Paulus und Jakobus in ihrer gegensätzlichen Heilslehre
Autor: Muhl, Arthur | Kategorie(n): Lehre, Paulus, Paulusbriefe, Schriftteilung | 783 x gelesen(Nachschrift eines Vortrags)
Die menschliche Logik hat, liebe Geschwister, keine befriedigende Erklärung für die hier vorhandenen Widersprüche. Umso wunderbarer ist deren Lösung in göttlicher “Überlogik”.
Da unsere Bibel Gottes Wort ist und Gottes Wort die Wahrheit ist, muß diese Wahrheit in sich selbst klar, ja für jede geistliche Beurteilung völlig durchsichtig und licht sein.
Unser Thema hat mich schon vor Jahrzehnten im Glauben hin- und hergeworfen. Weshalb? Weil ich diejenigen Aussagen des Apostels Paulus, die denen des Apostels Jakobus genau widersprechen, nicht dadurch als vollgültig nehmen konnte, daß ich mit Martin Luther den Jakobusbrief einfach als eine “stroherne Epistel” ansah. Wir können den Jakobusbrief nicht einfach in den Papierkorb tun!
Wir lassen uns nun zunächst mit den vorhandenen Widersprüchen konfrontieren, es sind Widersprüche nach menschlicher Logik. Und wir dürfen dann in genauem Hinhören erleben, wie sich diese vorerst unlöslich erscheinenden Widersprüche in einer herrlichen Gottesweisheit auflösen. Ich gebe zunächst eine
Gegenüberstellung der hauptsächlichen Lehrunterschiede in der Frage der rettenden Rechtfertigung und zugerechneten Gerechtigkeit:
| Paulus: | Jakobus: |
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Eph. 2, 8-9: Durch Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens und nicht aus Werken. |
Jak. 2, 14: Was nützt es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, hat aber nicht Werke? Kann etwa der Glaube ihn erretten? |
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Röm. 3, 24-25: Wir werden geschenkterweise gerechtfertigt, durch Seine Gnade … durch den Glauben in Seinem Blute, zur Erweisung Seiner Gerechtigkeit. |
Jak. 2, 17: Also ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, an und für sich tot. |
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Röm. 3, 28: Wir urteilen, daß ein Mensch durch Glauben gerechtfertigt wird, ohne Gesetzeswerke. |
Jak. 2, 18: Es wird aber jemand sagen: Du hast Glauben und ich habe Werke; zeige mir deinen Glauben ohne Werke, und ich werde dir meinen Glauben aus meinen Werken zeigen! |
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Röm. 4, 2-3: Wenn Abraham aus Werken gerechtfertigt worden ist, so hat er etwas zum Rühmen; aber nicht vor Gott … Abraham aber glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. |
Jak. 2, 20-21: Willst du aber wissen, daß der Glaube ohne Werke tot ist? Ist nicht Abraham, unser Vater, aus Werken gerechtfertigt worden, da er Isaak, seinen Sohn, auf dem Altar opferte? |
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Röm. 4, 5-6: Wer nicht mit Werken umgeht, sondern dem glaubt, der den Gesetzlosen rechtfertigt, dem wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet. Wie auch David die Glückseligkeit des Menschen ausspricht, dem Gott Gerechtigkeit ohne Werke zurechnet. |
Jak. 2, 24: Ihr seht also, daß ein Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein. |
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Hebr. 11, 31: Durch Glauben kam Rahab, die Hure, nicht mit den Ungläubigen um. |
Jak. 2, 25: Ist nicht Rahab, die Hure, aus Werken gerechtfertigt worden, da sie die Boten aufnahm? |
Ich komme auf Jakobus 2, 18 zurück: “Es wird aber jemand sagen: Du hast Glauben, und ich habe Werke; zeige mir deinen Glauben ohne Werke!” Dann sage ich: “Das ist unmöglich; es tut mir leid. Christus wohnt durch den Glauben in meinem Herzen — das kann ich nicht zeigen — und mein Leben ist mit dem Christus in Gott — das kann ich noch weniger zeigen. Denn was Gott mir geschenkt hat, ist unsichtbar!”
