Die Kraft Seiner Auferstehung
Autor: Schumacher, Heinz | Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Tod & Auferstehung | 807 x gelesenAn der Auferstehung Jesu Christi scheiden sich die Geister. Während die geschichtliche Wirklichkeit des Kreuzes großenteils auch von Ungläubigen nicht bestritten wird, weil hier die eigentliche Glaubensentscheidung erst bei der Frage nach der Bedeutung des Todes Jesu einsetzt, fordert Seine Auferstehung schon als bloße Tatsache und geschichtliche Wirklichkeit Stellungnahme und Entscheidung. Und das aus guten Gründen.
Ein Kreuzestod an sich ist nämlich für den natürlichen Menschen noch keineswegs unglaublich oder unfaßbar. Je und je sind Menschen, von Idealismus oder Fanatismus getrieben, für ihre Idee in den Tod gegangen, bis hin zu dieser schmachvollsten Todesart, der Kreuzigung. Deshalb fällt es den natürlichen Menschen gar nicht schwer, das Kreuz Christi als geschichtliche Tatsache anzuerkennen, — es aber zugleich in seiner wahren Bedeutung abzutun mit dem Hinweis, daß eben auch Jesus einer von den vielen sei, die “für ihre Überzeugung gestorben” sind.
Bei Seiner Auferstehung hingegen wurde eine Kraftwirkung Gottes offenbar, die noch nie zuvor in Erscheinung getreten war. Weder konnte noch kann je ein Mensch diese Kraft aufbringen, noch hatte es Gott gefallen, sie jemals zuvor zu erweisen. Denn der Sohn Gottes sollte ja in allem den Vorrang haben (wörtlich: der Erste sein) und mußte daher auch der “Erstgeborene ans den Toten” werden (Kol. 1, 18b).
Deshalb war es etwas so ungeheuer Großes und Gewaltiges, als ein Abraham es Gott zutraute, er vermöchte auch die Toten wieder lebendig zu machen, weshalb er eben um dieses Glaubens willen zum Vater aller Gläubigen wurde (Röm. 4, 16-18). Dieser Glaube konnte sich nicht — wie unser Auferstehungsglaube — auf geschichtliche Tatsachen und Beweise stützen — er war allein gestellt auf die Verheißungen Gottes. In dieser Glaubenshaltung konnte Abraham auf dem Wege nach Morija den zurückbleibenden Knechten sagen: “Bleibet ihr hier mit dem Esel; ich aber und der Knabe wollen bis dorthin gehen und dann zu euch zurückkehren” (1. Mose 22, 5; nicht: “Und ich will dann zu euch zurückkehren.”) Der Abrahamsglaube gründet sich auf die “Vollgewißheit, daß Gott, was Er verheißen hat, auch zu tun vermag” (Röm. 4, 21). Aus dieser Vollgewißheit heraus kam er zu der heiligen Schlußfolgerung, daß Gott, wenn wirklich Isaak geopfert werden müsse, um Seiner einmal gegebenen Verheißungen willen ihn durch Totenauferweckung ins Leben zurückrufen müsse.
Wir können daraus u. a. auch lernen, daß es neben den unheiligen Schlußfolgerungen einer zutiefst dem Unglauben entspringenden und vor nichts Halt machenden Bibelkritik auch heilige Schlußfolgerungen des Glaubens gibt, die man nicht als spekulativ, unbiblisch und unbeweisbar verwerfen sollte, sondern die in einem solchen Maße biblisch und gottwohlgefällig sind, daß um einer solchen Glaubensfolgerung willen Abraham zum Vater aller Gläubigen wurde. Ihm war ja keinerlei Auferstehungsverheißung zuteil geworden, vielmehr zog er aus den ihm und seinem Samen gegebenen Segensverheißungen den Schluß, daß Gott auch müsse mächtig sein, aus Toten zu erwecken. Nicht umsonst findet sich daher auch in Hebr. 11, 19 das griechische Wort “logizoomai”, das uns berechtigt, diesen Vers auch so zu übersetzen: “indem er den logischen Schluß zog, daß Gott auch mächtig sei, aus Toten zu erwecken.”
