Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Dreierlei Dienst des Paulus

Autor: Penny, Michael  |  Kategorie(n): Heilsgeschichte, Paulus  |  784 x gelesen

Vorwort des Herausgebers der deutschen Ausgabe:

Die vorliegende Übersetzung ist als Fortsetzung des Buches: “Heilsgeschichtliche Entfaltung im Neuen Testament” (pdf) von E. W. Bullinger gedacht.

Michael Penny trägt das Gedankengut seines Lehrers Bullinger weiter. Hier haben wir eine Erklärung obigen, zuerst erschienenen Buches.

Den Fortgang des Evangeliums nach Pfingsten und die weitere Entfaltung der Offenbarung Gottes kann nicht mit einer biologisch, geistigen Entwicklung des Heidenapostels Paulus eingefangen werden.

An Pfingsten und dem Zwölferkreis hat Gott nicht alles offenbart. Selbst der Apostel Paulus tat seinen Dienst am Anfang zuerst an Israel und im Sinne der Reichsaufrichtung in und durch Israel. Bekehrte Heiden sollten in den Ölbaum Israel eingepflanzt werden.

Michael Penny zeigt die Entwicklungsstufen und Phasen der Offenbarungsentfaltung auf.

Wiederum sage ich: “Prüfet alles, und das Gute behaltet” (1. Thess. 5, 21).

Manfred Mössinger, im Februar 1994

Inhalt:

    Zum Geleit
1. Einleitung
2. Was du gesehen hast
3. Was ich dir noch zeigen will
4. Die erste und zweite Art des Dienstes
5. Gottes Plan für Israel und die Nationen
6. Die dritte Art des Dienstes
7. Ein Vergleich der drei Arten des Dienstes
    a) Die Beschneidung
    b) Das Gesetz
    c) Die Nahrung
    d) Die Nähe der Wiederkunft Christi
    e) Die Heilungen
8. Zusammenfassung


.

Zum Geleit

Ein guter Anteil daran, daß sich das Christentum durchgesetzt hat, fällt dem Umstand zu, daß sich in Saulus von Tarsus, dem späteren Paulus ein genialer Missionar fand. Was er predigte, war eine Entfaltung dessen, was der historische Jesus in und für Israel tat und lehrte. So wurde er zum Botschafter eines besonderen Geheimnisses Gottes.

Sein Einsatz, entschlossen und intensiv, daß er sich keine Ruhe gönnte, galt dem auferstandenen Christus, dem rettenden Gott, dem Erlöser, der sich ihm in jener Vision auf dem Weg nach Damaskus offenbarte. Als ein sündiger Mensch, der andere Sünder rief, in einer Welt, die dazu verdammt ist, Sünde und Tod anheimgegeben zu sein, predigte er die Rettung durch Christus. Er muß in die heidnische Finsternis hinein geleuchtet haben wie eine Leuchtrakete.

Obwohl selber Jude, brachte Paulus diese neue und erschütternde Offenbarung, aus dem Judaismus in die Welt der Heiden. Seine Lehre ist von oberflächlichen Glücksverheißungen ebensoweit entfernt wie von Angstmacherei vor der Hölle.

J. B. Priestly in “Man and Time”, S. 156.

Die Bibelzitate der deutschen Übersetzung folgen der Luther­übersetzung, revidiert 1984.

1. Einleitung

Die Apostelgeschichte überliefert in Kapitel sieben die lange Rede des Stephanus vor dem jüdischen Sanhedrion, und als er geendet hatte, waren sie wütend. Unerschrocken fuhr er fort und sagte: “Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. Sie … stürmten einmütig auf ihn ein, stießen ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Und die Zeugen legten ihre Kleider ab zu den Füßen eines jungen Mannes, der hieß Saulus. … Saulus aber hatte Gefallen an seinem Tode” (Apg. 7, 56 - 8, 1).

Ganz unscheinbar wird hier ein neuer Name in der Schrift genannt. Wer ist dieser Saulus? Es wird uns nichts gesagt, außer daß wir beim Weiterlesen erfahren: “Es erhob sich aber an diesem Tag eine große Verfolgung über die Gemeinde in Jerusalem; da zerstreuten sich alle in die Länder Judäa und Samarien, außer den Aposteln”. Wer stand hinter dieser Unterdrückung? “Saulus aber suchte die Gemeinde zu zerstören, ging von Haus zu Haus, schleppte Männer und Frauenfort und warf sie ins Gefängnis” (Apg. 8, 1-3).

Da die meisten Christen aus Jerusalem flohen, fand Saulus wenige, die er hätte verfolgen können, aber er war versessen auf diese Aktion. “Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe” (Apg. 9, 1-2). Zweifellos fand er die Zustimmung des Hohenpriesters und brach nach Damaskus auf.

“Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst. Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden. Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; und er konnte drei Tage nicht sehen und aß und trank nicht.
Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr. Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehend werde. Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wieviel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat; und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangenzunehmen, die deinen Namen anrufen. Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, daß er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel. Ich will ihm zeigen, wieviel er leiden muß um meines Namens willen.
Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, daß du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest. Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen, und er wurde wieder sehend, und er stand auf, lief sich taufen und nahm Speise zu sich und stärkte sich”
(Apg. 9, 3-19).

Dieser Saulus war jetzt ein anderer Mensch geworden. Aber wer war er? Woher kam er? Aus seinen eigenen Worten erfahren wir mehr über ihn. Vor der Menschenmenge in Jerusalem sagte er:

“Ich bin ein jüdischer Mann, geboren in Tarsus in Zilizien, aufgewachsen aber in dieser Stadt und mit aller Sorgfalt unterwiesen im väterlichen Gesetz zu Füßen Gamaliels, und war ein Eiferer für Gott, wie ihr es heute alle seid.”

Im Brief an die Philipper bezeichnet er sich selber als:

“Der ich am achten Tag beschnitten bin, aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, nach dem Gesetz ein Pharisäer, nach dem Eifer ein Verfolger der Gemeinde, nach der Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, untadelig gewesen” (Phil. 3, 5-6).

Saulus, aus dem später Paulus wurde, — sein Name wurde geändert, als er zum Missionsdienst aufbrach — war als Pharisäer so eifrig bemüht, seinen Glauben zu verteidigen, daß er die christliche Gemeinde verfolgte. Er drängte ihre Anhänger aus Jerusalem und folgte ihnen nach Damaskus. Als er ankam, war er kein Pharisäer mehr. Er war erblindet. Was hatte der Herr damit getan, daß er einen Mann wie Saulus als Werkzeug erwählte, der die Steinigung des Stephanus begrüßt und christliche Männer und Frauen gefangen genommen hatte?

Daß das ein wichtiges Ereignis in Gottes Plan ist, kann man daraus ersehen, daß seine Bekehrung nicht weniger als dreimal in der Schrift berichtet wird. Außer dem Wirken des Herrn Jesus Christus werden nur wenige Ereignisse doppelt berichtet, geschweige denn dreifach. Aber von der Bekehrung des Saulus gefiel es dem Heiligen Geist, sie dreimal niederschreiben zu lassen, in Apg. 9, 22 und 26. (Siehe die drei Zitate am Ende des Kapitels.)

Auf dem Weg nach Damaskus hatte Saulus seinen Erlöser nicht nur gesehen, sondern war von ihm auch in Dienst genommen worden. Der Herr sprach zu Hananias, “dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, daß er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel” (Apg. 9, 15). So wird von Anfang an eine Dualität im Dienst des Saulus erkennbar. Er hatte den Namen des Herrn zu zwei ganz unterschiedlichen Gruppen von Leuten zu bringen: zu den Heiden samt ihren Königen und zu dem Volk Israel. Aber was sollte er ihnen sagen? Würde es für alle ein und dieselbe Botschaft sein? So ein doppelter Dienst würde nicht leicht sein, denn die eine Gruppe war im Gesetz Moses und seinen Zeichen und Symbolen, seinen Sinnbildern und Deutungen, seinen Geboten und Satzungen aufgewachsen. Die andere hatte ihre Wurzeln im Heidentum mit Einflüssen von den Griechen und ihren Mysterien-Kulten.

In dem Bericht von seiner Bekehrung in Apg. 22 sagt Hananias, “du wirst für ihn vor allen Menschen Zeuge sein von dem, was du gesehen und gehört hast” (V. 15). Aber was hatte er bis zu diesem Zeitpunkt gesehen und gehört? Wir möchten es jetzt genau wissen. Jedenfalls sagt die Schrift klar, daß Paulus nach dieser Zeit noch viel mehr lernen sollte. Im dritten Bericht von dem Erlebnis vor Damaskus lesen wir, daß der Herr zu Paulus sagte:

“Denn dazu bin ich dir erschienen, um dich zu erwählen zum Diener und zum Zeugen für das, was du von mir gesehen hast, und was ich dir noch zeigen will” (Apg. 26, 16).

Was hatte Paulus gesehen? Was sollte er gezeigt bekommen? Die einzige Möglichkeit, diese Fragen zu beantworten, besteht darin, daß wir nachsehen, was Paulus in seinem Leben gesagt und getan hat.

Apg. 9, 3-19:

“Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst. Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden. Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; und er konnte drei Tage nicht sehen und aß und trank nicht.
Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr. Der Herr sprach sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Strafe, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehend werde. Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wieviel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat; und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangenzunehmen, die deinen Namen anrufen. Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, daß er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel. Ich will ihm zeigen, wieviel er leiden muß um meines Namens willen.
Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, daß du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest. Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen, und er wurde wieder sehend, und er stand auf, ließ sich taufen und nahm Speise zu sich und stärkte sich.”

Apg. 22, 6-21:

“Es geschah aber, als ich dorthin zog und in die Nähe von Damaskus kam, da umleuchtete mich plötzlich um die Mittagszeit ein großes Licht vom Himmel. Und ich fiel zu Boden und hörte eine Stimme, die sprach zu mir: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Ich antwortete aber: Herr, wer bist du? Und er sprach zu mir: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Die aber mit mir waren, sahen zwar das Licht, aber die Stimme dessen, der mit mir redete, hörten sie nicht. Ich fragte aber: Herr, was soll ich tun? Und der Herr sprach zu mir: Steh auf und geh nach Damaskus. Dort wird man dir sagen, was dir zu tun aufgetragen ist. Als ich aber, geblendet von der Klarheit des Lichtes, nicht sehen konnte, wurde ich an der Hand geleitet von denen, die bei mir waren, und kam nach Damaskus.
Da war aber ein gottesfürchtiger Mann, der sich an das Gesetz hielt, mit Namen Hananias, der einen guten Ruf bei allen Juden hatte, die dort wohnten. Der kam zu mir, trat vor mich hin und sprach zu mir: Saul, lieber Bruder, sei sehend. Und zur selben Stunde konnte ich ihn sehen. Er aber sprach: Der Gott unserer Väter hat dich erwählt, daß du seinen Willen erkennen sollst und den Gerechten sehen und die Stimme aus seinem Munde hören; denn du wirst für ihn vor allen Menschen Zeuge sein von dem, was du gesehen und gehört hast. Und nun, was zögerst du? Steh auf und rufe seinen Namen an und laß dich taufen und deine Sünden abwaschen.
Es geschah aber, als ich wieder nach Jerusalem kam und im Tempel betete, daß ich in Verzückung geriet und ihn sah. Da sprach er zu mir: Eile und mach dich schnell auf aus Jerusalem; denn dein Zeugnis von mir werden sie nicht annehmen. Und ich sprach: Herr, sie wissen doch, daß ich die, die an dich glaubten, gefangennahm und in den Synagogen geißeln ließ. Und als das Blut des Stephanus, deines Zeugen vergossen wurde, stand ich auch dabei und hatte Gefallen daran und bewachte denen die Kleider, die ihn töteten. Und er sprach zu mir: Geh hin; denn ich will dich in die Ferne zu den Heiden senden.”

