Die unterschiedliche Berufung des Volkes Israel und der Gemeinde
Autor: Schumacher, Heinz | Kategorie(n): Gemeinde, Israel, Lehre | 490 x gelesenVorbemerkung: Damit das folgende nicht mißverstanden wird, bitte ich sehr zu beachten:
1. Das Volk Israel und die Gemeinde Gottes (die Auswahlkörperschaft, die da ist Sein Leib) haben sehr vieles gemeinsam: Sie haben einen Gott, einen Herrn und Messias (Christus), Jesus, den Sohn Gottes; beide stellen eine Auswahlkörperschaft Gottes dar (Israel allerdings eine völkisch-nationale, die Gemeinde eine übervölkisch-internationale). Es gibt für sie nur ein Heil durch den einen Heiland und Seinen Opfertod am Kreuz auf Golgatha. Es wirkt in ihnen, wenn sie gläubig geworden sind an Christus, ein Geist; auch haben sie zutiefst und zuletzt ein Ziel: neue Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt. In dieser Neuschöpfung fließen die vorerst noch unterschiedlichen Berufungslinien in eins zusammen, die Unterschiede werden also einmal ihre trennende Bedeutung verlieren.
2. Wo ich im folgenden von Israel spreche, ist Israel als Volk gemeint, nicht einzelne an Jesus Christus gläubig gewordene Israeliten. Die letzteren haben teil an der Berufung der Gemeinde Gottes, haben eine “himmlische Berufung” (Hebr. 3, 1).
3. Die folgenden Gegenüberstellungen sind nicht ausschließend zu verstehen. Das heißt zum Beispiel: Wenn die Gemeinde Gottes und Christi mit himmlischen Segnungen gesegnet ist, so schließt das nicht aus, daß wir auch irdische Segnungen genießen. Doch spielen die irdischen Segnungen bei uns nicht die Rolle, die sie bei Israel spielen! Bei Israel haben die irdischen Segnungen etwas mit heilsgeschichtlicher Stellung und Berufung Gottes zu tun, bei uns nicht.
Solange aber die Neuschöpfung von Offenbarung 21 noch nicht da ist, haben wir es mit zwei Heilskörperschaften Gottes zu tun, die vorerst auf unterschiedlichen Berufungslinien geführt und zubereitet werden. Diese Unterschiede nicht zu beachten, trübt den Blick für die eigene Berufung und führt zu unguten Vermischungen, indem man die “Kirche” (Gemeinde) theologisch an die Stelle Israels rückt und Israels Berufung nachahmt; man denke an die Stellung zu Engellehre oder Priesterhierarchie (um nur diese beiden einmal herauszugreifen).
Wir betrachten im folgenden, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, 7 Unterschiede:
- Unterschiedliche Segnungen
- Eine unterschiedliche Heimat
- Unterschiedliche Kämpfe
- Unterschiedliche Heilserfahrung
- Unterschiedliche Messiaserwartung
- Unterschiedliche Arbeitsweisen Gottes
- Eine unterschiedliche körperschaftliche Berufung
Der Verfasser gehört freilich nicht zu jenen, die beim Bibellesen ständig die Unterschiede suchen und oft geradezu “herauspicken”, so daß man am Ende zwischen den Paulus- und den Petrusbriefen nur noch Gegensätzliches sieht und die Petrusbriefe (wie auch die Offenbarung, die vier Evangelien usw.) am liebsten meidet! Nein, es gibt auch sehr viel Übereinstimmendes, es gibt durchlaufende gerade Linien, und der Apostel Paulus betont, daß den an Jesus Christus Gläubigen alle Schrift gehört (2. Tim. 3, 16; 1. Kor. 3, 22.23). Von der praktisch-erbaulichen Sicht aus dürfen wir uns alle Schrift dienen lassen; aber auch lehrhaft und prophetisch, mit Beachtung der unterschiedlichen Linien.
1. Unterschiedliche Segnungen
Die Gemeinde, der Leib Christi, ist laut Epheser 1, 3 “gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christo”. Wer Näheres erfahren möchte, worin diese geistlichen Segnungen bestehen, der lese einmal gerade diesen Epheserbrief, und er wird eine Fülle finden, schon gleich im 1. Kapitel!
