Die drei Männer im Feuerofen
Autor: Ströter, Ernst F., Prof. | Kategorie(n): Das prophetische Wort | 938 x gelesen(Man lese: Daniel Kap. 3!)
Der prophetische Charakter des Buches Daniel ist in den Kapiteln, die scheinbar ein rein geschichtliches Gepräge an sich tragen, keineswegs aufgehoben. Wir dürfen uns nicht durch die schulgemäße Unterscheidung zwischen geschichtlichen und prophetischen Büchern der Bibel dahin führen lassen, dem, was unverkennbar geschichtliche Darstellung ist, deshalb allen prophetischen Wert abzusprechen. So werden z. B. die fünf Bücher Mose ganz richtig unter die geschichtlichen Bücher des Alten Testamentes gezählt. Dazu gehören sie auch. Nun braucht man aber nur zu beachten, daß Paulus in Römer 5, 14 von dem ersten Adam sagt, er sei ein Vorbild des zukünftigen, zweiten und letzten Adam, um sofort zu erkennen, daß es eine sehr kurzsichtige Bibelerklärung wäre, die jenen geschichtlichen Berichten der Schrift die prophetische Bedeutung absprechen wollte. (Wie es umgekehrt ebenso verfehlt wäre, prophetischen Abschnitten des Wortes Gottes ihren geschichtlichen Wert abzusprechen.) So macht auch z. B. der Hebräerbrief ausgiebig prophetischen Gebrauch von dem geschichtlichen Bericht über jenen Priesterkönig Melchisedek, der dem Abraham begegnete, als er von der Schlacht der Könige zurückkehrte. Und so sind auch die Lebensbilder eines Joseph, Mose, David, Salomo unverkennbare Vorbilder auf den Messias. In diese (und andere) alttestamentliche Geschichtsbilder ist der prophetische Gehalt wie mit feinen, bald schmaleren, bald breiteren goldenen Fäden hineingewoben.
Dasselbe Gesetz göttlicher Darstellung findet hier in Daniel 3 seine Anwendung. Allerdings handelt es sich hier nicht um ein Vorbild des Messias, sondern um eines, das ganz unverkennbar auf dessen satanischen Gegenspieler, den Antichristen der letzten Tage, hinweist. Parallel mit messianischen Typen (Vorbildern) läuft durch die Heilige Schrift Alten Testamentes eine ebenso deutliche Reihe von antichristlichen Typen. Unter diesen ist Nebukadnezar einer der allerdeutlichsten und großartigsten. Da aber mit einem einzigen Menschentyp unmöglich alle Tiefen satanischen Wirkens zum abgerundeten Ausdruck gebracht werden können — sowenig wie mit dem einzigen Typ eines Joseph oder Mose oder Salomo aller Reichtum des Christus Gottes abgeschattet werden kann —, so haben wir in den Kapiteln Daniel 3-6 drei verschiedene Typen antichristlichen Wesens vor uns, das sich in der heidnischen Weltmacht jener Tage bereits deutlich abschaltete in den drei Königen der Heiden: Nebukadnezar, Belsazar und Darius.
Daneben geht durch dieselben vier Kapitel eine köstliche prophetische Unterweisung über den heiligen, treuen Überrest, den echten Samen Israels, wie er sich unter allen Gefahren und Schwierigkeiten am Hof der großen Weltmächte während Israels nationaler Demütigung und Beiseitesetzung durch Jehova bewährt. Auch darin spiegelt sich deutlich wider, was der treue Gott Israels, der Sein Volk nie aufgeben kann, am Ende der Tage seines schwersten Leidens, seiner größten Drangsal durch den Antichristen, wiederum tun wird, zur Ehre und Verherrlichung Seines großen Namens vor dem Volk und den Heiden.
Nach dieser Vorbemerkung können wir zur Betrachtung des Textes dieses Kapitels übergehen.
1. Das große goldene Standbild (Daniel 3, 1-7)
Unser Text macht keine Zeitangabe darüber, wann der König das goldene Bild in der Ebene Dura in der Landschaft Babel wohl hat aufstellen lassen. Doch ohne Zweifel wird es erst nach den Ereignissen von Daniel 2geschehen sein. Ja, wir dürfen noch einen Schritt weiter gehen und annehmen, daß die Errichtung dieses Bildes infolge jener Eindrücke geschah, die das wunderbare Erlebnis mit dem vergessenen und wiederaufgefundenen Traum im Gemüt des hochbegabten Königs hinterließ, dem bei der Deutung des Traumes gesagt worden war: Du, o König, du bist das goldene Haupt!
