt “Nationen” oder “Heiden”?

Es hat sich im “Christentum” eingebürgert, von den “Heiden” im Gegensatz zu den “Christen” zu sprechen. Man denkt an ferne unzivi­lisierte “Heidenvölker” im Gegensatz zu den “christlichen Völkern” im freien Westen. Aber, wie Professor E. F. Ströter (1846-1922) nicht müde wurde zu betonen, “es gibt sowenig christliche Völker, wie es christliche Löwen, Bären oder Tiger gibt”. Die Heilige Schrift sieht ja die Weltreiche im Bild solcher Bestien (Buch Daniel und Offenbarung), und hat sich bis heute daran etwas geändert? Wettrüsten, stärkstes gegenseitiges Mißtrauen, Friede nicht aufgrund von Vertrauen, sondern “Friede durch Angst” kennzeichnen das Verhältnis der Mächte in Ost und West zueinander.

In der Bibel steht der Ausdruck “Nationen” oder “Heiden” immer im Gegensatz zu Israel, nicht im Gegensatz zu den Christen. Siehe Jes. 11, 12; 62, 1-2 (hier steht statt “Israel” Zion und Jerusalem); Sach. 8, 13; Matth. 10, 5-6; Apg. 13, 16.17.46; Röm. 9, 30-31; 11, 25 u. a.! Mit dem Ausdruck “Nationen” sind also nicht die nicht-christlichen, sondern die nicht-israelitischen Völker bezeichnet! Nur das ist biblisch gedacht. Christliche Völker gibt es nicht, wie sich nach zwei Weltkriegen, die vornehmlich unter den “christlichen Nationen” geführt wurden, langsam herumgesprochen hat. Die Bibel kennt für die Gegenwart drei irdische Körperschaften: Israel, die Nationen und (als Auswahl aus beiden) die Gemeinde Gottes.

Eine gewisse Hoffnung für die “Nationen” — für die Völker außerhalb des 12-stämmigen Volkes Israel — enthält als “Silberstreif am Horizont” auch schon das Alte Testament, so in vielen Jesajaworten (2, 2-4; 42, 1-4; 62, 1-2 u. a.). Aber immer ist das Heil für die Nationen an ein errettetes und gesegnetes Israel gebunden. Zur Zeit des Apostels Paulus aber wird Israel verhärtet, verstockt, verworfen, beiseitegestellt. Und nun kommt es zu dem ganz Neuen, im Alten Testament noch nicht Vorgesehenen: Ohne die Errettung Israels abzuwarten, greift Gott in die Nationenwelt hinein und rettet “Heiden”, Ferne und Fremde, die noch “gar nicht an der Reihe waren”. Das ist es, was ich göttliche Weichenstellung oder Umleitung nannte.

Apostelgeschichte 10 zeigt uns die große Verlegenheit des Apostels Petrus anläßlich der Umleitung! Welch große Mühe muß Gott sich geben, Seinem Petrus klarzumachen, daß er in das Haus eines Heiden gehen und dort das Evangelium verkündigen soll! Es bedarf einer dreimaligen Vision auf dem flachen Dach des Hauses des Gerbers Simon in Joppe/Jaffa am Mittelländischen Meer, der Bitte dreier Männer, die als Abgesandte des Hauptmanns Kornelius nach Jaffa kommen, um Petrus abzuholen, sowie einer inneren Aufforderung des Heiligen Geistes an Petrus: Stehe auf, geh hinab und ziehe mit diesen drei Männern, “ohne irgend zu zweifeln, weil ich sie gesandt habe”.

Die Umleitung bringt aber nicht nur Verlegenheit, sondern auch Ärger und Zorn. Als Paulus in Antiochien in Pisidien am Sabbattag die Synagoge betritt, wird er zunächst freundlich empfangen und aufgefordert, ein Wort der Ermunterung zu sagen; als sich aber am nächsten Sabbat fast die ganze Stadt versammelt (also auch “Heiden”), um Paulus zu hören, widersprechen und lästern die Juden. Daraufhin erklärt ihnen Paulus: “Zu euch mußte notwendig” (aufgrund der heilsgeschichtlichen Ordnung Gottes) “das Wort Gottes zuerst geredet werden; weil ihr es aber von euch stoßt und euch selbst nicht würdig achtet des ewigen Lebens, siehe, so wenden wir uns zu den Nationen” (Apg. 13, 44-46). — Noch ärger ergeht es Paulus in Lystra; die ihm nachgereisten Juden aus Antiochien und Ikonium steinigen den Paulus und schleifen ihn in der Meinung, er sei tot, zur Stadt hinaus. Vielleicht war er auch klinisch bereits tot — so tot wie der als tot aufgehobene Eutychus nach seinem Sturz aus dem Fenster in Apg. 20, 9 —, denn man wird die Steine gewiß nicht sanfter geworfen haben als bei der Steinigung des Stephanus in Apg. 7! Doch wie immer es sich auch verhalten haben mag — durch ein großes Wunder Gottes kann sich Paulus, nachdem ihn die Jünger betend umringt hatten, erheben und an den folgenden Tagen seinen Dienst in Vollmacht fortsetzen, als wäre nichts geschehen.

