Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Gesunde Lehre

Autor: Schacke, Martin  |  Kategorie(n): Lehre  |  592 x gelesen

Gesunde Lehre ist eine Gnadengabe Gottes zur inneren Gestaltung des geistlichen Lebens sowohl des einzelnen Glaubenden als der Gemeinde in ihrer Vielfalt.

I. Gesunde Lehre

1.) Gesunde Lehre als Gnadengabe

Gesunde Lehre ist eine Gnadengabe neben anderen (Röm. 12, 6.7). Durch den Geist kommen die verschiedenen Gaben zur Entfaltung und werden wirksam einerseits im einzelnen Glaubenden und anderseits in der Gemeinde. Es kann sein, dass Gott in einer Gemeinde mehrere gleichgerichtete Gaben schenkt. So war es zu Antiochien in Syrien, wo fünf Männer als Propheten und Lehrer genannt werden, die der Gemeinde nebeneinander dienten (Apg. 13, 1). Schon Apg. 11, 26 berichtet Lukas, dass Barnabas und Saulus in der Gemeinde zu Antiochien ein ganzes Jahr als Lehrer wirkten. Es ist wohl anzunehmen, dass Barnabas und Saulus, obwohl sie ein ganzes Jahr lang miteinander in der Gemeinde lehrten, harmonisch aufeinander eingegangen sind und einander ergänzt haben. Das muss jeweils kostbares und zugleich kraftvolles Klarlegen göttlichen Heilswillens, göttlicher Heilsmacht und der Herrlichkeit Gottes gewesen sein. Die Folge davon war, dass die Gemeinde wuchs und in Antiochien von sich reden machte, so dass die Glaubenden dort zuerst Christen genannt wurden (Apg. 11, 26). Als dann die Zahl der dienenden Brüder von zwei auf fünf stieg, ist sogar die geistliche Bedeutung der Gemeinde zu Antiochien so gewachsen, dass wir an Hand der Apostelgeschichte eine Verlagerung des geistigen Schwerpunktes von Jerusalem nach der überwiegend heidenchristlichen Gemeinde Antiochien feststellen können.

2.) Gesunde Lehre und die innere Gestaltung des geistlichen Lebens

Ich habe oben gesagt, dass gesunde Lehre eine Gnadengabe sei zur inneren Gestaltung des geistlichen Lebens. Zwar ist es schon so, dass man unter Glaubenden oft wenig von der Lehre hält; sie sei theoretisch, trockenes Wissen, blähe auf und führe zu Streitigkeiten. Bei solchem Denken liegt eine Verwechslung vor, Verwechslung von menschlichem Wissen mit Gnadengabe Gottes. Göttliche Gnadengabe erfrischt, erfreut, ermuntert, erbaut; sie erfaßt und belebt; sie erfüllt das Herz und fördert den Glauben; sie bereichert und verankert die Hoffnung; sie macht vertraut mit dem Leben Gottes und führt hinein in die göttlichen Zusammenhänge; sie zieht behutsam Schleier um Schleier weg von der Herrlichkeit Gottes und offenbart strahlende göttliche Wirklichkeit. Dabei richtet sie den Blick des Hörers dauernd hin auf den verherrlichten Christus, der sich selbst für uns dahingegeben hat, damit er uns herausnehme aus dem gegenwärtigen bösen Zeitlauf. Sie zeigt uns die Herrlichkeit des Christus, der uns aufgenommen hat, damit wir für immer in die Herrlichkeit Gottes hineingestellt seien, um ewig ihr zuzugehören (Röm. 15, 7). Und das Besondere ist noch, dass nicht nur der Hörer in solch Gottes- und Christus-Erleben geführt wird, sondern dass auch der mit der Gnadengabe der gesunden Lehre Dienende dasselbe Gottes- und Christus-Geschehen erleben darf.

So hilft die gesunde Lehre das geistliche Leben des Glaubenden fördern und gestalten. Gleichzeitig wird aber, wenn das Glaubensleben des einzelnen göttlich geprägt wird, auch das Leben der Gemeinde geistliche Gestaltung erfahren durch den Dienst gesunder Lehre.

3.) Gesunde Lehre und die Gottseligkeit

Der Apostel Paulus schreibt 1. Tim. 6, 3: “Wenn jemand anders lehrt (vor allem die judaisierenden Gesetzeslehrer) und den gesunden Worten unseres Herrn Jesus Christus und der Lehre nicht beitritt, die gemäß der Gottseligkeit ist, so ist er aufgeblasen und weiß nichts, sondern ist krank an Streitfragen und Wortgezänken”. Über das Negative dieses Verses brauche ich keine Worte zu verlieren, um so mehr soll uns das Positive beschäftigen. Die Lehre ist gemäß der Gottseligkeit. Der Apostel will damit sagen: Sie ist eine Gnadengabe, die das innige Leben des Beschenkten mit Gott und mit dem auferstandenen Christus zur Voraussetzung hat; der Bedachte lebt in der Ergebung an Gott und an Christus, den Sohn Gottes; er ist voll Gottesfurcht, voll tiefer Ehrfurcht vor dem Sohn Gottes, vor allem Göttlichen und vor dem Wort Gottes; sein Herz ist erfüllt von der Liebe Gottes; er ist gehalten und fühlt sich zugleich gedrängt von der Liebe des Christus (2. Kor. 5, 14). Durch die Liebe Gottes ist sein Herz ein hörendes Herz geworden, das voll Verlangen wieder und wieder in das Wort seines Gottes hineinhört, in das Wort, das der Geist des lebendigen Gottes in die Herzen schreiben will (2. Kor. 3, 3). Ein derart Hörender ist einer, der den Willen Gottes nicht nur erkennt, sondern auch tut. Das ist die Glückseligkeit, die Begleiterin dessen, der von Gott die Gnadengabe der Lehre erhalten hat.

4.) Gesunde Lehre und die Schrift

Gesunde Lehre kann nur aus dem Wort Gottes kommen. Der Apostel Paulus schreibt 2. Tim. 3, 16: “Alle Schrift ist von Gott eingegeben und ist nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit”. “Alle Schrift …”, gemeint ist damit nur, was in der Bibel steht. Der mit der Gnadengabe bedachte Lehrer braucht keine Anleihen anderswo zu machen für seinen Dienst. Alles wird ihm der Geist Gottes aus der geistgehauchten Schrift, dem inspirierten Wort Gottes, geben. Er muß aber, wie wir schon sagten, richtig ins Wort hineinhören; das Wort muß durch den Geist in ihm göttlich lebendig werden; jedesmal, auch bei aller Verschiedenheit des Bibeltextes und des biblischen Betrachtungsgegenstandes, will der Geist Gottes das Eine wirken: lebendiges Begegnen mit dem Christus in der Herrlichkeit.