Oft wird eine Sache deutlicher, wenn man ihr Gegenteil beachtet. So können uns die geistlichen Segnungen der Gemeinde in himmlischen Örtern deutlicher bewußt werden, wenn wir einmal die Israel verheißenen fleischlichen Segnungen in irdischen Örtern dagegenstellen. Dazu schlagen wir das Kapitel 5. Mose 28 auf. Hier wird Israel von Gott der Segen und der Fluch vorgelegt — Segen im Falle des Gehorsams gegenüber allen Geboten des Herrn, Fluch, falls Israel nicht alle Gebote und Satzungen des Herrn hält oder zu halten vermag. Hart und kompromißlos heißt es Vers 15: “Es wird aber geschehen, wenn du der Stimme Jahwes, deines Gottes, nicht gehorchst, daß du darauf achtest, zu tun alle Seine Gebote und Seine Satzungen, die ich dir heute gebiete, so werden alle diese Flüche über dich kommen und dich treffen.“ Und dann folgt in den Versen 16-68 eine lange Liste furchtbarer Flüche, und der aufmerksame Leser merkt: Dies sind nicht allein göttliche Drohungen, nein, dies ist Weissagung, denn Gott weiß: Israel wird die Gebote insgesamt nicht zu halten vermögen, der Fluch wird kommen!
Warum, so könnte man fragen, ist Gott hier so hart und kompromißlos? Wir stehen in 5.Mose 28 auf dem Boden des Gesetzes, nicht der Gnade. Und auf Gesetzesboden ist Gott der hart und schonungslos Fordernde. Er begnügt sich auch nicht mit einer “Teillösung”, einem “Teilerfolg”, er fordert das Halten aller Gebote (vgl. Jak. 2, 10). Denn das Gesetz gleicht einem Zaun (Eph. 2, 14). Ist er nur an einer Stelle undicht, so ist der Zaun als Zaun wirkungslos; er darf an keiner Stelle durchlöchert sein.
Was ist nun Segen, und was ist Fluch? Kaum ein Wort verwenden wir so häufig in unseren Gebeten wie das Wort “Segen” und “segnen”: “Segne mich, segne die Meinen, segne die Versammlung oder Freizeit” usw.
Anhand von 5. Mose 28, 1-14 kann man sagen: Segen ist Mehrung des Lebens und gesunde Lebensentfaltung. Israel wird hier verheißen: “Gesegnet wird sein die Frucht deines Leibes und die Frucht deines Landes und die Frucht deines Viehes, das Geworfene deiner Rinder und die Zucht deines Kleinviehs.” Fleischliche Segnungen in irdischen Örtern! Weiter heißt es: Jahwe wird deine Feinde … geschlagen vor dir dahingeben … Jahwe wird dir den Segen entbieten in deine Speicher und zu allem Geschäft deiner Hand und Er wird dich segnen in dem Lande, das Jahwe, dein Gott dir gibt … Er wird dir Überfluß geben an der Frucht deines Leibes und an der Frucht deines Viehes und an der Frucht deines Landes … wird dir den Himmel auftun, um den Regen deines Landes zu geben zu seiner Zeit, und um alles Werk deiner Hand zu segnen, und du wirst vielen Nationen leihen, du aber wirst nicht entlehnen. Und Jahwe wird dich zum Haupte machen und nicht zum Schwanze, und du wirst nur immer höher kommen und nicht abwärts gehen, wenn du den Geboten Jahwes, deines Gottes, gehorchst …”
Israel hat diese Segnungen im Vollsinn bis heute noch nicht bekommen. Es steigt nicht immer höher, es ist nicht das Haupt der Völker, es lebt nicht in lauter Erfolg und Reichtum, Fülle und Überfluß! Da aber der Herr früher oder später all das Gute über Israel bringt, das er je geredet hat (Jer. 32, 42), so wird sich auch 5. Mose 28 nach der Segenseite hin noch erfüllen, wie es sich wörtlich und buchstäblich nach der Fluchseite hin erfüllt hat. Freilich sind die obengenannten Verheißungen Gottes an eine Bedingung geknüpft: wenn … Da Israel diese Bedingung bis heute nicht voll und als Volksganzes erfüllt hat, konnte auch der Segen im Vollumfang bisher nicht kommen. Erst wenn sie in Gottes neuen Bund von Herzen einwilligen (Jer. 31, 31 ff.), wenn sie durch Seinen Geist befähigt werden, in Gottes Gesetz zu wandeln (das dann in ihr Inneres gelegt ist), können sich alle diese Segensverheißungen im Reich des Messias erfüllen.