Was der Monarch da erlebt hatte, war ja überwältigend gewesen, unerhört, einzigartig. Auch hatte es ihn zu dem gewiß ehrlich gemeinten Geständnis gebracht: Wahrhaftig, euer Gott ist ein Gott der Götter und ein Herr der Könige und ein Offenbarer der Geheimnisse, daß du dieses Geheimnis offenbaren konntest! (Kap. 2, 47.) Aber das hatte noch lange nicht bedeutet: Euer Gott ist der allein wahre und lebendige Gott, und außer Ihm ist kein Gott! Von einer gründlichen Herzensbekehrung von den Abgöttern zu diesem Gott war Nebukadnezar noch sehr weit entfernt. Die Vorstellung von Rangstufen unter den vielen Göttern, von Obergöttern und untergeordneten Gottheiten, war dem Heidentum keineswegs fremd. Das Wort “Ihr sollt keine anderen Götter haben neben mir!” stand noch himmelhoch über dem Horizont dieses stolzen Monarchen.
Seine beispiellosen Erfolge in der Unterwerfung vieler Völker und mächtiger Könige stellten ihn nun aber vor eines der gewaltigsten Probleme, die es für einen Herrscher geben kann, vor das Problem der wirksamen Verschmelzung und Verbindung dieser an sich heterogenen (ungleichartigen) Volksmassen, über welche ihm der Gott des Himmels die Oberherrschaft gegeben hatte. Mit richtigem Blick und Griff erfaßte er die hierfür geeignete Idee: Es mußte ein einheitlicher Gottesdienst, eine einzige, imponierende Religion für das neue große Weltreich geschaffen werden, hinter der die ganze unbeschränkte Gewalt des absoluten Monarchen stand, der “tötete, wen er wollte, und leben ließ, wen er wollte”. Das mußte einen festen, unlöslichen Kitt abgeben, der den dauernden Zusammenhalt seines neugegründeten Reiches garantieren würde.
Das war ja ganz richtig gedacht und geplant. Denn unter allen Motiven, welche Menschen zusammenbringen und -halten, sind die religiösen die mächtigsten. Daher hat auch der Gedanke der Staatskirche eine so ungemein hohe Lebensfähigkeit gezeigt trotz aller noch so weit reichenden Einsicht in die Unzulänglichkeiten des Systems und in sein völliges Unvermögen, dem neutestamentlichen Gemeindebegriff gerecht zu werden.
Und nun gab dem König gerade sein merkwürdiges Erlebnis mit dem vergessenen Traumgesicht die Anregung, den Gedanken an eine das ganze neue Reich machtvoll umschlingende und fest zusammenfügende Religion auszufahren. Aus dem Munde des Propheten des höchsten Gottes hatte er das Wort vernommen, er sei das goldene Haupt, dem der Gott des Himmels Macht, Gewalt und Herrschaft unter dem Himmel gegeben habe. Das war doch eine göttliche Bestätigung seiner kühnsten Weltherrschaftsträume. Was lag da näher, als dieses Wort vom goldenen Haupt in plastischer Weise allen Völkern seiner Herrschaft anschaulich zu machen! So mag wohl der Plan mit dem erhabenen goldenen Standbild entstanden sein. Ein ungemein anschauliches Beispiel dafür, wie leicht es ist, ein deutlich vernommenes Wort des wahrhaftigen Gottes in sein direktes Gegenteil umzukehren, wenn das Herz ungebrochen, der Sinn unerneuert bleibt.
Die Maße des Standbildes reden auch eine deutliche Sprache. Wir werden uns wohl eine Bildsäule auf einem ziemlich hohen Postament (Unterbau) vorzustellen haben, da die natürlichen Proportionen des menschlichen Körpers zwischen Breite und Länge nicht sind wie eins zu zehn (sechs Ellen breit, und sechzig Ellen hoch), sondern die Schulterbreite des Körpers beträgt etwa ein Drittel der Körperlänge. War also das Bild sechs Ellen breit, so wird es allein wohl nur achtzehn Ellen hoch gewesen sein, die übrigen 48 Ellen kämen auf den massiven Unterbau. Niemand aber kann die Zahlen sechs und sechzig aussprechen, ohne unwillkürlich an die dreifache Sechszahl 666 erinnert zu werden, die später als die Zahl des Menschen der Sünde, des Antichristen, angegeben ist (Offb. 13, 18). Es ist die Zahl des Tieres, und dabei doch eines Menschen Zahl. Auch darin liegt ein deutlicher Hinweis auf den antichristlichen Charakter des Monarchen und seiner Religionsstiftung.