Wir wollen uns daher auch nicht abhalten lassen, aus den uns geschenkten Verheißungen Gottes hinsichtlich Seiner Endziele mit Seiner Gesamtschöpfung heilige Glaubensfolgerungen zu ziehen im Blick auf Seine Gerichte wie auch auf das Endergehen aller Seiner Feinde, und das um so mehr, als uns Gott ja auch über das letztere manch unzweideutige Zusage gegeben hat, so daß wir auf derlei Folgerungen nicht einmal angewiesen sind. Wären wir es aber, so dürften wir trotzdem wissen, daß ein heiliges Rechnen und logisches Folgern des Glaubens (= logizoomai) Gott nicht verunehrt, sondern ehrt, den Glaubenden selbst aber stärkt (Röm. 4, 20).
Weil Jesus, wie wir weiter oben sahen, der Erstgeborene aus den Toten werden mußte, war Seine Auferstehung aus den Toten die allererste überhaupt (vgl. 1. Kor. 15, 20.23). Zwar gab es schon zur Zeit des Alten Bundes und während des Erdenwandels Jesu Überwindungen des Todes, doch handelte es sich dabei stets mir um ein Zurückrufen in das meist erst kurz vorher verlassene irdisch-sterbliche Leben (vgl. 1. Kön. 17, 17-24; Hebr. 11, 35a; Luk. 7, 11-15; 8, 49-55; Joh. 11, 1-44).
Die Auferstehung Jesu aber ist der Erweis einer völlig anderen Kraft. Hier wurde nicht sterbliches Leben erneuert, sondern unsterbliches Leben erstmals offenbar. Es durchbrach die Bande des Todes und erwies sich so in Wahrheit als unsterblich. Zugleich offenbarte sich eine völlig neue Leiblichkeit: Geistleiblichkeit. Damit angetan, konnte der Auferstandene durch verschlossene Türen dringen und plötzlich unter den Jüngern stehen (Joh. 20, 19), sich plötzlich den Jüngern zu Emmaus zugesellen, um ebenso plötzlich wieder zu verschwinden (Luk. 24, 15.31).
Doch die Wirkung dieser Auferstehungskraft endete nicht am Ostermorgen. Eph. 1, 20 und 21 zufolge war sie es auch, die den Auferstandenen dann über alles erhöhte. Daher gehören Auferstehung und Himmelfahrt unzertrennlich zusammen. Es war die gleiche Kraft, die sowohl die Bande des Todes sprengte, den Geistleib schuf, sodann Christus über alle Himmel erhöhte und Ihn verherrlichte mit der Herrlichkeit, die die Jünger in den 40 Tagen zwischen Auferstehung und Himmelfahrt in unmittelbarer Nähe nicht hätten ertragen können, die dann aber der Seher Johannes auf Patmos schauen durfte (Offb. 1, 12-16). Vorher trug Er nur den Geistleib der Auferstehung; erst mit Seiner Erhöhung empfing Er auch den Leib der Herrlichkeit.
Es leuchtet ein, daß solche Kraftwirkungen Gottes nur ein Glaube fassen kann, der dem eines Abraham zumindest ähnlich ist — so völlig erweisen sich hier alle menschlichen Begriffe und Vorstellungen als unzulänglich. Wo dieser Glaube fehlt, flüchtet man entweder in die offene Leugnung oder in die scheinfromme Leugnung, wie sie etwa in der Bultmann’schen “Entmythologisierung” zutage tritt.
Wo aber ein Herz jenes Ostergeschehen glaubend erfaßt, kann es der Heilige Geist einen Schritt weiter führen: Es darf erfahren, daß Gott “gemäß der Wirkung der Macht Seiner Stärke, in welcher er gewirkt hat in dem Christus, indem Er Ihn ans den Toten auferweckte und Ihn inmitten der Himmlischen zu Seiner Rechten niedersetzte”, nun auch “in uns, die Glaubenden, hinein” wirksam sein will (Eph. 1, 19.20). Aus dem objektiven Glaubensgegenstand wird nun subjektives persönliches Erleben. Danach streckte sich ein Paulus aus, wie er in Phil. 3, 10 bezeugt: “um Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden.”
