Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Babylon — Ein endzeitliches Geheimnis

Autor: Salomon, Gerhard  |  Kategorie(n): Das Böse, Das prophetische Wort, Endzeit, Irrlehre, Israel, Kirchentum, Religionen, Versuchung & Verführung  |  3,083 x gelesen

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort
DIE GROSSE FRAGE …
1. Das Ur-Babylon Nimrods
2. Das Neu-Babylon Nebukadnezars
3. Die Hure Babylon
    a) … als endzeitliche Gestalt
    b) … als religiöse Ausreife
    c) … als Geheimnis
    d) … als Hochburg des Okkultismus
    e) … und ihr plötzliches Ende
… UND IHRE ANTWORT
Das paulinische Gemeindeverständnis
Der Katholizismus
Der Protestantismus
Die Freikirchen
Der innerkirchliche Pietismus
Die Zukunft des Christentums
Die Antwort auf die gestellte große Frage
Das zweimalige »Gehet aus« im Neuen Testament
Eine unnötige Frage
Der geringe Überrest
Statt eines Schlußwortes
Anhang: Zitate von C. A. Auberlen
Literaturverzeichnis


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Vorwort

Immer wieder werden einzelne Gesichtspunkte der hier behandelten Fragen angeschnitten, aber kaum einmal konsequent zu Ende durchdacht.

Nach zwei Anfang der Sechziger Jahre in »Licht+Leben« veröffentlichten Aufsätzen über endzeitliche Gefahren beschied der damalige Schriftleiter Wilhelm Busch über einen dritten mit dem Thema »Ökumene«: »Dieser Artikel ist vielleicht in fünf Jahren am Platz, jetzt aber — nach meiner Kenntnis der Dinge — noch nicht.« Der Verfasser hat nicht nur fünf Jahre gewartet, sondern fünfundzwanzig. Nun gab die damalige kleine Arbeit den Anstoß zu diesem Heft, wobei die inzwischen weitergegangene Entwicklung Berücksichtigung fand.

Im Bewußtsein der großen Verantwortung sind auch »heiße Eisen« im Blick auf aktuelle und uns hart bedrängende Fragen angepackt worden (andere Punkte werden vom Verfasser in Heft 9/10 dieser Reihe »Die Gefahren der Endzeit für die Gläubigen« behandelt. Wir haben es also heute nicht nur mit den bekannten Problemen der zweiten, dritten oder gar einer weiteren Generation zu tun, sondern zusätzlich noch mit endzeitlichen Verfallserscheinungen. Dabei ist Hand in Hand mit dieser Entwicklung ein Aufwachen der allerdings nur eine Minderheit darstellenden wahren Gemeinde Gottes das dringende Gebot der Stunde).

Dabei war es dem Verfasser ein Anliegen, eingedenk der apostolischen Mahnung die Wahrheit nicht rücksichtslos, sondern in der Liebe zu bezeugen (Eph. 4, 15) (wir sollten uns ausstrecken nach der gesunden Verbindung einer bis zum Äußersten gehenden opferbereiten Liebe mit unnachgiebigen Feststehen für die Wahrheit). »Es ist wichtig, daß wir uns davor hüten, grob unbiblische Aussagen der Gegenseite mit Genugtuung unserer ›Sammlung‹ einzuverleiben, um sie bei passender Gelegenheit gegen sie auszuwerten. Wer selber vor Gott gedemütigt ist, der kann nie mit Genugtuung die Fehler der anderen entdecken und registrieren, sondern er wird im Leidtragen vor Gott in diesen schmerzlichen Auseinandersetzungen stehen« (16/S. 137 — die erste Zahl weist auf die laufende Nummer des Literaturverzeichnisses (Seite 77 ff.) hin, die zweite gibt die Seitenzahl der Zitatquelle an).

Wie bestürzend für Karl Hartenstein (1894-1952) die Erkenntnis über die Hure Babylon (Offb. 17) gewesen sein muß (s. S. 58), offenbart sein offenes Eingeständnis, »daß es mir angst ist um die Auslegung dieses Kapitels 17. Denn ich weiß, wie gefährlich es ist, hier Dinge zu sagen, die auch die gläubige Gemeinde verletzen oder erschüttern können« (19/S. 156). Darf das aber ein Grund sein, sie zu verschweigen, während verführerische, verderbliche und andere unbiblische Stimmen sich frech zu Wort melden?

So konnte auch der Verfasser diese Zeilen nur mit wehem Herzen niederschreiben (s. Kapitel 3 e).

Deshalb gilt es, sich vor allzu schnellen Reaktionen zu hüten und alles gründlich vor dem Herrn zu bewegen, um dann ­ sollten wir von der Schrift her durch Überführung des Geistes eines Besseren belehrt werden — auch zur Aufgabe selbst lieb gewordener und bisher für selbstverständlich gehaltener Positionen bereit zu sein.

Bewußt gewählt wurde eine knappe Darstellung, so daß im Blick auf ausführlichere Einzelheiten auf die reichlich vorhandene Literatur verwiesen werden muß.

Heute trifft diese Feststellung aus der Zeit des Dritten Reiches noch viel mehr zu: »Alles Unechte bricht in unsern Tagen zusammen … Das ist ein Gericht über die seichte und oft schwindelhafte Art des Christentums und der Wortverkündigung in den letzten Jahrzehnten, die massenhaft ›törichte Jungfrauen‹ erzeugte. Darüber müssen wir Buße tun, d. h. unsern Sinn ändern« (42/S. 9/10).

Bei der Beschäftigung mit diesem Heft verliere man es nie aus den Augen, in welch einer ernsten Zeit wir leben und daß noch nie dagewesene Zuspitzungen auch einmalige besondere Entscheidungen abverlangen.

Der Verfasser


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DIE GROSSE FRAGE …

Von seinen insgesamt 22 Kapiteln widmet das letzte Buch der Bibel mehr als zwei ganze (von 17, 1 bis 19, 4 — Bibelstellen ohne Angabe eines Buches betreffen die Offenbarung, es sei denn aus dem Zusammenhang ergibt sich klar, daß aus einem andern Buch zitiert wird) der gottfeindlichen Endzeitmacht Babylon — nach zweimaliger Vorankündigung seines bevorstehenden Gerichtes und Endes (14, 8; 16, 19). (Babylon ist die griechische Wortform, die hebräische Babel bedeutet nach 1. Mose 11, 1 Verwirrung.) Gleich das spricht für deren große Bedeutung; denn so ausführlich beschäftigt sich die Offenbarung zusammenhängend mit keiner anderen Endzeiterscheinung.

Wer oder was ist nun Babylon? Die am meisten verbreitete Antwort lautet: Rom! — oder auch ganz allgemein die entarteten Großkirchen! Und vieles scheint für diese Ansicht zu sprechen. Zur Vorsicht mahnen sollte uns jedoch die ausdrückliche Urteilsbegründung, daß sich auf dem Konto dieses Endzeitbabels nicht nur das Blut der Heiligen und Zeugen Jesu findet (17, 6), sondern auch das der Propheten (18, 20.24). Die Einbeziehung der hier gemeinten alttestamentlichen Gottesmänner in unsere Überlegungen führt auf das irdische Bundesvolk — und damit haben wir auch schon die nächstverbreitete Ansicht. Jedoch trifft selbst auf das abtrünnige Israel wiederum ein anderer wichtiger Punkt nicht zu: Es kann nicht als die Ursprungsquelle aller Greuel auf Erden angesehen werden; denn bereits in Ägypten und seit der Wüstenwanderung — also gleich von Anfang seiner Geschichte an — wurde Israel mit einem bereits vorhandenen Zauber- und Götzendienst konfrontiert.

Bei der Beantwortung der Frage nach dem Endzeit-Babel reicht es also nicht aus, daß nur einige Merkmale zutreffen, womit man sich weithin begnügt; das muß für alle gefordert werden, handelt es sich doch um die »Mutter der Huren und aller Greuel auf Erden« (17, 5), also um den Ursprung und nicht nur um die Ableger. Kinder müssen nun einmal von der Mutter unterschieden werden.

Damit spitzt sich die Suche nach dem Endzeit-Babylon zu auf die Frage nach der gemeinsamen Quelle alles Falsch-Religiösen.

Dabei wollen wir als erstes den Spuren in der Bibel nachgehen und stoßen gleich auf den ersten Blättern in 1. Mose 10, 10 auf Babel als den Namen jener im Zweistromgebiet gelegenen Stadt im Lande Sinear. Hier kam es durch Nimrod zur Gründung des ersten Reiches der Menschheitsgeschichte. Und damit haben wir schon die erste Phase dieser so schicksalsträchtigen Entwicklung:

1. Das Ur-Babylon Nimrods

(Hierzu die Auslegungen von Keil (30/S. 135/136), Kroeker (34/S. 338-345) und Bräumer (4/S. 206/207).

In der Völkertafel, die sich sonst nur mit Aufzählungen von Namen begnügt, werden von Nimrod als einziger Einzelperson nähere Ausführungen gemacht: »Der fing an, ein gewaltiger Herr zu sein auf Erden, und war ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn« (1. Mose 10, 8.9). Manche Sympathie wird sich Nimrod sicherlich bei dem Bemühen erworben haben, die Raubtiere in Schach zu halten. Jagd war hier — anders als heute — eine Notwendigkeit für das Überleben. Bei der Jagd auf Raubtiere mag es aber wohl nicht geblieben sein. Ob es nicht bald zu Verfolgungen und letztlich zur Menschenjagd gekommen ist?

Man kann sich gut denken, wie Nimrod, einmal von dem Gedanken der Macht besessen, sich mit dem Erreichten nicht zufrieden gab, sondern alle seine Überlegenheit einsetzte, um seinen Einfluß ohne Rücksicht auf die Interessen anderer weiter auszudehnen. Hier in Mesopotamien spielen gleich von Anfang an Städte eine beherrschende Rolle (V. 10-12). Unverkennbar ist dabei die von der Bibel herausgestellte Tendenz ins gewaltige Große: Nimrod ist ein »gewaltiger Herr, der erste Gewaltige« (V. 8), »ein gewaltiger Jäger« (V. 9) und baute eine »große Stadt« (V. 12). Hier findet sich also schon der Keim der Weltreichsidee und damit auch aller kommenden Machtbesessenheit sowie menschenverachtenden Tyrannei.

Die einen Ausleger, z. B. Keil, deuten den Ausdruck »vor dem Herrn« — ausgehend von der Bedeutung des Namens Nimrod (»Empörer«, »Widerspenstiger«, »Laßt uns empören«) — im Sinne von »gegen den Herrn« (= Gott), während andere (z. B. Kroeker, Bräumer, Hirsch) ihn nicht anders als »im Namen des Herrn« verstehen wollen. Der jüdische Ausleger Hirsch führt aus: »Nimrod fing an, ›im Namen Gottes‹ seine Mitmenschen zu unterdrücken; er war der erste, der den Namen Gottes mißbrauchte, die Gewalt durch den heiligen Schein des göttlichen Wohlgefallens zu verhüllen, oder vielmehr die Anerkennung der Gewalt im Namen Gottes zu fordern. Ging dies doch dann später im Altertum so weit, daß die Könige nicht bloß im Namen Gottes dastanden …, sie wurden selbst Götter … Dadurch ward Nimrod der Prototyp (Urbild, Muster, Inbegriff) aller sich mit dem Heiligenschein verschlagen krönenden Dynasten (Herrscher) …« (23/S. 65).

Von ungleich größerer Bedeutung aber sollte Babel als Ausgangspunkt einer eschatologischen (die letzten Dinge betreffend, endzeitlich) Entwicklung werden, die ­ bei ihrer Erfüllung — die Endzeitmenschheit in ebenso großes Staunen versetzen wird (17, 8), wie schon damals Johannes, als er diese ein außergewöhnliches Geheimnis enthaltende Vision empfing (17, 5.6).

Machen wir mit dieser Tatsache ganz Ernst, dann werden wir gegenüber allen schnell, ohne viel Schriftforschung gegebenen Antworten höchst skeptisch sein. Ein Geheimnis liegt nun einmal nicht an der Oberfläche, daß man es sofort erfassen könnte. Es muß uns vielmehr aus dem Wort durch göttliche Offenbarung aufgeschlossen werden. Wesenhafte biblische Erkenntnis ist eben mehr als nur verstandesmäßig Erfaßtes oder von andern Übernommenes.

Versuchen wir einmal, uns die damalige Lage zu vergegenwärtigen. Die an Zahl geringe Bevölkerung bildete eine noch überschaubare Einheit. Nimrod zählte ja erst zur zweiten nach der Flut geborenen Generation, Ham war also sein Großvater und Noah sein Urgroßvater. Mit gutem Grund können wir deshalb annehmen, daß das Ereignis der Sintflut keineswegs vergessen und daß noch eine Kenntnis von den lebendig-machtvollen Offenbarungen des Gottes der Väter vorhanden war. Nun sucht Satan immer wieder Menschen, die sich von ihm inspirieren lassen, um dann als modern Aufgeklärte mit derart angeblich altmodischen Glaubensresten endgültig Schluß zu machen. Eine solche Inspiration muß — will man sich wirklich ganz autonom (unabhängig) fühlen — zwangsläufig zur Ablehnung des allmächtigen Gottes führen, und dann ist nur noch Platz für die verschiedensten selbstgemachten Götzen. Diese Entwicklung — einmal eingeleitet — führte hier in der Ebene Sinear schließlich zum bekannten Turmbau zu Babel (1. Mose 11, 1-9): »Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, daß wir uns einen Namen machen! Denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.« Gut faßt die Jubiläumsbibel die dahinter stehenden Triebkräfte und Absichten zusammen: »In dem wiederholten ›Wohlauf‹ (vgl. V. 3) äußert sich ein elementares Kraftbewußtsein, das … ein Riesenwerk in Angriff nimmt in der stolzen Zuversicht, daß zusammengeballter Menschenkraft nichts unmöglich sei, daß sie selbst Gott trotzen und den Himmel stürmen könne. Als bleibendes Denkmal … sollte der zu errichtende Turm auch noch bei den spätesten Nachkommen das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit und das Streben nach gemeinsamen Handeln lebendig erhalten und so Sammel- und Mittelpunkt für das zu gründende widergöttliche Weltreich werden« (28, AT/S. 16).

Das Ergebnis aber war das völlige Gegenteil: Fortan Zertrennung und Uneinigkeit bis zur Feindschaft! Das zu ändern, sind im Laufe der Geschichte viele Versuche unternommen worden, die aber alle scheitern mußten, weil die eigentliche Ursache aller Unordnung in dieser Welt das grundfalsche Verhältnis zu Gott ist. Höchst vielsagend ist, daß die Bibel einmal Frieden als Gegenpol zu Unordnung und nicht etwa zu Streit bzw. Krieg enthüllt (1. Kor. 14, 33). Fortan steht Babel symbolisch für alle Gottesfeindschaft, so wie Jerusalem zum Inbegriff der Gottesoffenbarung werden sollte. Mit Babel beginnt das wichtige Kapitel des Kampfes zwischen Weltreich und Gottesreich, der tiefsten und letztlich eigentlichen Ursache aller Auseinandersetzungen der Menschheits- und Weltgeschichte.

2. Das Neu-Babylon Nebukadnezars

Nach dem Ur-Babylon stoßen wir dann auf die zweite in der Schrift erwähnte Phase: das Neu-Babylon Nebukadnezars. Zunächst soll aber noch kurz auf die Religion Babels eingegangen werden, wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelt hat.

Ein Blick in ein Standardwerk über Religion konfrontiert uns sofort mit einer unübersehbaren Fülle von Göttern. So fand man »eine Liste mit 500 Götternamen«, die »wohl als frühestes Erzeugnis theologischer Wissenschaft gelten kann«, und ein nur in fragmentarischen Abschriften erhaltener noch umfangreicherer Götterkatalog weist 2500 sumerische Namen auf (47, Bde. I/Sp. 814). Allermeist handelt es sich um Lokalgötter.

Hier in Babel finden wir die verschiedensten Gottheiten, wie kosmische (Himmel, Luftreich mit Erde und die Wassertiefe), astrale (Mond, Sonne, Venusstern, Himmelskönigin), Naturgötter (zuständig für Feuer, Krieg, Jagd) und schließlich, aus der großen Zahl als höchster Gott, Marduk (47, Bd. I/Sp. 815/816).

Nicht selten wurden die Götter gleich gruppenweise angerufen. Als Beispiel sei eine Liste auszugsweise (wegen des großen Umfangs dieses Katalogs sind sieben Anrufungen ausgelassen worden) angeführt, die besonders interessant ist, »weil hier die einzelnen Gottheiten Beiworte führen, die uns über ihr Wesen Aufklärung geben:

  • Mögen Anu und Antum vortreten, die Krankheit zu überwältigen.
  • Möge Bel, der Herr von Nippur, vortreten, nach seinem unabän­derlichen Beschlusse, Leben zu verkünden …
  • Möge Sin, der Herr des Monats, vortreten, seinen Bann zu lösen.
  • Möge Schamasch, der Herr des Gerichts, vortreten, die Übertretung auszuwischen.
  • Möge Adad vortreten, der Herr der Visionen, die Krankheit zu bezwingen.
  • Möge Sukh, der Herr der Heere, vortreten, die Seuche zu vertreiben.
  • Möge Ninib, der Herr der Waffe, vortreten, das Unheil zu entfernen …
  • Möge Marduk, der Entscheider der Götter, der Bestimmer der Geschicke, vortreten.
  • Möge Schilig-gal-schar, der Beschwörer unter den großen Göttern, vortreten, dessen Beschwörung den Toten zum Leben bringt, den Kranken aufrichtet.
  • Möge Nergal, der Gott des Strafgerichts, vortreten, vor dem die Dämonen die verborgenen Plätze mit Seuche schlagen …
  • Möge Girru, der Besänftiger des erzürnten Gottes und der erzürnten Göttin, vortreten, den Schmerz des Leibes hinwegzunehmen.
  • Möge Ischtar, die Herrin der Länder, vortreten, um für ihn Fürsprache einzulegen …
  • Möge Bau vortreten, ihn von seinem Schmerze zu befreien (26, Bd. 2/S. 289/290).

In Babylon (neben Assyrien) liegen auch die Anfänge der Astrologie (47, Bd I/Sp. 664). Überhaupt lassen sich beide auf kulturellem sowie religiösem Gebiet infolge wechselseitiger Beeinflussung nicht immer scharf trennen (47, Bd. I/Sp. 826).

Auch blieben die Gottheiten Mesopotamiens (steht hier und an manchen anderen Stellen im weiteren Sinne für das ganze Zweistromland) nicht auf ihr Ursprungsgebiet beschränkt. Wie es sich oft bei verschiedenen Namen letztlich um ein und dieselbe handeln kann, zeigt einmal Dächsel auf: »Baal (syrisch: Beel, chaldäisch in Bel zusammengezogen, griechisch Belos, lateinisch Belus) ist nämlich die männliche Hauptgottheit sämtlicher vorderasiatischer Völker­schaften, die unter verschiedenen Gestalten und mit verschiedenen Beinamen (Baal-Berith, Richt. 8, 33; 9, 4.46; Baal-Peor, 4. Mose 25, 1 ff. und Baal-Sebub, 2. Kön. 1, 2) verehrt wurde (daher öfter von Baalim in der Mehrheit, den mancherlei Baals die Rede ist: Richt. 2, 11; 3, 7; 8, 33; 10, 10; 1. Sam. 7, 4; 12, 10) …« (10, Bd. I/S. 579).

»Entsprechendes kann für die weibliche Hauptgottheit Astharoth nachgewiesen werden, auf die z. B. die Venus der Römer, die Aphrodite der Griechen, die Astarte der Kanaaniter, die Istar der Assyrer und der Ather in Südarabien« (64, Bd. I/S. 89) zurückgeführt werden. Mit ihr verwandt zu sein scheinen die Aschera (2. Chron. 15, 16; 24, 18) und die vorderasiatisch-griechische Artemis (10, Bd. IV/S. 355).

Eine besondere Bedeutung gewann sie als Himmelskönigin, der die abgöttischen Israelitinnen räucherten, Kuchen backten und Dankopfer spendeten (Jer. 7, 18; 44, 17.25). Der mit der Diana der Epheser (Apg. 19, 24) praktisch identischen Mondgöttin Artemis brachten die Athener ebenfalls Kuchen als Speisopfer dar.

In einer babylonischen Hymne an Ischtar (= Istar) findet sich deren Selbstbezeichnung »Himmelskönigin oben und unten, in meiner Erhabenheit« (26, Bd. 1/S. 531). Was soll man jetzt noch sagen, wenn in einer »Katholischen Glaubenslehre« ein Kapitel die Überschrift »Die Himmelskönigin« hat?

Ein Ausleger weist darauf hin, daß die von Nebukadnezar gebrauchte Bezeichnung »König des Himmels«, die den babylonischen Vorstellungen entsprach, für den wahren Gott »in der ganzen Bibel nur in Daniel 4, 34« vorkommt und »merkwürdig an die ›Himmelskönigin‹ erinnert, die man etwa zur selben Zeit unter den Juden aufgrund babylonischen Einflusses anbetete« (38/S. 201).

Kein Wunder, daß es gerade in Babylon mit seiner großen Zahl von weiblichen Gottheiten zu den Ansätzen eines göttlichen Mutter-Kind-Kultus kam. Die Marienverehrung ist weiter nichts anderes als dessen Anpassung an das christliche Gedankengut (50/S. 142). Die griechische Version z. B. ist der Gott des Getreidevorrats Plutos in den Armen der Göttin des Friedens Eirene (5, Bd. 14/S. 700). Und ein Buch über Frühkulturen gibt einem seiner Kapitel die Überschrift »Eine göttliche Mutter und ihr Kind — 800 Jahre vor Christus« (36/S. 97).

In demselben Titel findet sich die für unser Thema höchst wichtige Grundaussage: »Ein großes Geheimnis der Menschheit ist eben die Tatsache, daß nicht nur alle Kulturen, sondern auch alle Götter miteinander verwandt sind« (36/S. 42).

Das wahre eigentliche Wesen der babylonischen Religion muß uns solange verschlossen bleiben, als wir nicht einige Klarheit über die Institution ihrer Priesterschaft haben, die nach dortiger Ansicht allein das Höchste, »das Geheimnis der großen Götter, ihr Mysterium« erfaßt hatte. »Die Wissenschaft war nicht Gemeingut des Volkes, sondern sie war eine geheime Disziplin, die von den Göttern nur auserwählten Sterblichen offenbart wurde. Von diesen wurde sie tradiert (= weitergegeben, d. V.) … ›Der Wissende soll sie dem Wissenden zeigen, der Laie soll sie nicht sehen auf das Verbot der großen Götter …‹« (43, Bd. 2/S. 139/140).