Von solcher Sicht aus lernt man auch begreifen, dass eine Mehrzahl von Lehrern in einer Gemeinde, wie das in Antiochien der Fall war, zusammen in großem Segen wirken kann und dass eine Gemeinde durch die geistgewirkte Belehrung gedeihen und wachsen wird.

5.) Das Achtgeben auf die Lehre

Dem mit der Gnadengabe der Lehre Bedachten obliegen jedoch auch Sorgfaltspflichten. Dem Timotheus schreibt Paulus: “Habe acht auf dich selbst und auf die Lehre” (1. Tim. 4, 16). Der zum Lehrdienst Begnadete wird immer eine besondere Zielscheibe des Widersachers Gottes sein. Dieser wird es an den verschiedensten Versuchen nicht fehlen lassen, den Diener für seinen ihm von Gott gegebenen Dienst auf irgend eine Weise unfähig zu machen. Darum ermahnt der Apostel den Timotheus: “Hab acht auf dich selbst!” Dieser persönlichen Sorgfaltspflicht folgt sofort die geistliche: “… und auf die Lehre!”. Die Lehre steht doppelter Bedrohung gegenüber. Einmal könnte diese durch irrige Ansichten oder unsorgfältigen Wandel des Beauftragten, dann aber auch durch fremde Lehren, die in die Gemeinde eindringen, veranlaßt sein. Gerade im Blick auf die letztgenannte Bedrohung hatte Paulus ja den Timotheus gebeten, in Ephesus zu bleiben und anderen vollmächtig zu gebieten, nicht verschiedenartig zu lehren, noch sich mit Fabeln und endlosen Geschlechtsregistern abzugeben (1. Tim. 1, 3.4). Gerade die Fabeln und Geschlechtsregister waren ein beliebtes Thema der eifernden judaistischen Lehrer. Zweifellos hatte Timotheus einen schweren Stand. Das wußte auch Paulus. Denn in demselben Brief (4, 12) schreibt er dem Timotheus: “Niemand verachte deine Jugend!” Ob Timotheus durchgedrungen ist? Sehr wahrscheinlich nicht. Denn die judenchristlichen Eiferer machten äußerste Anstrengungen — namentlich während der Gefangenschaft des Paulus —, nachzuholen, was sie nach ihrer Meinung versäumt hatten.

Sie infizierten — ich glaube, man darf schon so sagen — überall die heidenchristlichen Gemeinden mit dem gesetzlichen Geist. Und obwohl die Gemeinden das Judentum ablehnten, ist doch dieser gesetzliche Geist viele Jahrhunderte geblieben. Paulus macht in seinem zweiten Brief an Timotheus (1, 15) Andeutungen mit den Worten: “Du weißt dieses, dass alle, die in Asien sind, sich von mir abgewandt haben”. Der gesetzliche Weg schien den Gemeinden eben einfacher als das Evangelium des Paulus: Man konnte etwas tun für Gott. Aber auf dem Gesetzesweg liegt immer die undurchdringliche Wolke, die den Zugang zur Herrlichkeit verdeckt.

Doch zurück zu Timotheus! Wie konnte Timotheus auf die Lehre acht haben? Ein Neues Testament existierte damals noch nicht. Und wenn auch schon einige Briefe und vielleicht auch Evangelien geschrieben waren, standen diese dem Timotheus nicht zur Verfügung. Aber Timotheus lebte lange Zeit mit Paulus zusammen, er hatte mit ihm im Dienst des Herrn gearbeitet. Er kannte den Apostel, sein Leben, seinen Glauben, seine Lehre, aber auch sein Ausharren und seine Liebe. Timotheus war demnach in der Lage zu beurteilen, ob etwas mit dem, was Paulus gelehrt hatte, übereinstimmte oder ihm entgegenstand.

6.) Doch welche Lehre?

Das führt aber zu der Frage, ob nur das, was der Apostel Paulus lehrte, gesunde Lehre war. Dem aufmerksamen Leser wird es schon aufgefallen sein, dass der Apostel Paulus wiederholt den Ausdruck “mein Evangelium” gebraucht (Röm. 2, 16; 16, 25; 2. Tim. 2, 8). Ähnlich schreibt er auch 2. Tim. 3, 10 von der Lehre “meine Lehre”. Wieso konnte er so sagen? Darüber gibt uns Gal. 1, 11.12 Auskunft: “Ich tue euch aber kund ‘Brüder’, dass das von mir verkündigte Evangelium nicht von menschlicher Art ist. Ich habe es nämlich weder von einem Menschen empfangen noch erlernt, sondern durch Offenbarung Jesu Christi”. Dazu nehmen wir noch Eph 3, 3-5: “Mir ist durch Offenbarung das Geheimnis kundgeworden — wie ich es oben kurz beschrieben habe; beim Lesen könnt ihr meine Einsicht in das Geheimnis des Christus merken —, das in anderen Geschlechtern den Söhnen der Menschen nicht kundgetan worden ist”. Und schließlich lesen wir noch Eph 3, 8-9: “Mir, dem alIergeringsten von allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben worden, den Nationen den unausforschlichen Reichtum des Christus zu verkündigen und ans Licht zu bringen, was die Verwaltung des Geheimnisses sei, das von den Zeitaltern her in Gott … verborgen war”.

Dementsprechend muß doch angenommen werden, dass Gott für die Gemeinde, den Leib Christi, der auf der göttlichen Erwählung fußt (Eph 1, 4), allein das Evangelium bestimmt hat, das er dem Apostel Paulus geoffenbart und das dieser in seinen Briefen bezeugt hat. Dieses Evangelium wird Gal. 2, 7 das Evangelium der Nichtbeschneidung genannt.

Im Zusammenhang mit der uns hier beschäftigenden Frage sei erneut darauf hingewiesen — ich habe es schon öfters getan —, dass alles, was in der Bibel steht, göttlich wahr ist. Und alles ist zu unserer Belehrung geschrieben. Es ist aber sehr wichtig, darauf zu achten, was wem wann und für welche Zeit gesagt ist. Gott hat, wie Röm. 11, 1 sagt, sein Volk nicht verstoßen. Es gibt zwar immer noch Kinder Gottes, die an der althergebrachten Meinung festhalten und nicht an eine Zukunft Israels glauben. Wir möchten uns auch in dieser Frage an das Wort Gottes halten. Deshalb glauben wir, dass wir darauf achten müssen, dass wir das, was für Israel gesagt ist, nicht kurzerhand auf die Gemeinde, den Leib Christi, beziehen.

