Das Testament des Königs David
Autor: Schirrmacher, Willy | Kategorie(n): Glaubensleben & Wandel | 637 x gelesen(Nach einer Tonbandaufnahme eines Wortdienstes in Stuttgart, Gustav-Siegle-Haus, Juni 1970)
Von einem Testament möchte ich heute Nachmittag sprechen. Ein Testament wird ja immer im Hinblick aufs Sterben gemacht, und wenn man gestorben ist, wird es veröffentlicht. Ich wünschte, daß das, was dieser Mann in seinem Testament schreibt, in unser Herz geht. Dieser Mann, der ein Testament hinterlassen hat, das nun seit über 3000 Jahren in der Bibel steht, heißt David. Er ist uns allen bekannt. Dieser David schreibt in 2. Sam. 23, was das Endergebnis seines Lebens ist, was er als sein Testament weitergibt.
Bevor ich es lese, lassen Sie mich noch ein paar Worte zum Testament als solchem sagen. Man soll Testamente nie ohne einen Juristen machen, weil es sonst leicht möglich ist, daß unliebsame Menschen es später anfechten, wenn es nicht hieb- und stichfest ist nach allen Regeln der Rechtsprechung. Vergessen Sie auch nicht, ihr Testament zu machen, damit Ihre Nachkommen nicht anfangen müssen, sich zu streiten, wer die Kommode oder die Untertasse bekommt. Die besten Freunde und die besten Gläubigen machen ihr altes Wesen offenbar, wenn es ans Erben geht. Und das ist etwas, was wir nun auch heute lernen wollen und wozu wir uns ermuntern lassen wollen: Wenn es ums Erben geht, möglichst “raffgierig” zu sein — ich sage “raffgierig” jetzt aber im guten Sinne: Sieh zu, daß du so viel wie möglich bekommst von dem, was Gottes Erbe für dich bereithält! Und da Er uns das ganze All geschenkt hat (Röm. 8, 32), so laß dir nie mit weniger genügen als mit allem, was du bekommen kannst! — Das zum Anfang. David war ein solcher Mann.
Es ist uns alles geschenkt. Wenn ich die Männer des Alten Bundes und das, was sie so als Lebensergebnis und Erbmasse aufschreiben, mit den Gläubigen von heute in ihrer oft weinerlichen, armseligen Haltung in bezug auf Gottes Geschenke vergleiche, dann frage ich mich manchmal: Haben es die Leute des Alten Testamentes besser gehabt als die Menschen nach dem Kommen Jesu? Im Alten Testament gab es so viel Freude und Freiheit, daß man sich wundern muß, was für verklemmte Menschen die Frommen heute geworden sind.
Lesen wir nun zunächst, was David in seinem Testament schreibt, und zwar möchte ich den Text erst einmal nach der Elberfelder Bibel lesen und dann bei einzelnen Punkten darauf hinweisen, wie sie Juden, besonders auch Martin Buber, wiedergeben.
2. Samuel 23: “Dieses sind die letzten Worte Davids” — also Testament; damit schließt er sein Leben ab; das ist das Ergebnis dessen, was aus seinem Leben geworden ist — “Spruch Davids, des Sohnes Isais: Es spricht der hochgestellte Mann, der Gesalbte des Gottes Jakobs, der Liebliche in Gesängen Israels.” Man kann wohl sagen: Von Bescheidenheit zeugen diese drei Bezeichnungen nicht gerade. Sollte er nicht ein bißchen demütiger sein, so fragen wir mal, oder darf er so reden? — Sind nicht viele Gläubige “verhüllte Majestäten”, wie sie ein Bruder einmal nannte? “Sie scheinen von außen oft arm und geringe … doch innerlich sind sie voll herrlicher Dinge.” Und wenn ich weiß, was mir in Christus Jesus geschenkt ist, darf ich dann auch so reden wie ein David? “Es spricht der Sohn Isais, es spricht der hochgestellte Mann, es spricht der Gesalbte des Gottes Jakobs, es spricht der Liederholde Israels”, so nennt ihn Martin Buber.