Nur die Priester durften den Tempel betreten und sich Gott nahen. Ihr Hauptbetätigungsfeld waren neben dem Opferdienst vor allem Magie (in Form von Beschwörungen) und Mantik (Zukunftsdeutung). Jesaja schreibt in Kapitel 47, 9 von »der großen Menge der Beschwörer und Zauberer« Babylons, »derer ein großer Haufe ist«. Nur sie wußten die richtigen Worte, um den Zweck des Gebetes oder der Beschwörung bei den Göttern zu erreichen, ja, um ihnen den Willen aufzwingen zu können (26, Bd. 2/S. 204).

Wenn hier auch alles in ein strenges — geradezu wissenschaftliches — System gebracht worden war, so finden sich doch bereits Ansätze zum Sakramentalen: »Im Tempeldienst und bei der Gottesverehrung des einzelnen verschafft die Opferhandlung dem gleichfalls magisch wirksamen Wort sakramentalen Nachdruck« (47, Bd. I/Sp. 818).

Da die Furcht vor Dämonen weit verbreitet war, wurde der Dienst der Priester vom Volk oft in Anspruch genommen. Das erklärt ihren großen Einfluß und auch ihre starke Stellung innerhalb der babylonischen Gesellschaft.

Die Priesterschaft mit ihren 30 Priesterklassen war hierarchisch gegliedert. Eine starke Stellung hatten die Oberpriester. Auch wird von babylonischen Hohenpriesterinnen und Götterherrinnen berichtet (55/S. 10; 43, Bd. 2/S. 69).

Prozessionen, Weihwasser und — wenn auch mit andern Ordnungen — Nonnen sind nicht katholischen Ursprungs: das alles gab es schon vorher in Babylon (47, Bd. I/Sp. 817; 43. Bd. 21 S. 87).

Und wieder zurück zu Neu-Babylon: Mit Nebukadnezar erhob sich das bisher von den Assyrern abhängige Babel zur ersten Weltmacht. Deren absoluten — im König verkörperten — Vorrang stellt die göttlich geoffenbarte Traumdeutung Daniels heraus: »Du bist das goldene Haupt« (Dan. 2, 38 b in Verbindung mit 36-38).

Wohl den größten Ruhm erwarb sich Nebukadnezar durch den Wiederaufbau Babels, das sich nach der Zerstörung durch die Assyrer aus der Geschichte praktisch abgemeldet zu haben schien. Keine alte Stadt wie Memphis, Ninive, Theben oder Ur konnte sich mit der Pracht, dem Glanz und der Großartigkeit Babels messen (nur ein Beispiel: Eine Brücke verband auf angeblich 100 Pfeilern über den 900 m breiten Euphrat die beiden Stadthälften Babels (61/S. 83), weshalb die Bibel sie auch mit einem »goldenen Kelch« vergleicht Jer. 51, 7). Diese Aussage bekommt ihr volles Gewicht erst auf dem Hintergrund der kommenden »goldenen Stadt« der neuen Welt (Offb. 21).

Mit Babel verbindet sich die Vorstellung von Kunstfleiß, Handel, Erfolg, Wohlstand und Reichtum, aber auch von Sünden (Sündenbabel ist zu einem bekannten festen Begriff geworden). Leider müssen wir es uns im Rahmen dieser Abhandlung versagen, dies mit weiteren eindrucksvollen Einzelheiten zu belegen.

Wie lauert doch bei so großem Erfolg und Glanz die Gefahr der Selbstüberhebung, dieser Sünde (Dan. 11, 36; 2. Thess. 2, 4), die für den sich über alles aufwerfenden Übermenschen der Endzeit so typisch ist! Zwar ist Nebukadnezar von dieser äußersten Grenzüberschreitung noch weit entfernt; läßt er doch Gottheiten und selbst den lebendigen Gott Daniels noch stehen (Dan. 2, 47; 3, 28.29; 4, 31-34)! Aber etwas von diesem selbstvermessenen Geist kommt deutlich schon bei dem Ausruf anläßlich des Anblicks der einmaligen Stadt zum Ausdruck: »Das ist die große Babel, die ich erbaut habe zum königlichen Hause durch meine große Macht, zu Ehren meiner Herrlichkeit« (Dan. 4, 27). Hier griff Gott ein — und das ist der große Unterschied zur endzeitlichen Ausreifezeit; und Nebukadnezar ließ es sich sagen, wenngleich es auch nicht zum Entscheidenden kam: zu einer wahren Umkehr hin zu Gott.

Sein Bekenntnis nach seiner Erniedrigung: »Wer stolz ist, den kann er (Gott) demütigen« (Dan. 4, 34) sollten wir uns alle recht zu Herzen nehmen.

Trotz dieses positiven Einzelzuges wird aber auch hier deutlich, daß Nebukadnezar ein Verbindungsglied zwischen dem ichbestimmten Geiste Nimrods und der titanenhaften Selbstüberhebung des letzten Weltdiktators ist, eine Brücke vom Ur­ zum Endzeit-Babel, von Babel I zu Babel III.

Dabei gilt es ganz besonders, die Aufmerksamkeit der in Daniel 3 berichteten staatlichen Forderung zuzuwenden, bei der Weihe eines Standbildes zu Ehren Bels diesem babylonischen Gott durch Niederknien seine Reverenz zu erweisen; denn dieses ganze Kapitel ist ein starker prophetischer Hinweis auf den letzten Herrscher mit dem redenden Bild (Offb. 13). Hier — wie damals bei den drei Freunden Daniels — ist ein Konflikt unvermeidlich zwischen dem Totalanspruch des Staates und einem an Gott gebundenen Gewissen, das Bilderdienst in jeder Form ablehnen muß.

Trotz aller Ichgröße, Weltseligkeit und sprichwörtlicher Sündenliebe ist Babylon jedoch nicht ohne Religion. Ja, aus dem Munde Nebukadnezars kommt es gelegentlich sogar zu einem Bekenntnis, das der biblischen Gottesoffenbarung voll entspricht, jedoch nicht zu einem lebendigen Glaubensverhältnis.

Nebukadnezar ist ein Beispiel, daß man viel biblisch Wahres auch ohne persönliche Glaubensbindung sagen kann. Es sei nur an diese seine zwei Bekenntnisse im Blick auf den Gott Israels erinnert:

»Es ist kein Zweifel, euer Gott ist ein Gott über alle Götter und ein Herr über alle Könige, der Geheimnisse offenbaren kann, wie du dies Geheimnis hast offenbaren können« (Dan. 2, 47).

»Denn es gibt keinen andern Gott als den, der so erretten kann« (Dan. 3, 29).

3. Die Hure Babylon

a) … als endzeitliche Gestalt

Stadt und Reich Babylon (Babel) sind verschwunden. »Der Sand … deckte sich über die verfallenen und verödeten Städte, bis sie zu stummen, flachen Hügeln hier und da im weiten Meer der Steppe wurden. Unter ihnen gingen die Zeugnisse eines großen Zeitalters zur Ruhe, um erst seit hundert Jahren wieder ans Licht zu steigen und nun der staunenden Nachwelt Kunde von dem frühesten Abschnitt menschlicher Geschichte und Kultur zu bringen« (55/S. 151). Und damit sind auch die religiösen Kulthandlungen Vergangenheit geworden.

Bedeutet das aber, daß sich auch der religiöse Geist spurlos verloren hat? Die Geschichte lehrt uns, daß sich leichter politische Gebilde vernichten lassen als ihre Ideen. Manches unterworfene Volk hat durch seinen nachwirkenden überlegenen Geist noch einen späten Triumph über den Sieger davontragen dürfen.

Ist also Babel wirklich spurlos vom Erdboden verschwunden? Sicher hat Werner Keller mit seiner Feststellung recht, daß in diesem frühesten Kulturgebiet des fruchtbaren Halbmondes (so benannt nach der sich auf einer Landkarte darbietenden Halbmondform des fruchtbaren Landstriches, der sich von Israel bis zur Mündung des Euphrat und Tigris erstreckt) »der Boden bereitet wurde für das Abendland, für Europa« (31/ S. 323). Immerhin verdanken wir dieser Region die Schrift, das Alphabet, das Buch.

Aufgrund der bisherigen Ausführungen hat jeder Leser schon gemerkt, daß in religiöser Hinsicht Babel heute noch uns auf Schritt und Tritt begegnet. Vor allem aber hat es nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift seine Rolle noch lange nicht ausgespielt: Babel steht am Anfang der Menschheitsgeschichte, mit Babel wird sie auch enden! Das ist dann nach dem Ur- und Neubabylon seine dritte in der Bibel erwähnte Phase.

Nach der Deutung des für diese Vision zuständigen Zornschalenengels ist das von Johannes geschaute Weib »die große Stadt, die die Herrschaft hat über die Könige der Erde« (17, 18). Das Weib ist also Symbol — und Stadt die Realität. Wie hier genau auf den Wortlaut geachtet werden muß, beweist die Erwähnung der geistlich als »Sodom und Ägypten« bezeichneten ebenfalls »großen Stadt« in Kapitel 11, 8, womit aufgrund des Hinweises auf die Kreuzigung unsers Herrn eindeutig nur Jerusalem, hier also eine andere Stadt, gemeint sein kann.

Bei dem Ausdruck »Stadt« dürfen wir nicht bei den Ziegelsteinen stehen bleiben; entscheidend für den Charakter eines Ortes sind seine Bewohner. Es ist also auch der von Babel ausgehende Geist mit einbegriffen.

Bei diesem Kapitel (17) darf nie dessen Aufbau aus den Augen verloren werden:

  • V. 1-6: das Gesicht (die Vision)
  • V. 7-18: die Auslegung.

Hier wird uns eine göttliche Deutung, also eine authentische Interpretation, gleich mitgegeben (weitere diesbezügliche Stellen: »Die sieben Häupter … sind sieben Könige«; V. 9 und »Die Wasser … sind Völker und Heiden und Scharen und Sprachen«; V.15). Trotzdem wird immer wieder der Fehler gemacht, das von Gott Gedeutete noch einmal selbst erklären zu wollen.

Schließt aber die Schrift (z. B. in Jesaja 13, 19-22) nicht ein Wiedererstehen Babels — und damit auch die Möglichkeit einer endzeitlichen Zerstörung — für immer aus? Dabei dürfen wir nicht übersehen, daß Jesaja gerade hier die Vernichtung Babels im Zusammenhang mit dem Tag des Herrn nennt (V. 6.9.13) (aufgrund von Vers 20 soll Babel erst nach einer Vernichtung entsprechend der Sodoms und Gomorras »nie mehr bewohnt« und »unbesiedelt bleiben« (12/S.151), womit keine der bisherigen Zerstörungen oder gar sein zuletzt allmählicher Verfall gemeint sein kann. So auch Jeremia 50, 39.40! Jetzt werden für die schon seit langem bekannten irakischen Pläne des Wiederaufbaus Babylons bereits Fertigstellungstermine (noch kurz vor Ende unseres Jahrhunderts). Ungeachtet des Golfkrieges hat die irakische Regierung bereits einen höheren Geldbetrag zur Verfügung gestellt. Auch hat man mit Rekonstruktionen von Bauwerken bereits begonnen. Für den Kenner des prophetischen Wortes sind das bedeutsame Meldungen — könnte das doch zum endzeitlichen Babel III führen).

Was ist nun dieser immer wieder bezeugte Tag des Herrn (Jesaja 2, 12; Jesaja 13, 6.9; Hesekiel 13, 5; 30, 3; Joel 1, 15; 2, 1.11; 3, 4; Amos 5, 18.20; Obadja 15; Zephanja 1, 7.14; Maleachi 3, 23)?

Gleich sein erstes Vorkommen (nicht der zeitlichen Reihenfolge der biblischen Bücher, sondern ihrer Anordnung nach, wie sie uns heute vorliegt) vermag uns seinen überaus ernsten Charakter in wahrhaft erschütternder Weise zu enthüllen:

»Denn der Tag des Herrn Zebaoth wird kommen über alles Hoffärtige und Hohe und über alles Erhabene, daß es erniedrigt werde: über alle hohen und erhabenen Zedern auf dem Libanon und über alle Eichen in Basan, über alle hohen Berge und über alle erhabenen Hügel, über alle hohen Türme und über alle festen Mauern, über alle Schiffe im Meer und über alle kostbaren Boote, daß sich beugen muß alle Hoffart der Menschen und sich demütigen müssen, die stolze Männer sind, und der Herr allein hoch sei an jenem Tag« (Jes. 2, 12-17).

Ziel dieses besonderen Gerichtshandelns ist also die Erniedrigung von allem Hohen, Großen und Gewaltigen, damit endlich der Weg frei werde für die alleinige Anerkennung des wahren Herrn Himmels und der Erde.

Und die letzte Erwähnung dieses Tages im Alten Testament (»… ehe denn da komme der große und schreckliche Tag des Herrn«; Mal. 3, 23), mit der Israel in die jahrhundertelange prophetenlose Zeit entlassen wird, bringt noch einmal — aufs kürzeste zusammengefaßt — die Furchtbarkeit dieser Epoche zum Ausdruck. Von dieser Zeit ist das Buch Joel, das eindeutig endzeitliche Bezüge aufweist (etwa Kapitel 4), ein gewaltiges, eindrucksvolles Zeugnis. Was Joel als zukünftig ankündigt, ist im letzten Buch der Bibel bereits Ereignis:

»O weh des Tages! Denn der Tag des Herrn ist nahe und kommt wie ein Verderber vom Allmächtigen« (Joel 2, 15).

»Denn es ist gekommen der große Tag seines Zornes« (Offb. 6, 17).

Der Tag des Herrn ist also nichts anderes als die Zeit der großen Trübsal, die abschließend endzeitliche Gerichtsepoche, die die letzten dreieinhalb Jahre vor dem sichtbaren Kommen des Herrn umfaßt. Dabei handelt es sich um Geschehnisse von unvorstellbar gewaltigen Dimensionen, die ohne jegliche Parallele sind (Dan. 12, 1; Joel 2, 2; Matth. 24, 21): z. B. »wie sie (= die Trübsal) nicht gewesen ist von Anfang der Welt bisher und auch nicht werden wird«. Dann ist es auch klar, weshalb die Botschaft von diesem Tage durchgehend Gericht zum Inhalt hat.

Und im Zusammenhang mit diesem Tag des Herrn weissagt Jesaja die endgültige Vernichtung Babels, die nur die in Kapitel 14, 7 angekündigte und in Kapitel 18 beschriebene sein kann. Dabei fällt — sowohl bei Jeremia (51, 8) als auch in der Offenbarung (18, 2) — dessen so plötzliches Ende auf, wie es so die bisherige Geschichte nicht gebracht hat, die uns im Gegenteil zuletzt von einem allmählichen Verfall Babels berichtet. Auch schloß sich an die in Jesaja 13 geweissagte Besiegung Babels nicht die gleich in Kapitel 14 angekündigte Heilszeit an.

Nicht nur dieser eine auffallende übereinstimmende Zug des plötzlichen Endes, sondern die vielen Parallelen überhaupt zwischen diesbezüglichen Stellen im Alten Testament und den Offenbarungskapiteln 17 und 18 legen den Schluß nahe, daß diese alten Weissagungen erst mit den endzeitlichen Ereignissen die volle Erfüllung finden werden. Nachstehend ihre Gegenüberstellung:

Altes Testament Offenbarung
Jer. 51, 13
Jer. 51, 7
Jer. 51, 7
Jes. 47, 5.7
Jer. 51, 25
Jer. 51, 6.45; 50, 8
Jer. 51, 9
Jer. 50, 15
Jer. 50, 29
Jer. 51, 8 (Jes. 21, 9)
Jer. 51, 63.64
Jes. 13, 21
Offb. 17, 1
Offb. 17, 4
Offb. 17, 2
Offb. 17, 18 und 18, 7.8
Offb. 18, 8
Offb. 18, 4
Offb. 18, 5
Offb. 18, 6
Offb. 18, 6
Offb. 18, 2
Offb. 18, 21
Offb. 18, 2

(Diese tabellarische Aufstellung ist entnommen aus 8/S. 405)

Hier schauen die Propheten nach dem für die Bibel so typischen Gesetz der prophetischen Perspektive zeitlich ausein­anderliegende Ereignisse zusammen (Näheres über diese prophetische Verflechtung von Ereignissen in 50/S. 22/23).

Aufgrund des biblischen Sachbefundes ist die Annahme eines Wiederaufbaus Babels nicht unrealistisch, sondern muß sogar ganz konkret erwartet werden.

Doch nun zurück zur Hure, jetzt

b) … als religiöse Ausreife

Das Ergebnis der Geschichte ist bei Babylon die Hurengestalt — ein im Alten Testament häufiges Bild, das z. B. auf die durch Wohlstand bezaubernden Städte Tyrus (Jes. 23, 15-18) und Sidon (Nahum 2, 7), dann im religiösen Sinne auf Jerusalem (Jes. 1, 21) angewandt und schließlich im Neuen Testament auf die endzeitliche Stadt Babylon übertragen wird. Hurerei als Symbol steht überwiegend für religiösen Abfall (Jer. 3, 2.6.8.9; Hes. 16, 15-34; Hosea 1, 2). Es handelt sich dabei um geistliche Buhlerei als Verstoß gegen das erste Gebot: »Ich bin der Herr, dein Gott«, und nicht so sehr um fleischliche, die allerdings mit dem Götzendienst Hand in Hand geht (z. B. die sogenannte »kultische Prostitution«).

Aber noch in einem dritten Sinne findet sich der Begriff Hurerei im Alten Testament: im politischen des Sichstützens auf fremde Völker und Mächte (27, Bd. I/Sp. 520). Man lese aufmerksam die Stellen Hesekiel 16, 26-29 und 23, 1-10! Wie verwerflich in den Augen Gottes gerade das Paktieren mit den Heiden war, zeigt die in diesem Zusammenhang neben »Ehebrecherin« gebrauchte erschütternde Anrede »Erzhure«. Gemeinsam allen drei Versionen der Hurerei, der wirtschaftlichen, religiösen und politischen, ist der Gedanke: »Hure, das ist das Geschöpf, das meint, es habe seine Bestimmung in sich selbst, es gehörten ihm sein Leib, seine Seele und seine Güter« (7, Bd. 2/S. 226). Was in Babel, wo die kultische Prostitution zum erstenmal nachweisbar ist (59/S. 1506), seinen Anfang nahm, liegt hier im End-Babel dann voll ausgereift vor.

Im Alten Testament bringen die weiblichen Beziehungen (Jungfrau, Weib, Witwe, Ehebrecherin, Hure) das jeweilige Verhältnis Israels zu seinem Bundesgott Jahwe zum Ausdruck.

Im Blick auf den allerersten Anfang der Wüstenwanderung — die wohl einzige Zeit, da Gott an seinem Volk rechte Freude gehabt hatte (Hos. 9, 10) — kann er beglückend feststellen:

»So spricht der Herr: Ich gedenke, da du eine freundliche, junge Dirne und eine liebe Braut warst, da du mir folgtest in die Wüste …« (Jer. 2, 2).

Das Bild wechselt von der Braut zum Weib (Frau):

»Denn der dich gemacht hat, ist dein Mann — Herr Zebaoth ist sein Name — …« (Jes. 54, 5).

Wie erschütternd ist auf diesem Hintergrund der dann bald einsetzende Abfall von Gott:

»Wie geht das zu, daß die fromme Stadt zur Hure geworden ist?« (Jes. 1, 21).

»Aber du verließest dich auf deine Schöne; und weil du so gerühmt warst, triebst du Hurerei, also daß du dich einem jeglichen, der vorüberging, gemein machtest … Und du nahmst von deinen Kleidern und machtest dir bunte Altäre daraus und triebst deine Hurerei darauf … Wie soll ich doch dein Herz beschneiden, spricht der Gott der Herr, weil du solche Werke tust einer großen Erzhure« (Hes. 16, 15.16.30).

In Israel galt eine Frau nur dann als ordnungsgemäß geschieden, wenn sie einen Scheidebrief aufweisen konnte. Gott läßt Israel durch den Propheten fragen: »Wo ist der Scheidebrief eurer Mutter, mit dem ich sie entlassen hätte?« (Jes. 50, 1).

Hier wäre nun, was die Reihenfolge betrifft, die Hurengestalt von Offenbarung 17 einzuordnen.

Das ist aber nicht der Schlußpunkt der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Am Ende steht nach seiner Verheißung der Sieg seiner Barmherzigkeit und Liebe über alles bisherige verkehrte Wesen Israels:

»… sondern du wirst der Schande deiner Jungfrauschaft vergessen und der Schmach deiner Witwenschaft nicht mehr gedenken … Denn der Herr hat dich gerufen wie ein verlassenes und von Herzen betrübtes Weib und wie ein junges Weib, das verstoßen ist … Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen; aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen; aber mit ewiger Gnade will ich mich dein erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser« (Jes. 54, 4.6.7.8).

»Alsdann, spricht der Herr, wirst du mich heißen ›mein Mann‹ und mich nicht mehr mein Baal, heißen … Ich will mich mit dir verloben in Ewigkeit, ich will mich mit dir vertrauen in Gerech­tigkeit und Gericht, in Gnade und Barmherzigkeit. Ja, im Glauben will ich mich mit dir verloben, und du wirst den Herrn erkennen« (Hos. 2, 18.21.22).

Damit ist dann im Blick auf das Weib »Israel« das göttliche Ziel erreicht:

»Denn der Herr wird ein Neues im Lande erschaffen: das Weib wird den Mann umgeben« (Jer. 31, 22).

Vorher aber wird sich der gottlose Teil Israels ganz dem dann endzeitlich ausgereiften Geist Babylons öffnen und so zur Hure Babylon werden. So ist’s von Anfang an: Die von Babel ausgegangenen falschen Religionselemente erfahren zunehmende Verbreitung und damit Hand in Hand eine immer stärkere Fortentwicklung.

So glatt wie bei allen andern Völkern konnte es dabei bei Israel nicht gehen, und deshalb bekommt der Begriff Hurerei bei ihm eine ganz einmalige tiefere Bedeutung. Es besteht nun einmal ein großer Unterschied zwischen diesem besonders genommenen Volk und etwa einer Gestirne verehrende Nation (5. Mose 4, 19).

Nun ist Israel bekanntlich bis zur Babylonischen Gefangenschaft immer wieder dem Götzendienst verfallen. Weil sich damit das Volk Gottes letztlich dem Geiste Babels geöffnet hatte, war es kein Zufall, daß Gott gerade Babylon als Zuchtrute für Jerusalem und als Land des Exils benutzte.