Es war eine imposante, glänzende Versammlung, die auf des Königs Geheiß in der Ebene Dura erschienen war, um das erhabene goldene Standbild einzuweihen, in dem die junge Weltmacht ihren glanzvollen symbolischen Ausdruck finden sollte, die Verkörperung der göttlichen Macht in menschlicher Gestalt. Galt es ja doch einen höchst feierlichen und wichtigen Akt zu vollziehen der für die Zukunft des Reiches von unberechenbarer Tragweite sein werde.
Und wie meisterhaft hatte der Fürst dieser Welt es verstanden, den großen König Nebukadnezar zu Maßnahmen zu inspirieren, wie sie geschickter und klüger nicht ausgedacht werden konnten. Da wurde, wie es sich aus der großen Zahl der genannten Instrumente ergibt, von der Macht der Musik ausgiebigster Gebrauch gemacht. Rom und ihre Töchterkirchen verstehen es bis auf den heutigen Tag meisterhaft, den ästhetischen Zauber sinnenberückender Kunst zur Hebung ihres bannenden Kultus sich dienstbar zu machen. Babylon ist die Mutter solcher Kunstgriffe, so kostbar und gesegnet ein Singen und Spielen dem Herrn im Geist auch ist. Darin gerade liegt das Verführerische, daß die an sich edle Kunst prostituiert wird (öffentlich preisgegeben wird), und anstatt der gottgefällige und geheiligte Kanal wahrer Anbetung zu sein, wird sie zur berückenden Zauberin, die Sinneneindrücke, Stimmungen und Empfindungen für wahren Gottesdienst in Geist und Wahrheit ausgibt.
Zur berauschenden Musik trat dann noch die ganze Wucht und Macht eines gottgewollten goldenen Absolutismus, wie Jehova ihn dem Nebukadnezar anvertraut, der ihn aber in echt satanischer Weise nicht zur Beseligung und Beglückung, zur inneren Befreiung und Erlösung der ihm unterworfenen Völker dienen ließ, sondern zu ihrer schnöden (herzlos und kaltblütig berechneten) Knechtung unter das unerträgliche Joch einer ausgesucht teuflischen Abgötterei. So finden wir hier die Grundzüge des ausgeprägten Antichristentums beieinander, der Vergötterung dessen, was nicht Gott ist, der Verherrlichung des sündigen, sterblichen Menschen.
Nur der Heilige Geist konnte ein so klares, unzweideutiges Bild dieser “Tiefen Satans” entwerfen, wie sie in dieser großartigen Einweihung des goldenen Bildes, das Nebukadnezar hatte setzen lassen, sich spiegeln. Und die breiten Massen all dieser gebildeten, gelehrten, gewaltigen, hochangesehenen Beamten und Großen des Reiches beugen ohne Widerrede ihre Knie dem goldenen Bilde, nachdem auf Befehl des Königs das Signal gegeben wurde! Die Sache war dem Monarchen vorzüglich gelungen, sein Zweck war erreicht. Doch nein, es schien nur so! Der Allerhöchste legte Sein Veto ein (erhob Einspruch) und träufelte in den Kelch der erhofften Freude und des Triumphes einen gar bitteren Tropfen.
2. Unerhörter Widerstand (Daniel 3, 8-18)
Es ist aus dem Text nicht deutlich zu ersehen, ob die drei hohen Beamten des Königs, die das goldene Bild nicht anbeteten — Sadrach, Mesach und Abednego — bei dieser festlichen Veranstaltung überhaupt nicht zugegen waren, oder ob sie wohl anwesend waren, aber im gegebenen Moment den Kniefall nicht mitgemacht hatten. Wir sind geneigt, das erstere anzunehmen. Denn es ist kaum denkbar, daß sie als Oberbeamte der Landschaft Babel (der Provinz, in der die königliche Residenz lag) einen anderen Platz in der Festversammlung gehabt hätten, als den in nächster Nähe des ihnen so wohl gewogenen Monarchen. Da hätte es dann einer Meldung beim König gar nicht erst bedurft. Ihre aufrechte Haltung, als alle anderen niederfielen, um das Bild anzubeten, wäre dem scharfen Blick des Königs wohl nicht entgangen.