Dieser Mann sagt von sich: “Ich bin der Liederholde”. Wenn wir daran denken, was er an Liedern ausströmen ließ als Gesang- und Gebetbuch für Israel und für seinen Gott als ein Zeugnis dessen, wie Er ihm aufgegangen ist, dann müssen wir sagen: Er hat ein Recht, so zu reden. — Weiter nennt er sich “der hochgestellte Mann”. Wir müssen uns fragen: Inwieweit bin auch ich bereit, das, was Gott in mein Leben hineingeordnet hat, sei es als hochgestellter oder als tiefgestellter Mann, mit Danksagung anzunehmen?
Es ist uns alles geschenkt! Seien wir doch bitte nicht so zaghaft, als würde Er uns Seine Gaben am liebsten vorenthalten. — Laßt mich das bitte einmal in einem scherzhaften Bild sagen. Ein großer Hund mußte einen Wagen ziehen, auf dem ein Mann und hintendrauf noch ein kleiner Junge saßen. Daß der Hund keine Lust hatte, die beiden zu schleppen, kann man sich denken. Da hat der Mann eine Wurst an einen Stock gebunden und sie dem Hund so etwa 20 cm vor seine Nase gehalten. Da baumelte sie nun. Der Hund ist gerannt, wie er nur rennen konnte! Aber die Wurst rannte immer ein Stück vor ihm her. — Das ist ein ganz profanes Beispiel; aber vielleicht versteht Ihr, was ich damit sagen will: Rennt doch einmal ein bißchen hinter dem her, was Gott Euch vorhält in der himmlischen Berufung, und nehmt das doch einmal für Wahrheit!
David — war er wirklich immer ein hochgestellter Mann, war er immer ein Mann mit einer sauberen Weste? Wie wir wissen, nicht. Und doch sagt er: “Spruch Davids”. So ähnlich fangen ja auch die Reden des Gottes Israels bei den Propheten an: “Spruch des Herrn!” Was ich geredet habe, das hat der Herr durch mich geredet. Wohl dem, der das sagen kann! — Wir wollen doch Mut fassen, das, was uns geschenkt ist, uns wirklich anzueignen. Ich möchte dazu das wunderbare Wort aus 2. Petr. 1, 3 lesen: “Alles, was notwendig ist an göttlicher Kraft in betreff des Lebens und der Gottseligkeit, das hat Er uns geschenkt!” Gott schenkt uns alles das, was für uns notwendig ist. Warum jammerst du dann in deinen Gebeten so kläglich: “Ach, Herr, ich kann doch nichts, mit mir ist gar nichts los, wie bin ich so arm!” Was werden die Engel im Himmel für ein Lob geben dem, der dich erlöst hat und der dich mit Ihm auf Seinen Thron erhoben hat (Eph. 2, 6), — was werden sie für Jubellieder dem Herrn Jesus singen, wenn du so kläglich jammerst? Dann sorgt der Teufel nur erst recht dafür, daß du nicht zum Atmen kommst und nicht erkennst, was du für eine Majestät bist in den Augen Gottes!
Wenn Jesus uns vertritt vor dem Vater, so heißt das nicht etwa, daß Er immer ein gutes Wort für uns einlegen müßte. Nein, wenn Jesus mich vertritt, steht Er an meiner Stelle und sitzt an meiner Stelle auf dem Thron. Wenn dann der Vater mich anschaut, schaut Er durch Jesus hindurch mich in der Vollkommenheit Jesu Christi, denn bei Gott ist bereits der Anfang das Ende. Bei Ihm, in Ihm ist der ganze Wandel dieser Welt, die ganze heutige Not schon gar nicht mehr vorhanden, ist überwunden seit Golgatha, seit dem Tod und der Auferstehung Jesu; ja, in der geistlichen Vorausschau sogar schon von dem Augenblick an, da der Sohn aus dem Vater herausgeboren wurde. Das älteste Wort in unserer Bibel — ich habe es oft genannt — steht in Psalm 2, 7. Vor diesem Wort ist noch nie ein Wort gehört worden, und das Wort heißt “Sohn mein du” — zwei Worte nur im Hebräischen! Das sind die ersten Worte Gottes, und die sprach der Vater, als der Sohn zum erstenmal nach Seinem Bilde neben Ihm stand.