7.) Die gesunde Lehre als ein göttliches Ganzes

Im Grundtext gibt es zwei ähnliche, aber doch deutlich voneinander unterschiedene Wörter für das, was meistens mit Lehre übersetzt wird. Der Apostel Paulus gebraucht beide, aber er macht in ihrer Anwendung einen deutlichen Unterschied. Der eine Ausdruck didaskalia ist für ihn Lehre im Sinn eines göttlichen Ganzen; der andere didachä Lehre im Sinn von Belehrung oder Unterweisung anderer. Beide Ausdrücke kommen z. B. Tit. 1, 9 nebeneinander vor, zuerst der Ausdruck der Belehrung und dann der der eigentlichen Lehre. Dementsprechend heißt dieser Vers: “Der festhält am zuverlässigen Wort für die Belehrung, damit er fähig sei, mit der gesunden Lehre sowohl zu ermahnen als auch die Widersprechenden zu überführen”.

Außer Paulus verwenden nur noch Matthäus und Markus den Ausdruck didaskalia. Sie bezeichnen damit die Lehre der Pharisäer und Schriftgelehrten, die der Herr Jesus nicht anerkennen kann. Dass aber das Reden des Sohnes des Menschen nicht mit didaskalia, Lehre im engeren Sinn, bezeichnet wird, ist bemerkenswert (Mt. 7, 28; Mk. 11, 18). Dasselbe ist zu sagen in bezug auf die Verkündigung der Apostel zu Jerusalem, nachdem der Heilige Geist auf sie gekommen war. Mit den erwähnten Ausnahmen gebraucht einzig der Apostel Paulus das Wort Lehre im Sinn eines göttlichen Ganzen.

II. Die gesunde Lehre entspricht dem Evangelium der Herrlichkeit

Aus dem bisher Gesagten ergibt sich, dass gesunde Lehre im Sinne eines göttlichen Ganzen völlig in dem Evangelium verankert ist, das der Apostel Paulus “sein Evangelium” nennt; es ist das Evangelium der Nichtbeschneidung. Nun heißt unsere Überschrift: “Gesunde Lehre nach dem Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes”. Ich bin überzeugt, dass Paulus die gesunde Lehre als eine Einheit mit diesem Evangelium sieht, bzw. dass das Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes gesunde Lehre ist. Jedenfalls gestattet der Grundtext die Übersetzung: gesunde Lehre, die dem Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes entspricht.

Das ist wohl der vornehmste Ausdruck, den Paulus dem Evangelium, das Gott für den Leib Christi vorgesehen hat, gegeben hat. Es ist klar, dass damit auch jede anders genannte Gottesbotschaft, die der Gemeinde des Leibes Christi zu dienen hat, wie Evangelium Gottes, Evangelium des Christus, Evangelium Gottes über seinen Sohn, Evangelium seines Sohnes, Evangelium unseres Herrn Jesus Christus, Evangelium der Nichtbeschneidung, Evangelium der Gnade, Evangelium des Friedens, mein Evangelium und unser Evangelium, mit inbegriffen sind in dem Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes.

Dieser Ausdruck zeigt, dass es sich

  1. immer um frohe Gottesbotschaft handelt, dass es
  2. bei dieser Botschaft immer um den Sohn Gottes geht und dass
  3. die Botschaft immer Herrlichkeit zum Inhalt, Zweck und Ziel hat.

1.) Das Evangelium ist die frohe Botschaft Gottes

Die frohe Botschaft Gottes bekommt einen ganz besonderen Wert, wenn einem Menschen bewußt wird, dass ihre Grundlagen und Voraussetzungen in der vorlaufenden Ewigkeit wurzeln. So hat Gott im Blick auf diejenigen, die er dazu bestimmt hat, zum Leib Christi zu gehören, schon vor den Zeiten der Zeitalter den göttlichen Vorsatz gefaßt und ihnen in Christus Jesus schon in der vorzeitlichen Ewigkeit seine Gnade gegeben (2. Tim. 1, 9). Das schließt doch mit ein, dass Christus schon damals dazu verordnet war, das Lamm zu werden, das am Kreuz die Sünde der Welt wegnehmen wird. Denn ohne diese Voraussetzung wäre kein Vorsatz Gottes verwirklicht worden. Mir scheint, dass das Kreuz unseres Herrn, wenn wir solches mit erwägen, ein erheblich größeres Gewicht für uns bekommt. Die Tatsachen, die sich daraus ergeben, dass wir Gottlose (Röm. 5, 6), Sünder (Röm. 5, 8) und Feinde (Röm. 5, 10) waren, wiegen in ihrer Häufung besonders schwer. Wir waren das alles im Blick auf Gott. Wir standen in tiefstem, ja feindlichem Gegensatz zu Gott. Doch er hat das alles nicht geachtet. Er beweist seine Liebe zu uns allen widersprüchlichen Faktoren zum Trotz, dass er seinen eingeborenen Sohn für uns am Kreuz hat sterben lassen. Das ist und bleibt göttlich groß!

Aber Gott hat noch mehr getan. “In Liebe hat er uns zuvorbestimmt zur Sohnschaft”. Auch das ist geschehen vor der Zeit der Welt. Er hat es so angeordnet, dass wir in seinem Sohn vor ihm Söhne sein sollten, Wesen in göttlicher Reife (Eph. 1, 5), wir sollten sein wie sein Sohn (Röm. 8, 29). Gerade darum hat Gott, ebenfalls vor den Zeitaltern, seine Weisheit in einem Geheimnis verborgen und zu unserer Herrlichkeit zuvorbestimmt (1. Kor. 1, 7). Damit im Zusammenhang ist weiter zu sagen, dass Gott den Reichtum seiner Gnade jetzt hat überströmen lassen in aller Weisheit und Einsicht (Eph. 1, 7.8). Er hat uns heute in besonderem Maß Weisheit und Einsicht gegeben, damit wir ihn erkennen, in der Erkenntnis seiner selbst und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes wachsen und lernen, in die göttlichen Zusammenhänge hineinzusehen. Dabei wird uns auch die Herrlichkeit Gottes offenbar.

