Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Kein Heil ohne Gericht und kein Gericht ohne Heil

Autor: Schumacher, Heinz  |  Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Gerichte Gottes, Heilsgeschichte, Lehre  |  708 x gelesen

(Nach einem Wortdienst auf der Bibelkonferenzstätte Langensteinbacherhöhe am 07.10.1971 anläßlich der Brüderfreizeit; vom Verfasser überarbeitet)

Liebe Brüder!

In meinem Thema werden zwei fundamental wichtige biblische Feststellungen getroffen:

  1. Kein Heil ohne Gericht
  2. Kein Gericht ohne Heil

Gar zu gern trennen wir in unserem sezierenden und analysierenden Denken diese beiden Dinge, die nach der Schrift unlösbar zusammengehören!

In dem uns vertrauten evangelischen Glaubensbekenntnis z. B. bekennen wir auf der einen Seite die Heilstatsachen: Jesus hat gelitten, ward gekreuzigt, ist gestorben und auferstanden; später heißt es dann: “von dannen Er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten”. In diesem letzten Zusammenhang ist aber dann von Heil keine Rede mehr!

So spricht man in der üblichen kirchlichen Lehre einerseits vom Heil, von der Erlösung. Da dieses Heil weithin bereits an die Kindertaufe gebunden wird, ist es ein Heil ohne Gericht, ohne Buße und Selbstprüfung. — Andererseits wird vom ewig-endlosen, unabänderlichen Unheil für die Verdammten gesprochen — Gericht ohne Heil!

Gewiß: Auch unser Gott offenbart sich nach der Schrift das eine Mal als der “Gott aller Gnade” (1. Petr. 5,10), das andere Mal als “Gott des Gerichts” (Jes. 30, 18). Darf man aber zwischen beiden Offenbarungsarten einen Trennungsstrich ziehen? Hat das eine mit dem anderen nichts zu tun? Schon das Alte Testament zeigt sehr deutlich, daß beides nicht zu trennen ist! Ich denke jetzt an das Gebet eines Habakuk in Kap. 3, 2: “Jehova, ich habe Deine Kunde vernommen, ich fürchte mich; Jehova, belebe Dein Werk inmitten der Jahre, inmitten der Jahre mache es kund; im Zorn gedenke des Erbarmens!” Das ist eine Bitte, die immer aktueller und dringlicher wird, je näher wir der eigentlichen Endzeit kommen! Wir können nicht beten — wie ich es in einer Gebetsversammlung einmal hörte: “O Herr, laß doch die Große Drangsal, laß doch die Schrecken der Endzeit gar nicht kommen!” Was an Gerichten geweissagt ist und nach dem Gesetz von Saat und Ernte kommen muß, was im Plane Gottes fest beschlossen und in der Schrift niedergelegt ist, können wir nicht einfach “wegbeten”! Wohl aber dürfen und sollen wir mit Habakuk Gott bitten — das ist durchaus biblisch und gottgefällig —, daß Er im Zorn des Erbarmens gedenken, im Gericht Seine Gnade und Sein Heil offenbaren möge.