Was ist das doch für eine Tiefenschau bis in die Urtiefen der Vergangenheit und was für eine Weitenschau, wenn der Sohn schließlich einmal mit der fertigen Schöpfung vor den Vater tritt, die aus Ihm, dem Sohn, heraus geworden ist. Einmal bringt Er sie dem Vater (1. Kor. 15, 27.28) als dem Haupte, und alles ist dann Sein Körper geworden, und dann übergibt Er das All dem Vater, und der Vater übernimmt es als das Bild, das Er schon damals geschaut hat in Seinem Sohn, und dann sagt der Sohn: “Und nun, Vater, laß mich wieder bei Dir sein, wie es im Anfang war!” — Ich bin für mich persönlich überzeugt, daß von diesem Augenblick an kein Mittleramt mehr nötig ist; denn dann verkehrt der Vater mit allen Seinen Geschöpfen so, wie Er mit dem Sohn verkehrt ist in der ganzen Zeit vom Uranfang bis zu diesem Moment. Dann ist Gott alles in allem. —
Es war wunderbar, als ich das einmal fassen durfte, und das geschah in einem Augenblick in einer Fischerhütte auf der Kurischen Nehrung in einer Konferenz, die dort stattfand. Ich war gerade von Afrika gekommen, mit manchen negativen Erlebnissen belastet und glücklich darüber, hier etwas empfangen zu dürfen für den Dienst dort draußen. Und da fiel das Wort, daß einmal Gott alles in allem sein wird, und das fuhr in mich hinein wie ein Feuerbrand und erleuchtete mir die Situation Afrikas und die ganze Missionssituation und brachte mich dazu, daß ich aufhörte, Berufsprediger zu sein. Vielleicht ist diese Konsequenz damals ein Fehler gewesen, aber dieser Feuerbrand ist bis heute in mir geblieben, und er liegt darin, daß ich glauben darf, daß das, was ein David hier in diesem seinem Testament, in seiner Selbstdarstellung, in seinem Fürstenspiegel von sich gibt, Wirklichkeit ist — die hohe Berufung für ihn, wie auch für jeden, der einmal hineingerufen wird durch Jesus Christus in den Reichtum der Herrlichkeit des Besitzes des gesamten Alls für Ihn. Das hat Jesus vollbracht, und das macht Er uns deutlich durch den Heiligen Geist, so wie es eine Stunde des Heiligen Geistes war, die ich damals in jener Fischerstube auf der Kurischen Nehrung erlebte. Seit jener Zeit ist dieses Feuer nicht ausgegangen, so daß ich immer wieder bezeugen darf in vielen Versammlungen: “Er hat’s gesagt”, und darauf wagt mein Glaube zu stehen, auch wenn Dinge, wie sie David erlebte, und andere Katastrophen und Nöte der fürchterlichsten Art durchs Leben gehen können, wenn die Heiligen hingegeben werden, wie in China und Nordkorea und auf Borneo und wo immer Gläubige sind und den Weg Jesu, den Weg des Kreuzes gehen zur Herrlichkeit des Vaters.
Man nennt diese Lehre und diese Botschaft ja auch die “gefährlichste Irrlehre, die es auf der Welt gibt”. Ich sage aber: Das ist die von der Finsternis meistgehaßte Lehre, weil sie bezeugt, daß keine Finsternis Finsternis bleiben kann, weil von Anfang an der Geist Gottes über den Finsternistiefen brütet. Dieses Wort in 1. Mose 1, 2 vom “Flattern” oder “Brüten” des Geistes Gottes über den Tiefen der Finsternis, dem ganzen Grauen des Todes, kommt im Alten Testament nur noch einmal vor, und zwar in 5. Mose 32, 11. Dort ist aber nicht mehr von den Finsternistiefen die Rede, sondern vom Adler. Wenn er seine Jungen aus dem Nest geworfen hat, weil es Zeit für sie ist, die Nestwärme zu verlassen — und sie können noch nicht fliegen, und bei ihrem Flügelschlag sinken sie immer tiefer — da flattert er und fängt sie unten auf und trägt sie wieder empor, bis sie’s besser können. Das sind die beiden Stellen und die beiden Seiten. Der Geist Gottes brütet über den Finsterniswassern, und niemand wagt zu glauben, daß aus diesen Todeszuständen Licht hervorleuchten kann. Es ist auch unmöglich gewesen zu glauben bis zur Auferstehung Jesu, denn erst durch die Auferstehung aus den Toten ist Jesus als Sohn Gottes erwiesen.
