Eli, Eli, lamah asabhtani?
Autor: Schumacher, Heinz | Kategorie(n): Anbetung, Das prophetische Wort, Erkenntnis & Wesen Gottes, Gerichte Gottes, Wort Gottes (Bibel) | 887 x gelesenEine Betrachtung des 22. Psalm im Hinblick auf Not, Kampf, Lob und Sieg des gekreuzigten Christus
Auf dem Wege nach Emmaus machte der auferstandene Herr die Herzen zweier Jünger brennend, indem Er u. a. sie belehrte: «Mußte nicht der Christus dies leiden und in Seine Herrlichkeit eingehen? Und von Moses und von allen Propheten anfangend, erklärte Er ihnen in allen Schriften das, was Ihn betraf.» Am späten Abend desselben Tages noch — die beiden «Emmaus-Jünger» waren gleich nach dem Brechen des Brotes, bei dem sie den Herrn erkannt hatten, obwohl der «Tag sich schon geneigt hatte», die zweieinhalbstündige Wegstrecke nach Jerusalem zurückgekehrt — erscheint Jesus Seinen in Jerusalem versammelten Jüngern und spricht zu ihnen: «Es muß alles erfüllt werden, was über mich geschrieben steht in dem Gesetz Moses und den Propheten und Psalmen … Also steht geschrieben und also mußte der Christus leiden und am dritten Tage auferstehen aus den Toten …» (Luk. 24, 26.27.44.46).
Mit diesen bedeutsamen Abschiedsworten bestätigte der Auferstandene den Seinen, was Er ihnen schon früher gesagt hatte (Joh. 5, 39): «Ihr erforschet die Schriften (des Alten Testaments), denn ihr meinet, in ihnen ewiges Leben zu haben, (aber ihr überseht dabei die unabdingbare Voraussetzung, unter der allein die Schriften Leben vermitteln können, nämlich die:) und sie sind es, die von mir zeugen».
Von Jesus, dem Christus, dem Gesalbten Gottes, dem Messias, zeugen mehr oder weniger alle Schriften des Alten Testaments — erst recht natürlich die des Neuen Testaments. ER ist Hauptinhalt und Mittelpunkt der gesamten heiligen Schriften. Erst von dieser Mitte aus wird alle Schrift lebendig. Ohne diese Mitte kann man wohl manches Sachkundige und Sachdienliche aus der Bibel erfahren — man kann damit im Bibel-Quiz gewinnen oder auch salomonische Erzgruben wiederentdecken —, aber man empfängt kein Leben, kein Gottesleben, denn dieses steckt nicht im Buchstaben (er allein vermittelt nicht nur kein Leben, sondern «tötet» sogar!), sondern allein im lebendig machenden Geist. Dieser Geist weht uns an, indem wir IHM in den Schriften begegnen; und umgekehrt: sooft die Schriften uns den Gesalbten lebendig machen, empfangen wir Geist und Leben.
Der Herr weist ausdrücklich in Lukas 24 darauf hin, dass auch die Psalmen von Ihm zeugen. Und so haben auch die Schriftgläubigen je und je gerade in den Psalmen Christus geschaut und gefunden. Wer jedoch, wie die meisten heutigen Theologen, die Bibel unter dem Gesichtspunkt studiert, was wohl von dem dort Berichteten nach den Kenntnissen und Erfahrungen unseres Menschenverstandes historisch möglich sei und was nicht, für den fallen Weissagung und Wunder dahin. Aus der Weissagung wird «vaticinium ex eventu» = zeitgenössische Berichterstattung, die sich in das Gewand einer angeblich früher gegebenen Weissagung hüllt; aus den Wundern aber werden Legenden, Märchen, Mythen, die sich niemals so ereignet haben, sondern lediglich geistliche Wahrheiten, in die Form angeblicher Ereignisse gekleidet, ausdrücken wollen.
Man schaut sich deshalb in neueren theologischen Psalmenkommentaren auch vergeblich nach einer «christologischen» (Christus lehrenden, von Christus zeugenden) Psalmenauslegung um. (Franz Delitzsch war wohl der letzte bekannte Theologe und Kommentarschreiber, der Christus in den Psalmen sah.) Inzwischen ist man «dahintergekommen» — trotz allen genannten Worten des auferstandenen Herrn in Lukas 24 —, dass die Psalmendichter ja von Jesus noch gar nichts wissen konnten! Sie hatten lediglich (auch in Psalm 2, 8, 22, 110 und vielen anderen ausgesprochenen Christus-Psalmen) ihre eigenen menschlichen und völkischen Nöte, Erwartungen und Anliegen im Auge.
Auf diese Weise gelingt es Satan, dem Gottesfeind, in Kommentaren, Auslegungen und Predigten über Texte aus dem Alten Testament gerade die Seite zum Schweigen zu bringen, die allein Leben vermittelt: das Christuszeugnis. Übrig bleibt eine Verkündigung, die, von Zweifelsfragen randvoll, es nur noch mit dem Menschen zu tun hat: als wäre der Hauptinhalt aller Schriften Seine Majestät, der Mensch, und nicht Christus, der Gottessohn. Man will mit solcher Verkündigung angeblich dem heutigen Menschen dienen — in Wirklichkeit macht man den fragenden, ängstlichen Zuhörer oder Leser nur noch unruhiger und nervöser, treibt ihn nur noch weiter in seine Ichbezogenheit und Selbstbeschäftigung hinein, statt ihn durch klare und kräftige Christusverkündigung daraus zu befreien. Von mehr als einem treuen Kirchgänger habe ich in den letzten Monaten derartige Urteile über moderne Prediger und Predigten gehört! Wo man konsequent Theologie (Lehre von Gott) durch Anthropologie (Lehre vom Menschen) ersetzt, Gotteswort für Menschenwort ausgibt, da verbaut man sich zugleich jede Möglichkeit wahrer Hilfe, wahrer Hoffnung, wahren Trostes, wahren Lebens, die ja nur von dem wahren und lebendigen Gott kommen können, nicht aber aus einer frommen Selbstbeschäftigung. Den heutigen Theologen würde Christus vielleicht folgendes zurufen (in Entsprechung zu Joh. 5, 39): «Ihr erforschet die Schriften und meinet, darin euch selbst zu finden, — und sie sind es doch, die von mir zeugen!»
Wir haben diese Erklärungen vorausgeschickt, um zu zeigen, dass die Deutung, die wir im folgenden von Psalm 22 geben, die Mehrzahl der heutigen Theologen und Prediger gegen sich hat — vielleicht sogar manche freikirchliche Theologen und Prediger. Denn wir möchten Psalm 22 konsequent auf Christus beziehen. Wir stehen dabei auf dem Boden von Lukas 24. Wir möchten diesen Psalm so verstehen und deuten, wie der Herr selbst ihn zweifellos verstanden hat — nicht wie «moderne» Ausleger ihn verstehen. Wenn Jesus sagt: «Die Schriften sind es, die von mir zeugen», dann gilt dies ja in ganz hervorragendem Maße für diesen Leidenspsalm. Man muß geradezu mit Blindheit geschlagen sein, hier nicht an eine Weissagung auf den Gekreuzigten zu denken — und doch tut das die «moderne» Auslegung, weil Weissagung, Vorherverkündigung, ihr nicht ins Konzept paßt. Es wäre wirklich an der Zeit, den Vorschlag von Prof. Schaaffs (in «Christus und die physikalische Forschung») zu verwirklichen und gläubige Naturwissenschaftler auf die Kanzeln und Katheder zu stellen anstelle der ungläubigen Theologen und Pfarrer. Denn die heutigen Physiker, Biologen und Astronomen haben ja längst jenen Glauben an die starren, unveränderlichen Naturgesetze hinter sich gelassen, der seinerzeit die Wunder der Bibel meinte ablehnen zu müssen. Aber würden genügend bibelgläubige Naturwissenschaftler für einen solchen Tausch überhaupt verfügbar sein …?