Apg. 26, 12-20:

“Als ich nun nach Damaskus reiste mit Vollmacht und im Auftrag der Hohen­priester, sah ich mitten am Tage, o König, auf dem Weg ein Licht vom Himmel, heller als der Glanz der Sonne, das mich und die mit mir reisten umleuchtete. Als wir aber alle zu Boden stürzten, hörte ich eine Stimme zu mir reden, die sprach auf hebräisch: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Es wird dir schwer werden, wider den Stachel zu löcken.
Ich aber sprach: Herr, wer bist du? Der Herr sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst; steh nun auf und stell dich auf deine Füße. Denn dazu bin ich dir erschiene, um dich zu erwählen zum Diener und zum Zeugen für das, was du von mir gesehen hast und was ich dir noch zeigen will. Und ich will dich erretten von deinem Volk und von den Heiden, zu denen ich dich sende, um ihnen die Augen aufzutun, daß sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott. So werden sie Vergebung der Sünden empfangen und das Erbteil samt denen, die geheiligt sind durch den Glauben an mich.
Daher, König Agrippa, war ich der himmlischen Erscheinung nicht ungehorsam, sondern verkündigte zuerst denen in Damaskus und in Jerusalem und im ganzen jüdischen Land und dann auch den Heiden, sie sollten Buße tun und sich zu Gott bekehren und rechtschaffene Werke der Buße tun.”

2. Was du gesehen hast

Nachdem Saulus auf dem Weg nach Damaskus erblindet war, wurde er in die Stadt geführt. Drei Tage lang aß und trank er nicht. Dann ging Hananias zu ihm, heilte und taufte ihn. Saulus blieb mehrere Tage bei den Jüngern in Damaskus.

“Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, daß dieser Gottes Sohn sei. Alle aber, die ihn hörten, entsetzten sich und sprachen: Ist das nicht der, der in Jerusalem alle vernichten wollte, die diesen Namen anrufen, und ist er nicht deshalb hierher gekommen, daß er sie gefesselt zu den Hohenpriestern führe? Saulus aber gewann immer mehr an Kraft und trieb die Juden in die Enge, die in Damaskus wohnten, und bewies, daß Jesus der Christus ist” (Apg. 9, 20-22).

Das war das erste, was Saulus tat. Er predigte, daß es der Sohn Gottes war, der ihm auf dem Weg nach Damaskus entgegentrat. Er verkündete, daß dieser gekreuzigte, auferstandene und in den Himmel aufgefahrene Jesus von Nazareth der Messias (Christus) war. Das war es, was Saulus gesehen hatte, und er bezeugte es unverzüglich. An sich stimmte diese Botschaft genau mit der der zwölf Apostel überein, einschließlich Johannes, der sein Evangelium zu eben diesem Zweck schrieb. Er sagte, diese Zeichen “sind geschrieben, damit ihr glaubt, daß Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen” (Joh. 20, 31).

Saulus erregte die Juden in Damaskus so sehr, daß sie beschlossen, ihn zu töten; aber er entkam. “Als er aber nach Jerusalem kam, versuchte er, sich zu den Jüngern zu halten; … und er ging bei ihnen in Jerusalem ein und aus und predigte im Namen des Herrn frei und offen. Er redete und stritt auch mit den griechischen Juden, aber sie stellten ihm nach, um ihn zu töten. (Er muß sie wohl tatsächlich sehr erregt haben.) Als das die Brüder erfuhren, geleiteten sie ihn nach Cäsarea und schickten ihn weiter nach Tarsus” (Apg. 9, 23.28-30).

Einige Zeit lang hören wir nichts von diesem Mann, außer daß Barnabas schließlich nach Tarsus ging, um ihn zu suchen, “und als er ihn fand, brachte er ihn nach Antiochia. Und sie blieben ein ganzes Jahr bei der Gemeinde und lehrten viele.” Schließlich wurden sie mit Gaben für die Christen, die in Judäa wohnten, nach Jerusalem gesandt (Apg. 11, 25-26.30).

Offensichtlich sind sie dann von Jerusalem zurückgekommen, denn in Apg. 13, 1 waren sie wieder in Antiochia, wo der Heilige Geist besonders über sie verfügte: “Sondert mir aus Barnabas und Saulus zu dem Werk, zu dem ich sie berufen habe. Da fasteten sie und beteten und legten die Hände auf sie und liefen sie ziehen. Nachdem sie nun ausgesandt waren vom heiligen Geist, kamen sie nach Seleuzia und von da zu Schiff nach Zypern. Und als sie in die Stadt Salamis kamen, verkündigten sie das Wort Gottes in den Synagogen der Juden …” (Apg. 13, 2-5). Was sie in diesen Synagogen verkündeten, kann man aus der ersten größeren Rede des Paulus ersehen, von der in Apg. 13, 16-41 berichtet wird. Diese Ansprache baut ganz und gar auf dem Alten Testament auf und zeigt, daß Jesus von Nazareth derjenige ist, von dem die Schrift spricht, und der sie erfüllt hat. Die zentrale Aussage ist wieder, daß Jesus der Sohn Gottes ist (Apg. 13, 33). Das immer wiederkehrende Thema im Dienst des Paulus in der Apostelgeschichte ist, daß Jesus der Auferstandene ist, der Sohn Gottes, der Christus (Messias). Zum Beispiel:

  1. In Damaskus: “Saulus gewann immer mehr an Kraft und trieb die Juden in die Enge, die in Damaskus wohnten, und bewies, daß Jesus der Christus ist” (Apg. 9, 22).
  2. In Antiochia in Pisidien: “Und wir verkündigen euch die Verheißung, die an die Väter ergangen ist, daß Gott sie uns, ihren Kindern, erfüllt hat, indem er Jesus auferweckte; wie denn im zweiten Psalm geschrieben steht: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt” (Apg. 13, 32-33).
  3. In Thessalonich:Wie nun Paulus gewohnt war, ging er zu ihnen hinein und redete mit ihnen an drei Sabbaten von der Schrift, tat sie ihnen auf und legte ihnen dar, daß Christus leiden mußte und von den Toten auferstehen und daß dieser Jesus, den ich — so sprach er — euch verkündige, der Christus ist” (Apg. 17, 2-3).
  4. In Korinth: “Als aber Silas und Timotheus aus Mazedonien kamen, richtete sich Paulus ganz auf die Verkündigung des Wortes und bezeugte den Juden, daß Jesus der Christus ist” (Apg. 18, 5).
  5. Paulus lehrte Aquilla und Priszilla, die ihrerseits Apollos unterwiesen, von dem es dann heißt: “Denn er widerlegte die Juden kräftig und bewies öffentlich aus der Schrift, daß Jesus der Christus ist” (Apg. 18, 28).
  6. In Jerusalem berichtete Paulus von seinem Erlebnis auf dem Weg nach Damaskus und erklärte, daß die Erscheinung vom Himmel Jesus von Nazareth war (Apg. 22, 8).
  7. Vor Agrippa erklärt Paulus wieder, daß die Erscheinung Jesus war und daß Christus leiden mußte. (Apg. 26, 15; 23)
  8. In Rom suchte Paulus die Angesehensten der Juden zu überzeugen “und predigte ihnen von Jesus aus dem Gesetz des Mose und aus den Propheten” (Apg. 28, 17.23).

Es läßt sich kaum bezweifeln, daß das, was Paulus bereits gesehen hatte, die große Wahrheit war: Jesus von Nazareth ist der Christus (Messias). Er ist der Sohn Gottes. Paulus kann zwar noch mehr gesehen haben, aber diese große Wahrheit beherrschte seinen Dienst in dieser Zeit. Er predigte sie sofort in Damaskus und blieb auch vorerst dabei.

3. Was ich dir noch zeigen will

Im Galaterbrief gibt es noch vier Hinweise auf den Sohn Gottes (1, 16; 2, 20; 4, 4+6), und dieser Brief hilft uns bei der Suche nach dem, was Paulus später erfuhr. Jedenfalls erklärt Paulus im ersten Kapitel vom Evangelium: “Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht” (Gal. 1, 8). Paulus hatte sich in seinem Charakter nicht verändert. Er war noch ebenso eifrig wie immer, jetzt aber nicht mehr für pharisäische Gesetzlichkeit, sondern für das Evangelium von der Gnade. “Denn ich tue euch kund, liebe Brüder, daß das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht menschlicher Art ist. Denn ich habe es nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi” (Gal. 1, 11-12). Paulus schließt daran einen kurzen Bericht über sein Leben und beleuchtet dabei besonders die ersten Jahre nach seiner Bekehrung:

“Als es aber Gott wohlgefiel, der mich von meiner Mutter Leib an ausgesondert und durch seine Gnade berufen hat, daß er seinen Sohn offenbarte in mir, damit ich ihn durchs Evangelium verkündigen sollte unter den Heiden, da besprach ich mich nicht erst mit Fleisch und Blut, ging auch nicht hinauf nach Jerusalem zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien und kehrte zurück nach Damaskus. Danach, drei Jahre später, kam ich hinauf nach Jerusalem, um Kephas kennenzulernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm” (Gal. 1, 15-18).

Hier spricht Paulus von einer Zeit in Arabien, wo der Herr möglicherweise seine Verheißung erfüllte, ihm noch mehr zu zeigen. Aber jedenfalls sind es nicht die letzten Offenbarungen, die er dort erhielt, denn wir lesen in Gal. 2, 1:

“Danach, vierzehn Jahre später, zog ich abermals nach Jerusalem mit Barnabas und nahm auch Titus mit mir. Ich zog aber hinauf aufgrund einer Offenbarung und besprach mich mit ihnen über das Evangelium, das ich predige unter den Heiden …”

Daher war ihm das Evangelium kostbar, denn er hatte es direkt vom Herrn Jesus Christus durch Offenbarung empfangen. Falls irgendwelche Zweifel über den Inhalt dieses Evangeliums bestehen, wird es am besten sein, Paulus selber zu Wort kommen zu lassen:

“Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr’s festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, daß ihr umsonst gläubig geworden wärt. Denn als erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Daß Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift; und daß er begraben worden ist; und daß er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift” (1. Kor. 15, 1-4).

