Der Zorn Gottes
Autor: Schumacher, Heinz | Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Gerichte Gottes | 402 x gelesenDieses Thema wird in der heutigen Verkündigung weithin ausgeklammert. Gott wird als der »liebe Gott«, als ein freundlicher Gott, der um unser Wohlbefinden besorgt ist, dargestellt. Das ist aber ein sehr einseitiges Bild des wahren Gottes, wie ihn die Bibel bezeugt. Darum soll hier zu diesem Thema einiges gesagt werden.
Wir fragen nach
- dem Wesen des Zornes Gottes,
- dem gegenwärtigen Zorn Gottes,
- dem kommenden Zorn Gottes,
- und der Errettung vom göttlichen Zorn.
1. Das Wesen des Zornes Gottes
Nach einem Wort des Theologen Markus Barth ist »der Zorn Gottes nicht eine mit Seiner Liebe abwechselnde Laune, sondern die Temperatur Seiner Liebe«. Das ist sehr gut gesagt. Gottes Zorn ist also keineswegs Hass. Was ist er aber dann? Ein Verkündiger nannte den Zorn Gottes einen »Gegenstoß gegen die Sünde« (zitiert nach Karl Merz). Damit ist aber mehr über die Wirkung als über das Wesen ausgesagt. Ich denke, Gottes Zorn ist zunächst einmal Sein heiliger Unwille, Sein Nein zu einem bestimmten Verhalten Seiner Geschöpfe, Sein Sich-nicht-abfinden-Wollen mit ihrer Undankbarkeit und Ehrfurchtslosigkeit, ihrer Gleichgültigkeit gegenüber Seiner Liebe, ihrem Unglauben, ihrer Widerspenstigkeit, der Übertretung Seiner Gebote bis hin zum frechen Spotten und Lästern. Er wirkt sich aus in Strafe und Gericht — jedoch immer mit der Zielsetzung der Zurechtbringung und des Heils.
Jakob Kroeker schrieb über den Zorn Gottes: »Auch der Begriff ›Zorn Gottes‹ muss im Antlitz Jesu Christi gesehen werden … Gott in Seiner Zornesoffenbarung ist ebenso Gnade, wie Gnade Zorn ist. Gott zerbricht, damit ein Neues entstehe. Er richtet, um zu erlösen … Wie Gott total, absolut, Äonen und Völker umspannend in Seiner Liebe ist, so ist Er es auch in Seiner Zornesoffenbarung … Gottes Zorn ist total, weil die Gnade in ihren Zielen total ist. Sie ist total in der Wiederherstellung der Sohnesstellung und in der Berufung zur Christusgemeinschaft … Vom Menschen und seiner Geschichte aus gesehen scheinen zwar Zorn Gottes und Gnade ein dialektisches, d. h. ein sich widersprechendes Handeln Gottes innerhalb der Heilsgeschichte zu sein. Von Gott aus gesehen, stehen jedoch beide als göttliches Handeln im Dienst der Erlösung: dem Glaubenden zum Leben, dem Widerstrebenden zum Gericht.«
Mit Bezug auf den menschlichen Zorn mahnt Paulus in Eph. 4, 26: »Wenn ihr schon zürnt, so hütet euch zu sündigen!« Dazu lesen wir im »Theologischen Wörterbuch zum NT« von Kittel/Friedrich: »Der Zorn wird zwar nicht Sünde genannt, aber der Gedanke steht dahinter: Wo einer zürnt, lauert die Sünde vor der Tür.« Ganz anders verhält es sich beim Zorn Gottes. Gottes Zorn ist niemals Sünde (Ungerechtigkeit, Zielverfehlung oder Hass). Er entspricht immer voll und ganz Seiner Wahrheit und Liebe.
In dem genannten Wörterbuch wird auch betont (Stichwort orgä = Zorn), der Zorn Gottes im NT sei »keinesfalls als ein inkonsequenterweise mitgeschlepptes Stück alttestamentlicher Gesetzesreligion anzusehen, als gehörte das Reden vom Zorn Gottes wesenhaft nur zum AT und das von Seiner Liebe in ähnlicher Ausschließlichkeit zum NT; denn das AT verkündigt neben dem Zorn die Liebe und das Erbarmen Gottes ebenso eindruckvoll, wie das NT den Zorn Gottes zusammen mit Seiner Barmherzigkeit predigt … Zorn und Liebe in Gott schließen sich nicht aus, sondern ein … Nur wer die Größe des Zorns kennt, wird von der. Größe des Erbarmens überwältigt. Wiederum aber gilt: Nur wer die Größe des Erbarmens erfahren hat, kann ermessen, wie groß der Zorn sein muss.«
2. Der gegenwärtige Zorn Gottes
In einer Fülle von Stellen spricht das AT vom Zorn Gottes, sei es gegen Einzelpersonen (Mose, Bileam, Usa, Amazja u. a.), gegen Städte (Sodom und Gomorra, aber auch Jerusalem) oder gegen Juda, Israel, alle Nationen. Doch wird auch immer wieder von der Abwendung Seines Zorns gesprochen. (Es würde zu weit führen, allen diesen Stellen hier im Einzelnen nachzugehen; wer weiter forschen möchte, benutze eine Konkordanz, Stichwort »Zorn«.)