Der Text von Psalm 22
Wir lassen nun zunächst den Text dieses Leidenspsalms nach einer Übersetzung folgen, die wir aus dem hebräischen Grundtext unter Vergleich mehrerer Wörterbücher und Übersetzungen sowie der Septuaginta (Übersetzung des AT ins Griechische, gekennzeichnet durch: LXX) erarbeitet haben. An manchen Stellen geben wir mehrere Übersetzungsmöglichkeiten an. Die Verszählung folgt ausnahmsweise nicht der «Elberfelder Bibel», sondern dem Luthertext und den meisten anderen Übersetzungen. Die Überschrift wird hierbei als Vers 1 mitgezählt. Wer eine «Elberfelder Bibel» vergleichen will, muß also bei allen Versangaben um einen Vers zurückgehen; er muß z. B., wo wir V. 14 sagen, V. 13 aufschlagen.
- Vers: Dem Vorsänger (oder: Sangmeister, Musikdirigenten, oder: dem Anleiter, Sieger, Siegspender, oder: für die Weihe, für die liturgische Musikaufführung, vielleicht auch nach LXX: auf das Ende hin), nach der Weise des Liedes «Hindin der Morgenröte» (Luther: «Hirschkuh, die früh gejagt wird», E. König: «Die Hirschkuh, welche die Morgenröte ist — für die Sonne als Jäger»), ein dem David als Verfasser zugehöriger Psalm.
- Vers: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen (hebräisch: Eli, Eli, lamah asabhtani, vgl. Matth. 27, 46 u. Mark. 15, 34), bist fern von meiner Rettung, den Worten meines Stöhnens (Schreiens, Brüllens)?
- Vers: Mein Gott (Elohaj, Buber: meine Gottheit), ich rufe des Tags und Du antwortest nicht, des Nachts, und mir wird keine Beruhigung zuteil.
- Vers: Aber DU bist heilig, thronend (wohnend) über den Lobgesängen Israels.
- Vers: Auf Dich vertrauten unsere Väter, sie vertrauten, und Du errettetest sie.
- Vers: Sie schrieen zu Dir und wurden befreit (Buber: und durften entschlüpfen), sie vertrauten auf Dich und wurden nicht zuschanden.
- Vers: Aber ich bin ein Wurm und kein Mensch, der Hohn (Gegenstand der Verhöhnung) des Menschen (adam) und der vom Volk Verachtete (Tur-Sinai: der Leute Spott).
- Vers: Alle, die mich sehen, spotten meiner, sie sperren die Lippe auf (Buber: verziehen die Lippe, T-S: schmatzen mit der Lippe), schütteln den Kopf:
- Vers: «Wälz es auf Jahwe! Der rotte(t) ihn, befreie(t) ihn, denn Er hat Gefallen an ihm (oder: denn Er hat ja Lust an ihm).»
- Vers: Denn DU bist mein Hervorzieher aus Mutterleib, (bist es) der mich vertrauen ließ an meiner Mutter Brüsten.
- Vers: Auf Dich bin ich geworfen von Mutterschoß, vom Leibe meiner Mutter an bist DU mein Gott (eli).
- Vers: Sei nicht fern von mir, denn Drangsal ist nahe, denn kein Helfer (ist da)!
- Vers: Mich umgeben mächtige (gewaltige, oder auch: viele) Jungstiere (Farren), Basans Starke (Luther: Büffel, Menge: Riesenfarren, Buber: Stierrecken, T-S: Hochgetier) haben mich umringt;
- Vers: ihr Maul (Rachen) sperren sie gegen mich auf (wie ein) Löwe, reißend, brüllend (E. König: insbesondere ein reißender und brüllender Löwe).
- Vers: Wie Wasser bin ich ausgegossen (hingeschüttet), ausgerenkt sind (zertrennt oder gelöst haben sich) alle meine Gebeine; es ward mein Herz wie Wachs, zerflossen (zerschmolzen) (ist es) inmitten meiner Eingeweide (so Elbf. Bibel, Buber, Edel; andere: in meinem Innern).
- Vers: Vertrocknet wie eine Scherbe ist meine Kraft, und meine Zunge klebt an meinem Gaumen, und in den Staub des Todes legst Du mich.
- Vers: Denn es umgeben (umstellen, umringen) mich Hunde, eine Rotte (LXX: synagoge) von Übeltätern (Buber: Bösewichtern) hat mich umkreist (umzingelt, umlagert, ringsum eingeschlossen); sie haben meine Hände und Füße durchgraben (durchbohrt, oder: zusammengebunden, gefesselt). — Der vorliegende hebräische Text: kaari jadaj weraglaj bedeutet wörtlich: «löwengleich meine Hände und meine Füße», sagt also nichts von einem Durchbohren. Man nimmt an, dass es statt kaari ursprünglich kaaru oder karu gelautet hat, das «binden» oder auch «aushöhlen, ausgraben» bedeuten kann. Hierauf weist auch die Septuaginta (LXX) hin, die das Wort mit oryssoo = «auf-, aus-, durchgraben» wiedergegeben hat. Buber sagt: «Sie fesseln mir Hände und Füße», E. König: «durchgrabend meine Hände und Füße».
- Vers: Zählen kann ich alle meine Knochen (Gebeine); sie schauen her und besehen mich (oder: beobachten, sehen ruhig zu; oder: sehen ihre Lust an mir).
- Vers: Sie (ver)teilen meine Kleider unter sich, und über mein Gewand werfen sie das Los (vgl. Matth. 27, 35; Mark. 15, 24; Luk. 23, 34; Joh. 19, 24).
- Vers: Aber DU, Jahwe, sei nicht fern; mein Stärke, eile zu meiner Hilfe!
- Vers: Errette (entreiße) vom Schwert meine Seele, von der Hand (Tatze) des Hundes meine einzige!
- Vers: Rette mich aus dem Rachen des Löwen, und (die Bitte wandelt sich jetzt in Gewißheit:) von den Hörnern der Wildochsen oder Büffel (rettend) antwortest Du mir (erhörst Du mich).
- Vers: Verkünden (erzählen) will ich Deinen Namen meinen Brüdern (vgl. Hebr. 2, 12), inmitten der Versammlung Dich preisen (rühmen).
- Vers: Die ihr Jahwe fürchtet, preiset Ihn (hebr. halleluhu); aller Same Jakobs, ehret Ihn, und erschauert vor Ihm, aller Same Israels!
- Vers: Denn Er hat nicht verachtet noch verabscheut (oder: nicht verschmäht noch verworfen) des Elenden Elend (des Armen Armut) noch Sein Angesicht vor ihm verborgen, und bei seinem Hilfeschrei zu Ihm hat Er gehört (erhört).
- Vers: Von Dir (kommt) mein Lobgesang in der großen Versammlung; meine Gelübde werde ich erfüllen (bezahlen) vor den Augen derer, die Ihn fürchten.
- Vers: Essen sollen die Gebeugten (Buber: die sich Hinbeugenden) und satt werden, Jahwe sollen preisen (hebr. jehallelu), die Ihn suchen; auflebe euer Herz für immer!
- Vers: Es werden eingedenk werden (gedenken, sich erinnern) und zu Jahwe umkehren alle Enden der Erde, und sich ehrfurchtsvoll niederwerfen (Miniatur, Ed. König, Th. Flügge, Edel, auch Gesenius u. a.: anbeten) vor Dir alle Geschlechter der Nationen (gojim).
- Vers: Denn Jahwe gehört das Reich (Königtum), und unter den Nationen herrscht Er.
- Vers: Es essen und werfen sich ehrfurchtsvoll nieder alle Fetten (Reichen) der Erde (andere, z. B. H.-J. Kraus, halten statt dessen folgenden im Hebr. leicht geänderten Text für ursprünglich: Nur Ihm sollen huldigen alle, die in der Erde schlafen); vor Ihm werden sich beugen (die Kniee beugen) alle in den Staub Niederfahrenden, und wer seine Seele nicht am Leben erhält.
- Vers: Ein Same (Menge: die Nachwelt, Zürcher: meine Kinder, lt. LXX) wird Ihm dienen; man wird erzählen vom Herrn dem (künftigen) Geschlecht;
- Vers: sie werden kommen und Seine Gerechtigkeit verkündigen dem Volk, das geboren werden soll (noch ungeborenem Volk; Luther: Kind und Kindeskind); denn ER hat’s vollbracht (so nach Kraus; andere: dass ER es vollführt hat, dass ER es getan, dass ER sie geübt hat).
Hat Jesus den ganzen Psalm am Kreuze gebetet?
