Das wunderbare »Aber« Gottes
Autor: Schäfer, Kurt | Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes | 582 x gelesen(Nach einem Wortdienst in Reutlingen)
Heute spreche ich zu Ihnen über ein Wörtlein, das so klein ist, dass es in den meisten Konkordanzen überhaupt nicht vorkommt. Und doch ist dieses kleine Wörtlein »Aber« in seiner Bedeutung ein ganz großartiges Wort. Es gibt ein böses menschliches »Aber«. Gott sagt etwas, doch der Mensch macht ein Fragezeichen dahinter und zieht das Gesagte in Zweifel, widerspricht oder lästert vielleicht sogar. So ist es in der bösen menschlichen Natur begründet.
Nun gibt es aber auch ein wunderbares, mächtiges göttliches »Aber«. Von diesem soll heute morgen die Rede sein. Es kann uns, wenn wir’s recht verstehen, ungemein trösten und ermutigen.
Dieses göttliche »Aber« drückt immer, wo es auftaucht, einen totalen Gegensatz aus. Da wird uns in der Heiligen Schrift eine Situation geschildert, die notvoll, bedrängend, aussichtslos ist — dann aber stellt Gott Sein mächtiges »Aber« dagegen.
1. Gottes »Aber« macht lebendig
Als erste Stelle lese ich Eph. 2, 4 und 5: »Aber Gott, der da reich ist an Barmherzigkeit, hat uns, als wir tot waren in den Sünden, lebendig gemacht.«
Einen größeren Gegensatz kann man sich nicht denken als den zwischen »tot« und »lebendig«. Man könnte meinen, Paulus habe doch wohl ein wenig übertrieben, als er schrieb, wir seien in den Sünden und Übertretungen »tot« gewesen, und man könnte sich damit beruhigen, das sei ja nur ein Bild. Es ist leider kein Bild, liebe Brüder und Schwestern! Es ist eine ganz harte Wirklichkeit. Der unerrettete Mensch ist »tot« — einerseits innerlich, geistlich tot. Typisch für einen Toten ist ja, dass er nichts hören, nichts sehen und keinen Kontakt mit anderen aufnehmen, also nicht reden kann; und genau das ist die Situation des Menschen in seiner unerlösten Art. Er ist Gott gegenüber »tot«, das heißt zunächst einmal, er kann nicht hören, was Gott sagt. Er kann auch nicht sehen, was Gott tut, und er kann auch nicht reden mit Gott, er kann nicht beten.
Der natürliche Mensch hört nichts von Gott, er »vernimmt nichts vom Geist Gottes«, sagt Paulus (1. Kor. 2, 14). — Da habe ich irgendwo abends einen Vortrag gehalten, und nachher kommt ein junger Mann zu mir und sagt: »Wissen Sie, was ich heute abend gehört habe? Ich hab’ bloß ›Bahnhof‹ verstanden.« Und das nicht etwa, weil er nicht hören konnte — akustisch hat er’s gut gehört, und es fehlte ihm auch nicht die nötige Intelligenz —, sondern er wollte sagen: Es kam nicht an bei mir — ich hörte nur ›Bahnhof‹. Ich muss das als Verkündiger zunächst einmal akzeptieren. »Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden.« Den Geist Gottes aber besitzt der Mensch von Natur aus nicht, also versteht er nichts! Er ist »tot«, weil er nicht hören kann.
Des Weiteren ist er »tot«, weil er nicht sehen kann. Paulus sagt in 2. Kor. 4, 4: »Der Gott dieses Zeitalters (also der Satan) hat den Sinn der Ungläubigen verblendet (also blind gemacht)«, sodass sie das herrliche Evangelium Gottes nicht sehen können.
Und er ist auch »tot«, weil er nicht beten kann. Beten heißt reden mit Gott. Der natürliche Mensch kann nicht wirklich reden mit Gott. Der Herr Jesus sagt in der Bergpredigt: »Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden« (Matth. 6, 7). Das Beten der Nationen ist ein Plappern.
Der Mensch in seinem natürlichen Zustand ist »tot«, innerlich, geistlich »tot«. Dazu kommt dann auch der äußere, leibliche Tod. »Von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen, denn an dem Tage, da du von ihm issest, musst du des Todes sterben«, sagte Gott dem Adam. Von da an läuft die Todesentwicklung, und am Ende des Lebens steht der reale leibliche Tod. Sünde und Tod sind zu allen Menschen durchgedrungen (Röm. 5, 12). Das ist keine bloße Idee, sondern eine Realität.
Dazu kommt als Drittes der »andere«, der jenseitige Tod (Offb. 20, 14). Das ist die Fortsetzung, die Verlängerung des Todeszustandes in der jenseitigen Welt.
Es ist also nicht nur ein Bild, sondern grauenvolle Wirklichkeit, wenn Paulus sagt: »Wir waren tot in Übertretungen und Sünden.« Und dagegen hilft nichts: keine Tränen, keine Auflehnung, keine Verzweiflung, nichts.