Kehren wir nochmals zu Eph 1, 5 zurück. Die älteren Übersetzungen, nicht nur die de deutschen, haben den Ausdruck “in Liebe” zu Vers 4 gerechnet, die neueren nehmen ihn zu Vers 5. Vom Grundtext her ist dagegen nichts einzuwenden. Der Vers bekommt dadurch eine zusätzliche Aussage. Zu dem, was wir oben in bezug auf Sohnschaft gesagt haben, kommt noch: “In Liebe hat er uns zuvorbestimmt”. Das will in diesem Zusammenhang heißen, dass Gott uns schon vor Grundlegung der Welt geliebt hat. In solcher Form wird uns das von der Liebe Gottes in der Schrift kein zweites Mal gesagt.

2.) Das Evangelium vom Sohn Gottes

Das Evangelium Gottes handelt immer auch vom Sohn Gottes. Darum ist es zugleich auch Evangelium des Christus. Ja, Gott hat seinen Sohn zum Mittelpunkt des Evangeliums gemacht. Der Apostel Paulus ist sich dessen bewußt, wenn er in den ersten Versen seines längsten Briefes schreibt: “Apostel, abgesondert zum Evangelium Gottes über seinen Sohn” (Röm. 1, 1-3). Er freut sich, dass ihm von Gott dieses Evangelium zur Verkündigung anvertraut worden ist. Er weiß, dass Gott über seinen Sohn viel zu sagen hat. Als er den Römerbrief schrieb, hatte er schon zahlreiche und beachtliche Offenbarungen zur Weitergabe an die Gemeinde erhalten. Aber Gott wollte ihm noch mehr kundtun. Wir denken an die Gemeindebriefe für Ephesus und Kolossä, sowie an die Pastoralbriefe. Seine Absonderung zu diesem Evangelium nahm er sehr ernst. Er wollte in jeder Hinsicht ein von Menschen unabhängiger Mann sein, damit er um so abhängiger von seinem Herrn sein konnte. So diente er Gott und dem Evangelium seines Sohnes “in seinem (des Paulus) Geist” (Röm. 1, 9). Sein Dienst war durch den Geist Gottes gewirkt, kam von innen heraus, sein ganzes Inneres war davon erfaßt, und mit ganzer Hingabe stellte er sich Gott zur Verfügung. Weil das Evangelium Gottes über seinen Sohn ihm groß, ja sehr groß war, konnte er von Herzen für die Gemeinde in Rom beten (Röm. 1, 9.10), die er — ausgenommen einige Brüder — von Angesicht nicht kannte. Paulus wußte:

  1. alles, was Gott ist, findet sich in seinem Sohn;
  2. alles, was Gott denkt, bezieht sich auf seinen Sohn und diejenigen, die mit seinem Sohn in Beziehung stehen oder zu bringen sind;
  3. alles, was Gott will und verheißen hat, bedeutet die Verherrlichung seines Sohnes;
  4. alles Göttliche schenkt Gott in seinem Sohn;
  5. alles Göttliche ist in seinem Sohn Heil für die Menschen;
  6. die ganze Herrlichkeitswelt Gottes ist in seinem Sohn;
  7. alles das ist Evangelium, frohe Botschaft Gottes über seinen Sohn.

3.) Herrlichkeit — Inhalt, Zweck und Ziel des Evangeliums

Die Herrlichkeit Gottes und Christi gehören ebensosehr zur Ausrüstung eines Glaubenden wie die Gerechtigkeit. Dass der Mensch, der mit Gott Umgang haben will, durch den Glauben gerechtfertigt sein muß, das bejaht wohl jeder Glaubende. Aber dass er ebenso der Herrlichkeit Gottes und Christi bedarf, um in die Gegenwart Gottes zu treten, das bedenkt man wenig. Es kommt einem wohl eher in den Sinn, dass Heiligkeit nötig ist, um Gott zu begegnen. Darum sieht sich der geistlich Gesinnte eher danach um, wie er zur Heiligung kommt.

Aber Röm. 3, 23 sagt uns im Grundtext deutlich: “Denn es ist kein Unterschied, denn alle haben gesündigt und haben Mangel an der Herrlichkeit Gottes”. Nach den weiteren Darlegungen des Paulus sollte man annehmen, dass diesem Mangel bei denen, die glauben und gerechtfertigt worden sind, abgeholfen ist. Aber dem ist nicht so. Wohl jeder Leser wird mir beipflichten, wenn ich das sage. Der Mangel an Herrlichkeit ist trotz des durch Gott geschenkten Glaubens und Lebens geblieben. Dabei redet das Neue Testament über 200 mal von Herrlichkeit, und der Apostel Paulus mehr als 60 mal. Im Blick auf die Ungläubigen heißt es 2. Kor. 4, 3.4: “Wenn unser Evangelium verborgen ist, ist es denen verborgen, die verloren gehen, in denen der Gott dieser Welt den Verstand der Ungläubigen verblendet hat, damit ihnen der Glanz des Evangeliums der Herrlichkeit des Christus nicht leuchte, der das Bild Gottes ist”. Der Apostel Paulus gibt hier den Grund an, warum Ungläubige achtlos an diesem Evangelium der Herrlichkeit vorbeigehen. Aber warum leuchtet der Glanz des Evangeliums der Herrlichkeit Christi den Glaubenden so wenig oder überhaupt nicht? Ich denke an Glaubende, die ihren Glauben an Christus bezeugen. Ist das Evangelium der Herrlichkeit des Christus denn so nebensächlich, dass man sich lieber “wichtigeren” Dingen zuwendet? Oder ist es so schwer, Zugang dazu zu finden? Oder denkt man: Alle Herrlichkeit ist zukünftig, später wird dann von selbst alles herrlich werden? Sicher ist das: Wenn man sich kaum Zeit nimmt, das Wort Gottes aufmerksam zu lesen, wird man keine Herrlichkeit erleben. Vielleicht tun wir gut, wenn wir einmal zusammenrechnen, wieviel Zeit wir für unsere Lieblingsbeschäftigungen, einschließlich Radio und Fernsehen, aufbringen und wieviel wir übrig haben für das Wort Gottes. Vielleicht werden wir uns dann nicht mehr wundern, dass wir mit der Herrlichkeit, sei es Herrlichkeit Gottes oder Herrlichkeit Christi, nicht viel anfangen können.