Aus der ersten größeren Rede des Paulus in Antiochia in Pisidien können wir entnehmen, daß dieses Evangelium in dem, was er sagte, einen hervorragenden Platz einnahm:

“Der aber, den Gott auferweckt hat, der hat die Verwesung nicht gesehen. So sei euch nun kundgetan, liebe Brüder, daß euch durch ihn Vergebung der Sünden verkündigt wird, und in all dem, worin ihr durch das Gesetz des Mose nichtgerecht werden konntet, ist der gerecht gemacht, der an ihn glaubt” (Apg. 13, 37-39).

Dieses Evangelium von Rechtfertigung und Gerechtigkeit durch den Glauben an Christus und das Vertrauen auf ihn ist ein weiterer Hauptpunkt in der Predigt des Paulus. Die Botschaft, daß der Gerechte aus Glauben lebt, ist das Zentrum seiner Aussage. (Röm. 1, 17; Gal. 3, 11; Hebr. 10, 28)

4. Die erste und zweite Art des Dienstes

Wenn wir die Apostelgeschichte lesen, dann sehen wir, daß Paulus in Apg. 13, 2-4 vom Heiligen Geist beauftragt wurde. Das Ergebnis war, daß er “das Wort Gottes in der Synagoge der Juden” in Salamis verkündigte. Danach reiste er nach Antiochia in Pisidien und ging dort “am Sabbat in die Synagoge” und setzte sich, aber man forderte ihn auf zu sprechen, und er stand auf und sprach zu der Versammlung (Apg. 13, 5.14.16). Nach diesem Muster wirkte Paulus, wohin er immer hinkam.

In Ikonion gingen Paulus und Barnabas wie üblich “in die Synagoge der Juden” (Apg. 14, 1). Als sie nach Thessalonich kamen, fanden sie dort eine Synagoge der Juden. “Wie nun Paulus gewohnt war, ging er zu ihnen hinein und redete an drei Sabbaten von der Schrift, tat sie ihnen auf und legte ihnen dar, daß Christus leiden mußte und von den Toten auferstehen” (Apg. 17, 1-3). In Beröa “gingen sie in die Synagoge der Juden” (Apg. 17, 10). In Athen redete er “zu den Juden und den Gottesfürchtigen in der Synagoge” (Apg. 17, 16-17). In Korinth lehrte er “in der Synagoge und überzeugte Juden und Griechen” (Apg. 18, 4). In Ephesus ging er “in die Synagoge und predigte frei und offen drei Monate lang, lehrte und überzeugte sie von dem Reich Gottes” (Apg. 19, 8). Drei Tage nach seiner Ankunft in Rom geschah es, “daß Paulus die Angesehensten der Juden bei sich zusammenrief” (Apg. 28, 17).

Dieser Mann tat zweifellos einen Dienst am Volk Israel, wie der Herr zu Hananias gesagt hatte; “dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, daß er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel” (Apg. 9, 15). Überall, wohin er kam, wandte er sich zuerst an das Volk Israel. Sogar in seinem Brief an die Römer stellt er es klar heraus, daß dieses Volk den ersten Platz und bestimmte Vorteile hat.

“Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen” (Röm. 1,16).

“Trübsal und Angst (wird gegeben) über alle Seelen der Menschen, die Böses tun, zuerst der Juden und ebenso der Griechen; Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die Gutes tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen” (Röm. 2, 9-19).

“Was haben dann die Juden für einen Vorzug, oder was nützt die Beschneidung? Viel in jeder Weise! Zum ersten: ihnen ist anvertraut, was Gott geredet hat” (Röm. 3, 1-2).

Vom Heiligen Geist getrieben stellt Paulus fest, daß Israel den ersten Platz innehat, und das spiegelt sich in seinem Dienst in der ganzen Apostelgeschichte. Trotzdem widersprechen einige Leute dieser Ansicht, weil Paulus in folgenden Versen bezeichnet wird als:

  • “Der Apostel der Heiden” (Röm. 11, 13);
  • “Ein Diener Jesu Christi unter den Heiden” (Röm. 15, 16);
  • “Der Gefangene Jesu Christi für euch Heiden” (Eph. 3, 1).

Manche lesen aus diesen Versen, daß der Dienst des Paulus ausschließlich für die Heiden bestimmt gewesen sei, aber das kann nicht richtig sein. Einfaches Lesen der Apostelgeschichte zeigt, daß Paulus überall die Synagogen der Juden auswählte und zu denen dort zuerst über den Herrn Jesus Christus sprach. Auch das Wort des Herrn in Apg. 9, 15: “Dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, daß er meinen Namen trage vor Heiden und Könige und vor das Volk Israel” zeigt eindeutig, daß ihm ein Dienst an Israel aufgetragen war. Warum ist dann aber sein Name so mit den Heiden verknüpft? Eine Antwort liegt wohl in dem Wort “ethnos”, das mit “Heiden” übersetzt wird, aber einfach “Nationen” bedeutet. Vom Kontext abhängig kann es alle Nationen einschließlich Israels oder alle Nationen ausschließlich Israels bedeuten. Nur der Kontext kann entscheiden, was das beste ist. Gewiß hatte Paulus eine Botschaft sowohl an Israel als auch an die anderen Nationen, darüber kann kein Zweifel bestehen.

Ein anderer Abschnitt, der zu dieser Diskussion betrachtet werden muß, ist:

Gal. 2, 6-9: “Von denen aber, die das Ansehen hatten — was sie früher gewesen sind, daran liegt mir nichts, denn Gott achtet das Ansehen der Menschen nicht, — mir haben die, die das Ansehen hatten, nichts weiter auferlegt. Im Gegenteil, da sie sahen, daß mir anvertraut war das Evangelium an die Heiden (ethnos) so wie Petrus das Evangelium an die Juden — denn der in Petrus wirksam gewesen ist zum Apostelamt unter den Juden, der ist auch in mir wirksam gewesen unter den Heiden (ethnos), — und da sie die Gnade erkannten, die mir gegeben war, gaben Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen werden, mir und Barnabas die rechte Hand und wurden mit uns eins, daß wir unter den Heiden (ethnos), sie aber unter den Juden predigen sollten”.

Im Blick auf diesen letzten Satz könnte man überrascht sein, daß Paulus dennoch auf seinen Reisen durch die ganze Welt des Mittelmeers weiterhin zu den Juden ging. Die Antwort liegt wohl in diesem Wort “ethnos”. Man nimmt an, daß Petrus, Jakobus und Johannes nach dieser Vereinbarung den Juden im Land, Paulus, Barnabas und die Gefährten aber den Nationen außerhalb des Landes dienen sollten, und das würde dann die Verstreuten Israels einschließen.

Trotzdem schrieben Jakobus und Petrus Briefe an die Verstreuten. Es mag sein, daß Paulus besonders mit den Heiden in Verbindung gebracht wurde, weil ihm ein besonderer zusätzlicher Auftrag an sie gegeben war, der sich von dem an die Zwölf unterschied, mit denen er aber den Auftrag an das Volk Israel gemeinsam hatte. So muß es gewesen sein, und wir finden, daß Paulus in dieser Periode einen zweifachen Auftrag hatte: einmal an die Verstreuten Israels und zum andern an die Heiden. Bestand zwischen den beiden ein wesentlicher Unterschied? Nein und Ja!

Nein, — in Bezug auf die Person des Herrn Jesus, des Sohnes Gottes, des Christus, des verheißenen Messias.

Nein, — in Bezug auf die Botschaft von der Vergebung der Sünden und von der Rechtfertigung aus dem Glauben an den Herrn Jesus Christus. In Bezug auf Sünde und Erlösung gibt es nicht Jude noch Grieche (Gal. 3, 28).

Wenn wir aber die Apostelgeschichte und die Briefe aus dieser Zeit sorgfältig betrachten, dann sehen wir beträchtliche Unterschiede, allerdings in den nicht so grundlegenden Angelegenheiten: Was Christen aus dem Judentum sagten oder fragten, war zuweilen ganz anders als das, was Christen aus dem Heidentum sagten oder fragten. Das müssen wir näher betrachten, und zwar im Kontext. Dazu brauchen wir etwas an Wissen über den Plan Gottes mit dem Volk Israel und den Nationen.

5. Gottes Plan für Israel und die Nationen

Am Ende des elften Kapitels vom ersten Buch Mose lernen wir Abram kennen, dessen Name später in Abraham geändert wurde. Er erhielt von Gott feste, bedingungslose Verheißungen. Er sollte ein Land erhalten und der Vater einer großen Nation werden, durch die alle Völker der Erde gesegnet werden sollten (1. Mos. 12, 1-3). Dieses Land war ihm und seinen Nachkommen verheißen und seine Grenzen waren der Bach Ägyptens und der Euphrat (1. Mos. 13, 14-17; 15, 16). Ähnliche Verheißungen erhielten Isaak und Jakob (1. Mos. 26, 24; 28, 13-14), aber weder einer von diesen drei Patriarchen, den Vätern des Volkes Israel, noch ihre Nachkommen haben dieses Land jemals in seiner ganzen Ausdehnung innegehabt, und die Verheißung kann sich nur in der Auferstehung erfüllen. Das war die Hoffnung des Volkes Israel: ein Königreich im Land über und für die ganze Erde. Und das ist im Alten Testament ein häufig wiederkehrendes Thema, zum Beispiel im Psalm 37:

V. 9: “die aber des Herrn harren, werden das Land erben.” V. 11: “Die Elenden werden das Land erben …” V. 22: “Denn die Gesegneten des Herrn erben das Land …” V . 29: “Die Gerechten werden das Land ererben …” V. 34: “Harre auf den Herrn und halte dich auf seinem Weg, so wird er dich erhöhen, daß du das Land erbest …”

Israel schaute aus nach einem gerechten Königreich in seinem Land, und die anderen Nationen sollten sich in ihren Gebieten ringsum erfreuen und durch Israel gesegnet werden. Auch das ist Gegenstand vieler Schriftstellen. Wir sehen uns als Beispiel die Weissagung des Propheten Jesaja an:

“Dies ist’s, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem: Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, laßt uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen” (Jes. 2, 1-4).

“Mache dich auf (Israel), werde Licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht” (Jes. 60, 1-3).

Dieses irdische Königreich mit Israel als Zentrum und über die Nationen, die um Licht und Segnung zu ihm kommen, war Thema im Alten Testament, aber es ist auch die Botschaft im Neuen. Johannes der Täufer und der Herr Jesus Christus eröffneten beide ihren Dienst mit den Worten: “Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!” (Matth. 3, 2; 4, 17). Hier besteht die Gefahr, daß man das Königreich vom Himmel als das Königreich im Himmel versteht, und nicht als das Königreich, das aus dem Himmel stammt, aber auf der Erde bestehen wird. Daß der Herr Jesus Christus von demselben Königreich auf der Erde sprach, das Abraham und anderen Heiligen des Alten Testaments verheißen war, wird durch zwei Aussagen in der Bergpredigt klar:

“Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen” (Matth. 5, 5).
“Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden” (Matth. 6, 10).

