Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Die Fülle Gottes in den Söhnen

Autor: Schumacher, Heinz  |  Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Gemeinde, Heiliger Geist  |  607 x gelesen

“Denn In Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und ihr seid erfüllt (zur Fülle gelangt, habt die Fülle) in Ihm” (Kol. 2, 9.10a).

“… auf dass ihr erfüllt sein möget zu der ganzen Fülle Gottes” (Eph. 3, 19b).

“Es war das Wohlgefallen der ganzen Fülle, in Ihm zu wohnen” (Kol. 1, 19).

Es gibt Schriftworte, die in ganz besonderer Weise ungeahnte und unausforschliche Reichtümer umschließen, Reichtümer, die wir in unserem gegenwärtigen Niedrigkeitsstand auch nicht annähernd zu erfassen vermögen. Zu ihnen gehört auch das Wort von der Fülle Gottes in Seinen Söhnen — dem Erstgeborenen wie auch den Nachgeborenen.

Die Fülle Gottes — was liegt doch alles in diesen schlichten Worten verborgen! Alles, was das Herz unseres Rettergottes im Innersten bewegt, erfüllt und beseligt, die Gesamtheit Seines ureigentlichen und unveränderlichen Seins und Wesens, das dem Geschöpf, das in der Natur lediglich die Außenseite Gottes, Seine Kraft und Göttlichkeit (Röm. 1, 20), wahrnehmen kann, zunächst verborgen ist.

Diese mit Worten letztlich unbeschreibbare, nur wesensmäßig erfaßbare Fülle Seines göttlichen Wesens goß Er hinein in den Sohn Seiner Liebe (Kol. 1, 1-3) und ließ sie in Ihm eine leibesmäßige Gestalt und Darstellung finden. So konnte der Sohn, dessen Ursprung ja nur in Gott dem Vater lag, der Ihm Vater und Mutter war, das genaue Abbild und Ebenbild Seines himmlischen Vaters werden und von Sich sagen: “Ich und der Vater sind eins” (Joh. 10, 30), und: “Wer Mich sieht, sieht den Vater” (Joh. 14, 9).

Was sagt uns die Schrift über das Wesen des Vaters, das füllemäßig in dem Sohne wohnte und wohnt?

Es sind vor allem drei Schriftworte, die uns hierüber Auskunft geben: Joh. 4, 24; 1. Joh. 1, 5 und 1. Joh. 4, 8.16.

Gott ist Geist. Wenn daher im Sohne Gottes die ganze Fülle des Vaters wohnen soll, muß Er die Fülle des Geistes besitzen.

Dass Er sie besaß, bestätigt uns Gottes Wort in mehreren Zusammenhängen. Schon zu Beginn Seiner Erdenwirksamkeit kann es von Ihm heißen: “Jesus aber, voll Heiligen Geistes, kehrte vom Jordan zurück und wurde durch den Geist in der Wüste vierzig Tage umhergeführt, indem Er von dem Teufel versucht wurde.” (Luk. 4, 1.2a). In der Fülle des Geistes also ging Er in die 40-tägige Versuchungszeit hinein. Da ist es nicht verwunderlich, dass der Feind auf der ganzen Linie unterlag! Wo jemand in Geistesfülle steht und sich von diesem Geist dann auch leiten, treiben und führen läßt (Luk. 4, 1b!), kann Satan nichts ausrichten. Daher kann es am Ende der Versuchungsperiode dann in Luk. 4, 14 von Jesus heißen: “Er kehrte in der Kraft des Geistes nach Galiläa zurück.” Am Anfang Geistesfülle — am Ende Geisteskraft! So konnte der Feind den Sohn Gottes nicht einmal schwächen, im Gegenteil dienten all seine Anläufe nur dazu, dass Dieser aus der Ihm zur Verfügung stehenden, ja in Ihm wohnenden Fülle Kraft um Kraft schöpfte und auswirkte.