Gestern sprachen wir davon, daß jede Verkündigung von Jesus Christus auch Frohe Botschaft der Rettung sein muß. Es gibt überhaupt keine Verkündigung von Jesus, die nicht Frohe Botschaft, Evangelium von der Rettung ist. Und da kann man reden über die höchsten Geheimnisse und größten Tiefen Gottes, alles ist Evangelium, denn der in der Tiefe sitzt, der weiß: Dieser Jesus spricht Sein Schöpfungswort, und dann wird es in mir Licht; und wer sich in den höchsten Höhen des Geistes befindet, weiß: Auch dort oben verliere ich nicht die Verbindung zu meinem Alltag, weil Er darüber wacht und weil Er alle Dinge in Seiner Hand hält.
“Spruch Davids, des Sohnes Isais.” David steht in einer fortlaufenden Ahnenreihe, er stellt sich nicht hin, als wäre er besser denn sein Vater, sondern er sagt: Ich bin der Sohn meines Vaters, jenes Isai, der mich noch nicht einmal für würdig gehalten hat, mit bei diesem Opferfest zugegen zu sein, als der Samuel kam. Und selbst der Prophet Samuel ließ sich täuschen durch das, was vor Augen ist, und meinte, Eliab sei der Auserwählte (1. Sam. 16). Er hatte sich schon einmal getäuscht bei einem Mann, der eines Hauptes länger war als alles Volk, bei dem Saul. Und der Heilige Geist kam auch auf Saul, aber nur an jenem Tage, und nicht weiterhin. Und nun diese sieben Söhne des Isai — was für eine Pracht! Aber der Kleine, der die Schafe und die Ziegen hütete, dem man das Großvieh noch nicht einmal anvertraute, — als der kam, sprach der Geist Gottes: “Der ist’s! Den salbe!” Und dann wurde er inmitten seiner Brüder gesalbt.
“Es spricht der hochgestellte Mann, der Gesalbte des Gottes Jakobs.” Mir ist es auch wichtig, daß Er hier der Gott Jakobs heißt und nicht der “Gott Israels” genannt wird. David hätte das Recht dazu gehabt, denn das Volk war das Volk Israel! Jakob ist der Krumme, der Überlister. “Jakob”, dieser Name erinnert an die Wurzel und an die Knotenpunkte seines Lebens. Was war doch dieser Jakob für ein Mann des Betrugs! “In seiner Hand ist eine Waage des Betrugs”, heißt es in Hosea 12, 8. Und doch ist er ein anderer geworden! Das erleben wir auch heute wieder. Was heute in Israel ist, ist Jakob, der Jakob, der seine Winkelzüge macht, der alles Mögliche unternimmt, um sein Ziel zu erreichen – und er wird es erreichen, weil der Gott Jakobs hinter ihm steht. Aber Er will ihn nicht als Jakob behalten! Er soll Israel werden, der für seinen Gott siegt.