Segen ist also Mehrung des Lebens und gesunde Lebensentfaltung, ferner Erfolg, Reichtum, Überfluß, Sieg über die Feinde und Hauptschaft über alles. Fluch hingegen ist Mangel und Minderung, Unglück, Misserfolg, krankhafte Entwicklung, Niederlage, Hunger, Gefangenschaft usw.
Israel als Volk hat es vorerst im Sichtbaren und Irdischen in diesem Sinne mit Segen und Fluch zu tun. Und solange sie noch nicht im Segen, sondern unter dem Fluch stehen, sind sie auch für ihre Umgebung nicht ein Segen, sondern ein Fluch (Sach. 8, 13). Denn so gewiß einerseits gilt: “Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein”, gilt auch die Umkehrung: Wer, weil er nicht alle Gebote Gottes gehalten hat, unter Seinem ganzen Fluch steht, ist auch für die Umgebung ein Fluch. Beide Seiten kommen in der Geschichte Israels im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende nach Sacharja 8, 13 zur Geltung, und beide Seiten muß man beachten, wenn man Gottes Weg mit Israel biblisch ausgewogen sehen will. Dies hat nicht das Geringste mit Antisemitismus zu tun, wohl aber hat es etwas zu tun mit “Liebe in Wahrheit” und “Wahrheit in Liebe” (Eph. 4,15).
Wie furchtbar ist es doch, Gott auf dem Boden des Gesetzes zu begegnen! Hier enthüllt Er nicht Sein Innerstes, hier tritt Er uns nicht gegenüber als “Vater der Erbarmungen und Gott alles Trostes“ (2. Kor. 1, 3), hier ist Er vielmehr der “große und furchtbare Gott“ (Dan. 9, 4)! Wer hier nicht gehorcht, total gehorcht, verfällt dem Fluch, dem ganzen Fluch! Jesus verschärft in der Bergpredigt diese Forderungen eines unerbittlichen Gottes noch, Er schraubt in Matthäus 5 Seine Forderungen höher und höher, bis hin zur Feindesliebe und zum Gebot göttlicher Vollkommenheit! Und wer bei den Zehn Geboten noch nicht bereit, war, den Bankrott zu erklären, zu kapitulieren, sollte doch wenigstens angesichts der Forderungen von Matthäus 5, 21-48 endlich kapitulieren und bekennen: O Gott, ich kann es nicht! Denn darauf wartet Gott ja. Das Gesetz soll den Menschen zur Sündenerkenntnis führen (Röm. 3, 20), ihn erlösungsbedürftig machen, ihn zu Jesus, dem Sünderheiland führen. Es ist ein Zuchtmeister (wörtlich: “Pädagoge”) auf Christus hin (Gal. 3, 24). Gott wartet inbrünstig darauf, dem durch Gesetz erlösungsbedürftig gewordenen Menschen endlich offenbaren zu können, wer Er in Seinem tiefsten Wesen eigentlich ist: der Schenkende und nicht der Fordernde, der Barmherzige und nicht der Fluchende, die Liebe und nicht Haß. Wer dies aber erleben und erfahren will, muß zu Jesus kommen, muß im Geist nach dem Hügel Golgatha gehen, um Vergebung und Heil und ein neues Leben zu empfangen.
Wie gut, daß wir Gott auf dem Boden der Gnade begegnen dürfen, indem wir uns auf diesen Boden stellen, von Golgatha, nicht vom Sinai her kommend. Und wie gut, daß auch Israel als Volk dies noch lernen wird, wie es einzelne jetzt schon lernen dürfen. Dann wird es allen ihm verheißenen Segen empfangen und auch für die Völkerwelt ein Segen sein. Wir dürfen nun gerade in dem Jahrhundert leben, in dem einerseits der von Gott angedrohte Fluch über Israel zum Höhepunkt strebt (man denke an Hitler, wie an den noch ausstehenden letzten Antichristen), in dem aber auch die große und endgültige Wende von Gott her eingeleitet worden ist: die Zeit der Sammlung und Heimkehr ins verheißene Land hat begonnen, die Zeit der Wiederannahme und Tröstung steht kurz bevor!