Dass der Sohn Gottes die Fülle des Heiligen Geistes besitzen würde, sah auch schon der alttestamentliche Seher, wenn er in Jes. 11, 1.2 schreibt: “Auf ihm wird ruhen der Geist Jahwes (= des Herrn), der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und der Furcht Jahwes.” Hier werden uns die 7 Geister Gottes aufgezählt, die zusammen die Fülle des Geistes ausmachen, und die von Anfang an auf dem Herrn Jesu ruhten (vgl. dazu Offbg. 3, 1!).

Weiter ist Gott Seinem Wesen nach Licht (1. Joh. 1, 5). Darum muß auch im Sohne die Fülle des Lichtes wohnen. Das bestätigt Er uns mit den Worten: “Ich bin das Licht der Welt” (Joh. 8, 12).

Das Lichtwesen Gottes umfaßt Seine Heiligkeit, Sein Abgesondertsein von aller Finsternis. Wo immer daher göttliches Licht in der Finsternis aufleuchtet, kommt es zu Scheidungsprozessen. Schon im Schöpfungsbericht von 1. Mose 1 folgt daher dem göttlichen “Es werde Licht!” eine Scheidung: “Und Gott schied das Licht von der Finsternis” (1. Mose 1, 3.4).

Der Herr weist in Joh. 3, 19-21 darauf hin, dass auch Sein Kommen in diese Welt als Licht eine Scheidung hervorruft: “Dies aber ist das Gericht (griech.: krisis), dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen haben die Finsternis mehr geliebt als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Denn jeder, der Arges tut, haßt das Licht und kommt nicht zu dem Licht, auf dass seine Werke nicht bloßgestellt (gestraft) werden; wer aber die Wahrheit tut, kommt zu dem Lichte, auf dass seine Werke offenbar werden, dass sie in Gott gewirkt sind.”

Vor der unbestechlichen Helle des göttlichen Lichtes wird offenbar, wer lichthungrig ist und wer lichtscheu. Wer nach Licht verlangt, kommt an das Licht. Wer dagegen die Finsternis mehr liebt als das Licht, bleibt in der Finsternis, weil er die Überführung fürchtet. Wenn aber einmal alles, was verborgen ist, ans Licht kommen wird (Matth. 10, 26; Luk. 8, 17), wird auch er ans Licht kommen müssen, damit auf dem Wege strafender Überführung, Läuterung und Zurechtbringung auch er noch Licht werden kann (vgl. Eph. 5, 13: “Alles aber, was bloßgestellt (wörtlich: überführt) wird, wird durch das Licht offenbar gemacht; denn alles, was offenbar gemacht wird, ist Licht”).

Auch überall, wo heute in Menschenherzen das göttliche Licht angezündet wird (2. Kor. 4, 6), kommt es zu einer Scheidung zwischen Licht und Finsternis. Das alte, sündige, der Finsternis verfallene Wesen muss abgetan, Freundschaften mit der Welt und ihrer Lust gekündigt werden. Denn auch Sein Licht in uns kann keinerlei Gemeinschaft mit der Finsternis haben.

Gott ist Liebe. So beschreibt uns 1. Joh. 4, 8 und 16 das innerste göttliche Sein und Wesen. Darum mußte auch der, in dem alle Fülle Gottes wohnte, Liebe sein. In Ihm fand die Liebe des Vaters vollendetsten Ausdruck, erschütterndste Darstellung. Sein ganzer Erniedrigungsweg, angefangen vom Zurücklassen der himmlischen Herrlichkeit bis hin zum Kreuz, war ein Opferweg der Liebe ohnegleichen. Darum ist Christus der einzigartige, unumstößliche und für alle Zeiten gültige Beweis dafür, dass Gott wahrhaftig Liebe ist. — Außer diesen drei wichtigsten Zeugnissen der Schrift über das Wesen Gottes ließe sich noch manches anfügen über die Fülle der göttlichen Natur im Sohne. Erwähnt sei nur noch Joh. 1, 14, wo wir von einer Fülle von Gnade und Wahrheit lesen, die mit der Offenbarung des Sohnes Gottes sichtbar wurde. Auch alles, was an Glückseligkeit (1. Tim. 1, 11) und Vollkommenheit (Matth. 5, 48), reiner und heiliger Gottesfreude (Apg. 2, 28) und was noch genannt werden mag, sich im Herzen Gottes findet — im Sohne findet es vollkommene Darstellung.

