Ist das Alte Testament Gottes Wort?
Autor: Schaedel, Heinrich, Dr. | Kategorie(n): Lehre, Wort Gottes (Bibel) | 1,128 x gelesen“Suchet in der Schrift, denn ihr meinet, ihr habet das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeuget.” (Joh. 5, 39)
Seit dem zweiten Jahrhundert haben zu allen Zeiten einzelne Menschen und ganze Gruppen gegen das Alte Testament geeifert. Man betrachtet dasselbe als ein Judenbuch mit allerlei Anstoß erregenden Dingen, die ein wohlgesitteter Mensch ablehnen müsse. Wer aber sich die Mühe nimmt und außerbiblische Schriften des Judentums auch nur oberflächlich vergleicht mit dem Alten Testament, der wird den großen Unterschied bald erkennen. Daß hier auch die Sünden und Fehler der Menschen aufgezeigt werden, das spricht nicht gegen, sondern für das Alte Testament. So gern weist man hin auf die Verirrungen so mancher immerhin bedeutender Persönlichkeiten, aber ebenso gern verschweigt man deren Umkehr und Begegnung mit Gott, z. B. Jakob und David. Man erwähnt aber nicht, daß die Bibel selbst stets die Sünden verurteilt und straft. Wenn in der Bibel nur tadellose Menschen gezeigt würden, dann würde man mit Recht Verdacht schöpfen. Welchen Segen haben doch die Bußpsalmen Davids seither ebensolchen irrenden und sündigen Menschen gebracht! Hätte das Alte Testament nur tadellose Menschen geschildert, dann würde in der Geschichte des Glaubenslebens etwas fehlen, nämlich manche Psalmen und andere Erfahrungen, an denen sich immer wieder bußfertige Menschen aufgerichtet haben. — Ausschlaggebend aber ist für unsere Stellung zum Alten Testament das oben angeführte Wort Jesu (Joh. 5, 39). Das Alte Testament war die Heilige Schrift, die Bibel Jesu. Hier wird Christus bezeugt. Das ist das Wichtigste, nicht die vielen Geschichten fehlerhafter und irrender Menschen. Christus wird im Wort gefunden und zwar auch in Berichten und Erzählungen, wo man es zunächst nicht sieht und nicht erwartet. Ein geöffnetes Herz und ein erleuchtetes Auge aber können Ihn sehen und erkennen.
1. Unsere Stellung zur Bibel im allgemeinen wird uns 2. Petri 1, 20.21 gezeigt: “Und das sollt ihr für das erste wissen, daß keine Weissagung in der Schrift geschieht aus eigener Auslegung. Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht, sondern die heiligen Menschen Gottes haben geredet, getrieben von dem Heiligen Geist.” Dabei dürfen wir aber durchaus in der Bibel unterscheiden zwischen im Unglauben geredeten Menschenworten und Gottes Wort. Hiob sagt: “Darum bekenne ich, daß ich habe unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche” (Hiob 42, 3.6). Zu Eliphas spricht der Herr: “Mein Zorn ist ergrimmt über dich und deine Freunde, denn ihr habt nicht recht von mir geredet” (Hiob 42, 7). Törichte Reden haben diese Freunde Hiobs gehalten. Man wird solche Reden nicht als Botschaft Gottes der Gemeinde vortragen, aber Gottes Geist hat die heiligen Schreiber inspiriert, damit uns auch solche Menschenworte überliefert werden konnten. “Der natürliche (seelische) Mensch vernimmt nichts vom Geiste Gottes; es ist ihm eine Torheit und kann es nicht erkennen, denn es muß geistlich gerichtet sein” (1. Kor. 2, 14). “Das Geheimnis des Herrn ist unter denen, die ihn fürchten und seinen Bund läßt er sie wissen” (Psalm 25, 14). Das Gebet gilt zu allen Zeiten: “Öffne mir die Augen, daß ich sehe die Wunder in deinem Gesetz” (Psalm 119, 18).
2. Das Alte Testament offenbart uns nicht eine Vielheit von Göttern, sondern den allein wahren und lebendigen Gott. “Höre Israel: der Herr ist unser Gott, der Herr allein” (5. Mose 6, 4; Menge). Diesen einzigen wahren Gott soll man fürchten und lieben (5. Mose 6, 5). Andere Religionsbücher erzählen immer von mehreren oder gar vielen Göttern. Das Alte Testament aber kennt nur einen wahren Gott. Dieser alleinige Gott hat die Welt erschaffen. Er hat die Menschen gemacht nach seinem Bilde. Er ließ sie in Sünden fallen, hat aber auch eine ewige Erlösung vorgesehen. Er offenbart sich wunderbar in Gericht und Gnade. Das Alte Testament gibt uns einen treuen Bericht über die Erschaffung der Welt, den Sündenfall und die Sündflut, während andere Religionsbücher voll sind von unnüchternen und phantastischen Sagen, die bereits auf den ersten Blick unglaubwürdig erscheinen. Im Alten Testament erkennt man überall den Finger des Heiligen Geistes. In Abraham, dem ersten Auserwählten aus Gnaden, offenbart Gott seine Absicht, alle Völker zu segnen. In den 10 Geboten hat er seinen heiligen Willen kundgetan. Dieser eine wahre Gott ist der Schöpfer, Erhalter und Erlöser der Welt. “Es ist eine Urkunde göttlicher Offenbarung, eine Vorstufe der höchsten Offenbarung, welche Gott in Christus Jesus gegeben hat.”