Im NT werden die im Sündenwesen dahinlebenden Menschen »Kinder des Zorns« genannt (Eph. 2, 3; 5, 6). Weil aber die größte Sünde in Gottes Augen der Unglaube ist (das Misstrauen trotz des Angebots Seiner Liebe und Erlösung, Joh. 16, 9), bleibt Gottes Zorn über dem, der dem Sohn nicht glaubt und gehorcht (Joh. 3, 36).
Das schwerwiegendste Wort über den gegenwärtigen Zorn findet sich — mit Blick auf die Völkerwelt — in Röm. 1, 18-21: »Denn geoffenbart wird Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit niederhalten (aufhalten, hemmen), weil das von Gott Erkennbare unter ihnen offenbar ist; Gott hat es ihnen ja geoffenbart. Denn Sein unsichtbares (Wesen) — Seine ewige Kraft und Göttlichkeit — wird seit Erschaffung der Welt an (Seinen) Schöpfungswerken wahrgenommen und geschaut, sodass sie keine Entschuldigung haben, weil sie, Gott kennend, (Ihm) nicht als Gott Verherrlichung und Dank gebracht haben …«
Hier ist nicht von der Erkenntnis Gottes als Heiland, Retter, Hirte, Haupt, Erlöser und Vollender die Rede, sondern lediglich von der Erkenntnis Gottes des Schöpfers. Gott hat dem Menschen einen Verstand gegeben und damit die Möglichkeit zu dem einfachen logischen Schluss: Wo eine Schöpfung ist, da ist ein Schöpfer! (Ein Autor formulierte es so: Wie kommt es zu Wohldurchdachtem, wenn niemand da ist, der denkt?) Doch nein, wir »klugen, aufgeklärten, (ein)gebildeten« Menschen wissen es besser: Wir benötigen keinen Schöpfergott zur Erklärung der Weltentstehung. Der Zufall oder das Nichts habe die Welt geschaffen, sagt man. Vielleicht sei sie auch schon immer da gewesen und somit selber göttlich-unendlich. Oder unser Menschengeist habe, wie ein englischer Professor in einem Buch »weise« erklärte, die Welt erschaffen, und zwar durch »rückwärts wirkende Verursachung«. Eine ganze Galerie von Ersatzgöttern wird bemüht, nur um den Schöpfergott »hinwegzuerklären«. (Näheres in meinem vergriffenen Buch: »Urknall und Schöpfergott«.)
Warum bemüht man sich — vor keiner Torheit zurückschreckend — so verzweifelt, den Schöpfergott »hinwegzuerklären«? Weil ich ohne einen wirklich existierenden persönlichen Schöpfer auch keinen Herrn im Himmel über mir habe und keinen Richter jemals fürchten muss. Somit kann ich leben, wie ich will; das nennt man »Freiheit«.
Trotz der Werke der Schöpfung, von denen wir umgeben sind und die wir täglich sehen — ja mehr noch: trotz Seines Wortes, in dem Er sich uns offenbart, trotz der Sendung Jesu, trotz des Angebotes Seiner Liebe — leben viele Menschen so, als gebe es Gott nicht. Sie verweigern Ihm Ehre und Dank, und eben dies ruft Gottes Zorn hervor. Wo ein Mensch wenigstens »gottesfürchtig« ist, da ist schon ein Anknüpfungspunkt gegeben, und wenn er hörwillig ist, kann Gott sich ihm weiter offenbaren. Leider haben wir aber den Eindruck in unserer heutigen Welt des beginnenden 21. Jahrhunderts, dass die Zahl der Gottesfürchtigen ab- und die Zahl der Gottlosen und Götzendiener (einem falschen Gott oder Gottesbild Verhafteten) zunimmt.