Diese Darstellung ist eine leibhaftige oder leibesmäßige. Das gilt nicht nur im Blick auf den Niedrigkeitsleib Jesu, in dem schon damals alle Fülle wohnte, auch nicht nur hinsichtlich des Herrlichkeitsleibes des erhöhten Herrn, in dem der Apostel Johannes auf Patmos Ihn schauen durfte, — es gilt erst recht im Blick auf den Leib Christi, die Gemeinde. In ihr wird die ganze Fülle Gottes leibesmäßig dargestellt.

Das führt uns zu einem Zweiten, das nun uns, die Gläubigen, direkt betrifft:

Nicht nur wohnt in Christo als unserem Herrn und Haupt die ganze Fülle der Gottheit — nein, auch der Gemeinde ist diese ganze Fülle geschenkt. Die Fülle des Geistes, des Lichtes, der Liebe, die Fülle alles dessen, was in Gottes Vaterherzen sich je gefunden, ist unser Erbteil, ja Besitz geworden. Wir sind in diese Fülle hineingestellt und dürfen aus ihr schöpfen, bis auch wir so voll und restlos von ihr erfüllt und durchdrungen sind, wie der Erstgeborene der Brüder es ist.

Das Ziel unseres Glaubenslaufes ist ja dies, Ihm einmal gleich zu sein (1. Joh. 3, 2). Das bedeutet aber nicht weniger, als ein gleiches Erfülltsein mit der ganzen Fülle des Vaters. Daher drängt der gleiche Heilige Geist, der den Apostel Paulus in Kol. 2, 9 schreiben läßt: “In Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig”, diesen in Eph. 3, 19, am Ende seines gewaltigen Gemeindegebetes, zu der Bitte: “Auf dass ihr erfüllt sein möget zu der ganzen Gottesfülle.” — So groß, so überwältigend groß ist die Berufung des Leibes Christi! Während nun aber der Herr die ganze Fülle Gottes von jeher im Vollmaß in Sich trug, gilt es für uns, in diese Fülle wachstümlich einzudringen. Dabei dürfen gewisse Wachstumsbedingungen nicht außer acht gelassen werden.

Die Grundvoraussetzung dafür, mit der ganzen Fülle Gottes erfüllt zu werden, ist zunächst einmal die, überhaupt “in Ihm” zu sein. So sagt uns Kol. 2, 10: “Ihr seid zur Fülle gelangt in Ihm.” D. h. ich muß nach 2. Kor. 5, 17 eine neue Kreatur geworden sein, deren Lebenselement Christus ist. Wie der Fisch im Wasser, der Vogel in der Luft, das noch ungeborene Kind in der Mutter lebt und dort sein Lebenselement hat, so ist der Gläubige in Christo. Er bezieht alle Lebenskräfte und -säfte aus seinem Herrn und Haupt und ist in jeder Weise völlig von Ihm abhängig; er kann ohne Ihn nicht mehr sein.

Weitere Voraussetzungen nennt uns das schon angeführte Gemeindegebet des Apostels Paulus in den Versen 13-19a, die seiner Höchstbitte in V. 19b, die Gemeinde zur ganzen Fülle Gottes zu erfüllen, vorausgehen: Man muß mit Kraft gestärkt werden (oder: sich stärken lassen) am inwendigen Menschen; Christus muß durch den Glauben im Herzen wohnen; man muß in Liebe immer tiefer in Ihm Wurzel fassen und gegründet (fundamentiert) werden. Schließlich ist es nötig, sich in die Ausmaße dieser Liebe mit allen Heiligen zu versenken und so von der bloßen Sachkenntnis in bezug auf göttliche Dinge in Seine Wesenserkenntnis hineinzuwachsen.

