Laßt uns nie vergessen, daß immer der Fleischgeborene den
Geistgeborenen lästert und verfolgt, und nie umgekehrt (Gal. 4,29).


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Der große und furchtbare Tag — Eine Betrachtung der Botschaft des Propheten Joel

Autor: Schumacher, Heinz  |  Kategorie(n): Das prophetische Wort, Endzeit, Gerichte Gottes, Israel, Völkerschaften  |  440 x gelesen

Zu Anfang sei bemerkt, daß die vorliegende Arbeit den Propheten Joel nicht zeitgeschichtlich, d. h. auf die Zeitumstände des Propheten hin deuten will, sondern bewußt endgeschichtlich, und zwar endgeschichtlich im Zusammenhang mit der biblischen Gesamtprophetie, also unter Berücksichtigung möglichst vieler sich beim Forschen im Joelbuch aufdrängender prophetischer Parallelstellen.

Damit soll dem zeitgeschichtlichen Verständnis, das manche Ausleger für das richtige oder gar einzig richtige halten, nicht rundweg jegliche Berechtigung abgesprochen sein. Es ist z. B. möglich, daß zur Zeit Joels, die sich ja nicht fest bestimmen, sondern nur vermuten läßt, da der Prophet keinerlei nähere Angaben über sich selbst macht, eine Heuschreckenplage und vielleicht auch eine Dürre das Land Israel heimsuchten, die den Hintergrund bildeten für einzelne Züge seiner Schilderung der letzten Drangsal. Es ist ferner möglich, daß Joel als Bußprediger an sein Geschlecht auftrat und sein Bußruf, ähnlich dem des Jona an Ninive, auch in einer echten Buße und allgemeinen Trauer wirksam wurde, so daß der Prophet dann seinen Zeitgenossen neue göttliche Segnungen in Aussicht stellen konnte, letztlich einmündend in die Segnungen des messianischen Reiches. In diesem Falle hätte die Joelprophetie, besonders in ihren ersten Teilen, seinerzeit eine gewisse Vorerfüllung erlebt, die aber die prophetische Vollerfüllung kurz vor Beginn des Tages des Herrn und während desselben weder aufhebt noch ersetzt. Denn wir glauben aus Gründen, die nachfolgend im Laufe der Betrachtung noch herausgestellt werden sollen, daß bereits die ersten Kapitel dieses Buches durchaus prophetischen, zukunftweisenden, ja endgeschichtlichen Charakter tragen, nicht zuletzt wegen der auffallenden Übereinstimmung mit dem übrigen Prophetenzeugnis über die “Drangsalszeit über Jakob” und wegen der von Anfang an betonten Nähe des großen “Tages Jehovas” oder “Tages des Herrn”.

Während man den jetzigen Zeitlauf als den “Tag des Menschen” oder des Geschöpfes überhaupt bezeichnen kann, an welchem dieses in seiner Eigenkraft und seinem Eigenwillen stolz und selbstbewußt in Erscheinung tritt, dabei aber doch nur seine ganze geschöpfliche Unfähigkeit und sein Zukurzkommen gründlichst unter Beweis stellt, wird ja nach vielfältigem Prophetenzeugnis in Kürze der “Tag des Herrn” erscheinen und dem gegenwärtigen “Tag” gewaltsam ein Ende bereiten. Dieser wiederum wird auf dem Wege verheerender, Himmel und Erde auflösender Feuerkatastrophen abgelöst werden von dem abschließenden und alles zum Ziel führenden “Tag Gottes” (2. Petr. 3, 12), an welchem “die Hütte Gottes bei den Menschen” aufgerichtet werden und Er selbst, der Vater, unter Seinen Geschöpfen wohnen und wandeln, ja in ihnen leben und wirken wird (Offb. 21, 3; 1. Kor. 15, 28).

Vom Kommen des mittleren dieser drei Tage, dem “Tag des Herrn”, redet der Geist Christi durch den Propheten Joel, und zwar vom “Tag des Herrn” nicht als von dem Herrlichkeitstage für die glaubende Gemeinde, sondern als von dem großen und furchtbaren Tage Jehovas, als welcher er sich dem abtrünnigen Volk der Wahl und der trotz aller in langen Jahrhunderten genossenen “christlichen Kultur” gottfernen Nationenwelt darbieten wird. Zahlreich und vielseitig sind die Gerichte, die der große Gott an diesem Tage in Gestalt von Naturkatastrophen, Auseinandersetzungen und Überwältigungen in der Menschen- und Geisterwelt und direkten Gottesgerichten über den Erdkreis bringt. Der göttliche Grundsatz aber, wonach auch nicht eines Seiner Gerichte end- oder zwecklos ist, sondern alle der Offenbarung Seiner Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, der Ehrung des Vaters und des Sohnes dienstbar sind (Jes. 57, 16; Jak. 2, 13b; Joh. 5, 23; Offb. 5, 13), kommt auch hierbei voll und ganz zur Geltung: die Schrecken der Drangsalszeit leiten über zu den Wonnen der Herrschaft des Messias, bis selbst die vom Reich zunächst ausgeschlossenen und dem Gerichtsfeuer überantworteten Nationen (Matth. 25, 41.46) einstmals erneuert und verwandelt sind (Zeph. 3, 8.9; Phil. 3, 21; 1. Kor. 15, 27.28).

Bevor wir nun eine kurze Gliederung der Joel-Prophetie zu geben versuchen, seien noch ins Auge gefaßt

  1. der Träger dieser prophetischen Schau;
  2. die Empfänger der Prophetie und
  3. die Zeit ihrer Erfüllung.

a) Wie es sich durchaus geziemt für den Künder nicht eigener Weisheit und Philosophie, sondern einer gewaltigen Gottesbotschaft, tritt die Person des Joel hier völlig zurück, wie auch aus der übrigen Schrift über ihn nichts zu erfahren ist. Genug, daß uns gesagt wird: Zu ihm geschah das Wort Jehovas. Damit ist er als echter Zeuge und Prophet Gottes legitimiert. Was er hören und weitergeben durfte, war für ihn nicht blasse Theorie, zu nichts verpflichtende unverbindliche Lehrmeinung, bloßes totes Kopfwissen, sondern: Geschehnis, Ereignis, unerhörtes und überwältigendes Gotteserleben. Christi Geist regte sich in ihm (1. Petr. 1, 11) und offenbarte Tiefen und Höhen, die sein menschlicher Geist von sich aus nie auszusprechen gewagt hätte.

Sein Name ist zugleich eine Enthüllung des Inhalts seiner Prophetie, dessen, was als herrliches Endergebnis jenes großen und furchtbaren Tages das eigentlich Entscheidende ist: der Durchbruch der Erkenntnis in Israel, daß “Jehova Gott ist” (= die wörtliche Bedeutung von “Jo-El”). So lesen wir in Kap. 2, 27 seiner Botschaft: “Und ihr werdet wissen, daß … Ich, Jehova, euer Gott bin.” Der Jehova aber, von dem hier die Rede ist, dessen Tag dann kommt und der dem letzten Vers des Joel-Buches zufolge dann in Zion wohnen wird, ist ja offensichtlich nicht der Vater, sondern der Sohn, der wiederkommende Christus-Messias (vgl. auch dazu Joel 3, 12 mit Matth. 25, 31.32). Ihn, den bei Seinem ersten Kommen Verworfenen und Gekreuzigten, wird auf dem Wege der Drangsal nun ein bußfertiges Volk erkennen und annehmen (Joh. 1, 11; Apg. 2, 23; Jes. 1, 27; Jes. 26, 8; Jer. 30, 7; Sach. 12, 10). Ist aber Israel erst einmal umgekehrt und erneuert, dann kann auch die Nationenwelt im großen neues Heil empfangen, bis einmal auf alles Fleisch der Geist Gottes ausgegossen ist (Joel 2, 28; Verszählung d. Elbf. Übs.).

b) Empfänger der Prophetie sind nicht wie in Jes. 1, 2 Himmel und Erde, sondern: “alle Bewohner des Landes”, insbesondere aber die “Alten” oder “Ältesten” als die Träger besonderer Verantwortung (4. Mose 11, 17). Das hier genannte “Land” ist dasselbe, das wenige Verse später (Joel 1, 6) “Mein Land” genannt wird (vgl. 2, 18): das Land Israel, welches, obwohl die ganze Schöpfung zwar Gottes ist, doch auf Grund Seiner Wahl, Seines Bundes und Seiner Verheißungen in ganz besonderem Sinne das Land Jehovas ist, “Sein Land”. Hier sollte echte Theokratie zur Darstellung kommen, weshalb Jehova, als die Einwohner in den Tagen Samuels nach einem irdischen König gleich den Nationen schrieen (1. Sam. 8, 5), diesem sagen mußte: “Nicht dich haben sie verworfen, sondern Mich haben sie verworfen, daß Ich nicht König über sie sein soll” (Vers 7). Da nun die große Drangsal in allererster Linie eine “Drangsal für Jakob” sein wird (Jer. 30, 7 = eine Drangsal für das unerneuerte Israel, das durch Gericht aus einem Jakob zu einem Israel umgeschmolzen werden soll), wie auch andererseits in dem darauffolgenden Reich des Messias Israel die Führerrolle übernehmen soll (5. Mose 28, 13; Sach. 8, 13.23), nimmt es nicht wunder, daß die Empfänger der Joelprophetie die Bewohner und insbesondere die verantwortlichen Ältesten dieses Landes sind. Denn auch wo Joel über die Grenzen Israels hinaus Blicke in die Nationenwelt tun darf, steht doch alles verheißene Nationengeschehen hier in Beziehung, ja Abhängigkeit vom Volk der Wahl — nirgends ist von einem direkten Heilshandeln Gottes mit den Nationen die Rede, wie es für die Haushaltung der Leibesgemeinde charakteristisch ist und erstmals in der Stubenversammlung des Petrus im Hause des Kornelius zum Staunen, ja Entsetzen aller anwesenden Juden offenbar wurde (Apg. 10, 44.45).

