Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Paulus — Das auserwählte Rüstzeug als Typus für die Gemeinde des Leibes Christi

Autor: Muhl, Arthur  |  Kategorie(n): Gemeinde, Paulus  |  612 x gelesen

Wir wollen vorab die Sonderstellung des Apostels Paulus in ganz bestimmten Zusammenhängen näher ansehen, und zwar aus dem Gesamtzeugnis der Schrift Alten und Neuen Testamentes. Wie wir wissen, hatte er die gewaltige besondere Gnade und Gabe zur Verkündigung der Herrlichkeit des Evangeliums der Gnade Gottes, ausgehend von der Herrlichkeit unseres glückseligen Gottes, wie er in 1. Tim. 1, 11 schreibt, nämlich dem Evangelium, welches er persönlich empfangen hat, “welches mir, Paulus, anvertraut worden ist.”

Betrachten wir aber zuerst die fast unfassbare Aussage in Kol. 1, 24: “Jetzt freue ich mich in den Leiden für euch und ergänze in meinem Fleische, was noch rückständig ist von den Drangsalen des Christus für seinen Leib.” Da haben wir uns bestimmt alle schon gefragt: ‘Ja, Paulus, hat Jesus am Kreuz nicht gerufen: “Es ist vollbracht!” Was hast du noch zu ergänzen, abzuschließen, zu vollenden?’ Diese heikle Frage steht im Raum, denn wir haben diese Aussage schriftlich als Wort Gottes vor uns, durch den Heiligen Geist, dem Paulus gegeben. Also haben wir es anzuerkennen, dürfen aber darum bitten, das zu verstehen. Später wollen wir noch zurückgreifen auf zwei einzige Verse im Alten Testament, die uns dann kurz und bündig von den unausforschlichen Weisheiten Gottes überführen und uns diese Aussagen des Apostels Paulus erhellen werden.

Dem Paulus ist es nach Kol. 1, 25 auch gegeben, das Wort Gottes zu vollenden, also zu ergänzen, was wirklich noch mangelt. Wenn er sowohl die Leiden des Christus ergänzt als auch das Wort Gottes ergänzt, dann ist es prinzipiell wichtig, zu beachten, dass man ja nur etwas ergänzen kann, wo eine Masse schon vorhanden ist, die der Ergänzung bedarf. Was heißt das praktisch? Gott hat dem Apostel Paulus Offenbarungen gegeben, und zwar mit Vorliebe in Form von Geheimnissen Gottes, vom Geheimnis des Evangeliums, vom Geheimnis des Christus, vom Geheimnis des Leibes des Christus usw. Aus solchen gewaltigen letzten Offenbarungen besteht diese Ergänzung, die dem Apostel Paulus gegeben ist. Und die Masse, die der Ergänzung bedarf, ist das ganze übrige Wort Gottes, Altes und Neues Testament. Die Ergänzung ohne die Masse ist wie ein Schlüssel ohne Schloss; und die Masse ohne die Ergänzung ist wie ein Schloss ohne Schlüssel, denn vor Gott gilt nur das Ganze, das Vollkommene, wo nichts fehlt.

Wenn zum Beispiel tausend Gebote da sind, 999 halte ich und strauchle nur in einem, dann bin ich alle anderen 999 schuldig. Das ist die eine Seite, sehr klar steht die Gesamtforderung des Gesetzes vor uns; und ebenso vollkommen steht auf der anderen Seite das Gesamtgeschenk der Gnade vor uns, die keinen Hauch von Werken oder Leistung oder Gesetz in sich dulden kann, “sonst ist die Gnade nicht mehr Gnade”. Das sind Totalansprüche im Worte Gottes!

Die besondere Stellung des Apostels Paulus als Abgesonderter haben wir nun zu betrachten, “abgesondert von Mutterleibe an”, wie er in Gal. 1, 15 schreibt. Wir wissen ja, welche Bedeutung für jeden Menschen der Mutterschoss hat. Und hier “von Mutterleibe an abgesondert” für das Evangelium Gottes an die Nationen. Um dies zu verstehen, müssen wir in der Schrift weit zurückgreifen. In Bezug auf Christus sowohl als einzig gezeugten und -geborenen und als erst geborenen Sohn Gottes hat der Geist Gottes nun die Gestalt des Joseph vor uns hingestellt. Joseph seinerseits hat als Mutterschoss den der Rahel. Es ist die Frau, die Gott dem Jakob zugeführt hat, als er noch auf der Flucht vor seinem Bruder Esau war. Rahel bekam nur zwei Söhne von ihrem Mann, der sie in Liebe erwählt hat, nämlich Joseph und Benjamin. Die anderen Söhne kamen aus anderen Mutterschößen, die er nicht auserwählt hat. Aus dem Mutterschoss der Lea, der älteren Schwester der Rahel, die der Schwiegervater dem Jakob in der Hochzeitsnacht unterschoben hat (welch eigenartige Dinge!) kamen sechs der zwölf Söhne Jakobs. Aus den Mutterschößen der beiden Mägde Leas und Rahels kamen je zwei Söhne.

Der Zeit und dem Fleische nach war nun der erste Sohn der Lea, nämlich Ruhen (zu deutsch: “Siehe, ein Sohn!”) der Erstgeborene. Für Jakob aber war er der Sohn der Gehassten und er war wohl in einem Herzenskonflikt, ob er diesem das Erstgeburtsrecht zuerkennen solle. Dazu lesen wir aber in 5. Mose 21, 17 als ersten Grundsatz: “Sondern den Erstgeborenen, den Sohn der Gehassten, soll er anerkennen,” das ist also nach dem Gesetz, “dass er ihm zwei Teile gebe von allem, was in seinem Besitz gefunden wird, denn er ist der Erstling seiner Kraft, ihm gehört das Recht der Erstgeburt.” Also — ob geliebt oder gehasst, spielt nach dem Gesetz keine Rolle.