Auch Mose hat zu seiner Zeit schon erkannt, daß Gott, auch wenn Er sich strafend und richtend als “Gott des Gerichts” offenbart, doch nie aufhört, der erbarmende und treue Gott zu sein. In 2. Mose 32 wird berichtet, wie Mose, die Tafeln des Gesetzes in Händen, vom Berge Sinai herabkommt. Man könnte hier von der “Parusie”, der Wiederkunft des Mose reden, und tatsächlich erinnert die ganze Szene sehr lebhaft an die Parusie, die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Man rechnete schon gar nicht mehr ernsthaft mit der Möglichkeit der Wiederkehr dessen, der “verzog herabzukommen” (vergl. Matth. 25, 5 und 2. Petr. 3, 4.9) von der Höhe, auf die er gestiegen war (Eph. 4, 8-10). “Ist Mose abgestürzt, verhungert, vom Feuer Gottes verzehrt worden, oder hat ihn ein wildes Tier gefressen?” — so und ähnlich mag man damals über die “Parusieverzögerung” sich ausgelassen haben. Als aber niemand mehr damit rechnete und man sich daher in seinen Erwartungen und Praktiken ganz aufs Diesseits, aufs Irdische, aufs Fleisch eingestellt hatte, kam Mose! Und zwar kam er zum Gericht. Denn Jehova, der Unwandelbare, hatte zu Mose gesagt: “Ich habe dieses Volk gesehen, und siehe, es ist ein hartnäckiges Volk; und nun laß mich, daß mein Zorn wider sie entbrenne und ich sie vernichte; dich aber will ich zu einer großen Nation machen.” Mose aber sagt zu dieser Gerichtsdrohung Jehovas nicht einfach “Ja und Amen”; nein, er tritt priesterlich für sein Volk in den Riß; er kann nicht glauben, daß Gott letztlich und zutiefst ein Gott ist, der vernichten will; es ist ihm undenkbar, daß Gott alle Seine Verheißungen, Gnaden- und Treueerweise um dieser Sünde des Volkes willen vergessen kann und will! — Und so appelliert Mose hier angesichts des Gottes des Gerichts, der sich in 2. Mose 32, 7-10 offenbart, an den Gott der Treue und Gnade (Ähnliches geschieht später in 4. Mose 14, wo wir wiederum beides beieinander haben: Gericht und Vergebung). In seinem Fürbittegebet in 2. Mose 32, 11-13 appelliert er an Gottes Verantwortung für Sein Volk Israel (”DU hast es aus Ägypten geführt”), an Seine Ehre (”Was werden die Ägypter sagen?”) und an Seine Verheißungstreue (”Du hast doch bei Dir selbst geschworen und gesagt …”) , und “es gereute Jehova des Übels”! Mose hat also nicht umsonst Jehovas Treue und Gnade über Seine Gerichtsdrohung gestellt, so berechtigt diese auch war.

Es ließen sich noch weitere Beispiele dafür anführen, daß Gottesmänner, Glaubensmenschen angesichts des drohenden Gerichts über menschliche Sünde kein “Ja und Amen” sprachen, sich nicht zufrieden gaben mit der Aussicht auf noch so verdientes Unheil und Gericht, sondern an den Gott der Gnade, Treue und Liebe appellierten, der sich ihnen bereits so geoffenbart hatte, ehe die Gerichtsdrohung kam (Abraham, Hiob, Daniel usw.). — Wie beschämend ist dagegen oft unsere Haltung! Wenn irgendwo in der Schrift eine “ewige Pein”, ein “zweiter Tod” usw. angekündigt wird, dann sagen wir “Ja und Amen”, befleißigen uns zu behaupten, für solche gebe es nie mehr irgendwelche Gnade, und scheinen mit einem Schlag alle Heilsverheißungen ebenso vergessen zu haben wie Gottes innerstes Wesen (das wir für Seine Gemeinde rühmend in Anspruch nehmen) und die im eigenen Leben erfahrene Vergebung, statt daß auch wir im Glauben folgerten wie die Männer des Alten Testaments: “Deine Gerichtsdrohung kann nur die eine Seite sein; zutiefst jedoch bist und bleibst Du der Gott der Liebe und des Erbarmens gegen alle; Dein Zorn und Gericht wird zwar ein Wort zu reden haben, aber nie und nimmer das letzte Wort!”

Ich möchte nun zunächst mein Thema einmal umkehren und etwas sagen über zwei unbiblische Thesen, welche lauten: Heil ohne Gericht und Gericht ohne Heil!

Heil ohne Gericht

1. Machen es sich manche Evangelisten in ihrer Heilsverkündigung nicht etwas zu leicht? Sie sprechen von der Rettung “allein aus Gnaden” oder der Rechtfertigung “allein durch den Glauben” (dabei hat allerdings Luther das Wörtlein “allein” Röm. 3, 28 hinzugefügt, und das ist nie ungefährlich). Gewiß: im Blick auf “des Gesetzes Werke” ist dieses hinzugefügte Wörtlein “allein” schon sinngemäß berechtigt; denn Paulus betont tatsächlich, daß es zu unserer Errettung keines einzigen vorher zu leistenden Werkes bedarf (Römer 3 u. 4; Eph. 2, 8-10). Aber steht der Glaube im übrigen in der Schrift wirklich so “allein” vor uns? In der Verkündigung des Täufers Johannes, Jesu und Seiner Apostel geht dem Glauben voran, bzw. erscheint Hand in Hand mit dem Glauben die metanoia, die Buße, besser: Sinnesänderung, Umkehr. So werden auch in Hebr. 6, 1 Buße und Glauben als die ersten Grundlagen des Christenlebens genannt. Mit dem Ruf zur Umkehr beginnt die Verkündigung biblischer Evangelisten, nicht “allein” mit dem Glauben! Wer natürlich nur noch die Diskussion sucht und das Wort “Sünde” meidet, hat es einfacher, wenn er “allein” vom Glauben redet und die Buße verschweigt! Damit eckt man nicht an und stößt keinen Sünder vor den Kopf — entsprechend saft- und kraftlos und rein theoretisch ist dann auch die “Bekehrung” solcher Leute.