Sie werden wohl gar nicht zugegen gewesen sein, um von vornherein eine ablehnende Haltung einzunehmen und auch den bösen Schein zu vermeiden, als ob sie in des Königs Tat willigten. So erklärt sich dann auch die Abwesenheit ihres noch höher gestellten Gefährten Daniel, der gar nicht genannt wird, leichter, ebenso die Tatsache, daß sich die Anklage jener chaldäischen Männer nur gegen sie als Unterbeamte richtete, während man sich scheuen mochte, Daniel selbst anzugreifen, den der König vor kurzem erst so hoch ausgezeichnet hatte. Wenn es auch dem König bekannt war, daß sich Daniel absichtlich fernhielt von dieser religiösen Feier, so läßt sich wohl denken, daß er nicht abgeneigt war, ihm das durchgehen zu lassen, solange er ganz fernblieb und kein Aufsehen erregte. Zeigt ja doch der König später, wie wir noch sehen werden, selbst gegen die Angeklagten eine bei einem solchen absoluten Herrscher ganz ungewöhnliche Nachsicht.
Die so bestimmte Anklage gegen Männer, denen der König eben erst so hohe Gunst erzeigt hatte und die sich nun erkühnten, seinen Machtwillen in dieser ihm so sehr am Herzen liegenden Sache zu durchkreuzen, mußte den stolzen Monarchen aufs äußerste verdrießen und reizen. Es war unglaublich, daß ihm von dieser Seite solch ein Widerstand geboten werden sollte. Mit grimmigem Zorn läßt er die Männer vor sich bringen. So hoch aber auch sein Unwille gestiegen war, so unerhört die Auflehnung gegen seinen unumschränkten Willen, Nebukadnezar war dennoch Herr seiner selbst. Er hielt an sich und brachte es über sich, den Männern erst noch gütige Vorhaltungen zu machen, die sie zur Besinnung bringen sollten. Er legt es ihnen nahe, sich damit zu entschuldigen, daß sie ohne Überlegung gehandelt hätten, daß jede Absicht, den König mit Vorsatz zu kränken, ihnen ferngelegen habe.
Wenn die Staatsgewalt es unternimmt, irgendeine Form der Religion nicht nur zu begünstigen, sondern zur ausschließlichen Staatsreligion zu machen, so schafft sie damit die furchtbarsten Konflikte für die Gewissen ihrer Untertanen. Besonders dann, wenn unter diesen solche sind, die ein an der göttlichen Offenbarung orientiertes Gewissen haben. Es ist durchaus charakteristisch für die Königreiche der Heiden, daß gleich bei der ersten, der “goldenen” Form die Idee der offiziellen Staatsreligion verwirklicht werden sollte. Aus dem Vorgang ihres ersten Entstehens (durch unzweifelhafte Inspiration des Fürsten dieser Welt), wie er uns hier durch den Geist der Weissagung anschaulich gezeigt wird, bekommen wir einen klaren Einblick in das verderbliche Grundwesen dieses Mißbrauchs der Gottesanbetung zu rein politischen Zwecken.
Das Verhältnis zwischen Krone und Altar ist in der ganzen Völker- und Kulturgeschichte eines der schwierigsten und am heißesten umstrittenen Probleme gewesen. Es wird seine endgültige und befriedigende Lösung erst finden in dem zukünftigen Herrscher auf dem Throne Jehovas über Israel und die Nationen der Erde, von dem durch Sacharja geweissagt ist: “Siehe, es ist ein Mann, der heißt Sproß und wird aus seinem eigenen Boden hervorsprossen und bauen den Tempel des Herrn und königlichen Schmuck tragen; und er wird sitzen und herrschen auf seinem Thron und wird Priester sein auf seinem Thron; es wird ein Friedensbund zwischen ihnen beiden (dem Thron und dem Altar) bestehen” (Sach. 6, 12. 13).