Nach dieser äußersten Abfallposition innerhalb des endzeitlichen Israel wollen wir uns nun dem Gegenstück zuwenden: einer Überwinderschar aus den zwölf Stämmen Israels.

In Kapitel 14, 4 werden die 144.000 Erstlinge, was ihre innerste Grundhaltung anbetrifft, als Jungfrauen bezeichnet. Damit ist jene »Urstandsliebe« gemeint, die ganz allein den Herrn meint, und in dieser »ersten Liebe« haben diese Überwinder trotz allen Abfalls um sie herum und trotz aller Versuchungen bis zur himmlischen Zielerreichung durchgehalten. Welch, ein mutmachendes, aber auch anspornendes Zeugnis!

Es sollte nicht übersehen werden, daß als Merkmal ihres Jungfrauenstandes die Nichtbefleckung »mit Weibern« herausgestellt wird. Deshalb kann nicht gemeint sein fleischliche Besudelung, schon gar nicht das Moment der Ehelosigkeit, weil in der Bibel die Ehe so nicht abgewertet wird, sondern geistliche Hurerei, angefangen vom feinsten Götzendienst bis zur schlußendlichen Tieranbetung. Diese Überwinderschar hat sich ganz frei gehalten von jeder Form des Falsch-Religiösen — und das nicht erst im Blick auf die Hure, sondern schon vorher.

Das Wort »Jungfrau«, dem in der Bibel allerhöchster Stellenwert zukommt, wird heute fast nur noch abwertend im Sinne einer komischen Figur verstanden, die man nicht für voll nehmen kann (zu diesem sprachlichen Bedeutungswandel: »Was man unter einem Weibe oder einer Dirne versteht kann weder das Wort ›Frau‹ noch ›Mädchen‹ ersetzen. Die emanzipierte Frau der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist entfernt kein Vorbild auf das, was die Bibel unter Weib versteht. Ebensowenig das moderne Mädchen, behost, kurzrockig, verfranst und verwüstet bis hinein in die Tiefen ihres Jugendlebens, ein Vorbild auf das, was die Bibel mit einer lieblichen Dirne meint. Es ist ein typisches und erschreckendes Zeichen der so hemmungslos gewordenen Generation unserer Tage, daß es selten noch eine gesund gewachsene, in ihrem inneren Wesen reif gewordene Jungfrau gibt, wie sie in früheren Zeiten genannt wurde. Infolgedessen werden die wahren ›Mütter‹ immer seltener« (22/S. 54/55).

In Offenbarung 14, 4 ist das Wort »Jungfrau« symbolisch gemeint; es kann dann für beide Geschlechter stehen (2/Sp. 1244).

Symbolisch verwendet Paulus auch von der Skala der sonst in der Bibel so häufigen diesbezüglichen weiblichen Beziehungen im Blick auf die Gemeinde nur je einmal die Ehe (Eph. 5, 31-33) und den Jungfrauenstand (2. Kor. 11, 2). Er will aber nicht sagen, daß die Gemeinde die Frau des Christus oder eine Jungfrau ist. Er gebraucht diese Begriffe lediglich zur Illustration, um einmal das Verhältnis Christi zu seiner Gemeinde als Leitbild für die Liebe des Mannes zu seiner Frau herauszustellen und um zweitens die erstrebte Reinheit der sich auf den Tag Christi bereitenden Gemeinde zum Ausdruck zu bringen, die sich von nichts fesseln lassen soll, um ganz auf Gott ausgerichtet zu sein. Von diesem kostbaren Jungfrauenstand singt Michael Hahn (1758-1819):

    Es ist ihr Wohlgefallen
    Schon hier das Lamm allein;
    Solange sie hier wallen,
    Bewahren sie sich rein.
    Sie bleiben abgeschieden
    Von aller Kreatur;
    Sie leben ganz im Frieden
    In ihrer Lammsnatur.

Nur dürfen wir nicht den Schluß ziehen, daß der untreue Israelteil allein die Hure ausmacht. Wir sollten nie aus den Augen verlieren, daß zu Babylon im weitesten Sinne letztlich alles zählt, was nicht seinen Stand in Christus hat. Das tritt in der kirchengeschichtlichen Werdezeit nur noch nicht immer so klar in Erscheinung wie dann bei den letzten Konturen. Und damit zur Endzeit-Hure:

c) … als Geheimnis

Worin bestand nun das Geheimnis, das Johannes in so großes Erstaunen versetzt hatte? Werfen wir zur Beantwortung dieser Frage einmal kurz einen Blick zurück: Das Tier, das den letzten Weltherrscher, den genialen Übermenschen, darstellt, war bereits mit Kapitel 11, 7 in das Blickfeld des Sehers getreten; es war für ihn also nichts Unbekanntes, ebenso auch nicht das im Alten Testament vorkommende Bild der Hure. Dagegen war neu zweierlei: 1. die Identität der Hure mit der Stadt Babylon und 2. die Verbindung von Hure und Tier.

Das Geheimnis liegt in der überraschenden Enthüllung, daß die Reiterin den Weltherrscher bestimmt; denn die Hure reitet (d. h. lenkt) ja das Tier.

Diese Begegnung mit der abgefallenen Hure ist in bezug auf das erwählte Volk aber nicht das erste: mit dessen treuen Teil war der Seher schon vorher konfrontiert worden, z. B. mit den 144.000 Versiegelten aus den 12 Stämmen (Kap. 7) und mit dem Sonnenweib (Kap. 12).

Hier also Verfolgung, Martyrium, Armut und Schmach — dort entscheidender Einfluß auf den Weltherrscher und damit verbunden große Ehre, unbeschreiblicher Reichtum, märchenhafter Luxus sowie, hieraus resultierend, die Einbildung und ein Gefühl größter Sicherheit (18, 7).

Zwar hat Johannes als Schriftkenner sicherlich um die Berufung Israels als künftiger Herrschernation im messianischen Reich gewußt. Daß aber Einflußreiche aus seinem Volk als mehr oder weniger geheime Drahtzieher an den Schalthebeln der Macht sitzen und gemeinsame Sache mit dem grausamen Verfolger des wahren Israel machen, das ist eine weitere, nur zu verständliche Ursache für die große Verwunderung des Sehers.

Hier haben wir so etwas wie die Vorwegnahme des messianischen Reiches — einer der mancherlei Versuche Satans, klar göttlich ausgewiesene Ziele vorher in eigener Kraft zu verwirklichen.

Die Hure Babylon: das ist nur die eine Seite im Blick auf das Auswahlvolk in jenen Tagen (das siebente der Nachtgesichte Sacharjas (5, 5-11), die die endzeitliche Wiederherstellung Israels beschreiben, spricht von der Abschiebung der Gottlosigkeit aus Israel ins Land Sinear. Das dabei erwähnte Handelsmaß Epha weist auf eine auch wirtschaftliche Seite dieses Geschehens hin: Es werden also reiche Juden in Babel kräftig mitmischen. Auch könnte Babel noch manchen andern Angehörigen des irdischen Bundesvolkes in seinen Mauern aufweisen. Dann kann man es sich gut vorstellen, daß sich die Aufforderung »Gehet aus …, mein Volk« (Offb. 18, 4) an das Israel in Babel richtet (s. S. 62). Es darf nie seine Rolle in seinem gläubigen Teil als Bollwerk gegen den letzten Verführer übersehen werden. Beides wird bei Israel dann zur schärfsten Ausprägung führen.

Das Hurenwesen Israels mit der Stadt Babylon als Höhepunkt der ganzen Geschichte des Abfalls von seinem Bundesgott muß in Zusammenhang mit jener andern Stadt gesehen werden, die Johannes gleich danach schauen sollte, nämlich mit dem neuen Jerusalem (Kap. 21). Darauf weisen auch die auffallenden Übereinstimmungen hin, bis in die Wortwahl, und beide Male kommt es durch den in Aktion tretenden Deuteengel zu einer Ortsverlagerung des Sehers, nur mit dem Unterschied: das eine Mal in die Wüste, das andere Mal auf einen hohen Berg:

»Und es kam einer von den sieben Engeln, die die sieben Schalen hatten, redete mit mir und sprach: Komm, ich will dir zeigen das Gericht über die große Hure, die an vielen Wassern sitzt, mit welcher Unzucht getrieben haben die Könige auf Erden; und die da wohnen auf Erden, sind trunken geworden von dem Wein ihrer Unzucht. Und er brachte mich im Geist in die Wüste. Und ich sah ein Weib sitzen auf einem scharlachfarbnen Tier, das war voll lästerlicher Namen und hatte sieben Häupter und zehn Hörner« (17, 1-3).

»Und es kam zu mir einer von den sieben Engeln, welche die sieben Schalen hatten voll der letzten sieben Plagen, und redete mit mir und sprach: Komm, ich will dir das Weib zeigen, die Braut des Lammes. Und er führte mich hin im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem herniederfahren aus dem Himmel von Gott, die hatte die Herrlichkeit Gottes« (21, 9-11 a).

Schließlich muß herausgestellt werden die Endzeit-Hure:

d) … als Hochburg des Okkultismus

Weder sind die Weltreligionen allein nur auf ihre Stifter zurückzuführen noch die absonderlichsten religiösen Erscheinungen — und was tummelt sich nicht hier alles auf diesem Gebiet! — auf fixe Ideen ihrer verschrobenen Gründer, hier darf die Mitwirkung dämonischer Kräfte nicht übersehen werden: »Denn die Götter der Heiden sind keine leere Einbildung. Apollo und Diana, Aphrodite und Istar und wie sie alle heißen, sind, nach dem apostolischen Zeugnis des Neuen Testaments, keine bloßen, gedanklichen Personifikationen von Naturkräften oder reine Idealgebilde irrender, naturvergötternder Phantasie, sondern in ihrem Hintergrund sind irgendwie wirklich vorhandene, dämonische Geistmächte, die sich auf dem Wege okkulter Inspirationen, in national geartetem, mythologischem Gewande — teils in lichtvoll-poetischer, teils schauerlich-düsterer Einkleidung — den einzelnen Völkern offenbarten. Sonst hätte der große Völkerapostel auch nicht aus jener Wahrsagerin in Philippi einen ›Python-Geist‹, unter ausdrücklicher Berufung auf den Namen des Herrn Jesu, ›austreiben‹ können (Apg. 16, 18); und ebensowenig hätte er von den außerisraelitischen Religionen sagen können, daß ›die Heiden das Opfer, das sie darbringen, den bösen Geistern darbringen‹ (1. Kor. 10, 20). So aber beruht das gesamte Heidentum nicht nur auf Irrtum und Trug, sondern zugleich mit auf spiritistischer Grundlage. Durch dies alles wird der Heide, unter dämonischer Beeinflussung, ›der Schöpfer seiner Götter‹« (52/S. 95/96).

Wie verschieden also auch die Entwicklung nach dem Turmbau von Babel im einzelnen verlaufen sein mag, bestimmt worden ist sie immer von ein und demselben Geist. Vom primitivsten Kult über den Atheismus bis hin zum abgefallenen Judentum und Christentum geht alles auf dieselbe Inspirationsquelle zurück. Über Babel kam die ganze Menschheit unter satanischen Bann — mit Ausnahme des zahlenmäßig geringen jeweiligen wahren Gottesvolkes.

Abgesehen davon, daß Geheimkulte das ganze Leben Babylons entscheidend bestimmten, könnte der allerdings nicht sicheren Selbstdeutung des Wortes Babel (babilu/bab-ilani = Gottespforte, Göttertor) durch die Babylonier eine Erinnerung an Einwirkungen aus dem Jenseits zugrundeliegen. Nicht von der Hand zu weisen ist die immer häufiger vertretene Ansicht, daß ein weiterer Zweck der Erbauung des Turmes die Kontaktaufnahme mit der außersinnlichen Welt war (das wäre dann eine andere — und dazu einleuchtende — Erklärung für das Bestreben, den Turm bis in den Himmel reichen zu lassen). Dazu passen gut die Beschreibungen aus antiken Quellen, daß der oberste Stock neben einem Schlafraum für den Hauptgott Marduk »mit einem großen Bett für die Gottesbraut … noch sechs Kulträume für sieben weitere Götter« (47, Bd. I/Sp. 809) enthielt.

Wäre nicht so Babel am zwanglosesten erklärt als Mutter der Hurerei und aller Greuel auf Erden (17, 5) und ebenso auch nicht die durch den Zaubertrank eines Kelches symbolisierte Berauschung aller Erdenbewohner (17, 2)?

Babel ist mehr als nur eine geschichtlich gewordene Erscheinung. Es ist ein allgegenwärtiges und umfassenderes Symbol, was nicht ausschließt, daß es immer wieder zu einer besonderen Verkörperung seines Geistes bei bestimmten Institutionen bzw. Benennungen kommt, die dann für ihre Tage die zeitgeschichtliche Rolle führend übernehmen.

Babel mit Assur war der Ausgangspunkt der Geheimlehren. Nun kann seit Jahren ein sprunghaft steigendes auffallendes Interesse für dunkle Praktiken festgestellt werden, angefangen von altbekannten wie Horoskope und Pendeln über neu hinzugekommene fernöstliche Meditationen bis hin zu bewußtem Satanskult. In der New-Age-Bewegung, dem Sammelbecken modernder Selbsterlösungs- und Selbstverwirklichungstendenzen, feiert Urheidnisches bis zum längst überwunden geglaubten Hexenkult erschreckende Urständ.

Kapitel 18, 2 kündigt an, daß das endzeitliche Babylon »zum Hauptsitz des Spiritismus werden wird, die Behausung der Dämonen, der Aufenthalt aller unreinen Geister. Wie ein Käfig voller Vögel ist, so wird Babylon angefüllt sein mit bösen Geistern und Dämonen, welche den großen Abfall von der Stätte seines Ursprungs aus leiten« (8/S. 413). So werden ja auch die 200.000.000 Quälgeister — wohl Dämonen — der sechsten Zornschale vom Euphratgebiet, wo Babel liegt, ihren Ausgang nehmen (Offb. 9, 13-19).

Bleibt als letztes in bezug auf die Hure:

e) … und ihr plötzliches Ende

Alles spricht dafür, daß Babel den abgerissenen Faden der im Sintflutgericht untergegangenen Kainslinie mit dem Hamiten Nimrod aufgegriffen und dann weitergeführt hat.

Hier wie da bricht maßloses Ichwesen durch, in beiden Fällen kommt es zur Verfolgung des Menschenbruders, und beidemale spielt auch die Stadt eine Rolle. Kain war der Erbauer der ersten in der Bibel genannten Stadt der Menschheitsgeschichte (1. Mose 4, 17), und mit Nimrod kam es nach der Flut zur nächsten Gründung von Städten und dann schließlich zur Stadt des Turmbaus (man vergleiche 1. Mose 4; 1. Mose 10, 8-12 und 1. Mose 11, 1-11).

Städte sind Anziehungspunkte. Die Zusammenballung von Menschenmassen in Verbindung mit den vermehrten Möglichkeiten, die nun einmal eine Stadt bietet, birgt in sich in besonderer Weise die Gefahr der Steigerung des Bösen — nach der Bibel, wie bereits ausgeführt, auch eine Art von Hurenwesen. Und gerade mit dieser Kategorie von Hurerei begründet Nahum das Gericht über Ninive: »Das alles um der großen Hurerei willen der schönen, lieben Hure, die mit Zauberei umgeht, die mit ihrer Hurerei die Heiden und mit ihrer Zauberei Land und Leute zu Knechten gemacht hat« (3, 4).

»Ninive, der Mittelpunkt des Welthandels, lockte durch die Aussicht auf Gewinn die Leute von überallher an, aber dort lernten sie alle heidnischen Laster und kamen unter den verderblichen Einfluß der Weltstadt, den sie mit den unheimlichen Mitteln des Heidentums (Zauberei) ausübte« (28, AT/S. 1120).

Ein Kennzeichen unserer Tage ist die rapide Verstädterung. Derzeitige Prognosen rechnen damit, daß um das Jahr 2000 ungefähr 80% der gesamten Weltbevölkerung in Städten leben werden (5, Bd. 23/S. 652). Man plant deshalb Riesenstädte mit gewaltigen Wohntürmen. Ein Modell trägt sogar den Namen »Neu-Babylon« (29/S. 89). Da kann die Frage gestellt werden, ob es bei dieser zu erwartenden grandiosen Entwicklung nicht zur Erbauung der apokalyptischen »großen Stadt Babylon« kommen könnte.

Angefangen von 1. Mose 10, 12 (»die große Stadt«) über die »große Babel« Nebukadnezars (Dan. 4, 27) bis zur 6mal (auffallend ist das Vorkommen von Schlüsselwörtern und —ausdrücken dieses Textes in der Sechszahl: 6mal steht ›Babylon‹ in der Offenbarung (14, 8; 16, 19; 17, 18; 18, 2.10.21) und auch 6mal in den übrigen Schriften des Neuen Testamentes. Ebenso oft findet sich im Zerstörungsbericht (Kap. 18) das Wort ›Stadt‹ (18, 10.16.18.19.21), in dem von der Zwölfzahl bestimmten Abschnitt über die neue Welt mit dem neuen Jerusalem (Kap. 21 und 22) dagegen 12mal. Über die Symbolbedeutung der Zahl 6, die für den autonomen Menschen steht; Näheres in 51/S. 53 ff.) in der Offenbarung erwähnten »großen Babylon« wird bezeichnenderweise immer ausdrücklich auf die Größe als ein besonderes Merkmal hingewiesen. Bei letzterer wird wieder der Versuch der Vorwegnahme der »großen Stadt« der neuen Welt (21, 10) erkennbar.

Aber alles ist letztlich nur eigenmächtige Menschengröße — ein rechter Ausdruck der Weltanschauung des genialen Übermenschen mit der Zahl 666, jenes höchst aufschlußreichen Codes (= Schlüssels) der Endzeit (51/S. 58-60).

Jedoch nur kurz ist die Zeit, da die Hure herrlich und in Freuden leben kann: Eines Tages bricht der Weltherrscher mit ihr, und sie findet im Feuer ihren Untergang (17, 16) — ganz nach dem Vorbild, wie in Israel hurende Priestertöchter verbrannt wurden (3. Mose 21, 9).

Der Grund des Zerwürfnisses wird uns nicht genannt: Ob der Einfluß der Hure schließlich zu lästig geworden ist oder ob der Weltdiktator jetzt auch selbst gegenüber einer Abfallsreligion keine Konzessionen mehr zu machen bereit ist?

Gut ließe sich der so plötzliche Untergang (10.17.19 — bei Versen ohne Kapitelangabe handelt es sich bei diesem Punkt 3e über die Vernichtung Babels immer um Kapitel 18) mit einem Atomschlag erklären, vor allem auch der Hinweis, daß sich die erschrockenen, verzweifelten Nutznießer nicht an das Trümmerfeld ihrer Kundenstadt heranwagen, sondern sie von ferne beklagen (10.15.17).

Sehr vorsichtig müssen wir sein mit der Behauptung der Funktion Babylon als einer Welthandelsmetropole; denn eindeutig im Text ist nur die Rede von einer Rolle als Auftraggeber und als Käufer. Auch spricht Vers 10 ausdrücklich von den Kaufleuten (Großkaufleuten) der Erde, die ja nach Kapitel 17, 18 aus dem Herrschaftsbereich der mit der Hure verbündeten Königen (diese müssen von dem andern Block der mit dem Tier paktierenden zehn Könige (17, 12.16) unterschieden werden) stammen, also nicht alle unbedingt in dieser Handelsmetropole ihren Wohnsitz haben müssen.

Dem Bibeltext steht jedoch nicht entgegen die Annahme von Finanzmagnaten in Babel. Sie würden dann selbst zwar nicht als Händler auftreten, jedoch das Geld in ihrer Hand haben. Das entspricht ganz schon der bisherigen Rolle von Plutokraten.

Die ausführliche Einkaufsliste Babels in den Versen 12-14, die bis zum Kostbarsten und Wertvollsten reicht, was es überhaupt auf der Welt gibt, läßt die immense Kaufkraft Babylons ahnen. Das ist so recht ein Markt für clevere Geschäftsleute mit Gespür für Riesengewinne.

Kein Wunder ist deshalb das — so lebendig geschilderte — verzweifelte sowie qualvolle Klagen und Schreien der plötzlich bettelarm gewordenen Superreichen (10.11.15.16).

Das ist die eine Seite: ein erschütterndes Blatt im endzeitlichen Drama! Und die andere?

»Freue dich über sie, Himmel und ihr Heiligen und Apostel und Propheten; denn Gott hat sie gerichtet um euretwillen! Und ein starker Engel hob einen Stein auf wie einen großen Mühlstein, warf ihn ins Meer und sprach: So wird im Sturm verworfen die große Stadt Babylon und nicht mehr gefunden werden. Und die Stimme der Saitenspieler und Sänger, Pfeifer und Posauner soll nicht mehr in dir gehört werden, und kein Handwerksmann irgendeines Handwerkes soll mehr in dir gefunden werden, und die Stimme der Mühle soll nicht mehr in dir gehört werden, und das Licht der Lampe soll nicht mehr in dir leuchten, und die Stimme des Bräutigams und der Braut soll nicht mehr in dir gehört werden. Denn deine Kaufleute waren Fürsten auf Erden, und durch deine Zauberei sind verführt worden alle Völker; und das Blut der Propheten und der Heiligen und aller derer, die auf Erden getötet sind, ward in ihr gefunden« (20-24).

Leicht könnte man bei diesem »Totenlied auf Babel« die leise mitklingende Wehmut überhören. Es enthüllt nur zu deutlich das mitfühlende Mitleiden Gottes mit seiner Schöpfung angesichts solcher Gerichte, die sich aber nicht vermeiden lassen, soll der Weg freigemacht werden für eine neue Welt.

Rechte Propheten hatten auch immer etwas von dieser göttlichen Art, wenn sie bei Ankündigung von Gericht mit den Herausgeforderten tief mitfühlten. Daniel fand z. B. eine Stunde lang keine Worte, bevor er mit der Deutung des Traumes, der Nebukadnezar eine schwere Strafe ankündigte, mit den mitempfindenden Worten beginnen konnte: »Ach, daß der Traum deinen Feinden … gelte!« (4, 16). So wird bei rechten Zeugen das Priesterliche nie fehlen! Philipp Spitta (1801-1859) bittet:

    Laß uns nicht mit kalten Herzen
    Unter den Verdorbenen stehn,
    Nein, mit Moses heilgen Schmerzen
    Für sie seufzen, weinen, flehn.