2. Ein praktisches Beispiel: Da kommt in einer Massenevangelisation, als zur Entscheidung aufgerufen wird, ein Mädchen nach vorn. Es füllt die Entscheidungskarte aus, wird von der christlichen Statistik und vom Computer erfaßt; es wird besucht und bekommt Lesematerial. Anscheinend hatte jedoch der Evangelist an dem betreffenden Abend nicht sehr viel von der Buße, der Abkehr und Umkehr gesagt — oder hatte sie daran “vorbeigehört” (Röm. 5, 19 wörtlich)? Sie hatte bisher weltliche Freundschaften mit jungen Männern gepflegt; nun, nach der “Bekehrung”, tauscht sie diese gegen “christliche” Freunde aus und bringt fast eine Jugendgruppe durcheinander. Geistliches Leben entfaltet sich nicht. — Steht dieses Beispiel vereinzelt da? Ich glaube nicht. Sollten daraus unsere “großen Evangelisten” nicht lernen, in jeder Versammlung, in der sie zur Entscheidung aufrufen, nicht “allein” vom Glauben und der Gnade zu predigen, sondern ernst und eindringlich, handfest und konkret auch von der “Buße”, der Sinnesänderung, der Umkehr?

3. Auf der gleichen Linie “Heil ohne Gericht” liegt auch der Gedanke, den wohl nur wenige Brüder in Israel heute laut werden lassen: Israel habe die “Große Drangsal” nicht mehr vor, sondern längst hinter sich! Ihr Volk habe wahrlich genug gelitten — nun komme nur noch Gnade und Heil. — Obwohl wir menschlich wünschten, daß es so wäre, müssen wir doch von der Schrift her sagen: So gewiß wir den Antichristen keineswegs hinter, sondern noch vor uns haben, ebenso gewiß liegt auch die Drangsal des Endes noch nicht hinter Israel. Matthäus 24 und die Siegel-, Posaunen- und Zornschalengerichte liegen noch vor Israel und auch vor den Weltvölkern.

4. Eine biblische Parallele finden wir in Matthäus 16. Auf die erste Leidensankündigung des Herrn hin fährt Petrus Ihm erregt dazwischen: “Gott verhüte es, Herr! Das widerfahre Dir nur nicht!” — Petrus lehnt den Leidensweg für den Herrn (und für sich selbst) entschieden ab. “Leiden zuvor und Herrlichkeit danach” — dieser göttliche Grundsatz ging ihm erst später auf (1. Petr. 1, 11), jetzt aber möchte er Heil ohne Gericht, Herrlichkeit ohne Leiden. — Dies wird ihm ja nun tatsächlich einige Tage später auf dem Berg der Verklärung für kurze Zeit gewährt (Matth. 17), und wirklich: Hier fühlt Petrus sich wohl! “Es ist gut, daß wir hier sind, hier laß uns Hütten machen!” Doch die Herrlichkeit auf dem Berge konnte und durfte nicht dauern; sie war nur Kostprobe und Vorausdarstellung der kommenden Reichsherrlichkeit. “Wir möchten gern mit Schuhen und Strümpfen in die Herrlichkeit hineinspringen”, konnte Br. Karl Geyer sagen; das aber wäre eine “billige Herrlichkeit”, und die gibt es noch weniger als eine “billige Gnade”. Lesen wir doch in 2. Kor. 4, 17 von einem ewigen (”äonischen”) Gewicht von Herrlichkeit — bewirkt durch Drangsal, die im Vergleich hierzu “leicht” und “kurz befristet” erscheint. Außerdem ist auch das hebräische Wort für “Herrlichkeit” (kabhod) von einem Zeitwort abgeleitet, das “schwer sein” bedeutet, so daß es sich nach dem Wortstamm um “schwerwiegende Herrlichkeit” handelt. So spricht Paulus, der dieses hebräische Wort ja kannte, eigentlich in 2. Kor. 4, 17 potenzierend von einem “äonischen Gewicht schwerwiegender Herrlichkeit”!