Die Annahme Prof. E. Stauffers, dass Jesus wohl den ganzen Psalm 22 am Kreuze gebetet habe, ist nicht von der Hand zu weisen. Wir sind selbst im Lauf der Betrachtung dieses Psalms mehr und mehr davon überzeugt worden, auch aus anderen Gründen als den von Stauffer angegebenen, z. B. scheint ja auch die Bitte des Schächers ein Reflex auf die letzten Verse, sonderlich V. 29, zu sein. (Darauf kommen wir unten noch zurück.)
Stauffer gibt im Zusammenhang mit dieser Annahme folgende Schilderung des Milieus am Kreuzeshügel: «Die führenden Männer des Synhedriums sind als Zeugen erschienen (Mark. 15, 31). Kaiphas hat hier ein priesterliches Amt. Er wartet auf das Schuldbekenntnis des Pseudopropheten, auf den Widerruf, der den Todesspruch des Großen Synhedriums rechtfertigt. Dann darf und wird der Großinquisitor den Abfallprediger lossprechen, und der Gekreuzigte stirbt eines seligen Todes.» (So nach der Rechtsauffassung der jüdischen Geistlichkeit damaliger Zeit, die Stauffer erforscht hat. Stauffer sagt weiter:) «Es ist der Psalm 22, den der Gekreuzigte betet. Markus führt nach jüdischer Zitationsweise nur den Anfangsvers des Psalmes an. Jesus aber betet vermutlich den ganzen Psalm, zumindest bis zu der Klage über den Durst, wahrscheinlich bis zum friedevollen Schlußvers. Die jüdischen Zeugen erschrecken. Das ist nicht der Widerruf des Abfallpredigers, auf den man gewartet hat, auch nicht der Verzweiflungsschrei eines Gescheiterten. Sie hören einen Passionspsalm, der in der Messiastheologie und Messiaserwartung des Judentums in den Tagen Jesu eine entscheidende Rolle spielt. Es ist für die schriftgelehrte Dogmatik nichts anderes als greulichste Gotteslästerung, wenn ein Verdammter am Fluchholz den eschatologischen Passionspsalm betet. Aber keiner wagt es mehr, seine Kleider zu zerreißen zur Demonstration gegen den Gotteslästerer. Sie wollen es einfach nicht wahrhaben und gelten lassen, was sie hier hören. Sie verdrehen gleich die ersten Worte: Er ruft den Elias (Mark. 15, 35). Sie treiben ihren Spott mit seinem Durst und tränken den Gekreuzigten mit Essig. In Wahrheit aber haben die jüdischen Gegner Jesu sehr genau verstanden, was Jesus gesagt und was Er damit gemeint hat.» («Jesus, Gestalt und Geschichte», S. 106. Dalp-Taschenbuch Nr. 332, 1957.)
Jesus hat sicherlich den ganzen Psalm am Kreuz betend gesprochen, wissend, dass hier und nur hier der Ort sei, jetzt und nur jetzt die Stunde, da sich dieser Psalm voll erfüllt. Mochte auch ein David — vorausdarstellend und vorausempfindend — einige Züge dieses Passionspsalms als Bedrohter, Verfolgter, Ausgestoßener durchlebt und durchlitten haben: so verlassen von Gott wie Jesus am Kreuz war David nie; man hat auch nie seine Hände und Füße durchbohrt, wahrscheinlich auch nie um sein Gewand das Los geworfen. Die volle Erfüllung der Prophetie des 22. Psalms geschieht auf Golgatha. Was die Evangelisten des NT immer wieder betonen: «Dies geschah, auf dass erfüllt würde …», betrifft vor allem auch Psalm 22, den ganzen Psalm 22.
Sehr fein schrieb Delitzsch in seinem Psalmenkommentar (zitiert nach H.-J. Kraus, Psalmen I, S. 184/185, in der Reihe «Biblischer Kommentar», Neukirchener Verlag): «In Psalm 22 steigt David mit seinen Klagen in eine Tiefe hinab, die jenseits der Tiefe seines Leidens liegt, und er steigt mit seinen Hoffnungen in eine Höhe hinauf, die jenseits der Höhe seines Leidenslohnes liegt». Dies sei «eine Steigerung des Typischen zum Prophetischen».
Gliederung des Psalms 22
Der Psalm zerfällt in drei Teile, deren erster und längster wiederum zu unterteilen ist:
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Überschrift: Vers 1 Teil I: Drangsal und Glaubenskampf des Gekreuzigten: V. 2-22
Teil II: Der Lobpreis Gottes auf Grund erfahrener Erhörung: V. 23-27 |
Wir möchten im Rahmen dieser Arbeit davon absehen, des näheren auf Vers 1 unseres Psalms einzugehen und etwa Betrachtungen über den «Vorsänger» oder «Musikdirigenten», über «Hirschkuh» oder «Morgenröte» anzustellen; wir haben verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten angegeben und wollen uns darauf beschränken. Der eigentliche Text beginnt V. 2.
Teil I: Drangsal und Glaubenskampf des Gekreuzigten
1. Schilderung der Lage (im Blick auf Gott) (V. 2-3)
«Mein Gott … Du hast mich verlassen … bist fern … und antwortest nicht», mit diesem Notschrei wird die größte aller Kreuzesdrangsale gleich an den Anfang gestellt: die Gottverlassenheit, die Gottesferne, das Nichtantworten Gottes.
Schwer und entsetzlich war ja bereits die körperliche Not eines Gekreuzigten. Auch sie wird in unserem Psalm angedeutet. Vers 2 spricht von den Worten des Stöhnens, ja sogar des Schreiens, Brüllens — wie ja auch Jesus mit einem lauten Schrei verschieden ist (Matth. 27, 50). Vers 3 erwähnt, dass dem Gekreuzigten keine Beruhigung zuteil wird, weder am Tage noch in der Nacht (bei «Nacht» dürfen wir wohl an jene dreistündige Finsternis denken, die von der 6. bis zur 9. Stunde, also von mittags 12 Uhr bis 15 Uhr, die Tageshelle zu nächtlichem Dunkel machte). Vers 15 spricht davon, dass die Gebeine sich gelöst haben bzw. ausgerenkt sind, das Herz ist wie Wachs, die Zunge klebt am Gaumen (vgl. Joh. 19, 28: «Mich dürstet!»). Zu dem allen sind Hände und Füße des Leidenden durchgraben, durchbohrt (V. 17).
Vor einigen Jahren wurden von ärztlicher Seite wissenschaftliche Forschungen durchgeführt zu den Fragen: Was hat Christus körperlich gelitten? Wie und woran ist Er gestorben? In einem Aufsatz von Dr. med. K. Thomas «Jesu Leiden und Sterben in ärztlicher Sicht» (aufgenommen in «Gnade und Herrlichkeit» 1959, Nr. 2, S. 99 — 103) wurde das Ergebnis dieser Forschungen zusammengefaßt. Es heißt darin u. a.:
«Das Annageln am Kreuz ist nur so möglich, dass der Nagel immer an derselben, leicht auffindbaren Stelle in der Mitte durch die Handwurzelknochen eindringt, auch wenn er etwas entfernt davon aufgesetzt wurde, wobei der große Nervenstrang des Medianus in jedem Fall verletzt wird. Außer den ungemein heftigen Schmerzen, die damit verbunden sind, ruft die Verletzung dieses Hauptnervs selbst in Narkose eine plötzliche Blutdrucksenkung und häufig Bewußtlosigkeit hervor. Die Ohnmachten selbst sind nicht tödlich, doch sind die Schmerzempfindungen bei dem Zerren der Nägel in den Wunden der verletzten Nerven außerordentlich heftig.