Sobald jemand etwas gezeigt haben will, ist es entweder ein Mensch oder ein Engel. Gott selbst will nicht sehen und nicht hören. Er erforscht das Herz (Jes. 11,3; Röm. 8, 27). Das kann Gott allein! Und mit Ihm allein haben wir es zu tun, die wir nicht unter Gesetz sind. So lesen wir auch in Hebr. 11,1: “Unser Glaube ist die Verwirklichung dessen, was man hofft: eine Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht.” Unser Glaube bewegt sich in den Dingen, die man nicht sieht. Und der, der etwas sehen will, dem man zeigen muß, daß Glaube vorhanden ist, der bewegt sich in der Ebene der Schöpfung, er sei Engel oder Mensch.
Wir beachten jetzt Jakobus 2, 20.21 und Römer 4,1-6: “Willst du aber wissen, oh eitler Mensch, daß der Glaube ohne Werke tot ist?” Wir stellen uns einmal vor, Jakobus und Paulus stünden sich gegenüber und reichten einander die Hand. Der eine sagt so und der andere so. Jakobus betont, “daß der Glaube ohne Werke tot ist”; Paulus aber sagt: “Wenn ich dem Glauben, den Gott mir geschenkt hat, der mich rechtfertigt und rettet, noch Werke hinzufüge, dann ist mein Glaube und meine Rechtfertigung vor Gott zerstört, und Gnade ist nicht mehr Gnade. Denn es ist der Glaube Christi und Christus selbst, die durch diesen Glauben in meinem Herzen wohnen” (Röm. 3, 26; Eph. 3, 17).
Nun aber kommt der Höhepunkt der Gegensätzlichkeit, indem nämlich beide, Paulus und Jakobus, zur Rechtfertigung ihrer gegenteiligen Aussagen den Vater Abraham als Kronzeugen anrufen! So Jakobus: “Ist nicht Abraham, unser Vater, aus Werken gerechtfertigt worden, da er Isaak, seinen Sohn, auf dem Altar opferte?” — Paulus aber betont: Ist nicht Abraham, unser Vater, aus Glauben gerechtfertigt worden, ohne Werke (Röm. 3, 28; 4, 2.9-14.18)?
Wer will jetzt antreten, um diese Gegensätze in billiger, verwässernder, wenn auch gutgemeinter Weise miteinander in Einklang zu bringen? Die Weisheit Gottes aber hat die Lösung in wunderbarer Weise bereit!
Jakobus fährt noch fort: “Du siehst, daß der Glaube zu seinen Werken mitwirkte” (Kap. 2, 22). Jakobus weiß natürlich, daß der Glaube bei Abraham eine Rolle spielte. Uns so sagt er Kap. 2, 24: “Ihr seht, daß ein Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein.” — Paulus hingegen lehrt: “Wir urteilen, daß ein Mensch durch Glauben gerechtfertigt wird, ohne Gesetzeswerke” (Röm. 3, 28).
Und jetzt sollen wir glauben, beide Männer Gottes hätten unter der Führung des gleichen Heiligen Geistes Ihre Aussagen gemacht? Wo man diese Aussagen auf billige Weise in Einklang zu bringen versucht, sagt man: “Aber natürlich, wer Glauben hat, muß auch gute Werke tun!” Aber um diese Frage geht es gar nicht! Es geht um die Frage, ob der Glaube allein mich rechtfertigt und rettet oder nicht. Sind noch Werke nötig, damit ich gerechtfertigt werde und gerettet bin? Es geht also um Leben und Tod, nicht um die Frage, ob ein gläubiger Mensch auch gute Werke tun soll. Das ist ja selbstverständlich. Gerade Paulus, der weiß, daß er allein durch den Glauben und die Gnade Gottes gerettet ist, Gottes Gerechtigkeit geworden ist (2. Kor. 5, 21), sagt einmal: “Ich habe mehr gearbeitet als sie alle” (die anderen Apostel: 1. Kor. 15, 10). Denn wer ohne Werke, allein durch die Gnade Gottes, gerettet worden ist, der hat die Hände und das Herz so frei von allen Ängsten und Nöten (ob er vielleicht doch irgendwo etwas versäumt habe an Werken, so daß es vielleicht doch nicht reicht), daß er in guten Werken überströmend sein kann. Dann ist er zwar nicht einer, der “Werke wirkt”, sondern einer, der durch den Geist Gottes wachsend und fruchtbringend ist in jedem guten Werk (Kol. 1, 10). Dies kann auf der anderen Ebene, die Gott gesetzt hat, die Jakobus bedient, nie erreicht werden — Gott wohlgefällige Werke, die nicht Voraussetzung zur Rettung und Rechtfertigung sind, sondern einfach eine Frucht des vorhandenen unauflöslichen Gotteslebens, das allein Gottes Gnade in uns zeugt.