Verständlich ist nach alledem, daß Paulus in 1. Thess. 2, 15-16 einmal folgendes Urteil über die Juden seiner Tage fällt: “… die sowohl den Herrn Jesus als auch die Propheten getötet und uns durch Verfolgung weggetrieben haben und Gott nicht gefallen und allen Menschen entgegen sind, indem sie uns wehren, zu den Nationen zu reden, auf daß sie errettet werden, damit sie ihre Sünden allezeit vollmachen; aber der Zorn ist völlig über sie gekommen.” — Und im Römerbrief sagt Paulus über sein Volk: sie sind verstockt, verhärtet worden; Gott hat ihnen einen Geist der Schlafsucht gegeben; sie sind gestrauchelt, gefallen, verworfen (11, 7.8.11.15).

Dies alles ist von Rachegefühlen und von Hoffnungslosigkeit, von irregeleiteter Juden-Theologie und erst recht von antisemitischer Hetzpropaganda meilenweit entfernt! War die Nazi-Hetze gegen die Juden aus dem satanischen Haß geboren, so steht auch hinter den härtesten Urteilen, die Gottes Wort über Juda und Israel fällt, immer der Zurechtbringungswille der heimsuchenden göttlichen Liebe. Pauli Worte in Römer 9, 1-3 beweisen es: Derselbe Paulus, der über sein Volk einerseits so hart urteilen kann, trägt andererseits über dieses sein Volk “große Traurigkeit und unaufhörlichen Schmerz in seinem Herzen”. Er ist darin ein Abbild Jesu, der über Jerusalem weinte, und letztlich ein Abbild des heute immer noch leidenden Gottes. Gott ist zwar der “glückselige Gott”, weil Er der “Gott der Hoffnung” ist (1. Tim. 1, 11; Röm. 15, 13; vgl. Röm. 8, 24); zugleich aber leidet Er unaufhörlich mit allen Seinen unerlösten Geschöpfen mit. Römer 9, 1-3 beweist, daß wahrhaft göttliche Liebe nicht selig zu sein vermag, solange andere unselig sind. Wer anderes behauptet, steht noch auf der Stufe eines krassen Heilsegoismus, wenn nicht gar Heilshochmuts.

Gericht der Verstockung

Im Alten Testament ist Pharao das Demonstrationsobjekt der Verstockung (Röm. 9, 17). Der folgende 18. Vers lehrt sogar: “So denn, wen Er will, begnadigt Er, und wen Er will, verhärtet Er.” Dies ist eines jener Paulusworte, die man nicht für sich allein, sondern nur im Rahmen der Gesamttheologie des Paulus sehen sollte. Sonst könnte man zu falschen Schlüssen kommen und im Fatalismus enden. Tatsächlich kann man mit der Bibel, wenn man Einzelworte aus dem Zusammenhang nimmt, alles beweisen! “Durch einen Punkt kann ich Linien in allen möglichen Richtungen ziehen; durch zwei Punkte kann ich nur in einer Richtung eine Linie ziehen”, pflegte Br. Karl Geyer hierzu zu sagen.