“Der Gesalbte des Gottes Jakobs!” Ein Gesalbter! Das ist ihm das Wesentlichste, damit beginnt er. Das ist es, was ihn zum hochgestellten Manne macht. “Der Geist des Herrn ist auf mir, darum daß Er mich gesalbt hat.” — Hast du eigentlich mit dem Heiligen Geist und der Salbung des Heiligen Geistes in deinem Leben ernst gemacht? Das ist eine ganz wichtige Frage, die ich jetzt einmal stelle. Von ihrer Beantwortung hängt es ganz wesentlich ab, ob du am Ende deines Lebens einmal, wie man so fromm sagt, nur eines zu rühmen hast, nämlich: “Das Blut des Lammes Gottes hat mich erlöst.” Das ist herrlich und schön und wird so gerne gehört. Aber der David hatte am Ende seines Lebens andere Dinge zu rühmen! Hast du nicht mehr zu rühmen? Erlösung ist Geburt; rühmst du dich am Ende deines Lebens, wenn du dein Vermögen vermachst, dessen, daß du geboren bist? Das ist doch eine Selbstverständlichkeit, das erwähnst du in deinem Testament gar nicht mehr! Beim Testament ist doch die Hauptsache nicht, daß du geboren worden bist, sondern es geht darum, was aus deinem Leben wurde! Und das vermittelt dir der Heilige Geist. Was kann der Heilige Geist dir alles geben aus der Fülle Seiner Gnadengaben! Was hast du für eine Gnadengabe? Hat dir schon einmal jemand die Hände aufgelegt, damit du eine Gabe bekommst, die du im Aufbau der Gemeinde verwenden kannst? Keine der Gnadengaben gibt es zum eigenen persönlichen Nutzen — vielleicht außer dem Reden in Sprachen. Alles andere gibt es nur, damit die Gemeinde gebaut werde. Das ist auch immer der Grund, warum ich frage: Wo hast du deinen Platz in einer Gemeinde? Gewiß ist eine solche Konferenz, wie wir sie heute hier haben, auch “Gemeinde” im Sinne der allgemeinen Zugehörigkeit zu Jesus Christus, ohne daß wir fragen, aus welchem Kreis jemand kommt. Aber welche Aufgabe hast du hier für deinen Nachbarn? Welche Gnadengabe kannst du ihm zugute kommen lassen? Du kennst ihn oft noch nicht einmal. Du weißt nicht einmal, woher er kommt, weißt nicht, welche geistliche Uniform er trägt.
Kennen wir eigentlich die Wirklichkeit des Heiligen Geistes? — Weißt du etwas vom Geiste der Weissagung? — Hast du den “Geist des Rates” (Jes. 11, 2)? — Kannst du in den Fragen raten, die an dich herankommen? — Warum muß man eigentlich immer die dienenden Brüder so belagern in den Aussprachestunden? Die haben nicht mehr vom Heiligen Geist, als du haben kannst! Sie haben vielleicht eine spezielle Ausrüstung für einen speziellen Dienst, den sie tun, aber was die Quantität und Qualität des Geistes anbetrifft, haben wir dienenden Brüder nicht mehr als irgendein anderer Bruder für seine Aufgabe, die der Heilige Geist ihm stellt. Das ist die Frage, die ich Ihnen heute mitgeben möchte anhand dieses Testamentes Davids, des Gesalbten.
“Der Geist des Herrn hat durch mich geredet, und Seine Erlasse waren auf meiner Zunge. Es hat gesprochen der Gott Israels, es hat zu mir geredet der Fels Israels.” (2. Sam. 23, 2-3a.) — Nun, wenn man das so hört, sagt es einem zunächst wenig, und doch ist alles von Bedeutung. Der “Geist des Herrn” heißt auf hebräisch “ruach”. Martin Buber übersetzt das mit dem alten deutschen Wort “Ruch” — der Ruch des Waldes, wir gebrauchen das Wort noch in “Geruch”. “Ruch” ist das alte Wort für das, was füllt, etwa einen Raum füllt, und das gebraucht Martin Buber, weil “ruach” zusammenhängt mit einem Wort, das “Raum machen” bedeutet. — Wenn ich hier einmal ein ganz praktisches Wort sagen darf: Helfen wir doch mit, daß unsere so schöne, reiche, gefüllte deutsche Sprache nicht durch lauter Fremd- und Schlagworte wie “Okay!” — “Genau!” usw. entwertet wird, wie das heute üblich ist! Laßt uns das auch als eine Aufgabe mitnehmen, die der Heilige Geist uns gibt.