Wo liegt die Lösung, wenn sich Paulus und Jakobus in gegensätzlicher Weise beide auf Abraham berufen?
Wir spüren nun den entscheidenden Feinheiten des biblischen Textes nach, die den Weg zur Klärung der Probleme weisen.
Zum Glück sagt Jakobus: “Würde Abraham, unser Vater, nicht aus Werken gerechtfertigt, als er Isaak, seinen Sohn, opferte auf dem Altar?”
Wenn Paulus ebenfalls auf Abraham Bezug nimmt, dann nimmt er gar nicht auf Abraham Bezug, sondern auf Abram. Wieso? In der ersten Hälfte des Lebens dieses Gottesmannes, des Vaters aller Gläubigen, ist sein Name Abram. Eines Tages stellt ihn Gott auf eine geistliche “Drehscheibe” und sagt: Von jetzt ab heißest du nicht mehr Abram, sondern Abraham (1. Mo. 17)! Auf dieser “Drehscheibe” wird Abram unter das Gesetz der Beschneidung gestellt. Vorher, in der ersten Hälfte seines Glaubenslebens, war er ein unbeschnittener Heide, irgendeiner aus den Nationen. Da gab es ja noch nicht ein Volk Israel und das Gesetz vom Sinai sowieso noch nicht. Das kam ja erst bei Moses. Wir haben also den gemeinsamen Kronzeugen für die gegensätzlichen Behauptungen des Paulus und des Jakobus wohl in ein und derselben Person vor uns. Aber ein und derselbe Mensch ist vor Gott nicht ein und dasselbe in seiner geistlichen Vorausdarstellung für die beiden gesonderten Wege, die Gott mit den unbeschnittenen Nationen und mit Seinem unter Beschneidung gestelltes Volk Israel geht.
In der ersten Hälfte seines Lebens, als Unbeschnittener, ist Abram das Vorbild, wie Gott sich den Nationen, den Unbeschnittenen, zuwendet, allein durch die Gnade und den Glauben, den Er ihnen bedingungslos schenkt. Wenn Paulus sagt: “Ist nicht Abraham, unser Vater, aus Glauben gerechtfertigt worden, ohne Werke”, dann nimmt er nicht Bezug auf jenes Jahr und jenen Tag, da Abraham den Isaak opferte, sondern er nimmt Bezug auf einen Vorgang, der etwa 15 Jahre vorher im Leben Abrahams lag. Da war dieser Gottesmann, der Vater aller Gläubigen, noch unbeschnitten, da hieß er noch Abram: “Nach diesen Dingen geschah das Wort Jehovahs zu Abram in einem Gesicht. Fürchte dich nicht, Abram; Ich bin dir ein Schild und dein sehr großer Lohn. Abram sprach: Herr, Jehovah, was willst Du mir geben? Ich gehe ja kinderlos dahin, und der Erbe meines Hauses ist Elieser von Damaskus. Und Abram sprach: Siehe, mir hast Du keinen Samen gegeben und siehe, der Sohn meines Hauses wird mich beerben. Und siehe, das Wort Jehovahs geschah zu ihm also: Nicht dieser wird dich beerben, sondern der aus deinem Leibe hervorgehen wird, der wird dich beerben.”