Die eigentliche Todesursache aber ist bei der Kreuzigung das Ersticken. Der Körper wird mit erhobenen Armen in Einatmungsstellung des Brustkorbes befestigt. Bei solchem Hängen sind aber die Rippen unbeweglich, und die Atmung ist erheblich behindert. Der Gekreuzigte muß das Gefühl einer fortschreitenden Erstickung haben. Das Herz muß mehr arbeiten, seine Schläge werden schwächer; daraus folgt eine Blutstauung in den Gefäßen des Körpers. Andererseits ist die Sauerstoffaufnahme in den unzureichend arbeitenden Lungen erschwert, so dass die Überladung mit Kohlensäure eine Überreizung der Muskelfasern hervorruft. Die Folge ist eine Art tetanischer Krampfzustand des ganzen Körpers … Die Krämpfe beginnen im Vorderarm, erfaßen dann die ganzen Arme und dehnen sich schließlich auf alle Gliedmaßen und den Rumpf aus. Auch die großen Atemmuskeln werden davon ergriffen, so dass die Lungen sich mit Luft vollsaugen, sie jedoch nicht mehr herauslassen können. Die Ausatmungsmuskeln, die dann auch betroffen werden, sind schwächer als die Einatmungsmuskeln. So bleiben die Lungen ständig in Einatmungsstellung und können sich nicht mehr entleeren … Der Leidende gelangt in eine Asphyxie, einen Erstickungszustand, wie ein Erwürgter oder wie ein sog. Emphysematiker im schwersten Asthmaanfall. Hynek veröffentlicht Röntgenaufnahmen von Versuchspersonen, die sich freiwillig dazu hergaben, einige Minuten lang eine Körperhaltung einzunehmen, die etwa der Kreuzigung entspricht … Keine der Versuchspersonen ertrug diese (freiwillige!) Haltung länger als 10 Minuten. Hier liegt ein Teufelskreis vor; denn die mangelnde Sauerstoffaufnahme steigert noch ständig die Tetanie, den Krampfzustand der Muskeln, der seinerseits die Sauerstoffaufnahme verhindert. So weitet sich der Brustkorb des Leidenden im Übermaß, sein Gesicht wird rot, fast violett, der Schweiß fließt in Bächen vom Körper …
Wenn dieser Kampf überhaupt mehrere Stunden dauern konnte, so war das nur dadurch möglich, dass der Gekreuzigte von Zeit zu Zeit seine angenagelten Füße als Stützpunkt benutzte, um daran den Körper wieder aufzurichten. Dadurch … schwand die Atemnot, soweit wieder eine Sauerstoffaufnahme möglich war. Doch konnte die Haltung, bei der das ganze Körpergewicht auf einem Nagel in den durchbohrten Füßen ruhte, wegen der unzureichenden statischen Stütze und der unerträglichen Schmerzen nicht lange aufrechterhalten werden, so dass der Gekreuzigte oft schon nach wenigen Sekunden wieder an den Armen hängen mußte. So bestand der Todeskampf in einem abwechselnden Sich-Senken und -Heben, aus Atemnot und Atemschöpfen … Die Henker wußten mindestens aus ihrer Erfahrung um diese Zusammenhänge und besaßen ein sicheres Mittel, um das Ende bei den Gekreuzigten schnell herbeizuführen: sie brachen ihnen die Beine … der Tod durch Erstickung trat ein.»
Doch die körperliche Not — so entsetzlich und unerträglich sie ist — war nicht das Schlimmste für den gekreuzigten Christus. Auch nicht der Spott der Umstehenden, so gewaltig auch die Versuchung sein mußte, wenigstens jetzt ein Wunder zur eigenen Rettung zu tun. Schlimmer war das Umlagertsein von Mächten der Finsternis, von dem unser Text unter Verwendung der Tiersymbolik spricht. Aber das Schlimmste war etwas anderes, noch nie Dagewesenes, Unerwartetes: Gerade jetzt muß der Vater Seinen Sohn verlassen, sich Ihm völlig entziehen. Karl Geyer hat gewiß nicht übertrieben, wenn er diese Not «das absolute Gottesgericht» nennt, «die völlige Gottverlassenheit», ein «Gericht, das kein erschaffenes Wesen hätte ertragen können» und wenn er weiter davon sagt:
«Das absolute Gericht, die totale Gottesferne, die völlige Gottverlassenheit, das Aufhören jeglichen Geisteszustroms und jeder Lebensverbindung mit Gott, kann nur ein nichterschaffenes Wesen aushalten, ein Wesen, das unsterbliches Gottesleben in sich trägt wie Gott selbst. Dieses Leben aber ist außer dem Vater nur in dem Sohne. ‘Denn gleichwie der Vater Leben in Sich selbst hat, also hat Er auch dem Sohne gegeben, Leben zu haben in Sich selbst’ (Joh. 5, 26) … Er kann daher auch allein leben, d. h. in der Gottverlassenheit Licht und Leben in sich haben, da, wo alle anderen tot wären im absoluten Sinne des Totseins, d. h. ausgelöscht, nie mehr existierend. Am Kreuze verspürte der Sohn, was wir eigentlich verspüren müßten, aber gar nicht verspüren können, weil es die Auslöschung unserer Existenz bedeuten würde. Da ist selbst das Gericht bzw. der Strafvollzug im Feuersee … kein Vergleich dagegen. Das Gericht am Kreuz ist das einzige absolute Gericht der Weltgeschichte und geht in seiner schaurigen Tiefe weit hinaus über Hades und Gehenna, über Totenreich und Feuersee.» (Aus: «Ich bin gewiß. Der Weg zur Heilsgewißheit», S. 32 — 33, Paulus-Verlag.)
Weil die Gottverlassenheit und Gottesferne das Furchtbarste des Kreuzestodes Jesu war, und dazu das, was diesen Kreuzestod über das Hinscheiden aller anderen Menschen, die je gekreuzigt wurden, himmelhoch hinaushebt, ist gleich zu Beginn unseres Psalmes hiervon die Rede. So sind wir von Anfang an mitten hineingestellt in die zentralste und eigentlichste Not Jesu Christi am Kreuz. Warum diese absolute Gottverlassenheit? Warum diese Gottesferne? Der Gekreuzigte selbst fragt: Warum? Er fragt jedoch, anders als Hiob, ohne Bitterkeit und trotziges Zur-Rede-stellen-wollen Gottes (vgl. Hiob 3, 11.20 mit 23, 1-7). Er fragt auch nicht: «Warum lässest Du mich sterben?», sondern: «Warum hast Du mich verlassen?», wohl in dem Sinne: Wenn ich schon sterben muß zur Versöhnung der Welt, muß dabei auch noch dieses Schrecklichste, das Verlassensein von Dir, meinem Gott, über mich kommen? Warum auch noch dies?
Es war ja etwas völlig Neues, das hier den Sohn urplötzlich überfiel. Nie zuvor hatte es zwischen dem Vater und Ihm auch nur die geringste Trübung gegeben, von den Uranfängen an, als der Sohn vor der Zeit der Welt beim Vater war und von Ihm geliebt wurde (Joh. 1, 1-3 und 17, 24), bis zu Seinem Leben und Wirken auf dieser Erde. Immer war des Vaters Liebe, Wegweisung, Trost und Zuspruch Ihm nahe, und nie tat der Sohn etwas ohne den Wink und die Weisung des Vaters (Joh. 5, 19.30, vgl. Joh. 2, 4). Und nun plötzlich ein so totales und völliges Verlassensein von Seinem Gott und Vater, wie es nicht einmal einem Verdammten in der «Hölle», dem «feurigen Pfuhl», dem Feuermeer widerfährt. Warum? Wieso? — Das Neue Testament gibt uns die Antwort: Auf dem Gekreuzigten lag die Sünde der Welt, des Kosmos. Er war in jenen Stunden das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegtrug. Ja, nicht nur das. Paulus deutet Christi Opfertod noch tiefer, wenn er sagt: Er wurde zur Sünde gemacht! «Den, der Sünde nicht kannte, hat Er (der Vater) für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir Gottes Gerechtigkeit würden in Ihm.» (2. Kor. 5, 21.)
Gott aber kann da nicht sein, wo Sünde ist. Deshalb mußte Er den Sohn am Kreuz verlassen. Sünde trennt immer von Gott, auch in deinem und meinem Leben. Aber jeder Mensch, und selbst jeder Gerichtete im Feuersee, ist nur durch seine eigene Sünde von Gott getrennt. Zwischen Jesus und dem Vater aber stand die Sünde der Welt, die Sünde jedes Geschöpfes im ganzen Kosmos (Menschen und Engel) in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dies konnte Er fürwahr nur ertragen, weil der Vater Ihm Leben in Sich selbst gegeben hatte.