3. Das Alte Testament enthält auch zum großen Teil wunderbare Prophetie. Es bezeugt Christi erstes Kommen in Niedrigkeit und sein zweites Kommen in Herrlichkeit. “Das Heidentum kennt Geschichten, aber es weiß nichts von Geschichte, d. h. es weiß nichts davon, daß der Weltlauf von Gott bestimmt, regiert und einem Ziel entgegen geführt wird” (W. Israel). Im Alten Testament ist Glas Neue enthalten und im Neuen Testament ist das Alte enthüllt. Wir haben da nicht nur buchstäbliche Weissagungen, sondern auch prophetische Typen. In Joseph sehen wir den Stand der Erniedrigung und Erhöhung Christi, in Mose das Amt des Propheten, in Isaak das Lamm Gottes, in David den König, in Salomo den Friedensfürsten. Ebenso sind viele Einrichtungen, wie die Opfergesetze, Stiftshütte und Tempel und anderes prophetische Typen von großen Wahrheiten, die Christus und sein Heil abschatten.
4. Ohne das Alte Testament gibt es kein Neues. Das Neue Testament wollen sich ja manche noch gefallen lassen, wie die wunderbaren Lehren der Bergpredigt, von der allerdings Bismarck gesagt hat, daß er mit dieser nicht regieren könne. Da hatte er völlig recht, denn nach der Bergpredigt wird erst einmal regiert, wenn Christus als König wiedergekommen ist. Die rebellischen Nationen (Psalm 2) aber schaffen sich ihre eigenen Zuchtruten in eisernen Gesetzen. Heute kann die Bergpredigt nur Anwendung finden im Bruderbund der Gläubigen, und das hält oft schwer. Wir finden im Neuen Testament etwa 1000 Zitate aus dem Alten. Jesaja wird 85 mal angeführt, 40 mal das 5. Buch Moses, 35 mal die Psalmen. So redet Jesus selbst von der Erschaffung des Menschen, von der Ehe, vom Tode Abels, von den Tagen des Noah, von Sodom, von Abraham, Isaak und Jakob, vom brennenden Busch, vom Manna, von der ehernen Schlange, von David, von Elia und Elisa, von Jona und Sacharja, von den Propheten und vielen anderen. Jesus sagt suchenden Menschen: “Wie liesest du? Wie steht im Gesetz geschrieben?” Oder er spricht: “Daß die Schrift erfüllet würde!” — “Ihr irret, denn ihr wißt die Schrift nicht.” — Will man alles Alttestamentliche aus dem Neuen Testament ausmerzen, dann bliebe nicht viel übrig. Ganze Bücher, wie das Matthäus-Evangelium, der Hebräerbrief, die Offenbarung und noch manches andere müßten wegfallen. Es wäre ein müßiges und nutzloses Unternehmen, ein Neues Testament zu schaffen, das frei wäre von jeder Anlehnung an das Alte. Das würde ein menschlicher Mythus werden, der keinem sündhaften Menschen den Weg zu Gott zeigen würde. Das Alte Testament ist ebenso Gottes Wort an eine verlorene Welt, wie das Neue, obwohl uns im Neuen Testament die Liebe und Gnade Gottes in reicherer Fülle in Christus entgegentreten. Wer das Neue Testament vollständig vom Alten lösen will, der schneidet einen Organismus entzwei, und das hat den Tod zur Folge.