Da führte Gott den Abram hinaus aus seinem Zelt, es war Nacht, und Er sprach: Blicke doch gen Himmel und führe Buch über das Inventar der Sterne, wenn du kannst! Und Er sprach zu ihm: Also wird dein Same sein. Und er glaubte dem Herrn, und Er rechnete es ihm zur Gerechtigkeit (1. Mo. 15, 1- 6). Und schon war’s geschehen! Abram konnte kaum Atem holen, geschweige denn ein Werk tun, da war er von Gott selbst schon gerechtfertigt und in die Stellung der Rettung eingegangen. Abram hat das für einen Menschen Unglaubliche, ohne auf sich, 99 Jahre alt, noch auf seine 90-jährige Frau zu blicken, Gott von Herzen geglaubt.
Auf welches Erlebnis im Leben Abrahams nimmt Jakobus Bezug? Auf ein viel späteres, das erst stattfand, nachdem Abraham auf die “Drehscheibe” gestellt worden war. Da wurde zu ihm gesagt: “Nicht soll hinfort dein Name Abram heißen, sondern Abraham soll dein Name sein.” Und weiter: “Dies ist mein Bund, den ihr halten sollt, zwischen mir und euch und deinem Samen nach dir: alles Männliche werde bei euch beschnitten … Das soll das Zeichen des Bundes sein” (1. Mo. 17, 5.10.11). Jetzt wird, zusammen mit dem Namen Abraham, die Beschneidung eingeführt. Bis jetzt war er das Vorbild für diejenigen unter den Menschen gewesen, die Gott allein aufgrund Seiner Verheißung ohne Werke durch Glauben und Gnade rechtfertigt.
Jahre verstreichen im Leben Abrahams, und jetzt kommt erst das Kap. 22 im 1. Buch Mose, auf das sich Jakobus bezieht: “Und es geschah nach diesen Dingen, daß Gott den Abraham versuchte.”
Was hat nun ausgerechnet Jakobus in Bezug auf das Versuchtwerden aussagen müssen? “Niemand sage, wenn er versucht wird: Ich werde von Gott versucht; denn Gott kann nicht versucht werden vom Bösen (das ist klar), und selbst versucht Er niemanden” (Jak. 1, 13). Das hat Er auch gar nicht nötig. Wie kommt es dann aber zu einer Versuchung? Dadurch, daß Geschöpfe, z. B. Engel, Anträge an Gott den Höchsten stellen. Denn diejenigen, die Anträge zur Versuchung stellen, wollen einen sichtbaren Beweis, daß es so ist, sie können ja nicht ins Herz der Betreffenden sehen. Keine Versuchung, die je auf irgendein Geschöpf gelegt wird, kommt aus dem Herzen Gottes, sondern Gott genehmigt die Anträge von Engeln oder Menschen zur Versuchung oder Er lehnt sie ab. Deshalb liegt es an Gott, ob jemand in Versuchung geführt wird oder nicht: “Führe uns nicht in Versuchung!” Er entscheidet, ob irgendein Antrag zu einer Versuchung ausgeführt wird oder nicht.
Nicht Gott selbst versucht also in 1. Mose 22 den Abraham, nicht Gott selbst verlangt von Abraham, daß er seinen Sohn opfert. Was steht denn da wirklich: Elohim (Gott) kann auch übersetzt werden: Götterschaft, welches die Gruppe von Göttern, Engelhoheiten bezeichnet, die den Antrag gestellt hatten, daß Abraham diesen schweren, Gott mißfälligen, Weg gehen mußte. Im Fall Hiob kamen die Anträge eindeutig von seiten Satans, von der “Linken” — hier, bei der Opferung Isaaks, von seiten heiliger Engel, von der “Rechten” (Hiob 1, 12).
Der Sprecher ist ein Engel Jehovahs, ein Engel des Herrn. Wir werden sehen, daß es nicht der Herr Jesus ist, sondern einer der heiligen Engelhoheiten. Dies geht hervor aus den ersten Worten des Lukas-Evangeliums. Während der Hohepriester Zacharias im Tempel räuchert und die Menge draußen im Vorhof betet, erscheint der Engel des Herrn und gibt ihm Verheißungen Gottes in Bezug auf die Geburt Johannes des Täufers. Von Zacharias scheidend, stellt sich dieser Engel des Herrn vor. “Ich bin Gabriel (der Erzengel), der vor Gott steht.” — “Engel des Herrn” ist demnach einer der würdigen, hohen Engel, die vor Gott stehen.