Hatte der Sohn eine solche Situation am Kreuze erwartet? Auf Grund von Joh. 16, 32 müssen wir diese Frage wohl verneinen. Dort sagt Jesus: «Siehe, es kommt die Stunde und ist gekommen, dass ihr zerstreut sein werdet, ein jeder in das Seinige, und mich allein lassen werdet, und ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.» Die von Wolfgang Jugel einmal geäußerte Vermutung, Jesus sei erst in Gethsemane die ganze Tiefe des vor Ihm liegenden Leidensweges enthüllt worden — bis hin zum Abgeschnittensein von Seinem Vater für eine gewisse Zeit — und eben dies sei der Kelch gewesen, um dessen mögliches Vorübergehen der Sohn gefleht habe: das Verbanntsein aus der Liebesgemeinschaft mit dem Vater, der Tod in letzter und absoluter Form, — diese Vermutung ist daher nicht von der Hand zu weisen. («Gnade und Herrlichkeit», Jg. 1965, Nr. 2, S. 86 — 89.)
Nie Erlebtes, Erfahrenes, Erwartetes überfiel den Sohn, als der Vater, durch die Sünde des ganzen Kosmos wie durch eine undurchdringliche Wand von Ihm geschieden, den Sohn verließ. Und die Frage «Warum?», die schon die Frage eines Hiob war, drängt sich dem Sohn auf die Lippen. Allerdings ohne jede Herausforderung Gottes, wie sie leider (s. oben) das «Warum?» eines Hiob begleitet hatte. Und auf Sein Stöhnen, Schreien, ja Brüllen hin (so der genaue Wortlaut!) erfährt Er, was Er nie erfuhr: Der Vater antwortet nicht! Das ist für Ihn, den Sohn der Liebe, das Schrecklichste. Alles, alles kann ein Wesen ertragen und überwinden, solange Gott ihm nahe ist, tröstend, helfend, durchtragend. Dass aber zur körperlichen Not, zum Spott der Umgebung, zum Umringtsein von Finsternismächten noch dieses Furchtbarste hinzukommt: Gott verläßt Ihn, Gott ist fern, Gott antwortet nicht, das ist eine selbst für den Sohn Gottes auf die Dauer unerträgliche, unmögliche Situation. Aber, wie uns Vers 4 nun zeigt, murrt oder trotzt Jesus nicht, sondern hält an Gott fest und gibt Gott auch jetzt recht!
2. Das «Ja» des Glaubens in trostlosester Lage (V. 4)
«Aber DU bist heilig …», kommt es betend aus dem Munde des Sohnes. Der Glaube Jesu Christi wankt und zweifelt nicht. «Aber DU …!» Auch jetzt gibt der Sohn dem Vater recht. Bevor Er weiter Seine Lage schildert, zurückschaut auf die Gotteserfahrungen der Väter Israels und des eigenen Lebens, um dann dringlich um die Wegnahme der Gottverlassenheit zu bitten, gibt Er zuerst Seinem Vater recht. Das ist Gebet des Glaubens! Vor allem anderen kommt das Ja zu Gott, das unbedingte Ja, ohne Rücksicht auf Augenschein, Stimmung, Gefühl.
3. Die Erfahrungen der Väter (V. 5-6)
Vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Väter Israels hebt sich das Los des Gekreuzigten noch rätselhafter, unverständlicher, grauenvoller ab. Auch sie gerieten in Drangsale, und sie schrieen zu Gott. Und was geschah? Sie wurden befreit, sie durften entschlüpfen. Du errettetest sie. Ihr Vertrauen wurde nicht zuschanden, ihr Schreien blieb nicht unerhört. Die Patriarchen Israels, und in weiterem Sinne: die Volksführer, Richter, Könige, Propheten — sie alle haben das immer wieder erlebt. Besonders augenfällig begegnet es uns etwa in 1. Kön. 18, 36-39. Elia ist auf dem Karmel vor den Augen von ganz Israel gegen 450 Baalspriester angetreten. Zuerst bereiten die Baalspriester einen Farren als Opfer zu und rufen den Namen ihres Gottes an — aber es kommt keine Stimme noch Antwort (V. 25-26). Danach errichtet Elia einen Altar für Jehova, den Gott Israels, und legt einen Farren darauf. Dann ruft er zu Gott: «Jahwe, Gott Abrahams, Isaaks und Israels! Heute werde kund, dass Du Gott in Israel bist, und ich Dein Knecht, und dass ich nach Deinem Worte alles dieses getan habe. Antworte mir, Jehova, antworte mir, damit dieses Volk erkenne, dass Du, Jahwe, Gott bist und dass Du ihr Herz zurückgewendet hast!»
Und wirklich: Gott antwortete, Er antwortete so schnell und so prompt, wie es Elia nur hoffen und wünschen konnte. Feuer Jahwes fiel herab und verzehrte das Brandopfer und das Holz und die Steine und die Erde; sogar das Wasser im Graben leckte es auf.
Ähnlich half Gott einem Hiskia, einem Jona, einem Mose. Sie schrieen zu Gott und wurden errettet.
4. Weitere Schilderung der Lage (im Blick auf die Menschen, die das Kreuz umstehen) (V. 7-9)
Diesen Erfahrungen der Väter stellt der Beter seine eigene Lage gegenüber: «Aber ich …» Dort hatte Gott geantwortet, hier schweigt Er. Dort hatte Er unzählige Male geholfen, errettet, befreit, hier aber überläßt Er den Sohn entsetzlichster Drangsal, ohne sich — wie es scheint — überhaupt um Ihn zu kümmern. Aber der Gekreuzigte wirft sein Vertrauen nicht weg. Er stellt das Paradoxe und Schreckliche seiner Lage nur heraus, um hernach um so dringlicher zu flehen (V. 20-22) — und erhört zu werden!
Die Schilderung seiner Lage wendet sich nun den Menschen zu. Man vergleiche zu V. 7-9 im NT Matth. 27, 39-44! Dort finden wir einige Worte unseres Psalms wörtlich wieder: «Die Vorübergehenden lästerten Jesum, indem sie ihre Köpfe schüttelten und sagten: … Er vertraute auf Gott; der rette Ihn jetzt, wenn Er ihn begehrt.»
Psalm 22, 7-9 und Matth. 27, 39-44 zeigen uns den beißenden Spott, den die Leute mit der Hilflosigkeit und Gottverlassenheit Jesu treiben. «Du stehst doch angeblich in einer besonders engen, vertrauten Beziehung zu Gott — so hast Du es doch selber immer wieder bezeugt (etwa Matth. 11, 27; Joh. 5, 19-30; 10, 30) — aber wo ist nun Dein Gott? — Bete doch einmal zu Ihm, wälz’ Dein Geschick nur auf Ihn, Er hat doch Gefallen an Dir!»
Andere wieder erinnerten an Seine Wunder und sagten: «Andere hat Er gerettet (das können selbst die Gegner Jesu nicht leugnen!), sich selbst kann Er nicht retten. Er ist Israels König? — Er steige jetzt vom Kreuze herab, so wollen wir an Ihn glauben.»
Das war die Fortsetzung und zugleich die unerhörte Steigerung der Versuchungen Satans bei früheren Gelegenheiten, angefangen in den 40 Tagen in der Wüste Judäas. Damals hieß es: «Bist Du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden … so wirf Dich hier hinab» (Matth. 4, 3.6). jetzt aber lautet die Versuchung: «Bist Du Gottes Sohn, so steig herab vom Kreuz!» (Matth. 27, 40). — Immer ging es Satan bei den Versuchungen Jesu darum, Ihn zu einer Wundertat zu eigenen Gunsten, zur eigenen Rettung zu veranlassen, ohne nach dem Willen Seines Vaters zu fragen bzw. dessen Stunde abzuwarten. Das war in der Wüste Judäas so und ähnlich auf der Hochzeit zu Kana (Joh. 2, 3-4). Hier auf Golgatha aber ist die Versuchung gefährlicher denn je zuvor. Könnte Er nicht jetzt, wie auf dem Berge der Verklärung in Lichtgestalt erscheinend, das Kreuz verlassen? Würde Ihm Israel dann nicht jubelnd vertrauen und Ihn feierlich als Messias annehmen? Würden sie nicht überwältigt rufen: «Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn»? Konnte Er, der die Kranken heilte und die Toten erweckte, nicht auch sich selbst retten? Darf man nicht einmal, ein einziges Mal, an sich selber denken und nicht an die andern?