Da aber für die Leibesglieder gilt: “Alles ist euer” (1. Kor. 3, 22) und: “Alle Schrift ist nütze …” (2. Tim. 3, 16), vermögen wir auch aus dieser zunächst nicht für uns, sondern für die Ältesten Israels bestimmten Weissagung Licht und Trost und Ermahnung zu schöpfen, den Charakter und die Gerichts- und Rettungsmethoden unseres Vaters zu erkennen und ob Seiner wunderbaren Weisheitswege anzubeten.

c) Im Blick auf die Zeit der Erfüllung der Joelprophetie wiesen wir bereits darauf hin, daß die Weissagungen Joels mit der übrigen biblischen Prophetie über die “Große Drangsal” so viele Einzelzüge gemeinsam haben, daß ihre Erfüllung zweifellos auch in dieser Zeit liegt. Erinnert sei nur an die Dürre, das Aufhören des Tempelopfers, Dunkelheit und Finsternis, Zeichen an den Gestirnen, Einfall eines Volkes in Israel und vor allem an die unmittelbare Nähe des Tages des Herrn. Einen weiteren wichtigen Hinweis finden wir in Kap. 1, 2b.3 und 2, 2b: “Ist solches in euren Tagen geschehen oder in den Tagen eurer Väter? Erzählet davon euren Kindern, und eure Kinder ihren Kindern, und ihre Kinder dem folgenden Geschlecht.” – “Wie die Morgendämmerung ist es ausgebreitet über die Berge, ein großes und mächtiges Volk, desgleichen von Ewigkeit her nicht gewesen ist und nach ihm nicht mehr sein wird bis in die Jahre der Geschlechter und Geschlechter.” Wer würde bei diesem Hinweis auf die absolute Einmaligkeit des hier geweissagten Geschehens, wie es sich in dieser Weise weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft ein zweites Mal findet, nicht an die Worte Jesu in Matth. 24, 21 und an Dan. 12, 1 erinnert? Der Zeitraum der Erfüllung der Joelprophetie ist auch von diesen Stellen aus unschwer festzustellen: es ist die 3½-jährige, die zweite Hälfte der 70. Daniel’schen Jahrwoche umfassende Zeit der großen Drangsal, von der neben Joel auch die anderen alttestamentlichen Propheten, die Evangelien und die Offenbarung sprechen, wie auch Paulus sie der Sache nach nennt (etwa in 2. Thess. 2, 4). Allerdings ist nun die Botschaft Joels nicht starr und schematisch auf genau diese 1260 Tage beschränkt, sondern leitet, wie schon weiter oben gesagt, über in das folgende 1000-jährige Reich Christi mit seinen ungeahnt reichen Segenserstattungen irdischer Art.

Wenn wir nun die Botschaft Joels kurz aufgliedern, so halten wir uns dabei an die Kapitel- und Verseinteilung der im allg. recht genauen Elberfelder Übersetzung, die leider im 2. und 3. Kapitel nicht mehr mit der Zählung der Lutherbibel übereinstimmt. Es entsprechen: die Verse 28-32 in Kap. 2 der Elbf. Übs. den Versen 1-5 des 3. Kapitels der Lutherbibel; Kap. 3, 1-21 der Elbf. Übs. den Versen 6-26 des 3. Kapitels der Lutherbibel; manchmal werden auch diese 21 Verse als ein neues, 4. Kapitel gezählt, so auch in der hebräischen Bibel und der LXX. Diese Unterschiede müssen bei allem Nachschlagen von angegebenen Bibelstellen, soweit man nicht nach der Elbf. Übs. liest, unbedingt berücksichtigt werden.

Das Buch des Propheten Joel läßt sich ohne gewaltsames Zerschneiden in folgende 3 Hauptteile aufgliedern:

  1. Israel in der Großen Drangsal (Kap. 1, 4-2.11);
  2. Israels Buße und Errettung (Kap. 2, 12-32; 3, 18-21);
  3. Das Nationengericht am Ende der Drangsalszeit (Kap. 3, 1-17).

Betrachten wir diese drei Themen nacheinander in den näheren Einzelheiten, soweit sie uns der Geist Christi im Joelbuch und im Zusammenhang der übrigen biblischen Prophetie aufschließt!

1. Israel in der Großen Drangsal

Die “Große Drangsal” oder “Drangsal für Jakob” (Matth. 24, 21; Luk. 21, 23; Jer. 30, 7) wirkt sich ebenso wie die darauffolgende 1000-jährige Segenszeit auf mehrfachem Gebiet aus. Wir können unterscheiden:

  1. Auswirkungen auf klimatisch-wirtschaftlichem Gebiet (Kap. 1, 4-7.10-12.17-20) ;
  2. Auswirkungen auf militärisch-völkischem Gebiet (2, 2-11);
  3. Auswirkungen auf religiösem Gebiet (1, 8.9.13.14.16).

a) Zweifellos sind die in V. 4 genannten “Heuschrecken” als wirkliche natürliche Heuschrecken aufzufassen, nicht als Symbole für Geister- und Dämonenheere, wenngleich die Schrift an anderer Stelle, nämlich bei der Schilderung der 5. Posaune in Offb. 9, sich solcher Symbolsprache bedient. Dort jedoch ist schon die Tatsache, daß jene Heuschreckenschwärme dem geöffneten “Brunnen des Abgrunds” entsteigen und kein Gras noch etwas Grünes beschädigen (Offb. 9, 1-4), ein hinlänglicher Beweis dafür, daß es sich nicht um natürliche Heuschrecken handeln kann. Nichts dergleichen liegt in der Joelprophetie vor, das uns nötigen könnte, jene Heuschrecken bildlich zu fassen. Im Gegenteil beweist Kap. 1, 4 im Zusammenhang mit 2, 25.26, daß die hier genannten Heuschrecken durchaus Gras und Grünes beschädigen, weshalb auch die Erstattung für die Jahre, die sie “gefressen” haben, in Essen und Sattwerden besteht, was wir wieder nicht meinen geistig oder symbolisch fassen zu müssen. Echte natürliche Heuschreckenschwärme erzeugen — neben anderen Ursachen, auf die wir noch zu sprechen kommen — echten natürlichen Hunger, der einmal im Reich des Messias ebenso real und natürlich gestillt werden soll. Daß Gott Sich solcher ganz natürlicher Plagen zur Erreichung Seiner Ziele durchaus bedient und keineswegs nur mit geistig-geistlichen Mitteln und Methoden vorgeht, darüber kann uns auch ein Blick in 2. Mose 10, 12-20 Aufschluß geben, wie überhaupt die ganzen Plagen über Ägypten ein Beweis dafür sind.

Kap. 1, 5-7 meint möglicherweise auch die vorher genannten Heuschrecken, wenn es von einer mächtigen und nicht zählbaren Nation spricht, die über Israel heraufgezogen ist, einer raubgierigen und verwüstenden Nation. Wahrscheinlicher aber erscheint es uns, hier bereits einen Hinweis auf das Heer von Kap. 2, 1-11 zu sehen, welches, wenn man jene 11 Verse in ihrem ganzen Gewicht ernst nimmt, unbedingt etwas anderes, Gefährlicheres und in seiner Verwüstungskraft noch weit Wirksameres bedeuten muß als Schwärme natürlicher Heuschrecken. Die in Kap. 1, 5-7 genannte “Nation” hat “Meinen Weinstock” zu einer Wüste gemacht (wörtlich: zu etwas Schaurigem, Entsetzenerregendem!) und “Meinen Feigenbaum” zerknickt (vgl. zu “Weinstock” Jes. 5, 1-7 und Matth. 21, 33-43 und zu “Feigenbaum” Luk. 13, 6-9; Luk. 21, 29 und die symbolische Handlung Jesu in Matth. 21, 19)!