Aber Gott hat noch einen zweiten Grundsatz: Vor ihm ist nicht derjenige der Erstgeborene eines Vaters, der gezeugt und geboren wurde unter Betrug, sondern der ist der Erstgeborene des Vaters, der aus dem Mutterschoss gekommen ist, den der Vater in Liebe erwählt hat. So lesen wir in 1. Chr. 5, 1: “Und die Söhne Rubens, des Erstgeborenen Israels, denn er war der Erstgeborene; weil er aber das Lager seines Vaters entweiht hatte, wurde sein Erstgeburtsrecht den Söhnen Josephs, des Sohnes Israels, gegeben; aber er wird nicht nach der Erstgeburt verzeichnet. Denn Juda hatte (zwar) die Oberhand unter seinen Brüdern, und der Fürst kommt aus ihm; aber das Erstgeburtsrecht wurde dem Joseph zuteil.” Ruben hatte sich in sexueller Hinsicht schwer versündigt, und da wird Joseph deshalb in die Erstgeburt bestellt.

Im Segen des Mose über die zwölf Stämme lesen wir, 5. Mose 33 von Vers 13 an, gewaltige Segnungen überfließender Art für Joseph: “Gesegnet von Jehova sei sein Land — vom Köstlichsten der Himmel, vom Tau und von der Tiefe, die unten lagert; und vom Köstlichsten der Erträge der Sonne und vom Köstlichsten der Triebe des Mondes und vom Vorzüglichsten der Berge der Urzeit und vom Köstlichsten der ewigen Hügel.” Von allem ist dem Joseph das Köstlichste und das Vorzüglichste übergeben, er hat die Erstgeburt! Und jetzt noch Vers 16: “Und das Wohlgefallen dessen, der im Dornbusch wohnte, es komme auf das Haupt Josephs und auf den Scheitel des Abgesonderten unter seinen Brüdern.” Müssen wir bei diesem “Abgesonderten” nicht auch an den denken, der von sich sagt, er sei abgesondert von Mutterleibe an für das Evangelium Gottes, nämlich den Saulus von Tarsus, später Apostel Paulus, der ja ein Nachfahre Benjamins ist, des Bruders von Joseph?

Und weiter in Vers 17: “Sein ist die Majestät des Erstgeborenen seines Stieres; und Hörner des Wildochsen sind seine Hörner. Mit ihnen wird er die Völker niederstoßen allzumal bis an die Grenzen der Erde. Und das sind die Zehntausende Ephraims, und das die Tausende Manasses”, also die Nachkommen der Söhne Josephs. Lesen wir hier noch die Ergänzung dazu in 1. Mose 49, 22-24, wo der Vater Jakob bzw. Israel über seinen Sohn Joseph folgendes aussagt: “Sohn eines Fruchtbaumes ist Joseph, Sohn eines Fruchtbaumes am Quell; die Schösslinge treiben über die Mauer (des Gesetzes). Und es reizen ihn und schießen, und es befehden ihn die Bogenschützen; aber sein Bogen bleibt fest, und gelenkig sind die Arme seiner Hände, durch die Hände des mächtigen Jakobs. Von dort wird kommen der Hirte, der Stein Israels.” Stier stellt die Majestät der Erstgeburt und die Zeugungskraft des Erstgeborenen dar, und deshalb hier Joseph im Bild des Stieres.

Ein kleiner Nebengedanke sei erlaubt: “Hörner eines Wildochsen sind seine beiden Hörner”, was ist wohl darunter zu verstehen? Die Militärmacht seiner Nachkommenschaft aus Ephraim und Manasse! Ephraim, Manasse und Benjamin, diese drei Stämme waren in der Lagerordnung Israels im Westen gelagert. Es gibt ja in der westlichen Welt eine Lehre, die sog. “Britisch-Israel-Lehre”, die besagt, der Hauptkerntrupp der Engländer seien Söhne Manasses und der Hauptkerntrupp der USA seien Söhne Ephraims. Wenn das so stimmt, hieße das, dass Christus sich jetzt wieder, am Ende der Tage, der Nachkommen der Söhne Josephs, nämlich Ephraims und Manasses bedient, um alle Völker niederzustoßen und in die Knie zu zwingen. Und Hörner eines Wildochsen sind es, weil es sich hier um Kampf wider Fleisch und Blut handelt. Das sind nicht die Hörner der Stosskräfte der Liebe des Christus; er bedient sich aber aus seiner Herrlichkeit um Israels willen, der von ihm wunderbar geordneten Zerstreuung der Söhne Israels und benützt sie für den gegenwärtigen Staat Israel, wenn es jetzt nach Fleisch und Blut zu kämpfen gilt in und für Israel — gewaltige Zusammenhänge!

Und jetzt schlagen wir die erste der beiden angekündigten Stellen auf, und zwar im Buche Josua, Kapitel 6, Vers 26: “Und Josua schwur zu selbiger Zeit und sprach: Verflucht vor Jehova sei der Mann, der sich aufmachen und diese Stadt Jericho bauen wird (also wieder aufbauen wird). Mit seinem Erstgeborenen wird er den Grund legen und mit seinem Jüngsten ihre Tore aufstellen.” Dieses “mit” bedeutet, wie die Elberfelder unten bemerkt: “um den Preis seines Erstgeborenen und seines Jüngsten.” Das heißt, wenn der Mann, der es wagt Jericho trotz dieses Fluches des Josua wieder aufzubauen, also beginnt den Grund zu legen für die Mauern, dann kommt sein Erstgeborener um. Wagt er weiterzubauen und kommt an die Vollendungsarbeiten, nämlich das Einhängen der Stadttore, dann kostet es das Leben seines jüngsten Sohnes. Da Josua schwört, gibt es gar keine Möglichkeit, dass das in diesem Fluch Ausgesprochene irgendwie ausbleiben oder umgangen werden könnte.

