Zwei Bündnisse — das zur Knechtschaft und das zur Freiheit
Autor: Schacke, Martin | Kategorie(n): Das prophetische Wort, Heilsgeschichte, Lehre | 956 x gelesenDie Stelle Gal. 4, 22-26 handelt von den beiden Söhnen Abrahams (Gal. 4, 24-26), von Ismael und von Isaak. Ismael war von der Hausmagd Hagar, von der Unfreien, geboren; Isaak war der Sohn göttlicher Verheißung und war von der Freien geboren. Der Apostel Paulus folgert, dass das einen bildlichen Sinn habe; beide Frauen stellten zwei Bündnisse dar: die eine das vom Berg Sinai, das zur Knechtschaft führe, und die andere das der Verheißung, das die Freiheit bedeute.
Um es gerade vorwegzunehmen: Es ist hier nicht vom Gegensatz zwischen dem alten und dem neuen Bund die Rede, der alte und der neue Bund gelten dem Volk Israel (Jer. 31, 31-34; 32, 39-41; 33, 7-9; Hes. 11, 17-20; 36, 22-27; 5. Mose 30, 1-6).
Es geht dem Apostel Paulus hier um die beiden Linien, die Gott von Abraham her durch seine ganze Heilsgeschichte gezogen hat: die geistliche und die fleischliche Linie, die Linie der natürlichen Abstammung und die Glaubenslinie, die Linie der Knechtschaft und des Gesetzes und die Linie der Freiheit und des Segens.
Gewiss hat Gott sein Heil schon vor Abraham Menschen wie Abel, Henoch und Noah erfahren lassen. Hebräer 11 bezeugt uns ihren Glauben. Und wie echt dieser war, geht ohne Zweifel aus dem Zeugnis über Henoch hervor. Er wandelte dreihundert Jahre mit Gott und “hatte das Zeugnis, dass er Gott wohlgefallen habe”. Ihn hat Gott entrückt, d. h. ohne Tod hinweggenommen (1. Mo. 5, 22-24; Hebr. 11, 5.6). Aber die Heilsgeschichte hat Gott doch erst mit Abraham (damals noch Abram) begonnen. Gott hat es für gut befunden, mit dem Anfang seiner Heilsgeschichte zuzuwarten, bis die Nachkommenschaft Noahs sich in Völkerschaften geschieden und dadurch eine entsprechende geographische Ausbreitung erfahren hatte. Darum liest man im ersten Buch Mose wörtlich erst in Kapitel 15, und zwar im Zusammenhang mit Abraham, vom Glauben eines Menschen und von der Gerechtigkeit Gottes. Auch wird erst bei Abraham deutlich, wie Gott einen Menschen den Weg des Glaubens führt und wie er ihm ganz neue Erkenntnisse schenkt.
Abraham durfte schon bei der ersten Gottesbegegnung — sie fand noch in Mesopotamien statt — in seinem Herzen erfahren, daß er es mit dem Gott der Herrlichkeit zu tun hatte (Apg. 7, 2). Auch ist Abraham der erste, den Gott für sich haben will. Die Aufforderung 1. Mo. 12, 1 heißt eigentlich: “Geh für dich allein!” Gott will ihn abgesondert wissen. Ebenso darf Abraham den Segen Gottes des Höchsten erfahren (1. Mo. 14, 19.20). Gott begegnet ihm des öfteren, macht ihn zu einem Anbeter (1. Mo. 12, 7.8; 13, 4.18). Abraham ist zwar ein Fremdling im verheißenen Land, doch Gott sagt ihm deutlich, dass er sein Schutz und Schirm sowie sein sehr großer Lohn sein will (1. Mo. 15, 1). Etwas später gibt Gott sich dem Abraham als der Allmächtige kund, der auch dann noch einen Sohn als Erben schenken kann, wenn die natürlichen Fähigkeiten der wartenden Eltern schon erloschen sind (1. Mo. 17, 1ff.). Daraufhin macht Gott mit Abraham einen Bund, den Bund der Beschneidung, in dem Gott zusagt, dass er nicht nur dem Abraham, sondern auch seinen leiblichen Kindern nach ihm Gott sein werde. Das bedeutet, dass Gott die Verpflichtung übernimmt, jeden der beschnittenen Nachkommen Abrahams geistlich so zu führen, dass Jahwe ihm sein Gott sein kann. Das ist eine Aufgabe, die, wie die Geschichte Israels bis in unsere Tage gezeigt hat, Gott zum Hauptverantwortlichen macht und ihm eine enorm große Verpflichtung auferlegt, insbesondere, wenn wir an die oben genannten Bibelstellen Jer. 31, 31-34 etc. denken.