5. Auch eine Allversöhnungsverkündigung ohne Gericht muß in diesem Zusammenhang scharf abgelehnt werden. Lehren einer Heilung des Weltganzen, einer Wiederherstellung des Universums gibt es auch von seiten einiger Philosophen und Naturforscher; dies hat mit biblischer Lehre nichts zu tun.

Ein Bruder wurde auf einer großen Konferenz einmal öffentlich gefragt, ob er an die “Allversöhnungslehre” glaube. Er war klug genug, zurückzufragen: “Was verstehen Sie darunter?” — Die Antwort lautete, das sei doch jene Lehre, wonach alle einmal automatisch selig würden und es eigentlich keiner Buße und Evangelisation mehr bedürfe; auch ein Gericht Gottes habe man ernstlich nicht zu fürchten, da ja sowieso “nichts passieren könne”. — Unser Bruder antwortete: “Diese Lehre lehne ich ab”, worauf sich die Gemüter erleichterten und beruhigten. — Was in vielen Köpfen spukt, ist gar nicht die biblische Lehre einer endlichen Rettung aller Menschen und einer Neuwerdung des Alls durch Gott — es ist eine schlimme Verzerrung. Wir wollen daher, wenn wir so gefragt werden wie dieser Bruder, nicht vorschnell “ja” sagen, sondern erst einmal die Begriffe klären. Eine automatische Allversöhnung gibt es nicht. Wir haben allen Grund, sie deutlich abzulehnen. Für mich schrumpft diese ganze Frage immer mehr auf einen einzigen Punkt zusammen, nämlich den: Haben Gottes Gerichte einen positiven Sinn und Zweck — oder nicht? Daß schwerste Gerichte kommen, ist nach der Schrift keine Frage; zu klären ist nur, ob sie ein Ziel haben, ob auch sie der Liebe Gottes entspringen, oder ziel- und endlos sind. Es bedarf der Evangelisation und es bedarf der Gerichte, denn bei unserem Gott gibt es kein automatisches Heil. Wer uns jedoch entgegenhält, Gerichte, die nicht endlos währten, seien eine Bagatelle und gar nicht schlimm und führten niemand zur Buße, ist sich wohl der Torheit dieser Äußerung nicht recht bewußt. Sollte ein Gerichtsfeuer von Tausenden oder Millionen oder Milliarden von Jahren “nicht schlimm” sein? So kann nur jemand reden, der wohl noch nie eine schmerzhafte Krankheit durchlitt. Außerdem sollte eine Bekehrung möglichst nicht aus Angst vor dem Gericht, sondern aus besseren Motiven erfolgen!

Wer in der Verkündigung von der Rettung aller spricht — an vielen Stellen bringt es ja der Text einfach mit sich —, sollte nie die notwendigen und langen Gerichte Gottes verschweigen; dies um so weniger, weil es hier so viel Mißverständnis und Verzerrung gibt. Das letzte Ziel Gottes wird nur auf dem Weg über Teilziele erreicht, wobei schmerzliche Zerbrüche und äonenlange Feuerpein dazugehören. Wer das verschweigt, verkündigt Heil ohne Gericht und macht sich schuldig.

Gericht ohne Heil

Auch dies ist eine unbiblische These, ebenso wie Heil ohne Gericht. Ich möchte mich an dieser Stelle auf einige Zitate beschränken, die ich den Anmerkungen 82 und 85 meines Buches “Das biblische Zeugnis von der Versöhnung des Alls” über die Frage nach der Endlosigkeit der Höllenstrafen entnehme:

Andrew Jukes schreibt einmal: “Wenn ich an Gottes Gerechtigkeit denke, von der man sagt, daß sie nicht nur Millionen von Jahren der Strafe für jeden sündlichen Gedanken, für jedes Wort, für jede sündliche Tat im Laufe dieses kurzen Lebens von siebzig Jahren begangen, auferlege — ja, nicht nur Millionen von Zeitaltern für jede solche Tat, sondern nach Millionen von Zeitaltern des Gerichts für jeden Augenblick, den der Mensch auf Erden gelebt hat, ihrem Ende nicht näher sei als bei ihrem Anfang, und dies alles für 20, 40 oder 70 Jahre der Sünde in einer Welt, welche selber schon ein Leidenstal ist, — wenn ich daran denke, und dann an den Menschen, seine Natur, seine Schwachheit, alle die Einzelheiten seines kurzen Lebens und seiner Versuchung in dieser Welt, von außen Prüfungen und im Innern ein törichtes Herz, an seine schwache Urteilskraft und seine starken Leidenschaften, an sein Gewissen, das ihn verurteilt und ihm nicht hilft, und den Versucher immer bei ihm, der durch die sichtbare Welt die unsichtbare seinen Augen verbirgt, — wenn ich mich erinnere, daß dies Geschöpf, obwohl gefallen, doch einst Gottes Kind war, und daß Gott nicht nur gerecht, sondern auch barmherzig und langmütig ist — dann kann ich nicht sagen, daß meine Vernunft verlange, dies Geschöpf dürfe deshalb, weil es die ihm hier durch einen Heiland angebotene Gnade versäumt habe, niemals mehr Gnade finden, sondern müsse ewig gestraft werden mit nie endenden Qualen.”

Riemann zitiert einen Schreiber, der “eine besondere bewahrende Tätigkeit Gottes” angenommen habe, “die darauf gerichtet sei, jeden Ausfall, der durch das Leiden bei den Körpern entstehe, sogleich wiederherzustellen und auf diese Weise sie zugleich unzerstörbar zu machen und unendlich leidensfähig” — und er bemerkt dazu: “Wahrlich, eine Tätigkeit, eines Gottes der Liebe würdig!” Eine andere Gegenstimme, von Riemann angeführt, sagt: “Wir können nie barmherziger und liebreicher sein als Gott selber. Mit welchen Er kein Erbarmen mehr haben kann, weil nichts Liebenswertes mehr an ihnen ist (!), mit denen können auch wir kein Mitleid mehr haben. Durch den Anblick der großen Strafgerichte Gottes kann die Seligkeit der Seligen ebensowenig gestört werden, als Gott in Seiner Seligkeit dadurch gestört wird. Im Gegenteil werden die Seligen, wenn ihnen ein Einblick in das schauerliche Todestal des Reiches der Finsternis gestattet sein wird, stets neuen Antrieb zum Lobpreis der Barmherzigkeit empfangen, die sie selbst (!) daraus errettet hat, sowie der Gerechtigkeit, die sich an jenen machtvoll offenbart.”

Ströter hingegen schreibt: “Es ist uns ja nicht unbekannt, daß man es in der theologischen Behandlung dieser Fragen allerdings dahin gebracht hat, den Heiligen Gottes unter Engeln und Menschen im Angesicht der ewigen, d. h. endlosen Höllenqualen eine Gesinnung und Stimmung zuzuschreiben, daß sie ob solcher endlosen Höllenpein unzähliger Geschöpfe Gottes nicht nur keinen Schmerz, kein Weh empfänden, sondern darüber gar noch Lobgesänge anzustimmen imstande sein würden! Das ist genau dasselbe, was man ja auch in der Christenheit fertiggebracht hat, Andersgläubige mit glühenden Zangen zu martern, zu foltern und auf Scheiterhaufen zu verbrennen zur größeren Ehre und Verherrlichung Gottes! Es ist gar nicht auszusagen, zu was für Tiefen der Entmensch­lichung theologischer Fanatismus schon Bekenner Jesu gebracht hat.”

Und an anderer Stelle schreibt Ströter: “Können wirklich Gottes Kinder barmherziger sein als ihr Vater? Können sie wirklich Gedanken ausdenken, die alles an Schönheit und Erfreulichkeit übersteigen, was die Schrift (nach orthodoxer Lehre) auf diesem Gebiet enthält? Hätte der fromme Sänger sich dennoch geirrt, als er sang:

    Es ist das ewige Erbarmen,
    das alles Denken übersteigt?

Und hätte sogar der Apostel unrecht, wenn er behauptet, daß Gott über die Maßen mehr tun kann, als wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt (Eph. 3, 20)? — Wäre es nicht eher, viel eher möglich, daß wir Menschen unsern großen herrlichen Gott nicht ganz verstanden haben, daß wir Ihn mit unsern Maßen gemessen, daß wir Ihm Schranken gezogen haben? Uns will es nicht nur so scheinen, sondern es ist aus der Schrift unsre tiefste Überzeugung geworden, daß dem also ist.”