Zurück zu Abraham: Was geschieht? Elohim, eine Götterschaft versucht den Abraham. Natürlich unter der Genehmigung Gottes, des Höchsten. Wie geht das im Einzelnen? Als Beschnittener ist Abraham ein Vorbild für den Weg Gottes mit Israel unter Gesetz, welches “auf Anordnung von Engeln hin” auf Israel gelegt wurde (Apg. 7, 53; Gal. 3, 19), weil sie die Führung des wahrhaftigen Gottes verscherzten mit dem Tanz ums goldene Kalb. “Da wandte Gott sich ab und gab sie dahin, dem Heere der Himmel zu dienen” (Apg. 7, 42). Das Heer der Himmel aber besteht aus einer “Rechten” und einer “Linken” (1. Kön. 22, 19). So waren sie dahingegeben, den Dämonen zur Linken und heiligen Engeln zur Rechten zu dienen, denn das Gesetz ging aus Seiner Rechten für sie hervor (5. Mo. 33, 2).
Sogar die christusgläubige Gemeinde in Jerusalem hat sich noch unter Gesetz gestellt. Denn unter Anwesenheit des Jakobus wird dem zum letztenmal in Jerusalem erschienen Apostel Paulus entgegengehalten: Du siehst, Bruder Paulus, Zehntausende der Juden sind gläubig an den Herrn Jesus und alle sind Eiferer für das Gesetz (Apg. 21, 20).
Wo irgend und inwieweit das Gesetz aber noch gehandhabt wird, wo man sich darunterstellt, haben die heiligen, einst das Gesetz gebenden Engel ein Wort in der Frage der Rechtfertigung mitzureden. Diese Engel fordern nun sichtbare Werke, denn sie können nicht, wie Gott selbst, das Verborgene der Herzen erforschen. Wenn der Herr Jesus in großer Macht und Herrlichkeit kommt, sendet Er Seine Engel vor sich her, und sie werden die einen ins Feuer werfen und die anderen in die Scheunen sammeln, je nach den Werken, die sie vorfinden. Hierher gehört auch der Dienst des Jakobus.
Wenn aber der Herr für die Glieder Seines Leibes kommt anläßlich der Entrückung, dann kommt Er selbst, Er, der nur nach den verborgenen Dingen des Herzens, nach Gnade und Glauben urteilt.
Nun die wichtigen Einzelheiten bei der Opferung Isaaks: “Und Abraham streckte seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm der Engel Jehovahs vom Himmel zu und sprach: Abraham, Abraham! Strecke deine Hand nicht aus nach dem Knaben und tue ihm gar nichts! Denn nun weiß ich (der Engel), daß du (Abraham) Gott fürchtest.” Hat Gott selbst noch nicht gewußt, daß Abraham Ihn fürchtet? Schon längst! Schon 15 Jahre vorher oder mehr. Aber wer braucht ein sichtbares Werk als Beweis, daß Abraham eine solche Glaubenshaltung Gott gegenüber hat aufbringen können, daß er von Gott dem Höchsten gerechtfertigt und für tadellos befunden worden ist? Der Engel.
In dem Augenblick, da Abraham das Messer zückt, ruft der Engel: “Abraham, Abraham, tue dem Knaben gar nichts, denn jetzt weiß ich, daß du Gott fürchtest und deinen Sohn, deinen einzigen, mir (dem Engel) nicht vorenthalten hast.” Wer hat also die Forderung gestellt? Nicht Gott! Sondern der Engel, wohl als Sprecher einer ganzen Gruppe.
Dann sieht Abraham den Widder. Und er opfert ihn an seines Sohnes Statt.