Hatte der König gehofft, durch sein Maßhalten und freundliches, doch mit Strenge gepaartes Zureden die Männer umzustimmen und zur Besinnung zu bringen, so wurde er in seinen Erwartungen auf das bitterste getäuscht. Der bloße Gedanke, diese Gefangenen aus Juda könnten möglicherweise auch die zweite ihnen gebotene Gelegenheit, sich dem Willen des Königs zu fügen und das goldene Bild anzubeten, von der Hand weisen, hatte ihn zu einer direkten Herausforderung ihres Gottes getrieben: “Und welcher Gott wird euch aus meiner Hand erretten?!” Das ist menschlicher Größenwahn in offener Auflehnung gegen Gott, das ist ausgesprochenes Antichristentum. Und das war derselbe König, der vor gar nicht langer Zeit eben den Gott dieser drei Männer einen Gott der Götter und einen Herrn der Könige genannt hatte. Davon sollten doch auch heute noch die vielen wohlmeinenden Freunde und Vertreter offiziellen Christentums etwas lernen können, die gar nicht müde werden, darauf hinzuweisen, mit welcher Deutlichkeit dieser oder jener Monarch sich zu dem Bekenntnis des positiven Christentums halte. Wer da meint, mit solchen Hinweisen andern ungefestigten Seelen eine Stütze und kräftige Hilfe zum Glauben bieten zu können, der hat die Geschichte Nebukadnezars noch nicht ausreichend studiert und erkannt. Wird doch der letzte, schrecklichste Antichrist ein so entschieden “religiöser” Mensch sein, daß er mit dem Volke Gottes der letzten Tage sogar einen Bund auf religiöser Grundlage schließt, zur Anerkennung ihrer religiösen Ordnungen und Gebräuche, den er aber nach Ablauf der halben vereinbarten Frist kalt berechnend brechen wird (Dan. 9, 27).
Wie antworten die Angeklagten dem wutschnaubenden König? Mit völliger Seelenruhe und großer Klarheit des Geistes, bei sorgfältigster Beobachtung der dem Monarchen gebührenden Achtung und Ehrerbietung und im ungetrübten Zusammenklang mit den großen Gedanken ihres Gottes und Retters, was die Weltmacht betraf, die nun einmal dem König der Heiden anvertraut war.
Ihr erstes Wort “Wir haben nicht nötig, dir hierauf ein Wort zu erwidern” bezieht sich unzweifelhaft auf die freche Herausforderung, die Nebukadnezar gegen ihren Gott ausgestoßen hatte. Sie überlassen es ihrem Gott in völliger Ruhe, auf Seine eigene Weise darauf zu antworten. Sie wissen, ihr Gott wird auch mit einem Nebukadnezar fertig werden. Und darin haben sie sich ja auch nicht getäuscht.
Dann reden sie von “unserm Gott, dem wir dienen”, schlicht, bestimmt, aber deutlich. Das war keine offene Auflehnung gegen die von Gott dem König von Babylon überantwortete Herrschermacht. Es war ein vom Geiste der Wahrheit geborenes Zeugnis von ihrer klaren Einsicht in die wahren Zusammenhänge der Dinge. Ihr Gott, dem sie dienten, war ja gerade der Gott, der dem rasenden Monarchen das Reich und die Herrschaft auch über sie anvertraut hatte. Sie wissen sich innerlich nur an eben diesen Gott gebunden und bezeugen damit, daß es für alle, die so zu dem allein wahren und lebendigen Gott stehen, keine unlöslichen Konflikte des Gewissens geben kann. Sie sind unter allen Umständen bereit — obwohl sie das Wort in dieser Form nie aus dem Munde des Herrn Jesu gehört hatten —, dem König zu geben, was des Königs, aber Gott allein, was Gottes ist.
Auch scheuen sie sich nicht, gerade unter diesen so kritischen Umständen ihr kindliches Vertrauen in das Vermögen ihres Gottes zu bekunden, sie aus dem glühenden Feuerofen zu erretten, ja auch ganz und gar aus des Königs Hand, sollte er sonst noch Strafen oder Martern für sie ersinnen wollen.
Aber der Geist, der in ihnen war, hob sie auf noch höhere Stufen des Zeugnisses, des sittlichen Triumphes über den so mächtigen und doch so ohnmächtigen Herrscher. Denn was bedeutete alle Heeresmacht, alle Herrschergewalt eines “goldenen Hauptes” wie Nebukadnezar, gegenüber der Unerschrockenheit und Zuversicht, mit der sie ihm zu verstehen geben: Und wenn unser Gott uns in Seiner unerforschlichen Weisheit auch darin auf die Probe stellen will, daß Er unsre Leiber im glühenden Ofen zu Asche verbrennen, unsre Weiber zu Witwen, unsre Kindlein zu Waisen werden läßt, dann sollst du dennoch wissen, daß wir deinen Göttern nicht dienen und auch das goldene Bild nicht anbeten werden, das du aufgestellt hast!