Ein köstliches Wort darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, das sich in Joel 2, 25b findet: “… Mein großes Heer, das Ich unter euch gesandt habe” (vgl. in anderem Zusammenhang ganz ähnliche Worte: Kap. 2, 11!). — Alle Plagen und Finsternisoffenbarungen der Drangsalszeit, ob es sich um Heuschreckenschwärme, antichristliche Truppenbewegungen oder gar um Einbrüche aus der Geisterwelt handelt, sie alle sind von unserem allmächtigen und allweisen Gott nicht nur “geduldet”, “zugelassen”, sondern geradezu — gesandt und gewollt, wenn das auch so gar nicht in fromme menschliche Vorstellungen vom “lieben Gott” hineinpaßt. Nicht, als ob Gott an Plagen, Gerichten und Finsternisoffenbarungen an und für sich Gefallen hätte; im Gegenteil, sie widersprechen Seinem ungetrübten Lichts- und Liebeswesen total, wie auch Jes. 28, 21 uns bezeugt, daß Zürnen für unseren Gott ein “befremdendes Werk” ist. Aber wie der Arzt vor einer schmerzlichen Operation nicht zurückscheut, wenn es die Lage des Patienten erfordert, wie er sich sogar nicht scheut, Gifte zu verabreichen, wenn sie sich als Gegengifte gegen einen Krankheitsstoff heilsam auswirken können, so “sendet” unser Gott in der bevorstehenden Großen Drangsal nicht nur Heuschrecken und feindliche Truppen nach Israel, sondern auch “kräftige Irrtümer denen, die die Liebe zur Wahrheit nicht annahmen” (2. Thess. 2, 10.11) — das alles aber nicht, als hätte Er, der Reine und Makellose, je ein wesensmäßiges Gefallen an solchen Dingen, sondern nur, um die Krise einer Menschheit, die sowieso auf falschem und verderblichem Wege ist, möglichst zu beschleunigen, die Gerichte, um die sie nun einmal doch nicht herumkommt, möglichst abzukürzen dadurch, daß Er sie zusammendrängt und erschwert (Röm. 9, 28; Matth. 24, 22; Offb. 1, 1: “in Kürze” oder “Eile”).

Neben der Heuschreckenplage tragen noch weitere Erscheinungen zu den klimatisch-wirtschaftlichen Drangsalen der Trübsalszeit bei. Die Verse 10-12 und 17-20 in Joel 1 schildern in kräftigen Farben die Folgen einer entsetzlichen Dürre, die zusammen mit der Heuschreckenplage das Land heimsucht. Korn und Most, Weizen und Gerste, Rinder- und Kleinviehherden, die Bäume des Feldes und die Auen der Steppe werden gleichermaßen davon betroffen.

Es ist möglich und wahrscheinlich, daß diese Dürrekatastrophe auch in Zusammenhang steht mit dem Auftreten der beiden besonders bevollmächtigten Endzeitzeugen, von denen Offb. 11, 6 berichtet, daß sie während der 1260 Tage ihrer Weissagung “Gewalt haben, den Himmel zu verschließen, auf daß während der Tage ihrer Weissagung kein Regen falle”. Diese 1260 Tage dürften sehr wahrscheinlich der ersten Hälfte der letzten Daniel’schen Jahrwoche entsprechen, da sie mit der zweiten Hälfte nicht zusammenfallen können. — Doch wird auch das in Joel 2 näher beschriebene grauenerregende Kriegsheer mit seiner die Bäume des Feldes und die Auen der Steppe verzehrenden Feuerkraft mit dazu beitragen, daß die große Dürre die wirtschaftliche Not Israels aufs höchste steigen läßt.

b) Damit berühren wir schon das zweite Gebiet, auf welchem die “Drangsal für Jakob” mit besonderer Härte offenbar wird: das militärisch-völkische.

Wenn die Schrift in ihren Ausdrücken keusch und in ihren Bildern treffend ist und sich nirgends einer Übertreibung oder unnötigen Wortverschwendung schuldig macht — und dieser Meinung sind wir allerdings —, dann muß der Geist Christi auch in Joel 2 mehr als nur Heuschreckenschwärme gemeint haben. Darauf weist mehreres hin:

Einmal heißt es schon in 2. Mose 10, 14 von einem Heuschreckenheer, daß ein derartiges Heer (d. h. doch wohl, von derartiger Gewalt und Macht) weder vorher gewesen sei noch später kommen werde. Somit kann nicht dieselbe Aussage in Joel 2 wieder einem Heuschreckenheer gelten. Auch zeigt die Offenbarung, besonders im 9. Kapitel, Heere von solch urgewaltigen Ausmaßen, daß ein noch so großes Heuschreckenheer dagegen harmlos erscheinen müßte. Auch folgende Aussagen: “Keine Entronnenen läßt es übrig” (2, 3), “zum Kampfe gerüstet” (2, 5), “Vor ihm zittern die Völker” (2, 6), “Vor ihnen erbebt die Erde, erzittert der Himmel” (2, 10) gehen über die Beschreibung von Heuschrecken hinaus.

Auch bei den Erstattungsverheißungen in Kap. 2, 18-27 wird deutlich, daß mindestens zwei “Heere” in der Drangsal am Werk waren: der von Norden Gekommene (der als der Schlimmere zuerst genannt wird! V. 20) und die natürlichen Heuschrecken (V. 25). Und von dem ersten Heer bzw. dessen Anführer kann man in V. 20 lesen (das betr. hebräische Wort läßt sich auch so wiedergeben), daß er sich “überhoben hat”, was wieder nicht von Heuschrecken, wohl aber von einem Herrscher in der Menschen- oder Dämonenwelt gesagt werden kann.

Trotz dieser Unterschiede muß aber zugleich gesagt werden, daß die ganze Beschreibung des Heeres von Joel 2 auf die in Kap. 1 genannten Heuschrecken zurückgreift; — nur werden sie jetzt zum Symbol für etwas noch Furchtbareres, ähnlich wie etwa in Jes. 14, 4-20 einerseits von einem irdischen Herrscher die Rede ist, andererseits aber darüber hinaus von einem “Glanzstern, Sohn der Morgenröte”, der “hoch über die Sterne Gottes” seinen Thron erheben wollte. — Zu der Plage der wirklichen Heuschrecken, dem Hunger und der Dürre tritt die Plage eines Kriegsheeres, das zwar in einzelnen Zügen noch den Heuschrecken ähnelt, aber im übrigen etwas anderes darstellt und weit gefährlicher als jene ist.

Was haben wir nun unter dem Heer von Joel 2 zu verstehen? — Sind es jene antichristlichen Truppen, die zu Beginn der Drangsalszeit raubgierig und verwüstend in Israel einfallen, so den unheiligen Bund des Antichristen mit der Masse des jüdischen Volkes brechend (Dan. 9, 27), oder noch etwas anderes? — Zweifellos wird ja ein solcher Einfall des Antichristen in Israel zu Beginn seiner 3½-jährigen offen-brutalen Gewaltherrschaft stattfinden. Dabei wird dieses Land, dessen Bewohner zunächst 3½ Jahre lang während der ersten Hälfte der letzten Daniel’schen Jahrwoche mit dem Antichristen verbündet waren, gründlich beraubt und ausgeplündert werden, und was schlimmer ist: das Heiligtum wird entweiht und das tägliche Opfer abgeschafft und statt dessen ein verwüstender Greuel dort aufgestellt werden (Dan. 11, 31; Matth. 24, 15-21). Das aber ist nach den Worten Jesu das Signal für die nun beginnende Drangsal und deshalb zugleich das Signal zur Flucht für die gläubigen Juden, die einen Bergungsort in der Wüste erhalten (Offb. 12, 6.14), sofern ihnen nicht das Vorrecht einer Entrückung zuteil wurde (Offb. 12, 3; Luk. 21, 36).

Eine Beschreibung dieses antichristlichen Heeres könnte in Joel 2, 2-11 vorliegen, zumal auch in 2, 20 von dem “von Norden Gekommenen” die Rede ist und der Antichrist da von Norden kommt. Die auffallende Übereinstimmung jedoch dieser Verse mit Offb. 9, 13-19, dem Geschehen der 6. Posaune, legt es nahe, hier an etwas anderes und noch Furchtbareres zu denken: an jenes 200-Millionen-Heer, das ausziehen wird, ⅓ der Menschen zu töten, und das möglicherweise ein Dämonenheer ist, auf jeden Fall aber ein von der Geisterwelt her (vier Engel am Euphrat!) inspiriertes Verderbenswerkzeug. Die Übereinstimmung zeigt sich in folgendem:

  • Joel 1, 6: eine Nation ohne Zahl — Offb. 9, 16: 200 Millionen (eine für die Überfallenen tatsächlich unzählbar große Menge);
  • Joel 2, 3: vor ihm Feuer, nach ihm die Flamme — Offb. 9, 17-19: Feuer, Rauch und Schwefel aus Mäulern und Schwänzen;
  • Joel 2, 6: die Völker erzittern (nicht nur Israel!) — Offb. 9, 15. 18: ⅓ der Menschen getötet;
  • Joel 2, 4: das Aussehen von Rossen — Offb. 9, 16.17.19: Kriegsheere zu Roß.