Wir sind in diesem ersten Hauptteil den biblischen Spuren Babels von seinem Uranfang bis zu seiner Vernichtung in der Endzeit nachgegangen und dabei zur Erkenntnis von Zusammenhängen gekommen, wie sie ein Ausleger einmal so zusammengefaßt hat: »Die Menschheit kämpft dauernd gegen den göttlichen Plan. Der Geist des besiegten, rebellischen Babel wirkt auch in den folgenden Jahrtausenden fort; ja am Ende der Zeit wird er sogar scheinbar sein Ziel erreicht haben und triumphieren, und der Antichrist wird das Werk Nimrods vollenden (Offb. 13, 7; 8).« Babel findet also »seinen Fortgang in der Weltgeschichte (Dan. 2+7), seine Vollendung im letzten Weltreich (Offb. 13+17) sowie sein Ende durch den Triumph Christi (Offb. 18+19)« (52/S. 99).

Von Nimrod (Babel I) über Nebukadnezar (Babel II) bis zur Endzeit (Babel III) führt durch die ganze Welt- und Kirchengeschichte eine gerade Linie, wie noch gleich an einigen weiteren Einzelpunkten aufgezeigt wird.

Man kann jedoch das Thema über Babels Ende nicht ohne einen Hinweis auf das vom Mammon bestimmte Denken unserer Tage beschließen. Geldliebe wird nach der Vorhersage in 2. Timotheus 3, 2 ein charakteristisches Merkmal des Endzeitmenschen sein. Wohl noch nie haben Betrug als System, Schwarzarbeit, Spionage und Bestechung eine so große Rolle gespielt wie heute. Hier sollten sich Gläubige — bis hin zur Steuermoral — deutlich von ihrer Umwelt abheben und darauf bedacht sein, sich so wenig wie möglich in das immer babylonischer werdende Wirtschaftssystem einbinden zu lassen.

… UND DIE ANTWORT

Das paulinische Gemeindeverständnis

Die paulinische Gemeinden hatten ein klares Profil: Sie rekrutierten sich aus bewußt Gläubigen, waren völlig autonom und standen unter der Leitung von Ältesten.

Bereits der ersten nachpfingstlichen Gemeinde zu Jerusalem wagte von den Ungläubigen sich niemand anzuschließen (Apg. 5, 13). Auf diese Seite ihrer Struktur weist schon die Bedeutung des mit Gemeinde wiedergegebenen Wortes »ecclesia« = »die Herausgerufene« hin; sie ist also in der Natur der Sache begründet.

Die kirchengeschichtliche Entwicklung hat jedoch zum völligen Gegenteil geführt: Das Ergebnis sind Volkskirchen, zu denen automatisch jeder Getaufte gehört, unabhängig davon, ob er gläubig ist oder nicht (so heißt es in einer landeskirchlichen Grundordnung: »Die Mitglieder der Landeskirche sind durch die Taufe Glieder der Gemeinde Jesu Christi.« Von solchen Gemeindegliedern, die nicht durch eine göttliche Neuschöpfung, sondern aufgrund der Taufe hinzugetan worden sind, kann man kein biblisches Verhalten erwarten, sie wären überfordert. Unter diesen Voraussetzungen ist z. B. der einmal vehement vorgetragene feministische Protest, sich trotz Paulus das Reden in der Gemeinde nicht verbieten zu lassen, etwas ganz Normales, weil das Schweigegebot nur für gläubige Frauen verpflichtend ist. Die andern müssen erst die Gnade Jesu erleben und sich die Augen für die wunderbare Herrlichkeit der göttlichen Ordnungen öffnen lassen). Wenn aber selbst Evangelikale diesem geschichtlich Gewordenen einen positiven Aspekt dadurch abzugewinnen versuchen, indem sie auf die Kirchengemeinden als großes Missionsfeld mit den angeblich so vielen Möglichkeiten hinweisen, müßten sie doch erkennen, daß damit die Dinge förmlich auf den Kopf gestellt werden; denn beim biblischen Normalfall missioniert die aus bewußt Gläubigen bestehende Gemeinde die Welt draußen und nicht etwa ihre aus Ungläubigen bestehende eigene Mehrheit.

Ob noch darauf hingewiesen werden muß, daß eine biblische Gemeinde nie mit einer reinen Gemeinde verwechselt werden darf? Bis zu ihrer Enthüllung in Herrlichkeit (Kol. 3, 4) bestimmt nun einmal ein kreuzgezeichneter Schwachheits- und Niedrigkeitszustand ihren Status. Diese Erkenntnis verleitet nicht selten zu dem Fehlschluß, sich einfach mit der vorhandenen Form und Struktur der Gemeinde wie mit etwas Vorgegebenem abzufinden. Man bedenke aber doch einmal gründlich, was es bedeutet, nicht eine Randfrage, sondern eine Hauptgrundlage biblischer Ausrichtung für etwas Unverbindliches zu erklären. Es geht nämlich darum, daß im Gehorsam gegen die Schrift das Zeichen des Unterschiedes zwischen drinnen und draußen, von gläubig und ungläubig klar aufgerichtet wird. Hier waren auch die Augen des Kirchenvaters Augustin (354-430) gehalten, der gelehrt hat, daß Jesus selbst im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen die Vermischung von Gläubigen mit Ungläubigen in einer Kirche vorhergesagt habe: »Lasset beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um der Ernte Zeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuvor das Unkraut und bindet es in Bündlein, daß man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheuer« (Matth. 13, 30).

Hier nicht klar zu sehen ist unentschuldbar, weil Jesus selbst in seiner gleich anschließenden Erklärung sagt: »Der Acker ist die Welt« (Matth. 13, 38). Es geht also eindeutig nicht um den Mischzustand der Kirche oder Gemeinde, sondern um den der Welt. Der Mischzustand der Welt allerdings läßt sich nicht vermeiden. Wollten wir nämlich nicht mit den Ungläubigen in der Welt zusammenleben, dann müßten wir sie räumen, wie Paulus richtig folgert: »Ich habe euch geschrieben in dem Briefe, daß ihr nichts sollt zu schaffen haben mit den Hurern. Das meine ich gar nicht von den Hurern in dieser Welt …, sonst müßtet ihr die Welt räumen« (1. Kor. 5, 9.10).

Gleich darauf aber fährt der Apostel fort: »So jemand sich läßt einen Bruder nennen und ist ein Hurer …, mit dem sollt ihr auch nicht essen … Tut selbst von euch hinaus, wer da böse ist!« (1. Kor. 5, 11.13).

Und damit haben wir schon das wichtige Gebiet der Gemeindezucht betreten, die nach biblischen Grundsätzen in der Volkskirche gar nicht möglich ist, weil die nur für Gläubige geltenden Grundsätze nicht einfach auf das große Kirchenvolk übertragen werden können.

Was will uns denn das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen in Matthäus 13 sagen? Vor allem das, daß es nicht Aufgabe der Gläubigen sein kann, mit Gewalt gegen die Ungläubigen vorzugehen, sondern das Böse in dieser Welt bis zum großen Gerichtstag Gottes ausreifen zu lassen.

Zusammenfassung: In der Welt müssen Gläubige mit Ungläubigen zusammenleben; dagegen gilt für die Gemeinde die scharfe Scheidung von beiden.

Die zweite große Abweichung vom neutestamentlichen Gemeindeverständnis sind die Preisgabe der Autonomie der Gemeinden und ihre überörtlichen Zusammenschlüsse zu Organisationen mit entsprechenden Amtspersonen. Wir können uns die ersten Gemeinden nicht schlicht genug vorstellen: Wo Menschen gläubig geworden waren, kamen sie einfach in einem Hause zusammen (Apg. 2, 46; Philem. 2).

Wird uns in der Apostelgeschichte auch von einem großen Wachstum berichtet, wobei sogar von vielen Tausenden die Rede ist (Apg. 4, 4), so führte mit Paulus die immer stärkere Herausstellung der Konturen des bisher verschwiegen gewesenen Geheimnisses der Körperschaft Christi (Römer 16, 25-27; Epheser 1, 9.10; 3, 1-3; Kol. 1, 24-27) in stillere Fahrwasser; denn eine kreuzgezeichnete Nachfolge unter viel Leiden, Sterbenswegen und Schmach ist nun einmal nicht anziehend. Wollen wir unsern Weg heute erkennen: in den Briefen des Paulus wird er uns gezeigt, hat der Apostel doch nach Kolosser 1, 25 den Auftrag gehabt, das Wort Gottes auf »sein Vollmaß zu bringen«, zu »vervollständigen«, »zu vollenden«, und zwar eben durch das jetzt enthüllte, seit Äonen (Heilszeitaltern) und Generationen verborgene Geheimnis einer herausgerufenen Schar (Kol. 1, 26), nämlich des Leibes Christi mit dem Herrn als seinem Haupt (Eph. 1, 22.23; 1. Kor. 12, 27). (Die in die Hure Babylon Integrierten sind das Gegenstück zu diesem Leibe Christi. Hier ist die Anwendung der Paulusfrage aufs Geistliche nachdenkenswert: »Oder wisset ihr nicht, daß wer an der Hure hanget, der ist ein Leib mit ihr« (1. Kor. 6, 16)?

Auch waren die Bischöfe und Ältesten einfach Brüder unter Brüdern. Daß beides ein und dieselben Leute waren, zeigt ein Vergleich der Verse 17 und 28 von Apostelgeschichte 20, wo Paulus die Ältesten als Bischöfe anspricht. Der Bischof als übergeordnete Persönlichkeit ist erst das Ergebnis einer späteren Entwicklung.

Eines aber waren diese kleinen Hauskreise: machtvolle Offenbarungsstätten des lebendigen Herrn in Wort und Geist.

Waren die Gemeinden auch selbständig, so hatten sie doch einen Blick für die Gesamtgemeinde als einen Organismus, der alle Herausgerufenen der bis zur Entrückung laufenden Gnadenzeit umfaßt.

Ortsgemeinde und Gesamtgemeinde: das sind die beiden Hauptbedeutungen des neutestamentlichen Begriffes »ecclesia« mit ihren jeweils einzeln Erwählten (Eph. 1, 4; Röm. 8, 28-30), und das führt nie zu großen Zahlen. Jede rechte Gemeinde wird sein »eine Vereinigung gründlich erweckter Seelen zum Zweck ihrer Zubereitung auf den Tag Christi, eine Pflanzstätte von Erstlingen der Herrlichkeit« (41/S. 18), wenn sie aus klarer Erkenntnis ihrer Berufung in den Linien der Schrift läuft.

»Was haben nun die Kirchen-Organisationen … getan? — Sie haben Gottes Plan, nach dem auf Grund der Auserwählung jetzt nur ›Erstlinge‹, die ›Gemeinde der Erstgeborenen‹ gesammelt werden sollen, aufgegeben — vielleicht ihn auch noch nie erkannt — und bauen eine Arche für die ganze Welt, statt die ›Gemeinde der Erstgeborenen‹, sammeln zu helfen (1. Kor. 3, 9-15) … Statt zurückzukehren zum Worte Gottes, statt den Plan Gottes, das ›Programm Gottes zur Errettung der Menschen‹ zu studieren und darauf einzugehen, glaubt man durch straffere Organi­sationen, durch Zentralisierung der Gemeinden, durch Schaffung religiöser ›Behörden‹ über den Gemeinden, durch Suchen größerer Rechte und Anerkennung in dieser Welt zu helfen. Und man ist so verblendet, daß man nicht sieht, daß man so immer weiter auf dem Wege nach ›Rom‹ geht« (14/S. 74/75).

»Im ganzen Neuen Testament findet man nichts von einer Organisation mit Mitgliedern, sondern alles ist auf den Glauben gestellt. Die (gemeint: wahre) Kirche Christi war, ist und wird immer sein: ein Organismus, d. h. eine Gemeinschaft der Heiligen ohne Organisation. Ihre Organisation ist unsichtbar und liegt in der Hand ihres Hauptes. Die ›heilige christliche Kirche‹ ist unsichtbar auf Erden, die Gemeinschaft der Heiligen unter zweien und dreien, die desselben Glaubens leben, ist sichtbar an jedem Ort. Ihre Gesamtheit in der ganzen Welt, die dem Oberhaupt allein bekannt ist, bildet, zusammen mit der oberen Gemeinde, den Leib Christi, die Gemeinde, in der er selbst lebt« (41/S. 333).

So sehr auch Organisation im Blick auf Ordnung sich positiv auswirken kann (genaugenommen besteht zwischen der Ordnung einer Organisation und geistlicher biblischer Ordnung ein wichtiger Unterschied, den folgendes Wort des Schriftauslegers Heinrich Langenberg deutlich macht: »Die Apostel haben keine Organisation geschaffen, sondern für den vom Herrn geschaffenen Organismus die heiligen Ordnungen eingeführt …« Dieser Schau entspricht nicht die jahrhundertealte Gepflogenheit, sich mit der spiritualistischen Sicht der »communio sanctorum« (= Gemeinschaft der Heiligen) zu begnügen und im Blick auf die Denomination (= Benennung [der Religionsgemeinschaft]) alles beim alten zu lassen), für die geistliche Entwicklung ist sie überwiegend ein Hemmschuh. Will der Geist weiterführen, scheitert das meist an den bestehenden Satzungen und Grundordnungen.

Dagegen ist diese Ansicht voll durch die Schrift und ihren Geist abgedeckt: »Es ist durchaus schriftwidrig, den Beratungen und Beschlüssen irgendeiner äußeren Zentralstelle, z. B. einer Kirchenregierung, einer Synode, einer Konferenz, einer Brüderversammlung usw., eine für alle und überall bindende Macht beizulegen … Durch diese Praxis wird nicht der Leib Christi erbaut, sondern eine Gesetzesherrschaft, sozusagen ein anderes Papsttum, organisiert, das im tiefen Gegensatz steht zum Wesen des Evangeliums … Die Einzelgemeinde ist dem Herrn im Himmel allein unterstellt, und die Besiegung der Irrtümer und der Verfehlungen in Lehre und Leben soll nach dem Vorbild des Paulus herbeigeführt werden durch Überwindung der örtlichen Ursachen, nicht durch Mehrheitsbeschlüsse. Nur ein geistlicher Sieg in den Herzen trägt Gottes Stempel und führt zu wahrer Heilsfrucht: wo er aber nicht erfolgt, ist die Ordnung auf Grund äußerer Beschlüsse nur eine scheinbare und unwahre« (9/S. 17). Weiter ist richtig erkannt, daß die Abweichung vom biblischen Gemeindebild in der Natur der Sache liegt: »In einer kirchlichen oder freikirchlichen Organisation, in der nicht alle wirkliche Gläubige sind, kann man auch nicht ohne ›Papst‹ oder ›Bischof‹ oder ›Direktor‹ auskommen, man muß eine ›geistliche Behörde‹ haben, weil die Einigkeit im Geist, ›durch das Band des Friedens‹, (Eph. 4, 3-6) nicht da ist. Man ersetzt sie dann durch ›geistliche‹ Behörden. So schafft man aber nur Kirchen und Freikirchen, aber nicht biblische Gemeinden … Für die wahre Gemeinde gibt es nur ein Haupt: Christus« (14/S. 104).

Nun wird mancher diesen Ausführungen zwar zustimmen, aber ihnen vielleicht entgegenhalten, daß die Bibel das paulinische Gemeindebild nirgends als verbindlich für alle Zeiten erklärt habe und deshalb auch andere Formen möglich seien. Da hat Graf v. Pückler (1853-1924) mit seiner auf einer Gnadauer Pfingstkonferenz vorgetragenen Meinung klarer gesehen: »Für uns Heidenchristen sind normativ die paulinischen Gemeinden« (13/S. 31).

Es gilt zur Kenntnis zu nehmen, daß Paulus sich nicht als hierarchischer Führer der Gemeinden mit entsprechender Befehlsbefugnis verstand. Zwar ermahnte er als Bruder, gab Ratschläge und versuchte, zu überzeugen; aber niemals hat er etwa in apostolischer Vollmacht strikte Befolgung einer Anweisung verlangt: »Paulus befahl als Apostel auch nicht dem Apollo, nach Korinth zu gehen, sondern ermahnt ihn nur (1. Kor. 16, 12). Apollos geht nicht. — Wir sehen also, daß selbst der Apostel nicht die Arbeitsfelder für dienende Brüder bestimmte. Die Verbindung der biblischen Gemeinden untereinander besteht nur durch den Geist Christi und die Liebe Gottes, die durch den Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossen ist (Röm. 5, 5). Sie mögen sich zu Vereinigungen und Bünden zusammenschließen, wenn sie nur nicht die Selbständigkeit der einzelnen Gemeinden antasten« (14/S. 152/153).

Selbst in dem Extremfall von 1. Korinther 5, wo bei einer schweren sittlichen Verfehlung unverzüglich gehandelt werden mußte, wollte Paulus das nur gemeinsam mit der Gemeinde tun.

Neutestamentlich ausgerichtete Gemeinden brauchen keine überörtlichen Amtspersonen wie Oberkirchenräte und Superintendenten (Dekane), aber auch nicht Direktoren und Inspektoren, ebenso nicht entsprechende Gremien (z. B. Komitees), sondern Bevollmächtigte Jesu Christi.

Zwar geht es nicht ganz ohne Organisation; die sollte dann aber der Schrift entsprechen, was weithin Strukturänderung von Grund auf erfordern würde. Wo aber ist man dazu bereit? Und auf der andern Seite muß zugegeben werden, daß es schon großer Geburtswehen bedarf, um aus einer verfestigten Tradition zu der biblischen Einfachheit der Gemeindeordnung durchzubrechen.

Mit diesen Ausführungen soll es im Blick auf das paulinische Gemeindeverständnis sein Bewenden haben. Im übrigen wird auf die reichlich vorhandene Literatur verwiesen (z. B.: Alfred Kuen, Gemeinde nach Gottes Bauplan, Wuppertal 1984).

Ging es Paulus um das rechte und direkte Verhältnis des einzelnen zu Gott, so führte die weitere Entwicklung schließlich zur Lehre der entstandenen Kirche, daß sie im Auftrag Gottes hier auf Erden die Gnadenfülle zu verwalten habe. Zwischen den einzelnen und Gott wurde eine Institution geschoben. Das Ergebnis war schließlich die Lehre, daß es außerhalb der Kirche kein Heil gebe. Das gab der Priesterschaft einen großen Einfluß und eine starke Stellung.

Wie konnte es dazu kommen?

Der Katholizismus

Nach und nach verschwand das Wesen der selbständigen Gemeinden der Apostelzeit. Statt dessen wies man immer mehr auf die Gesamtkirche hin, auf die »ecclesia catholica«, die katholische, das heißt allgemeine Kirche. An die Stelle der bisherigen Freiheit der Ortsgemeinden traten immer festere Ordnungen.

Durch die Erklärung des Christentums zur Staatsreligion wurde die Kirche schließlich eine amtliche Einrichtung. Damit war das Christentum zur Religion geworden. Das ist aber klarer Gegensatz zum biblisch-gemeindemäßigen Christentum. Ausgangspunkt in den Religionen ist immer der Mensch, der durch seine Leistungen und Anstrengungen die Gottheit zufriedenzustellen versucht. Beim Evangelium steht dagegen gleich am Anfang das Handeln Gottes: Er hat sich in Jesus Christus geoffenbart und eine Erlösung geschaffen, durch die er 1. uns seine Gerechtigkeit zuteil werden läßt und 2. uns dann so macht, wie er uns haben will. Das kommt so richtig in jenem Pauluswort zum Ausdruck, daß Gott uns verordnet hat »zum Lob seiner herrlichen Gnade, durch welche er selbst uns angenehm gemacht hat in dem Geliebten« (Eph. 1, 6). Der Mensch kann durch nichts, was in seinen Möglichkeiten steht, vor Gott bestehen, sondern nur als Glaubender aus Gnaden. Dieses reformatorische »sola fide« (= durch den Glauben allein) und »sola gratia« (= allein aus Gnaden) veranschaulichen am treffendsten den Unterschied zwischen einer Religion und dem biblischen Christentum.

Nachdem das Christentum zur Staatsreligion erklärt worden war, sollte es nun alle Bürger dieses Reiches umfassen.

Die damit erstrebte Massenkirche setzte aber gänzliche Ablehnung des schmalen Weges und die Notwendigkeit einer straffen Führung voraus; denn Massen müssen regiert werden. Deshalb wuchs in dem Maße, als die Kirche an Einfluß gewinnen konnte, die Macht ihrer Amtsträger. Die Staatskirche gab dieser Entwicklung aber nur größere Anstöße, eingesetzt hatte sie schon viel früher. Schon um 110 n.Chr. forderte Ignatius, Bischof von Antiochien, die Gläubigen auf: »Im Bischof bleiben wir Gott unterworfen. In ihm sollt ihr fürwahr den Herrn selber achten. Folgt dem Bischof wie Christus dem Vater!«

Diese Entwicklung führte zur Unterscheidung von Klerus und Laien sowie schließlich zur Hierarchie von Päpsten, Bischöfen und Priestern mit entsprechenden Anreden von Hochwürden bis Ew. Heiligkeit (im Protestantismus Hochehrwürden). (Eine »geistliche Obrigkeit« kennt das Neue Testament für ihre Gemeinden im Unterschied zur weltlichen (Röm. 13) nicht).

Die Übertragung der von Jesus in seinem großen Gebet in Johannes 17 gebrauchten Anrede Heiliger Vater auf den Papst läßt auch nur die geringste Spur von Sensibilität für die Heiligkeit des Namens Gottes vermissen. Daß hier der biblische Boden ganz verlassen ist, beweist schon diese eine klare Anweisung unseres Herrn Jesus Christus: »Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister, Christus; ihr aber seid alle Brüder. Und ihr sollt niemand Vater heißen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist« (Matth. 23, 8.9). Jedenfalls befindet man sich nicht in der Nachfolge dessen, der von sich bezeugt: »Ich nehme nicht Ehre von den Menschen« (Joh. 5, 41), sondern — worüber man sich anscheinend weithin gar nicht klar ist — in den Fußstapfen der Pharisäer und fällt damit unter das Urteil Jesu: »Denn sie hatten lieber die Ehre bei den Menschen als bei Gott« (Joh. 12, 43).

Diese Gefahr besteht auch in kleinsten Organisationen, wenn z. B. Brüder mit Weisungsbefugnissen wie Vorgesetzte ausgestattet werden, weil dann das wahre Bruderwesen de facto (= tatsächlich; im Unterschied zu »de jure« = rechtlich, von Rechts wegen) aufgegeben ist, mag man sich mit Worten noch sehr zu ihm bekennen.