Tatsächlich könnte man bei Pharao zunächst den Eindruck haben, daß Gott willkürlich verstockt. Denn noch bevor es heißt, daß dieser Ägypterkönig sein Herz verstockte bzw. sein Herz sich verhärtete, steht geschrieben: “Ich will das Herz des Pharao verhärten” (siehe 2. Mo. 4, 21; 7, 3.13.14.22.23; 8, 15.19.32; 9, 7.12.34.35; 10, 1.20.27; 11, 10; 14, 4). — Vom Verstockungsgericht über Israel sprechen in ernsten Worten schon die Propheten Jesaja und Hesekiel (Jes. 6, 8-13; Hes. 3, 7); Johannes nennt das verstockte Herz der Juden die Ursache ihres Nichtglaubenkönnens an den Fleisch gewordenen Messias (Joh. 12, 37-40); und Paulus spricht in Römer 11 vom nachpfingstlichen Verstockungsgericht über Israel, das heute noch andauert und so lange währt, “bis die Vollzahl der Nationen” (das Vollausgereifte auf dem Acker der Nationen, der Leib des Christus) eingegangen sein wird; 11, 25). Man könnte auch sagen: Gott hat Israel ein 2 Tage lang wirkendes Narkotikum verabreicht. Narkoseärzte und Narkoseschwestern wissen, daß es verschieden lang wirkende und verschieden tief einschläfernde Narkotika gibt. Jener “Geist der Schlafsucht” (den ich keiner Versammlung wünschen möchte), den Gott Israel gegeben hat (11, 8), wirkt, prophetisch gesehen, 2 Tage lang (wobei 1000 Jahre vor Gott wie ein Tag sind). Denn Hosea weissagt einmal: “Kommt und laßt uns zu Jehovah umkehren; denn Er hat zerrissen und wird uns heilen; Er hat geschlagen und wird uns verbinden. Er wird uns nach 2 Tagen wieder beleben, am 3. Tage uns aufrichten, und so werden wir vor Seinem Angesicht leben” (6, 1-2).

Obwohl es scheinen könnte, als sei das Gegenteil richtig, wage ich zu sagen: Gott verstockt weder willkürlich noch endlos. Eine Parallele zu dem Gericht der Verstockung ist das Gericht des Dahingegebenseins, von dem Römer 1 dreimal spricht (V. 24.26.28), und hier ist es ganz deutlich, daß Gott, ehe Er dahingibt, einen entsprechenden Herzenszustand beim Geschöpf vorfindet. Dieser Zustand ist nicht einmal gekennzeichnet durch böse Pläne und Absichten, Haß und satanische Finsternis, sondern zunächst “nur” durch eine Unterlassung: weil sie Gott nicht verherrlichten noch Ihm dankten (Röm. 1, 21). Dank und Ehre ist etwas, das Gott von jedem Menschen erwartet — auf welcher Stufe auch immer er steht. Selbstverständlich erwartet Gott vom Menschen draußen in der Welt noch keinen Dank für seine Errettung oder gar “Dank allezeit und für alles”, wohl aber für die Werke Seiner Hände — Er erwartet von ihm Dank und Ehre für die Schöpfung Gottes, samt Nahrung und Kleidung, Gesundheit und Schaffenskraft und irdischem Glück. Das dauernde Vorenthalten dieses Danks und dieser Ehre kann Gott veranlassen, ein Gericht des Dahingebens bzw. ein Gericht der Verstockung zu verhängen. Danach ist das Geschöpf den Gelüsten seines Herzens und den Machenschaften Satans preisgegeben; es “kann”, nicht mehr glauben.

Welch ernste Sache ist es doch — schon für den Weltmenschen —, Gott nicht zu danken! Gott erwartet nun einmal vom Menschen den einfachen logischen Schluß: Wo eine Schöpfung ist, da ist ein Schöpfer (Röm. 1, 20)! Jede andere Lehre ist folgenreiches satanisches Gift.

Von uns, Seinen Kindern, erwartet der Vater noch mehr Dank: nicht nur Dank für die Schöpfung, sondern auch für die Erlösung (Kol. 1, 12); ja, wir sollen kommen zum “Danken allezeit für alles” (Eph. 5, 20), — was sich nicht darin erschöpfen darf, etwa nach einem Autounfall mechanisch zu plappern: “Herr, ich danke Dir für diesen Unfall!” Dies wäre sogar Heuchelei, wenn das Herz nicht dabei ist!

Gott verstockt nicht willkürlich, und Er verstockt auch nicht endlos. Damit kommen wir zu der entscheidenden Frage: Kann Gott auch Verstockte heilen, retten, zurechtbringen? — Indem Römer 11, 25 lehrt: “Verstockung ist Israel widerfahren, bis …”, wird diese Frage bejaht. Gott kann — allerdings nach Ablauf einer schweren Gerichtszeit — Verstockung enden lassen! Damit aber kommen wir zum 2. Teil des Themas.