Der Raum machende Geist, sagt David, hat durch mich geredet. Das kannst du jeden Tag erleben, zu jeder Stunde! Wenn du irgendwo mit jemand zu sprechen hast, dann kannst du merken, ob der Geist Gottes durch dich Raum hat. Dazu ein praktisches Beispiel: Da kommt ein Bruder zu einem anderen und sagt etwas über einen Dritten. Der hört sich das still an und sagt dann zu dem andern: “Schön, daß du mir das sagst; aber ich möchte dich um etwas bitten: Wiederhole das, was du gerade gesagt hast doch einmal ins Angesicht Christi hinein! Sag Ihm das bitte einmal, was du mir jetzt gesagt hast!” Da ist der andere kreideweiß geworden und hat gesagt: “Das kann ich nicht.” So spricht der Heilige Geist durch einen Bruder, der Ihm Raum gemacht hat für die göttliche Wirklichkeit, und dann kannst du vieles nicht mehr sagen, was du sonst sagen würdest. Es gibt Dinge, die um der Wahrheit willen ausgesprochen werden müssen, aber in den meisten Fällen kann man’s auch unterlassen und es dem Herrn überlassen.
“Sein Wort war auf meiner Zunge.” Für “Wort” steht da ein Ausdruck, der für Regierungserlasse in damaliger Zeit gebraucht wurde. “Seine Erlasse waren auf meiner Zunge.”
“Es hat zu mir gesprochen der Gott Israels.” Hier steht ein Wort, das soviel heißt wie “Bericht gegeben”. Durch mich gab Gott Bericht über Seine Absichten. “Und es hat zu mir geredet der Fels Israels.” Da steht ein anderes Wort, das bedeutet: Durch mich sind die Offenbarungen, die Hüllenhinwegnahmen Gottes ausgesprochen worden. Meine Geschwister, es gibt nur einen Mann, der über das Bericht gegeben hat, was in den drei Tagen und drei Nächten im Tode mit Jesus geschah, und das ist David in seinen Psalmen. Das sind die Psalmen, die unter dem “Vorsänger”-Titel stehen, in denen David im Geist das miterlebt, was der Sohn später im Totenreich drunten durchzustehen hatte. Mehr als 50 Psalmen reden von dem Grauen, durch das der Sohn Gottes ging, als Er im Totenreich weilte, ganz auf sich allein gestellt. In Seinem eigenen Geist mußte Er hinuntergehen, denn der Geist, den Er bei der Taufe empfing, hatte Er dem Vater zurückgegeben. Aber im Heiligen Geist wurde Er lebendig gemacht und als Sohn Gottes erwiesen. Davon hat nur David etwas geschaut! Das wußte keiner der Evangelisten des Neuen Testaments. Für sie schloß sich mit dem Stein vor dem Grab die Geschichte Jesu und begann erst wieder, als der Stein weggerollt war und Jesus zu ihnen sprach. David aber schaut nicht nur die Gebote Gottes für Sein Volk, er schaut hinunter in die Geheimnisse der Totenkammern und in das Leiden der Seele Jesu da drunten.
Wir wollen uns jetzt beschäftigen mit Davids Dienst und seiner Wirkung auf die Menschen. Das betrifft vielleicht in erster Linie die dienenden Brüder, aber wenn wir uns in der Aufgabe der Sendung sehen — und da ist niemand ausgenommen —, dann betrifft es jeden einzelnen. Wie kommt das Wort, das du sagst, bei deiner Nachbarin an?
Es ist fast ungeheuerlich, was hier steht (2. Sam. 23, 3b-4): “Ein Herrscher über den Adam, ein Herrscher in Gottesfurcht; wie das Lieht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein wolkenloser Morgen; von ihrem Glanze nach dem Regen kommt junges Grün auf die Erde.” Das ist ein Wort! Ein Herrscher über den Adam, ein Herrscher in Gottesfurcht. Können wir das von unserem Dienst auch sagen? Sproßt junges Grün auf wie an einem wolkenlosen Morgen nach dem Regen? Das ist sein Dienst und die Wirkung auf die Menschen.