Auch zeitlich ergibt sich eine Übereinstimmung, da die 6. Posaune ja sicherlich auch der Drangsalsperiode zugehörig ist. (Mit den “Heuschrecken” der 5. Posaune, die zwar auch “Pferden gleichen”, Offb. 9, 7, können die Krieger von Joel 2 schon deshalb nicht identisch sein, weil letztere auch das Land zur Wüste machen, während die Abgrundsgeister der 5. Posaune ausdrücklich nur die Menschen ohne das Siegel Gottes, nicht aber das Gras noch irgend etwas Grünes antasten.)

So furchtbar aber das Heer von Joel 2 auch ist, so groß seine Finsternis, Abscheulichkeit und Gottlosigkeit auch immer sein mag, — Jehova scheut Sich nicht — aus Gründen, die weiter oben schon besprochen wurden —, es “Sein Heer” zu nennen und den “Vollstrecker Seines Willens”! Das schenkt Trost auch bei solch trostlosem Anblick; das macht ruhig in dem Wissen darum, daß alles, aber auch wirklich alles der Kontrolle unseres Vatergottes untersteht und Seinen Händen nicht entgleitet, sondern Seinen Liebesplänen letztlich dienen muß.

c) Wie schon angedeutet, erreicht die Finsternisoffenbarung des Anti­christen ihren Höhepunkt auf religiöser Ebene: er bricht den Bund mit Israel, schafft Speis- und Trankopfer im Tempel ab und läßt statt dessen sich selbst dort verehren, indem er sagt, er sei Gott (2. Thess. 2, 4). Die “Jungfrau” Israel wird dem “Gatten ihrer Jugend” gewaltsam entfremdet, nachdem sich dieser trotz jahrtausendelanger Untreue auf ihrer Seite ihr in unbegreiflicher Liebe doch wieder zugeneigt (Hes. 16, 62.63). Da trauern und wehklagen die Priester; mit Fasten und Festversammlung schreien sie zu Jehova. Und das ist auch der einzige Weg zur Rettung. Denn im Verhältnis zu Jehova liegt ja die Ursache der furchtbaren Drangsal, die Israel betroffen; nur eine Rückkehr zu Ihm von ganzem Herzen kann daher auch eine Wendung einleiten; und diese Wendung ist ja Zweck und Ziel aller Bedrängnis: Israel soll und muß durch Gericht gerettet werden (Jes. 1, 27)!

2. Israels Buße und Errettung

Groß und schwer, ja von absolut einmaliger Härte sind die Gerichte, die während der 3½-jährigen Drangsalszeit die Völkerwelt, insonderheit aber das abtrünnige und jahrhundertelang verstockte Volk der Wahl treffen. Für letzteres ist, nachdem die Vollzahl aus den Heiden eingegangen ist, nunmehr die Zeit gekommen, da es von seiner Verstocktheit geheilt werden und aus seinem tiefen Schlaf erwachen soll (Röm. 11, 8.25.26). Doch nicht auf sanfte Weise wird Israel aus dem Schlaf erweckt — die Sprache sanften und liebevollen Werbens und Lockens hat es längst überhören gelernt. Hier hilft kein stilles sanftes Säuseln; hier muß Gott tatsächlich im Sturmwind unbarmherziger Gerichte daherkommen, wenn Er ernst genommen werden will, obwohl das nie Seine eigentliche Art ist, wie der Feuerkopf Elia einst lernen mußte (1. Kön. 19, 11ff.).

Gott gehen die Mittel nicht aus, wenn ein Mensch oder gar ein ganzes Volk Sein wiederholtes liebendes Anerbieten fortwährend und hartnäckig ausschlägt. Sie gehen Ihm auch dann nicht aus, wenn härteste und scheinbar unheilbare Verstockung die Herzen erfaßt hat. Davon ist Israels Geschichte — die vergangene und vor allem die noch bevorstehende künftige — ein beredter Beweis und zugleich Muster und Vorbild dafür, auf welche Weise Er auch mit der Masse der Nationen zu Seinem Ziel zu kommen vermag und auch kommen wird.

Jehova läßt Sein Volk über die Ziele Seiner Gerichte nicht im unklaren. Er hat Sich mit Seinem Gericht bestimmte Ziele gesteckt — diese Tatsache allein muß zunächst einmal festgehalten werden. Gottes Gerichte sind nie Willkür oder Selbstzweck, sondern immer Durchgang und Mittel zum Zweck. Und wenn dies bei Israel so ist — sollte es bei der Masse der Nationen dann anders sein? Nimmermehr! — Gott ist ja nicht nur der Juden, sondern auch der Nationen Gott (Röm. 3, 29). Letztere liebt Er mit gleicher Liebesinbrunst wie Seinen erstgeborenen Sohn der Völkerwelt. Wie Er mit dem Erstling verfährt, so später auch mit der Masse. Denn alles Gericht dient ja der Endverherrlichung des Vaters und des Sohnes (Joh. 5, 22.23; Phil. 2, 10.11; Offb. 5, 13; Jes. 45, 22-24); ein Ehren nur mit dem Munde aber, wobei das Herz fern von Ihm ist, lehnt Gott ausdrücklich ab (Jes. 29, 13.14; Matth. 15, 8.9).

So ist es auch hier im Blick auf das Volk Israel: Bekehrung mit ganzem Herzen (Joel 2, 12), Bekehrung bis zu Gott hin, das will Er durch die Drangsal mit Israel erreichen.

Man kann sich ja auch halb bekehren. Man kann sich bekehren bis zu einem gewissen Grade, bis zum Ablegen gewisser böser Gewohnheiten, bis zum Anschein einer gewissen Frömmigkeit — und doch nicht bis hin zu Ihm Selbst, bis zur Unterwerfung und Übergabe des Herzens und Lebens an Ihn und die persönliche Gemeinschaft mit Ihm. Und die alte Geschichte Israels kennt Beispiele genug für halbe Bekehrungen, wo die Götzen zum Teil verschwanden, andere aber blieben (2. Kön. 10, 28-31; 12, 2.3; 14, 3.4; 15, 3.4; 15, 34.35; 17, 32.33.41 u. a.).

Nun aber will Gott ganze Sache machen und alles Halbe von vornherein ausschalten. Jetzt sollen die Götzen gänzlich verschwinden (Jes. 2, 18). Daher müssen die Gerichte so gründlich und vielseitig und schwer sein, alle Schichten des Volkes und alle Gebiete des Lebens umfassend.

Es ist ergreifend und einem unbiblischen Denken, das Gericht und Gnade, Gerichtszeit und Gnadenzeit immer so gern als völlig unvereinbar miteinander und sich gegenseitig völlig ausschließend hinstellt, total zuwiderlaufend, wenn Gott mitten im Gericht hier durch Joel verkündigen läßt: “Aber auch jetzt … kehret um zu Mir … euer Gott ist gnädig!” (V. 12ff. — Das in der Elbf. Übs. hinzugefügte Wörtlein “noch” findet sich im Urtext nicht, was ja auch aus dem Kleindruck des Wortes hervorgeht). Hier offenbart sich Gnade mitten im Gericht, erschallt ein Ruf zur Umkehr auch in jener Zeit.

Und Israel wird diesen Ruf hören! Das Gericht wird ausrichten, wozu es gesandt ist. Was Jahrtausende gnädigen Handelns mit diesem Volk nicht auszurichten vermochten, wird es zustande bringen: ein bußfertiges, mit seinem ganzen Herzen sich zum Herrn wendendes Israel wird daraus hervorgehen. “Sie werden sich zitternd wenden zu Jehova und zu Seiner Güte am Ende der Tage.” (Hos. 3, 5.) Und dann kann Er sie erneuern und zum Segen setzen in eben demselben Maße, als sie zuvor ein Fluch waren (Sach. 8, 13), sowohl für ihre eigenen Volksgenossen, besonders der vorausgegangenen Geschlechter, die noch errettet werden müssen und wo dann der Väter Herzen nach ihrer Auferstehung bekehrt werden zu den Kindern (Mal. 4, 6), als auch für die Nationen des Tausendjahrreiches.

Sind aber die Ziele Seines Gerichtes erreicht, nimmt Gott es wieder hinweg. Davon zeugen die Verse 18-27 des 2. Kapitels des Propheten Joel. Hier weitet sich die Schau des Propheten, und ins Blickfeld tritt die 1000-jährige Segenszeit für Israel und die Erde. Auf denselben Gebieten, auf denen sich zuvor die Drangsal auswirkte, wird es danach eine herrliche Erstattung und neuen und vermehrten Segen geben. Getreide, Öl, Most, die Tiere des Feldes, die Auen der Steppe, die Keltern und Tennen — alles ist in diesen Segen einbezogen, so wie es vorher vom Gericht betroffen war. Keine Auslegung hat ein biblisches Recht, diese Ausdrücke nur geistig zu fassen. Israel ist eben Segensträger und -mittler für die Erde und die Erdenbewohner, die Nationen; es empfängt irdischen Segen oder irdischen Fluch, wie das Kapitel 5. Mose 28 besonders deutlich zeigt, ganz im Gegensatz zu der neutestamentlichen Leibesgemeinde mit ihren geistlichen Segnungen inmitten der Himmelsbewohner (Eph. 1, 3).