Hier lauern gefährliche Klippen und große Versuchungen. Der schon erwähnte Graf Pückler sagte einmal: »Das Herz manchen Reichgottesarbeiters gehört nicht ungeteilt dem Herrn, er dient sich selbst. Solche suchen äußeren Erfolg und Nutzen, Lob, Anerkennung, Ehre bei Menschen … Wir wollen uns klar entschließen, unsere Naturneigung ins Grab zu legen, dann können wir frei in einem neuen Leben wandeln« (49/S. 22/23).

Richtig hat Kierkegaard (1813-1855) erkannt: »Was Gott gebrauchen will, macht er zu nichts! Eine Beförderung im Gottesverhältnis ist daran zu erkennen, daß man degradiert wird!«

Im Blick auf die Frage der Verleihung von Ehrendoktorwürden und anderer Titel (da kann ein bedeutender freiberuflicher Wissenschaftler ohne Doktor- und Professorentitel, eine Kapazität auf seinem Gebiet, uns schon beschämen, der auf solche Auszeichnungen keinen Wert legt), zumal wenn es sich um ausländische, sonst unerreichbare handelt, vermögen nachstehende in Gebetsform gekleideten Einsichten schnell zur Klarheit zu führen: »In den Wissenschaften der Welt hat ja Satan ausnahmslos seinen Thron aufgeschlagen, besonders auch in der Theologie, und er würde bis heute den theologischen Doktortitel tausendmal eher bekommen als Du, o einfältiger König der Wahrheit … Die Wahrheit, die von oben ist, kann auf einem akademischen Lehrstuhl … nicht erscheinen: sie ist ein Gewächs, das einen Boden braucht, der von Geld und Ehre frei ist. Deine Wahrheitszeugen, o Herr, gehen wie Du und wie Deine einstigen zwölf Lehrjünger, die mit hoher Absicht aus den unteren Ständen des Volkes genommen waren, hienieden im Charakter der Niedrigkeit und der Armut einher, also daß ihnen niemand etwas geben noch nehmen kann« (39/S. 397/398).

Und gilt nicht grundsätzlich das gleiche auch im Blick auf Ehrungen durch den Staat für Verdienste um des Evangeliums willen (z. B. Bundesverdienstkreuz)? Denn: Kann die Welt geistliche Dinge überhaupt beurteilen?

Ein gesegneter Gottesmann fragt mit großem Ernst: »Doch was sollen wir dazu sagen, wenn die Mehrzahl unserer geistlichen Führer nicht als gekreuzigte Menschen leben, sondern als solche, die die Welt lieb haben …? Wie können wir dem ins Angesicht schauen, der gekreuzigt und gemartert wurde, wenn wir sehen, wie seine Nachfolger geehrt und gefeiert werden?« (60/S. 48).

Nach diesem Exkurs nun zurück zur Kirchengeschichte.

Schließlich war der Amtsbegriff in die Kirche eingeführt. An diesem Punkt wird der Unterschied deutlich zwischen alttestamentlichem Bundesvolk, das Ämter kannte, und der neutestamentlichen Gemeinde mit ihren Vollmachtsträgern. Manche Übersetzungen bringen deshalb statt des Wortes »Amt« den zutreffenden Ausdruck »Dienst«.

Worin besteht denn der Unterschied zwischen beidem? Dienste werden je nach den Bedürfnissen der Gemeinden vom Herrn solchen Menschen übertragen, die er hierzu beruft und durch seinen Geist ausrüstet (nach Eph. 4, 11 z. B. als Evangelisten, Hirten und Lehrer). Das Amt dagegen ist eine feste, von dessen Träger unabhängige Einrichtung. Scheidet er aus, so wird die Stelle von einem Nachfolger besetzt, der seine Befähigung in erster Linie durch Studium oder andere Ausbildung, Prüfungen, Ordination (Amtseinführung) bzw. Investitur (Einweisung) nachweist oder durch Wahl berufen wird.

Hier droht die Gefahr eines Funktionärssystems. Von einem Funktionär erwartet man, daß er sich für seine Organisation so einsetzt, daß alles bestens läuft, was dann seinen Niederschlag in entsprechenden Statistiken findet. Ist das aber nicht auch so weithin im organisierten Christentum? (Treffend hat Hermann Bezzel (1861-1917) diesen Tatbestand auf den Punkt gebracht: »Die Kirche geht nicht zugrunde an ihren Feinden, sondern an der glänzenden Fassade ihrer Statistiken, an ihren Mitläufern und an ihren unberufenen Dienern«.) Und damit haben wir dann — analog zum Gewerkschafts- oder Parteifunktionär — den Kirchen-, Freikirchen- und Gemeinschaftsfunktionär, bei dem oft, ohne daß man sich dessen bewußt ist, die Treue zum Herrn auf Kosten der Erwartungen der Organisation auf der Strecke bleibt.

Allgemein kann festgestellt werden: je weniger Organismus (= geistliches Leben), um so mehr Organisation; und je weniger Vollmacht, um so mehr Titel.

Es ist nur folgerichtig, daß schon im Alten Testament die von Gott berufenen und der Wahrheit verpflichteten Propheten gegen die Priester, die Vertreter der erstarrten religiösen Organisation, standen, was sich entsprechend durch die ganze Kirchengeschichte fortsetzt. Die Gemeinde »sollte in dieser Welt keine Rechte und Anerkennung suchen«, weil das immer auf Kosten der Wahrheit geschieht und der himmlische Charakter darunter leidet und »zur Verweltlichung und zur Verkirchlichung führt« (14/S. 88/89) — eine Beobachtung, wie man sie bei einem Blick in die Geschichte der Kirchen, Freikirchen und Gemeinschaften schnell bestätigt findet: »Schauen wir auf die katholische Kirche, so finden wir, daß dieselbe die meisten Rechte und die größte Anerkennung — siehe Papst usw. — in dieser Welt von allen Kirchen hat. Darum hat sie auch am wenigsten Verständnis für die göttliche Wahrheit« (14/S. 88).

Die Entwicklung der katholischen Kirche aus den ersten neutestamentlichen Gemeinden bedeutet einen Rückschritt aus dem Neuen in formale Äußerlichkeiten des Alten Testaments. Hier wie auch in der römischen Kirche haben wir neben dem etwas ausführlicher behandelten Amtsbegriff z. B.

  • eine hierarchische Priesterordnung, wobei der Papst den Hohenpriester zum Vorbild hat;
  • Feste und Feiertage, wogegen Paulus klar Stellung nimmt (Kol. 2, 16);
  • besondere Priesterkleider.

Durch die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion war es also zur Verbindung von Kirche und Staat gekommen. Das bedeutet aber völlige Mißachtung des Heilsplanes Gottes. In unserem Zeitalter geht es darum, daß aus den Völkern die Gemeinde Jesu herausgerettet wird, also um eine Auswahl, gerade um das Gegenteil einer Identität von Religion und Volk.

Zwar spricht auch die Bibel von der Übereinstimmung von Volks- und Glaubensgemeinschaft, z. B. in der alttestamentlichen Zeit bei Israel. Und in der Zukunft — nämlich im Tausendjährigen Reich — werden sich ganze Stämme und Völker unter das Zepter des Messias beugen und zum Christusglauben durchbrechen (Ps. 72, 11.17; Jes. 25, 7), wobei ausdrücklich namentlich genannt werden: Israel (Jes. 45, 25; Röm. 11, 26) und der Segens-Dreibund Ägypten, Assur und Israel (Jes. 19, 22.25). Hierzu Näheres in 50/S. 197/198; 218/219.

Der Versuch, das aber in den Tagen Konstantins oder heute zu erreichen, bedeutet ein völliges Mißachten der göttlichen Reihenfolge. Kein Wunder deshalb, daß sich die Hoffnung nicht erfüllte, das Evangelium werde wie ein Sauerteig nach und nach das ganze Volk durchdringen. Das Gegenteil trat ein: die Verweltlichung der Kirche.

Der erste bedeutende theologische Verfechter des Gedankens der Staatskirche war der Kirchenvater Augustin (354-430) mit seiner Lehre vom Gottesstaat (Civitas Dei). Ihm schwebte ein Staat vor, der der Kirche diente, und er sah in der Weltherrschaft des Christentums den eigentlichen Sinn der Geschichte.

So führte also die Entwicklung zur katholischen Kirche Punkt für Punkt von der Bibel weg und statt dessen zur Übernahme von Strukturen des Weltsystems. Bereits im ersten Hauptteil haben wir, angefangen vom Kult einer göttlichen Mutter bis zur Priesterherrschaft, Verwandtschaften Roms mit dem alten Babylon aufgezeigt. Allerdings reicht der Hinweis auf die sieben Berge (Offenbarung 17, 9. Die sieben Berge stellen symbolhaft sieben nacheinander auftretende Könige dar. Es muß beachtet werden, daß zu diesem Zeitpunkt fünf nicht mehr da sind und der siebente zukünftig ist, also nicht alle sieben gleichzeitig zusammen sein werden) (Siebenhügelstadt Rom), den Purpur (Offb. 17, 4; 18, 12) (der Kardinäle) und die große Zahl der von Rom Umgebrachten nicht aus, um im Katholizismus die Hure Babylon zu sehen.

Zweifellos ist es in Rom zu einer besonderen Verkörperung des babylonischen Geistes gekommen, und es hat auch über Jahrhunderte so etwas wie die Rolle Babylons gespielt. Das Babel im Vollsinn seines Wortes umfaßt aber nach unserer Schau mehr als nur eine Richtung.

Allerdings spricht das Argument, daß nicht alle Hingemordeten (Offb. 18, 24), also nicht nur die getöteten Gotteszeugen, ausschließlich auf das Konto Roms gesetzt werden können, allein noch nicht gegen diese Institution. Es sei nur an unsers Herrn Jesu Christi Ankündigung erinnert: »Darum spricht die Weisheit Gottes: Ich will Propheten und Apostel zu ihnen senden, und deren etliche werden sie töten und verfolgen, auf daß gefordert werde von diesem Geschlecht aller Propheten Blut, das vergossen ist, seit der Welt Grund gelegt ist, von Abels Blut an bis auf das Blut des Zacharias, der umkam zwischen dem Altar und Tempel. Ja, ich sage euch: Es wird gefordert werden von diesem Geschlecht« (Luk. 11, 49-51).

Wie ist dieses scheinbar jedem Gerechtigkeitssinn zunächst widersprechende Urteil Jesu zu verstehen? Darauf glauben wir, folgende Antwort geben zu können:

  1. Wir sind mit dem allgemeinen Menschheits- und Völkerschicksal mehr verstrickt, als wir meinen. Das wird schon daran deutlich, daß durch den Fall des ersten Menschen nun alles, was Menschenantlitz trägt, unter den Fluch der Sünde und des Todes gekommen ist (Röm. 5, 12). Als Kehrseite kann dann aber auch aufgrund der Einheit des Menschengeschlechts das Opfer Jesu Christi allen gelten (Röm. 5, 15-17).
  2. Die von Jesus angeredeten Zeitgenossen schmecken zwar die Gräber der von ihren Vätern hingemordeten Propheten, distanzieren sich aber nicht entschieden von der Handlungsweise ihrer Vorfahren. Damit wird aber nur enthüllt, daß sie den gleichen Geist wie ihre Väter haben. Und wenn Gott nun neue Propheten und dazu noch Apostel senden wird, werden sie diese auch morden und dadurch ebenso schuldig. Deshalb ist es nichts Unbilliges, wenn das Blut aller getöteten Propheten des Alten Testamentes von ihnen gefordert werden wird. Dabei ist ihr besonderer Schuldanteil am bevorstehenden Tod Jesu noch gar nicht mit berücksichtigt (»Wie leicht eine Mitschuld entsteht durch Verwicklung in fremde Sünden, das hat das Alte Testament in seiner Anordnung des Schuldopfers (3. Mose 5) sowie in vielen geschichtlichen Ereignissen (Jos. 7) typisch dargestellt« (35/S. 212/213).

Genauso kann man es sich bei Babel denken, daß auf dessen Konto alles Märtyrerblut gesetzt werden könnte. Aber da Babel universaler ist, ist dieses an und für sich richtige Argument hier zum Beweis der Gleichung Babel = Rom fehl am Platze.

Wenn im Katholizismus auch manches in Bewegung geraten ist, dürfen wir die wieder auf andern Feldern negative Fortentwicklung nicht übersehen. So hat Rom zu seinen bisherigen unbiblischen Dogmen 1950 das von Mariä Himmelfahrt zugefügt; und das Marianische Jahr 1987/88 bestätigt nur, daß der hier eingeschlagene falsche Weg weiter gegangen wird.

Nun lesen wir in der Heiligen Schrift z. B. von der Buße von Huren und der gerichtsreifen Stadt Ninive, nichts aber von einer solchen von Babel als ganzem!

Rom hat z. B. für alle seine Schuld, begangen an Andersgläubigen, bis heute noch nicht Buße getan. Der biblischen Auffassung von Buße entspricht das bekannte Schuldbekenntnis Papst Paul VI. keineswegs: »Falls irgendeine Schuld uns für diese Trennung zuzuschreiben wäre, so bitten wir demütig Gott um Verzeihung und bitten gleichfalls die Brüder um Vergebung, falls sie sich von uns verletzt fühlen sollten.«

Vor allem dürfen wir die Tatsache nicht aus den Augen verlieren, daß Rom seinen Absolutheitsanspruch, die wahre Kirche zu sein, nach seinem Selbstverständnis nie aufgeben kann und daß alle seine ökumenische Mitarbeit letztlich das Ziel einer Wiedervereinigung unter dem Papst als dem wahren Oberhirten hat.

Der Protestantismus

Luther erfaßte mit einer Klarheit, wie sie nur durch Offenbarung des Heiligen Geistes möglich ist, die Grundwahrheiten von der Rechtfertigung sowie des Verhältnisses von Gesetz und Evangelium.

Auch kam es zu einem Blick für die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen oder Heiligen. In seiner 1526 erschienenen Schrift »Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdienstes« sieht Luther sein gemeindliches Ideal in einer Versammlung von solchen, »die mit Ernst Christen sein wollen«. Hier fehlt auch die Forderung der Gemeindezucht nicht. Und Calvin wagt den Satz: »In der von den Aposteln begründeten Kirchengestalt haben wir das eine Urbild der wahren Kirche; jeder Schritt von ihr weg stellt einen Irrweg dar« (zitiert nach 54/S. 13).

Leider kam es nicht zur Verwirklichung dieser entscheidenden Erkenntnis, und hier liegt neben dem Sakramentalismus eine der Hauptursachen, daß die verheißungsvoll begonnene Reformation schließlich unvollendet bleiben mußte.

So führte die weitere Entwicklung dazu, daß der biblische Standpunkt Luthers, nach dem Kirche und Staat getrennt bleiben müssen, verlassen wurde. Da man kein Bischofsamt als Spitze der Kirche wollte, wurden die Landesfürsten die Träger des Kirchenregiments. Diese Regelung war zunächst nur als Notlösung gedacht, konnte aber nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Jedoch verlief die reformatorische Bewegung nicht überall völlig gleich. Die Reformierten legten den Schwerpunkt auf die Ortsgemeinde und hatten wenig Verständnis für ein Landeskirchentum. Durch den Augsburger Religionsfrieden 1555 wurde der Grundsatz: »Cuius regio, eius religio!« = »Wessen das Land, dessen der Glaube!« zum geltenden Recht erklärt. Die Untertanen bekamen zwangsläufig die Religion des Landesfürsten.

Aber auch schon damals gab es Kreise, die die Verbindlichkeit der Schrift für alle Gebiete des Glaubens und Lebens und damit auch für die Struktur der Gemeinde vertraten: z. B. die Täufer. Welch eine Tragik liegt darin, daß die eben noch selbst verfolgten Evangelischen nicht davor zurückschreckten, gegen sie mit Gewalt vorzugehen, ja sie sogar dem Tode zu überantworten (37/ S. 74)!

Die Ergebnisse dieser ganzen Entwicklung, mit denen noch Luther selbst zunehmend konfrontiert wurde, führten bei ihm zu den ernüchternden Erkenntnissen:

»Unter tausend ist kaum ein wahrer Christ.«

»Wenn ich jetzt das Evangelium sollte anfangen zu predigen, ich wollte mich anders drein schicken. Den großen, rohen Haufen wollte ich unter des Papstes Regiment lassen bleiben. Sie bessern sich des Evangelii nichts, sondern mißbrauchen seine Freiheit.«

»Wenn man die Predigt vom lebendigen, tätigen Glauben recht triebe, so solltest du sehen, wo jetzt tausend zum Sakrament, da würden ihrer kaum hundert hingehen; so kämen wir zuletzt wieder zu einer christlichen Versammlung, da wir jetzt fast Heiden sind unter christlichem Namen.«

Auch beim Geld wird der Abstand des volkskirchlichen Systems zur Bibel besonders deutlich: wie alle öffentlichen Abgaben wird es durch ein Kirchensteuersystem eingezogen und sogar mit Zwangsmaßnamen eingetrieben (wie ist ein aus solchem Geld gezahltes Gehalt für geistliche Dienste zu beurteilen? Wie aber erst die Entgegennahme von kirchlichen Geldern durch selbständige Gemeinschaften?). In den biblischen Gemeinden dagegen wurden freiwillige Gaben zusammengelegt als ein dankbarer äußerer Ausdruck der geschehenen Übergabe an Gott (2. Kor. 8, 5), sie waren also eine geistliche Frucht. »Von den Heiden«, d. h. »den Ungläubigen«, nahm man nichts (3. Joh. 7).

Bei den andern — nicht eine Kirchensteuer erhebenden — freien Werken geht es bei der Aufbringung der notwendigen Mittel auch nicht immer geistlich zu. Tief betroffen müssen wir feststellen, daß nicht selten die bei diesem heiklen Punkt nötige Sensibilität fehlt, vom inzwischen eingerissenen Spendenunwesen ganz zu schweigen.

Auch kirchliche Mitarbeiter können nicht ganz an der Er­kenntnis vorbei, daß Kirche und biblische Gemeinde zweierlei sind. Bei der Auseinandersetzung mit dem hiermit zusammenhängenden Fragenkomplex kann das wissenschaftliche Werk von Emil Brunner »Das Mißverständnis der Kirche« eine Hilfe sein, in dem der Theologe sehr gründlich auf das Spannungsfeld zwischen der Gemeinde als einer Schöpfung des Heiligen Geistes und der Kirche als einer irdischen Institution eingeht. Er bringt gleich im Vorwort zum Ausdruck, »daß die Kirche selbst, sofern sie sich mit der Ekklesia des Neuen Testaments identifiziert, auf einem Mißverständnis beruht« (6/S. 8).

»Dabei heißt Ekklesia das, was wir aus dem Neuen Testament als ihr eigentliches Wesen erkannten: Gottesgemeinschaft durch Jesus Christus und in ihr begründete Bruderschaft oder Menschengemeinschaft. Die Einheit von Christusgemeinschaft und Bruderschaft ist das Wesen der Ekklesia« (6/S. 107).

Auch bei noch so starkem Bemühen, sich in allem nach dem biblischen Gemeindekonzept zu richten, wird der (unsichtbare) Organismus der wahren Gemeinde nie mit den (sichtbar) in Erscheinung tretenden Einzelgemeinden identisch sein.

Es gibt nämlich vier Möglichkeiten, von denen fraglos die erste anzustreben ist: (»Es werden aber im Wachstum stehende Gläubige auch darauf achthaben, welche gemeinemäßigen Erscheinungsformen dem Glauben mehr dienen … Der Glaube meint nie, durch immer straffere Organisation eine Einheit herstellen zu müssen, das wäre dem Wesen der Gemeine zuwider. Der Glaube sieht die Einheit im Haupt bei aller Verschiedenheit. Eines aber will der lebendige Glaube: er will die in der Bibel grundlegend gezeichneten Lebenslinien der Gemeine zu einem möglichst guten und vollkommenen Ausdruck bringen … Aufzuhören, nach einer möglichst guten Ausprägung zu streben, hieße sein Leben unterbinden. Nur muß dabei festgehalten werden, daß beim Glauben alles in Geduld geht und in leidendlichem Tragen und Wachsen. Wenn darum in religiösem und christlichem Gebilden infolge langer historischer Verknöcherung die Gemeinelinien nicht mehr klar sichtbar sind, muß das der lebendige Glaube bezeugen und betend und wirkend erringen, daß die Grundlinien der Gemeine zur besseren Ausprägung kommen. Der Glaube ist damit nicht ein Feind des Bestehenden — so sieht der historisch Denkende ihn an —, sondern der Glaube will nur wachstümlich weiterbauen« (3/S. 201/202).

Kaum einmal wird erkannt, wenn Gott aus bisher von ihm selbst (!) gesegneten Linien weiterführen will. Daß es so etwas überhaupt einmal geben könnte, liegt für die meisten außerhalb der von ihnen in Betracht zu ziehenden Möglichkeiten):

  1. Geistliches Leben in biblischen Formen
  2. Geistliches Leben in unbiblischen Formen
  3. Geistlichen Tod in biblischen Formen
  4. Geistlichen Tod in unbiblischen Formen (nach 56/S. 74)

Wird es etwa in der von Ludwig Harms (1808-1865) vorgezeichneten Entwicklung Volkskirche- Weltkirche-Satanskirche weitergehen (18/S. 173)?

Die Freikirchen

Als Einstieg soll ein offenes Wort aus einer freikirchlichen Zeitschrift gebracht werden, weil es so recht den Kern unseres Anliegens trifft: »Wir können nicht mehr an dem falschen Selbstbewußtsein festhalten, als seien wir neutestamentliche Gemeinde. Wir können nicht einmal mehr sagen, daß wir es alle auch wirklich wollen. Steht bei uns die Einheit im Sinne des Zusammenschlusses und der Organisation nicht doch höher als die Einigkeit im Geist, wenigstens im Gemeindealltag? Sind bei uns alle Getauften wirklich Wiedergeborene, oder mehrt sich nicht in auffallender Weise die Zahl derer, die ›zu früh‹ oder ›zu schnell‹ getauft worden sind? Ist nicht bei uns auch die Institution wichtiger als die Person, die kirchliche Organisation mehr als die Gemeinschaft der Gläubigen? Auch in unsern Reihen vollzieht sich heimlich und unheimlich der Abfall vom wahren biblischen Christentum …« (11).

Dieses schon länger zurückliegende Selbstzeugnis ist durch die Entwicklung bis heute voll bestätigt worden und deshalb noch aktueller als damals, als es geschrieben wurde.

Und dazu noch eine neuere Stimme eines methodistischen Bischofs aus Amerika aus dem Jahre 1987: »Wir haben eine unbekehrte Kirche, die versucht, eine unbekehrte Welt zu bekehren« (25e/S. 9).