Der Engel ist zurückgekehrt gen Himmel. Nun aber erscheint er plötzlich zum zweiten Mal und meldet: “Ich schwöre bei mir selbst, spricht Jehovah …” Jetzt folgen nicht Worte aus dem Herzen des Engels, sonder jetzt kommt er im Auftrag Gottes, des Herrn. Zur Verdeutlichung nimmt Hebräer 6 (V. 13 u. 16) auf dieses Geschehen Bezug und stellt die Frage: “Warum schwur Gott der Herr bei sich selbst?” — “Weil Er bei keinem Höheren schwören konnte, schwur Er bei sich selbst.” In wessen Auftrag also kommt der Engel des Herrn jetzt zum zweiten Mal zu Abraham? Im Auftrag des Höchsten selbst!
Wie heißt nun die Botschaft, die der Engel dem schwer geprüften Abraham im Auftrag des Höchsten zu überbringen hat? “Weil du dieses getan und deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten hast, werde ich dich reichlich segnen.” Welches Wörtchen fehlt jetzt? Das Wörtchen: mir (daher in der Elberfelder Übers. klein gedruckt; 1. Mo. 22, 16). Jetzt wo der Höchste spricht, sagte er: Weil du deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten hast. Wem nicht vorenthalten? Dies läßt Gott großzügig offen. Hier liegt der Beweis, daß nicht Gott selbst den Abraham versucht hat, sondern Engel. Jetzt wissen wir, wer diesen unheimlichen Antrag gestellt hat.
Nun muß der Engel auch die Belohnung, die Gott dem Abraham zukommen lassen will für diesen schweren Weg, diesem übermitteln: Weil du dieses getan hast und deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten hast, werde ich dich reichlich segnen und deinen Samen sehr mehren, wie die Sterne des Himmels und wie der Sand am Ufer des Meeres; dein Same wird besitzen das Tor seiner Feinde, und in deinem Samen werden sich segnen alle Nationen der Erde, weil du “meiner Stimme” gehorchst hast (Engel sind Stimmen Gottes).
Jetzt zurück in den Römerbrief, Kap. 4, 1: “Was sollen wir denn sagen, daß Abraham, unser Vater, nach dem Fleische gefunden habe? Denn wenn Abraham aus Werken gerechtfertigt worden ist,” (das stellt Paulus gar nicht unbedingt in Frage) “so hat er etwas zum Rühmen, aber nicht vor Gott.” Ja, vor wem wurde er denn aus Werken gerechtfertigt? Vor den Engeln. Indem er durch seinen schweren Opfergang dem antragstellenden Engel den Beweis geliefert hat, daß die ihm von Gott zugerechnete Gerechtigkeit echt sei.
Daß Gott diesen Ihm mißfälligen Antrag genehmigte, hat seinen tieferen Grund natürlich im einmaligen Vorbild für Ihn selbst, den großen Abraham, den Vater der Vielen, der bereit war, auf Seine göttliche Weise Seinen einzigen Sohn zu opfern. Und auch hier gilt: “Um der Engel willen”; denn Christus ist “durch das Gesetz dem Gesetz gestorben”, welches auf Anordnung von Engeln hin auf Israel gelegt wurde. Paulus fährt fort: “Was sagt die Schrift: Abraham glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. Dem aber, der wirkt (mit Gesetzeswerken umgeht), wird der Lohn nicht nach Gnade zugerechnet, sondern nach Schuldigkeit!” Wo Werke gefordert werden zur Rechtfertigung, da geschieht der Lohn nicht nach Gnade, sondern nach Schuldigkeit! Das sind die Konsequenzen.
Jetzt kommt das unmöglich Erscheinende: “Dem aber, der nicht wirkt (nicht mit Werken umgeht), sondern dem glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet.” Diese Aussage bildet für unseren Glauben den Prüfstein, ob er tragfähig ist oder nicht. Warum? Das Gesetz sagt: Ein Greuel ist beides vor Gott: Wer den Gesetzlosen rechtfertigt und wer den Gerechten verdammt (Spr. 17, 15). Ist das recht? Natürlich, vorerst.