Nun aber tritt Gott auf den Plan! »Aber Gott«, sagt Paulus, »hat in Seiner großen Liebe uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus zusammen lebendig gemacht.« Gott fegt die ganze Todesmacht vom Tisch herunter! »Er hat uns mit Christus lebendig gemacht.« Er hat also eine gewaltige Tat getan. Er hat nicht nur Seinen Sohn aus dem Tod herausgerissen, sondern hat auch uns mit Ihm zusammen die neue Lebenswirklichkeit bereit gestellt, sodass wir in diesem neuen Leben stehen dürfen. Er hat das, was in Christus geschehen ist, in unserer Wiedergeburt in unser eigenes Leben hinein vollzogen.
Was ist das für ein Gott, der solches tut? Dieser Gott ist »reich an Barmherzigkeit«. Und wie steht Er zu uns? »Mit großer Liebe hat Er uns geliebt« (Eph. 2, 4). Hier wird uns gesagt, wie Gott wirklich ist. Es gibt tausenderlei Vorstellungen davon, wie Gott ist, doch sie sind für uns völlig uninteressant. Hier steht, wie Gott wirklich ist: Er ist reich an Barmherzigkeit, und mit großer Liebe hat Er uns geliebt.
Vielleicht geht der eine oder die andere unter uns gerade durch Anfechtungen, durch Dunkelheiten, worin uns das Bild Gottes verdunkelt worden ist. Es mag sein, dass wir Schweres erlebt haben, durch Prüfungen zu gehen haben, in Sünde hineingeraten sind, durch das Geschwätz anderer verunsichert sind — wie dem auch sei, Gott reißt durch dieses Wort den Schleier, das Dunkel, die Wolken weg und lässt uns sagen: Ich bin reich an Barmherzigkeit und habe dich mit großer Liebe geliebt.
So sieht es aus, wenn der lebendige Gott »Aber« sagt! Da wird nicht nur eine verfahrene Sache notdürftig zurechtgebogen, sondern da nimmt Gott etwas in die Hand, und was Er in die Hand nimmt, das wird wirklich heil und neu und vollkommen.
Bleib nicht stehen bei deinem Elend! Toter als tot kannst du nicht sein! Aber gegen den Tod ist ein Kraut gewachsen: Gott spricht »Aber«. Wir waren tot in Übertretungen und Sünden, aber Gott, reich an Barmherzigkeit, hat uns mit Christus zusammen lebendig gemacht.
2. Gottes »Aber« ist zuverlässig und treu
Ein zweites »Aber«: Wir lesen davon in 2. Kor. 1, 17-20. Da sagt Paulus: »Bin ich etwa leichtfertig gewesen, als ich dies wollte (oder: mir dieses vornahm)? Keineswegs … Gott aber ist treu (und bürgt dafür), dass unser Wort an euch nicht Ja und Nein zugleich ist. Denn der Sohn Gottes … war nicht Ja und Nein, sondern alle Gottesverheißungen … sind Ja in Ihm.«
Der Hintergrund zu diesem »Aber« ist folgender: Der Apostel Paulus hatte in der Gemeinde in Korinth einen kurzen Besuch gemacht und dabei einen weiteren, längeren Besuch angekündigt. Aber nun war einige Zeit darüber hingegangen, und dieser Besuch hatte nicht stattgefunden. Und nun warfen die Korinther dem Apostel Paulus vor, er sei schnell im Versprechen und Plänemachen, doch er würde es nicht halten; er würde nach Lust und Laune seine Reisepläne umändern. Man könne sich also auf ihn nicht verlassen. Dazu nimmt Paulus hier Stellung. Es war für Paulus keine Kleinigkeit, wenn eine Gemeinde ihm vorwarf, er sei unzuverlässig. Mag die Unzuverlässigkeit in der heutigen Weit auch gang und gäbe sein — dass man sich auf einen Menschen und seine Versprechungen nicht mehr verlassen kann —, für einen Jünger Jesu ist das etwas Entsetzliches! Unser Herr erzieht uns zur Zuverlässigkeit. Der Herr Jesus erzieht Seine Leute so, dass ihr Ja ein Ja ist und ihr Nein ein Nein. Ein Mitarbeiter, auf den man sich nicht verlassen kann, ist untauglich im Werk des Herrn.
Allerdings wissen wir Menschen ja nicht, was morgen ist oder zu dem Zeitpunkt, an dem das geschehen soll, was wir versprochen haben. Wir wissen nicht, wie unser Leben bis dahin verläuft, welche Verhältnisse sich vielleicht geändert haben, sodass wir das gar nicht mehr ausführen können, was wir zugesagt hatten. Vielleicht besteht auch gar nicht mehr die Möglichkeit, dem anderen genau zu erklären, warum wir das nicht tun konnten, was wir versprochen hatten. Ohne ein tiefes Vertrauen auf beiden Seiten kommt es dann schnell zu einem massiven Missverständnis.