Bedeutsam ist die Formulierung dieses Fluches, der beschworen ist: “Verflucht vor Jehova ist der Mann, der sich aufmachen und diese Stadt Jericho bauen wird, mit seinem Erstgeborenen wird er ihren Grund legen und mit seinem Jüngsten wird er die Tore aufstellen.” Früher habe ich diese Worte so gelesen bzw. verstanden: Es soll sich ja keiner je unterstehen, auch nur daran zu denken, diese Stadt Jericho wieder aufzubauen, die eben gerade vollständig zerstört worden ist, offensichtlich durch Eingriff heiliger Engel zugunsten Israels! Denn was für David die Stirn des Goliath war, das war für Josua die Stadt Jericho: Wenn David die Stirn des Goliath trifft, dann ist der Sieg Israels, und die Philister sind schon geschlagen. Trifft er sie nicht, dann ist es umgekehrt. Jericho musste für Josua weg sein und bleiben, die Stirn der kanaanitischen Nationen, wo sich wieder “Götter” eingemischt hatten mit Töchtern der Menschen.

Deshalb waren wieder Riesen da, wie in den Tagen Noahs, und die vierzig Jahre hat Gott gewartet, bis die sieben Nationen der Kanaaniter total verseucht waren mit dieser Vermischung zwischen Gottessöhnen und Töchtern der Menschen; dann erst konnte Israel einziehen und das Gericht durchführen. Deshalb habe ich früher so gedacht: Soll sich ja keiner unterstehen, diese Stadt Jericho je wieder aufzubauen! Und dann auch noch mit dem Schwur! Aber wie steht es hier? “… der Mann, der sich aufmachen und diese Stadt Jericho bauen wird …” Dreimal steht hier “wird”, das ist direkt eine prophetische Zukunftsaussage, was geschehen wird.

Wir beachten jetzt noch die zweite angekündigte Stelle in 1. Kön. 16, 34: “In seinen Tagen baute Hiel, der Betheliter, Jericho wieder auf. Mit Abiram, seinem Erstgeborenen, legte er ihren Grund, und mit Segub, seinem Jüngsten, stellte er ihre Tore auf, nach dem Worte Jehovas, das er durch Josua, den Sohn Nuns, geredet hatte.” Dieser Ausspruch Josuas war tatsächlich prophetische Aussage in Form eines Fluches, der mit einem Eidschwur vollkommen sichergestellt war. Und so geschah es.

Aber was hier geschah, ist wieder nur der Schattenriss von einem Körper, der von einem umso helleren Licht angestrahlt wird, als der Schattenriss dunkel ist. Zwischen dem Körper, der den Schatten wirft, und dem Schatten stimmen nur zwei Beziehungen überein: Die Umrisse und die Bewegungen des Körpers. Wenn ich von einem Körper, den ich nicht kenne, von vier verschiedenen Seiten Schattenrisse habe, die unter bestimmten Winkeln entstanden sind, dann kann ich den Körper modellieren. So werden z. B. in den vier Evangelien die vier Seiten der Herrlichkeit des Christus schattenhaft vorgeführt; da haben wir sogar schon den Eigenschatten, denn da kann Johannes schreiben: “… was wir betastet haben”. Auf der dem Licht abgewandten Seite kann man schon die Formen und Eigenschaften abtasten!

Aber zurück zu dem Manne Hiel, der Jericho wieder aufbaute. Der Vers in 1. Kön. 16, 34 beginnt ja so: “In seinen Tagen baute Hiel …” Es waren die Tage des bösen und gottlosen Königs Ahab, in denen Hiel Jericho wieder aufbaute. Wir werden gleich sehen, was die Schrift damit zum Ausdruck bringen will, möchten aber zuvor noch klären, was der Name dieses Mannes Hiel bedeutet. Hebräisch “chai” heißt “Leben” und “el”, das wissen wir wohl alle, heißt “Gott”. “Hiel”, also hebräisch “chaiel”, bedeutet “der lebendige Gott”. In den Tagen wo auf Erden Gottlosigkeit und Abfall, wo Gesetzlosigkeit, ja der Gesetzlose selbst auf Erden herrschen, da baut der lebendige Gott “Jericho” wieder auf!

Wenn dieser Mann Hiel (oder hebr. chaiel) Schattenbild für den lebendigen Gott ist, dann ist natürlich Jericho nicht die irdische Stadt, dann müssen wir bei der Deutung dieser Gleichnisse der Schrift, die alle wie mathematische Gleichungen sind, alle Teile um den gleichen Faktor erweitern bzw. erhöhen. Wenn wir in einem Menschen die Abschattung Gottes sehen, dann müssen wir die anderen in dem Gleichnis vorkommenden Personen und Dinge ebenfalls in geistlichen Höhen sehen. Erst dann ist die Gleichung in der Waage, und es stimmen sowohl die eingesetzten Werte als auch letztlich die Auslegung.

Was bedeutet nun “Chaiel, der Betheliter”? Bethel heißt ja “Haus Gottes”. Der im Hause Gottes zuhause ist, das ist eben der lebendige Gott!

Nun aber wollen wir verstehen lernen, was die Schrift hier mit “Jericho” meint. Das hebräische Wort “jareach” heißt Mond. Jericho oder hebräisch “jareacho” heißt Mondstadt. Der Mond ist nach 1. Mose 1, 16 das Zeichen für den Beherrscher der Finsternis, also für Satan, der “Fürst des Kosmos”, der “Gott” dieses bösen Zeitalters.

Der frühere Name von Jericho aber war “Palmenstadt”. Die Palme aber (hebr. “tamar”) ist nach Hohelied 7, 6-9 ein Symbol, ein Vergleich für die Liebe. Was Gott in seiner Liebe in seiner ganzen Schöpfung zur Darstellung gebracht hat, ist durch die Überhebung des Herzens des als gesalbten Cherub geschaffenen ersten Geschöpfes samt ihm zum Bollwerk der Finsternis geworden. Die einst herrliche Schöpfung (Palmenstadt) wurde durch Satans Fall zur Mondstadt. Und für diesen gefallenen Zustand der Schöpfung steht die Stadt Jericho in unserem Gleichnis. Gott, der wahre “chaiel”, baut diese Stadt, d. h. diese gefallene Schöpfung wieder neu auf!