Kehren wir nun zu den Unterschieden zwischen der Berufung Israels und der Gemeinde Gottes zurück:
Der Gemeinde Gottes ist nach Epheser 1, 3 geistlicher Segen in himmlischen Örtern verheißen. Wenn wir also beten: “Herr, segne mich …, segne den Dienst des Bruders, meine Angehörigen, diese Gemeinde”, so hat das nichts mit Landbesitz, leiblicher Fruchtbarkeit und Mehrung, Sieg über äußere Feinde zu tun. Vielmehr geht es bei der Gemeinde um die Mehrung des neu gezeugten geistlichen Lebens, um gesunde Entfaltung des göttlichen Lebens in uns (keine Selbstverständlichkeit angesichts der unzähligen verwirrenden Strömungen im “christlichen” Raum; siehe neueste Auflage von Kurt Hutten: “Seher, Grübler, Enthusiasten”!), um Sieg in dem uns verordneten Kampf von Epheser 6, 10-18 und um Hauptschaft nicht im irdisch-völkischen Bereich, sondern im kosmischen Bereich zusammen mit Christus (Eph. 1, 23).
Wenn aber im Blick auf Israel von Fluch die Rede war als der Umkehrung des Segens, so gilt auch uns die Frage: Geht wirklich Segen von uns aus auf andere Menschen oder das Gegenteil? Helfen wir anderen zur geistlichen Lebensmehrung und -entfaltung oder hemmen wir göttliches Leben? Wächst unser innerer Mensch auf gesunden geistlichen Bahnen? Leben wir aus der Christusfülle und haben Sieg über Satan? Wandeln wir im Geist und im Licht und in der Liebe? Wenn nicht, so sollten wir um Segen bitten im Sinne von “Entfluchung” wie unser heimgegangener judenchristlicher Bruder Dr. Kahn sich auszudrücken pflegte.
2. Eine unterschiedliche Heimat
Eng verbunden mit dem Israel verheißenen irdischen Segen ist die irdische Landverheißung. Wie aus Jesaja 62, 4 hervorgeht, hat Gott nicht nur Israel als Volk, sondern auch als Land sich auserwählt, ja zur Vermählten erkoren! Das Alte Testament, Gesetz und Prophetie, ist voll von Landverheißungen für Israel, wozu auch die Zusagen der endzeitlichen Heimkehr ins Land gehören. Wer das weiß, hat auch mehr Verständnis für das heutige Israel, wie es unter Menachem Begin auf die Verheißungen Gottes für “Erez Israel” pocht, für das versprochene Land. Und grundsätzlich dürfte es richtig und Gott wohlgefällig sein in dieser Weise Gott beim Wort zu nehmen. Die Frage ist nur, ob bei Israel auch die Voraussetzungen des Glaubens und der Gottesfurcht vorhanden sind, um in dieser Weise wie Josua “Land der Verheißung einzunehmen” — vielleicht bei Begin persönlich, aber wie steht es mit der Masse des Volkes? Sicher ist, daß Israel früher oder später alles ihm Verheißene bekommt — auch alles verheißene Land bis an den Euphrat —, aber nicht alles erfüllt sich sofort. Was Israels Regierung in dieser Lage braucht, ist vor allem das glaubensgehorsame Achten auf Gottes heutiges Führen, auf Seinen Weg und Seine Hand: wo öffnet Er Türen, wo will Er Siege schenken, und wo gebietet Er ein Halt, ein Abwarten oder gar vorübergehend einen Rückzug?
Kein Zweifel, das heilige Land, das Gott “mein Land” nennt (Joel 3, 2), ist Israel als Erbe und Heimat verheißen. Unsere Heimat aber, schreibt Paulus der gläubigen Gemeinde (Phil. 3, 20), ist in den Himmeln. Dort haben wir Heimatrecht, Bürgerrecht, denn von dorther stammen wir dem neuen Menschen nach. Wenn sich zuweilen Gotteskinder aus den Nationen in einer rührend anhänglichen Weise an das Land Israel oder die Stadt Jerusalem hängen, sich dort wie zu Hause fühlen, ja heimischer als im eigenen Land, so kann man sich dabei auf menschliche Gefühle, aber nicht direkt auf Verheißungen, Gottes berufen! Denn unsere Heimat und Mutter ist zwar Jerusalem, aber das himmlische (Gal. 4, 26).
Auch Kinder Gottes aus den Nationen haben in der Regel eine irdische Heimat; manche verfügen über Landbesitz; dies alles aber hat nichts mit göttlicher Berufung zu tun. Bei Israel aber hat Land und Heimat einen anderen Klang: hier betritt man Verheißungsboden.