Das ist der Hintergrund zu diesen Worten des Paulus. Doch er kann fortfahren: »Gott aber ist treu.« Bei Ihm gibt es immer ein Ja und Amen zu dem, was Er einmal gesagt und versprochen hat. Gottes Treue kennt keine Einschränkungen. Wir müssen immer einschränken, wir müssen immer hinzufügen, wie Jakobus einmal sagt: »Wenn der Herr will und wir leben, wollen wir dies und das tun.« Wenn wir gesund bleiben … Wenn die Kraft reicht … Wenn’s Geld stabil bleibt … Wenn die Lage sich nicht verändert, usw. So viele Einschränkungen müssen wir machen, weil wir begrenzte Leute sind. Nun aber sagt Paulus: »Aber Gott.« Er ist der Allwissende. Für Ihn gibt es keine Überraschungen. Er hat vor 4000 Jahren dem Abraham zugesagt: »Dir und deinen Nachkommen werde ich dieses Land geben ewiglich.« Und Er hat damals genau gewusst, wie 4000 Jahre später, an der Wende vom zweiten zum dritten nachchristlichen Jahrtausend, die politischen Verhältnisse im Nahen Osten sein würden. Er ist absolut nicht überrascht davon, wie es heute dort aussieht. Er ist als der Allwissende immer im Bild, und Ihm als dem Allmächtigen kann niemand einen Strich durch die Rechnung machen.
In Christus ist alles Ja und Amen. Das bedeutet zugleich auch: In Christus sagt Gott Ja zu uns, zu den Seinen. Das ist ein sehr tröstlicher Gedanke, liebe Brüder und Schwestern. Vielerorts nehmen die seelischen Störungen heute zu, und sie machen manchmal auch vor Gläubigen nicht Halt. Manche Kinder Gottes leiden darunter, sie haben Minderwertigkeitskomplexe oder kommen sich komisch vor oder fühlen sich unfrei. Was ist das für eine Befreiung, wenn uns dann vom Wort der Schrift her klar wird: Es gibt einen, der rückhaltlos und uneingeschränkt Ja zu uns sagt. In Ihm ist das Ja. Er sagt Ja zu dir, so wie du bist — nicht wie du eigentlich sein solltest, aber leider noch nicht bist. Und dieses Ja gilt. Er revidiert es nicht morgen oder übermorgen, wenn Er merkt, was Er sich da »aufgelesen« hat mit uns! Er sieht dich so, wie Er dich in Seiner Liebe sieht.
3. Gottes »Aber« schenkt jedes Genüge
Ein drittes »Aber«: Wir lesen in 2. Kor. 9, 8: »Gott aber kann machen, dass alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk.« Man kann auch übersetzen: »Gott aber kann machen, dass jede Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in jedem jederzeit jedes Genüge habt und reich seid zu jedem guten Werk.« Da sehen wir schon durch dieses fünffach betonte »jedes«, um was es hier dem Apostel Paulus geht. Bei diesem »Aber Gottes« geht es um das Vermögen Gottes im Gegensatz zu unserem Unvermögen und zu unserer Armut. Der Hintergrund ist wieder ein ganz praktischer: Es geht um die Geldsammlung, die der Apostel Paulus für die armen Christen in Jerusalem in den Gemeinden von Achaja und Mazedonien angesetzt hat. Um diese Sammlung geht es in den Kapiteln 2. Kor. 8 und 9. Paulus weiß, dass sich in der Korinthergemeinde nicht viele reiche Leute befinden. Viele waren bitterarm. Hätten sie nun nach natürlich-menschlichen Prinzipien gehandelt, dann hätten sie nichts gegeben, nach dem Motto: »Das Hemd ist uns näher als der Rock.« Wir müssen selber sehen, wie wir auskommen. Aber das ist ja nicht die Position des Glaubens. Glauben heißt ja, in jeder Lage den lebendigen Gott mit einbeziehen, und zwar an allererster Stelle. Alles, was im Leben an einen Gläubigen herankommt, bringt er in Verbindung mit seinem Gott. Das ist Glaube. Und dann — sagt Paulus — sieht die Sache ganz anders aus. Dann müssen wir nicht mehr im Geiz unseren Beutel zuhalten. Dann gilt: Gott ist so reich, dass Er die Korinther bestimmt nicht hungern lassen wird, wenn sie um Seiner Kinder in Jerusalem willen das Herz und die Hand und den Beutel öffnen. Die Korinther mögen wenig bemittelt sein, aber ihr Gott ist ein reicher Gott. Er kann machen, dass ihnen alles Nötige zuteil wird, auch wenn sie die Hand für die Geschwister auftun.