Wenn Jesus in seiner Deutung des Gleichnisses vom Unkraut im Weizen einen “Acker” zum Weltall der Schöpfung, zum “Kosmos”, erhöht, dann dürfte hier “Jericho” mindestens soviel bedeuten. “Um den Preis ab-i-rams legte er ihren Grund.” Dieser Name besteht aus drei Teilen, nämlich “ab” heißt Vater, “i” heißt mein und “ram” heißt Höhe. Zusammen also “mein Vater ist in der Höhe”. So bedeutet demnach dieser Satz: Um den Preis dessen, dessen Vater in der Höhe ist, seines Erstgeborenen, legte der lebendige Gott den Grund. Der lebendige Gott hat ja einen erstgeborenen Sohn; und dessen Vater ist in der Höhe. Besonders dann ist das wichtig, wenn der Sohn in Niedrigkeit hier unten ist. Und gerade als der Sohn hier unten in Niedrigkeit war, legte der lebendige Gott mit der Dahingabe seines geliebten Erstgeborenen die Rechtsgrundlage dafür, dass er seine ganze gefallene Schöpfung wieder neu aufbauen kann, die er zuvor selbst wegen des Falles Satans dem Fluch der Vergänglichkeit unterworfen hatte.

Diesen Neuaufbau kann Gott aber nach der Formulierung dieses Fluches nur in Angriff nehmen, wenn er, der lebendige Gott, bereit ist zur Dahingabe Abirams, seines erstgeborenen Sohnes; nur um diesen Preis!

Was berechtigt uns zu sagen: Er kann es nur so! Wer von uns würde Gott widersprechen, wenn er sagen würde: “Kann ich nicht machen was ich will? Ich habe zwar die gegenwärtige Schöpfung und davor schon eine erste dem Fluch der Vergänglichkeit unterworfen, aber wer will mich hindern nach freiem Willensentschluss einfach wieder ohne jemand zu fragen eine neue Schöpfung zu machen?” Das müssten wir als ganz selbstverständlich akzeptieren und keiner würde Gott widersprechen.

Da belehrt aber der Apostel Paulus den Apostel Petrus eines besseren. Petrus wagte eines Tages, sich mit seinen Mitarbeitern an den gemeinsamen Tafeltisch mit den Unbeschnittenen aus den Nationen zu setzen. Was hat er da eigentlich gemacht? Da hat er die Zwischenwand der Umzäunung, die das Gesetz aufgerichtet hatte, abgebrochen. Ein Israelit durfte doch keine Tischgemeinschaft haben mit einem Unbeschnittenen, und jetzt gar der Führer der Zwölfe? Dann kamen einige Brüder aus Jerusalem von Jakobus. Und was macht Petrus? Er zieht sich schnell wieder von den Heidenchristen zurück. Eben hatte er die Mauer, die Zwischenwand, die das Gesetz aufgerichtet hatte, abgebrochen, und jetzt baut er sie wieder auf. Zum Glück ist Paulus dabei und sagt zu ihm vor allen: “Petrus, wenn ich das, was ich eben abgebrochen habe, wieder aufbaue, dann stelle ich mich selbst als Übertreter dar” (Gal. 2, 18).

Ist nun Gott gleicher Meinung? Kann Gott, nachdem er heiligen Engeln dieses Gesetz vom Sinai genehmigt hat, um es auf Israel zu legen, und dieses Gesetz in die Herzen der Menschen geschrieben hat, wodurch letztlich die ganze Schöpfung dem Fluch der Vergänglichkeit unterworfen wurde, kann dann Gott, nur weil er Gott ist, einfach eine neue Schöpfung machen? Dann würde Gott, so belehrt uns Paulus im Auftrage Gottes, sich selbst als Übertreter seiner eigenen Grundsätze darstellen. Auf diesem Wege also kann Gott um seiner selbst willen nicht vorgehen. Wie aber kann er, der sich selbst an dieses Gesetz gebunden hat, dennoch eine verlorene Schöpfung wieder aufbauen? Er kann es aufgrund von Golgatha: Grundlegung mit dem Erstgeborenen!

Hier haben wir geradezu den Beweis, wie der Heilige Geist das Gesetz bestätigt, in dem Sinne wie Paulus in Röm. 7, 14 schreibt: “Wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist, vorerst aber bin ich fleischlich unter die Sünde verkauft.” Das heißt, dass der Buchstabe des Gesetzes uns töten und verdammen kann. Aber in Christo Jesu, durch den Heiligen Geist belehrt, wissen wir nicht nur, dass das Gesetz geistlich ist, sondern jetzt können wir das ganze Gesetz von vorn bis hinten noch einmal neu lesen. Und bei diesem “geistlichen Lesen” des Gesetzes können wir durchgehend erleben, dass alle Flüche des Gesetzes aufgrund von Golgatha in den wunderbarsten Segen verwandelt sind, ohne einen Buchstaben zu ändern. Ebenso sind alle Forderungen des Gesetzes für uns zu Geschenken der Gnade Gottes geworden.

Haben wir das Gesetz schon so gelesen? Paulus fasst das wieder kurz zusammen in das Wort in Röm. 3, 21: “So sind wir nun ohne Gesetz Gottes Gerechtigkeit geworden, aber bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.” Wir haben also Gesetz und Propheten erst dann richtig gelesen, wenn uns Gesetz und Propheten bezeugen, dass wir ohne Gesetz und Propheten Gottes Gerechtigkeit geworden sind. So sollten wir das Alte Testament lesen! Wir sind ja gerade dabei, eine wundervolle Kostprobe davon zu nehmen!