Entstanden sind die Freikirchen aus göttlichem Wirken und Erweckungen. Bei allen Geistesbewegungen kommt einmal der große kritische Punkt, wenn das Geistesfeuer abgeebbt ist, man aber trotzdem in gewohnten, liebgewordenen und bisher so gesegneten Gleisen weitermachen will. Immer neu kommt es zu folgender Entwicklung, wie wir schon beim Werden der katholischen Kirche aus den paulinischen Gemeinden mitverfolgen konnten:

»Das Wort Gottes ist in der Ekklesia vorhanden und wirksam als Wort des Heiligen Geistes, darum in einer Einheit von Logos und Dynamis (= Wort und Kraft), die jenseits alles Verstehens liegt. Diese Einheit ist das später nicht mehr vorhandene und nicht mehr verstandene Geheimnis der Urgemeinde. Es ist zugleich das Geheimnis ihrer Gemeinschaft und ihrer sittlichen Kraft; denn auf dem Heiligen Geist beruht die koinonia, das Miteinander-Verbundensein, und zwar ihre organische, organismusähnliche Verbundenheit, die Gleichheit und Verschiedenheit, oder die Gleichrangigkeit aller und gegenseitige Unterord­nung in sich schließt. Das entscheidende Merkmal und zugleich das eigentliche Wesen dieser Verbundenheit ist die Agape (= Liebe), die das neue Ethos dieser Gemeinschaft und ihrer Glieder ist. Es ist verständlich, daß eine spätere Zeit, in der diese ursprüngliche Kraft und Einheit nicht mehr in derselben Fülle vorhanden war, das Fehlende zu ersetzen und das Entschwindende zu sichern suchte. Diese Sicherung und dieser Ersatz erfolgt in drei verschiedenen Richtungen: Das Wort Gottes wird gesichert — und zugleich ersetzt — durch Theologie und Dogma; die Gemeinschaft wird gesichert — und zugleich ersetzt — durch die Institution; der Glaube, der in der Liebe wirksam sich erweist, wird gesichert — und zugleich ersetzt — durch das Glaubens- und Moralgesetz« (6/S. 52/53). (Kam es nach geistlich dürrer Zeit wieder zu einer Erweckung, so mußte sich — wie die Kirchengeschichte lehrt — das neue Leben meist einen eigenen Weg suchen, weil die »alten Schläuche« die junge Bewegung nicht zu fassen vermochten.)

So findet sich in einer freikirchlichen Selbstdarstellung das Eingeständnis: »Die vierhundertfünfzigjährige Geschichte hat manche Veränderung auch der geistigen Haltung bewirkt. Sowohl durch die lange Isolierung als auch durch die Einflüsse von Zeitströmungen ist das revolutionäre und missionarische Element des täuferischen Glaubens weithin verlorengegangen. Die Gemeinden haben sich immer mehr der landeskirchlichen Umgebung angeglichen« (63).

Nicht umsonst hat General von Viebahn (1840-1915) nicht nur vor der volkskirchlichen Verkirchlichung gewarnt, sondern auch vor derjenigen im Sinne eines erstarrten Freikirchentums (20/S. 213).

Ganz offensichtlich ist bei den Freikirchen das Bestreben, den Geruch »einer Sekte« loszuwerden und voll als gleichberechtigte Kirchen angesehen zu werden. Das aber hat, wie wir bereits gesehen haben, seinen Preis.

Schon aufgrund ihrer Tradition gehörte eigentlich keine von ihnen in die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK), die zwar nicht offiziell der Ökumene angeschlossen, aber doch de facto in ihrem Sinne tätig ist, wie sich z. B. deutlich aus folgender Erklärung ergibt: »Die ACK, zu der auch die römisch­katholische Kirche als Vollmitglied gehört, ist zwar gegenüber dem Weltkirchenrat selbständig, weiß sich aber diesem verpflichtet, für die sichtbare Einheit der Kirche einzutreten« (25/S. 7).

Der innerkirchliche Pietismus

Die große Tragik des kirchlichen Pietismus besteht darin, daß er nicht zum neutestamentlichen Gemeindebild zurückgefunden hat (positiv ist, daß trotzdem aus den Landeskirchen Ausgetretene heute in den Gemein­schaften weithin Heimatrecht haben. So auch der damalige Präses des Gnadauer Verbandes K. Heimbucher (1928-1988) in einem »idea«-Interview anläßlich des hundertjährigen Bestehens Gnadaus (25h/S. 6). Damit kommt die Wahrheit zu ihrem Recht, daß die Gliedschaft am unvergänglichen Leibe Christi höher rangiert als die Zugehörigkeit zu einer vergänglichen irdischen Institution. Andernfalls träfe mit Recht der Vorwurf eines gesetzlichen bzw. sektenhaften Blicks zu).

Den Kern des Problems treffen folgende Feststellung und Fragen: »Der Pietismus hat der Kirche fraglos neue Impulse gegeben, vielerorts zur Belebung der Gemeinden, zur Verinnerlichung der Frömmigkeit und zur praktischen Betätigung des Glaubens in Liebeswerken geführt; aber zu einer grundsätzlichen Lösung des Problems der Kirche und ihrer Gestalt ist es nicht gekommen. Fehlte es ihm an theologischer Kraft oder an überragenden Persönlichkeiten? War mit dem Wecken des persönlichen Glaubenslebens und seiner Pflege in kleinen Gemeinschaften Gleichgesinnter notwendig der Verzicht auf eine Neuordnung im Großen, gegeben?« (46/S. 31/32). (Die Aufteilung in Wortverkündigung und Seelsorge durch die Gemeinschaften und der sogenannten Amtshandlungen durch die etablierten Kirchen entspricht weder dem Neuen Testament noch ist sie in der Praxis befriedigend.)

Das wäre dann die dritte Reformation geworden. Im Blick auf die ungelöst gebliebene Frage der Kirchenverfassung, das wohl größte Defizit der Reformation, wollte Luther abwartend alles wachsen lassen, weil er für seine Vorstellungen noch nicht die Leute zu haben meinte. Ohne Übertreibung kann Philipp Jakob Spener (1635-1705), der Vater des Pietismus, als zweiter Reformator bezeichnet werden. Er führte die »collegia pietatis« ein, jene schon von Luther ins Auge gefaßten Kreise derer, »die mit Ernst Christen sein wollen«. Jedoch war mit keinem Gedanken an die Verwirklichung des neutestamentlichen Gemeindebildes gedacht. So bleibt, weil es hier auch danach nicht zu einer entscheidenden Weiterführung gekommen ist, der Tatbestand, daß die Reformation unvollendet geblieben ist.

Wie ein neueres Werk (13) beweist, hat man auch in Gnadau immer wieder um den biblischen Gemeindeaufbau gerungen, jedoch ist es offiziell nie zu letzten Konsequenzen gekommen. Für Friedrich Heitmüller (1888-1965) war es keine Frage, »daß es nach dem ersten Weltkrieg für die Deutsche Gemeinschaftsbewegung eine von Gott herbeigeführte Stunde war, als Männer wie Leopold Wittekindt, Ernst Lohmann und andere mit ihnen den Aufruf zu einer ›inneren Lösung‹ von volkskirchlichen Bindungen und Bevormundungen ergehen ließen und den Weg wiesen hinein in die neutestamentlichen Gemeindelinien. Auch damals war der Einfluß der Männer, die die Stunde Gottes zum Handeln nicht zu verstehen vermochten bzw. sie noch nicht für gekommen meinten, größer als der der anderen Männer, die zum Handeln und Vorwärtsschreiten riefen und bereit waren« (21/S. 131).

Jedoch gibt es beim — nicht nur innerkirchlichen — Pietismus auch manches Erfreuliche festzustellen: Er steht an vorderster Front gegen den himmelschreienden Mord am keimenden Leben und gegen die Irrlehren der Genitiv- und Adjektiv-Theologen (z. B. Theologie der Befreiung und Revolution, feministische Theologie).

Dagegen ist man blind für andere Frontabschnitte des Feindes mit seinen geschickt getarnten Verführungen, vor allem aber die Verflechtungen mit der Welt und hier besonders mit der frommen Welt (hier gilt auch: »Ihr Ehebrecher und Ehebrecherinnen, wisset ihr nicht, daß der Welt Freundschaft Gottes Feindschaft ist? Wer der Welt Freund sein will, der wird Gottes Feind sein« (Jak. 4, 4). Wie legt man doch noch Wert auf die Anerkennung durch die Landeskirchen!

Ob die Gemeinschaftsleute, die aus einer hier klaren Schau grundsätzlich die ökumenische Bewegung ablehnen, nicht die Inkonsequenz merken, gehören sie doch persönlich durch ihre Kirchenmitgliedschaft automatisch dieser religiösen Weltgemeinschaft an? Nur bei einem Kirchenaustritt findet die Zugehörigkeit zur Organisation des Weltkirchenrats ihr Ende. (So geht die Ökumene bei Jesu Bitte in Johannes 17, 21 (»auf daß sie alle eins seien«) von einem falschen Einheitsbegriff aus, der ja nach göttlich vollkommenem Vorbild (»gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir«) auch die Gläubigen (Söhne) einbezieht: »Ich (der Sohn) in ihnen (den Söhnen) und du (der Vater) in mir (dem Sohn)«. Diese Einheit ist auf keiner natürlichen Basis möglich, sie setzt den Heiligen Geist voraus, den Namenchristen nicht haben. Es geht unserem Herrn nämlich zunächst um das Einssein der Glaubenden mit ihm und dem Vater und dann erst um das allein auf dieser Grundlage mögliche Einssein untereinander.

Weiter ist nach ökumenischer Auffassung z. B. die Mission ein Mittel zur Änderung der Strukturen der Welt mit dem Ziel, so schließlich innerhalb der Geschichte selbst das Reich Gottes zu schaffen, wobei Gewalt nicht grundsätzlich abgelehnt und Jesus Christus zu einem Sozialrevolutionär degradiert wird. Das aber ist bereits handfeste Irrlehre. Und jeder Kirchensteuerzahler muß wissen, daß er dieses System zu finanzieren mithilft. Ist das aber zu verantworten?)

Nun kann man darauf hinweisen, daß Gott ja die innerkirchlichen Gemeinschaften zur Rettung und Weiterführung vieler Menschen gebraucht habe. Darin aber einen Beweis auch für die Richtigkeit dieses Weges sehen zu wollen, wäre ein schwerer Fehlschluß; denn Gott segnet in seiner großen Barmherzigkeit immer wieder auch trotz Versagens und Fehler. Entscheidend ist und bleibt die Frage, ob ein Weg dem ureignen Willen des Herrn entspricht. Als Beispiel möge uns die Stellung unsers Herrn Jesu Christi zur Ehescheidung dienen: »Mose hat euch erlaubt zu scheiden von euren Weibern wegen eures Herzens Härtigkeit; von Anbeginn aber ist’s nicht also gewesen« (Matth. 19, 8). Es wäre also ein Fehlschluß, aus späteren, gar zeitlich begrenzten Zugeständnissen (Notverordnungen) auf Gottes ursprünglichen und ureignen Willen zu schließen.

Bei der Kirchenfrage wird es nötig sein, sich in diesem Punkt von manchen gesegneten Glaubensvätern, was freilich schmerzlich ist, abzusetzen. Grundsätzlich muß man auch bei ihnen alles — nach einem Wort von Johann Tobias Beck (1804-1876) — aus der Schrift begreifen, beschneiden und ergänzen. Es kann durchaus sein, daß mancher, der zu seinen Zeiten ein Verbleiben in der hineingeborenen Kirche als eine göttliche Ordnung sah, sie bereits verlassen hätte, wenn er heute lebte. Das würde bedeuten, daß jemand, der ihren damals für richtig gehaltenen Standpunkt heute verläßt, ihrem Geist mehr entspricht, als der, der starr bei ihm bleibt. Zu wenig wird dieser wichtige Punkt bedacht: Daß die heutige Lage aufgrund des ungefragten Eingebundenseins des einzelnen in die Ökumene mit all ihren grundstürzenden Irrtümern, die ein endzeitliches Vorzeichen tragen, nicht ohne weiteres mit früher verglichen werden kann. Und das betrifft nicht nur die Großkirchen, so daß die aktuelle Frage des Austritts (»Kirchenaustritts«) nicht nur auf sie beschränkt werden kann.

Die Bekenntnisbewegung hat gleich bei ihrer Gründung erklärt, daß für sie ein Kirchenaustritt nicht in Frage komme. Kann man sich für die Zukunft überhaupt so festlegen, weil man doch — abgesehen von feststehenden Grundwahrheiten — für göttlich gewirkte Erkenntnisse und Führungen stets offen bleiben muß?

Völlig unverständlich ist es, daß es weithin erst überhaupt gar nicht dazu kommt, die Existenzberechtigung der Volkskirchen von der Bibel her zu hinterfragen. Sie gelten also so etwas wie sakrosankt Vorgegebenes, werden fast wie ein Axiom angesehen. Not bereiten vielen Gläubigen nur die Mängel und Entartungen.

Verkehrt ist es in jedem Fall — nicht nur im Blick auf Verfolgungen —, immer mehr auf hauptamtliche Kräfte zu setzen, statt auf vermehrte Selbständigkeit der Gemeinden und Kreise hinzuarbeiten.

Mitarbeit in Gremien von Organisationen kann nicht ohne Gefahren sein wegen derer Interessen, die nicht selten im Gegensatz zur Sache Gottes stehen, weshalb Kompromißbereitschaft dort oft mehr gefragt ist als Feststehen für die Wahrheit. Kann das aber ohne Rückwirkungen auf das persönliche Glaubensleben bleiben?

Sehr ernst genommen werden muß dieses Wort, das einmal auch das »Gnadauer Gemeinschaftsblatt« (Dezember 1971) gebracht hat: »Die Volkskirche in ihrer bisherigen Form wird zerbrechen. Wir wollen dabei nicht mithelfen einzureißen. Wir wollen aber das Zerbrechen auch nicht mit letzter Kraft aufzuhalten versuchen, sonst könnten wir unter den Trümmern begraben werden.«

Die Zukunft des Christentums

Es fehlt nicht an Stimmen, die nicht müde werden, auf das unausweichliche Ende des Christentums in seiner bisherigen Form hinzuweisen. Ein Kirchenmann sprach es einmal aus, daß die Volkskirche ihren Karfreitag noch vor sich habe.

Eine andere Ansicht vertrat ein Landesbischof zu einer wenig optimistischen Sendung mit dem Titel »Sterben die Protestanten aus?«: »Wer jedoch diesen Trend unterstützt, so meine ich, dokumentiert eindeutig, daß er die Verheißungen der Bibel und damit die Existenz der Kirche Gottes auf Erden nicht ernst nimmt: ›… und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen‹ (Matth. 16, 18)« (57/S. 1). Hier wird eine der Gemeinde (ecclesia) gegebene Verheißung einfach auf die heutige Volkskirche übertragen, obwohl beides zweierlei ist.

Karl Barth (1886-1968) dagegen mahnt, sich auf Veränderungen einzurichten: »Es muß hinsichtlich des kirchlichen Lebens und der kirchlichen Formen nicht alles so weitergehen … Ja, die Stunde könnte kommen oder schon angebrochen sein, wo Gott dieser ihrer Gestalt — wegen ihrer immerhin greifbaren Unwahrhaftigkeit und Unfruchtbarkeit — zu unserem Leidwesen, aber zu seiner Ehre und zum Heil der Menschen ein Ende machen und einen anderen Weg mit seiner Kirche gehen will. So daß wir wohl Ursache haben, uns von der Bindung an die gewohnte bisherige Existenzform, auch wenn sie noch eine Weile Bestand haben mag, innerlich zu lösen und uns … nach neuen Wagnissen auf neuen Wegen umzusehen. Ja, wir dürfen uns als Gemeinde Gottes darauf verlassen, daß er uns solche neuen Wege, die wir zur Zeit kaum ahnen können, zeigen wird« (44).

Die bereits angeführte Broschüre »Die Gestalt der zukünftigen Kirche« spricht von der Ecclesia futura = der zukünftigen Kirche, wobei allerdings »ecclesia« mit »Kirche« nicht exakt wiedergegeben ist.

Der biblizistische Theologe Carl August Auberlen (1824-1864) sagte voraus: »Die Staaten fallen dem Tier-, die Kirche fällt dem Hurenwesen anheim« (1/S. 324).

In den pietistischen Kreisen ist vor Jahrzehnten das Wort aufgekommen: »Die Kirche wird verweltlichen, und die Gemeinschaften werden verkirchlichen«, wobei man aufgrund der gegenwärtigen Entwicklung noch hinzufügen kann, daß diese auch schon bereits verweltlicht sind. (Eine weniger bekannte Version stellt diesen beiden Voraussagen noch als dritte voran: »Die Welt wird fromm«.) Erschreckend ist der Grad der Anpassung an die Welt, dem leider auch nicht wenige sonst Klarsehende in verschiedenster Hinsicht erlegen sind.

Zum Untergang der »falschen Kirche, der Welthure« schreibt Friedrich Mayer (1881-1946):

»… denn was äußerlich fallen soll, das fällt lange zuvor innerlich. Dabei dürfen wir nicht nur an ›Rom‹ denken, sondern ohne Zweifel an alles falsche Kirchenwesen auf Erden, an alles unechte, also weltförmige ›Christentum‹, wie es allmählich auch in der kleinsten Gemeinschaft mitten drin sitzt. Sie alle, diese Kirchen, Konfessionen, Sekten, Freikirchen, Gemeinschaften, keine einzige ausgenommen, sind kleine ›Babel‹ geworden, voll Verwirrung, und sind von ihrem ersten Geist himmelweit gefallen. So wie die ›Babels‹ einst aussehen werden im Äußeren nach ihrer Verwüstung, so sehen sie jetzt schon aus innerlich; denn das Äußere ist immer nur eine Folge des Inneren« (40/S. 419).

Für Auberlen ist es eine ausgemachte Sache:

»Die Hure Babylon ist die verweltlichte Kirche« (1/S. 314).

Der gleichen Meinung ist Karl Hartenstein (1894-1952):

»Auch für den Propheten ist diese Hure ein Geheimnis … Man hat in der ganzen Kirche dieses Kapitel (Offb. 17, d. V.) sehr unterschätzt … Man deutete (V. 18: Weib/Stadt, d. V.) auf Rom und also auf die Weltstadt und die Weltmacht, und sah darin einfach das Abbild der ganz entarteten und verweltlichten, endgeschichtlichen Kultur, das letzte antichristliche Weltreich. Das ist nicht möglich … Wenn unsere frommen Väter recht hätten, da sie sagten: In der Endzeit … werden die großen Nationen und Weltreiche zu Tierreichen herabsinken unter die menschliche Sphäre? Und die Christenheit? Sie wird entarten in der Endzeit … Wie, wenn es so wäre, daß das Bild von der Hure die wieder Welt gewordene Christenheit, die völlig in das Weltwesen versunkene Kirche wäre?

Ich bekenne mich zu dieser Auslegung. Mein Herz zittert, wenn ich das sage. Aber damit ist ja vielleicht die Auslegung auch ganz persönlich uns betreffend. Wir spüren in Furcht und Zittern, daß uns hier der Seher Johannes etwas sagt, was uns Christen und unsere Gemeinde aufs innerste betrifft« (19/S. 157/158).

In die gleiche Hauptrichtung geht Michael Hahn:

»Und wer meines Erachtens die Hure sei, sollt ihr nun vernehmen. Nicht die Stadt Rom allein, auch nicht allein die katholische Religion, auch nicht eine andere mit Ausnahme der andern, sondern alle zusammengenommen, alle miteinander, auch die unsere, kurz, die ganze geistlose und des Lebens Jesu leere Christenheit, die zwar Christi Kirche sein will und hurt doch und hält’s mit allen betrüglichen Geistern und ist dem Geist Jesu untreu und verschlossen — diese geistlose, falsche Christenheit ist das Babylon … Eine Stadt ist sie genannt und heißt Babel, d. i. eine Verwirrung; denn sie, die falsche Christenheit, zerteilt in sehr viele Religionen und Sekten, ist eine wahre und eigentliche Verwirrerin und eine Mutter sinnlicher Abgöttereien und Hurereien. Drei oder vier Hauptreligionen sind in ihr, welches man die Hauptstraßen nennen kann in dieser großen Stadt, und jede Religion hat viele Sekten; dies sind also mehrere Nebengäßlein und größere oder kleinere Nebenstraßen« (17/S. 504/505).

Selbst Spener, für den Babel eindeutig die römische Kirche war, warnte davor, zu übersehen, »was wir in unserer Kirche noch aus Babel behalten und abgelernt haben« und denkt dabei z. B. an die »Meinung, daß die äußere Kirchenzugehörigkeit durch Taufe, Gottesdienst und Abendmahl genüge, um selig zu werden« (53/S. 197) sowie das opus operatum (automatische, vom Glauben unabhängige Wirkung einer richtig vollzogenen Handlung (Sakramente) — eine Auffassung, die sich nicht nur bis zum Babel Speners (Rom), sondern bis auf das alte Babel selbst zurückführen läßt).

Die Antwort auf die gestellte große Frage

Aus den bisherigen Ausführungen mit ihren vielen Einzelheiten schält sich auf die eingangs gestellte große Frage als Antwort heraus: Babylonisch ist alles »Religiöse«, das nicht in der Offenbarung Gottes und in seinem Wort begründet ist.

Wir haben gesehen, wie ein von Babel ausgehender, immer breiter werdender Verderbensstrom von Falsch-Religiösem und Okkultem mit seinem finsteren Einfluß die Menschheit an Satan zu binden bzw. vom wahren Gottesglauben abspenstig zu machen versucht. Ob direkt auf Babel zurückgehend oder später hinzugekommen: beide Male handelt es sich um den gleichen Geist desselben Inspirators (in manchen Strömungen der »New-Age«-Bewegung findet sich auffallend stark das Bestreben der Kontaktaufnahme mit dem Übersinnlichen — ein Interesse, das man noch vor kurzem dem aufgeklärten modernen Menschen nicht zugetraut hätte und das jeden Nachdenklichen verwundern müßte. Das ist nicht anders als nur mit massivem dämonischen Einfluß zu erklären).

Treffend hat ein Ausleger das entscheidend Eigentliche des babylonischen Wesens auf den Punkt gebracht: »Anstelle des Herrn, des lebendigen Gottes, trat jetzt etwas Sichtbares — die Stadt mit dem Turm« (15/S. 196). Weiter wollte man sich unter Ausschaltung des Namens Gottes selbst einen großen Namen machen und einen zusammenhaltenden Mittelpunkt als Ausdruck der Einheit der sich vermehrenden Menschheit schaffen — alles auffallende Parallelen zu heute!