Ebenso wie der Ausdruck “das Königreich vom Himmel” mißverstanden wird, ergeht es auch den Worten des Heilands in Joh. 18, 36, wo er sagt. “Mein Reich ist nicht von (gr.: ek) dieser Welt.” Hier sagt er, daß sein Königreich nicht weltlichen Ursprungs ist; es ist nicht von (ek) dieser Welt; es ist himmlischen Ursprungs; es ist vom Himmel, aber es besteht auf der Erde. Wir wollen nicht abstreiten, daß es einen himmlischen Aspekt des Königreichs Gottes gibt, der kurz erörtert werden soll, aber das ist weder im Alten Testament, noch in den Evangelien, noch in der Apostelgeschichte das Thema. Das Königreich über die Erde mit Israel als Zentrum war das Thema aller Schriften in diesen verschiedenen Perioden und es geschah aus diesem Grund, daß der Herr die Zwölf aussandte mit dem ausdrücklichen Auftrag:

“Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel” (Matth. 10, 5-6).

Einige Leser mögen von diesen Worten des Erlösers der Welt überrascht sein, aber im Licht der alttestamentlichen Verheißungen, daß die Heiden ihre Segnung durch Israel erfahren sollten, kann man sie leicht verstehen. Deshalb war es für Israel unabdingbar, daß es zuerst die Botschaft hören und Buße tun mußte. Erst danach, als wiederhergestellte Nation, würde Israel die Botschaft vom Messias, seinem Königreich und vom ewigen Leben zu allen anderen Nationen tragen. Daß das die Absicht des Herrn war, geht aus Apg. 1, 8 klar hervor, wo er den Jüngern sagt, sie sollten seine “Zeugen sein in Jerusalem, und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde”. Ähnlich berichtet Luk. 24, 47, daß “gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Fangt an in Jerusa­lem”.

Das Angebot von Matth. 10, 7 wurde während der Zeit des irdischen Wirkens des Herrn in ganz Israel verkündet, aber es wurde vom Volk nicht angenommen. Israel war verantwortlich für die Kreuzigung seines Messias (Apg. 3, 15; 5, 30; 10, 39), aber er betete für sie. “Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun” (Luk. 23, 34). Dieses Gebet fand seine Erhörung, denn nach Pfingsten machte Petrus nochmals das Angebot zur Buße. Dabei bestätigte er, daß dadurch “die Zeit der Erquickung komme von dem Angesicht des Herrn” (Apg. 3, 19-21). Nach einem anfänglichen Aufbruch kam dann die Verfolgung, und die Nation folgte dem Aufruf der Zwölf ebensowenig wie vorher dem Ruf des Herrn Jesus Christus. Was sollte der Herr dann tun?

Apg. 10 berichtet etwas ganz Ungewöhnliches. Petrus hatte die Vision von dem Tuch voller unreiner Tiere, und der Heilige Geist sprach direkt zu ihm, er solle mit den Männern gehen, die der Heide Kornelius gesandt hatte (Apg. 10, 9-20). Dennoch fragte er sie dann: “Warum seid ihr hier?” (Apg. 10, 21). Später, im Haus des Kornelius, beginnt er: “So frage ich euch nun, warum ihr mich habt holen lassen” (Apg. 10, 29). So fragt wohl kaum einer, der das Evangelium bis an die Enden der Erde ausbreiten will! Warum stellte Petrus dann diese Fragen? Immerhin war ihm gesagt, daß Buße und Vergebung der Sünden allen Nationen gepredigt werden sollten, aber es war ihm auch aufgetragen, in Jerusalem zu beginnen.

Nach dem, was Petrus bis dahin offenbart worden war, mußte zuerst Israel hören, Buße tun und gerettet werden, und erst danach die mit Israel verwandten Samariter. Dann würde die vereinte und wiederhergestellte Nation die Botschaft von ihrem Messias bis an die Enden der Erde tragen. Aber die Nation hörte nicht, und so konnte es nach alttestamentlichem Verständnis keine Botschaft an die heidnischen Nationen geben. Das erklärt das Widerstreben des Petrus, sich mit Kornelius und dessen Fragen zu befassen. Warum aber führte der Heilige Geist Petrus zu dem Heiden Kornelius, als Israel noch nicht hören wollte?

Direkt nach diesem Ereignis sonderte der Heilige Geist Paulus und Barnabas aus und sandte sie auf verschiedene Reisen, auch im Raum des Mittelmeers (Apg. 13, 2).

Sie besuchten zuerst die jüdischen Synagogen in Salamis und Antiochia in Pisidien (Apg. 13, 5+15). Aber die Angehörigen der jüdischen Nation stellten sich ihrer Lehre immer wieder entgegen und verwarfen deren Zeugnis von Jesus als dem Sohn Gottes (Apg. 13, 6-12.45). Wenn das geschah, wandten sie sich in diesem Gebiet an die Heiden (Apg. 13, 46). Entsprechend handelten sie in der Zeit der Apostelge­schichte immer wieder.

In Ikonion besuchten sie die jüdische Synagoge, aber die Juden, die ungläubig blieben, hetzten die Heiden gegen sie auf (Apg. 14, 2). In Thessalonich war eine Synagoge der Juden. “Wie nun Paulus gewohnt war, ging er zu ihnen hinein und redet mit ihnen an drei Sabbaten nach der Schrift, tat sie ihnen auf und legte ihnen dar, daß Christus leiden mußte und von den Toten auferstehen, … Aber die Juden ereiferten sich und holten sich einige üble Männer aus dem Pöbel, rotteten sich zusammen und richteten einen Aufruhr in der Stadt an …” (Apg. 17, 1-5). So ging Paulus nach Beröa. “Als aber die Juden von Thessalonich erfuhren, daß auch in Beröa das Wort Gottes von Paulus verkündigt wurde, kamen sie und erregten Unruhe und verwirrten auch dort das Volk” (Apg. 17, 13).

So sehen wir, daß Paulus in dieser Zeit zweierlei Dienst tat. Einmal am Volk Israel. “Euch mußte das Wort Gottes zuerst gesagt werden” (Apg. 13, 46). Der ganze Dienst des Paulus in der Apostelgeschichte läßt keinen Zweifel daran, daß die Juden nicht nur einen Vorzug hatten (Röm. 3, 1-2), sondern auch den ersten Rang (Röm. 1, 16; 2, 9+10; Apg. 13, 46). Ebenfalls ist es offensichtlich, daß das, was in dieser Zeit angeboten wurde, dasselbe Königreich war und dieselben Verheißungen wie im Alten Testament und in der Zeit, von der die Evangelien berichten.

“Und nun stehe ich hier und werde angeklagt wegen der Hoffnung auf die Verheißung, die unsern Vätern (Abraham, Isaak und Jakob) von Gott gegeben ist. Auf ihre Erfüllung hoffen die zwölf Stämme unsres Volkes, wenn sie Gott bei Tag und Nacht beharrlich dienen” (Apg. 26, 6-7).

“Aus diesem Grund habe ich darum gebeten, daß ich euch sehen und zu euch sprechen könnte; denn um der Hoffnung Israels willen trage ich diese Ketten” (Apg. 28, 20).

Worin bestand damals die Hoffnung Israels? Welche Verheißung war den Vätern Abraham, Isaak und Jakob gemacht worden? Es war die von einem Königreich auf Erden mit dem erhöhten Jerusalem, zu dem die Heidenvölker um der Segnungen willen kommen. Das ist das Königreich des Alten Testaments, der Evangelien, der Apostelgeschichte und der Briefe aus dieser Zeit. Paulus hoffte noch darauf, daß das Volk Israel Buße tun und wiederhergestellt und so zum Segen für die Nationen ringsum würde. Warum wandte sich Paulus dann an die Heiden?

Auf dem Weg nach Damaskus war Paulus gesagt worden, er solle Zeuge sein von dem, was er gesehen hatte und was er noch sehen sollte. (Apg. 26, 16). Wir haben die Bedeutung dieses Ausdrucks etwas näher betrachtet und es könnte sein, daß Paulus nach seiner Vision auf dem Weg nach Damaskus noch mehr offenbart worden ist, vielleicht als er in Arabien war. Im Brief an die Römer schrieb er von etwas, das ein Geheimnis (Mysterium) war.

“Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist” (Röm. 11, 25).

Israel hatte in der Zeit der Apostelgeschichte selber sein Herz verhärtet. Viele hatten selber die Augen geschlossen vor dem Messias, und das Ergebnis war die teilweise Blindheit der Nation. Was tat Gott daraufhin? Er trug Paulus auf, sich zu den Heiden zu wenden, sooft eine jüdische Gemeinde seinen Dienst ablehnte. Und der Grund dafür wird uns in Röm. 11, 11 genannt: “Durch ihren Fall ist den Heiden das Heil widerfahren, damit Israel ihnen nacheifern soll.”

Heute ist das nicht der Grund für die Errettung der Heiden, aber in der Zeit der Apostelgeschichte war es so. Paulus hegte die Hoffnung, daß das Volk Israel irgendwie aufgerüttelt und gerettet werden könnte (Röm. 11, 14). Wie man einen wilden Ölzweig in einen kultivierten Stamm einpfropfen und dadurch mehr Frucht erzeugen kann, so wurden die Heiden in der Zeit der Apostelgeschichte in den Ölbaum Israel eingepfropft und hatten somit Anteil an dessen Segnungen und Verheißungen (Röm. 11, 17-18). Das war die Situation in der zweiten Hälfte der Apostelgeschichte, und es blieb nur die Frage: Würde es wirken? Würde Israel dazu gebracht werden können, Buße zu tun für die Sünde der Zurückweisung des Herrn Jesus Christus? Würden sie ihn nun als ihren Messias annehmen? Wenn sie es täten, würde die Zeit der Erquickung kommen, wie Petrus verheißen hatte (Apg. 3, 19-21).

Diese zwei verschiedenen Dienste führten dazu, daß Paulus seinerzeit in seinem Volk ein umstrittener Charakter war — und es heute bei den Christen auch ist. Über seine Reden in der Apostelgeschichte und seine früheren Briefe wird von Gläubigen viel nachgedacht, und sie werden als verwirrend und rätselhaft angesehen. Einer der Gründe dafür liegt in der fehlenden Einsicht, daß Paulus in der Zeit der Apostelgeschichte zweierlei Dienst tat — einmal an den Juden, und zum andern an den Heiden. Die Juden ermutigte er zum Glauben, daß der Herr Jesus Christus ihr Messias, der Sohn Gottes ist. Die Heiden suchte er zu retten und in den Ölbaum Israel einzupfropfen, um dieses Volk möglichst zur Buße zu reizen.