Ist das auch unser Herzenswunsch und zielstrebiges Begehr, um dessentwillen wir alles dahintenlassen — jede Bürde und leicht umstrickende Sünde: zu erkennen die Kraft Seiner Auferstehung? Oder genügt es uns zu glauben, daß Gott in dem Christus einst solches wirkte, und vertrösten wir uns im übrigen darauf, dereinst einmal eine Auferstehung zu erleben? Paulus hatte erkannt, daß jene Kraft Seiner Auferstehung für unser gegenwärtiges Glaubensleben eine entscheidende und gar nicht hoch genug einzuschätzende Bedeutung hat. Nur wo sie kennengelernt, d. h. praktisch erlebt und erfahren wird, wächst auch die Bereitschaft zur Gemeinschaft Seiner Leiden und die Tragfähigkeit dazu. Deshalb hat auch der Herr in Seiner unendlichen Weisheit die Reihenfolge so angeordnet:
- zu erkennen Ihn,
- die Kraft Seiner Auferstehung,
- die Gemeinschaft Seiner Leiden.
Würde sie irgend anders lauten, so müßten wir versagen. Wer aber durch den Glauben in die persönliche Gemeinschaft Christi eingetreten ist, Ihn — zunächst als Heiland und Erlöser — kennengelernt hat, kann dann auch die Kraft Seiner Auferstehung erleben. Diese wiederum gibt die Kraft zum Erdulden und Bestehen, ja letztlich zur Freudigkeit im Leiden.
Der Apostel Paulus war bis zu dieser Leidensfreudigkeit gelangt (Kol. 1, 24), weil er diese Kraft tagtäglich erlebte und erfuhr (2. Kor. 4, 16) und in dieser Osterkraft seinen Weg ging. Daher bezeichnet er auch in 2. Tim. 1, 7 den Heiligen Geist als erstes als einen Geist der Kraft und kann in Röm. 15, 1 von sich und seinen Mitarbeitern schreiben: “Wir aber, die Starken …”
Da hört man gar nichts von jenem Jammern und Klagen, das so oft das Letzte und Höchste ist, was man von Gläubigen im Blick auf ihr eigenes Leben und ihren Wandel zu hören bekommt. Gewiß ist und bleibt es wahr, daß in uns, d. h. in unserem Fleische, nichts Gutes wohnt und daß wir ohne Ihn nichts, aber auch gar nichts vermögen — und wer hätte das je tiefer und schmerzlicher erfahren als gerade ein Paulus? Aber ebenso wahr ist es, daß in uns, d. h. in unserem Geiste, zu gleicher Zeit der Geist der Herrlichkeit und Geist der Kraft wohnt (Röm. 8, 9; 1. Petr. 4, 14; 2. Tim. 1, 7 u. v. a.), und es ist der Innewohnung dieses Geistes unwürdig, stets nur von seiner Kraftlosigkeit und Armut zu reden.
Sündloser Geist im sündlichen Fleisch — das ist aber auf die Dauer ein für den Geist der Herrlichkeit und der Auferstehungskraft untragbarer Zustand. Wie niemand ein überaus edles Getränk in ein verschmutztes und unschönes Gefäß gießen würde, oder aber, wenn ihm keine andre Wahl bleibt, es sobald wie möglich wieder daraus zu entfernen suchen wird, so geht auch das Bemühen des Heiligen Geistes, der zur Zeit in den irdischen Leibesgliedern einen ähnlichen Erniedrigungsweg geht wie einst der Herr während seines Niedrigkeitsweges, dahin, zu einem Gefäß bzw. Leib zu gelangen, der Seiner würdig und entsprechend ist.
Wo daher in einem Menschenherzen der Geist der Kraft einmal Wohnung nehmen und sein Werk der Umgestaltung beginnen konnte, wird schließlich auch das sichtbare Gefäß, der Leib, von der Kraft der Auferstehung und Verherrlichung umgewandelt werden, wie wir lesen in Phil. 3, 20.21: “Denn unser Bürgertum ist in den Himmeln, von woher wir auch den Herrn Jesus Christus als Heiland erwarten, der unseren Leib der Niedrigkeit wird zur Gleichförmigkeit mit Seinem Leibe der Herrlichkeit.” Und Röm. 8, 11 belehrt uns, daß Gott das tun wird “um seines in uns wohnenden Geistes willen”. In diesen Verheißungsworten finden wir dieselbe Kraft am Werk, die nach Eph. 1, 20.21 an Christus als dem Erstgeborenen wirkte und die dasselbe bei der Entrückung und Verwandlung dann auch an den nachgeborenen Brüdern tun wird, an allen, in denen es zur Innewohnung des Heiligen Geistes kam.