So ist z. B. der Ruf nach Einheit mehr als nur eine Parole, sie ist nach heutiger Auffassung die einzige Möglichkeit zum Überleben. Auch gibt es heute Mittelpunkte, wie z. B. Rom oder Mekka. Und was ist es — genau bei Licht besehen — anders als der Wunsch, sich einen großen Namen zu machen, wenn man so viel Wert auf große Zahlen legt?

Jede Hinzufügung aus dem Weltsystem trägt ein babylonisches Vorzeichen, ist also keineswegs harmlos: so auch die heidnischen Festtagsbräuche (wie z. B. der Tannenbaum, die Ostereier — so geht z. B. der Name Weihnachten auf die germanischen geweihten — heiligen — Mittwinternächte zurück), ganz zu schweigen von der feministischen Theologie, die gegen die göttlichen Ordnungen Sturm läuft und auffallend offen für Elemente der Muttergottkulte ist — ein deutlicher Ausdruck des babylonischen Hurengeistes!

Paulus hat jedenfalls — wenn auch in anderem Zusammenhang — vor den armseligen Elementen oder Grundregeln dieser Welt gewarnt (Gal. 4, 3.9; Kol. 2, 8.20). Ihm war es ein großes Anliegen, bei seinem Zeugnis völlig bis in die Wahl seiner Worte hinein vom Geiste Gottes inspiriert zu sein: »Wir reden (Göttliches) nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der heilige Geist lehrt« (1. Kor. 2, 13).

Von der Hure Babylon im strengen Sinne können wir nur sprechen, wenn es zur Verleugnung eines ursprünglichen legitimen Gottesverhältnisses gekommen ist, was nur bei Israel und dann bei dem Christentum der Fall sein kann, das sich aus den neutestamentlichen Gemeinden fehlentwickelt hat. Beide werden wohl beim endzeitlichen Babel führend sein. Wir brauchen uns nur etwas Entsprechendes zur Friedens-Gebetszusammenkunft vom 27. Oktober 1986 in Assisi vorzustellen, wo neben fahrenden Ökumenikern, den nichtchristlichen Vertretern (z. B. dem Dalai-Lama) und den sogar zu den Evangelikalen zählenden Repräsentanten auch das jüdische Element nicht fehlte, der Papst aber unbestritten als religiöser Weltenführer in Erscheinung trat.

Babylon setzt nicht unbedingt einen organisatorischen Zusammenschluß voraus, hier reicht schon Zusammenarbeit aus.

Was ist der Kirchentag als »Markt der Möglichkeiten« anders als ein babylonischer Jahrmarkt? Dort konnte ein Professor seine These anbringen, daß ein Seitensprung »ungeheuer lustvoll« sei (25c/S. 12). Und auf einem andern Kirchentag durfte eine — später allerdings in einem andern Zusammenhang gemaßregelte — Theologin urheidnische Vorstellungen propagieren, die kurz zuvor den Zehn Geboten ihre eigenen zehn Weisungen gegenübergestellt hatte, in denen es u. a. heißt: »Du darfst ehebrechen; denn du kannst nicht anders. Du darfst auch treu sein« (25g/S. 17). Jede Übernahme von Elementen dieser Welt, die also unter babylonischem Vorzeichen steht, darf nie mit der Unvollkommenheit der Gemeinde in der Jetztzeit verwechselt werden, die nun einmal auch diesem irdenen Gefäß anhaftet.

Wenden wir die in diesem Kapitel gegebene Definition (Begriffsbestimmung) auf die vorhandenen Denominationen an, so wird sich kaum eine als ganz frei von babylonischem Wesen herausstellen. Das darf aber nicht ohne Konsequenzen bleiben.

Daß auch das evangelikale Denken nicht ganz frei von babylonischer Infizierung ist, beweist z. B. die einmal vorgetragene Ansicht, daß Paulus vom Gesetz bedingte und jüdische Unterschiede grundsätzlich aufgehoben habe (Gal. 3, 28), bei Einzelanweisungen dann jedoch im Rahmen der damaligen Sitte geblieben sei (z. B. Unterordnung der Frau), woraus Christen die Berechtigung für eine entsprechende Anpassung an ihre Zeit ableiten könnten (nach Paulus gibt es zwar keinen Unterschied für Mann und Frau im Blick auf das Heil (Gal. 3, 28 f.) jedoch verschiedene Platzanweisungen für beide. Dazu Heft 12 dieser Reihe »Die emanzipierte Frau als Frage an den Mann«). Ganz abgesehen davon, daß ein solches Vorgehen gegen elementare Regeln einer sauberen Schriftauslegung (Exegese) verstößt, müssen wir hier aufgrund der eben gegebenen Definition echten Babelsgeist feststellen.

Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei klar herausgestellt, daß es zwar heute viele kleine und größere Babel gibt, aber noch nicht die Hure Babylon, die erst die Endphase als voll ausgereiftes Ergebnis der Integration (Integration = Zusammenfassung zu einem übergeordneten Ganzen) von allem Babylonischen bringen wird.

Das zweimalige »Gehet aus« im Neuen Testament

Zweimal findet sich im Neuen Testament die Aufforderung an Gottes Volk: »Gehet aus!« So befiehlt eine himmlische Stimme zum Verlassen Babels auf, weil sich das baldige Gericht ­ unabhängig vom persönlichen Glaubensstand — über alles in diesem Endzeitgebilde furchtbar entladen wird (18, 4) (hier reicht also eine »innere Separation« nicht aus. Es geht um das »vollständige Abbrechen der religiösen und kirchlichen Gemeinschaft« (357S. 216). Es handelt sich um ein einmalig besonderes Gericht Gottes, »weil die Sünden der Stadt nicht bloß zum Himmel schreien wie die Sünden Sodoms (1. Mose 18), sondern sich auch miteinander verkettet und aufeinandergetürmt haben bis zum Himmel hinan, bis sie zu einem dämonischen Anstoß gegen den Thron Gottes selbst geworden sind« (35/S. 213).

Auf diese Stelle heute als Parole oder Signal zum Auszug aus bestehenden Kirchen zurückzugreifen entspricht nicht einer sauberen Schriftauslegung. Man kann sie höchstens in übertragenem Sinne anwenden. Anders dagegen verhält es sich mit der Anweisung in 2. Korinther 6, 17. Es soll der dazugehörige Umtext gleich mit zitiert werden:

»Ziehet nicht am fremden Joch mit den Ungläubigen. Denn was hat die Gerechtigkeit zu schaffen mit der Ungerechtigkeit? Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis? Wie stimmt Christus mit Belial? Oder was für ein Teil hat der Gläubige mit dem Ungläubigen? Was hat der Tempel Gottes gemein mit den Götzen? Wir aber sind der Tempel des lebendigen Gottes; wie denn Gott spricht (3. Mose 26, 11.12): Ich will unter ihnen wohnen und wandeln und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein. Darum geht aus von ihnen und sondert euch ab, spricht der Herr; und rühret kein Unreines an, so will ich euch annehmen« (2. Kor. 6, 14-17).

Dieses Wort stellt also biblisch begründete Absonderung unter mehrfache göttliche Segensverheißung. Dieser Zusammenhang — wie auch die Scheidung von allem Widergöttlichen (dieses Grundprinzip zieht sich durch die ganze Bibel hindurch) — sind weithin kaum klar erfaßt. Hier werden die Gläubigen als der Tempel Gottes gegenübergestellt den Ungläubigen, als das Heilige dem Profanen. Beides muß geschieden sein. Deshalb fordert Paulus in 2. Timotheus 3, 1-5 zur Absonderung auf, und zwar bei der Schilderung des endzeitlichen Menschen, wie ihn der christliche Einflußbereich hervorbringt, wo es nur zur Annahme einer äußeren Form ohne entscheidende Erneuerung — also zu Namenchristen — kommt: »Die da haben den Schein eines gottesfürchtigen Wesens, aber seine Kraft verleugnen sie; solche meide« (V. 5).

Immer wieder wird das Argument ins Feld geführt: »Wir treten nicht aus der Kirche aus, sondern warten, bis wir ausgeschlossen werden.« So gut das auch gemeint sein mag, es geht am biblischen Sachverhalt völlig vorbei; denn Paulus fordert gerade hier zum Handeln auf und nicht zum passiven Abwarten des Rauswurfs. Ebenso sind die Dinge im Blick auf den Anfang der Mitgliedschaft auf den Kopf gestellt: Während man den biblischen Gemeinden aufgrund persönlicher Entscheidung beitrat, wird man in Nachwuchskirchen als Säugling durch die Taufe ungefragt zum Mitglied gemacht.

Ebenso entbehrt jeden Schriftgrundes die so oft zitierte angebliche »göttliche Platzanweisung in der Kirche, die man nicht von sich aus verlassen dürfe«; denn Gott wird nie etwas in Widerspruch zu seinem Wort fordern, nach dem nun einmal die Scheidung von Glaube und Unglaube zum Grundwesen seiner Gemeinde gehört.

Man bemühe nicht den Vorwurf des mangelnden Verständnisses für das geschichtlich Gewordene, das in normativer Hinsicht nie dem letztlich für uns verbindlichen Wort gleichgestellt werden darf. Sonst müßte alles beim Alten bleiben und dürfte — als letzte Konsequenz — selbst ein zum Glauben gekommener Heide nicht seine bisherige Kultgemeinschaft verlassen. Ist aber nicht gerade die heilsame wie positive Veränderung das Besondere des Evangeliums?

Dächsel vertrat seinerzeit die Ansicht, daß die zukünftige Hinwendung Gottes zu Israel das Ende »der katholischen Kirche als Kirche« einläute, und sie fortan nur noch als Hure »existieren werde« (10, Bd. V/S. 362).

Was er an anderer Stelle schreibt, kann heute auch auf das protestantische Lager bezogen werden: »Ist die Zeit erst vorhanden, dann werden sich schon alle in Babel verborgenen Glieder der wahren Kirche zusammenfinden: wer möchte alsdann auch nur in äußerlicher Gemeinschaft mit einer Kirche stehen, deren Sünden zu der Zeit bis an den Himmel reichen und deren Frevel Gott nun gedenkt (Steffann)? Das ist die Schuld der gläubigen Katholiken, daß sie durch Gemeinschaft mit dem Papsttum sich auch seiner Sünden mit teilhaftig machen. Der Herr wird ihnen aber zu seiner Zeit durch seinen Geistesruf die Augen öffnen, und sie werden ausgehen müssen (Gräber)« (10, Bd. VII/S. 112).

Aber spricht nicht gegen diese Auffassung das Verbleiben der Urgemeinde von Jerusalem beim dortigen Tempel? War sie nicht so etwas wie die den heutigen Gemeinschaften entsprechende pietistische Versammlung in der jüdischen Volkskirche? Hier kann man nur insoweit zur Klarheit kommen, als man ein biblisch geschärftes Unterscheidungsvermögen für die einzelnen Heilszeitalter (Haushaltungen) sowie die entsprechenden Heilskörperschaften hat.

Die Gemeinden der Apostelgeschichte standen noch weithin in der Hoffnung Israels, in der Erwartung des sichtbaren Herrlichkeitsreiches. Davor ist aber die verborgene Haushaltung der Gemeinde zwischengeschaltet. In das Geheimnis des Leibes Christi, über dessen Grund, Zweck und Ziel, ist Paulus auch erst später eingeführt worden. Daß zwischen den ersten jüdischen Gemeinden und den paulinischen ein Unterschied besteht, kann einem gründlichen Schriftforscher nicht entgehen. Es sei nur an den einen Punkt der Gütergemeinschaft erinnert.

Nur mangelnde Klarheit im Blick auf das wahre Wesen der Ecclesia kann zu dem viel vertretenen Standpunkt führen: Den »Gefallen der ›Separation‹ werden die Evangelikalen ihren Kritikern nicht tun. Diese Kirche ist unsere Kirche, aus der wir uns weder hinausekeln noch hinausdrängen lassen« (24/S. 34).

Dagegen kommt ein anderer, der sich auch stark in der kirchlichen Arbeit engagiert hatte, schon aufgrund nüchterner Überlegungen zu dem gegenteiligen Schluß: »Nun habe ich … meinen Austritt aus dieser Kirche erklärt, weil ich es physisch und psychisch nicht durchhalte, ständig einen Kampf um Bibel und Bekenntnis führen zu müssen und doch zu sehen, daß die Zustände sich nicht bessern, sondern verschlimmern. Und ich konnte es nicht länger ertragen, daß meine Kirchensteuer mit dazu verwandt wird, Dinge zu finanzieren, die mit dem Auftrag Jesu gegenüber seiner Gemeinde nichts zu tun haben, ja teilweise sogar im Widerspruch zur biblischen Lehre stehen … Wer in der Nachfolge Jesu steht, hat sich von denen abzugrenzen, die von der reinen Lehre wegführen« (25d/S. 30).

Es liegt auf der Hand, welche von diesen beiden Haltungen schriftgemäß ist.

Der frühere Vorsitzende des Rates der EKD Herrmann Dietzfelbinger (1908-1984) hat nicht übertrieben, wenn er 1974 feststellte, daß der Kirchenkampf im Dritten Reich harmlos gewesen sei gegenüber den heutigen Auseinandersetzungen (25a/S. 14). Müssen sich daraus nicht Konsequenzen ergeben, wenn man mit der aus dem Schriftzeugnis resultierenden Schlußfolgerung (2. Joh. 3, 10.11) Ernst macht, mit eindeutigen Verdrehern des Evangeliums nicht derselben Kirche angehören zu dürfen?

Zwar müssen wir feststellen, daß bei den meisten Trennungen mehr Menschliches als Geistliches mitgespielt hat. Das darf uns aber nicht den Blick für Absonderungen nach dem Willen Gottes verbauen. So zog der bekannte Erweckungsprediger Spurgeon (1834-1892) sofort die Konsequenzen, als der englische Baptistenbund als Ganzes nicht entschieden gegen die Einflüsse der liberalen Theologie Front machte, und erklärte seinen Austritt. Er schrieb: »Nichts hat die Einheit der wahren Gläubigen so stark gefördert wie der Bruch mit den falschen. Trennung von solchen, die fundamentale Irrtümer gewähren lassen oder das ›Brot des Lebens‹ den verderbenden Seelen vorenthalten, ist keine Spaltung, sondern nur das, was die Wahrheit, das Gewissen und Gott von allen erwarten, die treu erfunden werden wollen« (58/S. 217). (Leider haben dagegen andere Gläubige bei Einbruch der liberalen bzw. modernen Theologie nicht so gehandelt. Heute erleben wir die Folgen der satanischen Taktik der Gewöhnung an unbiblische Zustände, daß es im Blick auf die noch schlimmere ökumenische Theologie weithin nur zu starken Worten ohne Konsequenzen kommt.)

Auf den in diesem Zusammenhang wichtigen Aspekt der Wahrheit weist Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) hin: »Die Lüge zerstört die Gemeinschaft. Wahrheit aber zerschneidet falsche Gemeinschaft und begründet echte Bruderschaft.«

Je mehr wir in die Endzeit hineinkommen, umso mehr wird Scheidung das Gebot der Stunde sein. Mit prophetischem Blick hat die kirchliche Führergestalt Vilmar (1800-1868) vorhergesagt: »Es naht die Zeit — nicht mehr der Spaltungen, wie bisher, sondern der Scheidung, der Scheidung der Gläubigen und Ungläubigen … Es drohen die letzten schweren Kämpfe, schwerer als alle, die ihnen vorangegangen sind innerhalb der Christenheit, mit schwererer Versuchung und allgemeinerer, tödlicherer Verführung: und nach diesen Kämpfen — richte dich, o Christenheit! — kommt die erste Zukunft unseres Herrn« (48/S. 83).

Wir können heute nur noch feststellen, daß diese Entscheidungszeit immer mehr auf uns zukommt. Und doch möchten wir einem Austritt aus den bestehenden Kirchen um jeden Preis nicht das Wort reden; denn er muß aufgrund einer vorherigen gründlichen Abklärung ein überlegter Schritt aus Glaubensüberzeugung sein. Das setzt geistliche Substanz voraus und muß von fleischlichen Reaktionen von Heißspornen klar unterschieden werden.

Schwierigkeiten, Druck und Leiden reichen allein für ein Weggehen nicht aus, sind das doch grundsätzlich die besten Bedingungen für das Wachstum im Glauben und die notwendigen Sterbensgelegenheiten für das eigene Ich.

Es geht auch um den rechten Zeitpunkt. Fein hat Lange die »beiden Akte der Übereilung und Versäumung« so formuliert: »Der Ausgang zu früh ist gegen die Demut und Liebe, der Ausgang zu spät gegen den Glauben und die Treue« (35/S. 216).

Vor allem muß vor dem äußeren Austritt eine klare innere Lösung von allem Babelwesen in uns stehen. Leider kann man nicht an der Feststellung vorbei, daß das heute bei Ausgetretenen nicht immer der Fall ist, sondern sie im Gegenteil sich vom Wesen dieser Welt bestimmen lassen.

Mit einem bloß äußeren Schritt allein ist’s nicht getan. Es kommt auf die Gesinnung, die Motive und vor allem darauf an, ob er in der Liebe geschieht.

»Wie viele betrügen sich selbst, indem sie nicht ›nach dem Geist der Heiligkeit‹ handeln, denn

  • man kann geben, aber wie Ananias (Apg. 5, 2);
  • opfern, aber wie Kain (1. Mose 4, 3);
  • am Gottesdienst teilnehmen, aber wie Korah (4. Mose 16);
  • ein Gotteshaus haben, aber wie Micha (Richt. 17, 5);
  • weinen, aber wie Esau (1. Mose 27, 38);
  • zittern, aber wie Felix (Apg. 24, 25);
  • Sodom verlassen, aber wie Lots Weib (1. Mose 19, 26);
  • ein Mitarbeiter Gottes sein, aber wie Demas (2. Tim. 4, 10);
  • eifern für Gott, aber mit Unverstand (Röm. 10, 2);
  • dienen, aber wie Gehasi (2. Kön. 5, 20);
  • lange Gebete sprechen, aber wie die Pharisäer (Matth. 23, 14);
  • weissagen, aber wie Saul (1. Sam. 10, 10; 15, 23);
  • ein Jünger sein, aber wie Judas (Apg. 1, 25);
  • zahlreiche Jünger haben, aber wie Theudas (Apg. 5, 36);
  • Lampen haben, aber wie die törichten Jungfrauen (Matth. 25, 1-13)« (33/S. 118).

Auch müssen wir uns davor hüten, der Kirchenfrage einen unbiblischen Stellenwert beizumessen. Ihretwegen wird niemand verloren gehen (dadurch Schaden zu nehmen — ist allerdings eine andere Sache). Heilsnotwendig ist allein der Glaube an Jesus Christus und an sein vollkommenes Heil. Auch bei Zugehörigkeit eines Gläubigen zu einer verkehrten Denomina­tion bleibt entscheidend, daß Gott an ihm gehandelt hat. Mehr Gewicht als die kirchlich-gemeindliche »Heimat« hat auf jeden Fall der innere Stand (das ist auch die Erklärung für die überraschende Feststellung, daß der Pfarrer Otto Stockmayer (1838-1917) zu den Vätern Gnadaus zählen konnte, obwohl er keiner Großkirche angehörte; von Mitarbeitern, wie dem aus der Landeskirche ausgetretenen Pfarrer Erich Schick (1897-1965), Missionslehrer auf St. Chrischona, und gar einfachen Gliedern ganz zu schweigen. Wieviel mehr sollte Entsprechendes heute aufgrund der großen Veränderungen der geistlichen Umweltfaktoren selbstverständlich sein!).

Es geht aber nicht allein um unsere Rettung, sondern auch um einen unserer hohen Berufung gemäßen Wandel, und der betrifft dann alle Gebiete unseres Lebens einschließlich unserer Kirchen- bzw. Gemeindezugehörigkeit. Paulus trachtete danach, dem Herrn in allem zu gefallen (2. Kor. 4, 9). Nach und nach soll alles in unserem Leben mit dem im Worte geoffenbarten Willen Gottes in Übereinstimmung gebracht werden. Das bedeutet auch, daß geistliches Leben aus unbiblischen in ihm angemessene biblische Formen kommt.

Sören Kierkegaard (1813-1855) forderte einmal zum Kirchenaustritt deshalb auf, weil das zu einer Schuld weniger führe.

Ein württembergischer Glaubensvater weist auf die große Kluft hin zwischen den Gläubigen, denen ihre Denomination vollauf genügt, und den wahrhaft geistlich Armen, die da hungern und dürsten nach Gottes Gerechtigkeit. Diese sind ihm in ihrer Armut tausendmal lieber als die entarteten Vertreter einer aufgeführten breiten Skala verschiedenster Richtungen, angefangen von Rom bis zum Pietismus. Die wahren Gläubigen fordert er auf, »auszugehen von ihnen allen«, sich der »letzten kleinen Herde« zuzugesellen, »dem Häuflein der Leidtragenden, der Eingekehrten, der Kreuzliebhaber, der Bekennenden« und sich als durch den Glauben Gerechtfertigte des Herrn Wege »Wohlgefallen zu lassen« (39/S. 381/382).

Wenn — was anerkennenswert ist — der Gnadauer Präses die Annahme des Bundesverdienstkreuzes u. a. mit der Begründung abgelehnt hat, daß der Staat die Abtreibung zulasse (25h/S. 8), kann man dann einer kirchlichen Körperschaft, an die doch strengere Maßstäbe angelegt werden müssen, noch angehören, wenn sie die Abtreibung bei ihren Bediensteten zu finanzieren mithilft und noch dazu Aufständische, die ihre Opfer auf bestialische Weise zu Tode quälen, aus Kirchensteuermitteln unterstützt? (Daß dieses Geld für humanitäre Zwecke gedacht ist, ist unerheblich, weil dadurch ja Mittel für Waffenkäufe frei werden.)

Auch da, wo man aus einer tief erfaßten Klarheit des Lammes —, Herablassungs- und Opferweges der Gemeinde für ein »leidendliches« Verbleiben in den bisherigen Denominationen plädiert, weil »die Gemeine in der Weisheit und in der Liebe auf dies und jenes Recht verzichten« könne (selbstverständlich nie gegen biblische Grundwahrheiten und Sachverhalte, an deren Verbindlichkeit nicht gerüttelt werden darf, sondern bei Fragen wie z. B. die Verlegung der Zusammenkünfte vom Sonntagvormittag auf eine andere Tageszeit), kann man nicht an der Erkenntnis umhin, »daß ohne Zweifel, je mehr es dem Ende zugeht, die Gemeine wieder in ihrer apostolischen Freiheit erscheinen wird« (3/S .61+198). (Allerdings sollte man sich im Blick auf die Größe dieser Gemeinden keinen Illusionen hingeben, die meist nicht mehr als die biblischen »zwei und drei« umfassen werden. Wir werden an die Voraussage unserer Väter erinnert, daß die Gemeinden in Häusern, wo sie ihren Anfang genommen hatten, auch einmal enden werden.) Würden Zeugen mit dieser Auffassung, wären sie unsere Zeitgenossen, nicht heute ihre damalige Ansicht — wie an anderer Stelle bereits ausgeführt — revidieren?