Dass Gott der Alleinverpflichtete sein will, hat er dem Abraham schon 1. Mo. 15, 1-18, insbesondere Vers 17, gezeigt.
Von diesen verschiedenen Begegnungen Gottes mit Abraham und dessen Reaktion ist es zur Bezeugung seines Vertrauens nur noch ein Schritt. Diesen tut Gott. Er tut es zweifach. Zuerst bei der häuslichen Tischgemeinschaft mit Abraham und dann auf der Anhöhe, der Stadt Sodom gegenüber. Im einen Fall geht es um eine Lebensverheißung, im anderen Falle um ernstes Gericht. Bei der ersten Begebenheit sagt Gott: “Zur Zeit des Lebens werde ich wiederkommen, und Sara wird einen Sohn haben” (1. Mo. 18, 10, wörtl. Übersetzung); bei der zweiten sagt Gott zu den ihn begleitenden Engeln oder vielleicht auch im Selbstgespräch — wir wissen es nicht: “Sollte ich vor Abraham verbergen, was ich tun will? … Denn ich habe ihn erkannt, dass er seinen Kindern befehle, den Weg Jahwes zu bewahren, Gerechtigkeit und Recht zu üben, damit Jahwe auf Abraham kommen lasse, was er über ihn geredet hat” (1. Mo. 18, 17-19). Schließlich hat Gott den Abraham noch durch tiefe Not zum Glauben an die Auferstehung geführt, indem er die Opferung Isaaks, des einzigen Sohnes Abrahams, forderte. Durch den Gehorsam ist in Abraham der Glaube lebendig geworden, dass Gott die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ins Dasein ruft (1. Mo. 22).
Diese kurze Übersicht über das Glaubensgeschehen mit Abraham dürfte zeigen, dass die Annahme, die ich oben kurz angedeutet habe, richtig ist, dass Gott seine Heilsgeschichte mit Abraham beginnt.
Die Söhne Abrahams von der Abstammungslinie
Die Juden, die mit dem Herrn Jesus stritten, sein Gotteszeugnis nicht ertragen konnten, ihn schon bald nach seinem öffentlichen Auftreten zu töten suchten und ihn schließlich ans Kreuz brachten, waren nicht nur stolz auf ihre Tradition, auf die unbestrittene Tatsache, dass Gott allein ihr Volk als sein Volk auserwählt und ihm seine Aussprüche anvertraut hatte. Sie waren auch stolz auf das Gesetz und insbesondere stolz auf ihre Abstammung von Abraham (Joh. 8, 39). Aber schon Johannes der Täufer musste sie ernsthaft ermahnen: “Bringet nun der Buße würdige Früchte; und beginnet nicht bei euch selbst zu sagen: ‘Wir haben Abraham zum Vater’; denn ich sage euch, dass Gott dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken vermag» (Lk. 3, 8).
Bei Abraham war der Glaube der Ausdruck göttlicher Kontaktverwirklichung. Dasselbe sehen wir bei so manchen alttestamentlichen Glaubensmännern. Sie hatten nicht diese Fülle von Glaubenstatsachen, die uns heute durch den Geist Gottes aus der Schrift im Herzen lebendig gemacht werden. Aber sie hatten das Selbstzeugnis Gottes, das ihnen 1. Mo. 34, 5-7 aufgezeichnet war: “Jahwe, Jahwe, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und groß an Güte und Wahrheit, der Güte bewahrt auf Tausende (Geschlechter) hin und Sünde vergibt, — aber keineswegs hält er für schuldlos den Schuldigen, — der die Ungerechtigkeit der Väter heimsucht an den Kindern und Kindeskindern, am dritten und am vierten Gliede”. Sie kannten ferner manche gnadenvolle Begebenheiten und Aussagen, die in der Thora (den fünf Büchern Mose) festgehalten waren. Dann dienten ihnen bald einmal auch die Psalmen und die Propheten.