Nun aber tut Gott das dem Gesetz Unmögliche: Er läßt den einzig Gerechten verdammen, schuldig werden, zur Sünde machen. Weil nun dieser einzig Gerechte und Heilige Gottes bereit war, aus reiner Liebe und völlig freiwillig sich zur Sünde machen zu lassen, hat Gott die Rechtslage geschaffen, sich jedes Gesetzlosen so erbarmen zu können, daß Er ihn von einem Augenblick zum anderen rechtfertigen kann, allein aufgrund der Gnade und des Glaubens.
Röm. 4, 6: “Gleichwie auch David die Glückseligkeit des Menschen ausspricht, welchem Gott Gerechtigkeit ohne Werke zurechnet.” Gott allein rechnet Gerechtigkeit ohne Werke zu. Wenn ich vor ein menschliches Gericht gestellt werde, werden die Werke zugerechnet, sie seinen negativ oder positiv. Und Engel richten desgleichen. Gott nicht.
Röm. 4, 9.10: “Diese Glückseligkeit nun, ruht sie auf der Beschneidung oder auch auf der Vorhaut? Denn wir sagen, daß der Glaube dem Abraham zur Gerechtigkeit gerechnet worden ist. Wie wurde er ihm denn zugerechnet (in welchem Zustand), als er in der Beschneidung oder (noch) in der Vorhaut war? Nicht in der Beschneidung, sondern in der Vorhaut!”
Hier kommt Paulus auf unsere “Drehscheibe” zu sprechen. Vorher wurde Abram, ein Mann wie jeder andere Mensch aus den Nationen, ein unbeschnittener Heide, von Gott selbst gerechtfertigt, allein durch den Glauben. Nach der “Drehscheibe”, als Beschnittener, ist er ein Vorbild für seine Nachkommen, die Gott unter die Beschneidung gestellt hat. Dementsprechend richtet Jakobus seine Epistel “an die zwölf Stämme, die in der Zerstreuung sind.” Jetzt sehen wir, Jakobus betreut die gläubige Herde Gottes aus Israel, noch unter Gesetz, und zwar alle 12 Stämme, während Paulus den Nationen mit dem Evangelium der Gnade Gottes zu dienen berufen ist.
Unsere “Drehscheibe” erscheint in kürzester Fassung mit den Worten: “Als die Angesehenen (Apostel) sahen, daß mir (Paulus) das Evangelium der Vorhaut anvertraut sei, gleichwie dem Petrus das der Beschneidung, gaben Jakobus, Petrus und Johannes mir die rechte Hand der Gemeinschaft” (Gal. 2, 9).
Das Gesetz wurde Israel sozusagen in Fleisch und Blut eingeimpft von Jugend an, von den Vätern her. Was war denn das Manna? Das war nicht irgendein irdisches Gewächs, nein: “Himmelsgetreide aß der Mensch, Brot der Starken, der Engel.” Was war also das Manna? Es kam des Nachts, und mit dem “Tau des Himmels” senkte es sich hernieder rings um das Lager. Was war es? Eine Speise, die nicht Menschen gegeben war, sondern “Brot vom Himmel”, eine Speise, die normalerweise nur Engeln, Geistwesen, von Gott zugeteilt war.
Ja, warum denn Engelsbrot, Himmelsgetreide, diesem Völklein Israel auf der Erde in der Wüste?
Was ich jetzt sage, ist meine Überzeugung: Als diese heiligen Engel sahen, wie ihre Bemühungen für dieses Volk sich gegenteilig auswirkten, wie das Gesetz, zum Leben gegeben, den Tod bewirkte, da suchten sie nach einer Möglichkeit, wie es vielleicht doch noch gelingen könnte, und so haben sie bei Gott den Antrag gestellt: “Unser Brot, Himmelsgetreide, Brot der Engel, wenn wir ihnen das geben dürfen, jahrelang zur Speise, vielleicht bekämen sie dann die Kraft, die Forderungen unseres Gesetzes doch erfüllen zu können.”