Eine unnötige Frage

So mancher, der grundsätzlich von der Notwendigkeit eines Weggangs aus seiner Denomination überzeugt ist, schafft sich selbst ein Problem, indem er gleich die Frage nach dem Wohin stellt.

Ein Beispiel, das für viele steht: »Wo soll ich dann eintreten? In den andern kirchlichen Organisationen gibt es ja die gleichen oder ähnliche Probleme« (32/S. 75). (Es ist ohne Frage, daß keine Lösung des Problems heute der Übertritt in eine der bestehenden Freikirchen ist, auch oft nicht mehr in eine entschiedene Gemeinschaft oder einen Hauskreis. Mancher Gemeinschaftsangehörige wird — bei Vorhandensein einer für geistliche Gemeinschaft ausreichenden gemeinsamen Basis — trotz Aufgebens der bisherigen Kirchenmitgliedschaft in seiner bisherigen Gemeinschaft bleiben oder einen entsprechenden Kreis finden können. Jeder Einzelfall ist anders gelagert, weshalb hier besonders göttliche Führung nötig ist sowie von menschlicher Seite die hierfür notwendige Sensibilität.)

Das zwar ist ganz normal, daß ein Gläubiger auf Gemeinschaft bedacht sein soll; allerdings nicht um jeden Preis — zumal in der Endzeit. Es gibt Wege, die man im Glauben allein gehen muß. Nicht oft wird man nach seinem Austritt wissen, wie es weiter gehen wird. Dann gilt es, in die Fußstapfen des Glaubensvaters Abraham zu treten, der nach seinem Aufbruch auch »nicht wußte, wo er hinkäme« (Hebr. 11, 8). Hier muß jeder selbst handeln, auf ein Signal von irgendeiner Stelle darf man nicht warten.

Man muß sich darauf einrichten, außerhalb der bisherigen Glaubensgemeinschaften als Ausgestoßener zu gelten: »So lasset uns nun zu ihm aus dem Lager hinausgehen und seine Schmach tragen« (Hebr. 13, 13).

Nur sollte uns Lots Frau eine Warnung sein, die notwendige Entscheidung nicht bis zum letzten Augenblick zurückzustellen, um dann womöglich noch gerade mit knapper Not davonzukommen. Es gelang ihr nicht mehr. Eine unumgängliche Entscheidung hinauszuschieben vermehrt die Gefahr, aus immer stärker werdenden Bindungen sich umso schwerer lösen zu können. Schlimm steht es allerdings um alle, die trotz biblischer Klarheit einer Entscheidung ausgewichen und dann später ins traditionelle Fahrwasser zurückgeschwenkt sind. Die ganze Verwerflichkeit dieses oft von Menschenfurcht und Menschengefälligkeit bestimmten Handelns wird schnell im Lichte eines Wortes des früh verstorbenen Dichters Novalis (1772-1801) klar: »Der Mensch besteht in der Wahrheit … Wer die Wahrheit verrät, verrät sich selbst. Es ist hier nicht die Rede vom Lügen, sondern vom Handeln gegen Überzeugung« (45/S. 26).

Selbst aus den Reihen der Bekenntnisbewegung äußerte ein führender Mann »Verständnis für Christen, die Landes- und zunehmend auch Freikirchen … verließen. Er riet ihnen, sich nicht wieder organisatorisch einer Kirche anzuschließen … Alternativen böten auch biblisch orientierte Hausgemeinden« (25f/S. 10).

Weshalb sollte es Gott jedoch nicht schenken, daß an einzel­nen Orten solche entschiedenen Gläubigen zum Anziehungspunkt für andere geistlich Aufwachende werden und es auch einmal zu einer größeren Gemeinde kommt?

Der geringe Überrest

Im Jahre 1958 erschien das hochaktuelle Buch »Vollendete Reformation« (Von der Volkskirche zur lebendigen Gemeinde). Im Vorwort schrieb Pfr. Wilhelm Busch:

»Auch wer nur eine geringe Ahnung von der Kirchengeschichte hat, weiß, daß jedem Zeitalter von Gott eine besondere Aufgabe zudiktiert worden ist … Unserer Zeit ist es ohne Zweifel auferlegt, die Frage nach der Kirche zu lösen« (62/S. 7).

Der Verfasser Herbert Venske zeigt mit einer von einem landeskirchlichen Pfarrer nicht so erwarteten Klarheit den großen Unterschied zwischen kirchlicher Praxis und biblischem Gemeindebild auf und sieht eine wahre Lösung der Kirchenfrage nur in der Rückkehr zu den Verhältnissen des biblischen Anfangs. Das sich hieraus ergebende Zukunftsbild zeichnet er so:

»Die Gemeinde wird durch das Wehen des Geistes werden. Zu organisieren wird da nichts mehr sein. Sie wird eine Freiwilligkeitskirche sein, ein nur in Christus zusammengefaßter Verband von lebendigen Ortsgemeinden. Alle diese Gemeinden haben nur ein gemeinsames Haupt, den Herrn … selbst. Das schließt selbstverständlich ein, daß der Geist hin und her Aufseher (Bischöfe), Hirten, Lehrer und Älteste ordnet, sowie die übrigen Dienste …« (62/S. 93).

Daß die Erwartung der Rückkehr von Landeskirchen zu apostolischen Zuständen allerdings als unberechtigt angesehen werden muß, zeigt deren seitherige Entwicklung. Sie entspräche auch nicht der biblischen Prophetie.

Im Gegenteil erleben wir einen zunehmenden Abfall von der göttlichen Wahrheit auf allen Gebieten. Die bei den gängigen Anpassungsprozessen nicht mitmachen, werden immer mehr zu Außenseitern, wie es schon immer in solchen Zeiten war.

Die Bibel spricht oft von den Übriggebliebenen, den Übriggelassenen oder einem Rest (dem Überrest). Sie sind die »Stillen im Lande«, die »einsamen Heiligen«.

So sind auch wir in den heutigen Tagen des Abfalls und geistlichen Verfalls der Gemeinden als einzelne zum endzeitlichen Überrest berufen, um die Fackel des unangepaßten Evangeliums einmal weiterzugeben oder vor dem wiederkommenden Herrn als Überwinder niederzulegen. Übrigens spricht Paulus bei den Entrückt-Werdenden, die beim Kommen des Herrn als Lebende verwandelt werden, als von »Übrigbleibenden« (1. Thess. 4, 17).

Werden wir uns doch dessen immer bewußter, daß die Glieder am Leibe Jesu Christi nicht irgendwer sind, sondern aufgrund des empfangenen Heiligen Geistes die einzigen Träger von Göttlichem auf dieser Erde. Sie sind vom Vater so geliebt wie der Sohn (Joh. 17, 26) und in innigster Gemeinschaft mit beiden zur höchsten Herrlichkeit bestimmt (Joh. 17, 24; 2. Thess. 2, 14). (»… er hat auch euch berufen durch unser Evangelium zur Erlangung der Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus«.)

Als dankbares Echo sollte es bei den so überreich Begnadeten und hoch Geadelten immer mehr zu einem dieser hohen Berufung entsprechenden Wandel (Eph. 4, 1) und zu einer größeren Liebe zum Herrn kommen, die sich nicht nur in Worten erschöpft, sondern auch bereit ist, alles von Gott Geforderte auf sich zu nehmen.

Daß es nicht wie heute beim Umweltschutz ist: Man weiß, daß etwas geschehen muß, oft auch was; und trotzdem geschieht meistens nichts Entsprechendes.

Wir haben nicht mehr allzuviel Zeit. Dafür sind die Zeichen unserer Tage zu deutlich. Um nur einen Punkt, die Umweltprobleme, noch einmal anzuschneiden: die Wälder, Meere, Flüsse und Böden sterben; man spricht aufgrund der zunehmenden Emissionen von Kohlendioxyd und der Abnahme der Ozonschicht vom Klimatod, der unabwendbar ist, wenn nichts Durchgreifendes bald geschieht; und laufend sterben Tier- und Pflanzenarten aus.

Verwunderlich ist nur, daß die Menschheit sich so an die Katastrophenmeldungen gewöhnt hat, daß sie darüber zur Tagesordnung übergehen kann. Nur einmal war es zu einem tieferen Erschrecken und Fragen gekommen, als das Reaktorunglück in Tschernobyl im April 1986 die Menschheit mit noch nie dagewesenen Folgen konfrontiert hatte. Man richtet sich in dieser Welt ein, als ob es wie bisher weitergehen würde, ganz wie unser Herr und Heiland von den Menschen der Endzeit vorhergesagt hat, daß sie essen, trinken, freien, sich freien lassen, kaufen, verkaufen, pflanzen und bauen werden (Luk. 17, 26-30).

Nicht so die wachen Gläubigen! Jetzt hilft nur noch das klare Wort. Sie geben den endzeitlichen Weckruf aus:

»Weil ihr die Zeit wisset, nämlich daß die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf; denn unser Heil ist jetzt näher, als da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasset uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichtes. Lasset uns ehrbar wandeln als am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Wollust und Unzucht, nicht in Hader und Neid; sondern ziehet an den Herrn Jesus Christus und wartet des Leibes nicht so, daß ihr seinen Begierden verfallet« (Röm. 13, 11-14).

Sie bewegt mit Michael Hahn dieses eine große, heilige Anliegen:

    Kann ich in der letzten Zeit
    Auch noch träg und lässig bleiben?
    Weil der Tag des Herrn nicht weit,
    O wie sollt mich dieses treiben!
    Herz, es muß noch besser gehn,
    Als es bisher ist geschehn.

    Ist nicht Zeit genug versäumt,
    Da wir noch in Sünden schliefen?
    O wie mancher Tag verträumt,
    Da wir im Verderben liefen!
    Sollt es jetzt auch noch geschehn,
    Da wir doch am Tage gehn?

Auch dem geringen Überrest der Endzeit gilt die Verheißung: »Fürchte dich nicht, du kleine Herde (genauer: kleines Herdlein)! Denn es ist des Vaters Wohlgefallen, euch das Reich zu geben« (Luk. 12, 32).

Statt eines Schlußwortes

  1. Ein für unsere Zeit besonders wichtiges Wort unseres Herrn und Heilands Jesus Christus: »Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir« (Joh. 10, 27).
  2. Paulus bezeugt eine radikale Umwertung von traditionellen religiösen Werten aufgrund seiner Lebenswende: »Denn wir sind die rechte Beschneidung, die wir Gott in seinem Geiste dienen und rühmen uns Christi Jesu und verlassen uns nicht auf Fleisch, wiewohl ich meine Zuversicht auch auf Fleisch setzen könnte …, der ich am achten Tag beschnitten bin, einer aus dem Volk Israel, vom Stamme Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, nach dem Gesetz ein Pharisäer … Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden geachtet … gegen die überschwengliche Größe der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn« (Phil. 3, 3-8). (Das Blut Jesu Christi vermag von dem »nichtigen Wandel nach väterlicher Weise (Überlieferung)« zu lösen (1. Petr. 1, 18), also auch von einer noch so starken Bindung an die Tradition, wozu bei Paulus auch die Beschneidung zählte, die ja nicht etwa ein menschlicher Zusatz der Pharisäer war, sondern eine verbindliche Anordnung Gottes, auf deren Nichtbefolgung sogar die Todesstrafe stand (1. Mose 17, 14). Jetzt geht es um die Herzensbeschneidung und die geschieht ohne Hände durch den Geist (Kol. 2, 11; Röm. 2, 29), ist entsprechend der neuen Haushaltung also etwas Inneres. Von der äußeren Handlung des Schattengesetzes hatte Paulus zum wahren Wesen in Christus gefunden.)
  3. Schließlich noch eine wichtige Mahnung Kierkegaards: »Denn das ist eben des Daseins Ernst, daß du in eine Welt gesetzt bist, wo eine Stimme, die dich auf den rechten Weg ruft, ganz leise redet, während tausend laute Stimmen in dir und außer dir gerade vom Gegenteil reden.«

Anhang: Zitate von C. A. Auberlen

Nachstehend einige Zitate des früh verstorbenen Theologieprofessors Auberlen, der trotz aller zeitgeschichtlichen Begrenzung einen für seine Tage erstaunlich klaren Blick für die biblische Wertung des Christentums gehabt hatte:

»Es kann dem, der die Gottentfremdung unserer Zeit in ihrer ganzen Schwere empfindet, auffallend erscheinen, warum im Neuen Testament so selten gegen sadduzäischen oder heidnischen Unglauben und so viel gegen pharisäisches und judaistisches Satzungswesen gestritten wird. Jene schlimmeren Irrtümer, die Abwege zur Linken, sind auch die gröberen, die sich unter Christen weit mehr von selbst richten. Die Abwege zur Rechten dagegen sind die eigentlich kräftigen, auch den Auserwählten gefährlichen Irrtümer in der Kirche, weil sie viel feiner sind. (Gerade wir haben es heute besonders nötig, an diese wichtige Wahrheit erinnert zu werden, weil es ganz offensichtlich ist, daß die Evangelikalen zwar die von links kommenden Gefahren (z. B. liberale Tendenzen) erkannt haben, aber weithin blind für die von rechts sind (z. B. Mitmachen bei so vielen gut scheinenden Bewegungen.) Man kann bei den Irrtümern der katholisierenden Art ein Christ sein und das Christentum mit allem Ernst wollen und pflegen, aber man will es eigentlich nur für diese Welt oder meint es doch mit Mitteln dieser Welt stützen zu müssen. Und das muß denn diesen Irrtümern gegenüber mit Macht verkündigt werden: nicht die äußere Kirche ist die wahre Objektivität, sondern die wahre Objektivität ist das Reich Gottes in seiner pneumatischen Wesenheit, in seiner jetzigen Unsichtbarkeit und seiner zukünftigen Erscheinung. Ja, was an der Kirche anstaltlich ist, gehört nicht zu ihrem eigentlichen Wesen, und jener hierarchische Bau, der sich vorzugsweise die Kirche nennt, ist nicht Behausung Gottes im Geist, sondern ist Staat, Gesetzesanstalt. Der Leib Christi ist ein Organismus, der nicht aus äußeren Organisationen besteht, sondern aus lebendigen Organen oder Gliedern, welche Personen sind, nicht Sachen. ›”Dies Wort Kirche‹ , sagt Luther, ›ist zumal bei uns undeutsch und gibt den Sinn oder Gedanken nicht, den man aus dem Artikel nehmen muß. Wären im Kinderglauben solche Worte gebraucht worden: Ich glaube, daß da sei ein christlich, heilig Volk, so wäre leichtlich aller Jammer zu vermelden gewesen, der unter dem blinden, undeutschen Wort ist eingerissen‹« (1/S. XX-XXII).

Diese Ausführungen haben auch heute, obwohl bereits 1854 geschrieben, nichts an Aktualität verloren:

»Diese absolute Scheidung von Licht und Finsternis, von Reich Gottes und Welt, von Weib und Tier, welche der Heilige macht, ist uns fremd, zumal in der gegenwärtigen Zeit. Drum wird uns das Verständnis der Apokalypse so schwer. Der Schlüssel zu derselben ist nach 5, 9 das Kreuz — durch welches mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt (Gal. 6, 14). Der Grundfehler unserer christlichen Theorie und Praxis aber ist die Vermischung von Reich Gottes und Welt, welche die Schrift eben Hurerei nennt. Deswegen verstehen wir den göttlichen Eifer wider dieselbige nicht. Es fehlt uns der geschärfte Geistesblick für die Kirchen- und Christensünden, für unsere eigenen Sünden. Am ärgsten aber ist die Sünde derer, an die Gott seine besondere Gnade gewendet hat, die Gottes Wort haben und wissen, die ihm zu dienen berufen sind (Luk. 12, 47.48). Das weltliche Treiben der Kirche ist das allerweltlichste und profanste« (1/S. 326/327).

Man kann darüber erschrecken, wie schnell und unbemerkt man in »geistliche Hurerei« hineingeraten kann:

»Das Huren braucht jedoch nicht immer auf diese gröbere Weise zu geschehen, sondern es gilt auch hier, was der Herr sagt: ›Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen‹ (Matth. 5, 28). Sobald die Kirche vergißt, daß sie in der Welt sein soll, wie Christus in der Welt war, als Kreuzträgerin und Pilgerin, sobald sie vergißt, daß die Welt für sie gekreuzigt und gerichtet ist, sobald sie derselben in ihrem Herzen wieder Realität zugesteht, sie als eine Macht anerkennt, vor deren Zorn sie sich fürchtet, um deren Beifall sie buhlt, mit der sie eine Vermittlung anstrebt, deren Ehre und Gut, deren Genüsse, deren angenehme Existenz ihr wünschenswert erscheinen, mit deren Weisheit, Bildung, Wissenschaft, Geist sie dem Worte der Wahrheit gegenüber kokettiert: sobald ist schon der Ehebruch geschehen. Dieses Sich-Einlassen mit der Welt, Sich-Einleben in die Welt, Sich-Tragenlassen von der Welt macht das Wesen der Hurerei aus« (1/S. 328).

Literaturverzeichnis

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12. Die Heilige Schrift, Revidierte Elberfelder Übersetzung, Wuppertal 1985
13. Drechsel, Joachim, Das Gemeindeverständnis in der Deutschen Gemeinschaftsbewegung, Gießen/Basel 1984
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22. Hippel, Armin, Denn dein ist das Reich, Hüttental-Weidenau 1971
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25. Informationsdienst der Deutschen Evangelischen Allianz, Wetzlar, abgekürzt ›idea”: 25a-5/83,25b-23/84,25c-24/85,25d-49/85,25e-16/87,25f-25/87, 25g-27/87, 25h-4/88
26. Jastrow, Morris, Die Religionen Babyloniens und Assyriens, Bd. I Gießen 1905, Bd. 11 Gießen 1912
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50. Salomon, Gerhard, Was bald geschehen wird, Lahr 1980
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57. Sonntagsblatt extra 1986
58. Spurgeon, Charles, zitiert aus Theophil Rehse, Ökumene — woher und wohin? Aßlar 1983
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Abdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verfassers (für come2god.de im Juli 2001 durch die Witwe des Autors erfolgt)

Bisher gibt es einen Kommentar zu “Babylon — Ein endzeitliches Geheimnis”

  1. 1 Karlo (Montag, 23. März 2009; 20:28): 

    Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

    ich als treuer, katholischer Christ bin ein Befürworter echter Ökumene. Die setzt allerdings die Bereitschaft zum fruchtbringenden und offenen Dialog voraus.
    Ich erlaube mir hier nur ganz kurz eine Anmerkung zum Abschnitt “Katholizismus”.
    1.) Bereits der Begriff “Katholizismus” ist keine Selbstbezeichnung katholischer Christen, sondern eine soziologische Terminologie, quasi von Außen angewendet. Tatsächlich aber ich gerade das Katholische am Katholischen sehr vielfältig und -bunt- gemischt.Die katholische Theologie(Theologie als Wissenschaft) beruft sich sachlich gut begründet auf ganze vier Merkmale, die das zu charakterisieren versuchen, was mit “katholisch” eigentlich gemeint ist: Von Anfang an(seit neutestamentlicher Zeit) versteht sich die Gemeinde Jesu Christi(welche denn sonst?) als “dem Herrn gehörig”. Damit ist sie heilig, weil der Geist Gottes(ruah, pneuma, krathos, dynamos usw.) Gottes in seiner Liebe heiligt und eint. D.h. die Gemeinde Jesu ist durch den Tod und die Auferweckung Jesu geheiligt, weil, sie von Jesus, ihrem Herrn und Christos, autentisch dazu berufen ist, allen Menschen dieses einmalige und unwiderholbare Heilereignis Christ zu verkünden.Ich fasse zusammen: Die Gemeinde(nicht einfach auf eine einzelne Ortsgemeinde begrenzt!) “ist”/”steht” im Kyrios Jesus, weil sie in Jahwe “steht”. Damit fließt sozusagen das Blut des Alten Bundes eindeutig auch in der neuen Gemeinde, die ohne das wandernde Gottesvolk aus der Wüste nicht denkbar sein kann.Die Gemeine Jesu Christi - das sind wir!- ist eins,weil Gott sie in seinem Heiligen Geist eint, aber die einzelnen Personen deshalb nicht aufgehen lässt im Ganzen. Ich bleibe immer noch ich(”Bei deinem Namen habe ich dich gerufen”). Eins sind auch die einzelnen Gemeinden, weil sie jeweils den selben Christus in sich vergegenwärtigen, sei es im Gebetsgedenken(vgl. 1Thess)oder in der Feier der Herrenmahl, welchen nun im NT genug bezeugt ist. Der eine Geist Gottes, der eine Glaube und v.a. die eine Taufe eint alle Glieder des einen Leibes und macht sie zu Kindern Gottes.
    Nun aber warnt gerade Paulus z.B. die Christen in Thessaloniki, sich nicht vor der Welt zu verschließen, sondern er sagt:”Liebt auch die, die draußen sind”, d.h. dem Herrn gehörig sein zeigt sich gerade in der Liebe zu allen Menschen. Damit haben wir zwar nicht dem Wort nach, aber in der Sache das, was mit “katholisch” gemeint ist:Über die eigenen(nationalen,ethnischen und kulturellen)Grenzen hinaus Jüngerinnen und Jünger des einen Gottes sein, der sich uns in seinem Sohn Jesus selbst mittgeteilt hat.
    Gerne gebe ich zu, dass oft der Eindruck entsteht, eine “Institution” schiebe sich sozusagen zwischen mich und Gott.Bisweilen mag der institutionelle Anteil der katholischen Christenheit auch zu überwiegen.Dieses Problem wird aber auch von vielen namhaften, katholischen Theologen seit langem kritisiert.
    Allerdings muss es auch in der einen und einzigen Jüngerschaft Jesu so etwas sie Zuständigkeiten für Sacharbeit geben.Dies zu leugnen wäre nicht ehrlich. Dienste, Aufgaben, Ämter und Funktionen kann keine noch so spirituelle Bewegung entbehren. Kirchliche Dienste haben Funktionscharakter, wie mittlerweile die Mehrheit der katholischen Theologe probagiert.Kirchliche Dienste sind kein Selbstzweck und kein Mittel der Selbstheiligung, denn unsere Heiligung, unser Heil ist Tat Gottes(”Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung”1Thess).

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