Deshalb zurück zu ab-i-ram, dessen Vater in der Höhe ist. Um den Preis seines Erstgeborenen legte er den Grund für eine neue Schöpfung. Wieder hat Paulus den Vorrang, dies in 1. Kor. 3, 10 zu bezeugen, dass Gott mit Christus den Grund gelegt hat. Paulus tut dies auf eine Weise, dass wir meinen könnten, er sei ganz überheblich, ganz hochmütig: “So habe ich, Paulus, als weiser Architekt den Grund gelegt.”

Im Griechischen bedeutet “architekton” eben nicht Baumeister, wie oft fälschlich übersetzt wird, sondern Architekt in dem Sinne, wie wir das Wort in unserer Sprache gebrauchen. Baumeister ist im Griechischen “tekton”, das ist der, der den Bau ausführt; der “architekton” aber hat zuvor die Pläne dafür gemacht.

Im Grossen und Höchsten ist Gott der Vater der “architekton”, und der Sohn ist der “tekton”. Durch den Sohn hat er die ganze Schöpfung ausgeführt und mit ihm den Grund gelegt, und — so fährt Paulus in 1. Kor. 3, 11 weiter — “einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, Jesus Christus!”

Unser Ausgangsvers in 1. Kön. 16, 34 hat aber noch einen zweiten Teil. Bisher haben wir nur den ersten Teil betrachtet: “… mit Abiram, seinem Erstgeborenen, legte er ihren Grund.” Der zweite Teil lautet: “… und mit Segub, seinem Jüngsten, stellte er ihre Tore auf.” Zunächst erscheint es problematisch, diese zweite Aussage auch in einer würdigen Weise zu deuten.

Aber da hat der Heilige Geist in der Bibel eine Modell-Familie hingestellt, wo ein Erstgeborener und ein Jüngster Hauptrollen spielen, nämlich die Familie Jakobs. Jakob hat wohl einen “Erstgeborenen nach dem Fleisch”, wie wir schon betrachtet haben, aber auch einen Erstgeborenen, den Gott als solchen anerkennt, nämlich Joseph. Aber Jakob hat auch einen jüngsten Sohn, nämlich Benjamin. Und am Anfang haben wir gehört, dass nur Joseph und Benjamin aus dem Mutterschoss der Rahel kamen, der Frau, die Jakob in Liebe auserwählt hat; nur diese beiden. Die anderen Brüder haben wohl den gleichen Vater, aber nicht die gleiche Mutter. Was das bedeutet auf Christus — durch Joseph dargestellt — und auf Saul von Tarsus (nachher Apostel Paulus) — durch Benjamin dargestellt — das möge der Heilige Geist uns nun zutiefst aufschließen!

Benjamin heißt “Sohn der rechten (Frau)”. Bevor wir aber hören werden, was Segub bedeutet, werfen wir zum besseren Verständnis noch einmal einen Blick auf die Praxis des damaligen irdischen Geschehens: Der Mann Hiel beginnt mit seinen Arbeitern in Jericho wieder aufzuräumen. Die erste Arbeit nach dem Wegräumen der Trümmer besteht im Ausheben der Baugrube für die Fundamente der Stadtmauern. Stellen wir uns vor, da kommt ein Levite vorbei und sagt zu Hiel: “Du, was hast du da im Sinn?” “lch baue Jericho wieder auf, ich vermag das.” “Was, Jericho willst du wieder aufbauen?” Weißt du denn nicht, was Josua mit dem Fluch, mit dem Schwur dazu gesagt hat? Da würde ja dein Ältester dabei umkommen!” Da fragt Hiel den Leviten: “Was, das hat Josua gesagt, so? Mein Erstgeborener liegt ja schon da unten; kaum hatten wir mit dem Aushub begonnen, da begräbt ihn ein Erdrutsch und hat ihn gleich zugedeckt!” Nun überlegt der Levite bei sich selbst: ‘Ja, wenn das erste Wort des Josua schon erfüllt ist, kann kein Engel und kein Mensch den Mann Hiel hindern, weiterzubauen. Er hat den Grund gelegt nach dem Wort Josuas, er hat den Teil des Preises bereits bezahlt, um weiterbauen zu können.’

Also baut Hiel weiter, schweren Herzens, denn von dem Leviten weiß er inzwischen auch um den zweiten Teil der Prophezeiung Josuas und denkt bei sich: ‘Ja, wenn das auch noch stimmt, dass, wenn ich weiterbaue und die Tore der Stadtvollendung einhänge, dass dann mein geliebter Jüngster auch noch umkommt!’ Und er baut weiter bis die Stadt vollendet ist. Beim Einhängen der Stadttore hilft sein jüngster Sohn Segub mit; ein schwerer Torflügel kippt um und erschlägt ihn. Damit hat Hiel den zweiten Teil des Preises für den Wiederaufbau Jerichos bezahlt. Und so wie dies damals im irdischen Schattenriss geschehen ist, so geschieht es geistlicherweise seit Golgatha durch unseren Gott. Indem sich unser Gott in Christo selbst unter die durch Josua ausgesprochene Verfügung gestellt hat, handelte er auf eine geistliche und göttliche Weise, wie nur er es kann! Wer könnte unseren Gott nun hindern, eine neue Schöpfung bis zur herrlichen Vollendung zu schaffen?

Der Name Segub heißt “überragend” und bedeutet genau das, was Paulus in 1. Kor. 12, 31 nach der Darstellung der Gnaden- und Geistesgaben schreiben darf und muss, als Übergang zu dem wunderbaren Kapitel 1. Kor. 13 (Hoheslied der Liebe). Bruder Knoch übersetzt treffend: “Eifert aber nach den größeren Gnadengaben, und einen Weg zeige ich euch, der (erst) mit dem ‘Überragenden’ übereinstimmt!”

Geistesgaben und Gnadengaben sind also wunderbar und begehrenswert, bewegen sich aber noch auf einer Ebene, die noch nicht die Höhe erreicht hat, die alles andere weit ‘überragt’. Segub heißt eben zu deutsch “der Überragende, in der Höhe Gesicherte.” Wem unter den Aposteln ist es von Gott gegeben, die Dinge durch den Heiligen Geist geoffenbart zu bekommen und niederzuschreiben, die nach den Beurteilungen Gottes erst mit den überragendsten Herrlichkeiten und den Geheimnissen der Liebe Gottes übereinstimmen? Nur dem Apostel Paulus!