Israels Wiederannahme — eine “zweite Chance”

Ich habe kürzlich eine Broschüre gegen die Allversöhnung gelesen, in der der Verfasser mit Nachdruck behauptet, es gebe “keine zweite Chance nach dem Tod”. Eine “erste Chance einer Entscheidung” möge es ja nach dem Tode für solche geben, die auf Erden noch keine Gelegenheit für eine bewußte Entscheidung bekamen: für “die Säuglinge und Mißgeburten, die abgetriebenen Fötusse, die Idioten und die Geisteskranken, die Naiven” und für Menschen, die in einer Umwelt lebten, “die nicht über genügende geistliche Kraft verfügte, um sie zur Umkehr zu bringen”. — Mit Dank gegen Gott darf ich feststellen, daß mein heutiges Thema “Israels Wiederannahme” ein einziger großartiger Beweis dafür ist, daß es bei Gott eine zweite Chance gibt — auch nach dem Tode noch; denn die “Errettung ganz Israels” von Römer 11, 26 umfaßt ja auch die verstockten Israeliten vergangener Generationen. Auch die Ihn durchbohrt haben, erhalten eine zweite Chance.

Nebenbei weise ich darauf hin, daß der Herr Jesus nach 1. Petrus 3, 19-20, als Er den Geistern im Gefängnis des Totenreichs predigte, sich ausgerechnet denen zuwandte, die “einst ungehorsam waren” — und nicht denen, die einst sehnsüchtig das Heil begehrten. — Zweite Chance!

Wie außerordentlich aktuell mein Thema ist, beweist auch ein Gespräch, das ich vor wenigen Tagen hier auf der Langensteinbacherhöhe hatte. Es ging um die Todesstrafe für Mörder, die ich als biblisch und richtig hingestellt hatte. Mein Gesprächspartner wies darauf hin, daß ein Christ die Todesstrafe doch wohl deshalb nicht bejahen könne, weil jedem Menschen, auch dem brutalsten Mörder, eine Chance der Umkehr offenstehen müsse, was eben nur in diesem Leben der Fall sei. Ich wies ihn darauf hin, daß gerade der letzte Teil dieser Aussage biblisch nicht stimme. Auch nach dem Tod gibt es bei Gott noch den Willen und die Möglichkeit zu retten. Es gibt auch nach dem Tod — wenn auch keineswegs sofort und überall und immer — die Möglichkeit einer “zweiten Chance”. Daher nimmt eine Todesstrafe dem Verbrecher nicht die Möglichkeit einer letzten Umkehr.

Todesstrafe und Allversöhnung

Aus einem Artikel unter dieser Überschrift, den ich bereits 1965 in GNADE UND HERRLICHKEIT schrieb (Seiten 26-29), möchte ich hier einige Sätze zitieren, weil die Thematik durch die verbrecherischen Entführungen und Erpressungsversuche, die wir zur Zeit (Oktober 1977) in Deutschland erleben, ganz neue Aktualität gewonnen hat:

Ich zitierte damals aus “Christ und Welt” (aus einem Aufsatz von G. Wirsing: “Kampf um die Todesstrafe” vom 9.10.1964) u. a. folgendes: “Es wird immer zweifelhaft bleiben, wieweit der Staat das Leben des Frevlers auslöschen darf, da die Möglichkeit zu Umkehr, Reue und Buße ja nur bei einem lebendigen Menschen möglich ist und sich auch in der Zeit vollzieht”. — Dazu schrieb ich damals:

“Wie unseren Lesern bekannt sein wird, denken wir in dem letztgenannten Punkt anders. Der Gott, der da will, daß alle Menschen gerettet werden, hat diesem Seinem Liebeswillen nicht im Tode eine für Ihn selbst unübersteigbare Schranke gesetzt. Tod und Gericht haben ihre Aufgabe im Plane Gottes, aber sie sind nur Weg und Durchgang — wenn auch für die allermeisten qualvoller Durchgang, schrecklicher Umweg —, nie jedoch Ziel und Ende … Die Allversöhnungslehre verharmlost die Gerichte Gottes nicht, aber sie überspitzt sie auch nicht, macht aus sinnvollen Gerichten keine sinnlosen, aus endlichen Züchtigungen keine endlosen, aus Äonen keine Unaufhörlichkeit, aus dem Weg nicht das Ziel. Tod und Gericht verlieren nicht ihre Schrecken, aber sie verlieren eine ihnen fälschlich angedichtete Absolutheit. Die Wahrheit der Allversöhnung relativiert die Gerichte, wie das die Bibel selber an so vielen Stellen tut, wenn sie Gottes Gerichte als maßvoll bezeichnet, Seine Güte und Liebe aber als maßlos und endlos (nicht umgekehrt).