Obwohl die Grundlage für beide Arten des Dienstes dieselbe war und noch heute ist, war doch etwas unterschiedlich in dem, was er lehrte. Das läßt sich in unsere Zeit nicht übernehmen. Aber darauf werden wir später zu sprechen kommen. Jetzt haben wir die Apostelgeschichte zu betrachten. Die letzten Kapitel davon machen klar, daß das Volk Israel nicht zur Buße gereizt wurde.

In Rom rief Paulus die Angesehensten der Juden zusammen und erklärte ihnen einen ganzen Tag lang das Königreich Gottes und versuchte, sie aus dem Gesetz des Mose und aus den Propheten von Jesus zu überzeugen, aber sie konnten sich untereinander nicht einigen über das, was Paulus sagte (Apg. 28, 17.23-25).

Jerusalem hatte die Botschaft abgelehnt. Die jüdischen Synagogen in den vielen Städten, die er in der Zeit besucht hatte, hatten die Botschaft abgelehnt. Jetzt verschloß sich Rom genauso. Was war zu tun? Jetzt handelte es sich nicht mehr um die Verstockung oder Blindheit eines Teils von Israel. Jetzt war es Verstockung, Blindheit und Taubheit der ganzen Nation.

“Sie waren aber untereinander uneins und gingen weg, als Paulus dies eine Wort gesagt hatte: Mit Recht hat der heilige Geist durch den Propheten Jesaja zu euren Vätern gesprochen: Geh hin zu diesem Volk und sprich: Mit den Ohren werdet ihr’s hören und nicht verstehen; und mit den Augen werdet ihr’s sehen und nicht erkennen. Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt, und ihre Ohren hören schwer, und ihre Augen sind geschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, und ich ihnen helfe. So sei es euch kundgetan, daß den Heiden das Heil Gottes gesandt ist; und sie werden es hören. Paulus aber blieb zwei volle Jahre in seiner eigenen Wohnung und nahm alle auf, die zu ihm kamen, predigte das Reich Gottes und lehrte von dem Herrn Jesus Christus mit allem Freimut ungehindert” (Apg. 28, 25-31).

Das ist das sechste und letzte Mal, daß im Neuen Testament die geweissagte Verurteilung Israels aus Jes. 6 angeführt wird, nach der das Volk Israel blind und taub werden sollte, weil sie ihr Herz gegen Gottes Botschaft verhärteten. Wenn aber nun das Volk von Gott zur Seite gesetzt sein sollte, welche Botschaft konnte Paulus dann in diesen zwei Jahren und später predigen?

Wenn die Heiden an einem Königreich Israels über die Erde teilhaben sollten, und ihre Segnungen durch ein wiederhergestelltes Israel empfangen sollten, was konnte Paulus dann lehren, wo doch dieses Volk blind, taub und verstockt war? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns in den Briefen umsehen, die Paulus während und nach diesen zwei Jahren in Rom geschrieben hat.

6. Die dritte Art des Dienstes

Nach den in Apg. 28, 25-28 geschilderten Ereignissen schrieb Paulus sieben Briefe: Epheser, Philipper, Kolosser, 1. und 2. Timotheus, Titus und Philemon. Aber die Grundlage seines Dienstes findet sich in den Briefen an die Epheser und Kolosser. Wir haben gesehen, daß der Dienst des Paulus an den Heiden während der Zeit der Apostelgeschichte mit dem Mysterium (Geheimnis) zusammenhing: “Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren” (Röm. 11, 25). Wir werden finden, daß sich der Dienst des Paulus nach dem Ende der Apostelgeschichte ebenfalls um dieses Wort Mysterium (Geheimnis) dreht.

“Ihr habt ja gehört, welches Amt die Gnade Gottes mir für euch gegeben hat: Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden, wie ich eben aufs kürzeste geschrieben habe. Daran könnt ihr, wenn ihr’s lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen. Dies war in früheren Zeiten den Menschen nicht kundgemacht, wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist; nämlich daß die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium” (Eph. 3, 2-6).

“Den Heiden zu verkündigen den unausforschlichen Reichtum Christi und für alle ans Licht zu bringen, wie Gott seinen geheimen Ratschluß ausführt, der von Ewigkeit her verborgen war in ihm, der alles geschaffen hat; damit jetzt kund werde die mannigfaltige Weisheit Gottes den Mächten und Gewalten im Himmel durch die Gemeinde” (Eph. 3, 8-10).

“Ihr Diener bin ich geworden durch das Amt, das Gott mir gegeben hat, daß ich euch sein Wort reichlich predigen soll, nämlich das Geheimnis, das verborgen war seit ewigen Zeiten und Geschlechtern, nun aber ist es offenbart seinen Heiligen, denen Gott kundtun wollte, was der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, nämlich Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit” (Kol. 1, 25-27).

Worin besteht dieses Geheimnis, das Paulus in diesen Versen erwähnt? Oder sind es mehrere Geheimnisse? Was war es, das früher nicht bekannt war, und erst damals offenbart wurde? Wir können es nur herausfinden, wenn wir die Briefe an die Epheser und Kolosser und andere wichtige Schriftstellen lesen und sehen, ob wir einige neue Wahrheiten entdecken können, die vorher nicht in der Schrift erwähnt sind.

Gewissenhaftes Studium der sieben Briefe, die nach Apg. 28, 25-28 geschrieben sind, wird uns erkennen lassen, daß sie nur eine Grundlage haben: die Rettung durch den Glauben an das Werk Christi, das er am Kreuz von Golgatha vollbracht hat. Auch zeigen sie den Herrn Jesus Christus über alles erhaben. In diesen beiden Aspekten unterscheiden sie sich nicht vom Johannes-Evangelium, dem Römerbrief und allen früheren Briefen. Dennoch gibt es vieles darin, das neu ist und anders, und wir können nur zwei Beispiele auswählen.

Ein Ausdruck, der im Epheserbrief einzig ist, lautet “en tois epouraniois” — in den Überhimmeln. Der Gläubige soll nicht mehr nach einem Königreich auf der Erde ausschauen. Es wird ihm gesagt, daß er erhoben und mit Christus eingesetzt ist “in den Überhimmel”, und dort soll der Gläubige allen geistlichen Segen erhalten (Eph. 1, 3; 2, 6). Falls wir Unsicherheiten haben, wo diese Überhimmel gelegen sind, dann können die ausgeräumt werden, wenn wir Epheser 1, 18-21 lesen:

“Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwenglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner Stärke bei uns wirksam wurde, mit der er in Christus gewirkt hat. Durch sie hat er ihn von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen.”

Die Überhimmel sind die Regionen, zu denen Christus aufstieg nach seinem Sterben und Auferstehen, und dort, also nicht auf der Erde, ist die zukünftige Heimat der Gläubigen, seit Israel in Apg. 28, 25-28 zur Seite gestellt wurde. Aber was würde Gott mit den Einzelnen aus Israel und den Heiden tun, die an den Herrn Jesus Christus glaubten? Der Epheserbrief sagt uns, daß er diese beiden sehr verschiedenen Menschentypen zu einem neuen Menschen vereint:

“Jetzt aber in Christus seid ihr, die ihr einst Ferne wart, Nahe geworden durch das Blut Christi. Denn er ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war, nämlich die Feindschaft. Durch das Opfer seines Leibes hat er abgetan das Gesetz mit seinen Geboten und Satzungen, damit er in sich selber aus den zweien einen neuen Menschen mache und die beiden versöhne mit Gott in einem Leib durch das Kreuz, indem er die Feindschaft tötete durch sich selbst” (Eph. 2, 13-16).

In diesem neuen Menschen gibt es keinen Vorzug für die Juden, auch keinen ersten Rang. Das Haupt dieses neuen Menschen ist Christus selbst (Eph. 1, 22-23), und die Glieder am Leib dieses neuen Menschen sind untereinander völlig gleichwertig. Tatsächlich bestätigt Eph. 3, 6, “daß die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium”. Einzelne Juden und Heiden, die an Christus Jesus glaubten, waren gleiche Erben und gleiche Teilhaber in einem Leib von gleichwertigen Gliedern. Das war gewiß ein Unterschied zu 5. Mos. 28, 13, wo Israel verheißen wurde, Kopf zu sein und nicht Schwanz. In einem zukünftigen Königreich auf Erden wird das auch seine Position sein, aber nicht in diesem Zeitalter.

Wie oben ausgeführt, ist die Grundlage der Briefe, die nach dem Ereignis von Apg. 28, 25-28 geschrieben sind, die gleiche wie bei den vorher geschriebenen, und es wird gut sein, uns an diese Grundlage zu erinnern.

“In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade” (Eph. 1, 7).

“Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme” (Eph. 2, 8-9).

Die Grundlage der Erlösung ist genau die gleiche, aber die Hoffnung auf ein irdisches Königreich ist nirgends zu finden. Gott offenbart Wahrheiten über überhimmlische Bereiche. Auch der Vorrang Israels vor den heidnischen Nationen ist abgelöst durch völlige Gleichstellung Gläubiger aus Juden und Heiden. Sie sind gleichwertige Glieder eines Leibes mit Christus als Haupt.

7. Ein Vergleich der drei Arten des Dienstes

Alle Bibelleser finden die Briefe des Paulus besonders schwer verständlich. Es ist auch tatsächlich schwierig, sich in ihre Lehraussage hineinzufinden. Jedenfalls wird das nicht gelingen, wenn man versucht, alles zu vereinen, was er geschrieben hat. Wenn wir aber erkennen, daß er drei verschiedene Dienste hatte, dann merken wir, daß trotz der gemeinsamen Grundlage doch wesentliche Unterschiede bestehen. Wir können uns nicht mit all den verschiedenen Aspekten der drei Arten des Dienstes befassen, aber die folgenden Beispiele wollen wir näher untersuchen:

a) Die Beschneidung

Im Brief an die Galater stellt Paulus fest: “Wenn ihr euch beschneiden laßt, so wird euch Christus nichts nützen. Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden läßt, daß er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist” (Gal. 5, 2-3). Zunächst müssen wir festhalten, daß er das den Heiden schrieb, und derselbe Punkt kam im Konzil zu Jerusalem zur Sprache, denn einige kamen herab von Judäa (nach Antiochien) und lehrten die Brüder: “Wenn ihr euch nicht beschneiden laßt nach der Ordnung des Mose, könnt ihr nicht selig werden” (Apg. 15, 1). Außerdem gab es gläubig gewordene Pharisäer, die sagten: “Man muß sie beschneiden und ihnen gebieten, das Gesetz des Mose zu halten” (Apg. 15, 5).

Die Apostel und Ältesten kamen zusammen und diskutierten diese Fragen und Petrus fragte schließlich: “Warum versucht ihr denn nun Gott dadurch, daß ihr ein Joch auf den Nacken der Jünger legt, das weder unsre Väter noch wir haben tragen können?” (Apg. 15, 10).