So aber hat sein Gott von seinem Dienst geredet. Denn der Fels Israels hat zu David gesprochen; dahinter steht in der Elberfelder Bibel ein Doppelpunkt! Das ist das Zeugnis, das sein Gott ihm gibt. Was ist dieser Gott Israels doch für ein Gott! Der David hatte 30 Frauen. Dann hatte er jenen Fall des Ehebruchs mit der Bathseba und jenen furchtbaren Urijas-Brief geschrieben; er wurde zum Kameraden-Mörder und machte den Generalfeldmarschall zum Mitwisser eines Mordes an einem seiner treuesten Generäle. Er war zwar kein Israelit, er war ein Hethiter und gehörte zu den Völkern, die sich zum Teil zu Israel hielten. — Dieser Mann David wagt es in seinem Testament, solche Rede Gottes von sich zu geben! Wenn bei irgendeinem Bruder oder einer Schwester einmal etwas nicht stimmt — und bei wem wäre das nicht an irgendeinem Punkt seines Lebens der Fall gewesen! — und es erfahren die andern, dann ist es meist für das ganze Leben aus, es ist wie ein Reif, der in der Frühlingsnacht fällt. Und die Wirklichkeit, daß wir durch die Erlösung in Jesus Christus vor dem Vater stehen, wie am ersten Tage der Sohn Gottes vor Ihm stand, heilig und tadellos, von dieser Wirklichkeit ist dann so wenig in der Beurteilung unseres Mitbruders in der Gemeinde zu merken. Wir tragen so oft nach, wir können nicht vergeben und nicht vergessen und beschuldigen den andern, und wenn schon 50 Jahre vergangen sind!
Gerade dieses Furchtbare, das in Davids Leben war, das hat Gott gegenüber den Königen, die nach ihm waren, und denen Er den David als Modell eines ungeteilten Herzens hinstellt, nie mehr erwähnt – das heißt, gegenüber den Fremden, den Königen des Nordreichs, hat Er diesen Fall nie mehr erwähnt. Den Königen Judas gegenüber fügt Er immer hinzu: “außer in der Sache des Urijas Weib”. Er verdeckt da nichts; aber indem Er es sagt, zeigt Er auch, daß Er ein Gott ist, der vergibt, und der dennoch diesen Mann segnet mit einer solchen Fülle, mit einem solchen Reichtum, daß es neutestamentlich anmutet, wenn wir es etwa in Parallele setzen zu dem, was Paulus sagt und was der Gemeinde geschenkt ist durch den Heiligen Geist. David hatte auch Heiligen Geist! “Nimm den Geist, den heiligen, nicht von mir!” sagt er nach seiner Sünde in seinem Bußpsalm. O was ist die Vergebung für ein Geschenk! Du stehst da, als hättest du nie gesündigt! Das ist die Erlösung: frei zu sein, als hätten wir nie gesündigt! Das kannst du immer wieder erleben in all deiner Schwachheit.
Da sproßt dann junges Grün aus der Erde, da beginnt dein Leben neu, auch wenn du vielleicht ein alter Mann geworden bist, du bist ganz neu da für deinen Gott!
Nun erfahren wir im 5. Vers etwas von dem Zustand seines Hauses. Martin Buber hat es etwas anders übersetzt als die Elberfelder. Wir denken da an das Haus unserer Familie, an unsere Kinder, an unsere Schwiegersöhne und Schwiegertöchter, an die Verwandtschaft. David sagt: “Denn ist nicht mein Haus so durch El?” (durch den höchsten Gott, den Vater des Herrn Jesu) — “denn Er hat einen Bund festgemacht, geordnet durch alles hindurch und verwahrt; ja, alle meine Freiheit, alle Lust, ja, IHM lasse ich’s zusprießen.”
Er sieht sein Haus durch den höchsten Gott gegründet. Könnte das jeder Gläubige heute auch sagen? Wohl kaum. Dennoch kannst du es sagen in der prophetischen Schau auf das Ende hin. Gott wußte ganz genau, auch als du noch nicht gläubig warst, welchen Partner du bekommen würdest. Er wußte ganz genau, welche Kinder du mit deinem Partner haben würdest. Er weiß ihre Wege, sie sind alle geordnet bei Gott. Er brütet auch über der Finsternis; Er brütet auch über den verlorenen Söhnen und Töchtern; Er ist der, den du zu jeder Zeit rufen kannst und der zu jeder Tages- und Nachtzeit immer für dich da ist. — “Ist nicht mein Haus so durch El?” Das kannst du auch erleben, probier’s einmal, indem du deine Angehörigen liebst und lobst und segnest!