Wer war nun der Sieger auf diesem Felde geistlichen Kampfes? Wer der Unbesiegliche, der Unbezwingliche? An eine solche Niederlage hatte der so zuversichtlich mit Erfolg rechnende König nicht gedacht. Was vermochte er dagegen? Nur noch wahnwitziger zu toben und zu rasen und den Befehl zu geben, den glühenden Ofen siebenmal heißer zu schüren und diese Männer sofort den verzehrenden Flammen zu überliefern. Und dann? Was geschah dann?
3. Die göttliche Antwort aus dem Feuerofen (Daniel 3, 19-27)
In wunderbarer Gnade und Herablassung antwortete der Allerhöchste auf die freche Herausforderung Seines Geschöpfes, dem sein Eigenwille durchkreuzt worden war. In Seiner eigenen wunderbaren Weise erweist Er sich vor den Augen des Königs und der ganzen großen Festversammlung im Tale Dura als lebendiger und allvermögender Rettergott derer, die von ganzem Herzen auf Ihn trauen und mit Ihm allein rechnen.
Es war ja ein ernstes Warnzeichen, das Gott dem König gab, als die starken Männer aus seinem Heer, die jene drei hebräischen Männer hinauftragen und den Flammen überliefern mußten, von eben den Gluten verzehrt wurden, welche machtlos waren, Seinen treuen Zeugen auch nur ein Haar zu versengen. Aber das war nicht alles.
Als der König noch zuschaut, wie die lodernden Flammen aus dem siebenmal heißer gemachten Feuerofen gen Himmel steigen, in den er die Männer hatte werfen lassen, die es gewagt hatten, seinen Befehl zu verweigern, da erblickt er etwas, das ihm Schrecken und Entsetzen einjagt. Nicht nur gehen die drei zum Flammentod Verdammten frei und ledig von ihren Banden in dem geräumigen Feuerofen umher, sondern bei ihnen ist ein Vierter, von Ansehen gleich einem Sohne der Götter! Was hilft es da, ein unumschränkter Herr und Gebieter über Leben und Tod seiner Untertanen zu sein? Was hilft es, ein ganzes Heer von willigen Kreaturen zur Verfügung zu haben, die auch die wahnwitzigsten und grausamsten Launen und Urteile des Monarchen unweigerlich vollstrecken und ausführen? Was helfen siebenmal überheizte Feueröfen gegen einen solchen Gott, wie den Gott dieser Hebräer?!
Wie verstand es dieser Gott, Seine treuen Knechte zu legitimieren, weil sie sich auf Ihn allein verlassen hatten! Und wie schonend handelte auch dieser allmächtige Gott mit ihm, dem vermessenen König, der sich unterwunden hatte, Ihm zu trotzen! Wie hätte dessen Gericht und Zorn ihn treffen und zu Boden schmettern können! Statt dessen würdigt ihn eben dieser von ihm geschmähte Gott, Zeuge zu sein einer der großartigsten Offenbarungen Seiner Rettermacht, Seines Vermögens, auch den verzehrenden Flammen des Feuers zu gebieten, sich alle Kräfte der Natur vollständig untertan zu machen und Seine Knechte auch aus solchem Tode zu erretten!
Fürwahr, der König hätte es wohl verdient gehabt, wenn der große Gott vom Himmel ihm auf der Stelle alles wieder genommen hätte, was Er ihm anvertraut: das Reich und die Herrschaft über Menschen und Vieh auf Erden. Denn wie schnöde hatte er seine unumschränkte Macht mißbraucht! Wohin hatte ihn der Fürst und Gott dieser Welt gebracht! Natürlich konnte das Nebukadnezar noch nicht erkennen; wir aber können es, die wir aus diesen Dingen lernen sollen, welchen Gang die Königreiche der Heiden in diesem Weltlauf nehmen werden, den die Mächte der Finsternis beherrschen dürfen. Uns hat Gott an diesem Beispiel gezeigt, was die Seinigen von den Obrigkeiten der Heiden zu erwarten und nicht zu erwarten haben. Aber auch da gilt die Frage des Propheten: “Herr, wer glaubt dieser Predigt?” Was hat man doch in all den langen Jahrhunderten heidnischer Weltherrschaft für Illusionen großgezogen gerade in bezug auf das Verhalten der Könige und Großen der Erde in den Dingen Gottes und Seines Königreiches auf Erden! Wie hat man gemeint, in ihnen die besten Beschützer und Förderer des Reiches Gottes und seiner Interessen sehen zu müssen. Und was wird man da noch alles zu erleben haben, ehe man aus dieser Selbsttäuschung ganz ernüchtert werden wird! Sie wird furchtbar sein, die letzte Ernüchterung in den Tagen des Menschen der Sünde, dessen Vorläufer und Typ eben dieser Nebukadnezar war.