Ich wiederhole: Die Herrlichkeit Gottes und Christi gehören ebensosehr zur Ausrüstung eines Glaubenden wie die Gerechtigkeit. Deshalb ist sie da für jeden, der glaubt. So will es Gott. Und wenn sie da ist für jeden Glaubenden, dann wird sie auch jedem, der glaubt, gegeben. Vielleicht ist uns da ein Wort aus dem Alten Testament ein Fingerzeig, um den Weg zu finden, den Weg zur Herrlichkeit Gottes und Christi. Ps. 119, 18 sagt: “Öffne meine Augen, damit ich Wunder schaue aus deinem Gesetz”. Gerade um das betete auch der Apostel Paulus für die Empfänger des Epheserbriefes (Eph. 1, 17.18): “… dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung in der Erkenntnis seiner, damit ihr erleuchtet an den Augen eueres Herzens wisset, was die Hoffnung seiner Berufung ist und was der Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes in den Heiligen …” sei.

Wunder zu schauen in der Schrift, Herrlichkeit Gottes und Christi zu erleben im Wort Gottes, das schenkt der Vater der Herrlichkeit jedesmal, wenn er erleuchtete Augen gibt und jemandem Offenbarungen durch sein Wort zuteil werden läßt. Du sagst vielleicht, dass dir das nicht widerfährt. Dann glaubst du wohl, dass der Apostel Paulus nur für ganz gewisse Leute in den Gemeinden in und um Ephesus gebetet habe. Im Ernst kann das jedoch nicht deine Meinung sein. Nein, der Apostel schließt alle Briefempfänger ein in seinem Gebet. Ja, noch mehr! Er schließt auch alle gläubigen Leser seines Briefes ein, sie mögen sogar späteren Zeiten angehören, er schließt ebenfalls dich und mich ein in sein ernstes Gebet. Es gilt dir und mir.

Beachten wir, die Sache ist so: Wenn unser Herz ausgeräumt ist von allem unnützen Kram dieser Welt und wir in Stille, mit Verlangen und Hingabe das Wort Gottes lesen oder hören, durch den Geist Gottes geleitet gewissermaßen aufmerksam hineinhören, so sind wir auf dem Weg — um mit dem Psalmisten zu sprechen — Wunder zu schauen im Wort. Gott läßt uns göttliche Entdeckungen machen. Ein Wort Gottes, vielleicht ist es uns ganz neu oder wir haben es schon oft gelesen, erscheint uns in göttlichem Licht, wird uns herrlich und groß, erfaßt uns ganz, es erfüllt unser Herz, macht es zum Zerspringen voll, alles was in uns ist, wird göttlich belebt — das ist Erleben der Herrlichkeit Gottes und Christi! Das darf uns heute begegnen. Und weil Gott der Gott der Liebe und der Ermunterung ist (2. Kor. 13, 11; Röm. 15, 5), möchte er uns solches Herrlichkeitsgeschehen bald wieder schenken, d.h. so bald wir empfangs- und aufnahmebereit sind. Solch Herrlichkeitserleben fördert uns im Glauben und in der Erkenntnis alles Göttlichen.

Röm. 5, 1.2 lesen wir: “Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus, durch den wir auch mittels des Glaubens Zugang haben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der Herrlichkeit Gottes”. Was uns in diesen beiden viel gelesenen und viel zitierten Bibelversen wichtig ist, ist der Zugang und unser Rühmen der Hoffnung der Herrlichkeit Gottes. Der Apostel Paulus bezeugt es uns durch den Heiligen Geist, dass wir freien Zugang haben in die Gegenwart Gottes durch unseren Herrn Jesus Christus, freien Zugang zur Herrlichkeit Gottes und zur Herrlichkeit seines Sohnes. Der Apostel bezeugt weiter, dass dieser Zugang Gottes freier Gnade entspricht, also mit der Lebensmacht Gottes zu tun hat, die Gott in Christus uns erzeigt und uns täglich angedeihen läßt. Und endlich redet der Apostel von den Folgen, die solcher Zugang zur Herrlichkeit Gottes und zur Herrlichkeit seines Sohnes hat: Wir rühmen uns der Herrlichkeit Gottes. Was lernen wir aus diesem Wort Gottes? Es ist das Gegebene, das Normale, das von Gott Erwartete, dass diejenigen, die er gerechtfertigt hat, den Zugang zu ihm durch Christus, seinen Sohn, immer wieder benützen und Herrlichkeit erleben. Das macht den Grund ihrer Hoffnung sicher und deren Maß übervoll zum Rühmen der Herrlichkeit Gottes. Das darf geschehen, wenn wir im obenerwähnten Sinn das Wort Gottes erleben.

Noch ein paar Schlußbemerkungen zu diesem Punkt. 1. Thess. 2, 12 steht: Gott … “der euch beruft zu … seiner Herrlichkeit”, und 2. Thess. 2, 14: “Er hat euch berufen durch unser Evangelium zur Aneignung der Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus”. Das bedeutet Teilhabe an der Herrlichkeit, die uns durch das Evangelium verkündigt und vermittelt wird. Zudem sei verwiesen auf Kol. 1, 11: “… gekräftigt mit aller Kraft nach der Macht seiner Herrlichkeit, zu allem Ausharren und aller Langmut mit Freuden”. Die Macht der Herrlichkeit des Herrn ist Quelle und Kraft unseres Lebens im Glauben.

Deshalb: Herrlichkeit ist Inhalt, Zweck und Ziel des Evangeliums.

4) Das Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes (1. Tim. 1, 11)

So sehr der Ausdruck “seliger Gott” über die sonstige Art, vom Evangelium zu reden, hinausgeht — der Ausdruck kann ohne Substanzverlust aus dem Grundtext nicht anders übersetzt werden — und vielleicht manchem Glaubenden Zurückhaltung auferlegt, weil er im Überborden der Aussage eine Entweihung befürchtet, so wird doch die in ihrem Zusammenhang außergewöhnliche Äußerung demjenigen Leser, der sich durch den Geist Gottes ein auf Gott hörendes Herz schenken läßt, zu einem Kleinod werden, das er tief in seinem Innersten bewahren wird.

Der selige Gott! Dass Paulus Gott so nennen darf! Kein Wunder, dass namhafte Theologen aufgrund dieses und etlicher anderer, bei ihm ungewöhnlicher Ausdrücke dazu gekommen sind, die beiden Timotheusbriefe als unecht zu bezeichnen. Mögen sie! Ich sehe keinen Grund zur Ablehnung. Wenn man die Umstände berücksichtigt, von denen der Apostel in diesen Briefen schreibt, und die Schlußfolgerungen erkennt, die er daraus zieht, so macht einem seine zuweilen andere Ausdrucksweise keinerlei Mühe.