Nun wird Israel nicht länger Gegenstand des Spottes der Nationen sein, sondern geachtet, bewundert, wenn nicht gar gefürchtet werden. Der von Norden Gekommene — der Norden wird auch in Jes. 14, 13 und Hes. 38, 15 als Sitz der Rebellion angesehen — wird unter Plagen und Schlägen des wiederkommenden Christus und Seiner Streitmacht sein Ende finden (Offb. 16, 10.11.18-21; 19, 19-21; 2. Thess. 2, 8; Dan. 8, 25), und Jerusalem, die Stätte der Tieranbetung, wird zur Metropole einer neuen, theokratisch regierten und von Israel geführten Welt werden (5. Mose 28, 13; Jes. 2, 3).

Der verwüstende Greuel wird endgültig aus dem Tempel verbannt und Speisopfer und Trankopfer für Jehova als den wahren Gott Israels wieder dargebracht werden, der zu Zion wohnen und thronen wird. Und “Sein Volk” wird Ihn preisen und als seinen Gott und König anbeten. —

So wird im klimatischen, militärisch-politischen und religiösen Bereich der 3½-jährigen antichristlichen Schreckenszeit eine wunderbare Errettung, Erstattung und Wiederherstellung in Israel folgen. —

Bevor sich die Joelprophetie nun noch einmal der Drangsalszeit bzw. ihrer Endphase zuwendet, jetzt im Hinblick auf alle Nationen, erreicht sie in Kapitel 2, Vers 28-32 (Luther Kap. 3, 1-5) ihren Höhepunkt.

Die Weissagungen Joels sind in ihrer Gesamtheit und der Aufeinanderfolge ihrer Einzelbilder dem Erklimmen eines hohen Berggipfels vergleichbar, von dem aus sich ein einzigartiges Panorama darbietet. Dieser Blick vom Gipfel ist in den Versen 28-32 festgehalten. Vorher ging der Weg anfangs durch trübe und nebelige Niederungen, bis ab Kap. 2, 12 der Aufstieg begann. Doch kann von einem Ausruhen auf dem Gipfel des Berges keine Rede sein, sowenig es einem Petrus erlaubt wurde, auf dem Berg der Verklärung Hütten zu bauen. Solange die Vollendung noch nicht Wirklichkeit, sondern immer noch Gegenstand unserer Hoffnung ist, muß nach jedem freudetrunkenen Ausblick in zukünftige Herrlichkeiten die Besinnung auf die unvollendete, leidvolle und kampferfüllte Gegenwart folgen. So folgt auch hier dem glanzvollen Schluß des 2. Kapitels der “Abstieg vom Berge”, die Wiederbesinnung auf die Trübsalszeit, bis in den letzten Versen des letzten Kapitels und damit des Buches — gleichsam als dürfe es nicht mit einem Gerichtswort schließen — noch einmal ein Ausblick in die Herrlichkeit des Millenniums gewährt, der Wanderer noch einmal auf eine lichtvolle Höhe geführt wird. –

“Danach wird es geschehen, daß Ich Meinen Geist ausgießen werde auf alles Fleisch.” Dieser 28. Vers des 2. Kapitels stellt den Höhepunkt des ganzen Buches dar. Er gehört zu den weitreichendsten Verheißungen der Heiligen Schrift überhaupt, nur noch übertroffen von jenen Heilszusagen, die auch die Geisterwelt mit einschließen.

“Danach” oder “nach diesem” ist aber erst die Erfüllung dieser Verheißung zu erwarten, d. h. nicht eher, als bis sich die Drangsal in ihrer ganzen Schwere über Israel und die Nationenwelt ergossen hat. Unser Gott drängt ja Seinen Heiligen Geist niemand und niemals auf. Er schenkt Ihn immer nur dem, der an sich selbst zerbrochen, heilshungrig danach verlangt. So müssen erst jene gewaltigen, in Kapitel 1 bis 2, 11 angedeuteten Zerbruchsgerichte über die Erde gehen, ehe Gott Seinen Geist ausgießen kann auf “alles Fleisch”. Vorher kann von einer Erfüllung dieser Verheißung noch keine Rede sein, was jedoch nicht ausschließt, daß es vorher schon Anbruchs-, Teil- oder Vorerfüllungen geben kann. Eine solche war die Ausgießung des Heiligen Geistes am Pfingstfest zu Jerusalem, die ja Petrus ausdrücklich als eine (anbruchsmäßige bzw. vorlaufende!) Erfüllung jenes Joelwortes bezeichnete, wie auch alle Umstände hier reichsmäßigen Charakter trugen (so besonders Zeit und Ort der Ausgießung). Das Zitat des Petrus in Apg. 2, 17 spricht im griechischen Urtext entsprechend dem vorläufigen Charakter dieses Geschehens auch nur von einer Ausgießung “von Meinem Geiste”, während der hebräische Wortlaut in Joel 2, 28 besagt: “Ich werde Meinen Geist ausgießen …”, wobei allerdings zu bedenken ist, daß die LXX (Septuaginta; griechische Übersetzung des Alten Testaments) auch in Joel 2, 28.29 bereits “von Meinem Geiste” (apo tou pneumatos mou) sagt.

Wenn irgendein Schriftwort ein deutlicher Beweis dafür ist, daß sich die Verheißungen Gottes mehrfach und etappenweise erfüllen — anfangend von vorlaufenden Erfüllungen über die dem Zusammenhang entsprechenden bis hin zu einer Vollerfüllung —, dann dieses Wort. Die Vorerfüllung geschah zu Pfingsten, in Jerusalem, als dort auf israelitischem Boden ein Anbruch des kommenden Königreiches in Erscheinung trat, der, wenn Israel sich bußfertig und als Volksganzes zum Herrn gewandt hätte, zu der sofortigen Wiederkunft des Christus-Messias und der Aufrichtung des Reiches Christi hätte führen können (Apg. 3, 19-21). Doch es zeigte sich, daß die Zeit dafür noch nicht reif war, wie denn auch Gott in allweiser Voraussicht längst andere, bisher geheimgehaltene Pläne bereithielt: die Herausrufung eines “Leibes” für Seinen Sohn aus allen Völkern. Nun kann und wird das sichtbar aufgerichtete Königreich erst kommen, wenn Israel durch schwere Gerichte, die alles im Laufe seiner Geschichte bisher Dagewesene noch übertreffen werden, sich bußfertig zum Herrn kehren wird, und zwar von ganzem Herzen. Dann kann und wird in Verbindung mit der Reichsaufrichtung jene Geistesausgießung stattfinden, von der im Zusammenhang unseres Verheißungswortes die Verse 28, 29 und 32 sprechen. Ein gerichtetes, zerbrochenes und bußfertiges Israel wird den Heiligen Geist empfangen (vgl. Sach. 12, 10), darüber hinaus aber auch viele der “Übriggebliebenen”, d. h. derjenigen aus den Nationen, die nach der erheblichen zahlenmäßigen Verminderung des Menschengeschlechts in der Trübsalszeit und nach der nochmaligen Auslese beim Nationengericht noch “übriggeblieben” sind (Offb. 6, 8; 8, 11; 9, 18; Matth. 25, 31-46; Apg. 15, 17).

Es ist aber einleuchtend, daß das erneuerte Israel des Tausendjahrreiches samt den übriggebliebenen der Nationen noch nicht “alles Fleisch” sind. Und wir befinden uns durchaus in Übereinstimmung mit der übrigen Schrift, wenn wir über den Zusammenhang von Joel 2, 28ff. hinaus noch eine Vollerfüllung auch dieser göttlichen Zusage erwarten, da tatsächlich alles, was je Fleisch an sich trug, durch Gottes Geist erneuert wird (vgl. Luk. 3, 6; Ps. 65, 2; Apg. 15, 17; 1. Tim. 4, 10; Röm. 5, 18.19; Jes. 11, 6-8).­

Auf diese gewaltige Heilsverheißung folgt in den Versen 30 und 31 zunächst wieder ein kurzer Rückblick auf die Drangsalszeit bzw. ihr Ende, bevor dann V. 32 wieder von Heil und Rettung kündet.

Vom “Tag Jehovas” ist im Propheten Joel mehrmals die Rede. In 1, 15 lesen wir: “Ach, über den Tag! Denn nahe (bevorstehend) ist der Tag Jehovas, und er kommt wie eine Verwüstung vom Allmächtigen” (oder: “wie eine Gewalttat des Allgewaltigen”). Kap. 2, 1 sagt: “Es kommt der Tag Jehovas, denn er ist nahe: ein Tag der Finsternis und der Dunkelheit, ein Tag des Gewölks und der Wolkennacht” (die beiden letzteren hebräischen Ausdrücke werden auch von Erscheinungen Jehovas gebraucht, so in 2. Mose 16, 10; 1. Kön. 8, 10 u. 12; Ps. 18, 9 nach Elbf. Verszählung; 2. Mose 20, 21; 5. Mose 4, 11). Im 11. Vers des zweiten Kapitels wiederum heißt es: “Denn groß ist der Tag Jehovas und sehr furchtbar, und wer kann ihn ertragen?” Dann folgt der im Neuen Testament in Apg. 2, 20 zitierte V. 31: “Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln, und der Mond in Blut, ehe der Tag Jehovas kommt, der große und furchtbare.” Schließlich lesen wir in 3, 14: “Getümmel, Getümmel im Tale der Entscheidung; denn nahe (bevorstehend) ist der Tag Jehovas im Tale der Entscheidung.”