Wie ist von hier aus die Todesstrafe zu beurteilen? — Zunächst ist zu sagen, daß sie nach biblischer Schau weder ein endgültiges Aufhören der Existenz bedeutet noch ein Abgeschnittensein von Gottes Gnaden- und Rettungsmöglichkeiten. Im Tod, aus dem Tod und nach dem Tod vermag Gott Sein Heil zu spenden … Die Todesstrafe für den Frevler ist also nur die vorzeitige Einleitung göttlicher Gerichtsprozesse, um die er ohnehin nicht herumkommt, denen er früher oder später sowieso ausgeliefert sein wird. Außerdem ist sie die Verhinderung weiterer Sünden in diesem Erdenleib und -leben, die den Berg von Schuld noch mehr aufhäufen könnten.

Nachdem wir festgestellt haben, was die Todesstrafe biblisch gesehen bedeutet, bleibt nun noch zu fragen, ob und wann sie der Staat nach biblischer Anweisung anwenden darf und soll. Hierbei darf es keine Vermischung geben von dem, was die Schrift der gläubigen Gemeinde sagt, mit dem, was sie dem Staate oder den Völkern im allgemeinen sagt. Es gibt Gemeindeordnungen, und es gibt weltliche Ordnungen. Beide decken sich durchaus nicht immer … Auf dem Boden der Gemeinde gilt für den reumütigen Sünder die Vergebung, die Rechtfertigung aus Glauben ohne Werke, und ein neues Menschentum. Auf dem Boden des Staates aber gilt nach wie vor: ‘Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll auch durch Menschen vergossen werden; denn Gott hat den Menschen zu Seinem Bilde gemacht’ (1. Mose 9, 6). Und es gilt Römer 13, 4: ‘Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie (die Regierungsgewalt) trägt das Schwert nicht umsonst; sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe über den, der Böses tut.’ Mit diesen Worten wird die Todesstrafe — auf jeden Fall für den Mörder — eindeutig bestimmt.”

Israels Weg in drei Phasen

Nach diesem Zitat aus GNADE UND HERRLICHKEIT 1965 kehren wir zu unserem Thema Israels Wiederannahme zurück.

Gibt es eine Wiederannahme, so gab es eine ursprüngliche erste Annahme und dann einen Abweg, Abfall, eine Verstockung, Verhärtung, Verwerfung. Das sind insgesamt 3 Phasen in Israels Geschichte:

  1. die “erste Chance”, die ursprüngliche Annahme, der “alte Bund”;
  2. die Zwischenzeit des Abfalls, der Blindheit, der Verstockung, der Verhärtung, der Untreue;
  3. die “zweite Chance”, die Wiederannahme, der “neue” bzw. “erneuerte Bund”, die endzeitliche Errettung.

Erstaunlicherweise sind alle drei Phasen schon im Alten Testament in vielen Prophetenzeugnissen beschrieben. Ich denke jetzt vor allem an Hesekiel 16, Hosea 2 und Jeremia 3.