Die Gefährlichkeit dieser Versuchung war größer als die irgendeiner früheren. In einem Augenblick hätte Er allem Spott und allen Schmerzen enthoben sein können. Doch Jesus blieb dem Vater treu. Es ist nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn Er anders gehandelt hätte. Eine ganze Welt wäre für immer in der Gottverlassenheit versunken, wenn Er sie nicht glaubend durchstanden hätte.
5. Rückblick auf Gottzugehörigkeit und Gotterleben von Jugend auf (V. 10-11)
Nach dem Rückblick auf die Erfahrungen der Väter folgt jetzt ein Rückblick auf die eigenen Erfahrungen mit Gott: «Denn DU bist mein Hervorzieher aus Mutterleib, bist es, der mich vertrauen (sorglos ruhen) ließ an meiner Mutter Brüsten.» Dr. Theophil Flügge weist in der Schrift «Israels Väter schauen Christus» (Union-Verlag Berlin 1959) darauf hin, dass der prophetische Beter wenn er hier von den Tagen frühester Kindheit spricht, nur die Mutter, nicht aber den Vater erwähnt:
«Nichts redet Er über Seinen irdischen Vater. Nur von Seiner Mutter weiß Er zu erzählen. Sie hat Ihn geboren, weil Gott es so wollte und so fügte. Über Seiner Jugend waltete eine Mutter — und Gott. Kein Vater. Die Mutter, Gott, und Er, der Beter — so ist Er der von Eva Ersehnte, den ein Weib ohne Mann, durch Gottes Fügung geboren hat.
Ganz deutlich ist es hier (in Psalm 22) nicht gesagt. Aber wir erahnen aus diesen geheimnisvollen, tiefen Worten das wundersame Geheimnis der Geburt des göttlichen Erlösers.» (S. 108).
Noch auf etwas anderes möchten wir von V. 10 aus hinweisen: auf das vertraute «DU», das immer wieder in diesem Psalm trotz der Verlassenheit von Gott erklingt. Vers 4 hatten wir gelesen: Aber DU bist heilig … Hier heißt es in V. 10 und 11: Denn DU bist mein Hervorzieher aus Mutterleib … vom Leibe meiner Mutter an bist DU mein Gott. Und wiederum lautet es in V. 20: Aber DU, Jehova, sei nicht fern!
Dieses vertrauliche «DU» war einst, vor der Zeit der Welt, als frühestes Wort Seines himmlischen Vaters an das Ohr des Sohnes gedrungen, als der Vater jenes Wort sprach, mit dem wohl alles Reden Gottes begann, hinter das uns jedenfalls kein anderes Wort der Schrift mehr zurückführt: «Sohn meiner DU, — heute habe Ich Dich gezeugt!» (hebr.: beni attah …).
Nun, als Ihn der Vater zum ersten und einzigen Male verlassen hat, ist es der Sohn, der dieses vertraute «DU» im Glauben festhält. In den hebräischen Konsonanten dieses Wortes attah finden wir den ersten und den letzten Buchstaben des hebräischen Alphabets sowie den Hauchlaut, der den Hauch des Geistes darstellt. Der Erste und der Letzte und der Lebendigmachende! — das sagen uns schon die Konsonanten dieses Wortes. An diesen DU, der der Erste war und auch der Letzte sein wird und alles lebendig macht durch den Hauch seines Geistes, klammert sich jetzt der Glaube des Sohnes.
Wieviel könnten wir Menschen aus diesem Verhalten des Sohnes doch lernen! Eine unserer größten Nöte in kranken und gesunden Tagen ist doch unsere nie enden wollende Selbstbeschäftigung. Im Gespräch mit vielen Menschen, besonders mit Kranken und Einsamen — auch mit Gläubigen —, kann man es feststellen, wie sich alles nur um ihre eigenen kleinen und großen Schmerzen, Mühen, Nöte, Freuden oder Sorgen dreht. «Meine Galle — mein Herz — mein Fuß — mein Kopf — meine mich nicht verstehende Umwelt — mein Geld — mein Beruf — meine früheren Glanzzeiten — meine Schlaflosigkeit — meine Ängste — meine Nerven usw.»
Haben wir so ganz vergessen, was die Bitten des Vaterunsers uns lehren, dass nämlich «Dein Name», «Dein Reich » und «Dein Wille» viel wichtiger sind als «unser (es heißt nicht einmal «mein») täglich Brot», «unsere Schuld», «unser Übles»? Gewiß dürfen wir alles, alles unserem Vater im Gebet darlegen — der Sohn nennt ja auch in Psalm 22 dem Vater all Seine Drangsale! Aber wichtiger als unsere Anliegen sind Seine Anliegen, und die Verwirklichung Seines Willens sollte uns mehr sorgen als das Durchsetzen oder Durchbeten unserer Pläne!
Es sollte wie ein Vermächtnis in uns nachklingen, was uns unser lieber, im Juni 1968 entschlafener Bruder, Judenchrist Dr. Georges Kahn, immer wieder bezeugt hat: Bleibt nicht stehen bei eurem frommen Heilsegoismus, sondern schaut aus und wartet auf Sein Kommen, Sein Königreich, die Vollendung Seiner Heilsgedanken mit der Gemeinde, mit Israel und mit der Welt!
6. Bitte des von Gott Verlassenen um Gottes Nähe (V. 12)
Die größte Not des Gekreuzigten war — so sagten wir oben — die Verlassenheit von Seinem Gott. Daher zielt nun auch diese Bitte des 12. Verses auf nichts anderes als auf Gottes Nähe: «Sei nicht fern!» Unerträglicher als irgend etwas anderes ist Ihm die Ferne und das Schweigen Gottes.
Auch wir, die wir einst ferne waren (Eph. 2, 13), durften nun in Gottes Nähe kommen, und zwar gerade dadurch, dass ER, der Gott immer nahe war, am Kreuze blutend die Gottesferne durchlitt. Sind wir für dieses Geschenk von Herzen dankbar? Leben wir bewußt in der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn? (1. Joh. 1, 3 und 1. Kor. 1, 9.) Und sorgen wir immer wieder durch das Hören und Lesen Seines Wortes, durch Gebet und ständige Reinigung dafür, dass nichts die Nähe Gottes und den Zustrom Seines Lebens hindert.
7. Weitere Schilderung der Lage (vor allem im Blick auf die das Kreuz umlagernden Feindmächte) (V. 13-19)
Zuerst schildert der von Gott verlassene Glaubenskämpfer V. 2-3 seine Not im Blick auf Gott (Gottverlassenheit, Gottesferne, keine Antwort!), sodann V. 7-9 im Blick auf die Menschen, zu denen Er doch als Retter gesandt war, die Ihn aber nicht aufnehmen, sondern spöttisch von sich stoßen. Nun zeigt Er V. 13-19 Seine Drangsal noch von einer anderen Seite: gewaltige Feindmächte umringen Ihn. Daneben kommt Er jetzt auch auf Seine körperlichen Nöte zu sprechen.
Zweifellos sind die Jungstiere (Farren), Büffel oder Riesenfarren des 13. Verses, die Wildochsen, Wisente, Antilopen oder Büffel des 22. Verses und insbesondere der reißende und brüllende Löwe von V. 14 und 22, die den armen, schwachen und verhöhnten Wurm umlagert (umkreist, umstellt, ringsum eingeschlossen) haben, ein Bild für dämonische Mächte. (Diese Meinung teilt auch H.-J. Kraus in «Biblischer Kommentar», Psalmen I, S. 180, Neukirchener Verlag.) An wen wir bei dem reißenden und brüllenden Löwen zu denken haben, ist auf Grund von 1. Petr. 5, 8 und 2. Tim. 4, 17 ohnehin klar. Bei den Hunden könnte man auf Grund von Matth. 15, 26 an die Nationenwelt, also an die römische Weltmacht denken, die Jesum durch Pilatus ans Kreuz brachte und Ihm Hände und Füße durchgraben ließ (V. 17), falls nicht auch damit dämonische Mächte bezeichnet sind, wofür der Zusammenhang spricht.