Nur in Herzen, die sich so zubereiten lassen, kann das Erfülltwerden mit der ganzen Gottesfülle wachstümlich fortschreiten. In anderen Herzen nicht! Denn Gott drängt Sich niemandem auf, am wenigsten in Seiner ganzen Fülle. Nur da läßt Er Sich nieder, wo es Ihm wohlgefällt: “Es war das Wohlgefallen der ganzen Fülle, in Ihm zu wohnen” (Kol. 1, 19).

Sind unsere Herzen so bestellt, dass Gott ein Wohlgefallen daran finden kann, mit Seiner ganzen Fülle bei uns einzukehren und in uns zu wohnen? — Sind wir zunächst einmal überhaupt “in Christo”? — Und wenn ja, lassen wir uns fort und fort kräftigen durch den Heiligen Geist am inwendigen Menschen? — Wohnt Christus durch den Glauben in unseren Herzen, und fassen wir dabei immer tiefer in Liebe Wurzel in Ihm? — Ist uns das Erfassen Seines Liebeswesens schon wichtiger geworden als alle Sachkenntnis in göttlichen Dingen, so gut und wertvoll und notwendig diese an ihrem Platz auch sein mag? — Nur wenn diese Bedingungen, und sei es auch nur anbruchsmäßig, in uns erfüllt sind, kann Er Wohlgefallen daran finden, in Seiner ganzen Fülle in uns einzukehren.

Wie aber der erstgeborene Sohn Gottes des Vaters Fülle nicht für Sich behalten wollte und konnte, sondern sie fort und fort in uns hinein ergießt, so wird auch uns diese Fülle nicht zuteil, nur um selber satt und selig sie zu besitzen. Vielmehr soll dann durch uns diese Gottesfülle einer unerfüllten, verlorenen und doch zutiefst auch nach göttlichem Wesen hungernden Schöpfung weitergereicht werden. So lautet der dritte göttliche Programmpunkt nach der Erfüllung des Sohnes und der Söhnegemeinde: die Erfüllung des Alls (Eph. 1, 23; 4, 10). Vergl. auch Eph. 1, 9-11.

Dass die Verwirklichung dieses Programms durch äonenlange Gerichtstiefen und schmerzliche Zerbruchswege hindurchführt, braucht wohl nicht besonders betont zu werden, wenn doch Gott Seine Fülle niemandem aufdrängt, sondern sie mir denen schenkt, die hingabebereit danach verlangen. Bis dahin ist ein weiter, aber angesichts der Möglichkeiten eines großen Rettergottes durchaus gangbarer Weg. Wenn er einmal von allen Wesen, auch den heute widerstrebenden und trotzenden, wird zu Ende gegangen sein, kann sich endlich Seine Fülle ungehemmt in alle ergießen. Sein Geistes-, Lichts- und Liebeswesen in alle Kreaturen! Dann erst und nicht eher sind Gottes Pläne zum Ziele gelangt, und Er ist wirklich und wahrhaftig “alles in allen” geworden.

Bis dahin laßt uns an unserem heute uns möglichen Teil zu der Verwirklichung dieses Heilsplanes praktisch beitragen, indem wir darauf bedacht sind, dass doch wir selbst wohlgefällige Wohnungen und Kanäle des Füllewesens Gottes seien, in die sich die göttlichen Lebenskräfte fort und fort ungehindert ergießen können! Denn nur dies ist ja der Weg, der auch einmal der Gesamtschöpfung die Fülle Gottes bringen kann und wird!

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1954; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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