Also, die Umstände sind es, die den Heidenapostel etwas anders, d. h. in einer anderen Art schreiben lassen, als wir das sonst bei ihm gewohnt sind. Beide Briefe haben deutlich einen endzeitlichen Wesenszug (1. Tim. 4, 1ff.8; 5, 24.25; 6, 7.9.14; 1. Tim. 1, 12.18; 2, 10.12.16-19; 3, 1-9.13; 4, 1-5, 6-8, 18). Damit im Zusammenhang sieht der Apostel Paulus auch das Böse überhandnehmen. Aber das Böse macht vor den Türen der Gemeinde nicht halt (1. Tim. 1, 19.20; 2. Tim. 2, 17-18; 4, 14). Ferner sind auch noch die gesetzeseifrigen Judenchristen zu erwähnen, die das Evangelium des Paulus verwarfen, und die heidenchristlichen Gemeinden dahin bearbeiteten, dass ohne das Beschnittensein und ohne das Halten des Gesetzes das Heil in Christus einfach nicht vollständig sei. Mächte des Bösen, des Widerspruchs und der Verwirrung waren am Werk. Darum mußte er 1. Tim. 5, 15 schreiben: “Schon haben sich etliche abgewandt dem Satan nach”. Das war eine Feststellung, die wohl jeden gottbegnadeten Wortverkündiger hätte entmutigen müssen. Gewiß sah Paulus klar, deutlich und tief in die Abgründe des Bösen, das auf die Gemeinden zukam. Er hatte ein scharfes Auge, ein offenes Ohr, sowie einen wachen und prophetischen Geist. Doch er ließ seinen Mut nicht sinken. Das Wort 2. Tim. 1, 12: “Ich weiß, wem ich geglaubt habe”, gilt nicht nur für den Brief, in dem es geschrieben steht. Paulus hat, was ihn selbst, seine ganze Situation, und alles, was die Gemeinden, ja, die ganze Welt angeht, auf Gott geworfen. Er ist sich bewußt: Gott weiß und kennt alles. Er wird mit allem und mit einem jeden auf seine göttliche Art und Weise fertig werden.

Gerade diese Erkenntnis ist der Anlaß, dass Gott namentlich im ersten Timotheusbrief von Paulus mit besonderen, in anderen Briefen nicht erwähnten Beifügungen bemerkenswerte Eigenschaften zugelegt wurden.

Da wird z. B. von ihm 1. Tim. 1, 17 gesagt: “Dem König der Zeitalter aber, dem unverweslichen, unsichtbaren, alleinigen Gott sei Ehre und Herrlichkeit in die Zeitalter der Zeitalter! Amen”. Paulus redet hier nicht vom König der Ewigkeit, was ein unverständlicher Begriff und eine farblose Wiedergabe des Grundtextes ist, sondern vom König der Zeitalter oder der Weltzeiten. Das hat den Sinn, dass Gott Herrscher aller Weltzeiten ist, so viele es ihrer gegeben hat oder noch geben mag. Er hat sie als Herrscher alle in seiner Hand, ob sie zeitlich schon vergangen oder erst im Kommen sind. Für Gott spielt, wenn er alles zusammenfassen wird, sei es zum Segen oder zum Gericht, die Zeit keine Rolle.

Wir werden 1. Tim. 2, 1.2. aufgefordert, Bitten, Gebete, Fürbitten und Danksagungen darzubringen für alle Menschen, für Könige und die in Hoheit sind, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. Der mit Gott und mit Christus lebende Christ geht also nicht auf die Straße, um seine Rechte durchzusetzen. Er ist vielmehr in allem darauf bedacht, wie er seinem Herrn gefalle. Um seine Geltung wird im Himmel gewürfelt. Er betet, und er betet ernstlich für alle die, die in Obrigkeit sind, ja, er betet für alle Menschen. Und wenn sein Wandel in Gottseligkeit ist (wir haben davon geschrieben unter I. 3) und in Ehrbarkeit, dann wird ihm beim Beten bewußt, dass er in der Gegenwart Gottes steht. Diese vielen Menschen legt er alle Gott dar, alle in seine Hut und Hand. Und ist es nicht ein heute noch gültiges Gotteswort, das uns aus Spr. 21, 1 gesagt wird? Es lautet: “Des Königs Herz ist in der Hand des Herrn wie Wasserbäche, er lenkt es, wohin er will”. Gerade die Tatsache, dass Gott den Willen der Menschen in seiner Hand hat, muß für uns der Anlaß sein, ihm für alle Menschen zu danken.

Im Hinblick auf den Willen Gottes fährt der Text 1. Tim 2, 3.4 fort: “Dieses ist gut und angenehm vor Gott, unserem Heiland, der will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen”.

Wird Gott seinen Willen, der hier klar zum Ausdruck kommt und dem der Wille des Menschen — ganz allgemein gesprochen — entgegensteht, durchsetzen können? Und wenn er sein Ziel erreichen wird, kann er dann das, ohne von seinen anderen Gottesqualitäten etwas preisgeben zu müssen? Diesen Fragen fügen wir noch eine andere hinzu: Wird Gott mit den ihm fernstehenden und sogar feindlich gesinnten Menschen so zum Ziel kommen, dass diese zuletzt voll innerer Anteilnahme und voller Freude die Knie vor ihm beugen und ihm bezeugen werden: “Nur im Herrn ist Gerechtigkeit und Stärke” (Jes 45, 23-24), oder mit den notwendigen Abänderungen: “Und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus Herr ist zur Herrlichkeit Gottes, des Vaters” (Phil. 2, 11). Ausgerechnet im ersten Timotheusbrief, und zwar 1. Tim. 1, 12-16, weist der Apostel Paulus auf seine Bekehrung hin. Er rühmt das Übermaß der Gnade, das ihm, der ein Lästerer, ein Verfolger und ein Gewalttäter war, zuteil wurde “zum Vorbild für die, die an Christus glauben werden zum ewigen Leben”. Vorbild einer Bekehrung! Ja, einer gründlichen Bekehrung! Und dabei war dieser Mann auf einem seiner Gänge zur Verhaftung und Bestrafung von Menschen, die sich nichts anderes hatten zu Schulden kommen lassen, als dass sie an den gekreuzigten und auferstandenen Christus als ihren, Herrn glaubten und ihn von Herzen liebten. Plötzlich geschah es! Zur Mittagszeit umstrahlte diesen wutschnaubenden Saulus vor den Toren von Damaskus ein alles überbietendes Licht aus dem Himmel. Er wurde zu Boden geworfen und hörte vom Himmel her rufen: “Saul, Saul, was verfolgst du mich? ” Saulus fragte: “Wer bist du, Herr? ” (Apg. 9, 3ff). Er bekam Antwort und die Aufforderung, in die Stadt zu gehen, wo ihm weitere Anweisungen gegeben würden.