Welch groteske Situation! Hunde, Jungstiere, Büffel, Wildochsen und ein brüllender Löwe haben sich versammelt, um ein Würmlein zu erledigen, und im Haß gegen diesen Wurm haben sie alle eigenen «Händel» ebenso zurückgestellt, wie Herodes und Pilatus im gemeinsamen Haß gegen den Nazarener sich zusammenfanden (Luk. 23, 12). Und nach außen schien es auch so, als habe der «brüllende Löwe» gewonnenes Spiel. Aber es schien nur so! Paulus enthüllt uns in Kolosser 2, 14.15, dass in Wirklichkeit und Wahrheit das Würmlein alle Hunde und Stiere und Büffel und den reißenden Löwen besiegte. Denn er schreibt dort, dass Christus am Kreuz über die Fürstentümer und Gewalten (gegen die nach Epheser 6, 12 auch der Kampf der Gemeinde geht) triumphiert hat. Was Er, äußerlich betrachtet, am Kreuz passiv erlitt, hat Er in göttlicher Schau eben dort aktiv getan!
Der 17. Vers ist, wie wir es schon in der Übersetzung zum Ausdruck gebracht haben, in der heute vorliegenden Fassung des hebräischen Textes unklar. Flügge nimmt an, dass jüdische Herausgeber der alttestamentlichen Bücher nach dem Tode Jesu ein Interesse daran gehabt hätten, den Text zu verfälschen, so dass er keine Weissagung auf das Durchgraben Seiner Hände und Füße mehr enthalte. Es genügt im Hebräischen tatsächlich die Veränderung eines Konsonanten Waw in ein Jod — die Verkürzung eines langen Hakens in einen kurzen —, und schon wird aus kaaru kaari. Dann steht plötzlich statt «Sie durchgraben mir Hände und Füße» folgendes zu lesen: «Wie ein Löwe meine Hände und Füße». Dazu schreibt Flügge: «Das ist ein unsinniger Satz. (Gemeint ist der Satz: Eine Rotte von Übeltätern hat mich umkreist, — wie ein Löwe meine Hände und Füße.) Der Löwe umdrängt oder umkreist den ganzen Menschen und nicht nur Hände und Füße.» («Israels Väter schauen Christus», S. 109.)
Aus der Septuaginta geht hervor, dass es ursprünglich durchgraben geheißen haben muß. So ist diese Stelle zusammen mit Sach. 12, 10 eine der klarsten Weissagungen für das Sterben des Messias an einem Kreuz. Während Ps. 22, 17 das Angenageltwerden im voraus durch den prophetischen Geist beschreibt, wird in Sach. 12, 10 (hier ist der Text ganz eindeutig) das Durchbohren oder Durchstechen Seiner Seite geweissagt. Dem Evangelisten Johannes sind diese Dinge besonders wichtig. Er macht wiederholt darauf aufmerksam, dass sich an Jesus diese Weissagungen auf den leidenden Messias erfüllen. Man vergleiche Joh. 19, 34-37, ferner Joh. 20, 27, wonach sich der Skeptiker Thomas auf die ausdrückliche Aufforderung Jesu hin von beidem durch Augenschein und Anfassen überzeugen sollte: von Seinen Nägelmalen und von Seiner mit einer Lanze durchstochenen Seite, um so die Identität des Auferstandenen mit dem Gekreuzigten zu erkennen. Auf Grund von Offb. 1, 7 darf man annehmen, dass noch bei dem Wiederkommen Jesu zu Seinem Volk Israel diese Zeichen Seiner einstigen Kreuzigung zu sehen sein werden; denn «jedes Auge wird Ihn sehen, auch die Ihn durchstochen haben, und wehklagen werden Seinetwegen alle Stämme des Landes». Erst dann erfüllt sich Sach. 12, 10-14 im Vollmaß an allen Stämmen und Generationen Israels — von den Zeitgenossen Seiner Durchbohrung bis zu den Zeitgenossen Seiner Wiederkunft in Herrlichkeit.
8. Bittruf um Gottes Nähe und Rettung (V. 20 22)
Und wieder wendet sich der Sohn an den Vater, der Ihn verlassen hat und nicht antwortet, an den großen DU, der Ihn doch nicht auf immerdar ohne Erhörung lassen kann. Wie schon in V. 12, betet Er erneut darum, dass die Gottesferne ein Ende nehmen, ja eilend ein Ende nehmen möge. Er betet nicht nur, sondern Er fleht. (Flehen bedeutet nach dem Griechischen: Dringlichkeitserklärung! Die Sache ist eilig! Vgl. etwa Dan. 9, 19-20.)
In präzisen, klaren Worten (nicht in allgemeinen frommen Redensarten, die leider viel frommes Beten kennzeichnen) fleht der «Wurm» Gottes um Rettung aus dem Rachen des Löwen (vgl. 2. Tim. 4, 17; Hebr. 11, 33) und Befreiung von der Tatze des Hundes und den Hörnern der Wildochsen (Antilopen, Wisente oder Büffel). Und während Er noch betet, geschieht in V. 22 das Wunderbare, dass sich plötzlich Seine Bitte in Gewißheit wandelt! Am Schluß des 22. Verses steht plötzlich anstelle der Bitte: Antworte mir! die erlösende Gewißheit, ja Erfahrung: Du antwortest mir.
Irgendwann hat der Vater sich dem Sohne am Kreuz wieder zugewandt. Das Kreuzeswort Jesu: «Eli, Eli, lamah asabhtani? (oder aramäisch: sabachthani)» blieb nicht Sein letztes Wort. Es ist ja das mittlere, vierte der sieben [*] uns in den Evangelien überlieferten Kreuzesworte, und das einzige, das zwei Evangelisten uns nennen (Matth. 27, 46 und Mark. 15, 34). Jesus hat dieses Wort um die neunte Stunde gesprochen. Er hat also, wenn man annehmen darf, dass Er den ganzen Psalm gebetet hat, dies erst gegen Ende der dreistündigen Finsternis getan (falls Er ihn nicht mehrmals betend gesprochen hat). War die äußere Finsternis ein Abbild nicht nur der Einschließung des Hügels Golgatha durch dämonische Mächte, sondern auch der Gottverlassenheit des Messias? Und zeigte das Ende der dreistündigen Finsternis damit auch das Ende der Gottverlassenheit des Sohnes an? Obwohl wir hier gewiß nicht alle Schleier lüften können (und sollen), mag es sich etwa so verhalten haben: Gegen Ende der drei Stunden betet Jesus den 22. Psalm. Nahezu drei Stunden hat Er die äußerste Gottverlassenheit ertragen; jetzt bittet Er ernstlich und dringend um ihre Wegnahme. Der 16. Vers des Psalmes mag für Ihn der Anlaß zu dem fünften Kreuzeswort gewesen sein: Mich dürstet! (Vgl. Ps. 22, 16 mit Joh. 19, 28.) Und in eben diesen Augenblicken, als Spötter Ihm den Schwamm mit Essig reichen und der Gekreuzigte die Verse 20-22 des Psalmes 22 betet (22 = die Zahl der Leiden, vgl. die Verse jedes Kapitels der Klagelieder sowie das Kapitel 1. Mose 22!), erreicht und überschreitet Sein Leiden seinen Höhepunkt, beginnt die Finsternis zurückzuweichen und wendet sich der Vater dem Sohn wieder zu. Das Opfer ist angenommen, das Werk ist vollbracht. Gott hat in Christo die Welt mit Sich selber versöhnt (2. Kor. 5, 19). Die Sünde der Welt steht nicht mehr zwischen Ihm und dem Vater. Und bald darauf ruft Er aus: «Es ist vollbracht» (dieses sechste Kreuzeswort entspricht inhaltlich den letzten Worten von Psalm 22), um dann mit dem siebenten und letzten Kreuzeswort: «Vater, in Deine Hände übergebe ich meinen Geist!» (Luk. 23, 46) sich dem Vater sterbend anzubefehlen. «Vater» — so rief Er im ersten Kreuzeswort (Luk. 23, 34), «Vater» — so heißt es auch im letzten, während Er als der von Gott Verlassene nur ausruft: «Mein Gott, mein Gott!»