38 Jahre lang haben sie dieses Brot vom Himmel, Himmelsgetreide, gegessen, und es hat doch den gewünschten Zweck nicht erreicht. Aber, wenn ein David und seine Helden “Angesichter wie Löwengesichter hatten” und der junge David z. B. den Löwen nahm und dessen Nacken einfach abdrehte, da waren ja übermenschliche Kräfte am Werk Und so sind im Volke Israel das Gesetz und zusätzliche Kräfte vorhanden. Jetzt begreifen wir unseren Gott, daß Er Seine Forderungen an Israel langmütig und gnädig dieser Situation anpaßt, indem Er Glauben an den Herrn Jesus, noch mit einem Eifer für das Gesetz verbunden, in Israel duldet. Im “Evangelium der Gnade Gottes” aber, durch Paulus betreut, duldet Gott nicht eine Spur von Gesetz. Und da es so ist, dürfen die gesetzgebenden Engel ihre Rechtsforderungen nur bei denen anmelden, die sich noch unter ihr Gesetz stellen, auch wenn sie an Jesus Christus glauben.
Aber jetzt die Frage: Warum hat Gott diese zwei Wege durch den einen Vater aller Gläubigen, der Nationen und Israels, durch Abraham im Vorbild zur Darstellung gebracht? Damit ist aufs Lebendigste gezeigt, daß, obwohl zweierlei Wege von Gott angeordnet sind, beide einem herrlichen gemeinsamen Ewigkeitsziel entgegengeführt werden. Wir, die wir aus den Nationen allein durch den Glauben und die Gnade Gottes gerechtfertigt und gerettet werden, bilden den Leib des Christus und als solchen den vollkommenen Mann Gottes, während Israel zum vollkommenen Weibe Gottes heranwächst. Dazu dienen die Satzungen der Waschungen, der Salbungen mit kostbaren Schönheitsmittel, wie “Myrrhe, Aloe und Kassia”. So führt Gott Israel mit all den Gesetzen, die in der “Kammer der Braut” gelten, für den Mann aber ungeziemend wären, in eine so vollkommene Weiblichkeit göttlicher Natur hinein, daß zu seiner Zeit ganz Israel das vollkommene Weib Gottes darstellen wird, während Christus und Seine Glieder den vollkommenen Mann Gottes repräsentieren.
Schließlich kommt dann die “Hochzeit des Lammes”. Denn diese beiden verschiedenen Wege hat Gott nicht so geordnet, daß sie je länger und je mehr auseinandergehen, sondern daß zwischen Bräutigam und Braut eine fein säuberliche Trennung gewahrt wird bis zum Tag der Hochzeit. Dann kann eine Vereinigung in göttlicher Herrlichkeit und Vollkommenheit stattfinden, wie sie ohne diese vorangehende Trennung nicht möglich wäre. Im Brautstand sind Bräutigam und Braut wohl in herzlicher Liebe verbunden; sie beachten aber, jedes für sich, die ihnen angepaßten Satzungen. Werden nun dieses Weib Gottes und der Mann Gottes anläßlich der “Hochzeit des Lammes” zusammengeführt, dann ist auch hier nicht mehr Mann und Weib, sondern dann ist der “Mensch Gottes vollkommen, zu jedem guten Werk völlig geschickt”! Denn wie Adam, der erste Mensch, nicht als Mann und Weib geschaffen wurde, sondern als Mensch männlich-weiblich, so ist hier der ursprüngliche Zustand in Herrlichkeit endgültig erneuert.
Als Gott jene “Narkose” auf Adam legte, um das Weib herauszuoperieren, und das Männliche und das Weibliche sich gegenüberstellte, war dies schon eine Vordarstellung dessen, was im Laufe der Welt- und Heilsgeschichte an Spannungen und Ordnungen zur Durchführung kommen sollte.
Nun gilt: “Der Ich aus dem Anfang heraus das Ende verkünde” und: “Das, was war, ist das, was sein wird” und: “Das Ende einer Sache ist besser, vorzüglicher als ihr Anfang!”
Endlich ist dieser “Mensch Gottes vollkommen, zu jedem guten Werk völlig geschickt”. Er schreitet dann zur Durchführung aller Zusagen und Erfüllung aller Verheißungen Gottes gegenüber allen Geschöpfen in Herrlichkeit.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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