Nicht als ob nun treue Gottesknechte und -kinder nicht sogar an königlichen Höfen mit unverletztem Gewissen leben und dienen könnten. Dafür ist eben unser Prophet ein glänzendes Beispiel. Wen Gott selbst da hinstellt, den kann Er auch untadelig bewahren. Aber etwas ganz anderes ist die Frage: Welches ist die tiefinnerste Haltung der Weltmächte bis auf diesen Tag gegenüber den Gedanken des lebendigen Gottes mit den Seinen? Auf diese Frage gibt uns allein das prophetische Wort zuverlässigen Bescheid, und wir tun wohl, darauf zu achten.
4. Die Wirkung auf den König (Daniel 3, 28-30)
Wie hatte doch das großartige Fest einen so gar anderen Ausgang genommen, als es Nebukadnezar geplant hatte! Es sollte dem wichtigen politischen Zweck einer innigen Verschmelzung der ihm unterworfenen Völkerschaften und Stämme vermittels einer einheitlichen Staatsreligion dienen und ihn, das große “goldene Haupt”, berühmt und angesehen machen vor den Augen der versammelten Großen und Gewaltigen Seines Reiches. Und siehe da, er sieht sich innerlich getrieben, vor der großen Versammlung, ja vor allen seinen Völkern zu erklären, daß “kein anderer Gott also erretten kann wie der Gott Sadrachs, Mesachs und Abednegos”!
Was dabei der große Gott Israels noch außerdem bezweckte, war und blieb ihm, dem klugen Monarchen, allerdings verborgen. So weit gingen seine Gedanken und sein Erkennen noch nicht. Es ging nicht nur um die Rettung dieser drei Männer aus der Hand des wütenden Königs, dessen Gebot sie zu trotzen gewagt hatten, sondern es mußte dem ganzen gefangenen Israel an diesem herrlichen Beispiel gezeigt werden, daß Gott Sein Volk nie und nimmer verlassen und seinen grausamen Feinden zum völligen Verderben ausliefern würde, obschon unter ihnen nur ein kleiner Überrest ist, der seinem Gott die Treue hält. Was Gott mit den breiten Massen des Volkes nicht durchzusetzen vermag, weil ihre Augen verblendet und gehalten sind, das führt Er nichtsdestoweniger mit diesem “heiligen Samen” durch: Israel darf nie untergehen im Heidentum, es darf und wird nie babylonisiert werden. Das heißeste Feuer, dem es preisgegeben ist, darf ihm nur die Bande lösen, mit denen es gefesselt ins Feuer geworfen ward. Aber auch im Feuer ist sein Gott über ihm.
Und so erläßt Nebukadnezar einen königlichen Befehl, der jedem, der unter allen Völkern, Stämmen und Zungen leichtfertig rede von diesem starken Rettergott Israels, furchtbare Strafen in Aussicht stellt. Was sagt uns diese königliche Kabinettsorder? Wohl ein Doppeltes. Zunächst wird wieder einmal offenbar, daß eine noch so mächtige Ergriffenheit, ein noch so tiefes Erfaßtwerden von der Übermacht des lebendigen Gottes, wie sie der König erlebt hatte, noch lange nicht hinanreicht zu einer gründlichen Bekehrung “von den Abgöttern, zu dienen dein lebendigen und wahren Gott”. Gewiß hat auch diese Überführung des Königs von seiner eigenen Ohnmacht Jehova gegenüber das ihrige dazu beigetragen, ihn innerlich reif und empfänglich zu machen für spätere noch mächtigere Erweisungen der richtenden und zurechtbringenden Macht göttlicher Liebe gegen ihn. Zunächst aber kommt es noch nicht zu einer völligen Absage an seine heidnischen Götter, zu keinem gänzlichen inneren Bruch mit dem Wesen dieser Welt.