Den Beschluß hat dann Jakobus formuliert, der sagte, man solle den Heiden, die sich zu Gott bekehren, nicht Unruhe machen. Die Heiden brauchten sich weder beschneiden zu lassen, noch das ganze Gesetz zu halten. Nur vier Gebote wurden ihnen gegeben:

“Denn es gefällt dem Heiligen Geist und uns, euch weiter keine Last aufzuerlegen als nur diese notwendigen Dinge: daß ihr euch enthaltet vom Götzenopfer und vom Blut und vom Erstickten und von Unzucht. Wenn ihr euch davor bewahrt, tut ihr recht” (Apg. 15, 28-29).

Beschneidung und Gesetzes-Gehorsam waren also in dieser Zeit der Apostelge­schichte nicht Bestandteil der Botschaft des Paulus an die Heiden — aber wie steht das mit den an Christus gläubigen Juden? Apg. 16, 1-3 berichtet, daß Paulus den Timotheus beschnitten hat. Dessen Vater war Heide, aber seine Mutter Jüdin. Wäre sie dem mosaischen Gesetz gehorsam gewesen, dann hätte sie ihren Sohn beschnei­den lassen am achten Tag, aber offenbar hatte sie das nicht getan. Alle Juden dortzulande wußten, daß der Vater des Timotheus Heide war und Timotheus nicht beschnitten, und sie würden zweifellos danach fragen. Also beschnitt Paulus Timotheus, wie er das mit jedem Juden getan hätte. Demnach war es unrecht, daß den Juden in Jerusalem berichtet worden war, Paulus hätte die Juden, die in heidnischen Länder wohnten, gelehrt, sich vom Gesetz des Mose abzuwenden, ihre Kinder nicht beschneiden zu lassen bzw. nicht nach den jüdischen Sitten zu leben (Apg. 21, 21 — im nächsten Abschnitt werden wir uns damit genauer befassen). Anscheinend wurde Paulus damals falsch ausgelegt, wie das heute auch vorkommt, oder man verwechselte das, was er den Heiden sagte, mit dem, was er den Juden sagte. Das ist ein Fehler, der im ersten Jahrhundert vorkam, und vielleicht in allen Jahrhunderten seither.

In der Zeit der Apostelgeschichte widersprach Paulus allen Vorschlägen, die Heiden zu beschneiden, aber für Juden bekräftigte er den Gehorsam gegenüber dem Gesetz der Beschneidung. Als aber dieses Volk dann — in Apg. 28, 25-28 — seine nationalen Privilegien verloren hatte, änderte sich das. Für die Heiden änderte sich zwar nichts, wohl aber für die Juden. Wir lesen:

“Denn er ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war, nämlich die Feindschaft. Durch das Opfer seines Leibes hat er abgetan das Gesetz mit seinen Geboten und Satzungen, damit er in sich selber aus den zweien einen neuen Menschen mache und die beiden versöhne mit Gott in einem Leib durch das Kreuz, indem er die Feindschaft tötete durch sich selbst” (Eph. 2, 14-16).

“Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet” (Kol. 2, 13-14).

Also hat der Herr für Israel das Gesetz mit seinen Geboten und Satzungen abgeschafft. Er hat das geschriebene Gesetz als Heilsweg abgetan. All das wurde erreicht durch das Kreuz. Aber es kam am Kreuz noch nicht zur Auswirkung. In der Apostelgeschichte sehen wir, daß die jüdischen Christen das Gesetz noch befolgten, aber einige Leser mögen denken, die Briefe an die Epheser und Kolosser lehren, die Juden seien von den Geboten und Satzungen nicht nur durch das Kreuz, sondern auch schon am Kreuz befreit worden. Aber das ist nicht der Fall.

Vieles ist durch Tod und Auferstehung des Herrn Jesus Christus bewirkt, wurde aber nicht sogleich in die Praxis umgesetzt. Zum Beispiel wird in Hebr. 2, 14 erklärt, daß der Herr Jesus Fleisch und Blut angenommen hat, damit er durch seinen Tod die Macht nähme dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel. Und dennoch bezeichnet Paulus Satan noch Jahre später als den Gott dieses Zeitlaufs (Luther: Welt) und den Herrscher in der Luft (2. Kor. 4, 4 und Eph. 2, 2). Erst in Offb. 20 lesen wir als zukünftig, daß Satan vernichtet wird, nach der Entlassung aus seiner tausendjährigen Gefangenschaft.

Auch lesen wir in 2. Tim. 1, 10 von “Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.” Trotzdem haben wir noch den Tod bei uns, und 1. Kor. 15, 26 sagt aus: “Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod.” Und der Tod wird erst unmittelbar vor der Schaffung des neuen Himmels und der neuen Erde in den Feuersee geworfen (Offb. 20, 14).

Die Niederlage Satans wurde durch das Kreuz besiegelt, aber er wurde am Kreuz noch nicht ausgeschaltet. Der Tod wurde besiegt durch das Kreuz, aber er endete nicht am Kreuz. Ebenso wurden die Gebote und Satzungen des geschriebenen Gesetzes durch das Kreuz aufgehoben, aber ihre Abschaffung erfolgte nicht am Kreuz, sondern erst nachdem die nationale Blindheit in Apg. 28, 25-28 verkündet wurde. Daher konnte Paulus in der Zeit der Apostelgeschichte für die Juden auf der Beschneidung bestehen, aber hinterher konnte er schreiben:

“In ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen geschieht, als ihr nämlich euer fleischliches Wesen ablegtet in der Beschneidung durch Christus” (Kol. 2, 11).

So war Israel, als es einmal seine nationalen Privilegien verloren hatte, nicht mehr seinen besonderen Verpflichtungen unterworfen, die aufgehoben waren. Die einzelnen Juden waren befreit von der Pflicht, ihre Kinder zu beschneiden, und das war ein großer Schritt zur Einswerdung der Christen aus Juden und Heiden. Die Beschneidung, auf die es nun ankommt, ist nicht mehr die körperliche, die durch Menschenhand geschieht, sondern die geistliche durch Christus.

b) Das Gesetz

Wie wir oben sahen, lehnte Paulus es ab, einen Heiden unter das Gesetz zu zwingen (Gal. 5, 2-3). Nur vier Gebote wurden den Heidenchristen der Zeit der Apostelgeschichte auferlegt (Apg. 15, 28-29). Aber man sollte beachten, daß die Judenchristen das Gesetz trotzdem weiterhin befolgten. Paulus selbst läßt das in seinem Leben erkennen:

  • In Salamis ging er am Sabbat in die Synagoge (Apg. 13, 14).
  • In Lystra beschnitt er Timotheus wegen der Juden (Apg. 16, 3).
  • In Philippi ging er am Sabbat hinaus vor die Stadt an den Fluß, wo anzunehmen war, daß man dort zu beten pflegte (Apg. 16, 13).
  • In Korinth lehrte er in der Synagoge an allen Sabbaten (Apg. 18, 4).
  • Vor seiner Abreise ließ er sich in Kenchreä sein Haupt scheren, denn er hatte ein Gelübde getan (Apg. 18, 18 vgl. 2. Mos. 6, 18).
  • Die Abreise von Philippi erfolgte nach den Tagen der ungesäuerten Brote (Apg. 20, 6).
  • Er beeilte sich, am Pfingsttag in Jerusalem zu sein (Apg. 20, 16).
  • Vor dem Hohen Rat erkennt er die im Gesetz vorgeschriebene Achtung gegenüber dem Hohenpriester an (Apg. 23, 5 vgl. 2. Mos. 22, 27).
  • Er nahm im Tempel die kultische Reinigung vor (Apg. 24, 18).

Es ist nicht zu bezweifeln, daß Paulus als christusgläubiger Jude das Gesetz hoch achtete. Sehen wir uns noch ein letztes Beispiel an:

“… sie … sprachen zu ihm: Bruder, du siehst, wieviel tausend Juden gläubig geworden sind, und alle sind Eiferer für das Gesetz. Ihnen ist aber berichtet worden über dich, daß du alle Juden, die unter den Heiden wohnen, den Abfall von Mose lehrst und sagst, sie sollen ihre Kinder nicht beschneiden und auch nicht nach den Ordnungen leben. Was nun? Auf jeden Fall werden sie hören, daß du gekommen bist. So tu nun das, was wir dir sagen. Wir haben vier Männer, die haben ein Gelübde auf sich genommen; die nimm zu dir und laß dich reinigen mit ihnen und trage die Kosten für sie, daß sie ihr Haupt scheren können; so werden alle erkennen, daß es nicht so ist, wie man ihnen über dich berichtet hat, sondern daß du selber auch nach dem Gesetz lebst und es hältst … Da nahm Paulus die Männer zu sich und reinigte sich am nächsten Tag mit ihnen und ging in den Tempel und zeigte an, daß die Tage der Reinigung beendet sein sollten, sobald für jeden von ihnen das Opfer dargebracht wäre” (Apg. 21, 20-26 vgl. 4. Mos. 6, 1-18).

Wenn man bedenkt, daß es Jakobus war, der diese Worte sprach, der Leiter der christlichen Gemeinde in Jerusalem, dann erkennt man in der Zeit der Apostelgeschichte große Unterschiede zwischen den Christen aus dem Judentum und denen aus dem Heidentum. Und die Worte aus Gal. 3, 28, die in dieser Zeit geschrieben wurden, werden oft missverstanden:

“Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.”

Ganz gewiß waren sie einer in Christus Jesus, und es gab keinen Unterschied zwischen ihnen in bezug auf Sünde und Erlösung, aber dieser Vers lehrt nicht die völlige Gleichheit und Übereinstimmung. Es gab in der Zeit der Apostelgeschichte Unterschiede zwischen Christen aus dem Judentum und solchen aus dem Heidentum, das kann man aus ihrem unterschiedlichen Verhältnis zum Gesetz allgemein und zur Beschneidung im besonderen erkennen.

Der Jude hatte zuerst auch noch die Vorrangstellung, wie wir in Röm. 1, 16; 2, 9-10; 3, 1-2 und Apg. 13, 46 lesen konnten. Aber nach dem Abschluß der Apostelgeschichte machte der Herr Jesus Christus dadurch, daß er “abgetan hat das Gesetz mit seinen Geboten und Satzungen”, aus Juden und Heiden eines, “indem er den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war, nämlich die Feindschaft” (Eph. 2, 14-15).

Die Botschaft lautet in Kol. 2, 14 ähnlich, wo es heißt: “Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und ans Kreuz geheftet.” So waren die einzelnen Juden von ihrer Pflicht, das Gesetz des Mose zu befolgen, befreit. Und das war ein weiterer großer Schritt dahin, an Christus gläubige Juden und Heiden gleiche Glieder eines Leibes sein zu lassen.

c) Die Nahrung

Wir hatten vorhin gelesen, daß für die Heiden in der Zeit der Apostelgeschichte keine Verpflichtung bestand, sich beschneiden zu lassen oder das mosaische Gesetz zu halten. Sie mußten sich von sexueller Unmoral fernhalten und von Nahrung, die Götzen geopfert war, vom Bluttrinken und von ersticktem Fleisch d.h. Tiere, die anders als durch Ausbluten getötet worden waren, (sonst bleibt noch etwas Blut im Fleisch). Moderne Schlachtmethoden wie das Erschießen mit Bolzen in die Stirn wären nach Apg. 15, 29 nicht erlaubt. Wir kämen also in Schwierigkeiten, wenn wir für unsere Zeit diese Schriftstelle zur Lehre machen wollten.