Sollte Gott dazu schweigen? Nein, Sein Zorn steht weithin über der Völkerwelt, wie eine Gewitterwand bei einem aufziehenden Gewitter. Wie äußert sich dieser Zorn? Gott gibt Menschen und Völker dahin — in ihre Torheit, ihre Lüste, ihre Grausamkeit, in allerlei Sünde und Schande. So war es schon im alten Rom (Röm. 1, 24-32!), und so ist es heute erst recht. Wie viel Sünde wird heute angehäuft auf den Gebieten Geld — Macht — Gewalt — Lust — man denke an verführerische Mediensendungen, hemmungslose Profitgier, Homosexualität, Antisemitismus, Kriege und Bürgerkriege, verantwortungslosen Umgang mit Atommüll, Ausbeutung der Arbeitskraft von Ärzten oder LKW-Fahrern usw. — die Reihe ließe sich noch weit verlängern. Vor dem kommenden Zorn Gottes (gewissermaßen der Endabrechnung) ergeht Sein gegenwärtiger Zorn über die Völker. Gott gibt sie dahin. Sie werden immer böser und reifer zum Gericht. Doch mit Adolf Heller dürfen wir sagen: Sie werden »gerichts- und rettungsreif«. Und es gibt auch noch Ausnahmen in der Völkerwelt: die Gottesfürchtigen, die Barmherzigen und die Glieder der Gemeinde als Erstlinge Gottes.
3. Der kommende Zorn Gottes
Schon Johannes der Täufer fragte die Pharisäer und Sadduzäer: »Wer hat euch gewiesen, dem kommenden Zorn zu entfliehen?« Seine Botschaft lautete: »Kehrt um!«
Menschen, die nicht umkehren, »häufen sich selbst Zorn auf für den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes« (Röm. 2, 5). Von einem kommenden Gerichtstag — Tag des HERRN, Tag JAHWEHs — spricht schon das Alte Testament an vielen Stellen (Jes. 2, 12-19; 13, 9; 34, 8; Joel 2, 1 sowie Jes. 24 u. v. a.). Das Buch der Offenbarung kommt ausführlich auf diesen Tag zu sprechen (6, 16.17; 11, 18; 14, 10; 19, 15). Ausdrücklich ist in 6, 16 vom »Zorn des Lammes« die Rede. Was will das besagen? Jesus ist das »Lamm«, weil Er sich auf Golgatha hat »schlachten« lassen, um die Welt mit Gott zu versöhnen (2. Kor. 5, 19). Als »Lamm« ist Er der leidende und liebende Versöhner. Wo dieser Versöhner zürnt, fließen Zorn und Liebe, Gericht und Gnade zusammen: Es ergeht ein hartes Gericht, doch zum Heil und aus Liebe heraus.
Wir können niemals Gottes Zorn und Gericht »wegbeten«, doch mit Habakuk dürfen wir bitten: »Im Zorn gedenke des Erbarmens!« (3, 2). Gott ist in Seiner Liebe, Langmut und Geduld »langsam zum Zorn« (2. Mose 34, 6). (Darum sollen auch wir es sein und nicht schnell im Jähzorn drauflosschlagen: Jak. 1, 19.20.) Oft hat Gott »in der geschichtlichen Leitung Israels den Straftermin hinausgeschoben, das Strafmaß verkleinert und die Strafart verinnerlicht« (Prof. Eduard König zu Ps. 103). Im »Theologischen Wörterbuch zum NT« von Kittel/Friedrich lesen wir dazu: »Im NT lässt sich eine auffallende Verzögerung des Zorngerichts beobachten … Das ist die Erklärung dafür, dass so oft keine Wirkung Seines Zorns zu beobachten ist, wo sie unbedingt zu erwarten wäre.« Es ist dann nach Röm. 2, 4.5 von einer »Doppelfunktion der Zornverzögerung« die Rede: Der aus Güte noch aufgehaltene, zurückgehaltene Zorn kann bei den einen Sinnesänderung (Buße) bewirken, bei den anderen aber eine »Vermehrung des Zornkapitals«, weil die Schuldsumme des Sündenkontos immer höher ansteigt. Irgendwann entlädt sich dann am Gerichtstag Seines Zorns »die Aufwallung (Leidenschaft) des Zornes Gottes, des Allmächtigen« (Offb. 19, 15; thymos täs orgäs tou theou). Dies hat aber nichts mit sündhafter menschlicher Wut zu tun, sondern zutiefst mit der Leidenschaft, Heftigkeit, Eifersucht der göttlichen Liebe.