3. Unterschiedliche Kämpfe
Im vorletzten Heft von “Gnade und Herrlichkeit” (6/1982) wurde von Arthur Muhl und Gerhard Kühl bereits darauf hingewiesen (siehe die Rubrik “Zeit und Welt im Licht der Bibel”): Israel hat mit Fleisch und Blut zu kämpfen! Die Zeit, wo sich Israel nicht mehr auf Heer oder Kraft stützt, sondern allein auf des Herrn Geist, ist leider noch nicht da. Sie wird aber kommen (Sach. 4, 6). So wie Israel irdische Segnungen von Gott zugesagt wurden, wozu auch irdischer Landbesitz gehört, wurde und wird es — eben wegen des Landes — auch in irdische Kriege verwickelt. Diese Kriege und Kämpfe haben, wie überhaupt der 1948 gegründete Staat Israel, etwas mit Heilsgeschichte Gottes zu tun! Dies kann man von den Kriegen der Nationen, ob Falkland-Konflikt oder iranisch-irakischer Konflikt, nicht sagen. Natürlich liegen alle Kriege auf Erden letzten Endes in Gottes Plan und Rat, aber nur mit einem Volk und Land, das Er erwählt hat, vollführt Er in besonderer Weise Seinen Plan, eben Israel. Darum sind Israels Kämpfe in gewissem Sinn auch heute noch, wie schon zur Zeit des Alten Testaments, die Kriege Jahwes. Wer Israel antastet, tastet Sein Weib, Seinen Augapfel an.
Der Gemeinde aber schreibt Paulus in Epheser 6, 12: “Denn unser Kampf ist nicht wider Fleisch und Blut”, er ist auch nicht mit irdischen Waffen zu führen. Unsere Kämpfe sind Geisteskämpfe. Es wäre ja auch eigenartig, wenn ich, von einem Bruder in einem Lehrstreit hart bekämpft und vielleicht beschimpft, zur Pistole greifen wollte! Doch auch unser “geistliches” Debattieren kann leider oftmals “fleischlich” sein. Unsere Kämpfe sind aber Geisteskämpfe. Und wenn Martin Luther ein Tintenfaß gegen den Teufel geschleudert haben soll, so war sich der Reformator sicher darüber im klaren, daß er den Satan letztlich damit nicht erledigen kann, er vollzog nur eine symbolische Geste.
4. Unterschiedliche Heilserfahrung
In einem Vortrag von Gerhard Kühl (abgedruckt in “Gnade und Herrlichkeit” 6/1981; siehe auch Vortragskassette Nr. 2089!) wurde es, mit vielen Zitaten orthodoxer und reformerischer Juden, sehr deutlich: Israel hat einen anderen Blick für das Heil Gottes und eine andere Art, der Heilserfahrung als viele Christen. Was wir stark betonen, manchmal auch überbetonen, ist ihnen gar nicht so wichtig: das individuelle Seelenheil, das Heil des einzelnen. Ihnen geht es um das Heil des Ganzen. Ihr Blick zielt auf das Reich des Messias. Und gewiß werden gläubige Juden, wenn sie das Vaterunser beten, es viel mehr im ursprünglichen Sinne Jesu verstehen und beten: als ein dringendes Flehen nach dem endlichen Hereinbruch des verheißenen messianischen Gottesreichs auf Erden!
Und doch bedarf jeder einzelne Christ, er sei Jude oder Heide, Israelit oder Nichtisraelit, auch der persönlichen Heilserfahrung! So gewiß es in Israels wechselvoller Geschichte völkische Sünden, völkische Buße und Umkehr, völkische Verstockung gab und einmal eine völkische Errettung geben wird (Jes. 66, 7-9; Röm. 11, 26), so gewiß ist andererseits die Beziehung des Glaubens und der Liebe zu Jesus Christus immer eine persönliche. Hier können und sollen beide, Israel und Gemeinde, voneinander lernen. Vielen Christen fehlt der Blick dafür, daß es über das individuelle Seelenheil hinaus noch Wichtigeres gibt, das Heil des Ganzen, das Reich, die Neuordnung aller Dinge. Viele Israelis aber haben noch zu lernen, daß eine allgemeine Erwartung des Messias und Seines Reiches nicht genügt, daß es gilt, Jesus ganz persönlich im Glauben aufzunehmen, so wie dies im Anbruch die Jüngergemeinde erfuhr, die Jesu Abschiedsreden vernahm, sowie die Pfingstgemeinde in Jerusalem (Apg. 2 und 4).