Aber Paulus hat als Brüder auch die anderen Apostel. Die zwölf Apostel waren zeitlich vor ihm geboren und sind berufen worden solange Jesus Christus in Niedrigkeit, vom Weibe geboren und unter Gesetz war. Saul von Tarsus aber wurde nicht durch den berufen, der “in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde” über die Erde ging und nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt war, sondern von einem “anderen Manne” (Röm. 7, 1-4).

Denn Christus ist nicht nur nach 1. Kor. 10, 4 “der geistliche Fels, der sie (Israel) in der Wolken- und Feuersäule vom Auszug aus Ägypten bis zum Einzug ins Land der Verheißung begleitete”, sondern spricht sein Volk Israel schon in Jes. 54, 5+6 an: “Denn der dich gemacht, ist dein Mann,” und “wie ein im Geiste betrübtes Weib ruft dich Jehova.” Und in Jer. 3, 14 sagt er zu ihnen: “Ich habe mich euch vermählt.” Christus ist also schon im Alten Testament “der Mann” und Israel sein Weib. Dazu schreibt nun Paulus in Röm. 7, 3: “Wenn aber der Mann gestorben ist, so ist das Weib frei vom Gesetz!” Israel hätte nach Christi Tod frei vom Gesetz sein können und “eines anderen Mannes werden” können, nämlich Weib dessen, “der aus dem Tode auferweckt wurde”, ohne sich nochmals als Eiferer für das Gesetz unter das Gesetz zu stellen.

Und eben von diesem “aus dem Tode auferweckten anderen Manne”, von dem verherrlichten Christus wurde Saul von Tarsus berufen und sofort in die Sonderstellung eingesetzt. Er ist aus dem Stamme Benjamin, wie er in Röm. 11, 1 und in Phil. 3, 5 bezeugt, aus Benjamin, dem Jüngsten der Söhne Jakobs!

In 1. Mo. 49, 27 lesen wir “Benjamin ist ein reißender Wolf.” Er bricht in die Herde des guten Hirten ein und zerreißt, wer ihm zwischen die Zähne kommt. Das stimmt bei Saul von Tarsus geradezu unheimlich! Aber “… am Abend verteilt er Beute”; am Abend seines Lebens da machte Paulus das Gegenteil, da verteilte er reiche Beute! Und was für Beute? Die Antwort gibt uns Ps. 119, 162: “Ich freue mich über dein Wort, wie einer der große Beute findet!” Er fand sie im Worte Gottes, durch den Geist Gottes, in der Gnade Gottes, im Evangelium der Herrlichkeit des glückseligen Gottes — und teilte uns allen reiche Beute aus!

Aus dieser Schau hat Paulus sagen dürfen: “Mir ist es gegeben, das Wort Gottes zu vollenden”, das heißt in diesem Zusammenhang, die Tore der Vollendung für eine ganz neue Schöpfung einzuhängen. Zwar hat er das damals nur in dem Sinne tun dürfen, dass er die ihm gegebenen Offenbarungen der Liebesabsichten und Endziele Gottes als Verheißungen im Worte Gottes niederlegte, aber er hat zugleich auch die Wege und Mittel skizzieren dürfen, wie Gott diese seine Ziele erreicht. Das was Paulus am Worte Gottes ergänzte, besteht in kostbaren Kleinoden. Es sind Dinge, die bis dahin im Herzen Gottes verborgen waren. So durfte er in Eph. 1, 22+23 bezeugen, dass Gott den vollständigen Christus, bestehend aus Haupt und Gliedern, als die Heilskörperschaft vorgesehen hat, durch die er seinen Heilswillen zur vollen Gottesfülle hinausfahren wird. Und wenn wir recht hinhören, merken wir auch in unserem Thema, wie wir von Gott schon jetzt in unserem irdischen Leben da mit hineingenommen sind.

Indem wir aber sagen, dass es dem Apostel Paulus gegeben ist, das noch Mangelnde zu ergänzen, dürfen wir ja nicht denken, dies geschehe getrennt vom Alten Testament!

Um dies zu verstehen, dienen uns die ersten und die letzten Verse des Römerbriefes. “Paulus, Sklave Jesu Christi, berufener Apostel, abgesondert zum Evangelium Gottes, welches er durch seine Propheten zuvor verheißen hat.” Also zuvor verheißen! Die dem Paulus anvertrauten Geheimnisse und letzten Vollendungswahrheiten aus dem Herzen Gottes sind in den Heiligen Schriften der Propheten schon vorhanden als Verheißungen. Das zeigt ebenso der Schluss des Römerbriefes in Kap. 16 der Vers 25: “Dem aber, der euch zu befestigen vermag, nach meinem Evangelium und der Predigt von Jesu Christo, nach der Offenbarung des Geheimnisses, das in den Zeiten der Zeitalter verschwiegen war, jetzt aber geoffenbart durch prophetische Schriften, nach Befehl des äonischen Gottes, …”

Wie also steht es mit den Dingen, die Paulus zu verkündigen hat? Vor Jahrzehnten wurde ich belehrt, dass die Dinge, die dem Paulus geoffenbart worden sind, im Alten Testament gar nicht vorhanden seien, sie seien bis dahin verborgen gewesen in Gott. Diese Lehrmeinung kann schon deshalb nicht stimmen, weil Paulus in seinen Schriften etwa 50 mal alttestamentliche Stellen zitiert und auf uns, den Leib Christi bezieht. Wir lesen in Joh. 1, 1: “Und das Wort war Gott.” Das heißt, alles was in Gott verborgen ist, ist auch im Wort vorhanden, aber in verborgener Weise. Nach Röm. 1, 2 sind diese Dinge “zuvor verheißen”, aber erst dem Apostel Paulus geoffenbart.