4. Die Errettung vom göttlichen Zorn
In Röm. 5, 8.9 schreibt Paulus: »Gott aber erweist Seine Liebe gegen uns darin, dass Christus, als wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist. Vielmehr nun, da wir jetzt durch Sein Blut gerechtfertigt sind, werden wir durch Ihn vom Zorn gerettet werden.« — Derselbe Apostel schreibt in 1. Thess. 1, 9. 10; 5, 9: »… Ihr habt euch hingewendet zu Gott, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und Seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten, den Er aus den Toten auferweckt hat: Jesus, der uns errettet von dem kommenden Zorn (oder: aus dem kommenden Zorngericht)«. — »Gott hat uns nicht zum Zorn bestimmt (oder: gesetzt), sondern zum Erlangen des Heils (oder: zum Erwerb der Rettung) durch unseren Herrn Jesus Christus.«
Wie immer man die Einzelheiten dieser Sätze auch deuten mag, es gilt in jedem Fall: Die versöhnten, gerechtfertigten, durch den Glauben erretteten Kinder Gottes stehen nicht mehr unter Gottes Zorn — weder in der Gegenwart noch in der Zukunft! Leben sie doch »in Christus« und »mit Christus« und haben Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn (Röm. 8, 1; Eph. 2, 5.6; 1. Joh. 1 , 3)! Sie haben es zwar als Söhne Gottes mit Seiner Zucht und Erziehung zu tun, aber nicht mehr mit Seinem heiligen Unwillen und Zorn. Denn Züchtigung ist Liebe und nicht Zorngericht (Hebr. 12, 4-8). Darum sind auch die sieben Zornschalen von Offb. 16 gewiss nicht für die Kinder Gottes bestimmt, und erst recht nicht der Feuersee (Offb. 20, 15), sondern für die Ungehorsamen. — Inwieweit wir allerdings als Kinder Gottes, die zugleich Bürger dieser Welt sind, in die sich anbahnenden Endzeit-Katastrophen noch mit hineinkommen, muss offenbleiben. (Man denke an Klimaveränderung, Überflutungen, Erdbeben, Unruhen aller Art usw.) Immer aber sind wir geborgen in Seiner Liebe (Röm. 8, 35).
Nach dem »Theologischen Wörterbuch zum NT« ist »in Christi Tod die Rettung vom zukünftigen Zorn gewährleistet und darum auch die Freiheit vom gegenwärtigen Zorn gegeben«. Darum »hängt alles daran, ob der Mensch Christus ablehnt oder das, was Er ist und bringt, sich aneignet — oder richtiger: sich zueignen lässt. Wer Ihn ablehnt, bleibt unter dem Zorn; wer Ihn annimmt, ist frei … Die Freiheit von Gottes Zorn ist an den Glauben an Christus gebunden (Joh. 3, 36).«
Doch auch im Blick auf die Welt — die vielen Unerretteten, Verlorenen, Ungehorsamen — dürfen wir eine letzte (wenn auch noch in der Ferne liegende) Hoffnung haben, eben weil Gottes Zorn zutiefst aus Seiner Liebe stammt und darum der Zurechtbringung dient. Seine Zorngerichte haben Anfang und Ende, Seine Liebe aber bleibt (vgl. Offb. 15, 1; 1. Kor. 13, 8). Und mit Klagelieder 3, 31-33 dürfen wir wissen: »Denn nicht für ewig verstößt der Herr, sondern wenn Er betrübt hat, erbarmt Er sich nach der Fülle Seiner Gnadenerweise. Denn nicht von Herzen plagt und betrübt Er die Menschenkinder.«
|
Gott wandelt allen Fluch in Segen Und macht die Finsternis zum Licht. Hoch über allen Erdenwegen Strahlt hell Sein heil’ges Angesicht. Noch steh’n wir müde und erschrocken In einer Welt voll Schuld und Pein; Doch aus der Angst wird einst Frohlocken, Und statt der Furcht wird Freude sein. |
Der Herr führt das Gericht zum Siege, Was immer auch geschehen mag. Ein ew’ger Friede folgt dem Kriege, Und jede Nacht wird einst zum Tag. Den Tod verwandelt Er in Leben, Dass alle Welten weit und breit Ihm jauchzen und Ihn hoch erheben In ungeahnter Herrlichkeit. |
| Adolf Heller |
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 3/2001; Paulus-Verlag; Heilbronn)


Jeden Sonntag ab 10:00 Uhr von der 