Nach dieser Gegenüberstellung des Gegenteils wende ich mich nun wieder meinem Thema zu: Kein Heil ohne Gericht und kein Gericht ohne Heil! Nach den eben genannten beiden unbiblischen Thesen jetzt zwei biblische Wahrheiten:

1. Kein Heil ohne Gericht

Gott als der “Gott des Gerichts” führt alles durch Gericht hindurch, nicht jedoch, um es hin-, sondern um es herzurichten, es richtig zu machen. Wir meinen nach der Schrift davon ausgehen zu dürfen, daß alles göttliche Richten letztlich eine einheitliche Zielsetzung habe, so verschieden Zeit, Ort, Anlaß und Gegenstand eines Gerichtsverfahrens auch sein mögen. Gericht ist das Verfahren Gottes, in dem Er schlägt, um heilen zu können, zunichte macht, um sich zu erbarmen, und das auf diesem Wege der Ehre Gottes dient und jedes Geschöpf dahin bringt, den Allmächtigen und Alliebenden zu ehren. Sagt doch Jesus in Johannes 5, 22.23 einmal, der Vater selbst richte niemand (es ist geradezu “fremdartig” für den Gott der Liebe, Jes. 28, 21), sondern habe das ganze Gericht Ihm, dem Sohne übergeben, und zwar mit der bestimmten Zielsetzung, “auf daß alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren”.

Diese gemeinsame Ehrung und Verherrlichung des Vaters und des Sohnes als Ergebnis allen göttlichen Richtens weissagt auch Paulus in Phil. 2, 10-11 und schaut der Seher auf Patmos in Offb. 5, 13. Wer in diesen Stellen etwas von erzwungenem, widerstrebendem Ehrenmüssen lesen will, muß es erst hineintragen.

Mit dieser Zielsetzung nun unterscheiden wir im einzelnen folgende Gerichte:

1. Drei Gerichte an der Gemeinde Gottes: das Selbstgericht und das Züchtigungsgericht in der Gegenwart und das Preisgericht in der Zukunft. Von den beiden ersten spricht Paulus in 1. Kor. 11, 31.32. “Wenn wir uns selbst beurteilten (durch und durch richteten), so würden wir nicht gerichtet. Wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir vom Herrn gezüchtigt, auf daß wir nicht mit der Welt verurteilt werden.” — Gläubigen droht nicht mehr das Gericht, das über die Welt ergeht, mit der Möglichkeit des Feuersees, der äonenlangen Pein. Darin stimmen Jesus in Joh. 5, 24 und Paulus in dem genannten Wort völlig überein. Doch auch die Glieder der Gemeinde brauchen Gericht! Sie dürfen im Selbstgericht (anläßlich des Mahles des Herrn, wie in 1. Kor. 11, oder überhaupt beim Lesen und Hören des Wortes oder wann immer Gottes Geist ins eigene Leben hineinleuchtet) den Stab über sich selbst brechen. Das ist ein Vorzug, der gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Jedes Selbstgericht erspart uns in dem Maße, als es ehrlich und gründlich vorgenommen wird, eine Zucht Gottes bzw. eine Beschämung am Tage Jesu Christi. Indessen soll das Selbstgericht kein Dauerzustand sein. Menschen, die immer nur auf sich selber blicken, kommen nicht weiter. Nur der Blick auf den Herrn macht froh und stärkt den Glauben. Weil aber niemand sich selbst ganz und gar erkennt — daher die Bitte des Psalmisten: “Erforsche mich Gott … prüfe mich!” —, gibt es kein 100%-iges Selbstgericht. Daher nimmt uns Gott in Seine väterliche Zucht. Diese Zucht ist nicht, wie mancher meint und wie auch die Hebräerchristen fürchteten, ein Beweis, daß Gott uns nicht mehr liebt, sondern ganz im Gegenteil ein Beweis Seiner Liebe. “Wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt?” (Hebr. 13, 7). In unserer Zeit gibt es zwar viele Söhne und Töchter, die lieblose Eltern haben, indem sie ohne Zucht aufwachsen, antiautoritär, wie das Modewort lautet. Noch nie gab es so wenig Züchtigung der Jugend, und noch nie war die Jugend so haltlos; bejammernswerte Beute von Porno- und Rauschgifthändlern. Das Heranwachsenlassen der Kinder ohne Züchtigung ist ebenso lieblos und verderblich wie andererseits Tyrannei und Launenhaftigkeit. Zucht in Liebe ist der göttliche Weg.