Hesekiel 16 spricht im ersten Teil (V. 1-14) von der ursprünglichen Annahme Israels durch Gott; man könnte geradezu sagen, von Jehovahs “Jugendliebe”. “Ich ging an dir vorüber und sah dich, und siehe, deine Zeit war die Zeit der Liebe … und ich schwur dir und trat in einen Bund mit dir … und du wurdest mein” (V. 8). — Die Verse 15-52 dieses wundersamen Kapitels sprechen sodann von Israels Untreue und Unzucht. In derber Sprache wird Israels Ehebruch gebrandmarkt; Jerusalems Sünden waren schlimmer als die Sodoms und Samarias; verglichen mit Jerusalems Sünden, sagt der Prophet, stehen Sodom und seine Tochterstädte, jene Städte aus Abrahams Tagen, die Gott ihrer Greuelsünden wegen “umkehrte”, beinahe mit einem Heiligenschein da! — Die Verse 53-63 lehren sodann die endzeitliche Wiederbringung Sodoms und Samarias und Jerusalems. Schon Professor Ströter hat hier auf einen feinen Unterschied aufmerksam gemacht: Während Israels “Gefangenschaft”, die gewendet werden soll, eine solche unter allen Völkern war, befand sich Sodom in einer anderen “Gefangenschaft”: im Totenreich. Und auch diese Gefangenschaft wird gewendet, und Sodom wird — zunächst — zu seinem früheren Stand wiedergebracht. Dort also, wo sich heute kaum mehr als ein Postamt und ein Pottaschewerk befindet, soll wieder eine Stadt erstehen; ihre Bewohner wurden aus dem Tode wieder auferweckt, zunächst ins irdische Leben zurück. Und dann wird ausgerechnet Jerusalem — die viel schlimmere Sünderin — Sodom Trost und Heil verkündigen (V. 54). Sicher ist, daß Jerusalem an jenem Tage eine sehr demütige Bußpredigerin sein wird, nicht eine hochmütige, wie wir es wären. “Mir hat Gott alles vergeben, was ich getan habe” (V. 63), wird Jerusalem sprechen, “obwohl meine Sünden viel schwerwiegender waren als die deinigen; darum fasse auch du Mut!”

Auch Hosea 2 spricht von Israels Untreue und Gottes Gericht, danach aber von Gottes unbegreiflicher Güte und Liebe diesem ungetreuen Weibe gegenüber: “Ich werde sie locken und sie in die Wüste führen und ihr zum Herzen reden” (V. 14; siehe auch die Verse 19-20). Und sie selber erkennt (V. 7b): “Ich will hingehen und zu meinem ersten Manne zurückkehren; denn damals ging es mir besser als jetzt.” — Erinnert dies nicht an den verlorenen Sohn, der auch eine Wiederannahme erlebte?!

Im gleichen Sinn und Geist weissagt der Prophet Jeremia (Kap. 3, 1.2.14): “Wenn ein Mann sein Weib entläßt und sie von ihm weggeht und eines anderen Mannes wird, darf er wieder zu ihr zurückkehren: Würde nicht jenes Land entweiht werden? Du aber hast mit vielen Buhlen gehurt, und doch solltest du zu mir zurückkehren, spricht Jehovah … Kehret um, ihr abtrünnigen Kinder, spricht Jehovah; denn ich habe mich ja mit euch vermählt!”

Werfen wir jetzt noch einen Blick auf Römer 11, damit niemand meine: Das sind alttestamentliche Aussagen; sicher sind sie im Neuen Testament längst überholt!

Römer 11 ist ein wunderbares Kapitel; in seiner Beweisführung, daß Gott Israel nicht verstoßen habe, beginnt Paulus mit sich selbst und endet er mit dem All! Ich — der heilige Überrest — die verstockte Masse Israels — ganz Israel — alle Menschen — das All! So weitet sich das Panorama in Römer 11 wie bei einer Bergbesteigung. Mit immer weiterem Horizont bezeugt und weissagt er das göttliche Erbarmen.

“Hat denn Gott Sein Volk verstoßen?” — dies ist, wie seinerzeit schon Ströter bemerkte, die entscheidende Frage. Nicht ob die Ameri­kaner, die Deutschen, die Russen, die Araber, die Palästinenser oder die UNO Israel unterstützen oder bekämpfen, stärken oder fallenlassen, ist die letzten Endes entscheidende Frage, sondern ob Gott zu ihm steht. Paulus gibt selbst sofort die Antwort: Das sei ferne! — Nimmermehr hat Gott Sein Volk verstoßen!

Er selbst, Paulus, ist der erste Beweis dafür. Dies nicht so sehr im quantitativen als im qualitativen Sinne. Zahlenmäßig mag Paulus als ein einzelner Israelit nicht sehr ins Gewicht fallen; jedoch ist Paulus hinsichtlich seiner Bekehrung und seines Auftrags nicht irgendein Israelit. Innerhalb des göttlichen Mustervolkes ist Paulus selbst wiederum ein Muster, ein Modellfall. Er wurde durch Schauen bekehrt, um dann Gottes großer Missionar für die Nationen zu werden. Dasselbe gilt für Israel als Volk! Paulus nimmt als einzelner vorweg, was Israels Masse erleben und werden soll.

Weiter führt Paulus den heiligen Überrest als Beweis für Gottes Treue an. Zu jeder Zeit hatte Gott in Israel einen solchen “heiligen Überrest” — so auch jetzt, in den Tagen des Paulus, so auch heute, 1977. Rückwärts geschaut, sind sie Überrest; vorwärts geschaut, sind sie Erstling (V. 5.16).