Diesen Nachkommen Abrahams war zuallererst der Bund der Beschneidung gegeben. Er bedeutete, dass sie Gott gehörten und dass er ihr Gott sein wollte und sein sollte in allen ihren Lebenslagen. Dadurch stand jeder beschnittene Nachkomme Abrahams in einem Gottesverhältnis. Dieses Gottesverhältnis hat Gott aufrecht erhalten bis zum heutigen Tag, wiewohl das Volk Israel durch Götzendienst sich von ihm abgewandt hatte. Wie schnell es bereit war, selbstgemachte Götter zu umjubeln und anzubeten, zeigt das Geschehen mit dem goldenen Kalb. Die vierzigtägige Abwesenheit des Mose auf dem Berg Sinai, um die Vorschriften für die Einrichtung der Bundeslade, der Stiftshütte, des Priesterdienstes mit seiner Kleidung und die Tafeln des Gesetzes aus der Hand Gottes zu empfangen, hatten genügt, nicht nur das goldene Kalb zu schaffen, sondern auch den ganzen Götzendienst einzurichten und sämtliches Volk für diesen Teufelsdienst einzunehmen. Offenbar gab es keine Gegner im Lager, Gegner solchen Treubruchs gegen Jahwe, der sie vor etwas mehr als vier Monaten wunderbar durch das Rote Meer gerettet, der sie in der Wüste mit Manna und Wachteln versorgt und ihnen Wasser so frisch aus dem Felsen fließen ließ, wie sie es im Land Ägypten nie hatten trinken können.
Und dann das Gesetz. Es war heilig, gerecht und gut (Röm. 7, 12). Ohne Zweifel war es von Gott gegeben, wiewohl es von Engeln angeordnet war (Apg. 7, 53; Gal. 3, 19). Das Gesetz galt dem Volk Israel als göttliche Richtschnur, es war ein Zuchtmeister auf Christus hin (Gal. 3, 24). Es sollte diesem Volk zum Bewusstsein bringen, dass es zu einem Gott wohlgefälligen Leben und Wandel ganz auf die Hilfe Gottes angewiesen war. Vielleicht gerade deshalb hat Gott das Gesetz gegeben, weil das Volk kein Einsehen hatte. Denn schon Mose musste bezeugen: “Aber Jahwe hat euch nicht ein Herz gegeben zu erkennen, und Augen zu sehen, und Ohren zu hören, bis auf diesen Tag” (5. Mo. 29, 4). Über diesen Mangel an Einsicht muss dann auch der Prophet Jesaja klagen: “Hörend höret, und verstehst nicht; und sehend sehet und erkennet nicht” (Jes. 6, 9). Doch auch zur Zeit des Erdendaseins des Sohnes Gottes war es nicht anders geworden. Er musste sagen: “Darum rede ich in Gleichnissen zu ihnen, weil sie sehend nicht sehen und hörend nicht hören noch verstehen” (Mt. 13, 13).
Der Fluch, den das Gesetz ausgesprochen hatte (5. Mo. 27, 26), ist über dieses Volk gekommen. Fast ist man versucht zu sagen, dass dieser seinen Kulminationspunkt erreicht hatte, als die Juden ihrem göttlichen Messias gegenüberstanden und er ihnen göttliche Botschaft brachte. Sie konnten, ja sie wollten nicht hören, was der Sohn Gottes ihnen zu sagen hatte. Sie hatten durch gezielte, Jahrhunderte dauernde Sinndeutung das Gesetz in mehrere Tausend Einzelvorschriften aufgespalten und machten es damit für sie schließlich unwirksam. Es blieb nur noch anwendbar für den Einzigen, den sie Gotteslästerer nannten, und für den sie es vor Pilatus angewendet wissen wollten mit den Worten: “Wir haben ein Gesetz, und nach diesem muss er sterben” (Joh. 19, 7).
Hat Gott sie deshalb aus dem Gottesverhältnis entlassen? Grund dazu hätte er gehabt. Doch Gott ist Gott. Er bleibt seinen Verheißungen treu, mag geschehen, was will! Nein, er hat diesem ungläubigen Judenvolk, nachdem es den ihm von Gott gesandten Messias umgebracht hatte, dadurch eine weitere Gelegenheit zur Umsinnung und Umkehr gegeben, dass er an dem auf die Kreuzigung und Auferstehung folgenden Pfingsten zu Jerusalem eine teilweise Erfüllung der alttestamentlichen Geistesverheißung schenkte (Joel 2, 28 ff.; [3, 1 ff.]). Und diese Geistesausgießung verband Gott dermaßen mit einer Fülle von Gaben, Wundern und Zeichen, dass innerhalb kurzer Zeit nicht nur Jerusalem, sondern auch ganz Judäa voll waren des Geisteszeugnisses von der Auferstehung und Verherrlichung des gekreuzigten Christus.