“Denn Er hat mir einen Bund festgemacht.” Dieser Bund ist geschlossen in Christus Jesus ein für allemal für die gesamte Schöpfung. Gott hat einen Bund gemacht auf Weltzeit, für die Welt, dafür hat Er den Bogen in die Wolken gesetzt, für alle Menschen und Kreaturen. Gott hat einen Bund gemacht mit Abraham, das heilige Land betreffend, und keine Macht der Welt kann diesem Jakob/Israel das Land streitig machen. Es wird Bedrängnis über Israel kommen, so daß viele Gläubige sagen werden: Es lohnt nicht, jetzt geht es doch zu Ende, jetzt wird man sie ins Meer treiben! Nichts davon wird geschehen! Gott wird eingreifen, und die feindlichen Raketen werden ihre Ziele nicht treffen, wie das jetzt schon geschah, und dann redet man von “technischen Fehlern”. Was haben wir doch für einen Gott, der uns hineinschauen läßt in Seinen Rat.
“Ist nicht mein Haus so durch EI? – Er hat einen Bund festgemacht; Er hat ihn geordnet durch alles hindurch” — auch durch die Fehler eines David hindurch, auch durch den Ehebruch hindurch, auch durch den Tod des Kindes und die Bußnacht hindurch, auch durch das Offenbarwerden vor dem Nathan — durch alles hindurch! O glaub es doch; das gehört zu unserem Reichtum. Geordnet durch alles hindurch, und verwahrt. Gott wird hier der “schomer” genannt; Er ist der, der auf Seine Heiligtümer achtet. Es gibt einen ganzen Psalm, der dem Schomer, dem Hüter gewidmet ist, das ist der Psalm 121. Lies diesen Psalm einmal! Aus dem Wort “Hüter” entwickelt sich der ganze Psalm. Der Hüter, der nicht schläft noch schlummert, Er hat es geordnet durch alles hindurch.
Und nun zieht David die Bilanz. “Ja”, sagt er, “all meine Freiheit (oder: Rettung), alles Begehren (alle Lust), ja, IHM zu lasse ich es sprießen.” So strömt es aus zum Lobpreis seines Gottes am Ende seines Lebens.
Und dann spricht er noch zuletzt von dem Schicksal der Finsternis und der Gegner Gottes. Dabei denkt er an all das, was ihn umgeben hat als Not, angefangen von seinem Schwiegervater Saul über all die Menschen der Bosheit, einen Simei, der ihn verfluchte — alle diese Belialsmenschen sind wie Dornen, die man wegwirft, mit der Hand faßt man sie nicht an, und mit Feuer werden sie verbrannt (V. 6-7).
Meine Geschwister, was ist eigentlich die tiefste Ursache, daß David so reden kann? Drei Dinge bestimmen Davids Verhalten:
a) Er räumte Gott den ersten Platz in seinem Vertrauen ein. “Nur auf Gott vertraut still meine Seele.” Wir setzen unser Vertrauen so oft auf Menschen und verzweifeln, weil diese Menschen uns zum Verzweifeln bringen. Setze es auf Gott! Frage nicht nach Menschen!
b) Er räumte Gottes Ansprüchen an ihn den ersten Platz ein (Psalm 89, 19-20.28-33).
c) Er räumte Gottes Vertrauen zu ihm den ersten Platz ein. “Glückselig”, sagt er in Psalm 65, 4, “die Du herzunahen lässest!” Das ist die dankbare Anbetung, daß sich Gottes Huld und Gnade in Christus Jesus zu dir, zu mir und zu ihm geneigt hat.
Er räumte Gott den ersten Platz in seinem Vertrauen ein — er räumte Gottes Ansprüchen den ersten Platz ein — und er räumte Gottes Vertrauen zu ihm den ersten Platz ein.
Gott schenkt sich uns im Menschen Jesus Christus. Laß dich durch Ihn verwandeln, indem du Seinen Geist begehrst mit ungeteiltem Herzen, und was dein Herz begehrt, wird Er dir geben, und dir nichts vorenthalten, weil Er Seinen Bund in Christo Jesu festgemacht hat. Amen.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1/1971; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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