Es erscheint angebracht, sich an dieser Stelle zunächst einmal grundsätzlich darauf zu besinnen, was eigentlich “Tag” und “Nacht” in der prophetischen Sprache bedeuten, und in welcher “Tages- oder Nachtzeit” wir uns augenblicklich befinden.

Was “Tag” ist bzw. womit ein “Tag” beginnt, kann man am besten und einfachsten und anschaulichsten aus dem Naturgeschehen lernen. Der Tag beginnt mit dem “Sonnenaufgang” und endet mit dem “Sonnenuntergang”. Tag ist “Anwesenheit” der “Sonne”!

Genau so verhält es sich mit den “Tagen” der biblischen Prophetie. Der “Tag des Herrn” ist Seine Anwesenheit auf dieser unsrer Erde; “Nacht” ist Seine Abwesenheit. Der “Tag” beginnt mit Sonnenaufgang, d. h. dann, wenn Christus als “die Sonne der Gerechtigkeit mit Heil unter ihren Flügeln” (Mal. 4, 2), als “die Sonne, die mir lachet”, am Himmel erscheint. Daher beginnt der “Tag des Herrn” bzw. der “Tag Jehovas” (der Gerichts- und Schreckenstag) im engeren Sinne erst mit der Ankunft Christi (mit Seinen Gliedern! Kol. 3, 4) als Richter auf dieser Erde. Denn Joel 2, 31 sagt ausdrücklich — was in dem Zitat in Apg. 2, 20 seine neutestamentliche Bestätigung erfährt —, daß “die Sonne sich in Finsternis verwandeln wird und der Mond in Blut, ehe der Tag Jehovas kommt, der große und furchtbare”. Nach Matth. 24, 29 wird aber erst alsbald nach der Drangsal jener (1260) Tage die Sonne verfinstert werden und der Mond seinen Schein nicht geben. Dann erst wird der “Tag Jehovas” als ein Tag des Schreckens und der Verwüstung über die Völkerwelt kommen. Als solcher wird er auch genannt der “Tag des Zorns”, der beim Brechen des 6. Siegels nach Offb. 6, 12 ebenfalls mit diesen gewaltigen Veränderungen an den Gestirnen und sodann mit dem “Entweichen” bzw. “Geöffnetwerden” des Himmels (Offb. 19, 11ff.) eingeleitet wird. Man vergleiche über diesen “Tag” auch noch folgende Schriftworte: Jes. 2, 12-22; 13, 9-13; Amos 5, 18-20; Zeph. 1, 14-18; 2, 1.2.

Schlimmer als die Drangsal der “Drangsalszeit” (wenn auch andersartig) und verwüstender als alle vorausgegangene Verwüstung wirkt sich für den Antichristen und seinen Anhang die Erscheinung Christi und Seiner Streitmacht aus (Offb. 19, 11-16; 17, 14). Der kurze und entscheidende Schlag, den der Wiederkommende dem “Tier” versetzt, wird für dieses schrecklicher und verderblicher sein als alle Plagen der “Posaunen”- oder Zornschalen”. Jene alle konnte der Antichrist durchstehen. — der bloße Hauch des Mundes Christi und Sein “Zugriff” (Offbg. 19, 20; 2. Thess. 2, 8) jedoch machen ihm und seinen Anbetern ein plötzliches und schreckliches Ende.

Darauf folgt dann das in Matth. 25, 31-46 beschriebene Nationengericht, das zu Unrecht so oft dem “Jüngsten Gericht” von Offb: 20, 11-15 gleichgesetzt wird. Da wird darüber entschieden werden, wer von den Nationen der Erde auf Grund guter Werke an den Gläubigen teilhaben darf am nun anbrechenden Reich des Messias auf Erden.

“Tag” ist, wie wir sahen, Anwesenheit Christi, “Nacht” Abwesenheit. Es ist daher nicht “zeitgemäß” im biblischen Sinne, heute zu singen oder zu sagen: “Auf, denn die Nacht wird kommen … da man nicht mehr kann.” Als der Herr das hier zugrunde gelegte Wort aus Joh. 9, 4 sprach, war Er noch auf Erden anwesend, die Zeit Seines Hinweggehens zum Vater aber war nicht mehr fern. Deshalb sollten die Jünger noch wirken, solange es Tag war, d. h. solange ihr Herr als das Licht der Welt noch auf Erden war (Joh. 9, 5). Wenn erst Nachtzeit wäre, würden sie (an Israel!) nicht länger wirken können. Und so kam es auch: als der Herr gekreuzigt, gestorben, auferständen und gen Himmel gefahren war, als somit die “Nacht” hereingebrochen war, fing Israel an zu schlafen, den tiefen Schlaf der “Verstockung”, aus dem es sich deshalb so schwer wieder wecken läßt, weil es geradezu ein besonderes “Schlafmittel” eingenommen hat: ein “Geist der Schlafsucht” ist ihm gegeben (Röm. 11, 8)! Daher vermögen nur harte Schläge des Gerichts diesen tief Schlafenden wieder zu wecken. — Fürwahr: die da schlafen, schlafen des Nachts (1. Thess. 5, 7)!

Auch Paulus weiß davon zu sagen, daß augenblicklich Nachtzeit ist, aber: vorgerückte Nachtzeit (Röm. 13, 32). “Jetzt ist unsere Errettung näher, als da wir gläubig wurden.” Und die Gemeinde Christi lebt, obgleich es Nachtzeit ist in der Welt, “als am Tage” (Röm. 13, 13). In der äußeren Abwesenheit ihres Herrn und Hauptes führt sie ihren Wandel so, als ob Er bei ihr wäre. Und Er ist ja auch bei ihr, ja in ihr, und sie in Ihm.

Für diese Gemeinde, für uns Gläubige dieses Zeitalters, “tagt” es früher als für die Welt und hat auch der “Tag” ein anderes Gesicht als für die übrigen, deshalb auch einen anderen Namen. Wie auch die irdische Sonne an einem Orte früher sichtbar wird als an einem andern, geht auch die “Sonne der Gerechtigkeit” für die Gemeinde früher auf als für die Welt. Ihr Tag beginnt nicht erst, nachdem Sonne und Mond ihren Schein verloren haben, sondern schon vor dem Hereinbrechen des zukünftigen Zorns und auch vor dem Wachwerden Israels aus seinem tiefen Schlaf (1. Thess. 1, 10; Röm. 11, 25). Er beginnt auch vor dem Offenbarwerden des Antichristen und — da sie eine Einschaltung in die Zwischenzeit zwischen der 69. und 70. Daniel’schen Jahrwoche ist, welche Israel und der Reichsentwicklung zugehören — wohl vor Beginn der letzten Jahrwoche überhaupt (2. Thess. 2, 7.8; Dan. 9, 24-27). Ihr Tag beginnt mit dem Kommen des Herrn in den Lufthimmel mit gebieterischem Zuruf, der Stimme eines Erzengels und der Posaune Gottes (1. Thess. 4, 16). Dieser Tag bedeutet für sie Heil und Herrlichkeit, genauer gesagt: die Vollendung ihres Heils durch die Verwandlung des Leibes und das Schauen ihres Herrn von Angesicht zu Angesicht und die immerwährende, ununterbrochene engste Gemeinschaft mit Ihm (1. Thess. 4, 17: syn kyrioo, “beim Herrn” = mit Ihm in engster lebensmäßiger Verbindung). Dieser Tag hat auch einen anderen, persönlicheren Namen. Er heißt nicht “”Tag Jehovas” oder “Tag des Herrn”, sondern “Tag Christi (Jesu)” oder “Tag unseres Herrn Jesus” (1. Kor. 1, 8; 2. Kor. 1, 14; Phil. 1, 6.10).

Kann aber denn — so könnte unser Verstand fragen — der “Tag”, d. h. die Erscheinung und Anwesenheit desselben Herrn und Gottessohnes für die Gemeinde einerseits und für die Welt andererseits, derart verschiedene, ja gegensätzliche Züge tragen? Ist es nicht die gleiche Sonne, die Gott aufgehen lassen wird über Gerechte und Ungerechte?