Aber diese Gelegenheit zur Umsinnung und Umkehr wurde nur von einer kleinen Minderheit des Volkes genutzt. Gewiss waren auch nicht wenige Priester dabei (Apg 6, 7). Aber die maßgebenden Hauptleute des Volkes fühlten sich in ihrer Selbstgerechtigkeit, in ihrem Ansehen und ihrer Ehre herausgefordert und versuchten, das verhasste Christuszeugnis, das ihnen auf Schritt und Tritt machtvoll begegnete, zu zerstören. Viele der an den auferstandenen Christus glaubenden Juden wurden getötet. Nachdem auch der Geisteszeuge Stephanus vor ihren Richterstuhl gezerrt worden war, dessen geistesmächtigem Reden sie nicht gewachsen waren, haben sie ihn durch falsches Zeugnis und gemeinen Mord zum Schweigen gebracht, indem sie ihn steinigten (Apg. 6, 10-7, 60).
Das hat der Heilsgeschichte Gottes eine Wende gegeben, indem Gott auf das hin den Saulus vor den Toren von Damaskus aus seiner bisherigen Bahn geworfen und für sich in seinen Dienst genommen hat (Apg. 9).
Die Wende bedeutete für die Söhne Abrahams von der Abstammungslinie Gericht, und zwar Gericht bis heute, für die Söhne von der Glaubenslinie hingegen war es weite Öffnung des Heilsweges auf Grund neuer Gottesoffenbarungen. Für die leiblichen Nachkommen Abrahams blieben der Beschneidungs- und der Sinaibund bis zum heutigen Tag in Kraft. Die Söhne des Glaubens wurden den Beschneidungs- und Gesetzesvorschriften jedoch nicht unterworfen. Gott hat sie mit dem auferstandenen Christus einsgemacht; im Blick auf sie gebraucht die Schrift den bemerkenswerten Ausdruck: “in Christus Jesus”.
Die Söhne Abrahams von der Glaubenslinie
Für sie ist der Ausgangspunkt der Glaube Abrahams. Nicht, dass es einen Glauben Abrahams gegeben hätte, der, auf andere übertragen, für sie heilsam gewesen wäre. Keinesfalls! Aber für Gott und seine Heilsgeschichte ist der Glaube Abrahams charakteristisch; er trägt die Merkmale eines von Gott gewirkten, geförderten und durch viele Jahre hindurch vertieften Ausdrucks der Begegnungen und Verbindung mit Gott. Diesen Glauben, der schließlich Gott im Herzen Abrahams zum Herrn über Tote und Lebendige machte (1. Mo. 22; Röm. 4,:17; Hebr. 11, 19), hat Gott schon zu Anfang, d. h. bei der ersten Erwähnung (1. Mo. 15, 6), dadurch belohnt, dass er den Abraham rechtfertigte.
Der Apostel Paulus schreibt Röm 4, 11, dass Abraham das Zeichen der Beschneidung als Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens empfangen hatte und fügt erklärend hinzu, dass sie das Siegel des Glaubens sei, den er im Unbeschnittensein hatte. Ihm ist diese Feststellung wichtig wegen des unguten Einflusses der judenchristlichen Eiferer für das Gesetz. Darum fährt er am Schluss des 11. und im 12. Vers fort: “damit er (Abraham) Vater aller sei, die im Unbeschnittensein glauben, damit ihnen die Gerechtigkeit zugerechnet werde; und Vater der Beschneidung, nicht allein derer, die aus der Beschneidung sind, sondern auch derer, die in den Fußtapfen des Glaubens wandeln, den unser Vater Abraham hatte, als er unbeschnitten war”.
In diesen Versen macht Paulus deutlich, dass der entscheidende Glaube, der zur Rechtfertigung führte, dem Abraham schon in seinem Zustand des Unbeschnittenseins gegeben wurde. Und wenn wir die entsprechenden Berichte im 1. Buch Mose nachlesen, können wir feststellen, dass zwischen der Rechtfertigung auf Grund des Glaubens Abrahams und der Anordnung der Beschneidung eine Zeit von mehr als einem Jahrzehnt vergangen war. Es ist deshalb unrichtig, Abraham und seinen Glauben unbedingt mit dem Gesetz in Verbindung zu bringen.