Doch Paulus will mit diesem »Aber« noch viel mehr sagen. Wir sprechen heute bei der Bedarfsplanung von Krankenhäusern und Pflegeheimen und Arztpraxen und medizinischen Großgeräten von einer »flächendeckenden Versorgung der Bevölkerung«. Da wird also ausgerechnet, auf wie viele Menschen in einer Gegend ein Arzt kommen muss oder ein Krankenhaus, das Grundversorgung bietet, und auf wie viele Menschen ein Spezialkrankenhaus und ein Großgerät kommen muss, und dergleichen. — Was der Apostel Paulus hier mit diesem »Aber« einleitet, ist das Zeugnis von einer »flächendeckenden Versorgung Gottes für die Seinen«. Gott aber … Er kann machen … Und nun kommen diese fünferlei »jeder«; wir können das nicht alles im Einzelnen ausführen. Das eine »jeder« meint, dass Gottes Versorgung ausreicht für jeden Bereich des Lebens. Da geht es also nicht nur um Geld und Gut und Besitz, sondern auch um Beruf und Familie, Gemeinde und Kirche, Leib und Seele. Was es auch geben mag, Gott kann machen, dass jede Gnade unter euch reichlich sei. Und zwar jederzeit, allezeit, also in der Jugend wie im Alter, morgens wie auch abends oder in der Nacht, bei der Arbeit ebenso wie am Feiertag, in ruhigen und in schweren Zeiten — eben jederzeit. Und weiter sagt er noch: jedes Genüge, in jedem Fall und für jedes Maß. Es braucht nicht jeder gleich viel wie der andere. Es braucht nicht jedes Kind Gottes gleich viel Geduld wie das andere, oder gleich viel Liebe, gleich viel Weisheit, gleich viel Kraft. Jeder hat einen anderen Weg zu gehen; die Aufgaben jedes Einzelnen haben einen speziellen Zuschnitt; nicht jeder hat das Gleiche zu tragen, zu leiden, zu dulden, zu kämpfen, zu verkraften oder zu leisten. Aber wie dem auch sei — für jeden Fall ist alles von Gott bereitgestellt. »Jedes Genüge« — sagt Paulus. Aber was genügt, was genug ist, bestimmt Er! — Da liegt der Apostel Paulus im Gefängnis, nicht nur in Cäsarea, sondern hernach auch in Rom. Und nun steht da: »Gott kann machen.« Ja, Gott kann machen, dass Paulus sofort aus dem Gefängnis wieder herauskommt, so wie seinerzeit Petrus (Apg. 12). Aber Er tut es nicht. Es sollten ja die herrlichen Gefangenschaftsbriefe des Paulus entstehen, durch die der Herr Seine Gemeinde bis heute — und so auch uns — über die Maßen reichlich segnet.
Oder denken wir an den »Dorn im Fleisch« (2. Kor. 12, 7) bei Paulus. Gott kann machen, dass der Dorn wegkommt und der Satansengel weggeschickt wird, aber Er macht es nicht! Er sagt zu Paulus: Den Dorn im Fleisch behältst du — aber meine Gnade wird um so mächtiger sein in dieser Schwachheit, in der ich dich wohlweislich belasse! »Meine Gnade genügt dir.«
Kinder Gottes werden in allen Stücken »flächendeckend« von Gott versorgt — immer aber nach der Weisheit Gottes, die zugemessen hat, was in jedem Fall »genügend« ist. Sind wir so, wie Paulus, in aller Schwachheit vom Reichtum Gottes umschlossen, dann können wir Ihm doch nur wie Paulus aus tiefstem Herzen danken.
4. Gottes »Aber« überwindet Widerstände
In 2. Thess. 3, 3 findet sich ein weiteres »Aber«: »Aber der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen.«
Auch hier haben wir es wieder mit einer ganz bestimmten Situation zu tun, in die Paulus dieses »Aber« hineinspricht.
Paulus erzählt den Thessalonichern in seinen beiden Briefen vom Lauf des Evangeliums und vom Dienst, den er und seine Mitarbeiter tun dürfen. Der Herr hat ihnen Türen aufgetan. Aber es gab auch Widerstände. Wir sagen manchmal: »Wo Gott eine Kirche baut, baut der Teufel eine Kapelle daneben.« Das heißt: Wo etwas läuft fürs Reich Gottes, da läuft dann zugleich auch der Widerstand an. Vom Widerstand Satans schreibt Paulus in 1. Thess. 2,18: »Wir wollten zu euch kommen, ich, Paulus, einmal und noch einmal — ich wollte euch eine Bibelwoche halten, würden wir heute sagen —, doch der Satan hat uns gehindert.« Wörtlich heißt es: er hat hineingeschlagen. Das sind die Widerstände. Hier in 2. Thess. 3, 1.2 drückt er sich so aus: »Betet für uns …, dass wir erlöst werden von den falschen und bösen Menschen.« Die »falschen« Menschen sind, wörtlich übersetzt, »platzwidrige« Menschen (atopos). Sie stehen an einem Platz, an den sie ihrer Art und ihrem Wesen nach eigentlich gar nicht hingehören. Paulus hat hier offensichtlich zunächst einmal an die Juden gedacht, an seine Blutsverwandten. Ihrer Herkunft und Bestimmung nach — siehe Röm. 9, 4.5 — müssten sie im Kampf für das Evangelium in vorderster Reihe stehen. Stattdessen aber stehen sie dem Evangelium entgegen und machen Paulus das Leben sauer. Sie sind ein Bollwerk gegen die Verkündigung des Evangeliums. — Das kann man sogar in manchen Gemeinden erleben, dass die, die eigentlich die größte Hilfe sein sollten, die Widerständler sind. »Platzwidrige Menschen.« — Paulus will sagen: Wenn wir auf soviel Widerstand stoßen, sollten wir da nicht aufhören, müssen wir da nicht verzagen und verzweifeln? — Nun aber kommt dieses »Aber«: »Aber der Herr ist treu.« Paulus setzt gegen all diese notvollen Erscheinungen in der Gemeinde und außerhalb der Gemeinde das »Aber« Gottes, die Botschaft von der Treue Gottes.