5. Das Alte Testament ist wohl im Rahmen des Volkes Israel gegeben, aber es gehört allen Völkern als die einzige Offenbarung Gottes. Schon dem Abraham wird die Offenbarung gegeben: “In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.” Das Heil Gottes ist nicht eine nationale Angelegenheit, sondern es gilt der ganzen Weit. Merkwürdig ist es ja jedenfalls, daß die Gegner des Alten Testaments stets an den Propheten vorübergehen. Es wird da höchstens einmal ein kräftiger Ausdruck eines Propheten angeführt, der die Sünden des Volkes Israels straft, aber solche Zitate werden mit besonderer Tendenz ausgewählt, wie es eben solchen Herren in ihre Beweisführung paßt. Daß Israel seiner göttlichen Berufung nicht treu geblieben ist, und wenn es nicht umkehrt unter das Gericht Gottes gestellt werden soll, das steht schon überall in den prophetischen Büchern geschrieben, und im Neuen Testament findet das seine Bestätigung in den Aussagen Christi und der Apostel. Daß das Alte Testament im Rahmen des israelitischen Volkstums gegeben ist, mag ja befremdlich erscheinen, aber das ist Gottes Sache und steht es uns Menschen nicht zu, darüber ein Urteil abzugeben. Wer darf es da wagen, Gott Vorhaltungen zu machen? “Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, daß du mit Gott rechten willst?” (Röm. 9, 20). Wenn Christus für einen Menschen noch etwas bedeutet, dann kann er ohne das Alte Testament nicht auskommen. Diese ganze Angelegenheit überläßt der gläubige Mensch ruhig der Weisheit Gottes, die höher ist als der Menschen Weisheit. Am Ende der Geschichte wird Gott gerechtfertigt dastehen in allen seinen Wegen und dann wird alle Kritik der Menschen verstummen. Alle Fragen werden ihre Beantwortung finden, und alle Rätsel werden gelöst sein! Heute sehen wir soviel, daß der enge Volksrahmen Israels durchbrochen ist und die Wahrheit Gottes in der Bibel sich als Ruf an alle Völker wendet. “Aus ihrem Fall ist den Nationen das Heil widerfahren. — Darum schau die Güte und den Ernst Gottes; den Ernst an denen, die gefallen sind, die Güte aber an dir, sofern du an der Güte bleibst; sonst wirst du auch abgehauen” (Röm. 11, 11.22). Das Alte Testament behauptet niemals, daß die ihm gegebenen Offenbarungen Gottes nur für Israel bestimmt seien; im Gegenteil, es sind viele Aussagen da, die uns sagen, daß das Heil Gottes allen Menschen zugedacht sei. “Alle Könige werden ihn anbeten, alle Heiden werden ihm dienen” (Psalm 72, 11). Luther umschreibt das obige Wort (Joh. 5, 39): “Sehet nur zu, daß ihr die Augen läutert und recht auftut und also in der Schrift studiert, daß ihr mich, mich darinnen findet”.
6. Schließlich beachten wir noch einige Selbstzeugnisse der Bibel. Zu den Juden, die ihm feindlich gegenüberstanden, sagte der Herr Jesus: “Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir, denn er hat von mir geschrieben. So ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?” (Joh. 5, 46.47). Das ist doch ein sehr ernstes Wort aus dem Munde des Heilandes. Wer das Alte Testament verwirft, der muß auch Christus ablehnen. Im Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus läßt der Herr Abraham sagen: “Sie haben Mose und die Propheten, laß sie dieselben hören. — Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie auch nicht glauben, wenn einer von den Toten aufstünde” (Luk. 16). Zu den beiden Emmausjüngern spricht der Herr: “O ihr Toren und trägen Herzens, zu glauben all dem, das die Propheten geredet haben! Mußte nicht Christus solches leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen? — Und fing an von Mose und allen Propheten und legte ihnen alle Schriften aus, die von ihm gesagt waren” (Luk. 24). Den beiden Jüngern aber brannte das Herz auf dem Wege, als der Herr ihnen die Schrift öffnete. Das Neue Testament übt nirgends Kritik an dem Alten, das sollten sich die Gläubigen immer wieder vorhalten. Die Bibel Jesu, das Alte Testament, wollen auch wir stets in Ehren halten. Der Herr selbst sagt vom Alten Testament: “Die Schrift kann nicht gebrochen werden” (Joh. 10, 35). Petrus erklärt: “Gott aber, was er durch den Mund aller seiner Propheten zuvor verkündigt hat, wie Christus leiden sollte, hat’s also erfüllt” (Apg. 3, 18). Gott hat hier gesprochen durch die Propheten, wie wir auch 2. Petr. 1, 21 lesen: “Die heiligen Menschen Gottes haben geredet, getrieben durch den Heiligen Geist.” Auch Paulus bezeugt das Alte Testament. Vor Agrippa spricht er: “Ich sage nichts außer dem, was die Propheten gesagt haben, daß es geschehen sollte und Mose” (Apg. 26, 22). Und dem Timotheus bezeugt er: “Weil du von Kind auf die Heilige Schrift weißt, kann dich dieselbige unterweisen zur Seligkeit durch den Glauben an Christum Jesum. Denn alle Schrift von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, daß ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werke geschickt” (2. Tim. 3).
In einer Predigt über Hebr. 1, 1 sagte Luther: “Zum ersten ist zu wissen, daß alles, was die Apostel gelehrt und geschrieben haben, das haben sie aus dem Alten Testament gezogen; denn in demselben ist’s alles verkündigt, was in Christo zukünftig geschehen sollte und gepredigt werden, wie St. Paulus Röm. 1, 2 sagt: Gott hat durch das Evangelium von seinem Sohn Christus verheißen durch die Propheten in der Heiligen Schrift (vergleiche die Schrift von K. Geyer: Das Evangelium zuvorverheißen). Darum gründen sich auch alle ihre Predigten auf das Alte Testament.” So haben, wie Luther, alle wahren gläubigen Menschen das Alte Testament als Heilige Schrift angesehen, die durch den Heiligen Geist gegeben wurde. Wahrlich, auch wir tun wohl, daß wir darauf achten (2. Petr. 1, 19)!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1950; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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