Gerade das will Gott in seinem Wort hervorgehoben wissen, dass Abraham Gott glaubte und gerechtfertigt wurde, als von Beschneidung noch lange nicht die Rede war. Denn Abraham sollte auch Vater all derer werden, die im Zustand des Unbeschnittenseins in den Fußtapfen des Glaubens Abrahams wandelten. Es gefiel Gott, dem Glauben Abrahams eine weitreichende Folge zu geben, alle Glaubenden aus dem Nichtbeschnittensein, d. h. alle diejenigen Heiden, die in den Fußtapfen des Glaubens Abrahams wandeln, in eine einzige Linie mit Abraham zu stellen und diesen ihnen zum Vater des Glaubens zu machen. Das bedeutet ganz und gar nicht, dass sie den Weg der Beschneidung gehen und wie die leiblichen Nachkommen des Erzvaters dem Gesetz vom Sinai unterworfen sein müssten. Es bedeutet vielmehr, dass sie Gott glauben, dass das Wort, das Gott zu ihnen redet, in ihnen lebendig wird und dass sie dieses ihnen lebendig gemachte Wort im Alltag auch ausleben. Daher mag ihnen nach dem Fortschreiten der Weltenuhr Gottes manches von Gott in Christus Jesus geoffenbart sein, das Abraham noch verborgen war. Deshalb sind sie — infolge des Glaubens — dennoch Söhne Abrahams (Gal. 3, 7).
Mit anderen Worten: Gott gefiel es, die geistliche Linie, die er in seiner Heilsgeschichte mit Abraham verband und auf ihn zurückführte, die Linie der Glaubenden, hochzuziehen, um diese Glaubenden, die dem Bürgerrecht Israels fern, einst ohne Gott, ohne Christus und ohne irgendeine Verheißung in der Welt waren (Eph. 2, 12), mit dem Reichtum seiner Herrlichkeit und der Fülle seiner Gnade zu begaben. Aber noch mehr! Gott hat diese Glaubenden, zu der auch eine Minderheit christusgläubiger Juden gehört (Röm 16, 7; Gal. 1, 22), schon vor Grundlegung der Welt dazu bestimmt, als Glieder am Leib Christi mit dem verherrlichten Christus vereinigt zu werden, damit Gott dann in den kommenden Zeitaltern den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade in Güte gegen sie in Christus Jesus erzeigte. Sie werden großen Zukunftsaufgaben zugeführt, für die sie jetzt ausgerüstet werden.
Sie sprechen über Engel und Menschen in ernstem Gericht ein unwiderrufliches Urteil (1. Kor. 6, 2.3). Das ist für sie deshalb um so ernster, weil sie selbst in demselben Gericht stehen würden, wenn sie nicht die große Gnade Gottes erfahren hätten.
Aber dann kommen noch viele andere Zukunftsaufgaben, denn es muss sich der Tatsache, dass die Sünde überströmend wurde, die Gottestatsache gegenüberstellen, dass die Gnade noch überschwenglicher geworden ist. Und der Vers Röm 5, 21 wird seine Erfüllung finden: “Wie die Sünde geherrscht hat zum Tod, so wird die Gnade herrschen durch Gerechtigkeit zum ewigen Leben durch Jesus Christus, unseren Herrn”. Das wird dann sein, wenn die, welche die Überschwenglichkeit der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen haben — die Söhne Abrahams von der Glaubenslinie —, im Leben herrschen werden durch den einen, Jesus Christus (Röm 5, 17).
Die beiden Bündnisse
Nach Gal. 4, 24 führt das Bündnis vom Sinai zur Knechtschaft. Ihm sind bis heute die leiblichen Nachkommen des Abraham unterworfen. Sie alle stehen unter dem Gesetz. Dieses Gesetz ist für sie der Zuchtmeister, und zwar der Zuchtmeister auf Christus hin (Gal. 3, 24). Wenn wir noch Röm. 11, 32 hinzunehmen, wo es heißt: “Denn Gott hat alle zusammen (die leiblichen Nachkommen Abrahams) in den Unglauben eingeschlossen”, dann ergibt sich eigentlich folgendes Bild: Im engeren Sinn ist das Gesetz das Mittel der Bewahrung des Judentums (wir klammern der Einfachheit halber die übrigen 10 Stämme aus). Aber im Grund stehen die Juden, obwohl sie in hohen Tönen vom Gesetz reden, dem Gesetz negativ gegenüber. “Keiner von euch tut das Gesetz”, hatte der Herr Jesus gesagt (Joh. 7, 19). Sie alle umgibt der Unglaube wie ein undurchdringlicher Nebel. Sie alle sind im Gottesgericht durch den Unglauben festgehalten. Dabei mutet es an wie ein Widerspruch, dass es möglich ist, im Unglauben gegen Gott zu stehen, jedoch das Gesetz und die Propheten als Gottes Wort immer wieder zu lesen, zu interpretieren und zu preisen. Das ist ein Gefängnis, das erst der wiederkommende Messias beseitigen wird, wenn alle die, die ihn durchstochen haben, ihn sehen werden (Sach. 12, 10). Dann wird die Knechtschaft aufhören. Gott wird das Herz der Kinder Israel beschneiden, damit sie ihn mit ganzem Herzen lieben (5. Mo. 30, 6). Er wird sein Gesetz in ihr Inneres legen und es auf ihr Herz schreiben; er wird ihr Gott sein und sie werden sein Volk sein (Jer. 31, 33). Unter seinem Messias wird für Israel und für alle Völker auf der Erde eine Segenszeit anbrechen. Jerusalem wird der Mittelpunkt der Welt und der Messias der König der Könige sein.