Die Treue Gottes wird schon im Lied Moses bezeugt. In 5. Mose 32, 4 sagt Mose von Gott: »Er Ist ein Fels … Treu Ist Gott.« Da bekommt man gleich eine richtige Vorstellung von der Treue Gottes. Er ist wie ein Fels, der völlig unbeeindruckt und unbeeinflussbar dasteht, tags und nachts, sommers und winters, bei Hitze wie bei Kälte und Sturm. Das alles macht dem Felsen nichts aus, er bewegt sich keinen Millimeter von seinem Platz. So ist die Treue Gottes: absolut zuverlässig, absolut unveränderlich. Aber der Herr ist treu!
Er ist zunächst einmal sich selber treu. Am Ende des Alten Testaments sagt Gott: »Ich, der HERR, wandle mich nicht« (Mal. 3, 6). Das ist die Botschaft von der Unwandelbarkeit Gottes, die mit Seiner Treue, mit Seinem unveränderlichen Wesen zusammenhängt. Wenn die Bibel z. B. sagt: »Gott Ist Liebe«, dann heißt das ja nicht nur, Gott liebt ab und zu einmal, sondern es ist Sein innerstes Wesen. Und weil Er sich nie wandelt und nie verändert, deshalb wird Er immer Liebe sein, auch morgen und übermorgen und in allen kommenden Äonen, es wird nie anders sein. »Ich bin der HERR und wandle mich nicht.« Er ist Seinem Wesen treu. — Er ist auch Seinem Wort treu. Zu keinem Wort wird man die Erfüllung vermissen. Was Er spricht, das geschieht, was Er gebietet, das steht da. Er ist Seinen Verheißungen gegenüber treu und muss nie etwas zurücknehmen, was Er gesagt hat. — Er ist auch Seinem Volk Israel treu. Deshalb gibt es sie noch. Gott hatte den Sinaibund mit ihnen geschlossen, doch die Israeliten haben diesen Bund nicht einmal, sondern viele Male übertreten, und so wäre eigentlich Gott als der andere Bündnispartner auch seinerseits Seiner Bündnisverpflichtungen los und ledig. Aber so handelt Gott nicht. »Hat Gott etwa Sein Volk verstoßen?«, fragt Paulus in Röm. 11, und er antwortet: »Das sei ferne, das ist ausgeschlossen, denn Gottes Gaben und Berufung können Ihn nicht gereuen.« — Gott ist auch treu Seinen Kindern gegenüber. »Treu ist Er, der euch ruft, Er wird’s auch tun«, schreibt Paulus in 1. Thess. 5, 24. Und in 2. Tim. 2, 13: »Sind wir untreu, so bleibt Er doch treu.« — Warum? — »Denn Er kann sich selbst nicht verleugnen.«
Nach dieser Treue handelt Er auch an den Seinen: »Er wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen« (2. Thess. 3, 3). Das eine ist die Stärkung. Da mag man nicht nur an äußere Stärkung und Kräftigung denken, sondern auch an die innere, geistliche Stärkung, an die Waffenrüstung von Eph. 6, 10-20 und ähnliche Stellen. Das andere ist die Bewahrung. »Der Name des Herrn ist ein fester Turm; der Gerechte läuft dorthin und ist in Sicherheit (oder: wird beschirmt).« Allerdings muss man in diesem Turm der Stärke, in diesem Bunker, in dieser Festung auch bleiben. »Seht zu«, schreibt Petrus in 2. Petr. 3, 17, »dass ihr nicht aus eurer eigenen Festigkeit fallt«. Wohl die meisten Verfehlungen unseres Lebens geschehen durch unsere Zunge. Der Herr hat zwar Bewahrung verheißen, doch Er ruft uns auch zu: »Seht zu, dass keiner aus seiner eigenen Festung herausgehe.« Da gehen wir aus unsrer Festung heraus, flanieren vor dem Bunker herum und schwätzen hier und reden da völlig unnötige Dinge, und schon ist’s passiert. Deswegen gilt es in der Festigkeit, die der Herr schenkt, auch zu bleiben.
5. Gottes »Aber« überwindet den Tod
Ein fünftes »Aber«: Paulus schreibt in 1. Kor. 15, 55‑57: »Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!«
Hier stehen gleich drei »Aber« beieinander — zwei bedrückende »Aber« und ein wunderbares, herrliches »Aber«.
Es geht in diesem Abschnitt um den Tod. Da haben wir auch wieder diesen Gegensatz: auf der einen Seite ein mächtiger Feind mit starken Positionen, und auf der anderen Seite der übermächtige Herr.