Daß sich ein und dieselbe Gotteserscheinung nach zwei Seiten hin durchaus verschiedenartig auswirken kann, wird schon in 2. Mose 14, 20 deutlich. Dieselbe Wolken- und Feuersäule, in der Jehova vor den Kindern Israel herzog (2. Mose 13, 21), offenbarte sich dem Heere Israels als Licht. dem Heere der Ägypter aber als dunkle Wolke und Finsternis. Und als später Jehova zur Gesetzgebung auf, den Sinai herabstieg, erschien Er wieder, obwohl im Feuer, doch verhüllt in Rauch und Wolkendunkel (2. Mose 19, 11.16.18). — Ähnlich dürfte die Erscheinung des wiederkommenden Herrn sich der Welt darbieten; für sie kommt Er als Richter, gehüllt in “Finsternis und Dunkelheit, Gewölk und Wolkennacht”, “wie eine Verwüstung vom Allmächtigen” (Joel 2, 1; 1, 15).

Wie es aber in der Natur schon vor dem eigentlichen Sonnenaufgang zu “tagen” anfängt, so beginnt auch der “Tag Jehovas”, der im engeren Sinne erst nach der Drangsal und der Verfinsterung der Gestirne mit der Erscheinung des wiederkommenden Herrn einsetzt, im weiteren Sinne schon mit den vorbereitenden Drangsalen und Verwüstungen der Drangsalszeit, die ja schon sehr ausgeprägt die Züge der Finsternis und des Schreckens trägt, wie sie dann mit der Erscheinung des Richters am krassesten und folgenschwersten sich offenbaren werden.

Der doppelte Charakter des kommenden “Tages des Herrn” bzw. “Tages Christi” wird auch in einem kleinen sprachlichen Unterschied deutlich, den das Zitat von Joel 2, 31 in Apg. 2, 20 gegenüber der hebräischen Originalstelle aufweist (wie im übrigen auch schon die LXX-Übersetzung von Joel 2, 31). Im Griechischen findet sich dort, wo die hebräische Bibel von dem “furchtbaren” Tage spricht, das Wort “epiphanä”, das soviel wie “sichtbar, leuchtend”, ja sogar “prächtig, herrlich” bedeutet, weshalb wir auch in Apg. 2, 20 von dem “herrlichen” Tage lesen. Nun sind sich im Hebräischen die Worte “sichtbar” und “furchtbar” außerordentlich ähnlich, und es ist leicht erklärlich, daß sich in alten hebräischen Texten beim Abschreiben “Fehler” ergeben haben, wodurch die LXX-Übersetzung (und auf ihr fußend der griechische Text von Apg. 2, 20) anders lautet als der auf uns gekommene hebräische Text. Trotzdem hat der Geist Gottes beide Lesarten uns überliefern lassen, und wir dürfen auch in diesem Unterschied, selbst wenn er ursprünglich durch einen vor Jahrtausenden unterlaufenen Abschreibfehler entstanden sein sollte, ein gottbeglaubigtes Zeugnis des doppelten Charakters des Herren-Tages sehen. Unser Gott kann ja auch aus “Fehlern” — Herrlichkeit offenbar werden lassen! –

In Joel 2, 32 begegnet uns einer jener göttlichen Grundsätze, die für alle Zeiten und Körperschaften gleichermaßen gültig sind und bleiben. Es ist die göttliche Grundbedingung für die Errettung eines Menschen: “Ein jeder, der den Namen des Herrn anrufen wird, wird errettet werden.” Dieses Joel-Wort wird auf israelitischem Boden zitiert in Apg. 2, 21; auf dem Boden der Leibesgemeinde gilt nach 1. Kor. 12, 3 und Röm. 10, 12.13 genau dasselbe. Hier dürfen wir alle Unterscheidungen und Trennungen und Sortierungen einmal mit biblischer Berechtigung dahinten lassen und den Menschen aller beliebigen Zeiten, Rassen und Völkerschaften sagen: Rufe den Namen Jesu gläubig an, und du wirst errettet werden!

Allerdings: die Erkenntnis dieses Namens ist bei den einzelnen Körperschaften verschieden. So ruft ein jeder auf seiner Stufe und nach seinem Erkennen denselben Herrn an, und doch sieht er Ihn anders — sei es als den alttestamentlichen “Jehova” oder den neutestamentlichen “kyrios”, als den kommenden König und Messias, den Ehegatten der ungetreuen Jungfrau oder das geschlachtete Lamm, das der Welt Sünde trug, oder das Haupt Seiner Glieder. Eines eint sie alle: das Wissen darum und das Bekenntnis, daß in diesem Herrn allein Macht und Stärke, Heil und Leben und Herrlichkeit zu finden ist.

Im Zusammenhang von Joel 2, 32 ist von einer besonderen Errettung auf dem Berge Zion und in Jerusalem die Rede. Daran haben außer den Israeliten, wie schon erwähnt, Übriggebliebene aus den Nationen teil. — Einmal aber kommt die Stunde, wo ohne Unterschied und Ausnahme alle Zungen im weiten Weltenall rufen werden: “Herr ist Jesus Christus” (Phil. 2, 10.11), also gerade das, was man lt. 1. Kor. 12, 3 nicht ohne den Heiligen Geist vermag und woraus nach unserem Wort aus Joel immer Rettung folgt. Daß es sich nicht um bloße Lippenbekenntnisse handeln wird, ist dabei schon allein dadurch garantiert, daß dieses Bekenntnis “zur Ehre Gottes, des Vaters” geschehen wird. Dann kann es niemals ein geheucheltes, nur in theoretischer Anerkennung bestehendes, aber das eigene Leben und den eigenen Willen ausnehmendes sein, denn solche Bekenntnisse, mit “fernem Herzen” gegeben, lehnt Gott ausdrücklich ab (Matth. 15, 8 als Zitat von Jes. 29, 13). Sie ehren Ihn, den All-Liebenden und auf ungeheuchelte Gegenliebe Wartenden, nicht. — Daher dürfen wir in Phil. 2, 10.11 die Vollerfüllung von Joel 2, 32a erblicken. Alle Zungen legen das rettungbringende (bzw. von bereits geschehener Rettung kündende) Bekenntnis des Namens des Herrn ab.

3. Das Nationengericht am Ende der Drangsalszeit

Nach dem glanzvollen Ausblick in die Zeit des messianischen Reiches (Kap. 2, 21-29.32) wendet sich die Joelprophetie nun noch einmal der Drangsalszeit, besser gesagt: den Ereignissen zu, die von der Drangsal überleiten zur Aufrichtung des Königreiches. Die gewaltige dann stattfindende “Zeitenwende” ist eine Gerichtswende. Von diesem Gericht, das in erster Linie — neben der Hure Babylon — die dem Antichristentum verfallene Nationenwelt treffen wird, spricht in ziemlicher Ausführlichkeit das 3. Kapitel des Propheten Joel. Es beantwortet uns die Fragen: wann, wo, weshalb, durch wen die Nationen ihr Gericht empfangen werden.

Wann wird der Herr dieses Gericht vollziehen? — Die Antwort könnte lauten: Alsbald nach der Drangsal oder: bei der Wiederkunft Christi. Beides wäre richtig. Die uns in Joel 3, 1 gegebene Antwort ist an Israel orientiert: “In jenen Tagen und zu jener Zeit, wenn Ich die Gefangenschaft Judas und Jerusalems wenden werde.”

Nun erleben wir zwar schon in unseren Tagen, wie die Gefangenschaft bzw. die Zerstreuung des “heiligen Volkes” (Dan. 12, 7) ein Ende nimmt und die Juden immer zahlreicher in ihrem eigenen Lande wohnhaft werden. Bevor aber der Herr zur Reichsaufrichtung auf diese Erde kommen wird, wird es nochmals eine “Gefangenschaft” für mindestens einen Teil Israels geben: in Verbindung nämlich mit der Judenverfolgung des bundesbrüchigen Antichristen in der 2. Hälfte der 70. Daniel’schen Jahrwoche (vgl. Dan. 9, 27 und Offb. 13; dort vor allem V. 10: “Wenn jemand in Gefangenschaft führt, so geht er in Gefangenschaft.”) Auch diese letzte und vielleicht schwerste Gefangenschaft aber wird der Gott Israels wenden, und damit ist Sein Volk endgültig frei.

Das Sichvergangenhaben an Israel ist, wie Joel 3, 2ff. zeigen, der erste und nächstliegende Grund zu dem ernsten Gericht, das nun über die Nationenwelt hereinbricht, wie ja auch der Herr in Seiner Zukunftsrede in Matth. 25, 31-46 die zur Linken Stehenden deshalb verurteilt, weil sie Seinen “geringsten Brüdern” (auch und nicht zuletzt dem Fleische nach!) gleichgültig gegenüberstanden (wieviel mehr wird der bestraft werden, der sich noch zusätzlich an ihnen vergangen hat!). Wer dies Volk antastet, tastet Seinen Augapfel an (Sach. 2, 8). Wer sich an Israel vergeht, kommt nie ungestraft davon — das haben wir zur Genüge in der Geschichte unseres eigenen Landes in den letzten Jahrzehnten erleben müssen.