Außer dem Selbstgericht und dem Züchtigungsgericht gibt es dann noch ein zukünftiges Offenbarwerden der Gemeinde vor dem Richtstuhl oder der Preisrichterbühne (griech. bäma) Jesu Christi. Davon sprechen die Stellen 2. Kor. 5, 10 und 1. Kor. 3, 11-15; 4, 6 und 9, 24. Dieses Gericht, besser gesagt: Offenbarwerden, hat es nicht mit Seligkeit oder Verdammnis zu tun, sondern bewirkt Lohn, Lob und Preis für einen guten “Wettlauf” auf der Bahn des Glaubens, oder aber Tadel, Beschämung, Verbrennung des Werkes, das man auf das Fundament des Glaubens baute, weil es fleischlich war. Beachtlich ist besonders der Vers 1. Kor. 3, 15: “gerettet … doch so wie durchs Feuer …” Es gibt also Rettung durch Feuer hindurch.

2. Auch Israel wird durch schwere Gerichte Gottes zum Heil geführt. Als auserwähltes aller Völker steht es ganz besonders — als Anschauungsunterricht für alle Nationen — unter Gottes Leitung und Segnung, aber auch unter Seiner Züchtigung und hernach unter Seiner Tröstung. “Zion wird erlöst werden durch Gericht” (Jes. 1, 27) — nach diesem heilig-ernsten Grundsatz vollzieht sich Israels Errettung.

3. Der Völkerwelt ergeht es nicht anders. Sowohl im Laufe ihrer Geschichte als auch am Ende dieser Weltzeit richtet Gott die Völker. Am Ende wird der Herr Jesus Christus bei Seiner Wiederkunft zuerst die lebenden Nationen (Matth. 25, 31-46) und hernach alle Toten richten (Offb. 20, 11-15). Es ergibt sich nun die Frage: Sind Gottes Gerichte an den Völkern und insbesondere die umfassenden kommenden Endgerichte über die Lebenden und Toten grundsätzlich anderer Natur als alle bisher besprochenen, etwa mit der Zielsetzung bloßer Verdammnis, Rache, Vernichtung bzw. einer Qual ohne Ende? — Auf gar keinen Fall. Sowohl das Jesuswort aus Joh. 5, 22.23 als auch die Tatsache, daß Israel das Modell und Muster für die Völker ist, sagen uns, daß auch die Gerichte über die Völker Heil und Rettung zum Ziel haben. Was für die Gemeinde und für Israel gilt: “Rettung durch Feuer” — “erlöst durch Gericht”, gilt ebenso für alle Menschen überhaupt. Das bestätigt Paulus in Römer 5, 18.19 und 11, 32, und schon der Prophet Zephanja schrieb vor Jahrtausenden (Kap. 3, 8-9), daß Jehova “die ganze Glut Seines Zornes” über die Nationen ausgießen und “die ganze Erde verzehren” wird, um alsdann “die Lippen der Völker in reine Lippen umzuwandeln”!

4. Der Vollständigkeit halber muß noch erwähnt werden, daß auch die Engelwelt, soweit irgendetwas Unreines und Ungeordnetes, Sünde und Aufruhr und Abfall sich in ihr fanden, einmal gerichtet werden wird. Dies wird, wie Paulus in 1. Kor. 6, 3 schreibt, ausgerechnet durch die Gemeinde des Leibes Christi geschehen, also durch Menschen, die selber an sich erlebten, was “Rettung durch Gericht” bedeutet. Keine Frage, daß auch dieses Gericht an Engeln einen heilsamen Zweck verfolgt. Auch sie sollen ja in den Chor der Verherrlichung Gottes und des Lammes (Offb. 5, 13) am Ende mit einstimmen.

Alle Schöpfung soll einmal Heil erlangen — aber nur durch Gericht!

2. Kein Gericht ohne Heil

Dies ist in dem Gesagten bereits angeklungen. Die wichtige Stelle Joh. 5, 22.23 zeigte uns, daß es ganz allgemein und grundsätzlich für alle Gerichte, die der Sohn im Auftrag des Vaters durchführt, gilt.

Wir möchten noch darauf hinweisen, daß es ein biblisches Buch gibt, das den Titel “Die Richter” trägt. In diesem Richterbuch ist die Rede von Richtern Israels, welche retteten (2, 16.18) und von Rettern Israels, welche richteten (3, 9-10).