Damals, die ganze Zeit der Apostelgeschichte über, scheint es, daß die Heidenchristen diese Nahrungsgebote zu beachten hatten. Aber das alles änderte sich, als das Gesetz für Israel aufgehoben wurde und einzelne Juden und Heiden völlig gleich gemacht wurden. In Kol. 2, 16 wird beiden Gruppen gesagt, “laßt euch von niemandem ein schlechtes Gewissen machen wegen Speise oder Trank.” Sie waren von solchen Satzungen befreit, und die Tötungsart der Schlachttiere war jetzt unwichtig geworden. Wieder ein großer Schritt in der Vereinigung der beiden zu einem neuen Menschen, dem Leib Christi.

Aber Kol. 2, 16 sagt noch viel mehr: Auch um religiöse Feiertage, Neumondfeiern und Sabbate sollten sie sich das Gewissen nicht beschweren lassen. Können wir ermessen, was eine solche Freiheit vom Gesetz für die Judenchristen jener Tage bedeutete?

d) Die Nähe der Wiederkunft Christi

In Apg. 3, 17 spricht Petrus zum Volk von der Kreuzigung Christi, daß sie aus Unwissenheit begangen worden sei. Darin stimmt er mit dem überein, was der Herr am Kreuz betete: “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun” (Luk. 23, 24). Aber Petrus drängt nun das Volk zur Buße und erklärt, wenn sie Buße täten, werde Christus wiederkommen.

“Nun, liebe Brüder, ich weiß, daß ihr’s aus Unwissenheit getan habt, wie auch eure Oberen. Gott aber hat erfüllt, was er durch den Mund aller seiner Propheten zuvor verkündigt hat: daß sein Christus leiden sollte. So tut nun Buße und bekehrt euch, daß eure Sünden getilgt werden, damit die Zeit der Erquickung komme von dem Angesicht des Herrn und er den sende, der euch zuvor zum Christus bestellt ist: Jesus. Ihn mußte der Himmel aufnehmen bis zu der Zeit, in der alles wiedergebracht wird, wovon Gott geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten von Anbeginn” (Apg. 3, 17-21).

Alles würde wiedergebracht werden; die Zeit der Erquickung würde kommen, ihre Sünden würden getilgt, er würde den Christus senden, nämlich Jesus — wenn sie nur Buße tun würden. Das war nicht nur die Botschaft des Petrus, sondern alle Apostel lehrten die Möglichkeit der Wiederkunft Christi während der Zeit der Apostelgeschichte. Zum Beispiel:

Petrus schreibt: “Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge” (1. Petr. 4, 7).

Jakobus schreibt: “So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist Nahe. Seufzt nicht widereinander, liebe Brüder, damit ihr nicht gerichtet werdet. Siehe, der Richter steht vor der Tür” (Jak. 5, 7-9).

Johannes schreibt: “Kinder, es ist die letzte Stunde! Und wenn ihr gehört habt, daß der Antichrist kommt, so sind nun schon viele Antichristen gekommen; daran erkennen wir, daß es die letzte Stunde ist” (1. Joh. 2, 18).

Nochmals Johannes: “… die Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen soll … Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe.” — “Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an … Der Herr, der Gott des Geistes der Propheten, hat seinen Engel gesandt, zu zeigen seinen Knechten, was bald geschehen muß. Siehe ich komme bald … Versiegle nicht die Worte der Weissagung in diesem Buch; denn die Zeit ist nahe! … Siehe, ich komme bald … Es spricht, der dies bezeugt: Ja, ich komme bald” (Offb. 1, 1.3; 3, 20; 22, 6.7.10.12.20).

Judas zitiert Henoch und schreibt: “Siehe, der Herr kommt mit seinen vielen tausend Heiligen, Gericht zu halten …” (Jud. 14-15).

Auch Paulus lehrte in der Zeit der Apostelgeschichte diese große Wahrheit und zeigte, daß alle christlichen Juden noch auf eine nationale Buße Israels hofften, die die Wiederkunft des Herrn einleiten werde und die Errichtung des Königreichs auf der Erde. Vor Agrippa sagte Paulus: “Und nun stehe ich hier und werde angeklagt wegen der Hoffnung auf die Verheißung, die unsern Vätern von Gott gegeben ist. Auf ihre Erfüllung hoffen die zwölf Stämme unsres Volkes, wenn sie Gott Tag und Nacht beharrlich dienen” (Apg. 26, 6-7). Er schreibt auch in seinen früheren Briefen oft von der Nähe der Wiederkunft Christi, und den schweren Zeiten, die ihr vorausgehen würden.

Hebr. 10, 25.37: “Laßt uns … nicht verlassen unsre Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das um so mehr, als ihr seht, daß sich der Tag naht … Denn nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht lange ausbleiben.”

Röm. 13, 12: “Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So laßt uns nun ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.”

1. Thess. 1, 9-10: “Sie berichten uns: wie ihr euch bekehrt habt von den fremden Göttern, zu dienen dem lebendigen Gott und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel …”

1. Kor. 1, 6-7: “Denn die Predigt von Christus ist in euch kräftig geworden, so daß ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus.”

1. Kor. 7, 26-29: “So meine ich nun, es sei gut um der kommenden Not willen„ es sei gut für den Menschen, ledig zu sein. Bist du an eine Frau gebunden, so suche nicht, von ihr loszukommen; bist du nicht gebunden, so suche keine Frau. Wenn du aber doch heiratest, sündigst du nicht und wenn eine Jungfrau heiratet, sündigt sie nicht; doch werden solche in äußere Bedrängnis kommen. Ich aber möchte euch gerne schonen. Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz …”

Aus 1. Thess. 4, 15-17 und 1. Kor. 15, 51-52 geht deutlich hervor, daß Paulus die Wiederkunft Christi noch während seiner Lebenszeit erwartete, und das ist der Grund, warum er den Leuten rät, nicht zu heiraten. Wenn Israel damals Buße getan hätte, dann wäre der Herr Jesus wiedergekommen, und vorher hätte die Nation den großen und schrecklichen Tag des Herrn erlebt, die große Trübsal.

Von dieser Zeit hatte Jesus gesagt: “Alsdann fliehe auf die Berge, wer in Judäa ist; … Wehe aber den Schwangeren und den Stillenden zu jener Zeit! Bittet aber, daß eure Flucht nicht geschehe im Winter oder am Sabbat. Denn es wird dann eine große Bedrängnis sein, wie sie nicht gewesen ist vom Anfang der Welt bis jetzt …” (Matth. 24, 16-21).

Wir wissen aber, daß die Nation nicht Buße getan hat. Sie verstockten sich und wurden blind und taub (Apg. 28, 25-28). Daraufhin verlor Israel seine Privilegien und Verheißungen einschließlich des Angebots, daß Christus damals wiederkommen und alles wiederherstellen würde. So finden wir in den Briefen, die nach dem Geschehen von Apg. 28, 25-28 geschrieben sind, keinerlei Aussage über die Nähe der Wiederkunft Christi, oder daß es die letzte Stunde sei. Tatsächlich wird das Wort parousia, das soviel wie “das Kommen” oder “die Gegenwart” bedeutet, in den späteren Briefen nirgends mit Bezug auf den Herrn verwendet. Es gibt keinerlei Erwähnung über die parousia des Herrn in Epheser, Philipper, Kolosser, 1. u. 2. Timotheus, Titus und Philemon.

Außerdem ist es bedeutsam, daß Paulus in den späteren Briefen anderen Rat gibt als früher, weil die Wiederkunft Christi nicht mehr nahe bevorsteht. Jetzt konnte das Leben normal weitergehen, und jetzt rät Paulus den jungen Witwen:

“So will ich nun, daß die jüngeren Witwen heiraten, Kinder zur Welt bringen, den Haushalt führen, dem Widersacher keinen Anlaß geben zu lästern” (1. Tim. 5, 14).

e) Die Heilungen

In Apg. 2, 22 lesen wir, daß Jesus von Nazareth von Gott unter dem Volk Israel durch Wunder und Zeichen ausgewiesen war, die Gott durch ihn unter dem Volk getan hat. Das waren die Wunder, von denen die Propheten gesagt hatten, daß der Messias sie tun werde. Diese Wunder waren seine Beglaubigung.

Ähnlich brauchte auch die Erlösung durch Christus, die von den Aposteln während der Zeit der Apostelgeschichte verkündigt wurde, eine gewisse Beglaubigung, wenn das jüdische Volk auf die, die sie predigten, hören sollte. “Und Gott hat dazu Zeugnis gegeben durch Zeichen, Wunder und mancherlei mächtige Taten und durch die Austeilung des heiligen Geistes nach seinem Willen” (Hebr. 2, 4). Die Auswirkung eines solchen Wunders auf das Volk Israel können wir bei der Heilung des Mannes an der “Schönen Tür” durch Petrus und Johannes beobachten.

Als Paulus unter dem Volk Israel dienen sollte, war es notwendig, daß auch er durch gleiche Zeichen bestätigt wurde, und wir sehen das ebenfalls in der Apostelgeschichte. Er vollbrachte viele Wunder, davon lesen wir:

Paulus und Barnabas blieben längere Zeit in Ikonion “und lehrten frei und offen im Vertrauen auf den Herrn, der das Wort seiner Gnade bezeugte und lief Zeichen und Wunder geschehen durch ihre Hände” (Apg. 14, 3).

In Lystra war ein Mann “gelähmt von Mutterleib an und hatte noch nie gehen können. Der hörte Paulus reden. Und als dieser ihn ansah und merkte, daß er glaubte, ihm könne geholfen werden, sprach er mit lauter Stimme: Stell dich aufrecht auf deine Füße! Und er sprang auf und ging umher” (Apg. 14, 8-10).

“Und Gott wirkte nicht geringe Taten durch die Hände des Paulus. So hielten sie auch die Schweißtücher und andere Tücher, die er auf seiner Haut getragen hatte, über die kranken, und die Krankheiten wichen von ihnen, und die bösen Geister fuhren aus” (Apg. 19, 11-12).

“Es saß aber ein junger Mann mit Namen Eutychus in einem Fenster und sank in einen tiefen Schlaf, weil Paulus so lange redete; und von diesem Schlaf überwältigt fiel er hinunter vom dritten Stock und wurde tot aufgehoben. Paulus aber ging hinab und warf sich über ihn, umfing ihn und sprach: Macht kein Getümmel, denn es ist Leben in ihm. Dann ging er hinauf und brach das Brot und aß und redet viel mit ihnen, bis der Tag anbrach; und so zog er hinweg. Sie brachten aber den jungen Mann lebend herein und wurden nicht wenig getröstet” (Apg. 20, 9-12).