Dabei kommt der in der Schrift häufig feststellbare göttliche Grundsatz zur Geltung: “Womit man sündigt, wird man gestraft” (Weisheit 11, 16; LXX). So lesen wir in Kap. 3, 4b und 7 zweimal: “Ich will euer Tun auf euren Kopf zurückbringen.” Dasselbe bezeugt ja auch das schon angeführte Wort aus Offb. 13, 10. Dieser göttliche Erziehungsgrundsatz führt das Geschöpf am sichersten und schnellsten zur Erkenntnis der Schlechtigkeit und Strafwürdigkeit seines Tuns. Wer selber erleiden muß, was er andern zufügte, muß aufhören, sich zu rechtfertigen und zu entschuldigen. Hier ist fürwahr “ausgleichende Gerechtigkeit” am Werk. Die Nationen, die Israel zerstreut, ihr Land geteilt, beraubt und ausgeplündert, die Be­ölkerung verlost und verkauft hatten, werden nun selber beraubt und ihre Söhne und Töchter verkauft (warum nur ihre Söhne und Töchter und nicht sie selbst? Die Antwort darauf ist wohl nur in der ergänzenden neutestamentlichen Schau des Nationengerichtes in Matth. 25 zu finden: weil die Ungerechten und Tieranbeter selbst ein noch viel schärferes Gericht trifft: das äonische Feuer).

Wo wird jenes Gericht stattfinden, und wer wird richten? Der Name “Tal Josaphat” (V. 12) ist keine geographische, sondern eine symbolische Bezeichnung und besagt: “Jehova richtet.” Man könnte also “Tal Josaphat” etwa verdeutschen mit “Tal des Gottesgerichts”. V. 14 nennt es auch: “Tal der Entscheidung”. Hier wird der Entscheidungskampf zwischen Christus und dem Antichristus ausgetragen. Hier wird Er sitzen und die Völker ringsum richten.

Nach all diesen Zusammenhängen kann das “Tal des Gottesgerichts” bzw. das “Tal der Entscheidung” kaum etwas anderes sein als die Talebene bei “Megiddo”, die schon oftmals Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen war, und wo nach Offb. 16, 16 auch der “Krieg des großen Tages Gottes, des Allmächtigen” stattfinden wird.

Auf der Seite des wiederkommenden Messias kämpfen “Seine Helden” (V. 11). Wer sind diese Mitstreiter Christi? — Was sagen uns die Parallelstellen über die Begleitung des in Herrlichkeit erscheinenden Herrn?

Bekannt ist, daß Christus in Begleitung großer Engelheere, heiliger Myriaden, erscheinen wird (Matth. 24, 31; Jud. 14), die auch als “Wolken” in der Schrift bezeichnet werden (vgl. Apg. 1, 9; 1. Thess. 4, 17; Offb. 1, 7; 11, 12; Ps. 104, 3; Matth. 17, 5; Ps. 68, 17 u. v. a.). Besonders anschaulich wird die Streitmacht Christi in Offb. 19, 14 beschrieben: “Die Kriegsheere, die in dem Himmel sind, folgen Ihm auf weißen Pferden, angetan mit weißer, reiner Leinwand.” Da reine, feine Leinwand nach Offb. 19, 8 die “Gerechtigkeiten der Heiligen” sind, kann es sich hier nicht mehr nur um Engel, sondern muß sich um vollendete Gerechte, vorher zu ihrem Herrn heimgeholte Gläubige handeln. Dies wird ganz deutlich ausgesprochen in Offb. 17, 14, wo wir lesen: “… Er ist der Herr der Herren und König der Könige, und die mit Ihm sind Berufene und Auserwählte und Treue (oder, wie das Wort “pistoi” sonst durchweg übersetzt wird: Gläubige!)”. Daß in diesen wenigen und vielleicht einzigen Stellen der Offenbarung tatsächlich die Gesamtgemeinde dieses Zeitalters, der Leib Christi, mit im Blickfeld steht, wird uns durch unseren Lehrer Paulus bestätigt, wenn er in Kol. 3, 4 schreibt: “Wenn der Christus, unser Leben, geoffenbart werden wird, dann werdet auch ihr mit ihm geoffenbart werden in Herrlichkeit.”

So haben wir uns also gewaltige Engelscharen, die vollendeten Leibesglieder und wohl auch israelitische Gläubige, soweit sie sich bereits beim Herrn befinden, als Begleitung des kommenden Herrn zu denken. Sie alle werden, je nach ihrer Eigenart, Stellung und Berufung, an jenem großen Tage mitrichten bzw. mitherrschen.

Das von Joel geschaute und vom Herrn in Matth. 25 bestätigte Nationengericht wird darüber entscheiden, wer von den lebenden Nationen in das nun beginnende tausendjährige Reich Christi mit eingehen darf. Dabei sind aber die zur Rechten Gestellten keineswegs Gläubige oder selbst “Brüder Jesu” (Letztere sind bei der Ankunft des Herrn alsbald von Engeln gesammelt und Ihm zugeführt worden, soweit sie nicht schon früher durch Entrückung mit dem Herrn vereinigt wurden). Vielmehr wird ihnen auf Grund ihres Verhaltens zu Jesu geringsten Brüdern das Eingehen ins Reich gewährt.

Es handelt sich hier somit um unerneuerte Menschen, die aber auch in jener Zeit der “Ungerechtigkeit des Endes” das natürliche Empfinden für Recht und Gerechtigkeit und eine natürliche Menschenfreundlichkeit noch nicht ganz verloren haben und deshalb den unschuldig Eingekerkerten Nahrung, Kleidung, Zeit und liebende Fürsorge schenken.

In das Reich des Messias gehen demnach tatsächlich auch Unerrettete und Unwiedergeborene ein — so ketzerisch ein solches Wort auch immer klingen mag. Das Wort des Herrn aus Joh. 3, 3 und 5, das dem scheinbar widersprechen könnte, hat mit der sichtbaren Reichsaufrichtung nichts zu tun; es stellt vielmehr die Bedingungen heraus, unter denen man im damaligen Pfingsthaushalt wie auch wieder am Ende dieses Äons in die jüdische Reichsgemeinde (etwas anderes als das Reichsvolk, obwohl ein Teil davon!) eingegliedert werden kann, jene Gemeinde auf jüdischem Boden, deren Kern und Stamm die Zwölfe waren und an die auch die Briefe der Apostel der Beschneidung zunächst gerichtet sind. (Daß Joh. 3, 3 und 5 darüber hinaus auch für die Leibesgemeinde gilt, ergibt sich unschwer aus den paulinischen Schriften.)

Weil das Johannesevangelium als das späteste der vier Evangelien sich am wenigsten bei der ursprünglichen Bußverkündigung Jesu an das Reichsvolk aufhält und statt dessen die spätere Auswahl-Verkündigung Jesu zur Sammlung einer Reichsgemeinde am ausführlichsten schildert, spricht es auch die heutige Nationengemeinde von allen Evangelien am direktesten an, wenn auch dort noch jüdischer Boden ist und die Besonderheiten und die Eigenart der Berufung des Leibes dort nicht geoffenbart werden, sondern durch Paulus.

In die Gemeinde Jesu Christi, es sei die jüdische Reichsgemeinde oder die Leibesgemeinde, kam und kommt niemand ohne Neugeburt hinein. In das Reich der 1000 Jahre aber geht auch ein gutwilliger Teil aus den unerretteten Nationen ein, an denen und deren Nachkommen Israel erst noch zu missionieren haben wird.

Dann wird zunächst im Lande Juda eine gründliche Reinigung, ein großes “Aufräumen” einsetzen. Als Muster und Vorbild für die übrige Nationenwelt soll hier am ersten und schnellsten die schon längst von Gott für Israel vorgesehene Theokratie (Gottesherrschaft) verwirklicht werden. Aller Kriegslärm wird verstummen; die vorher zu Schwertern umgeschmiedeten Pflugmesser werden wieder zu Pflugmessern werden (vgl. Jes. 2, 4 mit Joel 3, 10). Israel wird ein Segen sein inmitten der Erde, weil der lebendige Herr leibhaftig in seiner Mitte wohnt und thront. Das ist der Inbegriff aller Hoffnung und allen Segens für Israel und deshalb auch der Ausklang der Joelprophetie, daß der seit Jahrtausenden durch Ungehorsam und Götzendienst gereizte, dann bei Seinem Erscheinen auf Erden abgelehnte, ja verworfene und gekreuzigte und noch in Seinen Aposteln weiter verfolgte Jehova-Christus nach schwersten Drangsalen und Heimsuchungen sich dieses Seines Volkes nicht schämen, sondern es dennoch als “Sein Volk” in unbegreiflicher Treue bestätigen wird durch Sein Wohnen unter ihnen: “Und Jehova wird zu Zion wohnen.”

Dann können sich auch die Verheißungen von Sach. 8, 22.23 erfüllen: “Viele Völker und mächtige Nationen werden kommen, um Jehova der Heerscharen in Jerusalem zu suchen und Jehova anzuflehen … In jenen Tagen, da werden zehn Männer aus allerlei Sprachen ergreifen, ja ergreifen werden sie den Rockzipfel eines jüdischen Mannes und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, daß Gott mit euch ist.”

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1956; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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