Das andere Bündnis, auf das die Glaubenslinie zurückgeht und das nicht in die Knechtschaft, sondern in die Freiheit führt, betrifft den Bundesschluss Gottes mit Abraham nach 1. Mo. 15, 5ff. Gott hatte das Antlitz Abrahams nach oben in die unermessliche Herrlichkeit der Sternenwelt gerichtet und ihm gesagt: Also soll dein Same sein; Abraham glaubte Gott, und Gott rechnete es ihm zur Gerechtigkeit. Im Bundesschluss, der darauf folgte, machte Gott deutlich, dass er allein der Verpflichtete sein wollte und sein konnte. Abraham fiel in tiefen Schlaf. Gott fuhr allein durch die bereitgelegten Tierhälften hindurch. Abraham hatte den Bundesschluss verschlafen. Von diesem Bündnis aus hat Gott in seiner Heilsgeschichte die obere Linie des Glaubens gezogen, die er nicht Geboten und Satzungen unterworfen, sondern nach der Kreuzigung, Auferstehung und Verherrlichung seines Sohnes mit seiner Gnade überschüttet hat.
Es bleibt noch die Frage offen, warum der Apostel Paulus diese zweite Linie, die Glaubenslinie, in der imaginären Stadt “Jerusalem droben” einmünden lässt. Ich glaube nicht, dass Paulus daran dachte, dass dieses Jerusalem einmal dem entsprechen sollte, das aus dem Himmel herabkommt auf diese Erde wie eine für ihren Mann — den Messias — geschmückte Braut (Offb 21, 2). Es war ihm klar, dass der Leib Christi nicht zugleich die Braut des Christus sein konnte. Das Bild von der Braut, das schon im Alten Testament in göttlicher Beziehung gezeigt wird, ist immer ein Bild des gereinigten, geheiligten und für den Messias zugerüsteten Volkes Israel, das nach unendlich viel Irrsal und Wirrsal für Gott fruchtbar geworden sein wird.
Das damalige Jerusalem ist der Inbegriff der Knechtschaft (Gal. 4, 25). Dazu gehörte die leibliche Abstammung, bzw. gehörten auch die Judenchristen, die sich auf Abraham beriefen und auf das Gesetz stützten. Demgegenüber lässt Paulus die Glaubenslinie im Himmlischen enden. Darum schreibt er: “Das Jerusalem droben ist frei” (Gal. 4, 26). Zwar sieht er, dass Gott für die Gegenwart dem Wirksamwerden des Glaubens Bedeutung beimisst (Eph. 4, 13; Gal. 2, 20). In der Zukunft aber wird die Herrlichkeit der Söhne Gottes die ganze Schöpfung erfassen und freimachen von der Knechtschaft des Verderbens zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes (Röm. 8, 18-21). Den Unruhstiftern aus Jerusalem, die sich so gern auf ihre Abstammung von Abraham und damit auch auf Jerusalem beriefen, setzt der Apostel Paulus das Jerusalem droben entgegen. Damit unterstreicht er: Himmel und Erde stellen sie in einen Gegensatz, aber ihre vielen Anstrengungen bringen den Himmel nicht auf die Erde noch verhelfen diese ihnen hinauf zum Himmel; aber den, der nach beiden Seiten hin mächtig ist und alles vermag, den Herrn Jesus Christus, umgehen sie.
(Quelle: Schrift; Verlag “Steh auf”, Basel)


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