5. Unterschiedliche Messiaserwartung
Israel und die Gemeinde Gottes sind ganz konkret zwei verschiedene Heilskörperschaften Gottes, mit unterschiedlichem Anfang und verschiedener Vollendung. Israels Heilsgeschichte begann einst mit der Volkwerdung und Landnahme unter Mose, sie wird vollendet, wenn der Messias kommt. Und zwar kommt Er zu Israel so, wie es die Propheten und Jesus selbst vorausgesagt haben: auf den Ölberg, als Kriegsheld und Richter der Völker, mit Macht und großer Herrlichkeit, in Begleitung Seiner Heiligen (Sach. 14, 5; Joel 3, 9-17 Elberf. Übs.; Matth. 24, 29-31; Offb. 17, 14-19, 11-16). Dies geschieht nach der Großen Drangsal (Matth. 24, 29).
Die Gemeinde Christi und Gottes hingegen begann einst still und verborgen, und sie wird still und verborgen vor Israels letzter Drangsal vom Herrn heimgeholt, zu Ihm hin entrückt.
Man kann mit Recht das Geschehen von Apostelgeschichte 10, das Gläubigwerden der ersten “Heiden”, Nichtisraeliten, im Hause des Kornelius durch Petrus, als den Beginn jener Gemeinde ansehen, die Gott sich in der gegenwärtigen Heilszeit aus allen Völkern sammelt. Apostelgeschichte 2 war nicht der “Geburtstag der Kirche”, sondern der Beginn der judenchristlichen Gemeinde jener Tage. Sie trat später zurück, um der Gemeinde aus allen Nationen (mit Einschluß eines “Überrestes” aus Israel) Platz zu machen.
Still und verborgen geschieht einmal, wer weiß wie bald, die Hinwegnahme dieser Gemeinde von dieser Erde. Wie das geschieht, hat Paulus in 1. Thessalonicher 4, 13-18 offenbaren dürfen. Das Haupt vereinigt sich mit Seinen Gliedern. Nicht als Richter der Völker, sondern als liebendes Haupt kommt dann Christus hernieder, nicht bis auf den Ölberg, sondern in die Luft, um sich dort mit den Seinen zu vereinigen.
6. Unterschiedliche Arbeitsweisen Gottes
Gott arbeitet an der Gemeinde des Christus, um einige Punkte hervorzuheben
- von innen nach außen;
- ohne Nennung von Zahl und Zeit;
- ohne Gesetz und Priesterhierarchie;
- ohne Engellehre und Visionen.
Dies alles ist beim Volke Israel anders! Bei Israels endzeitlicher Wiedersammlung, Wiederherstellung und Wiederannahme arbeitet Gott, das erleben wir ja in unserem Jahrhundert,
a) von außen nach innen. Israel wird zuerst gesammelt und dann erst, im Lande der Väter, bekehrt. Wer da meint, die Vorgänge in Palästina/Israel seit 1948, ja schon seit 1897 und 1917 (Erster Zionistenkongreß und Balfourerklärung) hätten keinerlei heilsgeschichtliche Bedeutung, da die Juden ja noch, nicht in ihrer Masse bekehrt seien, irrt. Er erkennt nicht die göttliche Reihenfolge: erst die Sammlung, dann die Bekehrung. Erst das Zusammenrücken der Totengebeine, dann der Empfang des Gottesgeistes. Siehe Hesekiel 36, 24-27 und 37, 7-10, wo zweimal diese Reihenfolge klar zu erkennen ist. — Man kann auch die Staatsgründung von 1948 als das Herrichten der Endzeitbühne ansehen, bevor die handelnden Personen auftreten (siehe “Das tausendjährige Königreich Christi auf Erden” von Heinz Schumacher, Paulus-Verlag). — Bei der Gemeinde hingegen wirkt und arbeitet Gott von innen nach außen in der Reihenfolge: Geist, Seele, Leib (1. Thess. 5, 23). Erst geschieht das Werk der Neuzeugung durch Gottes Geist in unserem Geist (Eph. 4, 23; Röm. 8, 16), um dann auch das seelische und leibliche Leben mit allen seinen Äußerungen und Bereichen mehr und mehr zu erfassen, bis hin zur noch zukünftigen “Erlösung unseres Leibes” (Röm. 8, 23). — Bei Israel haben wir es ferner