“Gleichförmig Seinem Leibe der Herrlichkeit!” — Wer von hier aus einmal die Beschreibung Seines Herrlichkeitsleibes in Offb. 1, 12-16 anbetend liest, findet darin nicht nur das Bild seines erhöhten Herrn, sondern auch die Beschreibung seines eigenen zukünftigen Herrlichkeitsleibes.
Zu diesem zukünftigen Herrlichkeitsziel führt der Herr die Seinen auf zwei verschiedenen Wegen: dem Wege des Entkleidetwerdens und dem des Überkleidetwerdens (2. Kor. 5, 2-4). Den ersteren Weg ging auch das Haupt, als er auf Golgatha sein Leben darlegte für die Brüder. Der letztere ist ein besonderes Vorrecht derjenigen, die die Entrückung der Gemeinde des Leibes Christi bei Lebzeiten erleben dürfen, ein göttliches Schnellverfahren, bei dem durch die Kraft der Auferstehung “das Sterbliche verschlungen wird von dem Leben” (2. Kor. 5, 4). Auf beiden Wegen wird jenes Herrlichkeitsziel erlangt, das da lautet: Gleichförmig sein dem Leibe Seiner Herrlichkeit! —
Und ein Letztes und Größtes zeigt uns Phil. 3, 21:
Wurde in Eph. 1, 19.20 die Kraft, die sich in uns, die Glaubenden, hinein ergießt, durch das kleine, aber bedeutsame griechische Wörtlein “kata” (gemäß, entsprechend, nach) gleichgesetzt mit jener Auferstehungskraft, durch die Gott Seinen Erstgeborenen auferweckte, erhöhte und verherrlichte, so wird nun wiederum dieses Wörtlein benutzt, um darzulegen, daß diese Kraft die gleiche ist, mit der sich Gott auch das All zu unterwerfen vermag.
Also nicht mit einer Kraft der Zerstörung, Einschüchterung oder gar Vernichtung wird sich Gott das Weltall gefügig machen. Vielmehr benutzt Er dazu jene lebendigmachende, das Sterbliche, Alte verschlingende (2. Kor. 5, 4) und in Herrlichkeit umgestaltende Kraft Seiner Auferstehung. Wie sie sich einst an dem Christus auswirkte und sich in der Gegenwart auswirkt an der Gemeinde in all ihren Gliedern, bis hin zu ihrer vollen Umgestaltung und Verherrlichung an jenem Tage, so wird sie sich schließlich verzehrend und verschlingend, aber zugleich lebendigmachend, verwandelnd und verklärend auswirken an einer ganzen verlorenen Welt und Menschheit, bis einmal die ganze Schöpfung zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes gelangt ist (Röm. 8, 21) und sich das Wort aus 1. Kor. 15, 22 im Vollumfang erfüllt hat: “Gleichwie in dem Adam alle sterben, also werden auch in dem Christus alle lebendiggemacht werden.”
Wir sehen aus dem allem: Die Kraft Seiner Auferstehung ist nicht nur eine todüberwindende und auferweckende, sondern auch eine verzehrende und verwandelnde, verklärende und verherrlichende Kraft.
Sie hat sich zuerst an dem Sohne Gottes ausgewirkt, als Er von einem Gebundenen des Todes zum Haupt über alles erhöht wurde.
Sie wirkt in der Jetztzeit in uns, die Glaubenden, hinein, bis am Tage der Entrückung auch unser Leib zur Gleichförmigkeit mit Seinem Leibe der Herrlichkeit gelangen wird.
Und sie wird sich am Ende auswirken am ganzen All, bis es durch die Kraft Seiner Auferstehung auch verwandelt und verherrlicht sein wird.
Für uns aber geht es zunächst darum, uns einem Paulus gleich danach auszustrecken, diese Kraft zu erkennen, sie tagtäglich zu erleben und zu erfahren. Dann werden wir auch einst in der Schar derjenigen gewiß nicht fehlen, deren Leiber in die Gleichförmigkeit Seines Herrlichkeitsleibes hinein gestaltet werden, Ihm zur Verherrlichung, uns selbst zur Glückseligkeit, einer verlorenen Welt zum Heil!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1954; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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