Dann fragt Paulus ab V. 7b nach der verstockten Masse Israels. Welches ist ihr Los? — Wir überspringen einige Verse und lesen in V. 23: Gott vermag sie wieder einzupfropfen; V. 24: Sie werden wieder in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden! Im Heiligen Geist immer kühner werdend, sagt Paulus: Gott vermag — Gott wird! Das Gericht an Israel, seine Verstockung, vergleicht Paulus mit einem gewaltsamen Ausgeschnittenwerden aus dem edlen Ölbaum des Gottesvolkes; das Ende dieses Gerichts, das Weichen der Verstockung beim Kommen des Erlösers, mit einem Wiedereingepfropftwerden in diesen Ölbaum. Vor uns steht also: Wiederannahme, Wiedereinpfropfung, Rettung!

Die Verse 25-26 sprechen dann von einem göttlichen Geheimnis, das uns allerdings nicht verschlossen bleiben soll, sondern bekannt, enthüllt sein soll. Sprach Jesaja zunächst von der Rettung eines Überrestes aus Israel (was Römer 9 und der Anfang von Römer 11 bestätigt), so enthüllt nun Paulus den tiefsten Liebeswillen Gottes, der darauf abzielt, ganz Israel zu retten. Ganz Israel — das sind auch die Verstockten, Narkotisierten, Ungläubigen, Widerspenstigen. Sie einerseits und der heilige Überrest andererseits bilden zusammen “ganz Israel”. Wenn der Erretter aus Zion kommt, wenn Jesus wiederkommt, wird auch die Masse Israels Rettung finden; ein Anbruch, eine Erstlingsschar, schon früher (vgl. Sach. 12,10; Offb. 1, 7).

Die Gemeinde Gottes aus den Nationen ist dann bereits zu ihrem Herrn hin entrückt worden; die Umleitungsstrecke ist beendet; Israel ist dann inmitten der Völkerwelt wieder der große Heilsträger und Missionar, wozu es von Anfang an berufen und ausersehen war.

Die Verse 32 und 36 in Römer 11 weiten den Horizont noch mehr aus. “Gott hat alle zusammen (Israel wie die Nationen) in die Widerspenstigkeit eingeschlossen, auf daß Er sich aller erbarme.” Dies löst nicht nur das Problem Israel, sondern auch das Problem aller Gefangenen der Sünde und des Todes überhaupt. Da ist kein Ungehorsamer und Widerspenstiger, dem dieses Wort aufgrund des Kreuzestodes Jesu Christi nicht gelten würde! Dies Wort nimmt allen Haß aus unseren Herzen, auch gegenüber dem brutalsten Verbrecher. Er ist und bleibt eingeschlossen — auf Hoffnung hin. Alle Gerichte Gottes, auch jedes harte Vergeltungsgericht, “wo man nicht herauskommt, bis man auch den letzten Heller bezahlt hat” (Matth. 5, 26), alle Gefangenschaften in Hades und Feuersee, sind in diesen letzten Liebeswillen Gottes eingebettet und von ihm umschlossen.

Denn so entspricht es allein auch der Bestimmung, die Gott dem ganzen All gegeben hat: Aus Ihm — durch Ihn — zu Ihm hin. Schöpfung — Mittlerdienst Jesu Christi — Vollendung.

Gelobt und gepriesen sei Gott, daß Er Sein Volk Israel trotz seiner Halsstarrigkeit und Widerspenstigkeit nicht aufgibt, sondern durch Gerichte zum Ziel führt — und ebenso auch uns, die Völkerwelt, das All. Gelobt sei Er dafür, daß es bei Ihm eine zweite Chance für Ungetreue, Abgefallene gibt. — Verstehe dies aber bitte nicht falsch: Du wirst, wenn du als Sünder unerrettet stirbst, keinesfalls im Totenreich in einer Evangelisationsversammlung aufwachen! Es gibt dort unten für das Geschöpf unübersteigbare Schranken und es gibt äonenlange Qual, die für den Betroffenen hoffnungslos aussieht! Aber dennoch: “Unmöglich”, “hoffnungslos” ist die Lage nur für das Geschöpf und nie für Gott. Israel ist dafür das Modell inmitten der Völkerwelt. Amen.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1978; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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