b) mit Zahlen und festgesetzten Zeiten zu tun. Da ist die Rede von 144.000 Erstlingen des endzeitlichen Israel (Offb. 7), von 70 Jahrwochen (Dan. 9), von der noch zukünftigen 70. Jahrwoche, bestehend aus zweimal 1260 Tagen (Offb. 11-13) und von 1000 Jahren der Königsherrschaft des Christus auf dieser Erde (Offb. 20). Nichts von alledem bei der Gemeinde, deren spezieller Lehrer Paulus ist, der “Lehrer der Nationen”, der Offenbarer und Verwalter bis dahin verborgener göttlicher Geheimnisse, der Vollender des Wortes Gottes (1. Tim. 2, 7; Eph. 3, 1-6; Kol. 1, 25.26). Hier finden wir weder zahlenmäßig noch datumsmäßig irgendeine Festlegung. Auch die sogenannten “Zeichen der Zeit” gelten, wie schon seinerzeit Prof. E. F. Ströter schrieb, nicht der Gemeinde, sondern Israel. — Wir können höchstens, und das ist uns nicht verboten, auf Israels Uhr schauen, um uns zu “orientieren”. — Die Gemeinde hat auch keinerlei
c) Gesetz und Priesterhierarchie. Dies ist Israel vorbehalten. Wo man die Gläubigen dennoch, Israel nachahmend, unter Gesetz und Priesterhierarchie gestellt hat — siehe vor allem die Katholische Kirche — müssen Fehlentwicklungen dabei herauskommen, Entwicklungen, wie sie Gott für Seine Gemeinde auf Erden nicht vorgesehen hat. Auf diesem Boden gedeihen Glanz und Pomp, eigenwillige Dogmen wie Zölibat, Mariendogmen, Unfehlbarkeitsdogma des Papstes usw., nicht aber, was der Herr für Seine Leibesgemeinde vorgesehen hatte, nämlich das allgemeine Königspriestertum aller Glieder Christi, die nur einem Priester unterstellt sind, ihrem Herrn und Haupte selbst. Wo man aber “eigenwilligen Gottesdienst” (Kol. 2, 23) übt, macht man aus schlichten Diensten Ämter und aus Gabenträgern kirchliche Beamte. (Trotz dieser Fehlentwicklungen gibt es natürlich auch bei den katholischen Priestern Brüder, Brüder in Christo mit kindlichem Glauben und großer Jesusliebe. Das ändert aber nichts an der Fehlentwicklung des Systems als solchem.)
Natürlich ist es nicht nur die katholische Kirche, die den Gläubigen wieder ein Gesetz auferlegte und es in sakramentale, gottesdienstliche und priesterhierarchische Formen goß. Alle Kreise der Gläubigen, sogar “Fundamentalisten” und “Evangelikale” (und wie die unschönen Fachausdrücke lauten mögen) müssen ständig auf der Hut sein, nicht wieder Gesetz und Evangelium zu mischen oder tote Formen für Leben zu halten.
d) Auf dem Boden Israels spielen Ankündigungen und Belehrungen durch Engel eine große Rolle, auch Träume und Visionen (siehe Buch Daniel, Joel, Offenbarung). In Daniel 9 gibt der Engelfürst Gabriel dem Daniel eine äußerst wichtige Belehrung, die der 70 Jahrwochen für Israel. — Die Gemeinde, die direkt am Haupte hängt und das Haupt festhalten soll, bedarf solcher Mittlerdienste durch Engel nicht. Das wäre kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt! Daher warnt Paulus vor Engeldienst, Engelanbetung und Visionen mit ernsten Worten (Kol. 2, 18 bis 19). — Engel haben Aufgaben an Israel und im Kosmos; an der Gemeinde aber nur Aufgaben äußerer Hilfe, für die wir sehr dankbar sein dürfen (Hebr. 1, 14), aber keine Aufgaben, der Lehre (s. a. Gal. 1, 8). Gegenüber der Gemeinde sind sie nicht Lehrende, sondern Lernende (Eph. 3, 10). — Wer das weiß, gerät nicht mehr aus der Fassung, wenn Gerüchte und sogar Zeitungsartikel melden, Engel oder Erzengel seien (in Jeans oder wie auch immer) per Anhalter auf der Autobahn von Frauen mitgenommen worden. Erst nachdem sich diese während des Gesprächs vorstellten, das nahe Weltende kundtaten und dann aus dem fahrenden Auto plötzlich spurlos verschwunden seien, hätten die Betreffenden erkannt, daß sie tatsächlich in ihrem Auto “ohne ihr Wissen Engel beherbergt” (Hebr. 13, 2) hätten! Falls dies wirklich einmal oder mehrmals so geschehen und nicht Erzeugnis krankhafter Phantasie ist, so fürchte ich nach allem bisher Geschilderten, daß es wohl kaum ein echter Bote aus Gottes Lichtwelt war, sondern eher ein Vertreter dessen, der sich gern als “Engel des Lichtes” verstellt, um mit frommen Worten gerade fromme, aber nicht fest im Bibelwort gegründete Leute zu verwirren.