Wohl aber zeigt sich ein Zug, in dem sich deutlich der wahre Charakter der heidnischen Weltmächte gegenüber dem Glauben an den allein wahren und lebendigen Gott des Himmels widerspiegelt: Die innerlich ungebrochene, in ihrem tiefsten Wesen heidnisch gebliebene Weltmacht patronisiert (beschützt und fördert gönnerhaft) das Bekenntnis zu dem Gott Israels! Sie wirft sich — angesichts der Tatsache, daß dieser Gott Sich und Seinen Getreuen sehr gut allein zu helfen imstande war — zum Beschützer eben dieses allmächtigen Gottes auf! Gerade erst hat Gott den König vor den Augen der großen Festversammlung von seinem völligen Unvermögen überführt, Seinen Knechten etwas zuleide zu tun, und nun vermißt sich dieser Wurm von einem Monarchen, all denen das Schrecklichste anzudrohen, die leichtfertig von diesem Rettergott redeten! Das ist wieder einmal so recht typisch für das Gebaren der seitherigen Weltmächte aller Jahrhunderte, die mit der Allmacht des lebendigen Gottes in Berührung gekommen sind, eben diesem Gott gegenüber: Die Staatsgewalt erklärt sich zur Beschützerin und Verteidigerin des Allmächtigen! Das ist aber nicht das Beschämendste dabei, sondern vielmehr die Tatsache, daß die berufenen Zeugen dieses allmächtigen und lebendigen Gottes sich das nicht nur gefallen lassen, sondern gar um die hohe Gunst und Protektion der Fürsten und Gewaltigen dieser Erde buhlen und meinen, wenn der Staat seine Hand von der Kirche zurückzöge, so müsse sie schier gar untergehen! Das ist ein großer Jammer. Solche Haltung hat wohl mehr dazu beigetragen, das Evangelium Gottes in der Welt verächtlich zu machen, als irgend etwas anderes. Da wird man erinnert an die gesunde Antwort, die seinerzeit der Vater Gideons denen gab, die seinen Sohn dafür umbringen wollten, daß er den Altar Baals zerbrochen hatte: “Wollt ihr für Baal streiten? Ist er Gott, so räche er sich selbst, daß sein Altar zerbrochen ist!” (Richt. 6, 31.) Es ist ein ganz gesundes Empfinden, mit dem sich Tausende von einem privilegierten, obrigkeitlich patentierten Christentum abwenden. Eine Kirche, die auf eigenen Füßen stände, d. h. auf staatliche Stützung und Protektion verzichten würde, könnte der breiten Masse noch imponieren, eine andere aber niemals.
Im folgenden Kapitel des Buches Daniel nehmen dann Gottes Wege mit dem großen “goldenen Haupt’ der Weltreiche eine ganz wunderbare Wendung. (Man lese das 4. Kapitel, dessen erste Verse in einigen Übersetzungen noch zum 3. Kapitel, ab Vers 31, zählen.) Unergründlich sind Seine Gerichte, unausforschlich Seine Wege. Mit unfehlbarer Sicherheit verfolgt Er Seine Liebesziele und erreicht sie auch. Die Art und Weise, wie Jehova mit dem stolzen, sicheren Nebukadnezar fertig wird, ist unzweifelhaft typisch, d. h. vorbildlich für Sein Verfahren in Gericht und Gnade mit allen kreatürlichen Hoheiten und Herrschaften, die wohl eine Zeitlang Seiner vergessen, sich blind gegen Ihn erheben, in wahnsinniger Vermessenheit sich Ihm gleichstellen mögen und gegen Seine getreuen Zeugen wüten dürfen, damit Gott sich an ihnen verherrliche, die aber zuletzt anerkennen müssen: Groß sind Seine Zeichen und gewaltig Seine Wunder! Sein Reich ist ein ewiges Reich, und Seine Herrschaft währet für und für!
Wir sehen in den Feuergerichten des göttlichen Zornes nicht Konkurrenten der rettenden Liebe Gottes in Christo Jesu, die dieser irgendwie den Rang streitig machen sollten, sondern sie sind nur Mittel und Wege, deren sich die heilige Liebe Gottes bedienen kann, um dem vollgültigen Opfer des Sohnes Gottes den allein würdigen, rastlosen Erfolg für die ganze gefallene und erkaufte Schöpfung unfehlbar zu sichern.
(Quelle: “Das Prophetische Wort”, Jahrg. 1914 sowie “Der Fürst des Lebens muß einst alles erben”; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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