Ferner lesen wir in Ps. 17, 3: “Mein Gedanke geht nicht weiter als mein Mund.” Diese in David durch den Geist Christi gewirkten Worte sind eine Aussage Gottes. Denn nach 2. Sam. 23, 1-3 stellt David selbst fest: “Der Geist Jehovas hat durch mich geredet und sein Wort war auf meiner Zunge.” Wenn demnach Gott selbst sagt, dass sein Gedanke nicht weiter geht als sein Mund, also sein Wort, so bedeutet dies, dass im Worte Gottes alle Gedanken des Herzens Gottes in verborgener Weise vorhanden sind. Also waren auch die den Leib Christi betreffenden Gedanken Gottes im Alten Testament vorhanden; sie waren verheißen, aber nicht geoffenbart, ähnlich wie in einer noch winzigen Knospe die spätere Blüte oder das Blatt keimhaft vollständig angelegt ist, aber noch nicht entfaltet und deshalb auch noch nicht sichtbar.

Paulus darf als “weiser Architekt” nur mit wenigen Strichen den Entwurf für den Gesamtbau skizzieren: “Wie ich euch eben nur in kurzem beschrieben habe, woran ihr mein Verständnis im Geheimnis des Christus erkennen könnt.” Nur in kurzen Zügen also beschreibt er die Dinge. Für die Details des kommenden Baues sind Bauzeichner da, Bautechniker und Spezialisten, und der Architekt überwaltet nur alles, ob es seinem Gesamtplan und seinem Hauptentwurf entspricht, d. h. alle anderen Mitarbeiter an einem Bau haben sich diesen großen Zügen des Entwurfes des Architekten unter- und einzuordnen. Und in dieser Weise finden wir nun in der ganzen Schrift die Einzelheiten, die Details von den gewaltigen Zeugnissen, die der Apostel Paulus als weiser Architekt Gottes nur mit kurzen Strichen umreißen kann.

In dem, was dem Apostel Paulus als Ergänzung geoffenbart worden ist und was er nur in kurzen Zügen skizziert, steckt also der eigentliche Schlüssel zum Verständnis dessen, was Gott in seinem ganzen übrigen Wort in Einzelheiten ausdrücken will. So dürfen wir an die ganze Schrift herangehen und wenn wir unseren Text in 1. Kön. 16, 34 mit diesem Schlüssel lesen, dann bedeutet er zusammenhängend etwa: Beginnend in dem gegenwärtigen bösen Äon baut der lebendige Gott die durch die Sünde und durch den Fluch der Vergänglichkeit zerstörte Schöpfung neu auf. Um den Preis seines erstgeborener geliebten Sohnes Jesus Christus legte er den Grund; und um den Preis seines Jüngsten, des Überragenden, wird er die Vollendung der Neuschöpfung und die endliche Zurechtbringung des gesamten Alls hinausfahren.

Wie aber durch den Tod des Erstgeborenen alle Menschen lebendig gemacht werden, so ist nun auch beim Jüngsten, beim Überragenden, in Paulus die ganze Leibesgemeinde dabei. Er steht mit seiner Person für uns alle. Und wie in dem Tod des Erstgeborenen, Jesus Christus, alle Menschen mitgestorben sind und alle lebendig gemacht werden, so sind in dem “Jüngsten”, in Paulus, dem Apostel, alle Glieder des Leibes des Christus dabei.

Das bedeutet ferner, da unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt wurde, mit Christus gestorben ist und mit Christus begraben worden ist, dass Gott uns mit dem Gekreuzigten, dem Erstgeborenen, identifiziert. Wie Paulus in 1. Kor. 6, 15 schreibt: “Wisset ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind?” Das hat zur geistlichen Folge, dass alles, was ein christusgläubiger Mensch im Fleische leidet, Leiden sind, die Christus, sein Haupt, selbst betreffen. Jetzt verstehen wir das scheinbar gewagte Wort des Apostels Paulus aus Kol. 1, 24: “… ich ergänze in meinem Fleische, was noch rückständig ist von den Drangsalen des Christus für seinen Leib”, weil Paulus das Muster Gottes für uns alle ist, auch in dieser Hinsicht. Und jedes Gotteskind darf wissen, dass somit alle seine Leiden im Fleisch, Leiden des Christus, seines Hauptes sind. Leiden, die nötig sind für den Gesamtleib des Christus, so dass einmal alle Rechtsforderungen, die irgendein Geschöpf im Kosmos stellen könnte, dadurch erfüllt werden.

Ein praktisches Beispiel möge das verdeutlichen: Am Schluss einer gesegneten Versammlung meldet sich ein Bruder zu Wort. Man weiß, was dieser Bruder als Militärpatient an seinem Leibe durchgemacht hat: Zwei Jahre Krankenhaus, dann als “gesund” entlassen, nach eineinhalb Jahren wieder Krankenhaus, wieder entlassen und wieder im Krankenhaus. So erging es ihm sechs- oder siebenmal während zwanzig Jahren. Er spricht in tiefer Erschütterung zum Versammlungsleiter: “Darf ich glauben, was geschrieben steht in Jesaja 53, 4: Fürwahr Er nahm auf sich unsere Schmerzen” und wiederholt: “Darf ich das glauben oder nicht?”

Tiefe Stille herrscht im Versammlungsraum. Der angeredete Leiter schweigt und fleht den Herrn an um die richtige Antwort in diesem schweren Augenblick. Sie wird ihm gegeben und lautet: “Wie aber, lieber Bruder, wenn du ein Stück von diesem ‘ER’ wärest?” Wieder ist Totenstille! Der Patient beginnt den Zusammenhang zu erfassen, er atmet auf und geht still und getröstet nach Hause. Der Versammlungsleiter bekennt, dass ihm im Augenblick die Tragweite dessen noch nicht bewusst war, was er da antworten durfte.