7. Eine unterschiedliche körperschaftliche Berufung
Israel ist das “Weib Jahwes”, die Braut des Lammes. Das zeigt nicht nur das Alte Testament an vielen Stellen, es steht sogar im vorletzten Kapitel der Bibel, Offb. 21, 9-14. “Ich will dir die Braut, das Weib des Lammes zeigen”, heißt es klar und deutlich. Und dann folgt nicht ein Hinweis auf die Gemeinde aus allen Nationen, sondern auf die heilige Stadt Jerusalem, die 12 Tore, an den Toren 12 Engel und die Namen der 12 Stämme Israels an den Toren geschrieben hat, während auf den Stadtmauern die Namen der 12 (israelitischen) Apostel des Lammes stehen.
Die Gemeinde aber wird nirgendwo die Braut oder das Weib des Lammes genannt, sie wird nur mit einem Weibe oder einer keuschen Braut verglichen (2. Kor. 11, 2; Eph. 5, 22-33). Und natürlich paßt dieses Bild sehr gut, wenn die Hingabe und Unterordnung des einzelnen an den Christus abgebildet werden soll. Mit Recht sagte Karl Geyer: Gottes Geist als der männlich Zeugende wird mit unserem Geist als dem weiblich Empfangenden eins, um neues Leben zu zeugen.
Die Gemeinde insgesamt aber wird als Körperschaft männlich gesehen, als der Körper des Christus und somit als ein Teil des Mannes, des Christus, der einmal mit der Braut, Israel, sich vermählen wird in der Hochzeit des Lammes.
Daß manche Gläubige geradezu leidenschaftlich aufbegehren, wenn ihnen solches zum erstenmal gesagt wird, zeigt, wie stark die Macht der Tradition immer wieder ist. Solchen Kindern Gottes zum Trost sei es nochmals betont: Auch wenn du prophetisch, heilsgeschichtlich, von Gott in eine Körperschaft eingegliedert worden bist, die die Bibel männlich sieht, kannst du, wie auch Paulus das tut, in bezug auf die Hingabe deines Herzens dich dem Herrn in bräutlicher Liebe zugetan wissen.
Falls es darüber in Gesprächen Auseinandersetzungen gibt, pflege ich zu sagen: Die Hauptsache ist, wir sehen uns droben, bei der herrlichen “Hochzeit des Lammes” — ob wir nun zur Körperschaft der “Braut” oder des “Bräutigams” zählen — und stehen nicht als Ungläubige oder Halbgläubige “draußen vor der Tür”!
Der Herr segne auch diesen Versuch, einige der wichtigen Unterschiede zwischen Israel und Gemeinde Gottes einmal herauszustellen. Sie sind, wie wohl im Laufe der Betrachtung immer wieder deutlich wurde, unerläßlich, wenn man einen klaren Blick für Weg und Berufung der Gemeinde einerseits und Weg und Berufung Israels andererseits haben möchte. Am Schluß aber, in der Vollendung auf der Neuen Erde, wenn das Neue Jerusalem herniederkommt auf die Erde, wenn sich Himmel und Erde sozusagen vereinigen, werden diese Unterschiede unwichtiger werden. Sie betreffen den Weg, nicht aber das Ziel, das beiden gemeinsam ist:
Alles ist dem Christus unterworfen —
der Tod wird hinweggetan —
Gott ist alles in allen.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1983; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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