Wenn wir vom Tod reden, dann reden wir ja nicht von theoretischen Dingen. Der Tod ist leider keine Theorie, sondern eine schreckliche Wirklichkeit. Wie kommt es eigentlich, dass der Tod eine so große Macht hat? Paulus sagt hier: Der Tod hat gewissermaßen einen Treiberstachel: Der Stachel des Todes ist die Sünde. Der Treiberstachel war ein Stecken oder Stab, an dessen vorderer Spitze ein Dorn oder sonst ein spitzer Gegenstand befestigt war; damit konnte man widerspenstige Zugtiere zur Räson bringen; auch Sklaven oder Gefangene bekamen ihn manchmal zu spüren. — So ist es beim Tod, sagt Paulus. Der Tod hat Macht. Er hat einen Treiberstachel. Was ist das für ein Stachel, mit dem der Tod die Menschen »herumstachelt«, bis er sie »hinüberstachelt« in sein Totenreich? Antwort: Der Stachel des Todes ist die Sünde. Wir geben also dem Tod, indem wir sündigen, selber diesen Stachel in die Hand. Der Sold der Sünde ist der Tod (Röm. 6, 23).
Woher aber bekommt die Sünde ihre Kraft? Paulus sagt: »Die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz.« Hier geht es um das Gesetz vom Sinai, um das Gesetz Gottes, um den Willen Gottes. Von ihm sagt Paulus im Römerbrief: »Das Gesetz ist heilig, gerecht und gut« (7, 12). Es ist gleichsam die Leitplanke Gottes, und wir sind gesegnet, wenn wir innerhalb dieser Leitplanke bleiben. Gehen wir aber auf Kollisionskurs zu dieser Leitplanke, dann ist die Folge — wie auf der Autobahn — ein tödlicher Unfall. So ist das Gesetz einerseits heilig, gerecht und gut, und gesegnet ist, wer’s tut; da wir aber alle Gesetzesübertreter sind, kommt auf uns nicht der Segen des Gesetzes, sondern der Fluch. Das ist der Todesdienst des Gesetzes. Gegen diese Wirklichkeiten kommen wir nicht an. Die Sünde ist ein Faktum, das Gesetz ist ein Faktum, und ebenso auch der Tod. Nun aber stellt Gott Sein »Aber« dagegen: »Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!« Gott gibt Sieg über den Tod. Das ist ein gerechter Sieg. Es gäbe auch einen ungerechten Sieg, wenn nämlich Gott den Tod und den Teufel und die Sünde und alles, was damit zusammenhängt, einfach ausgelöscht hätte. Dann aber würde Gott gegen Sein eigenes Wort, gegen Sein eigenes Gesetz, gegen die Wahrheit stehen. — Gott ging in Jesus einen anderen Weg. Jesus hat auf dieser Erde unter dem Gesetz gelebt und überwunden. Er ist ohne Sünde geblieben. Und dann hat Er Sein sündloses Leben geopfert. Damit sind alle Ansprüche des »Fürsten dieser Welt« ein für allemal abgelöst. Damit ist auch hinfällig geworden, was wir vom Treiberstachel des Todes gesagt haben. Der Tod steht jetzt unter dem Kommando Jesu. Jesus sagt in Offb. 1, 18: »Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig in die Zeitalter der Zeitalter (Äonen der Äonen) hinein und habe die Schlüssel des Todes und des Totenreichs.« Er herrscht nun über Lebende und Tote (Röm. 14, 9), und Er bestimmt, wer sich wo wie lange aufhält. Das ist die neue Situation seit der Auferstehung Jesu Christi. Angesichts des Totenreiches dürfen Christen wissen, dass ihr Herr der absolute Sieger ist. Zunächst hat der Vater den Sohn aus dem Tod herausgerissen und ins Leben gestellt. Dann aber, am gleichen Ostertag, sind auch viele Leiber der entschlafenen Heiligen auferweckt worden und vielen in der Stadt erschienen (Matth. 27, 52.53). Und dann geht’s weiter mit den Glaubenden der Gemeinde Jesu. Sie entschlafen »durch Jesus« (1. Thess. 4, 14). Und nicht nur das: Sie bekommen auch eine neue Leiblichkeit, die einen durch Auferstehung, und die anderen durch Verwandlung ihres alten Leibes (1. Thess. 4, 16.17; 1. Kor. 15, 51; Phil. 3, 20.21).
Zuletzt aber werden alle Totenbehältnisse, alle Gefängnisse der jenseitigen Welt geleert werden (Offb. 20, 11-14). Und am Ende wird der aufgehoben, der dann keine Funktion mehr hat, nämlich der Tod (1. Kor. 15, 26; Offb. 21, 4). Was ist das doch für eine wunderbare Botschaft in einer todverfallenen Welt! »Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus!«
6. Gottes »Aber« verändert Menschen total
Ein sechstes »Aber«: Paulus schreibt in Gal. 1, 13-16: »Ihr habt ja gehört von meinem Leben früher im Judentum, wie ich über die Maßen die Gemeinde Gottes verfolgte und sie zu zerstören suchte, und … ich eiferte über die Maßen für die Satzungen der Väter. Aber Gott gefiel es wohl … dass Er Seinen Sohn in mir offenbarte, dass ich Ihn durchs Evangelium verkündigen sollte unter den Nationen.«
Der Apostel Paulus war vor seiner Bekehrung eine uneinnehmbare Festung. Dieser Saulus lebte in einem brennenden Hass gegen Jesus. An Jesus selber aber kam er nicht heran; deswegen hat er seinen Hass an den Leuten Jesu ausgelassen. Er hat die Christen verfolgt, er hat sie vor Gericht geschleppt, er hat an ihren Todesurteilen mitgewirkt, und er hat sie bei den Verhören sogar gefoltert: »Ich zwang sie zu lästern« (Apg. 26, 11). Und das alles tat er mit einem absolut guten Gewissen! Da sehen wir, wie irregeleitet ein Gewissen sein kann und wie töricht es ist, wenn sich einer mit den Worten herausreden will: »Ich bin nur meinem Gewissen verantwortlich.« Er war davon überzeugt, dass seine Taten im Sinne Gottes seien. Paulus glich einer uneinnehmbaren Festung — kein Gespräch, keine Diskussion konnte ihm etwas anhaben.