Teil II: Der Lobpreis Gottes auf Grund erfahrener Erhörung (V. 23-27)
Das Schlimmste, was einem Wesen widerfahren kann, ist die Gottesferne, die Gottverlassenheit. Sie hängt aufs engste mit Sünde und Tod zusammen. Denn Sünde ist Mißtrauen, innere Abwehr, inneres Sich-Verschließen gegenüber Gott. Sie schafft und bewirkt den Tod, die Trennung von Gott. Im Zustand der Gottesferne und Gottverlassenheit erfährt man keine Antwort von Gott. Man empfindet das Gebet wie ein Selbstgespräch, das jenseits der Zimmerdecke von niemand gehört wird. Es muß aber kein Gotteskind in diesem Zustand mehr sein oder bleiben, weil Jesus ihn an unserer Statt auf Golgatha erlitt. Damals schrie Er mit den Worten des 22. Psalms um die Beendigung dieses schrecklichsten aller Gerichte, — und Gott gab endlich Antwort, Erhörung, Zuspruch, Trost. Zwar war der Sohn dann auch nach Seinem Tode noch einmal in gewisser Weise vom Vater abgeschnitten und unter die königliche Herrschaft des Todes bis zum dritten Tage erniedrigt (Röm. 6, 9; Apg. 2, 24; auch Psalm 18 mag darauf Bezug nehmen), aber wir meinen, dass dieser Sein Aufenthalt im Totenreich nicht gleichzusetzen ist mit jener durch die Sünde der Welt, die auf Ihm lag, bewirkten absoluten Verlassenheit von Gott am Kreuz. Auch spricht das NT sehr nachdrücklich und häufig von Jesu Kreuzesleiden, aber fast gar nicht von Seinen «Leiden im Totenreich». Diese besonders zu betonen, wäre daher nicht im Sinn des Neuen Testaments.
In den Versen 23-27 findet sich nicht länger ein banges «Warum?» und ein flehentliches Bitten; hier ist alles voller Dank über die erfahrene Erhörung. Rühmen und preisen will der Beter den Namen Jahwes — an die Stelle des Gottesnamens EI = der Mächtige, der Starke, der Unterordner tritt gegen Ende des 22. Psalms mehr und mehr der Gottesname Jahwe = der Unwandelbare, Unveränderliche, Treue —, Ihn will Er Seinen Brüdern verkündigen.
Wer aber sind die Brüder Jesu? Sicherlich dürfen wir hier neben Matth. 25, 40 und 28, 10 auch an Hebr. 2, 11.12 (wo Psalm 22, 23 ja zitiert wird!) und an Römer 8, 29 denken. Der Gekreuzigte denkt an Seine Gemeinde. In ihrer Mitte will Er den Namen des Vaters erheben und groß machen. Aber auch aller Same Jakobs soll ihn ehren.
Von beachtlichem praktischem Wert ist der Zusammenhang zwischen Vers 24 und 25. Aller Same Israels wird aufgefordert, vor Ihm zu erschauern (oder sich zu scheuen). Als Grund für dieses Erschauern oder Sich-Fürchten wird in V. 25 die Gnade Jahwes genannt, Seine Zuwendung, Sein Erhören. — Ist dies nicht eine Logik, die uns seltsam erscheint? Wer würde heute auf den Gedanken kommen, sich vor Gott zu fürchten, vor Ihm zu erschauern, weil Er so gnädig ist? Eine Aufforderung zum Jubel würde uns hier eher passend erscheinen. Und doch sollte auch uns jeder neue Erweis göttlicher Güte und Zuwendung und Erhörung in erhöhte Gottesfurcht versetzen, nicht nur in Jubel und Dank. So blieben wir besser vor Leichtfertigkeit, Oberflächlichkeit und Ungehorsam bewahrt, vor nachlassender Wachsamkeit und Sorgfalt.
«Essen sollen die sich Hinbeugenden und satt werden, Jahwe sollen preisen, die Ihn suchen! auflebe euer Herz für immer!» — Flügge gibt den letzten Satz so wieder: «Ja, euer Herz soll bis in die Unendlichkeit leben!», und er denkt bei dem hier genannten Essen an das Mahl des Herrn und sagt: «Der Gekreuzigte hat ein Festmahl für alle Elenden, die zu Ihm kommen wollen, das sie so stärken soll, dass darob ihr Herz bis in die Unendlichkeit hin leben soll.» Man vergleiche hierzu Joh. 6, 48-51.57.58.
Teil III: Die Siegeshoffnung des Gekreuzigten (V. 28-32)
Vor den Augen des Gekreuzigten wird in diesen letzten Versen des Psalms die ganze Weite, Höhe und Tiefe der nun vollbrachten Erlösung offenbar. Sah Er V. 23 Seine Brüder, Seine Gemeinde, Seinen Leib im prophetischen Geiste voraus, so schaut Er jetzt die Umkehr (Bekehrung) aller Enden der Erde und die Anbetung durch alle Geschlechter der Nationen. Im 29. Vers ist es Sein Königreich, das Er einmal für zunächst 1000 Jahre unter den Nationen aufrichten wird, das Er feierlich proklamiert. Es sind gerade diese majestätischen Worte unseres Psalms, die (nach Stauffer) der versammelten jüdischen Geistlichkeit auf Golgatha einen Schrecken einjagen. Der Schächer aber erkennt in dem neben ihm hängenden Jesus den Messias, den König des kommenden Reiches. Ob Jesus schon vor der neunten Stunde, also mehrmals, den 22. Psalm betend gesprochen hat? Und ob im Herzen des Schächers gerade auf Grund der Tatsache, dass Jesus solche Worte in solcher Lage für sich in Anspruch nimmt, der Glaube an Seine Messianität und die Bitte erwacht sind: «Gedenke meiner, Herr, wenn Du in Deinem Königreiche kommst!»? Wir halten es für sehr wahrscheinlich. Der Schächer sagt also gewissermaßen: Wenn Du derjenige bist, dem dieser Psalm gilt und der einmal das Königreich unter den Nationen aufrichtet und zu dem sich alle Enden der Erde einmal bekehren, dann denke an jenem Tage, wo Du in Deiner Reichsherrlichkeit erscheinst und das ganze Land Israel sein wird wie der Garten Eden, wie das Paradies (Hes. 36, 35; Jes. 51, 3), auch an mich! Und der Herr bestätigt ihm: «Du wirst mit mir im Paradiese sein!»
Welche Lesart in V. 30 auch immer die richtige ist, ob nun erst in der zweiten Vershälfte oder schon in der ersten von den Toten die Rede ist, fest steht, dass der Gekreuzigte, ehe Er selbst sich nun anschickt, bis zum dritten Tag unter die Herrschaft des Todes erniedrigt zu sein (um aber dann die Schlüssel des Todes und Totenreiches sieghaft in die Hände zu nehmen), auch der Toten gedenkt. Auch sie alle werden ihre Knie beugen und Ihm huldigen. Und auch an die noch ungeborenen Geschlechter denkt der Herr: ihnen wird man vom Herrn erzählen, von der durch Ihn aufgerichteten Gerechtigkeit (Röm. 3, 21), und sie werden es weitersagen!
So stehen vor den Augen des Gekreuzigten Seine Brüder (V. 23), Sein Reich über alle Nationen (V. 28.29), ja die Huldigung auch aller Toten und der noch ungeborenen Geschlechter (V. 30-32) als Frucht Seines Opfertodes. Was Phil. 2, 9-11 und Offb. 5, 13 im NT bezeugt wird, David hat es schon aussprechen dürfen, und Jesus hat es am Kreuze triumphierend ausgerufen! Der Schluß des Psalmes aber deckt sich mit dem sieghaften sechsten Kreuzeswort: ER hat es vollbracht — ER hat es vollführt — ER hat es getan! Dem Unwandelbaren gebührt allein aller Ruhm für das Zustandekommen und die volle Durchführung der Erlösung, dem Vater, dem Sohn und dem lebendigen, prophetischen Geist.
[*] Die Reihenfolge der Kreuzesworte Jesu ist vermutlich die:
1. Wort: Luk. 23, 34;
2. Wort: Joh. 19, 26;
3. Wort: Luk. 23, 43;
4. Wort: Matth. 27, 46 u. Mark. 15, 34;
5. Wort: Joh. 19, 28;
6. Wort: Joh. 19, 30;
7. Wort: Luk, 23, 46.
[Anmerkung: Der im Originaltext des Autors mehrfach erwähnte Gottesname JHWH wurde vom Bearbeiter von „Jehova“ in „Jahwe“ umbenannt]
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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