Jesus Christus ist das Lamm und das Schlachtopfer Gottes. Und wir sind geachtet wie Schlachtschafe. Das angeführte Wort aus Jes. 53, 4 muss ja voll erfüllt werden. Aber Jesus in Niedrigkeit war zwar ein Mann der Schmerzen, war verachtet und verfolgt, aber viele sehr schwere Leiden, die Menschen durchmachen müssen, hat er in seiner Niedrigkeit nicht durchgemacht: Unheimliche Krebsleiden, Gehirntumore, Unglücksfälle, Naturkatastrophen, Depressionen, jahrelange Gefangenschaft, Altersbeschwerden, Einsamkeit, Verkrüppelungen, Siechtum und viele andere Leiden mehr! Aber die Glieder seines Leibes haben während der fast zweitausend Jahre alles dies durchgemacht, so dass der Gesamtchristus mindestens Verständnis hat für alle vorkommenden Leiden aller Menschen, und dass kein Ungläubiger später zu dem Gesamtchristus sagen kann: “Du hast keine Ahnung, was ich durchgemacht habe.”

Gott, der ja die Dinge vom Ziel her sieht und vom Vollkommenen her, sieht auch den Gesamtchristus — Haupt und Glieder — schon als vollkommen gemacht. So wie er aber seinen Erstgeborenen, also das Haupt des Christusleibes, als Preis dahingegeben hat, um die Sünde des ganzen Kosmos wegzutragen, so sieht er auch die Glieder des Christusleibes als den “Preis” an, durch den er die Vollendung der Neuschöpfung macht. Denn in allen unseren Leiden leidet er mit, und Paulus bezeichnet unsere Leiden als Gnade: “Es ist euch in Gnaden gewährt, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden.” In diesem Aspekt sind wir aus der Sicht unseres Gottes auch noch “Opfer”.

Zum tieferen Verständnis des zuletzt Bezeugten werfen wir noch einmal einen Blick auf das natürliche Geschehen in der Josephsgeschichte (1. Mose die Kapitel 37 bis 45), wo dieser Grundgedanke auch zu erkennen ist.

Wir haben gesehen, dass nur die beiden letzten Söhne des Vaters Jakob aus dem Mutterschoss der Frau gekommen sind, die Jakob aus Liebe erwählt hat. Dass Joseph als Erstgeborener Christus darstellt, dem Geiste nach, ist klar. So ist auch der Apostel Paulus dem Geiste nach aus dem gleichen Mutterschoss Gottes, des Vaters, geboren worden, und darin ist er wieder Muster für uns. Als der Vater Jakob seinen Sohn Joseph zu seinen zehn Brüdern schickte, um nach deren Wohl zu sehen, war Benjamin als einziger noch beim Vater zuhause. Nachdem dann die Brüder den Joseph nach Ägypten verkauft hatten, war Benjamin der einzige Trost für den Vater Jakob. Später trieb die Hungersnot die zehn Brüder nach Ägypten, Benjamin durfte selbstverständlich nicht mit. Der hohe Herr in Ägypten, Joseph, forschte genau nach ihrem Familienverhältnis: “Habt ihr noch einen Bruder, lebt euer Vater noch?” Ihre Antworten entsprachen der Wahrheit. In verzweifelter Lage dieser zehn Männer macht der hohe Herr in Ägypten zur Bedingung, dass sie sein Angesicht nur wiedersehen dürfen, wenn sie diesen jüngsten Bruder als Zeugen der Richtigkeit ihrer Aussagen mitbringen. Was es dann den Vater Jakob kostete, den Benjamin mitzugeben, ist deutlich beschrieben. Wieder dürfen sie von Ägypten nachhause zurückkehren, wieder sind ihre Säcke mit Getreide und ihrem Geld gefüllt, aber im Sack des Benjamin befindet sich “der Kelch des Joseph, aus dem er zu trinken und zu weissagen pflegt.” Ist es da schwer an das Wort des Apostels Paulus zu denken: “Der Kelch der Segnung, den wir segnen, ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes des Christus?” Und in der Josephsgeschichte fällt deutlich noch auf, dass alle vorkommenden Personen, außer Benjamin, selbständig redende, wollende und handelnde Akteure sind. Als einziger ist Benjamin völlig passiv. Er kommt nicht ein einziges Mal zu Wort, wird nie gefragt, muss das machen, jenes darf er nicht, wird von allen nur gebraucht, ohne dass es je um ihn selbst ginge. In dem Sinne ist er aller Opfer.

Wenn Joseph den Benjamin zuerst mit den Worten begrüßt: “Gott sei dir gnädig, mein Sohn!”, dann ist in diesen Worten keimhaft schon das Evangelium der Gnade Gottes vorhanden, das später dem Apostel Paulus übergeben wurde. Und wenn Joseph dem Benjamin das Fünffache an Speise auftragen lässt gegenüber den zehn Brüdern und wenn er ihm fünf Feierkleider schenkt gegenüber den Brüdern je nur eines, dann ist schon im voraus die Belohnung zu erkennen, weil der große Sohn des Benjamin, der Apostel Paulus, fünf Mal vierzig Streiche weniger einen zugeteilt bekam. Denn Leiden bewirken uns Herrlichkeit, wie Paulus in Röm. 8, 17 sagt: “… wenn wir nämlich mit-leiden, auf dass wir auch mit-verherrlicht werden.”

Mit all dem bisher Bezeugten stimmt das Wort des Apostels Paulus aus 2. Kor. 1, 20 überein, dass “alle Verheißungen Gottes, die in Christus Jesus ‘Ja und Amen’ sind, Gott zur Verherrlichung ausgeführt werden durch uns.” Mit anderen Worten, durch uns lässt Gott “die Tore der Vollendung” für seine Schöpfung einhängen. Darüber dürfen wir uns wahrhaft freuen und wir dürfen dabei lernen: “Jetzt (nachdem ich den tieferen Sinn verstanden habe) freue ich mich in meinen Leiden …!”

(Quelle: “Aus Gottes Fülle”; Schriftenreihe)

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