Nun aber schreibt der Apostel: »Aber Gott!« — Was macht nun Gott mit einem solchen Menschen? Hat Er ihn zusammengeschlagen, einen Blitz auf ihn geschleudert, oder hat Er ihn schwer krank werden lassen? Gott hat es ganz anders gemacht: »Aber Gott gefiel es wohl, Seinen Sohn in mir zu offenbaren.« Gott hat zu Seinem Sohn gesagt: »Geh hin und offenbare Du dich diesem Wüterich; er soll ja ein Bote des Evangeliums, ein Apostel der Gemeinde werden!« Das war Damaskus (Apg. 9). Mit den leiblichen Augen hat Paulus vor Damaskus eine Sekunde lang Jesus gesehen; dann war er schon blind; mit den inneren Augen des Herzens hat er Ihn wohl drei Tage lang gesehen, und danach war die Lage völlig klar, alles war verändert: Sein Hass gegen Jesus und die Seinen war verschwunden, und er war fortan erfüllt von einer brennenden Liebe zu Jesus. Eine völlig neue Situation war entstanden. »Aber Gott!«
Immer wieder hat Paulus später auf diese Erfahrung zurückgegriffen und gefragt: Warum hat Gott so an mir gehandelt? — Er antwortet: Gott hat an mir ein Exempel statuiert, Er hat ein Beispiel Seiner Barmherzigkeit und Langmut gegeben für alle, die nach mir zum Glauben kommen sollten. »Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an Ihn glauben sollten zum ewigen Leben« (1. Tim. 1, 16). Alle, die nach ihm gläubig werden, sollen wissen: Wenn Gott mit einem solchen fertig wird, dann schafft Er’s auch mit mir! An ihm als Vorbild und Beispiel soll deutlich werden: Für Gott gibt es überhaupt keine aussichtslosen Fälle. Das darf man sich persönlich sagen, das darf man aber auch wissen im Blick auf andere, die in einer solch aussichtslosen Lage sind, die in einer so furchtbaren Verblendung und Feindschaft Gott gegenüber stehen. Wenn Gott gegen solche Leute wie Saulus von Tarsus Sein »Aber« setzt, dann fallen alle Bollwerke dahin wie die Mauern Jerichos, und alle Zweifel schwinden wie bei Thomas (Joh. 20, 24-29). Man kann nur noch niederfallen und sagen: »Mein Herr und mein Gott!«
So wird es auch noch mit dem Volk Israel gehen. Auch dafür ist Paulus der Prototyp. Sie sind ja noch Jesus gegenüber verhärtet. Es sind wohl kaum zwei Prozent der Juden, die wir als »messianische Juden«, als Gläubige an Jesus ansprechen können. Von allen anderen gilt: Die Decke hängt noch vor ihren Augen (2. Kor. 3, 15). Das sagen gerade wir, die wir Israel lieben. Die Änderung wird genauso geschehen wie beim Apostel Paulus: nicht durch eine langsame Aufweichung dieses inneren Zustandes, sondern plötzlich, auf einmal. In Jesaja 66, 8 steht geschrieben: »Ward ein Land an einem Tage geboren? Ist ein Volk auf einmal zur Welt gekommen?« Wo gibt’s denn das? Das gibt’s bei Gott! Wenn Gott einmal Sein »Aber« gegen die augenblickliche Situation Israels setzt, dann wird es so laufen.
7. Gottes »Aber« lässt aus Bösem Gutes kommen
Noch eine letzte, siebte Stelle vom »Aber Gottes« wollen wir beachten. In 1. Mose 50, 19.20 lesen wir: Josef sprach zu seinen Brüdern: »Fürchtet euch nicht, denn ich bin unter Gott. Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.« Hier findet ja die Josefsgeschichte ihr Ende. Jakob, der alte Vater, ist in Ägypten gestorben, und nun fürchten die Brüder Josefs dessen späte Rache. Darum lassen sie ihm sagen: Als dein Vater noch lebte, hat er uns aufgetragen, dir zu sagen: Vergib doch deinen Brüdern, deinen Knechten, die Schuld, die sie auf sich geladen haben! — Ich nehme an, die Brüder haben das erfunden. Wir lesen nirgends, dass der alte Jakob ihnen das aufgetragen hätte. Sie wollten damit verhindern, dass sie jetzt die Rache des Josef trifft. — Wie hat Josef darauf reagiert? Er weinte. Es hat ihn erschüttert, dass sie nach allem, was vorausgegangen war (Kap. 45), nicht glaubten: Was vergeben ist, das ist vergeben. Ebenso traurig wird Gott, wenn Seine Kinder längst vergebene Dinge, die Er in die Tiefen des Meeres geworfen hat, wieder hervorholen und sich dabei noch besonders fromm vorkommen. Das kränkt Gott. Wenn Er sagt: »Es ist vergeben«, dann ist und bleibt es vergeben.