Paulus war es klar, dass dieser Gott, der auf eine solche Weise mit dem fanatischen Willen eines Christushassers fertig wird, der wird mit jeder Art gottfeindlicher Einstellung zu Ende kommen, wobei seine Heiligkeit, seine Gerechtigkeit, seine Liebe und seine Gnade völlig unangetastet bleibt. Dass aber dessenungeachtet Paulus auch an das Gericht dachte, geht ebenfalls aus dem ersten Timotheusbrief hervor. Kap. 5, 24 lesen wir: “Von manchem Menschen sind die Sünden vorher offenbar und gehen voraus zum Gericht, manchem folgen sie auch nach”. Der Apostel dachte überdies an sehr ernstes Gericht, wie aus 2. Thess. 1, 6ff. hervorgeht. Und gewiß darf dieses Gericht in keiner Weise verharmlost werden. (Siehe auch Röm. 3, 6!)

Aber der Apostel Paulus dachte auch an das Ende aller Wege Gottes. Da war ihm Gottes Weg mit dem Volk Israel Schulbeispiel. Wie Gott mit Israel, seinem widerspenstigen Volk, handelt, so wird er mit allen Völkern handeln. Gerade darum hat Gott ja das Los aller Geschlechter mit dem Israels verknüpft, indem er schon bei der ersten Begegnung mit Abraham die diesem gegebene Segensverheißung dahin erweiterte, dass in dessen Samen alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten. Umgekehrt aber hat Gott auch das Gericht über die Toten in Israel mit dem Gottesgericht über die Heiden, dem Gericht über Sodom, über Gomorra und über Samaria, verkoppelt. Wohl darum hat er dem Abraham nach 1. Mo. 18, 17ff. seine Pläne auf seinem Weg zum Gottesgericht an Sodom und Gomorra, den Städten der Sünde und der Geschlechtsverwirrung, kundgetan. Man lese dazu noch aufmerksam Hes. 16!

Aus dieser Sicht heraus schrieb der Apostel die schon erwähnten Worte wie: “Gott, unser Heiland, will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen” (1. Tim. 2, 3.4). Paulus war ein Mann, der den Willen des gottfremden Menschen, anderseits aber auch den Willen Gottes kannte.

Hat der Apostel Gott schon in der soeben angeführten Schriftstelle Heiland genannt und auf seinen eindeutigen Willen gegenüber allen Menschen hingewiesen, so redet er 1. Tim. 4, 10, also einige Verse weiter, vom lebendigen Gott, “der ein Erretter aller Menschen ist, besonders der Gläubigen”. Der Eingang zu diesem Vers ist insofern nicht eindeutig überliefert, als die Einen, auch Moderne, dem Sinn nach übersetzen: “Denn dafür arbeiten wir und werden geschmäht, weil wir auf einen lebendigen Gott hoffen, der … “, andere lesen dagegen den Grundtext so: “Denn dafür arbeiten und kämpfen wir …”. Wie es richtigerweise heißen muß, ist wohl nicht auszumachen. Wenn wir davon ausgehen, dass die Arbeit für den lebendigen Gott dem Paulus vom ersten Tag seiner Bekehrung an Kampf bedeutete, dann hat er wohl nicht noch besonders auf seinen Kampf hinweisen wollen. Deswegen ist doch eher anzunehmen, dass er die Schmähungen andeuten wollte, die er sehr wahrscheinlich in Sonderheit von den christgläubigen Juden erfahren mußte, denen Gott als ein Retter aller Menschen nicht in ihr durch das Gesetz geprägtes Glaubensdenken hineinpaßte.

Doch Paulus wußte im ersten Timotheusbrief noch etwas anderes von Gott zu sagen. Es ist eine Verdeutlichung all der übrigen Ausdrücke, die er in diesem Brief im Hinblick auf Gott gebraucht hat. Kapitel 6, 13 schrieb er: “Ich gebiete dir vor Gott, der alles lebendig macht …”. Dieses Lebendigmachen kann nur durch die Auferstehung geschehen. Und dazu hat der Herr Jesus gesagt: “Ich bin die Auferstehung und das Leben” (Joh. 11, 25).

In diesem Sinn faßte der Apostel in 1. Tim. 6, 14-16 seine endzeitliche Schau in bezug auf Gott in folgende Worte: “… bis zur Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus, die zu seinen Zeiten der selige und alleinige Machthaber zeigen wird, der König der Könige und Herr der Herren, der allein Unsterblichkeit hat und der ein unzugängliches Licht bewohnt, den keiner der Menschen gesehen hat noch sehen kann. Dem sei Ehre und ewige Macht! Amen”.

Paulus sah, dass Gott zu den von ihm festgesetzten Zeitabschnitten seinen Sohn Jesus Christus zur Weltvollendung senden wird. Es ist auffallend, dass der Grundtext eindeutig von Zeitabschnitten redet. Demnach wird die Weltvollendung nicht in einem Zug vor sich gehen. Wir wissen, dass die Entrückung des Leibes Christi der Wiederkunft des Christus auf diese Erde zur Aufrichtung seines Reiches vorangehen wird. Wir wissen auch, dass die Offenbarung der Söhne Gottes zum Freiwerden der Schöpfung von der Knechtschaft des Verderbens zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes (Röm. 8, 19ff.) erst nach der Zeit des messianischen Reiches stattfinden wird. So haben wir mehrere Zeitperioden bzw. Zukunftszeitalter, die von Gott für die Weltvollendung durch seinen Christus vorgesehen sind.

Wenn der Apostel Paulus im angeführten Vers 1. Tim 6, 15 vom alleinigen Machthaber schrieb, dann wollte er doch zum Ausdruck bringen, dass keine andere Macht und kein anderer Wille ihm entgegen sein und gegen ihn aufkommen kann. Er ist der Gott, von dem es schon Jes 46, 10 heißt: “Der ich von Anfang das Ende verkünde, und von alters her was noch nicht geschehen ist; der ich spreche: Mein Ratschluß wird zustande kommen, und all mein Wohlgefallen werde ich tun”.