Diese Zusammengehörigkeit, dieses einander bedingen von Gericht und Ret­tung wird auch im Propheten Jesaja deutlich, hier sogar in besonders ergreifenden Worten und Bildern.

Jesaja 1, 27: “Zion wird erlöst werden durch Gericht.” Die beiden diesem schon genannten Wort voraufgehenden Verse sprechen vom “Ausschmelzen der Schlacken” Israels und vom “Wiederherstellen seiner Richter”.

Jesaja 6, 6: Heilsames Gericht erfuhr der Prophet an sich selbst: durch eine glühende Kohle wurden seine unreinen Lippen gereinigt und seine Sünde gesühnt.

Jesaja 12: Gottes Volk preist Jehova, nachdem es Seinen Zorn und danach Seine Tröstung erfahren hat.

Jesaja 19, 22: “Jehova wird die Ägypter schlagen, schlagen und heilen, und sie werden sich zu Jehova wenden …”

Jesaja 25, 1-3: Der Prophet preist Gott ob Seiner Wunder, Treue und Wahrheit, der “die feste Stadt zu einem Trümmerhaufen” gemacht hat. Warum? Weil er erkennt (V. 3), welch herrliche Folge solche Schläge haben: “Darum wird Dich ehren ein trotziges Volk, Städte gewalttätiger Nationen werden Dich fürchten.” Auch wir haben es erlebt, daß die Menschen angesichts von Trümmern und Katastrophen (z. B. 1945 in unserem Land) viel gottesfürchtiger und aufgeschlossener für Gottes Wort und Frohbotschaft waren als heute.

Jesaja 26, 7-10: “Wir haben Dich, Jehova, erwartet auf dem Pfade Deiner Gerichte … denn wenn Deine Gerichte die Erde treffen, so lernen Gerechtigkeit die Bewohner des Erdkreises. Wird dem Gesetzlosen Gnade erzeigt, so lernt er nicht Gerechtigkeit.” Gott bleibt also, menschlich gesprochen, gar nichts anderes übrig, als zu Gesetzlosen in der Sprache Seiner Gerichte zu sprechen, weil sie sonst Seine Gerechtigkeit nicht lernen können. Am Ende der Gerichtswege aber steht nicht das Nichts oder endlose Qual, vielmehr — ER, der Herr!

Jesaja 28, 23-29: Am Bilde der Landwirtschaft, des Pflügens und Dreschens, zeigt der Herr, daß Er weder sinnlos noch endlos richtet. “Pflügt wohl der Pflüger den ganzen Tag?” — nein, nach dem Pflügen und Eggen will er die Saat ausstreuen. — Und Vers 28 heißt es so anschaulich und einprägsam: “Nein, nicht unaufhörlich drischt er es!” Sowenig ein Landwirt drischt und drischt und drischt (ohne Aufhören, bis alles zermalmt ist), sowenig richtet Gott ohne positiven Endzweck!

Man lese noch Kap. 30, 15-18; 57, 16 und 59, 17-19, ja, man lese am besten dieses ganze wunderbare Buch, um die Zusammengehörigkeit von Gericht und Heil daraus zu erkennen!

Unter den Theologen war es der verstorbene Karl Barth, der die Zusammengehörigkeit von Gericht und Gnade, Gericht und Heil gesehen und bezeugt hat. “Keine Frage” — so schreibt er — “daß wer Ihn kennt, Seinem Gericht, Seinem Feuer, Seinem Sichten nicht in schwankender, sondern nur in gewisser, nur in eindeutig positiver und also freudiger Erwartung entgegensehen und entgegengehen kann. Er wartet auf Seine richtende und in ihrem Gericht in unerbittlicher Schärfe durchgreifende Gnade: er wartet aber auf Seine Gnade …” (Die kirchliche Dogmatik, Bd. IV/3, 2. Hälfte; EVZ-Verlag, Zürich).

Wenn nicht alles täuscht, gehen wir schweren Gerichtszeiten entgegen. Wer die Zusammengehörigkeit von Gericht und Heil einmal erkannt hat, wird auch allem Schweren nicht ohne eine gewisse Hoffnung entgegengehen, indem er Gottes Gerichte nicht mehr als etwas Schreckliches verabscheut, sondern auch im eigenen Leben als Selbstgericht und göttliche Zucht bejaht, in dem Wissen:

Der “Gott des Gerichts” ist der “Gott aller Gnade”! Der “Gott aller Gnade” ist der “Gott des Gerichts”!

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1/1972; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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