In diesem Zusammenhang nun sagt Josef diesen herrlichen Satz: »Ihr gedachtet es böse zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.«
Da wird zunächst ganz klar stehen gelassen: »Ihr gedachtet es böse zu machen.« Mit Absicht, mit Willen haben die Brüder den Josef in die Grube geworfen, dass er dort verhungern und verdursten sollte, und ihn dann um 20 Silberstücke den vorüberziehenden Ismaelitern verkauft; dann haben sie den Vater angelogen und die Geschichte erfunden mit dem blutgetränkten Rock (1. Mose 37). »Ihr gedachtet es — ganz bewusst — böse zu machen.« Das sind die Vorfahren der heutigen Juden, aber auch wir sind aus demselben Holz geschnitzt, und wenn Gottes Barmherzigkeit nicht dazwischen tritt, kommen böse Dinge aus unserem Leben hervor. Man hilft keinem aufgeschreckten Gewissen dadurch, dass man die bösen Dinge des Lebens bagatellisiert und sagt: Nun, das war ja nicht so schlimm. »Ihr gedachtet es böse zu machen — aber Gott!« Gott gedachte es gut zu machen.
Das ist eine wunderbare Sache, wie Gott es fertig bringt, dem Menschen zunächst seinen Willen zu lassen, um es hernach doch gut zu machen. Zunächst einmal darf das Geschöpf, wie Karl Geyer zu sagen pflegte, Recht behalten gegen den Schöpfer [Geyer: Der Wille Gottes und der Wille des Geschöpfes]. Aber alle Wege des Eigenwillens laufen sich tot. Da läuft man früher oder später vor die Wand. Und dann kommt das wunderbare Aber Gottes. Gott hat ja die Sache mit dem Josef und seinen Brüdern nicht nur so notdürftig zurechtgeflickt, sondern Er hat es über die Maßen gut gemacht. Für den Josef kam ja ein Optimum heraus, ein Höchstmaß an herrlicher Wiederherstellung. Er bekam nicht nur innerlich, in seinem Geist und seiner Seele, eine ganz neue Schau von seinem Gott; nein, auch äußerlich stieg er empor bis auf den zweiten Platz nach dem Pharao. Wenn das keine Präzisionsarbeit Gottes ist! Gott gedachte es gut zu machen. Und auch der Pharao bekam von diesem Gutmachen etwas zu spüren: er wurde von dem alten Jakob gesegnet (1. Mose 47, 7.10). Und auch die Brüder haben aus all diesen Erfahrungen sehr viel gelernt und sind dazu auch noch vor dem Hungertod bewahrt worden, und mit ihnen ganz Ägypten!
Es ist wunderbar, wie Gott das fertig bringt, dass Er auf der einen Seite zunächst dem Menschen seinen Willen lässt, und der Mensch darf wollen, auch Böses wollen, für das er zur Verantwortung gezogen werden kann — und auf der anderen Seite es doch am Ende genauso herauskommt, wie Gott es will! Adolf Heller hat gern von der göttlichen »Überlogik« — nicht Unlogik — gesprochen. Was für uns Menschen nur auf zwei Schienen läuft, in zwei Gedankenbereichen sich vollzieht, das bringt Gott in eins zusammen.
Das wissen wir ja nun, liebe Brüder und Schwestern, dass Gott alles gut machen will. Warum fällt’s uns dann doch so schwer, Gott zu vertrauen? Es hängt daran, dass wir keinen Einblick und Durchblick und Überblick haben. Wieviel leichter hätte Josef im Gefängnis gelitten, wenn er gewusst hätte, was er ein paar Tage später wusste. Aber so weit konnte er noch nicht sehen. — Wieviel leichter hätte der Hiob auf seinem Krankenlager ausgeharrt, wenn er gewusst hätte, was er ein paar Jahre später wusste. Aber das wusste er vorerst nicht. Das heißt, man hat zu allen Zeiten glauben müssen und glauben können. Es geht nicht anders. Es geht nicht billiger. »Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen« (2. Kor. 5, 7). Wie groß — oder wie klein — denken wir von Gott? Dietrich Bonhoeffer hat gesagt: »Ich glaube, dass Gott aus allem — auch dem Bösesten — Gutes kommen lassen kann, wenn wir bereit sind, uns alles zum Besten dienen zu lassen.« Glauben wir das wirklich? Glauben wir das für uns, für die Gemeinde, für Israel, für die gesamte Schöpfung? Dann strömen neuer Friede und neue Freude in unser Herz. Heute haben wir noch viele Fragen. Wir sehen nur Bruchstücke vom großen Mosaik des Weltgeschehens. Wir leiden unter vielem und mit vielen zusammen. Aber wir wissen aus der Schrift von dem großen »Aber Gottes«. Alles Böse wird Er so haushoch überholen und übertreffen, dass am Ende alles, was Odem hat, Ihn loben wird. Amen.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 6/2000; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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