Oder Dan. 4, 35 (32): “Und alle Bewohner der Erde werden für nichts geachtet, und nach seinem Willen tut er mit dem Heer des Himmels und mit den Bewohnern der Erde; und da ist niemand, der seiner Hand wehren und zu ihm sagen könnte: Was tust du?”

Saulus von Tarsus hatte das erfahren. Darum konnte er später, als der von Gott begnadete Paulus Röm. 9, 19 schreiben: “Wer hat seinem Willen widerstanden?” Und Röm. 9, 20: “Wer bist du Mensch, der du das Wort wider Gott nimmst?”

Wenn Gott seinen Willen durchsetzen will, dann hat kein Mensch mehr etwas zu sagen, und das auch dann nicht, wenn es sich um seinen göttlichen Heilswillen handelt, den er offen kundtut. Gerade darum nannte der Apostel Paulus im obengenannten Vers Gott nicht nur den “alleinigen Machthaber”, sondern er fügte den Ausdruck hinzu, den er schon im Gedanken an das göttliche Wohlgefallen 1. Tim. 1, 11 gebraucht hatte, es ist das Wort: selig. Gott ist der selige Machthaber. Gott ist voller Wohlgefallen, nicht weil er alleiniger Machthaber ist und seinen Willen durchsetzt und durchsetzen kann. Sondern er empfand tiefe Gottesfreude, dass infolge des Opfers seines Sohnes der Weg gegeben ist, — auch wenn es durch schwere Gerichtsnöte gehen muß —, dass der Wille Gottes schließlich erfüllt wird, und es sich allseits erweist, dass es göttlicher Heilswille ist.

Kehren wir zur ersten Aussage zurück, die Paulus von Gott niedergeschrieben hat. Im Zusammenhang lautet sie: “Und wenn sonst etwas der gesunden Lehre entgegensteht, nach dem Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes, das mir anvertraut worden ist” (1. Tim. 1, 10.11). Viel, ja sehr viel stand ihm entgegen, diesem Evangelium der Herrlichkeit Gottes: Sünde, Gottesfeindschaft, Triumphe des Bösen. Und dem Widersacher Gottes war es gelungen, seine Saat der Bosheit teilweise auch innerhalb der Gemeinde auszustreuen. Es kam so weit, dass Paulus schreiben mußte: “Doch der feste Grund Gottes steht und hat dieses Siegel: Der Herr kennt, die sein sind, und: jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit” (2. Tim. 2, 19). Ist es in unseren Tagen besser geworden? Ist es in den Gemeinden, die sich zum Leib Christi zählen, besser geworden als zur Zeit, von der Paulus im soeben angegebenen Vers redet? Stehen wir bewußt in Verbindung mit dem Vater der Herrlichkeit, um befaßt zu werden mit der Hoffnung seiner Berufung und dem Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes unter den Heiligen (Eph 1, 17-18)? Oder leiden wir Mangel an der Herrlichkeit Gottes (Röm. 3, 23; wörtl. Übersetzung)? Die Tatsache, dass so herzlich wenig von der Herrlichkeit Gottes und der Herrlichkeit Christi unter den Kindern Gottes die Rede ist, ist gewiß kein gutes Zeichen. Und dabei hat Gott doch Christus in unsere Herzen gegeben, die Hoffnung der Herrlichkeit (Kol. 1, 27), damit diese seiner Herrlichkeit voll seien. Gewiß, wir haben Veranstaltungen in Predigten, Bibelstunden, Vereins- und Jahresfesten; aber in bezug auf das, was vor Gott zählt: Erkenntnis Gottes, Erkenntnis des Sohnes Gottes, Erkenntnis des Göttlichen, Erkenntnis der Geheimnisse Gottes, Erkenntnis der Wahrheit — kurz, Erkenntnisse durch geistgewirktes Erleben des Wortes Gottes — sitzen wir wie in einem Armenhaus und ernähren uns dürftig. Dabei hätten wir es doch mit dem Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes zu tun, wenn wir nur ein wenig aufmerken wollten! Wird Gott mit uns fertig werden? Gewiß, aber auf seine Weise!

Doch wird er auch mit all den vielen Menschen, die in feindschaftlicher Gesinnung in ihrem Leibesleben ihm gegenübergestanden haben, fertig werden? Wir haben diese Frage schon mit ja beantwortet, weil wir dafür halten, dass nichts dem Willen Gottes widerstehen kann. Wenn seine Feinde auch ins Gericht gehen müssen, ja, in strenges Gottesgericht, und nach ihren Werken gerichtet werden (Offb. 20, 12), so ist das in jeder Hinsicht ein gerechtes Gericht. Zwar hat Christus am Kreuz auch für ihre Untaten Sühne getan, und deswegen müßten sie nicht mehr gerichtet werden. Aber ihre Werke sind der Ausdruck ihrer Gesinnung, ja, noch mehr, ihre Werke haben mitgeholfen, ihr verderbtes Wollen und Handeln zu formen und zu festigen. Darum werden sie entsprechend dieser Zeugen ihres Innenlebens im Gottesgericht lernen müssen, sich zu verurteilen und Gott recht zu geben.

All diesen Tatsachen gegenüber ist Gott der, der mit Wohlgefallen in die Zukunft blickt. Aufgrund des Todes, der Auferstehung und des Lebens seines Sohnes kann er eine frohe Botschaft verkündigen lassen, die in Verbindung mit seiner Herrlichkeit in der Gemeinde nicht nur in diesem, sondern auch in den kommenden Zeitaltern gehört werden wird, die frohe Botschaft der Herrlichkeit des seligen Gottes. Er wird zum Ziel kommen!

Zum Schluß sei noch beigefügt, dass diese frohe Botschaft, wenn auch nicht in der ausführlichen Art, wie wir sie kennen, dem Abraham verkündigt wurde. Der Apostel Paulus durfte uns das sagen in Gal. 3, 8 mit den Worten: “Da aber die Schrift voraussah, dass Gott die Nationen aus Glauben rechtfertigen werde, hat sie dem Abraham die frohe Botschaft vorhergebracht: ‘In dir werden gesegnet werden alle Nationen’”.

Ihm sei die Herrlichkeit in der Gemeinde in Christus Jesus auf alle Geschlechter des Zeitalters der Zeitalter (Eph 3, 21)!

(Quelle: Schrift; Verlag “Steh auf”, Basel)

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