“Es geschah aber, daß der Vater des Publius am Fieber und an der Ruhr darnieder lag. Zu dem ging Paulus hinein und betete und legte die Hände auf ihn und machte ihn gesund. Als das geschehen war, kamen auch die andern Kranken der Insel herbei und ließen sich gesund machen” (Apg. 28, 8-9).

In der Apostelgeschichte finden wir Heilungen sowohl an Juden wie auch an Heiden, die Anteil an den Segnungen Israels hatten wie ein wilder Ölzweig, der in einen kultivierten Baum gepfropft ist und vom Saft des Baumes mit ernährt wird (Röm. 11, 17). Als aber die Nation sich verstockt hatte und blind und taub geworden war, verlor sie ihre Privilegien, und Gott bezeugte sich ihr als Nation nicht weiter. Deshalb wurden solche wunderbaren Zeugnisse nicht mehr benötigt, und es ist auffallend, daß in den Briefen, die nach den Ereignissen von Apg. 28, 25-28 geschrieben wurden, nicht nur kein Bericht von sofortiger Heilung mehr steht, sondern wir sogar drei klare Bestätigungen davon finden, daß Paulus nicht mehr grundsätzlich heilte.

In 2. Tim. 4, 20 stellt Paulus nur fest, daß er Trophimus krank in Milet zurückgelassen hat. Vorher hatte er in Apg. 28, 8-9 in Malta niemanden krank gelassen.

Dann gibt Paulus in 1. Tim. 5, 23 Timotheus den Rat: “Trinke nicht mehr nur Wasser, sondern nimm ein wenig Wein dazu um des Magens willen, und weil du oft krank bist.” Vorher hatten Schweißtücher genügt, die von Paulus an Kranke geschickt wurden, um Heilung zu bewirken. Jetzt dagegen sendet er nur einen Ratschlag.

Schließlich lesen wir in Phil. 2, 25-28: “Ich habe es aber für nötig angesehen, den Bruder Epaphroditus zu euch zu senden, der mein Mitarbeiter und Mitstreiter ist und euer Abgesandter und Helfer in meiner Not; denn er hatte nach euch allen Verlangen und war tief bekümmert, weil ihr gehört hattet, daß er krank geworden war. Und er war auch todkrank, aber Gott hat sich über ihn erbarmt, nicht allein aber über ihn, sondern auch über mich, damit ich nicht eine Traurigkeit zu der anderen hätte. Ich habe ihn nun umso eiliger gesandt, damit ihr ihn seht und wieder fröhlich werdet und auch ich weniger Traurigkeit habe”.

Wenn Paulus die Gabe der unmittelbaren und sofortigen Heilung noch besessen hätte, dann hätte er keine Traurigkeit zu haben brauchen; schon gar nicht eine Traurigkeit auf die andere. Zweifellos betete Paulus für seinen Mitarbeiter, und als Epaphroditus wieder gesund wurde, sagte er Gott Lob und Dank. Wir können das gleichfalls tun und uns dadurch viele geistliche Probleme ersparen, wenn wir anerkennen, daß wir Heiden sind und unsere Lage die gleiche ist wie im späteren Dienst des Paulus und nicht wie in seinem früheren Dienst.

8. Zusammenfassung

Wenn wir Bibelstudium betreiben, dann ist es wichtig für uns, daß wir wissen: alle Schrift ist nicht nur von Gott eingegeben, sondern auch “nützlich zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit” (2. Tim. 3, 16). Wir können über Gott und die Menschheit im allgemeinen viel lernen, wenn wir die Ereignisse im Alten Testament recht verstehen. Das erklärt uns 1. Kor. 10, 6. Aber wenn wir darauf bestehen, daß alle Schrift die gleiche Botschaft an alle Menschen zu allen Zeiten und über alle Aspekte von Gottes Plan hinweg haben müsse, dann tun wir Gott und seinem Wort einen schlechten Dienst.

Gewiß gibt es die ganze Schrift hindurch Erweise von Gottes Liebe und Gnade, seiner Geduld und Langmut, seiner Gerechtigkeit und seinem Gericht, von der Schöpfungsgeschichte bis zur Offenbarung. Ebenso ist es mit der Sündhaftigkeit und Selbstsucht des Menschen und mit seiner Angst vor dem Tod, dem er nicht entrinnen kann ohne das göttliche Geschenk der Gerechtigkeit, das dem Glaubenden umsonst gewährt wird.

“Ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung” (Hebr. 9, 22) unterstreicht den Weg, den Gott für die Rettung des Menschen vorgesehen hat, und die Notwendigkeit dieses großen Opfers für die Sünde ändert sich nicht. Wie wir gesehen haben, ist das allen drei Arten des Dienstes bei Paulus gemeinsam.

Ebensowenig ändert Gott die allgemein sittlichen Forderungen, die er für den Menschen aufgestellt hat. Ob wir das Gesetz des Mose lesen oder die Bergpredigt, den Brief des Jakobus an die Verstreuten Israels, die Worte, die Paulus in der Zeit der Apostelgeschichte an die Korinther schrieb, oder seine Ermahnungen an die Epheser und Kolosser — immer sind die praktischen Wahrheiten und die moralische Botschaft übereinstimmend gültig.

Aber, wie wir gesehen haben, befaßte er sich in der Zeit der Apostelgeschichte mit zwei verschiedenen Menschengruppen: Juden, die mit der Schrift aufgewachsen waren und großes Wissen über Gott hatten, und Heiden, die heidnischen Hintergrund hatten mit ihren Lehren von vielen Göttern. Beiden genau die gleiche Botschaft zu bringen, und dann die genau gleiche Reaktion von zwei so unterschiedlichen Gruppen zu erwarten, wäre ungerecht und eine Überforderung gewesen.

Die Grundlage für beide war die gleiche: der Herr Jesus Christus. Aber die Gebäude, die auf dieser Grundlage errichtet wurden, hatten verständlicherweise einige Unterschiede, und die zu erkennen und zu verstehen, wird unser Vertrauen in die Schrift stärken und unsern Glauben an den allwissenden Gott wachsen lassen.

In ähnlicher Weise haben wir Veränderungen erkannt, als Israel seine nationalen Privilegien am Ende der Apostelgeschichte verlor. Seine Pflichten und Verantwortungen gegenüber dem Gesetz wurden ebenso zurückgezogen, und Gott setzte einzelne Judenchristen und einzelne Heidenchristen einander völlig gleich. Sie wurden gleichermaßen Erben und Teilhaber und gleichwertige Glieder eines Leibes, dessen Haupt Christus ist.

Die Verheißung ewigen Lebens in einem irdischen Königreich mit Israel als dem Mittelpunkt, von dem die Heidenvölker ihre Segnungen bekommen sollten, war die Hoffnung des Alten Testaments, der Evangelien, der Zeit der Apostelgeschichte und der Briefe, die in dieser Zeit geschrieben wurden - und Gott wird eines Tages diese Erwartung erfüllen. Aber nach Blindheit, Taubheit und Verstockung Israels hat Gott eine neue Hoffnung offenbart, eine in den Überhimmeln. Jetzt ist der Gläubige erhoben und mit dem erhöhten Christus verbunden.

In dieser Studie haben wir versucht, die Worte von Miles Coverdale zu beachten, der feststellte, unser Schriftverständnis werde gefördert, wenn wir nicht nur berücksichtigten WAS geschrieben steht, sondern auch WER es geschrieben hat, in welcher ZEIT und AN WEN es gerichtet war. Außerdem ist zu beachten, WO, mit welcher ABSICHT und unter welchen UMSTÄNDEN es geschrieben wurde, sowie der vorausgehende und der folgende Text.

Mit anderen Worten: Wir wollen erkennen, daß der Herr in seiner Weisheit zu verschiedenen Menschen und in verschiedenen Situationen auch unterschiedliche Anweisungen gegeben hat. Er gebrauchte Paulus und trug ihm drei unterschiedliche Arten des Dienstes auf.

Die grundlegende Botschaft von Sünde und Erlösung durch Jesus Christus hat sich nie geändert. Aber andere Inhalte wurden geändert. Das zu erforschen, läßt uns die Lebendigkeit und fortschreitende Offenbarung des Wortes Gottes erkennen.

Solche Veränderungen zu erkennen, läßt uns darüber nachsinnen, was Gott tut und warum er es tut. Es läßt uns über Gottes ewigen Vorsatz nachdenken (Eph. 3, 11) und wahrnehmen, daß er gleichermaßen einen Plan für die Erde wie einen für die Himmel hat, und daß er eines Tages Israel wiederherstellen wird, um sein Ziel mit der Erde zu erreichen. Das wird allerdings erst dann geschehen, wenn er sein Ziel mit dem Himmel erreicht hat, mit der Gemeinde als seinem Leib, in dem gläubige Juden und Heiden völlig gleichwertige Glieder sind und Christus das Haupt.


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Michael Penny wurde 1942 in Ebbw Vale, Gwent — Wales — geboren. Er studierte Mathematik an der Universität von Reading, bevor er am Queen Mary’s College, Basingstone, zwölf Jahre lang lehrte und Direktor für Mathematik und Wirtschaftslehre wurde.

1978 begann er mit christlichen Veröffentlichungen und 1984 wurde er zum Administrator des “Open Bible Trust” ernannt. Diese Position hatte er sieben Jahre lang inne. Seit 1991 ist er Herausgeber von “Open Bible Trust” und “Grace Publications” und Pastor der Grace Church in New Berlin, USA. Er und seine Frau Sylvia wohnen mit ihren Kindern in der Nähe von Milwaukee, Wisconsin.

Originaltitel: “Paul’s Three Ministries by Michael Penny”
I.S.B.N. 0 947778 08 X
The Open Bible Trust

Paul’s Three Ministries von Michael Penny erschien ursprünglich 1985 in englischer Sprache beim Verlag The Open Bible Trust, England, der die Übersetzung und die deutsche Ausgabe genehmigt hat.

Eine vollständige Liste der Schriften von Michael Penny kann bezogen werden von:
The Open Bible Trust, 36 St. Laurence Avenue, Brundall, Norwich, NR-13 5 QH

oder von:
Grace Publications Inc., 4800 South Calhoun Roed, New Berlin WI 53151-7306, USA.

Zu den weiteren Schriften von Michael Penny gehören:
The Manual an the Gospel of John The Miracles of the Apostles
The Bible — Myth or Message? Approaching the Bible

Deutsche Ausgabe:
Manfred Mössinger, Eigenverlag
Bezugsadresse: Manfred Mössinger, Titusweg 1, D-76307 Karlsbad

Deutsche Ausgabe mit Genehmigung des Verlags The Open Bible Trust Deutsche Übersetzung: Peter Lange

Genehmigung für die Internetveröffentlichung durch come2god.de erteilt vom dt. Herausgeber.

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